Mittwoch, 27. Mai 2026

Das Beste kommt zum Schluss. Über Geh aus mein Herz von Paul Gerhardt

 

Das Beste kommt zum Schluss

Warum Paul Gerhardts letzte Strophen die ersten erklären

 

Einleitung

Ich möchte mit Ihnen machen, was auch Paul Gerhardt mit uns macht: auf einen Spaziergang gehen, an dessen Ende Sie einen neuen Blick auf längst Vertrautes haben, oder, wenn sie das, was ich sehe, auch sehen, einen vertieften Blick bekommen – über den man dann auch streiten kann.

Fangen wir einfach an.

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud" wurde geschrieben um 1653, wenige Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg. Paul Gerhardt ist damals 46 Jahre alt – und sein Leben war bis dahin alles andere als eine Idylle. Halbwaise mit zwölf, Vollwaise mit vierzehn, die Geburtsstadt Graefenheinichen bei Wittenberg im Krieg fast zerstört, der Bruder im selben Jahr gestorben. Nach dem Studium musste er zwölf Jahre lang als Hauslehrer durchhalten, bevor er endlich, mit 44, in Berlin seine erste Pfarrstelle bekam. Das Bittere kommt erst noch: Von den fünf Kindern, die er bekommt, sterben vier im Kindesalter, seine Frau stirbt früh, am Ende überlebt ihn ein einziger Sohn.

Das ist der Mann, der schreibt: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud."

Mein Vortrag hat eine These, die im Titel steht: Das Beste kommt zum Schluss. Aber Vorsicht – ich meine das anders, als es zunächst klingt. Ich meine nicht, dass am Ende die Pointe kommt und davor der Vorlauf liegt, wie so eine Art Krimi. Ich meine vielmehr: Erst die letzten Strophen sagen Ihnen, was Sie in den ersten überhaupt gehört haben.

Für die Zeitgenossen Paul Gerhardts war das selbstverständlich. Sie wussten, was am Ende des Liedes kommt, weil sie wussten, dass der christliche Glaube weder Naturromantik noch Wohlfühlreligion ist, sondern die Welt von ihrem Ende her denkt. Wir leben in einer Welt, die vom Tod umfangen, aber nicht beherrscht ist, die vergänglich ist, aber auf Ewigkeit ausgerichtet. Es geht darum, die Schöpfung nicht nur zu betrachten, sondern selbst ins Blühen zu kommen: sich selbst als geliebtes Geschöpf zu entdecken in einer Welt, die wie verflucht erscheint. Genau davon handeln die letzten Strophen, und ich möchte mit Ihnen das Lied von dort her lesen.

 

Block 1: Der Einstieg (Strophe 1)

🎵 Wir singen Strophe 1

So weit, so vertraut. Wenn ich Sie jetzt fragen würde, worum es geht, würden die meisten antworten: um Natur, um Schöpfung, um Freude an Gottes Werken. Das ist nicht falsch – aber es ist nur die halbe Wahrheit.

Hinter dieser Strophe steht eine alte Idee, von der viele meinen, sie sei christlich: dass man Gott in der Natur erkennen könne. Schon Paulus sagt das, schon die Psalmen loben Gott für die Schöpfung. Das ist biblisch. Aber – und das ist die scheinbare Kleinigkeit, die alles verändert – was nennt Paulus da eigentlich? Er sagt nicht „Natur", er sagt „Schöpfung". Und wer „Schöpfung" sagt, der sagt schon: Schöpfer. Wer „Natur" sagt, sagt das nicht. Die Naturwissenschaft kommt ohne diesen Begriff vollständig aus. Wenn ein Biologe einen Baum beschreibt, sieht er Photosynthese, Wachstum und Zellteilung – er sieht keinen Schöpfer, und er muss auch keinen sehen. Die Natur als solche schweigt über ihre Herkunft, deswegen brauchen wir ja die Wissenschaft.

Das heißt: Wer in die Natur hinausgeht und dort einen Schöpfer „findet", der bringt diesen Schöpfer schon mit. Er findet ihn nicht, er erkennt ihn wieder. Und woher kennt er ihn? Nicht aus der Natur selbst, sondern aus dem Wort – aus der Bibel, aus der Predigt, aus dem, was ihm gesagt wurde, lange bevor er in den Garten hinausging. Es gilt die alte, zutiefst christliche Regel: Erst das Wort, dann das Bild.

Ich gebe Ihnen ein Bild dafür. Stellen Sie sich vor, Sie sehen ein Foto: Einen Mann in einem grauen Mantel vor einem Bahnhof. Was sehen Sie zunächst? Einen Mann, einen Mantel, einen Bahnhof. Aber wenn Ihnen jemand vorher gesagt hat „das ist mein Vater am Tag, als er ausgewandert ist", dann sehen Sie dasselbe Bild und doch eine ganz andere Geschichte. Genauso ist es bei Gerhardt. Wer einfach hinausgeht, sieht Blumen, Bienen, Sommer. Wer mit der Bibel im Kopf hinausgeht, sieht Verheißungen, Spuren, Vorboten – dieselbe Welt, und doch eine andere.

Im Mittelalter und in der Barockzeit gab es dafür ein schönes Bild: Gott habe zwei Bücher geschrieben, sagte man, die Bibel und die Schöpfung, und beide könne man lesen. Aber – und das ist entscheidend – das Buch der Natur ist nicht selbstständig. Es ist der Kommentar zur Bibel, nicht ihr Konkurrent. Und einen Kommentar ohne den Text dazu kann man nicht verstehen: lauter schöne Sätze, aber keine Pointe.Am Anfang war das Wort, schreibt Johannes. Und meint damit genau das: Wenn wir von „Schöpfung“ reden, deuten wir die Natur. Von sich aus sagt sie das nicht.

Was Gerhardt mit „Geh aus, mein Herz" also sagt, ist nicht: Geh in die Natur, dort wirst du Gott finden. Sondern: Geh hinaus als jemand, der Gott schon kennt, dann wirst du ihn wiedererkennen. Der Epheserbrief spricht dafür von den „erleuchteten Augen des Herzens" – ein schönes Bild. Es gibt zwei Arten zu sehen: mit den Augen im Kopf, die den Sommer sehen, und mit den Augen des Herzens, die in dem Sommer etwas dahinter sehen: die Ewigkeit.

So weit Strophe 1 – aber es gibt noch mehr. Die Natur, die Gerhardt besingt, ist ein Moment des Schönen in einer an sich kaputten Schöpfung. Das Idyll trügt. In der Sprache der Tradition heißt das: Wir leben in der Sünde. Das Ich freut sich für einen Moment an der Natur, die durchsichtig wird auf die Schöpfung, wie sie eigentlich sein sollte. Das ist der dunkle Ernst hinter dem Lied – aber davon merken wir zunächst noch nichts, denn erst einmal wandern wir fröhlich weiter.

 

Block 2: Der Sommer als Bild (Strophen 2–7)

🎵 Wir singen Strophen 2 bis 7

Auf der Textoberfläche: ein Sommertag mit Bäumen, Blumen, Vögeln, Bienen. Manche Forscher haben gesagt, hier male Gerhardt ein Paradiesbild, einen lieblichen Ort – einen Garten wie aus dem Bilderbuch. Aber wer genauer hinhört, dem fällt etwas Eigentümliches auf: In dieser Idylle ist kein einziger Mensch zu sehen. Keine Arbeit, kein Pflug, kein Bauer. Keine Mücke, kein Unkraut, kein Regen. Das ist nicht die Natur, wie sie tatsächlich aussieht – das ist die Natur, wie sie einmal gedacht war.

Die Natur, in der wir leben, ist für die christliche Theologie nicht einfach „die Schöpfung", sondern die gefallene Schöpfung. Im 1. Buch Mose heißt es nach dem sogenannten Sündenfall: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen. Dornen und Disteln soll er dir tragen." Die Natur, die wir kennen, steht unter diesem Fluch – sie hat Dornen, Krankheiten und Tod, und dieser Fluch ist an den Menschen gebunden. Nur der Mensch kann sich von Gott so weit abkehren, dass mit ihm die ganze Welt aus den Fugen gerät. Das ist zutiefst Paul Gerhardts Überzeugung. Die, wie ich finde, nur auf den ersten Blick befremdlich und überholt erscheint.

Denn auf merkwürdige Weise ist dieser Gedanke sehr modern. Wir reden nicht mehr von Sünde, weil das Wort durch falschen Gebrauch beschädigt ist – aber von der Sache reden wir sehr wohl: dass wir die Natur zerstören, dass unsere Überheblichkeit alles mit hineinreißt. Das ist ein zentraler christlicher Gedanke, der nur vielen nicht mehr bewusst ist. Der fröhliche Blick auf den Sommertag hat eine Träne im Auge.

Und genau das weiß Gerhardt. Er hat den Krieg überlebt, er hat seine Familie zu Grabe getragen – und doch singt er: „die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide." Warum kann er das? Weil er hier nicht beschreibt, was er sieht, sondern was er durch das Sichtbare hindurch sieht. Er beschreibt, was er in der Heiligen Schrift gehört hat und was er in der Nachfolge Christi glaubt. Er sieht den Sommer und durch ihn hindurch den endgültigen Sommer der Erlösung, er sieht die Tulpe und durch sie hindurch die Auferstehungskleider, von denen Paulus schreibt: einst werden wir mit Herrlichkeit überkleidet.

Hören Sie noch einmal Strophe 2: „Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide." Das ist eine direkte Anspielung auf Jesus in der Bergpredigt: „Schaut die Lilien auf dem Felde an. Auch Salomon in aller seiner Herrlichkeit ist nicht gekleidet gewesen wie eine von ihnen." Die Blume zieht sich an, der Mensch wird einst angezogen werden – die Blume macht es vor, und zwar schöner als Salomo. Was kommt, geht über alle menschliche Vorstellung hinaus.

Diese Welt ist nicht das Paradies, aber sie hat Spuren davon. Sie ist ein Vorgeschmack – allerdings nur für den, der weiß, worauf dieser Vorgeschmack hinweist. Sie ist ein Echo – aber nur von dem, was man schon einmal gehört hat.

Und das Dritte, vielleicht noch Bewegendere: Bei Gerhardt ist die Schöpfung kein Nutzgarten, sondern ein Lustgarten. Es geht nicht darum, was ich aus der Welt herausholen kann, sondern darum, wie schön Gott das gemacht hat. Wir leben in einer Zeit, die die Natur fast nur noch als Rohstoff sieht – und gerade darum ist Gerhardts Ton heute wichtiger denn je. Die Natur ist nicht dazu da, ausgebeutet zu werden, sondern genossen zu werden.

So weit Strophen 2 bis 7. Es sind Sommerbilder, ja – aber keine Postkarten aus einem schönen Urlaub. Es sind Gleichnisse für das Kommende. Und da ist auch viel Trauer drin.

 

Block 3: Der Blick vom Himmel (Strophen 8- 11)

🎵 Wir singen Strophe 8

„Ich kann nicht still bleiben." Das wirkt wie eine Wendung – aber ist es eine? Das Ich hat doch von Anfang an gesungen; wir erfahren jetzt nur, warum. „Ich singe mit, wenn alles singt." Das ist ein wichtiger Gedanke bei Gerhardt: Die Natur lobt Gott längst – die Bäume tun es, die Vögel, die Bienen, sie sind alle schon dabei. Wir Menschen sind die Letzten, die einsteigen. Wir sind nicht die Solisten, wir klinken uns in einen Chor ein, der ohne uns schon längst singt.

Und Gerhardt fügt etwas hinzu, was bei ihm immer mitschwingt: Gott loben, das ist unser Amt. Nicht eines unter vielen, sondern das eigentliche Amt des Menschen. Wofür ist der Mensch da? Um Gott zu loben. Das ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens – und sie meint nicht nur fromme Andacht, sondern eine Lebenshaltung, die das ganze Leben umfasst. Das lass ich für einen Moment so stehen.

🎵 Wir singen Strophen 9 und 10

„Diese arme Erde." Das fühlt sich an wie ein Bruch: Plötzlich heißt der lieblich beschriebene Sommer „arme Erde". Aber es ist kein Bruch, sondern die Voraussetzung. Der Sommertag ist ein seltener Moment des Glücks auf der armen Erde, und gerade darum wird er besungen. Wenn es hier schon so ist – wie wird es erst dort sein? Der Sommer ist ein Vorgeschmack, aber er ist nicht die Mahlzeit. Der Garten ist eine Ahnung, aber er ist nicht das Paradies selbst. Das ist für immer verloren. Aber zugleich durch Christus neu gewonnen. Aber noch nicht jetzt.

Darum folgt nun ein Seufzer, und der ist das Grundgefühl dieses Liedes. Im Seufzer kommen Lachen und Träne zusammen.

🎵 Wir singen Strophe 11

„O wär ich da!" Das ist die größte Sehnsucht des ganzen Liedes. Das Ich will weg – es will hin: vor Gottes Thron, mit den Palmen der Heiligen aus der Offenbarung, um den Lobgesang zu singen, wie ihn die Engel singen. Heilig, heilig, heilig – das kennen wir aus der Abendmahlsfeier, und das ist kein Zufall: Auch dort klinken wir uns symblolisch in einen Gesang ein, der ohne uns schon längst läuft.

„O wär ich da, o stünd ich schon, so wollt ich" – lauter Konjunktive: das ist die Grammatik der Hoffnung. Paul Gerhardt sehnt sich das Ende herbei, nicht damit es hier aufhört, sondern damit es dort beginnt.

An dieser Stelle könnte das Lied kippen. Es könnte zu einem Fluchtlied werden, zu einem Weltflucht-Lied, in dem das Ich sagt: Ich will hier weg, das hier zählt nicht. So ist es übrigens auch oft gelesen worden – Christen sollen sich raushalten aus der Welt, weil sie sowieso dem Untergang geweiht ist. Doch dem ist nicht so: genau jetzt, an der höchsten Spitze der Sehnsucht, wo die Welt verloren scheint, wird sie neu gewonnen.

 

Block 4: Die Rückkehr in die Welt (Strophen 12 und 13)

🎵 Wir singen Strophen 12 und 13

„Doch will ich gleichwohl..."

Vier Buchstaben: Doch. Hören Sie dieses kleine Wort? Eben noch wollte das Ich weg – „O wär ich da!" – und jetzt sagt es: Doch, nein, ich bin noch nicht dort, ich bin noch hier, und solange ich hier bin, will ich nicht schweigen. Hier, an diesem Ort, will ich loben.

Das Lied entscheidet sich – gegen die Flucht und für das Hier. Aber es ist nicht das alte Hier. Es ist das Hier, durch das der Himmel schon hindurchgeschienen hat. Das Ich ist gewandert: Es war im Geist schon vor dem Thron, mit den Palmen, mit den Engeln, und es kommt zurück. Himmel und Erde überlagern sich, die Tür zum Jenseits steht offen, der Engel mit dem Flammenschwert, der seit dem Bruch zwischen Mensch und Gott den Zugang zum Paradies versperrte, steht nicht mehr davor. Paul Gerhardt denkt poetisch, in biblischen Bildern, die ihm so vertraut sind, und seinen Lesern auch, dass er sie gar nicht ausführen muss.

Wiedereintritt: Ich musste daran denken, als die Artemis 2 nach ihrer Mondumrundung wieder in die Erdatmosphäre eintrat. Die drei Astronauten und die eine Astronautin sind wieder auf der Erde – aber sie haben als erste Menschen überhaupt den Mond als Ganzen gesehen, als kompletten Himmelskörper. Apollo war damals zu nah dran, um das so zu erfassen. Das hat sie verändert, davon reden sie unentwegt: Wiedereintritt. Genau das geschieht hier im Lied. Das singende Ich bleibt nicht ein frommer Hans-Guck-in-die-Luft, der Blick geht wieder nach unten – wie der Blick Gottes, als er Mensch wurde und sich auf diese Welt einließ, statt sie zu verlassen.

Und das hat Folgen. In Strophe 13 bittet das Ich darum, selbst zu blühen, selbst Frucht zu tragen: „dass ich dir stetig blühe". Bisher hat es gesungen, wie die Schöpfung singt – jetzt will es wachsen, wie die Schöpfung wächst. Strophe 2 sagte „die Bäume stehen voller Laub", Strophe 13 sagt „dass ich dir stetig blühe". Aus der Beschreibung wird Bitte, aus dem Außen wird Innen.

Die Natur draußen ist also nicht das Ziel, sondern das Vorbild für etwas, das in mir geschehen soll. Die Blume blüht, Christen soll blühen. Die Frucht reift, im Glaubenden sollen Glaubensfrüchte reifen. Die Theologie nennt das „Heiligung“ – ein altes Wort, das einfach heißt: dass das Leben eines Menschen langsam dem ähnlich wird, was Gott will. Nicht durch eigene Anstrengung, sondern wie eine Pflanze wächst. Heiligung ist keine Anstrengung, sondern ein Geschenk, eine schöpferische Gabe. Das ist ein zutiefst evangelischer Gedanke, in theologischer Fachsprache: Die Rechtfertigung aus Glauben. Sie ist die Grundlage aller Lieder von Paul Gerhardt wie bei kaum einenm anderen evangelischen Liederdichter. Es diese tiefe Menschenfreundlichkeit Gottes, die aus seinen  Liedern spricht, die bis heute selbst Menschen anspricht, die mit dem Glauben nichts zu tun haben.

Inmitten der Vergänglichkeit das Leben, inmitten der Trostlosigkeit der Trost, in der Verzweiflung der Trotz. „Doch“ – das ist das Schlüsselwort des ganzen Liedes.

Es gibt dafür einen Begriff, den ich von meinem verehrten Lehrer Eberhard Jüngel gelernt habe und den ich Ihnen mitgeben möchte: getroste Verzweiflung. Das ist nicht Verzweiflung, die durch Trost weggeredet wird, sondern Verzweiflung, die getrost ausgehalten wird, weil sie nicht das letzte Wort hat. Gerhardt singt nicht: „alles ist gut“. Er singt: „es ist nicht alles gut, aber es ist auch nicht aus mit uns“. Die Frage Optimist oder Pessimist stellt sich gar nicht – die Antwort heißt: Realist. Etwas, was wir gerade gut gebrauchen könnten.

 

Block 5: Die Bitte am Ende (Strophen 14 und 15)

🎵 Wir singen Strophen 14 und 15

Hören Sie auf ein einziges Wort: grünen.

„Lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen." Das ist das Wort, das die ganze Sommerszenerie der ersten Strophen regiert hat – die Bäume grünen, die Wiesen grünen, die Welt grünt – und nun, am Ende, bittet das Ich: lass mich grünen.

Das Lied schließt einen Kreis. Was am Anfang draußen war, ist am Ende innen; was am Anfang beschrieben war, ist am Ende erbeten. Das Ich hat sich erkannt als das, was es in Wahrheit war: nicht nur Spaziergänger, sondern Pflanze in Gottes Garten. Aber der Kreis beginnt nicht in der ersten Strophe. Er beginnt in der letzten Strophe. Wir sind schon eingepflanzt in Christus. Und die Bitte ist: Lass mich grün bleiben, bis zur letzten Reise, bis zum Tod, ist die Bitte um Vollendung dessen, was längst begonnen hat: Dein Reich komme.

Denn das Ergrünen ist auch ein Bild für die Auferstehung. In Psalm 92 heißt es: „Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum." Die alte lutherische Theologie hat darum die Auferstehung selbst als ein Hervorgrünen beschrieben – die Toten gehen auf wie Pflanzen aus der Erde. Wer also bittet „lass mich grünen", der bittet eigentlich: lass mich auferstehen.

Und dann das Ziel: „Erwähle mich zum Paradeis." Lass mich am Ende dort ankommen, wo der Sommer nicht aufhört, wo die Blume nicht verwelkt, wo das Grünen nicht endet. Und es wird, sieht man genau hin, mehr sein als das Paradeis: Der Garten Christi, so haben wir längst gesungen, ist ein goldenes Schloss unter dem Himmelszelt – wo es keine Tränen und kein Geschrei mehr geben wird und wo die Hütte Gottes unter den Menschen steht, wie es im vorletzten Kapitel der Bibel heisst. Denn auch in der kommt das Beste zum Schluss.

Von dieser Bitte her kommt das ganze Lied. Sie steht am Schluss – aber sie steht eigentlich am Anfang; sie ist die Voraussetzung, nicht die Folge.

Nach all diesen Gedanken – und glauben Sie mir, wir haben nur daran gekratzt – sind wir bei einem schlichten Wunsch angekommen, hinter dem allerdings eine sehr menschliche Bitte steht: Gib mir Leben. Lass mich blühen wie Narziss und Tulipan, die schöner sind als Salomonis Seide. Wer wünscht sich das nicht? Und wie kann der Wunsch in Erfüllung gehen? Durch Singen zum Beispiel. Gott loben, das ist unser Amt. Wer singt, blüht schon.

🎵 Wir singen Strophe 1 noch einmal

Klingt sie jetzt anders? Klingt sie nach Hoffnung und Ewigkeit, klingt sie nach überwundenem Leid und getroster Verzweiflung? Oder kling sie immer noch nach „Wochenend und Sonnenschein“?

Ich würde mich freuen, wenn es mir gelungen ist, den tiefen Ernst dieses Liedes nahegebracht zu haben – und noch mehr, wenn Sie jetzt die anderen Paul Gerhardt-Lieder heraussuchen und sie mal „von hinten“ lesen.

Das Beste kommt zum Schluss, weil der Schluss der Anfang ist: Überwindung des Chaos, Licht in der Finsternis, sommerliches Grün im winterlichen Grau, Christus, der Gekreuzigte als der Auferstandene. Die Erde ist der Ort, an dem das geschieht.

Es war ausgerechnet Friedrich Nietzsche, der große Verächter des Christentums, der dafür – wenn auch in ganz anderer Absicht – eine schlagende Formulierung gefunden hat: Bleibt der Erde treu!

„Nun ruhen alle Wälder“, heißt ein anderes sehr bekanntes Lied von Paul Gerhardt: es singt vom Abend der Welt, dem Einbruch der Finsternis und der Ungewissheit des Erwachens. Aber wie endet es?

 Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott lass euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.

Das Beste kommt bei Paul Gerhardt immer zum Schluß. Zu dem ich jetzt auch gekommen bin.


 

 

Sonntag, 1. März 2026

Tageslosung: Rätsel und Geheimnis

Er weiß, was in der Finsternis liegt, denn bei ihm ist lauter Licht.
Daniel 2,22

Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden soll, und ist nichts geheim, was nicht an den Tag kommen soll.
Markus 4,22


Es gibt eigentlich nur ein Geheimnis, das sich aber von Sekunde zu Sekunde, von Moment zu Moment enthüllt: Die Zukunft.
Für uns liegt dort der Tod. Für Gott liegt dort das Leben. Der Glaube empfängt, auf den Tod zugehend, das Leben. Das Gegenteil von Glauben ist also nicht Unglauben (in dem banalen Sinne, in dem das Wort normalerweise verwendet wird), sondern Verzweiflung. Die Evolutionstheorie hat darum diesen verzweifelten Kern: Sie versteht das Leben ausschließlich von hinten her, vom Ursprung her: es ist getrieben. Der Gedanke der Schöpfung aber (in seiner christlichen Variante: als Auferweckung) versteht das Leben von vorne her, es ist zielorientiert. Die Wissenschaft löst eben nur Rätsel, der Glaube wahrt das Geheimnis. Biede zusammen sind die Fülle des Denkens und Lebens: aus der Tiefe der gelösten Rätsel der Vergangenheit gehen auf die Höhe des offenbaren Geheimnisses zu.
Wer sie gegeneinander ausspielt, ist ein Tor, nimmt weder den Tod noch das Leben ernst: er ist nach hinten dumm und nach vorne blind.

Darum ist Jesus von Nazareth so wichtig für den Glauben: Er schaut in beide Richtungen, kennt Tod und Ewiges Leben. Das gibt ihm die Gelassenheit gegenüber dem, was kommt, die Trauer, über das, was gewesen ist, und den heiligen Zorn über das, was ist.

Das kann keine Esoterik leisten, die mit irgendwelchen anonymen kosmischen Mächten operiert, die nichts anderes sind als vergeistigte Naturgesetze, die Magie ist ja nichts anderes als falsch verstandene Naturwissenschaft. Aber die Zukunft kommt nicht nach Regeln.

Das ist die Erkenntnis, die Jesus als den Christus in den Mittelpunkt des Glaubens rückte: Er ist selber das Geheimnis, das umso geheimnisvoller wird, je mehr man sich ihm nähert.







Darum ist es so schade, dass er für viele nur noch eine historische - also tote - Figur ist oder ein bloßer Morallehrer und "Religionsstifter" (das war er nun, weiß Gott, am allerwenigsten: ist doch in der Religion der Keim des "Wissens" schon angelegt).

Wir enthalten den Menschen das Geheimnis vor, wenn wir ihnen nur das Rätsel Jesus erklären (darum konnten ich mit den allermeisten Unterrichtsmaterialien für den RU nichts anfangen: bloße Forschungsergebnisse. Stinklangweilig). Wer freilich seinen Glauben aus Forschungsergebnissen meint ziehen zu müssen -- hier liegt die eigentliche Crux der modernen Theologie. Sie ist historische Wissenschaft, nicht Kunde vom Geheimnis. Stinklangweilig eben. Ohne Licht. Höhlenforschung. Und wenn die dann auch noch auf der Kanzel betrieben wird.....

Donnerstag, 26. Februar 2026

Das Rätsel Popmusik

Popmusik erschließt sich mir nicht. 

Nicht, dass ich sie nicht mag. Nicht, dass ich sie nicht kenne. Ich bin mit ihr großgeworden, mein Freundeskreis war musikaffin, auf den reichlich gefeierten Parties lief alles, von den Beatles bis Sex Pistols, und weil ich immer schon sehr lernfähig war, hatte ich es bald drauf, auf diversen Klassenfeten und ähnlichem den DJ zu machen, ich konnte mir gut merken, welche Musik tanzbar war und zu welcher Stimmung passte - weil sie mich nicht die Bohne interessierte. 

Ich hörte brav jeden Donnerstag Werner Reinckes Interantionale Hitparade und schnitt fleißig mit, meine Mitschnitte wurden gerne ausgeliehen. Aber es war für mich strukturierter Lärm, ausser zum Tanzen, Aber da genügte ja der Rhythmus und ein ordentlicher Bass, Getanzt habe ich gerne und viel und wild, auch alleine, weswegen dann doch ein paar T-Rex (Marc Bolan hatte was) und Slade-Radau Singles den Weg auf meinen Plattenspieler fanden. 

Ein paar wenige erreichten mich: Nina Hagen, da war es mehr die Performance, Depeche Mode, da waren es die Klänge, und Yello (von denen ich alle Platten besaß), weil ich das experimentell-Elektronische mochte , wie bei Kraftwerk und Deuter, die sonst niemand kannte.

 Aber ansonsten: ich war mit Freunden auf auf Konzerten. Die waren furchtbar laut, es wurde natürlich alles geraucht, was brannte, getanzt, geknutscht, alles fein. Aber die Musik selber - Ideal mit der wunderbaren Anette Humpe fasste mich ein wenig an, nicht zuletzt, weil da auch eine gewisse harmonische Finesse am Werk war.  

Aber was war das gegen eine Bruckner- oder Mahlersinfonie oder ein Streichquartett von Beethoven, wo in einem Takt mehr musikalische Substanz für mich enthalten war als in einem ganzen Pop-album, ganz zu schweigen von dem Universum Richard Wagner. Vielleicht ist es noch wichtig zu sagen, dass ich in einem kleinbürgerlichen Milieu großgeworden bin, da gab es keine Prägung, das Maximum an Musik war der samstägliche Blaue Bock und natürlich Schlagertanzmusik auf Familienfesten. Da konnte ich auch ordentlich mitgrölen. 

Aber niemals wäre ich auf die Idee gekommen, mir das anzuhören.

 Ich entdeckte die klassische Musik und den Jazz via Radio, hr2 vor allem. Und damals wurden klassische Konzerte und Opern auch noch im Fernsehen gezeigt! Die von Max Liebermann restaurierte LULU sogar live aus der Pariser Oper, das muss in 1979 gewesen sein. Zeitgleich im TV und im Radio, dort in Stereo. 

 Amy Winehouse und Adele sprechen mich an, aber nach zwei oder drei Titeln ist auch gut, ähnlich Lana del Rey, deren Texte angeblich so poetisch sein sollen, aber ich finde, es ist auch nur düstere Pubertätslyrik. Und so weiter, ich hoffe, der Punkt ist klar: es ist kein Naserümpfen, keine kulturelle Abwertung, keine Adornosche Schnöselei: ich verstehe es nur nicht. 

Ich habe das deswegen wieder gerade mal bemerkt, weil im neuen Roman von Carl Ove Knausgard, Nachtschule, ein Protagonist durch seine Plattensammlung geht und versucht, in diese Sammlung Kohärenz zu bringen, und so, wie Knausgard das eben kann, ist das interessant, zumal ich mir mit Spotify alles sofort anhören kann. Und, was soll ich sagen: ich höre es nicht. The Cure ist für mich genauso ein Geklimper wie alles andere, was er nennt und so umfassend und packend beschreibt. Ich weiß aber, dass einer meiner Jugendfreunde ein The Cure-Addict war. 

Schade. Da gibt es eine Welt, die mir verschlossen ist, und zwar ein Phänomen, das MILIARDEN von Menschen betrifft. Davon gibt es in meinem Leben wenig, weil ich immer einen Zugang fand zu Dingen, auch wenn sie mir völlig fremd sind. Aber Popmusik: ich finde sie existentiell langweilig, sie nervt mich eigentlich sogar, wenn sie irgendwo dauernd läuft. Warum? 

Montag, 23. Februar 2026

Hasardeure des schnellen Todes

Ich glaube, die meisten Menschen stellen sich den Weltuntergang als eine plötzlich eskalierende Katastrophe vor, bei der man, wenn man Glück hat, irgendwie gleich tot ist. 

Und deswegen wünschen sie sich das oder nehmen es hin. Weil sich Widerstand nicht lohnt, und weil bei nicht wenigen Menschen der Lebenswille nicht so hoch ist, wie man denken sollte, sondern eher eine gewisse Grundresignation vorhanden ist. 

Das ist ja einer der Gründe, warum Religion immer auch ein Gebot zum Lebenmüssen enthält, implizit oder explizit. Menschen sind lebensmüde, und das ziemlich schnell, und sie sind es, paradoxerweise, um so mehr, wenn es ihnen gut geht. Weil jede Einschränkung des Lebens  bedrohlich wird, wenn es dir gut geht, und sei es die plötzliche Knappheit von Klopapier. 

Sie unterschätzen damit natürlich den faktischen Willen zum Leben, den jeder kennt, der schon einmal in tatsächlicher, in realer Todesnähe war, durch Krankheit oder Unfall. 

Tatsächlich aber würden überraschend viele Menschen sagen, dass die keine Angst vor dem Tod haben (weil sie ihn faktisch nicht kennen), aber Angst vor dem Sterben (weil es wehtut). Die Vorstellung nun, die Welt würde in einem Ruck vergehen, macht den Weltuntergang nicht nur erträglich, sondern sogar wünschenswert. Es ist sozusagen die ins historisch-kosmologische gewendete Vorstellung von sanften Tod des "einfach Einschlafens". Die Vorstellung der katastrophischen Apokalypse "in einem Nu" ist tief im westlich-europäisch-christlichen Erbe als Verheißung verankert (1. Kor 15, das Drehbuch der Endzeit). 

Ein Irrtum, und zwar ein grotesker. Tatsächlich sterben wir in der Regel langsam und mit Bewusstsein, der schnelle Tod, der so schnell ist, dass man ihn nicht mitbekommt, ist eher die Ausnahme. Es spielt auch letztlich keine Rolle.  Die Selbsttäuschung ist so oder so da. 

Aber der Klimatod bzw. der atomare Fallout nach einem Atomwaffeneinsatz werden entsetzlich und quälend langsam sein, es wird ein elendes Verrecken. Vielleicht sollte man das deutlicher machen, damit die fröhlichen Apokalyptiker stummgestellt werden und der Zynismus des fröhlichen Tanzes auf dem Vulkan sein Ende findet. Solange die Masse der Menschen denkt, dass sie irgendwie glimpflich davonkommt, wird kein Heizungsgesetz der Welt, das diesen Namen verdient, eine Chance haben. Aber alle Hasadeure des schnellen Todes schon. Ich bin kein Freund davon, mit dem Schrecken zu hantieren. Aber den Hasardeuren des schnellen Todes sollte man sehr deutlich vor Augen malen, dass auch sie nicht davon kommen werden.

Sonntag, 22. Februar 2026

body negativity

 Bei meinen Studien (ich nenne das jetzt mal ganz hochtrabend so) zu meinem Projekt über "Nüchternheit" bin ich wieder mal auf die Wüstenväter der spätantiken Christenheit gestoßen, bei denen dieser Gedanke, was an entsprechender Stelle ausgeführt werden wird, eine große Rolle spielt. 


Kleiner Nebenabfall dieser Lektüre in der Kleinen Philokalie und den Aphophtegmata Patron: 

Ich habe die Wüstenväter schon als Jüngling sehr gemocht, wegen ihrer theologischen und geistlichen Konzentration und wegen ihres - wie man es heute nennen würde - countercultural Impulses. Um das Mönchtum zu verstehen, sind sie unverzichtbar, und überhaupt repräsentieren sie einen Aspekt des Christentumes, an den sich von Zeit zu Zeit zu erinnern sicher kein Fehler ist, ich nenne das mal die therapeutisch-weisheitliche Linie. 

Doch zugleich haben sie mich immer zutiefst befremdet, ja abgestoßen (ich habe übrigens Haltungen und Gedanken schon immer unterschieden, die haben meistens wenig miteinander zu tun: große Armleuchter können präzise und kreative Denker sein, charakterstarke Moralbolzen können von stupender Dämlichkeit sein). 

Ihr Körperhass und der aus ihm resultierende Frauenhass ist vernichtend und wirklich unangenehm zu lesen. Der Körper, das Fleisch, ist geradezu das Hassenswerteste auf Erden, von ihm fühlen und wissen sie sich gequält, geschunden, abgelenkt und malträtiert. Er ist ein Übeltäter, und Erlösung war für sie immer auch Erlösung vom Leib, seinen Schrecken und Lüsten. 

Das hat mir als Jüngling nicht nur nicht gefallen, es hat mich auch abgestoßen. Und es tut es immer noch, jetzt sogar noch mehr, weil ich theologisch reflektierter bin und weiß, wohin so ein simpler Dualismus führt, wieviel patriarchaler Selbsthass und tiefer Zynismus darin verborgen ist. Der Körperhass der Wüstenväter ist ideologisch. Aber er ist nicht systemisch. Man kann ihn tatsächlich von vielen ihrer Einsichten lösen. Dann aber wird ihre Body-negativity nicht nur trivial. Dann wird sie ein Schlüssel zum Verständnis von Versöhnung. 

Let me explain:

Seit ich ca. 25 Jahre alt war, hatte ich mich Gallensteinen zu kämpfen, hatte immer wieder mal kleinere Koliken, vertrug Zwiebeln und Paprika nicht und war manchmal ganze Tage dadurch in meiner Leistungsfähigkeit, und gelegentlich auch mal in meiner Lebensfreude, eingeschränkt. Erst als die Steine so große waren, dass eine Operation lohnte, wurde ich diese Beschwerden los, da war ich 40 Jahre alt  und es begann eine neues Leben. 

Ich habe ein schreckliches Gebiss, die Zähne stehen zu eng, schon als kleines Kind musste ich mir das Milchgebiss ziehen lassen und Korrekturzüge erdulden, ich habe vier Zähne weniger im Mund als normal - ohne Medizin wäre ich vermutlich mit ca. dreissig Jahren mindestens der Hälfte meiner Zähne verlustig gegangen und hätte mit offenem Zahnfleisch zu kämpfen. 

In Folge der Gallenoperation bekam ich eine Pankreatitis (das kommt, selten, vor), das waren Schmerzen direkt aus der Hölle, seitdem vertrage ich keinen Alkohol mehr. Wie gesagt: 40. 

Ungefähr ab meinem 50. Jahr halfen die Einlagen nicht mehr, die ich seit meinem 20. Lebenjahr trug: die Plattfüße ruinertien meine Knie, Gehen wird schmerzhaft. 

Die Augen lassen seit meinem 35. Lebensjahr deutlich nach, ohne Brille wäre Lesen völlig unmöglich. Und dann hatte ich auch noch einen Herzinfarkt,  keinen von der ganz schlimmen Sorte, aber vorher hatte ich ca. zwei Jahre mit Schmerzen zu tun, die als orthopädisch verursacht angesehen und also falsch behandelt wurden. Shit happens. 

Meine Akne wurde ich nie richtig los, und seit ich 23 bin, habe ich mit Waschexzemen zu tun, nicht schlimm, aber unangenehm lästig. Seit ca. 10 Jahren habe ich die für einen älteren Herren nicht unüblichen Probleme mit dem Wasserlassen, moderne Medikament vollbringen da wahre Wunder.

Und so weiter, könnte ich fast schreiben. Warum schreibe ich das? 

Mit zunehmenden Alter verstehe ich die Körperfeindlichkeit der Wüstenväter sehr viel besser. Es geht nicht einfach nur um die Zumutung der Lüste, die aus dem Körper kommen (dazu schreibt Foucault viel sehr Kluges). Ich stelle mir vor, in welchem Zustand ich jetzt ohne die moderne Medizin, Hygiene und Ernährung wäre. Ich stelle mir vor, meine pubertäre Akne wäre nicht behandelt worden, meine Gallenleiden hätte sich chronifiziert, meine Zähne ab 25 abgefault (und das ist genau der passende Ausdruck), ich hätte Parasiten, Haut- und Darmbewohner, und, weil es ja keine Seife gab, wären meine Körperfalten und Köperöffnungen Quellen ungeheuerlicher Gerüche. Ab 30 wäre ich ein körperliches Wrack gewesen, und meine koronarer Herzkrankheit, durch Cholesterin verursacht, wäre sicherlich 20 Jahre früher manifest geworden. 

Da öffnet sich ein Verständnis. Es geht nicht nur um die Lust. Es geht auch um Schmerz, Ekel und Qual, und zwar ganz real, ganz medizinisch, sozusagen. 

Body-Positivity ist etwas sehr Modernes, und der theologisch beliebte Satz, dass "ich mich so lieben soll, wie ich bin, weil Gott mich so liebt wie ich bin" hat etwas - nun ja, sehr Leichtfertiges. Denn immer noch lebt eine Großteil der Menschheit wie die Wüstenväter, nicht wie wir. 

Das nehme ich jetzt, 66jährig, der Hinfälligkeit in Ansätzen ausgeliefert und nur dank moderner Medizin noch einigermaßen lebensfroh,  doch sehr viel deutlicher wahr als vor vierzig Jahren. 

Mit ihrem Hass aber haben die Wüstenväter damit noch lange nicht recht. Sie haben übersehen, dass der Körper der eigentliche Kampfplatz der Versöhnung ist. mit ihrer Body-Negativity verharmlosen (!) sie das Kreuz. Aber das ist ein anderes Thema. 


Mystik

Jenseits des Wissen liegt nicht das Unwissen, sondern das Unbekannte. 

Das setzt sich zusammen aus dem möglichen Wissbaren (also aus noch Unbekannten) und dem unmöglich Wissbaren (also dem für immer unbekannt Bleibenden). 

Merkwürdigerweise haben wir dafür kein eigenes Wort. Als wäre es eine Art Tabu, das noch  nicht einmal benannt werden kann. 

Ist es das Mystische? Nein, ist es nicht. Denn das Mystische ist auf seine Art ja auch Wissbares. Durch Versenkung, Veränderung des Blickes, phänomeneologische Epoche, meinetwegen auch durch Sex, Rausch und kataleptische Ereignisse öffnen sich Wahrnehmungsräume von jenem, was bis vor Kurzem (galaktisch gedacht) noch etwas schwammig das Metaphysische oder - noch schwammiger - das Transzendente genannt werden durfte, bevor es peinlich wurde. 

Aber es ist immer als das Unbenennbare benennbar, es ist immer noch per Metapher erreichbar (das Seelenfünklein, der Abgrund, das Innerste, das Woher meines Gesetztseins, was auch immer). Das alles aber ist noch nicht das Unbekannte, das als Unbekanntes unbekannt bleibt. Das "jenseits" der Diffferenz, das Jacques Derrida mit der differance nicht-benannte, das Deleuze mit dem Begriff der Falte (extrem abstrakt, unanschaulich und gleichzeitig fast schon kitischig plausibel), die platonische Chora, die Stille, die nicht einfach Abwesenheit von Geräusch ist. 

Der Tod? Noch nicht einmal der, denn der Tod lebt immer noch von der Differenz, es gäbe  ihn nicht, gäbe es das Leben nicht, aber "es gibt" das, was weder Tod noch Leben ist, das als noch nicht einmal als nicht Vorstellbares nicht vorstellbar ist, nicht pure Negativität, nicht pures Nichts, sondern .... 

Die Frage ist, ob ein Gebet das erreicht, was nicht erreichbar ist. Die Geste purer Hinwendung, die die Frage nach der Erkenntnis, dem Wissen oder Nichtwissen, dem Bekannten oder Unbekannte gar nicht erst stellt. Und ob nicht diese Geste die wahrhaft philosophische, wahrhaft menschliche ist und unser Spott über das Gebet nicht nur heroischer Frevel einer wissensversessenen Moderne ist, sondern letztlich pure Ignoranz, Angst vor der Grenzenlosigkeit. Es würde gut erklären, warum die Moderne so hysterisch ist. 

Donnerstag, 19. Februar 2026

Protestantisches Fasten

 Ich weiss, es nervt. Reminder: Die Reformation war gegenüber frommen Verrenkungen etwas zurückhaltend, um es vorsichtig zu sagen. Religion ist die größte aller fleischlichen Versuchungen, es hat Gründe, warum wir an Invokavit, Beginn der Passionszeit, die Versuchungsgeschichte im Gottesdienst hören, wo der Teufel versucht, Jesus mit der Bibel und frommen Sprüchen auszutricksen. Evangelisch-sein heisst, gegenüber religiösen Praktiken, die auf moralische Überlegenheit oder Bessermacherei hinauslaufen oder gar das Vertrauen in das Vertrauen in Frage stellen, sehr zurückhaltend zu sein. Es hat gute, sehr gute Gründe, warum es keine evangelische Fastenzeit, sondern eine Passionszeit gibt. Wenn es protestantisch etwas zu fasten gibt, dann „Religiosität“. 


Martin Luther schreibt: „Es sind leider viele blinde Menschen, die ihr Kasteien, es sei Fasten, Wachen oder Arbeiten, allein darum üben, weil sie meinen, es seien gute Werke, dass sie damit viel verdienen. Darum fahren sie daher und tun deren zuweilen so viel, dass sie ihren Leib damit verderben und ihren Kopf toll machen. Noch viel blinder sind die, die das Fasten nicht allein nach der Menge oder Länge messen wie diese, sondern auch nach der Speise. Sie achtens dafür, es sei viel kostbarer, wenn sie nicht Fleisch, Eier oder Butter essen. Über diese hinaus sind diejenigen, die das Fasten nach den Heiligen richten und nach den Tagen erwählen, der am Mittwoch, der am Sonnabend, der an Sankt Barbara, der an Sankt Sebastian und so fort. Diese allesamt suchen nicht mehr in dem Fasten als das Werk an sich selbst; wenn sie das getan haben, meinen sie, es sei wohlgetan ... Darum lass ichs geschehen, dass sich ein jeglicher Tag, Speise, Menge zu fasten erwähle, wie er will, sofern, dass er es nicht dabei bleiben lasse, sondern auf sein Fleisch achthabe. Soviel wie dasselbe geil und mutwillig ist, lege er an Fasten, Wachen und Arbeit drauf und nicht mehr, es habe geboten Papst, Kirche, Bischof, Beichtiger oder wer da will. Denn der Fasten, des Wachens, der Arbeit Maß und Regel soll ja niemand an der Speise, Menge oder Tagen nehmen, sondern je nach Abgang oder Zugang der fleischlichen Lust und des Mutwillens, um derentwillen allein sie zu töten und dämpfen - das Fasten, Wachen, Arbeiten eingesetzt ist. Wo dieselbe Lust nicht wäre, so gälte Essen so viel wie Fasten, Schlafen so viel wie Wachen, Müßigsein so viel wie Arbeiten und wäre eines so gut wie das andere, ohne allen Unterschied.“ (Von den guten Werken (1520), K. Aland (Hg.) Luther Deutsch,