Sonntag, 31. Dezember 2023

Hirn.

 Antiintellektualismus ist eine der stärksten Bedrohungen der Theologie von innen. Man darf sich Sorgen machen, wenn man sich auf Schleiermacher beruft, um Religion auf „Gefühl“ zu gründen. Es ist eine bittere Ironie, wenn ausgerechnet der grösste Intellektuelle seit Thomas von Aquin dafür herhalten muss, „Dogmatik“ abzulehnen und schlichteste Hermeneutik auf Gymnasialniveau 10. Klasse zu betreiben, Argumente sinnlos anzuhäufen und subtilere Denkoperationen unter Hinweis auf irgendwelche moralischen Missstände, deren „Behebung nun Priorität habe“ und das sei doch alles Kopfwichserei, abgewürgt werden. Nun. Wenn die Theologie so dumm wird, wie viele denken, dass sie sei, wird sie noch viel dümmer. 

Kunstscham

 Durch die Relektüre von Dr.Faustus reaktiviere ich gerade meine Liebe zur zweiten Wiener Schule…eine Geschichte dazu: 

Wir hatten einen ausgezeichneten Musikunterricht bei einem Lehrer, der, wie ich später erfuhr, Profibratschist im Breslauer Symphonieorchester (Der „Schlesischen Philharmonie“) war - leider auch ein ziemlicher Kauz von etwas verwachsener Gestalt, der im kleinstädtischen Mileu der Spielmannszüge und dilettierender Lehrerorchester ein ausgesprochener Vogel war. 

Ausführlich behandelten wir in Stufe 13,1 die Musik der Gegenwart, und das hiess z.B. auch Mauricio Kagel und die musique concrete (übrigens auch Musik aus dem IRCAM, Boulez, Stockhausen - und Kraftwerk!).). Bei der Vorführung dieser Klangwelten war ich wirklich verzückt…ein Mitschüler rühmte sich dann in der Pause, er habe während der Vorführung dieser Musik (Acustica, Kagel) mehrfach gerülpst (was stimmte), der „Galdi“ (Spitzname des Lehrer) habe es nicht bemerkt (was nicht stimmte) und wohl gedacht, es sei Teil dieser „Musik“ (was gnadenlos dumm und respektlos war).

Ich war davon auf mehreren Ebenen zugleich geniert und verletzt („Fremdschämen“ und „cringe“ waren unbekannt), dass ich mir schwor, meine Kunst- und vor allem Musikliebe vor allen anderen Dingen zu schützen und zu verbergen, um nicht an einer besonders empfindlichen Stelle verletzt zu werden. Mein Theologiestudium und später meine Arbeit im eher spiessig-banausischen Milieu bestätigte mich sehr darin. Nur einige Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker durften da hineinblicken. Und das waren sehr besondere Momente. Jetzt, vierzig Jahre später, unter der Dominanz der Popmusik (die damals 1980 ihren Siegeszug erst begann), erscheint mir das als eine sehr gute Strategie, tatsächlich ist diese Liebe bisher noch nicht betatscht worden von irgendwelchen ahnungslosen Schwadronören und Kunstwächtern (deren lächerlichsten Clowns die sind, für die „Musikgeschichte nach Mozart oder Bach quasi aufhört“, also gar nicht irgendwelche Ahnungslosen aus dem Popmilieu!). 


https://youtu.be/hQiOvI_tQmc?si=-7w7CS2SfTdiT8iN

Nüchterne Sehnsucht

Die humane Aufrichtigkeit der Barocktheologie - bei gleichzeitiger intellektueller Brillanz - verblüfft und berührt mich immer wieder, auch in der poetischen Gestalt von Oratorien- und Kantetentexten. Ich glaube schon, dass uns da unter den „religiösen“ Verflachungen der sog. Aufklärung (sofern sie ein bloßes Optimierungsvorhaben war), einiges verloren gegangen ist. Bach, Weihnachtsratorium 3. 

10. Choral

Flauto traverso I/II in octava e Oboe I/II e Violino I col Soprano, Violino II coll' Alto, Viola col Tenore, Organo, Continuo
Ich will dich mit Fleiß bewahren,
Ich will dir
Leben hier,
Dir will ich abfahren,
Mit dir will ich endlich schweben
Voller Freud
Ohne Zeit
Dort im andern Leben.
 


 Und wer jetzt mit „…aber Brockes!“ kommt, dem sei gesagt: dilettantischen Kitsch gab es gerade in der Theologie und mehr noch in der Kirche immer. 

Unpopular Opinion

 Ich halte den Bundeskanzler Olaf Scholz für einen Glücksfall der deutschen Politik. Langsamkeit, Besonnenheit, Zähigkeit, die Föhigkeit, andere machen zu lassen und einen Hauch Verschlagenheit gepaart mit hanseatischer Weltläufigkeit - das ist für krakeelige Stammtisch-und Boulevardpolitiker natürlich ein rotes Tuch. 

Samstag, 30. Dezember 2023

Hafenrundfahrt

 Drei „Yachten“ (grösser als die größten Segelschiffe jemals waren) und einige Autotransportschiffe, schwimmende Gebirge für 8000 Fahrzeuge. Summa: Reichtum ist immer pervers und obszön. 

Klimahaus

 Ich war im Klimahaus in Bremerhaven. Ich sage mal so:  Eine gigantische Moralmaschine im Eventformat. Dieses Museum ist Teil des Problems, für das es sensibilisiren will: Umweltverschmutzung, wie es in meiner Jugend noch (verharmlosend, wie wir wissen) hiess. Alles too much. Downsizing - die einzige Strategie, die uns helfen kann, die schlimmsten Auswirkungen des Verbrechens an der kommenden Generation einigermaßen zu dämpfen, sieht anders aus. Ein furchtbares Museum. Leute mit ADHS oder einer durchschnittlichen Lärm-Geruchs- und Menschen- belastungsgrenze seien gewarnt. 

Das Uralte

 Sloterdijk formuliert (in einem völlig anderen Zusammenhang) eine der übelsten Fallen, in die gerade in der Kirche gerne Menschen fallen, denen historisches oder kontextuelles Denken eher fremd ist (wenn nicht das Denken überhaupt): „Was wir gür ur-uralt halten wurde in der Regel gestern konfektioniert und liegt jetzt im den Vitrinen der Antike-Läden als Fund aus der Archaik“.  Ein Effekt, der auch invented traditions begleitet. Hier aufklärend zu wirken ist eine der elementaren Aufgaben von Theologie in der Kirche (gewesen). 

Silvester

 Gott sei Dank ist Silvester ein heidnisches Fest. Ich muss nicht bis 24:00 Uhr aufbleiben. 

Gespinst

 „Text“ ist letztlich ein Lehnwort, wenn nicht gar ein Fremdwort. Seltsam, dass es da gar kein eigenes germanisches Wort für gibt. Das wäre ja wohl „Geraune“ (von Runen). (Eine inzwischen inhaltliche Beschreibung von etwas Technischemd die das Material der Texterstellung nutz: die Runen, eine Bevorzugung der Schrift).

 Ich übersetzte textus gern: „Gespinst“. Das ist sogar subtiler als Textus: Gewebe.  Das Gewebe besteht aus vielen Fäden, Kette und Schuss als elementare duale Struktur, die leicht zu hierarchischen Spekulatuionen verführt („Grammatik und Bedeutung“, Signifikat/Signifikant, Subjekt/Objekt etc.). Gespinste sind aus einem mit sich selbst verschlungenem Faden gewirkt - durch Spinnen.  


Wikipedia dazu: Gespinst bezeichnet:

  • Spinnennetz, eine von Webspinnen und Gliederspinnen hergestellte Konstruktion, die vorwiegend dem Beutefang dient
  • Kokon, Gehäuse der Larven verschiedener Insekten, insbesondere von Schmetterlingsraupen auch großflächig, zur Verpuppung
  • Garn, das in der Textilindustrie im Endlosverfahren hergestellt wird
  • Vliesstoff, altertümlicher Ausdruck


Freitag, 29. Dezember 2023

Schopenhauer revisited

 „Die Welt als Wille und Vorstellung“ war das erste philosophische Gesamtwerk, das ich las, mit 18.  Spüre ich jetzt die Fern- und Anfangswirkung? Die grosse Philosophie des Verzichts, „für die Moderne das schwierigste Wort der Welt (Sloterdijk) - aber das einzige, was sie retten kann, Verzicht vor allem auf schlechte Metaphysik spukhafter Präsenzen? Schopenhauer als Erzieher, schrieb der ungehosame Schüler, dessen Zarathustra die nächste Lektüre war…

Alter

 Kummer, Schmerz, Krankheit: nehme ich hin. Aber ein alter Trottel zu werden (von denen wir immer reichlicher umgebebn sind) - das ist mein Horror. 

Weltverachtung

Von 2011.  Damals habe ich den Post nicht freigeschaltet. 

Es war immer ein Merkmal des Christentumes, dass es zur Welt, wie sie ist, in Distanz stand: weil es die gefallene Schöpfung ist, die wir wahrnehmen und sehen. Die andere, die ursprünglich geschaffene, gute, sehr gute Welt ist uns völlig entzogen: Nur der Schatten einer Erinnerung, die im Mythos transportiert wird, als alte Mär und Kunde vom Paradiese, in dem Frieden herrschte und der Tod nicht wahr. Aus diesem Schatten speist sich die Hoffnung: nicht auf das alte Paradies, sondern auf das Neue, das Bessere, das himmlische Jerusalem- nicht ein Garten elementarer Lebensfreude, sondern der Inbegriff der Kultur, die Stadt, wird zum Ideal. Zwischen Paradies und himmlischem Jerusalem aber liegt die Welt, wie sie ist. Jammertal, Elendsort (heißt "Elende" doch: die Fremde). Der Ort des Todes, und schon daher kein guter Ort, einer, der zu verlassen ist. Und doch eben nun gerade der Ort des Lebens, das Kraft und Energie gerade daraus erfährt, dass es vergänglich ist - aber eben zugleich auch Kummer und Leid.
Die Welt, wie sie ist, ist nicht die von Gott gemeinte. Aber es die von Gott geliebte. Darum haben wir kein Recht, sie zu verachten, sondern die Pflicht (!) sie zu lieben. Darum haben wir kein Recht, ihren Untergang zu wünschen oder zu beschleunigen oder auch nur einfach laufen zu lassen, aber wir dürfen uns gleichwohl auf das Neue, Andere, Bessere freuen.
Die Welt, wie sie ist, ist ein Ort, den man gerne verlassen möchte, wenn nicht das Heimweh so groß wäre nach den Orten der ersten Erfahrung von Welt. Darum allein lieben wir sie schon, aber immer doch in Gestalt des Vertrauten und Bekannten. Doch auch das ist nur Spur der Erinnerung, und jeder weiß, was für unerträglich dämlicher Kitsch gerade über die Heimat erzählt wird.
Unsere Heimat ist im Himmel: Auf der Erde wohnend und lebend sind wir in der Fremde. Wir sind die Aliens, um unseretwillen stöhnt die ganze Schöpfung. Das Ebenbild Gottes waren wir einmal: als wir die Namensgeber und Friedensgäetner waren. Jetzt sind wir doch nur seine Karikatur, ein Zerrbild. Einzig in Christus ist das Ebenbild noch sichtbar: und es ist das Bild eines tief leidenden, an seinem Geschöpf um dessen Freiheit willen leidenden Gottes, dessen Schwäche kaum zu ertragen ist und als Stärke nicht einleuchten will. Und doch ist es gerade diese Schwäche, die den Vater Jesu Chrisit, den Spender des Geistes, so liebenswert macht und verehrungswürdig: weil er kein alter, sentimentaler Trottel ist, sondern weil er den einzigen Weg gefunden hat, die Welt, wie ist sein zu lassen und doch zu verändern,ohne Katastrophe, ohne Gewalt: durch machtvolles Dulden. Dass er damit den Hass der Welt auf sich zieht, versteht sich - und allemal den Hass der Frommen, die meinen, sie wüssten, wie die Welt zu sein habe, die von einem starken Gott träumen, der aber nur der Popanz ihrer eigenen Schwäche ist. Nietzsche hat völlig recht: der metaphyisch rachsüchtige "am Ende wird abgerechnet"-Gott ist eine widerliche Ausgeburt lebensschwacher Kindsköpfe; kleinkarierte Rachefantasien, als Liebesgericht schmackhaft gemacht und umbenannt.
Der Glaube macht Ernst damit, dass Gottes Schwäche seine Stärke ist und dass er, weil er Gott ist, und eben nicht Mensch, die Welt, wie sie ist, dieWelt sein lassen muss, die sie ist. Aber unser Herz, das kann er ändern. Und darum gehts-- das ist die Tür zum himmlischen Jerusalem, die allen (!) offensteht: der Glaube an die unverbrüchliche Güte Gottes angesichts einer Welt, von der man lieber heute als morgen möchte, dass es zu Ende geht.

Und wen dieser letzte Satz ärgert, der ist der Aufklärung auf den Leim gegangen und dem, was sie aus dem Glauben gemacht hat: Die religiöse Soße auf dem sogenannten "Optimismus", der eigentlich besserer "Optimierungs-Faschismus" heißen sollte. Und jetzt, wo langsam auch die letzten aufwachen und verwundert sich in der Wüste umschauen, die sie bisher für eine milde Aue hielten, geht dieses Christentum mitsamt dem "Optimismus" der Aufklärung dahin, woher sie gekommen sind: Zum Teufel.
Ich bin nur gespannt, ob der Glaube die Kraft haben wird, den Untergang dieses Christentumes zu überleben (hier bei uns, meine ich, anderswo hat man nie vergessen, was der Glaube von der Welt zu halten hat). Mit Eiapopeia, Kulturschickimickitum, Bildungsgetue und esoterischem Gefasel jedenfalls nicht, noch weniger aber mit fundamentalistischer Verkniffenheit und ängstlichem Festhalten an der sog. Tradition.  Es wird nur mit einer Theologie und einer Verkündigung gelingen, die die alten Geschichten so erzählt, dass ihre Wahrheit leuchtend im Raum steht, nicht als Behauptung, sondern als Erfahrung, die aller weltlichen Erfahrung nun gerade wiederspricht. Daran wird man sie erkennen: dass sie der Welt fröhlich ihr Ende vor Augen hält, um des Lebens jetzt willen.

Engagement

 Mancher muss tatenlos zuschauen, manche talentlos zuschauen. Bedenklich aber sind, die tatenlos oder talentlos mitmachen. 

Archiv

 „Wo Leidenschaft war, ist Archiv geworden“. Gelegentlich haut Sloterdijk Sätze raus, die zutiefst in mit resonieren, weil ich schon lange mit den verwendeten Begriffen hantiere, sie aber noch nicht zusammengebracht habe. Seltsame Denkverwandschaft. (Sloterdijk, Philosophische Temeperamente, 59)

Kulturpessimist

 Adornos Schnöselhaftigkeit hat mich immer so abgestossen, dass ich seiner Rede von der Kulturindustrie immer misstraute. Zu Unrecht, wie ich allmählich begreife. Von der Popkultur, die wegen ihres Bezuges zur „Masse“ notwendig einen totalitären, wenn nicht gar faschistoiden Zug hat, ist keine Innovation zu erwarten. Und auch die „Indipendent-Kultur“ lebt ja, als Alternative, von ihr, was sie trivial macht (nicht unbedingt banal - ich sage nicht, dass es schlechte Kunst ist). Wirkliche Impulse kommen tatsächlich nur aus der sog. „Hochkultur“ (ein sehr deutsches, sehr ressentimentgeladenes Wort), will meinen, aus einer Kunst, die nur als Kunst exisitiert. So wie die meisten technischen Innovationen dort entstehen, wo Technik um ihrer selbst willen betrieben wird: „Weil wir es können“. Imsofern bin ich kein „Kulturpessimist“, wenn ich immer wieder lakonsich feststelle, dass mich die Popkultur einfach kalt lässt, bei aller Bewunderung eines Genies wie Lady Gaga oder Carl Barks. 

Purpose

 „Mein Dienst ist lächerlich und kläglich leicht […] ich weiß nicht wofür ich das Geld bekomme.“ Franz Kafka. Feel him. 

QM

 Das System, das ich (zusammen mit einer Kollegin) auf Wunsch einiger Mitarbeitender entwickelt habe, um auf der Basis kollegialer Beratung eine Art Qualitätssicherung zu erreichen, bewirkte die Etablierung eines gepflegt langweiligen Mittelmaßes. Die exponierten und profilierten Mitarbeitenden stiegen sofort aus. 

Manchmal lernt man es auf die harte Tour. Es schmerzt bis heute. 

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Digitalwüste

 Was Urlaube in Deutschland ja auch teuer macht: es gibt nirgends wirklich gutes WLAN….und Nachkaufen ist kostspielig. Und ich rede nicht von entlegenen Winkel in der Eifel. Ich bin im zentralen Shoppingcenter einer Großstadt. 

Doppelte Klemme

 Sich als Theologe der Digitalisierung verschreiben: Anleitung zum Unglücklichsein im Doppelpack. Beide agieren mit der offensichtlich unbegreiflich metaphysischem Verwandlung, von der alle reden, aber die niemand will. Technik bzw. Technologie tritt an die Stelle des Schicksals, und Theologie wird bloße Deko. Doch was tritt an ihre Stelle? Kybernetik? 

Noch nicht

 Ich bewundere ja zutiefst die Menschen, die im „hier und jetzt“ schon Reich Gottes erkennen können. Offensichtlich gibt es so etwas wie einen religiösen sechsten Sinn, eine Art mentalem Infrarotblick für das Jenseits im Hierseits. Ich hingegen bleibe angewiesen auf eine Hoffnung, die auf Hörensagen beruht. Zumindest das Neue Testament habe ich da auf meiner Seite: seine Spur. 

Avanti dilettanti

 Bei keiner Kunst ist die Pseudoexpertise und Expertenhaltung  der Auskenner so erheiternd, wie bei der Musik. Woran mag das liegen? Weil das Ohr sich so schnell zufrieden gibt, dass Menschen gar nicht auf die Idee kommen, da könne noch mehr sein, als das, was sie zu hören meinen? Das würde ein starkes Licht auf die Theologie werfen, als Kunstlehre betrachtet. 

Festina lente.

 Unter einem ontologischen Gesichtspunkt sind Drängler eigentlich die seinsfernsten  Menschen. Lächerlich, nervig und Akteure pure Vergeblichkeit.   

Mittwoch, 27. Dezember 2023

Krücken

 All die vielen „praktischen Apps“, die so angeboten werden, zeigen, dass offensichtlich der grösste Teil der Menschen, die einen Computer nutzen, damit nicht umgehen können und das System nicht kennen. Nicht in  digitale Bindung zu investieren ist halt im Effekt sehr teuer. 

Dienstag, 26. Dezember 2023

Eskapismus

 Ich spiele seit ein paar Tagen wieder mal ein Rollenspiel - Baldurs Gate 3 -, und es ist faszinierend, wie mein Avatar, eine Zwergendruidin, mir immer ähnlicher wird, meine neutral gute Haltung bringt sie in genau die Situationen, die ich auch im real life gut kenne. Man  entkommt sich nicht. 

Christliches mindset

 Glaube heisst getroster Pessimismus, nicht gedämpfter Optimismus: „Alles wird gut: nur nicht hier und heute“. 

Selbstverfehlung

 Sloterdijk spricht von der „untherapierbaren Doppelmoral, vortechnisch zu denken und technisch zu leben”. (Nicht gerettet, 364). Mein Kummer mit der Theologie auf den Begriff gebracht. 

Montag, 25. Dezember 2023

Challenge

 Der Schöpfer des Universums in Windeln. Ich finde das seit je eine größere kognitive und emotionale, also theologische, Herausforderung als das Kreuz. 

Alterskummer

 Dass ich (vor allem seit meinem Zusammenbruch) im Beruf nicht mehr so leistungsfähig und belastbar bin, kann ich hinnehmen, dass das aber auch für Hobby und Familie gilt, ist mühsam. Es ist schwierig, die Zeit auskaufen, wenn das Sofa ständig seine Stimme erhebt. 

Maschine

 Die Maschine ist der Motor, von dessen Schnurren die Theologie wie von einem Tinnitus genervt wird. Durch die Digitalisierung wird das jetzt für alle hörbar. Nicht „der Wissenschaftler“ bringt die Theologie ins Schleudern - damit kann man, durch Simulation von Wissenschaft - gut leben. Es ist der Ingenieur, und mehr noch die Ingenieurin, die mit jeder Maschine Gott eine ontologische Frage stellt - zumindest aber den Menschen. Maschinen nur als ethische Herausforderung zu sehen: das macht sie nervig. Denn in Wahrheit sind sie entfaltete gefallene Schöpfung, Paradiesannäherungen. Die Maschine organisiert eine Gnade  mittlerer Reichweite. Wir fliegen zwar nicht wie die Engel - aber wir fliegen! 

Dumm

 Die Niederlage der Theologie begann, als sie die (emprisch-mathematische) Wissenschaft zur Feindin erklärte und sich damit selbst zur Feindin machte. Sehr töricht, sehr hochmütig, sehr teuer. Von Gott wird kaum noch gesprochen, aber mit jedem Umlegen eines Lichtschalters wird er bewiesen. Dumm gelaufen. 

Einsicht

 Lesen hilft. Eben hat Peter Sloterdijk eine meiner Lieblingsthesen zerlegt - damit ist auch das Buchprojekt gestorben, das ich seit Corona mit mir herumtrage ( über „Nüchternheit“). Und seltsam: obwohl eine meiner Basisüberzeugungen gerade als ziemlich falsch entlarvt wurde (sie ist naiv und unterkomplex)spüre ich eine gewisse Erleichterung - sls habe ich es geahnt. „Wer dekonstruktive Aufklärung nur rezipiert, wird reiner Patient”.

Sloterdijk, Nach Heidegger, 346).

Propaganda

 Ich habe gestern eine sehr schlichte Predigt gehalten, die nichts anderes machte, als den biblischen Text zu erklären und zu entfalten. Die Reaktionen zeigten: ich glaube, dass die Homiletik in vielen Punkten im Modus der permanenten Übertreibung und der artifizialität steckt.  Die „Predigtidee“, entwickelt am Gespenst einer Hörerin, eines Hörers, steht im Mittelpunkt - d.h. der biblische Text wird instrumentalisiert antstatt entfaltet. Ich bin oft sehr erstaunt, was ich in diversen Predigtforen so mitbekomme, wie sich Kolleginnen und Kollegen mit dem Predigteinfall herumplagen. Vielleicht verstehe ich da auch etwas falsch - aber wer nach einem „aktuellen Bezug“ sucht, hat ein sehr merkwürdiges Verständnis davon, was ein Text sei (also z.B. ein Container von Botschaften). Und die meisten Predigten, die ich lese, setzen viel zu viel voraus. Möglicherweise liegt hier sogar das Problem. Das macht für mich ja auch viele exegetische Bemühungen fast unlesbar. 

 Ich stelle fest: die schlichte erklärende Auslegung des Textes fasst Menschen an.  

So jedenfalls höre ich Sätze wie: Es ist schön, einen Bibeltext einfach mal erklärt zu bekommen. Oder: so habe ich das noch nie gesehen. Oder: was da alles drin steckt…der clou ist: es hat in der Vorbereitung eine große Leichtigkeit, weil ich exakt genau das tue, was ich gelernt habe: Texte auslegen. Wenn Menschen das erkennen, darf es auch mal schiefgehen - man hat auch mal schlechte Tage im Job. 



(Natürlich geht es nicht um exegetische Vorlesungen, Schatzi, sondern um homiletische explicatio et applicatio. Du musst den Text natürlich verstanden haben und vor allem dein Verstehen verstanden haben. Klugheit kann man nämlich simulieren, eine gute Rede, die aus Herz und Verstand kommt, nicht. Das homiletische Trainingsprogramm lautet: lesen, lesen und noch mehr lesen. Und zwar so vielerlei wie möglich, multum, nicht multa)  

Sonntag, 24. Dezember 2023

Irrtum

 Nur wer von Kunst keine Ahnung hat denkt, er habe Ahnung von Kunst.  

Weihnachten

 Dies ist die Nacht der tausend Häresien, deren schlimmste ist, keine sein zu wollen. 

Dies ist die Nacht, wo reine Lehre reine Leere ist, weil ER die Fülle ist. 

Dies ist die Nacht der grössten Versuchung: opium fürs Volk zu sein. 

Samstag, 23. Dezember 2023

Atfent

 Jedesmal, wenn eine Pfarrerin, ein Pfarrer „vorweihnachtlich“ sagt, bleibt eine Seele im Fegefeuer. 

Hyperbel

 Nicht der Hochmut ist die Sünde der Moderne, sondern die Übertreibung. Eine so unvorstellbare Sünde, das sie in der biblischen Tradition nicht vorkommt und darum von einer Theologie, die sich nicht selbst mit den Augen eines anderen gesehen hat, nichtvgesehen wurde. Was die Theologie, z.B. mit ihrem Wahrheitsanspruch, selbst zur Akteurin der modernen Übertreibung machte. Weswegen ihr nun, da alle erschöpft sind, auch übertriebene Verachtuentgegenschlägt. Das Loblied der mittleren Temperatur kann sie nicht singen. 

Dissimulation

 Um Quintillians süffisante These aufzunehmen: ein guter Theologe, eine gute Theologin zu sein, kann man sehr erfolgreich simulieren. Ein guter Redner, eine gute Rednerin zu sein, nicht. 

Kritsch

 Der Kitsch der sog. „kritischen Haltung“ ist noch krasser als der Kitsch, der das Bestehende verklärt - weil er eine doppelte Lüge privilegierter Wohlstandsmenschen ist. Für die Theologie absolut toxisch: sie wird unter dem Druck des kritschen Kitsch (Kritsch) zur dümmlichen Moralmaschine, die automatisch (aka: ritualisiert)  „kritische“ Positionen  auswirft, um ja nicht in den Verdacht dessen zu geraten, was in Wahrheit der Fall ist: ins Bestehen verliebt zu sein. Wer nach „Reformen“ schreit, will erhalten. 

Pein

 Die evolutionäre Funktion von Intelligenz und Vernunft ist es, Schmerz vorauszusehen und ihn zu vermeiden. Darum ist sie auf den Schmerz fixiert, dessen Vermeidungswahrscheinlichkeit Hoffnung genannt wird. Glaube (nicht „Religion“) hat eine genetische Herkunft. In einer Welt, in der Svmchmerzbedrohungen nicht mehr unmittelbar und instantan sind -oder besser gesagt: unwahrscheinlich - geht dieses Verhaltenspotential auf abstraktere Dinge: der Ursprung der Apokalyptik. Deren Merkmal ist es, auf fingierte Schmerzereignisse fixiert zu sein - anstatt auf den immer noch vorhandenen, realen Schmerz zu schauen. Je lauter das apokalyptische Geschrei, um so weniger reale Pein. Darum ist sie unvernünftig. 

Freitag, 22. Dezember 2023

Heiliger Zorn

 Weihnachten - die Zeit der passiv-agressiven Publikumsbeschimpfung und des elitären Kundendiss. 

Säkulare theologie

 Je krasser man Singularitäten denkt, umso theologischer wirds. Am Ende sind Singularitäten ohne einen Schöpfungsakt gar nicht denkbar. Die Beiseite-Schiebung der Theologie in einer sich selbst als gottlos verstehen wollenden multidiversen Welt liefert sie einer unkontrollierbaren Theologie aus, die meist als unglaublich naiver Messianismus der Ausrottung in Erscheinung tritt, die Erlösung wird zur Endlösung. 

Essenz

 Meine Sätze werden immer kürzer, weil die Texte dahinter immer länger werden. 

Dr Faustus

 Die Relektüre von Dr. Faustus nach 40 Jahren ist eine sehr besondere Begegnung. Seltsam, dass ich den Musiker Adrian Leberkühn noch stark vor Augen hatte, aber den Theologen völlig verdrängte. Dabei sah Thomas Mann 1947 klarer als viele Theologen heute sich zugestehen. Und: Thomas Manns warmer Intellektueller Konservativismus macht noch einmal deutlich, wie ideologisch heruntergekommen der (neoliberale - kulturchristliche) Konservativismus ist. Gruselig. 

Weiter Weg

„Wie geht hier tanken und wo ist der verdammte Tankstutzen?“ 

- „Sie fahren ein E-Auto…“

Digitalisierung in Deutschland, Mentalstatus. 

Donnerstag, 21. Dezember 2023

Momentum

 Ich komme immer mehr zu der Vorstellung, dass die historische Aufgabe der Kirche, wie wir sie kennen, erledigt ist. Das Evangelium ist wirklich bis in den letzten Winkel der Erde und sogar bis an den Mond gekommen, es hat mit dem Sozial- und Rechtsstaat die adäquateste und humanste Staatsform entwickelt und mit den Menschenrechten maximale ethische-juristische Standards gesetzt. Was also soll die verfasste, hierarchisch-verwaltungsförmige Kirche noch? Die katholische Kirche ist ein totalitärer Atavismus, die evangelische Kirche eine Art religiöser Heimatverein. 

Aber was folgt? Das Evangelium muss ja weiter verkündigt werden…

Mittwoch, 20. Dezember 2023

Askese

 Mit wenig glücklich sein kann nur, wer viel hat. 

Leserbriefe

 Leserbriefe dokumentieren eine Chuzpe, die mir völlig abgeht: so zu tun, als habe man als einziger etwas bemerkt. Grosse Fremdscham, immer. 

Montag, 18. Dezember 2023

Kritische Theorie

 Empörung ist nicht der Anfang der Kritik, sondern ihr Ende. Kommt sie da an, ist sie erledigt. Die Empörung ist der Bastard der Kritik, der sichtbar macht, womit es die Kritik trieb: mit dem Ego. 

Erbsünde

 Die eiskalte Zugluft Luhmanns mit ihrem bissigen Humor ist tausendmal theologieaffiner als die moralsüffigen warmen Fürze Hartmut Rosas.  


(Schleiermacher findet das gut). 

Kriegslogik

 Remember: nicht die Nazis, sondern die Allierten traf der Hass in Deutschland nach 1945. 

Habermas

 Ich bin immer aufs Neue erstaunt, wir simpel der Grundgedanke der Habermasschen Philosophie, es muss schlimm um Deutschland stehen, wenn man um einfache Höflichkeitsregeln (hör zu, lass ausreden, halte dich nicht für klüger, bleib zugewandt) zu so einen gigantischen Apparat aufblähen muss. Das ist aber womöglich gerade das Geniale daran. 

Sonntag, 17. Dezember 2023

Vorsatz

 Mir reichts! Ich nehme keine Rücksicht mehr!

- „Dann montiere zuerst die Rückspiegel in deinem Auto ab!“ 

Elite-Scham

 Das Problem der Demokratie heisst Elite. Ohne geht nicht, mit soll nicht. 

Samstag, 16. Dezember 2023

Exultate!!!

 Eben im Konzert, Saint-Saens, Weihnachtsoratorium, Hirtenszene habe ich wieder einmal gespürt, wie dankbar ich dafür bin, Latein gelernt zu haben. Es überrascht mich immer wieder selbst. Allein ein Verb wie „Exultate“ und die sammelnde Kraft des Ablatives…..so eine stille Nerd-ecke ist ein ganz eigenes Kraftzentrum 

Vorpubertär

 Die Grenze zwischen kindlich und kindisch: sollte sich  an ihr das Schicksal unserer Gesellschaft entscheiden? Bei Kirche ist es jedenfalls so. Und es sieht nicht gut aus. 

Posten

 Ich hatte gestern eine schöne Idee für ein Posting, kann mich daran aber nicht mehr erinnern, also poste ich, dass ich mich an das Posting nicht erinnern kann, das war nämlich die Idee. 

Konservativ

Effekt des neoliberalen Rechtsrucks: Links-sein ist so altmodisch geworden, dass man wie ein Konservativer wirkt. Und für Konservative gibt es eigentlich nur ein radikal modernes Wort: lost. 

Freitag, 15. Dezember 2023

Verlogen

 Dass Adam und Eva Adam und Eva im Namen Gottes verfluchen - das ist die Sünde. 

Singularitäten

 Wenn Gott der einzige grosse Einzige ist - dann ist die „Gesellschaft der Singularitäten“ die „religiöseste“ Gesellschaft, die es je gab. Der Leib ist dann nicht mehr Tempel, sondern verottendes Gottesfleisch. Da erscheint einem noch der übelste Wüstenvater als wahrer Menschenfreund, er gönnte dem Menschen wenigstens noch die Sünde. 

Ethikparadox

 Eine Ethik der engagierten Gelassenheit (Sloterdijk), vorgertragen mit Schaum vor dem Mund. 

Donnerstag, 14. Dezember 2023

Krasse Ironie

 Dass ausgerechnet das Amt, das die Demut predigt zugleich als Beruf wie kaum ein anderer Beruf den Narzissmus anfüttert und auf narzisstische Persönlichkeiten eine besondere Anziehungskraft ausübt, ist schon eine grosse Ironie. Und natürlich eine Veränderungsbremse wie kaum etwas sonst: beleidigte Leberwürste, gekränkte Sensibelchen, aus dem Schlaf gerissene Träumende und nicht zuletzt: lauter verkannte Genies. So wie ich. 

Feiner Unterschied

 Sarkasmus schützt vor Zynismus. Er ist so etwas wie warme Verachtung. Er zielt auf Veränderung. Er schneidet ins Fleisch, nicht ins Herz. Er ist der äusserte Rand des Guten, das letztmögliche Lächeln. 

Irrtum

 „Du kannst es doch auch, kann doch nicht so schwer sein!“

Die Ungerechtigkeit der Verteilung von Talenten und Begabungen ist mit am schwersten zu ertragen, und die Einsicht, für etwas, das man liebt, so unbegabt zu sein, dass auch die 10.000 Stunden Üben nicht helfen, kann sehr demütigend sein. Das macht Menschen, die das nicht akzeptieren, zu absolut traurigen Erscheinungen. 

Mittwoch, 13. Dezember 2023

Siechtum

 Wer mehr Angst vor der Ärztin hat als vor der Krankheit, endet im Siechtum und erleidet einen unnötig qualvollem Tod. Das ist nicht Karma und auch nicht Strafe, sondern Torheit.

Gilt auch für Organisationen. 

Krise

 Der Krisenmodus ist der natürliche Zustand des Glaubens. Und wie in der Politik führt auch hier Appeasement direkt in die Tyrannei der guten Absichten, die in die Katastrophe führt. Nicht die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Sondern die Inkompetenz gegenüber dem Wort Gottes. Wird daraus eine „Religion“, ein weltfrommer oder im simpler Spiegelung, weltverächtlicher Habitus, ist es schon geschehen: „man“ richtet sich ein in schwiemeliger Vertrauensseligkeit oder bitterem Hass auf alles Weiche und verpasst das Leben: Essen, Schlafen, Lieben, Bauen. 

Kindisch

 Möglicherweise ist die größte Gefahr für die Demokratie- die Infantilisierung. Bei der Kirche kann man das schön beobachten: der Sieg der PR über die Ernsthaftigkeit. 

Dienstag, 12. Dezember 2023

Böse

 Das Böse am Bösen ist, dass es von sich selbst behauptet, dass es gar nicht existiert. Dass Böse „böse“ zu nennen, kann also leicht selbst als eine eine böse Aktion erscheinen. 

Wie bei allen Dualismen hilft nur Metakommunikation.  Aber genau die gilt ja dann als böse: abgehoben, „kompliziert“, unauthentisch. Gegen „das Böse“ braucht es durchtrainierten morallosen Scharfsinn.  Denn „das Böse“ ist dumm und schillert in den verlockenden Farben der Einfachheit. 

Ästhetik

 Photoshop ist das Medium des Frauenhasses schlechthin. 

Glaube

 Als Kind bewunderte ich Gottes Macht. Als Erwachsener Gottes Gnade. Jetzt, alt geworden, Gottes Geduld. 

Montag, 11. Dezember 2023

Müde

 Ich habe mit vielem gerechnet. Sogar mit dem Atomkrieg. Dass ich am Ende meiner aktiven Zeit vor allem mit dem Zusammenbruch der öffentlichen Vernunft und einer schillernden Präsenz der schieren Dummheit konfrontiert sein werde, macht mich völlig ratlos. 

Weinerlich

 Am Sonntag habe ich über „O Heiland reiss die Himmel auf“ gepredigt, verknüpft mit den Lesungen des Tages, Jes. 35 und 63: „Christinnen und Christen sind immer im Krisenmodus - aber sie jammern nicht“.  Dabei stieg in mir ein Wort auf, das für mich gerade eine starke analytische Kraft entwickelt: Weinerlichkeit. 

Destiny

 Die Leichtigkeit, die mich ein Leben lang begleitete (mit ihrem dunklen Zwilling Melancholie) wird mir jetzt, im Alter, zum Verhängnis. Nichts fordert mich heraus, viel Langeweile, wo andere struggeln. Ausser perfekte Augen und Faltenwürfe auf meine Miniaturfiguren hinzubekommen, denn da bin ich ziemlich unbegabt und muss hart arbeiten. 

Schutz

 Ich traue mich nicht, Carl Schmitt zu lesen. Ich meine, wirklich zu lesen. Weil ich mir nicht traue. 

Sonntag, 10. Dezember 2023

Organisationaler Populismus.

 Wer sind die Akteure und wo liegt welche Entscheidungsmacht? Das ist inzwischen die alles entscheidende Frage. Deren Antwort so klar mitnichten ist, wie sie scheint. Zumal, wenn Mitglieder einer Orgsnisation die Organisation der Organisation nicht hinreichend genug kennen. Organisationen schützen sich vor Veränderungen durch Komplexität. Wir sind, scheint mir, im Partizipationsparadox gelandet. In solchen Situationen setzen sich Formen informeller Macht durch. Und das ist sehr bedenklich. „Die da oben“/„die da unten“ als Denkmodell befeuert dieses Problem, anstatt es zu lösen. Da genau hängen wir seit Jahren fest. Wenn z.B. Pfarrerinnen und Pfarrer sich erst für ihre Organisation als Organisation zu interessieren zu beginnen, wenn es an IHR Gehalt geht, oder Kirchenvorstände erst aufwachen, wenn es an IHRE Gebäude geht, haben wir ein massives Problem.  Organisationaler Populismus ist suizudal.

Verachtungsverachtung

 Wer Frauen verachtet, ist verachtenswert. 

Erstaunlich

 Seit mir kaum noch jemand zuhört, rede ich auch nicht mehr so viel, bzw. habe nicht mehr so einen Plapperzwang. . Verdacht: habe ich ein ganzes Leben lang nur für Publikum gequatscht?

Samstag, 9. Dezember 2023

Pfaffentum

 Ich bin immer noch überrascht, wie überrascht ich davon war, dass Pfarrerinnen und Pfarrer so ungebrochen und geradezu naiv simpelste Besitzstandswahrung betreiben. Wir werden keine „Reform“ hinbekommen.

Freitag, 8. Dezember 2023

Toxische Moderne

 „…das möge jeder für sich selbst entscheiden…“. Die Selbstsaufhebung des Diskurses. 

Leibniz

 Leibniz wäre nicht überrascht, dass es cookies gibt. Ihm ginge das mangelnde Verständnis für die Digitalität mächtig auf den Keks - die dümmste aller möglichen Welten. 

Donnerstag, 7. Dezember 2023

Doppeltrauer

 Trauerfeiern machen mich inzwischen doppelt traurig:, wenn sie traditionell mit viel kröftigem Gesang, geneinsamen Gebet und kollektiver Aufmerksamkeit begangen werden oder wenn die Schrumpf-und Rumpfformen der modernen Bestattung stattfinden - die eine, weil sie stirbt, die andere, weil sie tot ist. Wie kommen wir da raus?!

Natural Beauty

 Auf diversen Socialmedia-Kanälen und anderen orten, wo Celebrety-Schönheiten aller Art präsentiert werden, ist „Natural“ immer ein starkes Lob. Als ob Schönheitschirurgen nicht auch Teil der „Natur“ sind und deren Werke nicht auch Bewunderung verdient hätten, wenn sie denn „gelungen“ sind. Die Frage ist ja:  gibt es auch „natural“ Hässlichkeit? Der ganze Diskurs ist einfach nur schräg. Sexuelle Attraktivität - um beim Namen zu nennen, worum es geht, folgt anderen Mustern. Die Differenz natural/nicht-natural ist diffamierend, sonst nichts. 

Madonna

 Dass die Verwendung von Narrativen und ikonischen Zeichen für Transzendensbewältigung (aka „Religion“ ) nichts mit Glauben zu tun hat, hat niemand so deutlich verstanden wie Madonna. Sie hat die Kommerzialisierung von transzendenzbewältigung radikalisiert. Rezipiert wurde es genau andersherum: als „Spiel mit Symbolen“. Unzählige Religionsunterrichtsentwürfe gingen dem auf den Leim. 

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Morgenlektüre

 Nichts ist schöner, als eine Stunde Lektüre in der Stille der sterbenden Nacht.   Jeder Gedanke ein Sonnenaufgang. 

Tautologie

 Christliche Theologie ist Christologie. Das ist kein Postulat, das ist ein Axiom. Denn was soll Theologie anderes sein als argumentierende Selbstentfaltung der christlichen Glaubensweise - und also Weitersprechung der „Schrift“, mit sich Gott als Narrativ in die Narrative eingeschrieben hat? Das ist, was Menschen von christlicher Theologie erwarten. Wird diese Erwartung nicht erfüllt, wird Theologie irrelevant und Kirche für Glaubensfragen unzuständig. Nicht die Kirche verliert an „Relevanz“ (sonst wären die Mitglieder ja nicht mehr dabei), sondern das, was Kirche zu Kirche macht: der Glaube - vor allem dann, wenn er nur noch als dünne Explikation moralischer Standpunkte daherkommt, die sich genau so gut auch ohne Glauben begründen lassen. Theologie deutet die Welt von Christus her - sie verortet. Denn Ortlosigkeit ist das signum der Moderne - und ihre Wunde. Wo bin ich? Ist die Frage. In Christus ist die Antwort. Wer sie nur als Formel geben kann ist freilich verloren. Hier zeigt sich, dass Rahners Diktum, dass nur ein mystisches Christentum überleben wird, in seiner ganzen Trageweite - wenn man mystisch nicht mit mystriöse verwechselt. Und gemau dafür braucht es Theologie. Am ende ist sie schlicht das intellektuelle Bollwerk gegen den  esoterischen Mystizismus von Fundamentalismus und schwiemeliger Anthropologie. 

Theologieschwund

 Das für mich Bittere an der neuesten Kirchenmutgliedshadtsuntersuchung: die Leitfunktion von Theologie für die Kirche ist dahin. Es herrscht „religiöser“ Pragmatismus. Und gebau das macht Kirche uninteressant. Sie ist einfach nur eine locker mit unverstandenen Traditionen verbundene NGO. Für die meisten Aussenstehenden mit zuviel „G“, für viele Mitglieder, vor allem im professionellen Bereich, mit zuviel „O“. An diesem krassen Paradox, das zugleich eine starke kognitive Asymetrie zeigt, zerbricht Kirche gerade. Ihre eigenen Leute verstehen sie nicht. 

Dienstag, 5. Dezember 2023

Enlightenment

 Solange es Misogynie und Todesstrafe als Staatsraison gibt isr die „Aufklärung“ noch in den Anfängen und die Barbarei noch mitten unter uns. Alles andere ist Fassade. . 

Dekadenz

 Leute, die früher alles besser fanden, übersehen oft den Grund dafür: Sie waren jung. 

Tugend

 Es gibt Bücher, die zu lesen sich wegen einer Einsicht schon lohnen. Judith N. Shklars Definition der beiden Grundtugenden der Politik, Einfühlung und Perspektivenwechsel, ist so eine Einsicht. „Genau“! Rufe ich beim Lesen und habe das Gefühl, etwas lange schon Gedachtes endlich auf den Begriff gebracht zu sehen. 

Montag, 4. Dezember 2023

Altersfrust

 Dass Menschen nicht „religiös“ sind, berührt mich wenig, ich bin schließlich Theologe. Aber dass sie unvernünftig sind, also nicht der Vernunft folgen, das macht mich zunehmend fertig. (Zumal es auch vernünftig ist, zu beten - um den Zusammenhang mal deutlich zu machen: Unvernunft und Glaubenslosigkeit sind für mich komplementär.)

Sonntag, 3. Dezember 2023

Konservativ?

 Konservativ sein war einmal mit Bildung und Kultur verbunden, mit Nachhaltigkeit und Rechts- Stabilität. Seit wann hat sich Konservativität mit Unbildung, Massenkultur, Verschwendung und Unterwanderung von Recht verbündet? Konservativismus wird zu einem globalen politischen Risiko. 

Speculum mundi

 Der ARD-Weltspiegel sollte umbenannt werden: Apocalypse now. 

Advent

 …und wenn er wiederkäme zum Gericht an der Kirche? Die Vorstellung von der Wiederkunft (un die es ja im Advent tatsächlich geht) ist wohl das, was am Christentum besonders fremd geworden ist. Man hat sich eingerichtet. Könnte diese Frage zum Probierstein in der Kirchenkrise werden, ihr heimlich-unheimliches Thema??

Tradition

 Wenn Kinder Lieder lernen, die niemand kennt -also Musikunterichtliteratur - unterläuft das Tradition mehr als jedes kritische Unternehmen. Der Musikunterricht wird als Ort des rasanten kulturellen Wandels völlig unterschätzt. Auch hier hat der kommerzialisierte Mainstream-Pop der Musikindustrie Einzug gehalten. Ein Effekt: Musikalische Hochkultur wird noch elitärer. Und die Rezeption der Kinder sehr verengt. Vom Advet bleibt eine Riesengroße Kleckerei durch das rotnasige Rentier

Freitag, 1. Dezember 2023

Camouflage

 Wer überall Rassismus sieht, sollte sich seinen eigenen Rassismus mal genauer ansehen.