Sonntag, 1. März 2026

Tageslosung: Rätsel und Geheimnis

Er weiß, was in der Finsternis liegt, denn bei ihm ist lauter Licht.
Daniel 2,22

Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden soll, und ist nichts geheim, was nicht an den Tag kommen soll.
Markus 4,22


Es gibt eigentlich nur ein Geheimnis, das sich aber von Sekunde zu Sekunde, von Moment zu Moment enthüllt: Die Zukunft.
Für uns liegt dort der Tod. Für Gott liegt dort das Leben. Der Glaube empfängt, auf den Tod zugehend, das Leben. Das Gegenteil von Glauben ist also nicht Unglauben (in dem banalen Sinne, in dem das Wort normalerweise verwendet wird), sondern Verzweiflung. Die Evolutionstheorie hat darum diesen verzweifelten Kern: Sie versteht das Leben ausschließlich von hinten her, vom Ursprung her: es ist getrieben. Der Gedanke der Schöpfung aber (in seiner christlichen Variante: als Auferweckung) versteht das Leben von vorne her, es ist zielorientiert. Die Wissenschaft löst eben nur Rätsel, der Glaube wahrt das Geheimnis. Biede zusammen sind die Fülle des Denkens und Lebens: aus der Tiefe der gelösten Rätsel der Vergangenheit gehen auf die Höhe des offenbaren Geheimnisses zu.
Wer sie gegeneinander ausspielt, ist ein Tor, nimmt weder den Tod noch das Leben ernst: er ist nach hinten dumm und nach vorne blind.

Darum ist Jesus von Nazareth so wichtig für den Glauben: Er schaut in beide Richtungen, kennt Tod und Ewiges Leben. Das gibt ihm die Gelassenheit gegenüber dem, was kommt, die Trauer, über das, was gewesen ist, und den heiligen Zorn über das, was ist.

Das kann keine Esoterik leisten, die mit irgendwelchen anonymen kosmischen Mächten operiert, die nichts anderes sind als vergeistigte Naturgesetze, die Magie ist ja nichts anderes als falsch verstandene Naturwissenschaft. Aber die Zukunft kommt nicht nach Regeln.

Das ist die Erkenntnis, die Jesus als den Christus in den Mittelpunkt des Glaubens rückte: Er ist selber das Geheimnis, das umso geheimnisvoller wird, je mehr man sich ihm nähert.







Darum ist es so schade, dass er für viele nur noch eine historische - also tote - Figur ist oder ein bloßer Morallehrer und "Religionsstifter" (das war er nun, weiß Gott, am allerwenigsten: ist doch in der Religion der Keim des "Wissens" schon angelegt).

Wir enthalten den Menschen das Geheimnis vor, wenn wir ihnen nur das Rätsel Jesus erklären (darum konnten ich mit den allermeisten Unterrichtsmaterialien für den RU nichts anfangen: bloße Forschungsergebnisse. Stinklangweilig). Wer freilich seinen Glauben aus Forschungsergebnissen meint ziehen zu müssen -- hier liegt die eigentliche Crux der modernen Theologie. Sie ist historische Wissenschaft, nicht Kunde vom Geheimnis. Stinklangweilig eben. Ohne Licht. Höhlenforschung. Und wenn die dann auch noch auf der Kanzel betrieben wird.....

Donnerstag, 26. Februar 2026

Das Rätsel Popmusik

Popmusik erschließt sich mir nicht. 

Nicht, dass ich sie nicht mag. Nicht, dass ich sie nicht kenne. Ich bin mit ihr großgeworden, mein Freundeskreis war musikaffin, auf den reichlich gefeierten Parties lief alles, von den Beatles bis Sex Pistols, und weil ich immer schon sehr lernfähig war, hatte ich es bald drauf, auf diversen Klassenfeten und ähnlichem den DJ zu machen, ich konnte mir gut merken, welche Musik tanzbar war und zu welcher Stimmung passte - weil sie mich nicht die Bohne interessierte. 

Ich hörte brav jeden Donnerstag Werner Reinckes Interantionale Hitparade und schnitt fleißig mit, meine Mitschnitte wurden gerne ausgeliehen. Aber es war für mich strukturierter Lärm, ausser zum Tanzen, Aber da genügte ja der Rhythmus und ein ordentlicher Bass, Getanzt habe ich gerne und viel und wild, auch alleine, weswegen dann doch ein paar T-Rex (Marc Bolan hatte was) und Slade-Radau Singles den Weg auf meinen Plattenspieler fanden. 

Ein paar wenige erreichten mich: Nina Hagen, da war es mehr die Performance, Depeche Mode, da waren es die Klänge, und Yello (von denen ich alle Platten besaß), weil ich das experimentell-Elektronische mochte , wie bei Kraftwerk und Deuter, die sonst niemand kannte.

 Aber ansonsten: ich war mit Freunden auf auf Konzerten. Die waren furchtbar laut, es wurde natürlich alles geraucht, was brannte, getanzt, geknutscht, alles fein. Aber die Musik selber - Ideal mit der wunderbaren Anette Humpe fasste mich ein wenig an, nicht zuletzt, weil da auch eine gewisse harmonische Finesse am Werk war.  

Aber was war das gegen eine Bruckner- oder Mahlersinfonie oder ein Streichquartett von Beethoven, wo in einem Takt mehr musikalische Substanz für mich enthalten war als in einem ganzen Pop-album, ganz zu schweigen von dem Universum Richard Wagner. Vielleicht ist es noch wichtig zu sagen, dass ich in einem kleinbürgerlichen Milieu großgeworden bin, da gab es keine Prägung, das Maximum an Musik war der samstägliche Blaue Bock und natürlich Schlagertanzmusik auf Familienfesten. Da konnte ich auch ordentlich mitgrölen. 

Aber niemals wäre ich auf die Idee gekommen, mir das anzuhören.

 Ich entdeckte die klassische Musik und den Jazz via Radio, hr2 vor allem. Und damals wurden klassische Konzerte und Opern auch noch im Fernsehen gezeigt! Die von Max Liebermann restaurierte LULU sogar live aus der Pariser Oper, das muss in 1979 gewesen sein. Zeitgleich im TV und im Radio, dort in Stereo. 

 Amy Winehouse und Adele sprechen mich an, aber nach zwei oder drei Titeln ist auch gut, ähnlich Lana del Rey, deren Texte angeblich so poetisch sein sollen, aber ich finde, es ist auch nur düstere Pubertätslyrik. Und so weiter, ich hoffe, der Punkt ist klar: es ist kein Naserümpfen, keine kulturelle Abwertung, keine Adornosche Schnöselei: ich verstehe es nur nicht. 

Ich habe das deswegen wieder gerade mal bemerkt, weil im neuen Roman von Carl Ove Knausgard, Nachtschule, ein Protagonist durch seine Plattensammlung geht und versucht, in diese Sammlung Kohärenz zu bringen, und so, wie Knausgard das eben kann, ist das interessant, zumal ich mir mit Spotify alles sofort anhören kann. Und, was soll ich sagen: ich höre es nicht. The Cure ist für mich genauso ein Geklimper wie alles andere, was er nennt und so umfassend und packend beschreibt. Ich weiß aber, dass einer meiner Jugendfreunde ein The Cure-Addict war. 

Schade. Da gibt es eine Welt, die mir verschlossen ist, und zwar ein Phänomen, das MILIARDEN von Menschen betrifft. Davon gibt es in meinem Leben wenig, weil ich immer einen Zugang fand zu Dingen, auch wenn sie mir völlig fremd sind. Aber Popmusik: ich finde sie existentiell langweilig, sie nervt mich eigentlich sogar, wenn sie irgendwo dauernd läuft. Warum? 

Montag, 23. Februar 2026

Hasardeure des schnellen Todes

Ich glaube, die meisten Menschen stellen sich den Weltuntergang als eine plötzlich eskalierende Katastrophe vor, bei der man, wenn man Glück hat, irgendwie gleich tot ist. 

Und deswegen wünschen sie sich das oder nehmen es hin. Weil sich Widerstand nicht lohnt, und weil bei nicht wenigen Menschen der Lebenswille nicht so hoch ist, wie man denken sollte, sondern eher eine gewisse Grundresignation vorhanden ist. 

Das ist ja einer der Gründe, warum Religion immer auch ein Gebot zum Lebenmüssen enthält, implizit oder explizit. Menschen sind lebensmüde, und das ziemlich schnell, und sie sind es, paradoxerweise, um so mehr, wenn es ihnen gut geht. Weil jede Einschränkung des Lebens  bedrohlich wird, wenn es dir gut geht, und sei es die plötzliche Knappheit von Klopapier. 

Sie unterschätzen damit natürlich den faktischen Willen zum Leben, den jeder kennt, der schon einmal in tatsächlicher, in realer Todesnähe war, durch Krankheit oder Unfall. 

Tatsächlich aber würden überraschend viele Menschen sagen, dass die keine Angst vor dem Tod haben (weil sie ihn faktisch nicht kennen), aber Angst vor dem Sterben (weil es wehtut). Die Vorstellung nun, die Welt würde in einem Ruck vergehen, macht den Weltuntergang nicht nur erträglich, sondern sogar wünschenswert. Es ist sozusagen die ins historisch-kosmologische gewendete Vorstellung von sanften Tod des "einfach Einschlafens". Die Vorstellung der katastrophischen Apokalypse "in einem Nu" ist tief im westlich-europäisch-christlichen Erbe als Verheißung verankert (1. Kor 15, das Drehbuch der Endzeit). 

Ein Irrtum, und zwar ein grotesker. Tatsächlich sterben wir in der Regel langsam und mit Bewusstsein, der schnelle Tod, der so schnell ist, dass man ihn nicht mitbekommt, ist eher die Ausnahme. Es spielt auch letztlich keine Rolle.  Die Selbsttäuschung ist so oder so da. 

Aber der Klimatod bzw. der atomare Fallout nach einem Atomwaffeneinsatz werden entsetzlich und quälend langsam sein, es wird ein elendes Verrecken. Vielleicht sollte man das deutlicher machen, damit die fröhlichen Apokalyptiker stummgestellt werden und der Zynismus des fröhlichen Tanzes auf dem Vulkan sein Ende findet. Solange die Masse der Menschen denkt, dass sie irgendwie glimpflich davonkommt, wird kein Heizungsgesetz der Welt, das diesen Namen verdient, eine Chance haben. Aber alle Hasadeure des schnellen Todes schon. Ich bin kein Freund davon, mit dem Schrecken zu hantieren. Aber den Hasardeuren des schnellen Todes sollte man sehr deutlich vor Augen malen, dass auch sie nicht davon kommen werden.

Sonntag, 22. Februar 2026

body negativity

 Bei meinen Studien (ich nenne das jetzt mal ganz hochtrabend so) zu meinem Projekt über "Nüchternheit" bin ich wieder mal auf die Wüstenväter der spätantiken Christenheit gestoßen, bei denen dieser Gedanke, was an entsprechender Stelle ausgeführt werden wird, eine große Rolle spielt. 


Kleiner Nebenabfall dieser Lektüre in der Kleinen Philokalie und den Aphophtegmata Patron: 

Ich habe die Wüstenväter schon als Jüngling sehr gemocht, wegen ihrer theologischen und geistlichen Konzentration und wegen ihres - wie man es heute nennen würde - countercultural Impulses. Um das Mönchtum zu verstehen, sind sie unverzichtbar, und überhaupt repräsentieren sie einen Aspekt des Christentumes, an den sich von Zeit zu Zeit zu erinnern sicher kein Fehler ist, ich nenne das mal die therapeutisch-weisheitliche Linie. 

Doch zugleich haben sie mich immer zutiefst befremdet, ja abgestoßen (ich habe übrigens Haltungen und Gedanken schon immer unterschieden, die haben meistens wenig miteinander zu tun: große Armleuchter können präzise und kreative Denker sein, charakterstarke Moralbolzen können von stupender Dämlichkeit sein). 

Ihr Körperhass und der aus ihm resultierende Frauenhass ist vernichtend und wirklich unangenehm zu lesen. Der Körper, das Fleisch, ist geradezu das Hassenswerteste auf Erden, von ihm fühlen und wissen sie sich gequält, geschunden, abgelenkt und malträtiert. Er ist ein Übeltäter, und Erlösung war für sie immer auch Erlösung vom Leib, seinen Schrecken und Lüsten. 

Das hat mir als Jüngling nicht nur nicht gefallen, es hat mich auch abgestoßen. Und es tut es immer noch, jetzt sogar noch mehr, weil ich theologisch reflektierter bin und weiß, wohin so ein simpler Dualismus führt, wieviel patriarchaler Selbsthass und tiefer Zynismus darin verborgen ist. Der Körperhass der Wüstenväter ist ideologisch. Aber er ist nicht systemisch. Man kann ihn tatsächlich von vielen ihrer Einsichten lösen. Dann aber wird ihre Body-negativity nicht nur trivial. Dann wird sie ein Schlüssel zum Verständnis von Versöhnung. 

Let me explain:

Seit ich ca. 25 Jahre alt war, hatte ich mich Gallensteinen zu kämpfen, hatte immer wieder mal kleinere Koliken, vertrug Zwiebeln und Paprika nicht und war manchmal ganze Tage dadurch in meiner Leistungsfähigkeit, und gelegentlich auch mal in meiner Lebensfreude, eingeschränkt. Erst als die Steine so große waren, dass eine Operation lohnte, wurde ich diese Beschwerden los, da war ich 40 Jahre alt  und es begann eine neues Leben. 

Ich habe ein schreckliches Gebiss, die Zähne stehen zu eng, schon als kleines Kind musste ich mir das Milchgebiss ziehen lassen und Korrekturzüge erdulden, ich habe vier Zähne weniger im Mund als normal - ohne Medizin wäre ich vermutlich mit ca. dreissig Jahren mindestens der Hälfte meiner Zähne verlustig gegangen und hätte mit offenem Zahnfleisch zu kämpfen. 

In Folge der Gallenoperation bekam ich eine Pankreatitis (das kommt, selten, vor), das waren Schmerzen direkt aus der Hölle, seitdem vertrage ich keinen Alkohol mehr. Wie gesagt: 40. 

Ungefähr ab meinem 50. Jahr halfen die Einlagen nicht mehr, die ich seit meinem 20. Lebenjahr trug: die Plattfüße ruinertien meine Knie, Gehen wird schmerzhaft. 

Die Augen lassen seit meinem 35. Lebensjahr deutlich nach, ohne Brille wäre Lesen völlig unmöglich. Und dann hatte ich auch noch einen Herzinfarkt,  keinen von der ganz schlimmen Sorte, aber vorher hatte ich ca. zwei Jahre mit Schmerzen zu tun, die als orthopädisch verursacht angesehen und also falsch behandelt wurden. Shit happens. 

Meine Akne wurde ich nie richtig los, und seit ich 23 bin, habe ich mit Waschexzemen zu tun, nicht schlimm, aber unangenehm lästig. Seit ca. 10 Jahren habe ich die für einen älteren Herren nicht unüblichen Probleme mit dem Wasserlassen, moderne Medikament vollbringen da wahre Wunder.

Und so weiter, könnte ich fast schreiben. Warum schreibe ich das? 

Mit zunehmenden Alter verstehe ich die Körperfeindlichkeit der Wüstenväter sehr viel besser. Es geht nicht einfach nur um die Zumutung der Lüste, die aus dem Körper kommen (dazu schreibt Foucault viel sehr Kluges). Ich stelle mir vor, in welchem Zustand ich jetzt ohne die moderne Medizin, Hygiene und Ernährung wäre. Ich stelle mir vor, meine pubertäre Akne wäre nicht behandelt worden, meine Gallenleiden hätte sich chronifiziert, meine Zähne ab 25 abgefault (und das ist genau der passende Ausdruck), ich hätte Parasiten, Haut- und Darmbewohner, und, weil es ja keine Seife gab, wären meine Körperfalten und Köperöffnungen Quellen ungeheuerlicher Gerüche. Ab 30 wäre ich ein körperliches Wrack gewesen, und meine koronarer Herzkrankheit, durch Cholesterin verursacht, wäre sicherlich 20 Jahre früher manifest geworden. 

Da öffnet sich ein Verständnis. Es geht nicht nur um die Lust. Es geht auch um Schmerz, Ekel und Qual, und zwar ganz real, ganz medizinisch, sozusagen. 

Body-Positivity ist etwas sehr Modernes, und der theologisch beliebte Satz, dass "ich mich so lieben soll, wie ich bin, weil Gott mich so liebt wie ich bin" hat etwas - nun ja, sehr Leichtfertiges. Denn immer noch lebt eine Großteil der Menschheit wie die Wüstenväter, nicht wie wir. 

Das nehme ich jetzt, 66jährig, der Hinfälligkeit in Ansätzen ausgeliefert und nur dank moderner Medizin noch einigermaßen lebensfroh,  doch sehr viel deutlicher wahr als vor vierzig Jahren. 

Mit ihrem Hass aber haben die Wüstenväter damit noch lange nicht recht. Sie haben übersehen, dass der Körper der eigentliche Kampfplatz der Versöhnung ist. mit ihrer Body-Negativity verharmlosen (!) sie das Kreuz. Aber das ist ein anderes Thema. 


Mystik

Jenseits des Wissen liegt nicht das Unwissen, sondern das Unbekannte. 

Das setzt sich zusammen aus dem möglichen Wissbaren (also aus noch Unbekannten) und dem unmöglich Wissbaren (also dem für immer unbekannt Bleibenden). 

Merkwürdigerweise haben wir dafür kein eigenes Wort. Als wäre es eine Art Tabu, das noch  nicht einmal benannt werden kann. 

Ist es das Mystische? Nein, ist es nicht. Denn das Mystische ist auf seine Art ja auch Wissbares. Durch Versenkung, Veränderung des Blickes, phänomeneologische Epoche, meinetwegen auch durch Sex, Rausch und kataleptische Ereignisse öffnen sich Wahrnehmungsräume von jenem, was bis vor Kurzem (galaktisch gedacht) noch etwas schwammig das Metaphysische oder - noch schwammiger - das Transzendente genannt werden durfte, bevor es peinlich wurde. 

Aber es ist immer als das Unbenennbare benennbar, es ist immer noch per Metapher erreichbar (das Seelenfünklein, der Abgrund, das Innerste, das Woher meines Gesetztseins, was auch immer). Das alles aber ist noch nicht das Unbekannte, das als Unbekanntes unbekannt bleibt. Das "jenseits" der Diffferenz, das Jacques Derrida mit der differance nicht-benannte, das Deleuze mit dem Begriff der Falte (extrem abstrakt, unanschaulich und gleichzeitig fast schon kitischig plausibel), die platonische Chora, die Stille, die nicht einfach Abwesenheit von Geräusch ist. 

Der Tod? Noch nicht einmal der, denn der Tod lebt immer noch von der Differenz, es gäbe  ihn nicht, gäbe es das Leben nicht, aber "es gibt" das, was weder Tod noch Leben ist, das als noch nicht einmal als nicht Vorstellbares nicht vorstellbar ist, nicht pure Negativität, nicht pures Nichts, sondern .... 

Die Frage ist, ob ein Gebet das erreicht, was nicht erreichbar ist. Die Geste purer Hinwendung, die die Frage nach der Erkenntnis, dem Wissen oder Nichtwissen, dem Bekannten oder Unbekannte gar nicht erst stellt. Und ob nicht diese Geste die wahrhaft philosophische, wahrhaft menschliche ist und unser Spott über das Gebet nicht nur heroischer Frevel einer wissensversessenen Moderne ist, sondern letztlich pure Ignoranz, Angst vor der Grenzenlosigkeit. Es würde gut erklären, warum die Moderne so hysterisch ist. 

Donnerstag, 19. Februar 2026

Protestantisches Fasten

 Ich weiss, es nervt. Reminder: Die Reformation war gegenüber frommen Verrenkungen etwas zurückhaltend, um es vorsichtig zu sagen. Religion ist die größte aller fleischlichen Versuchungen, es hat Gründe, warum wir an Invokavit, Beginn der Passionszeit, die Versuchungsgeschichte im Gottesdienst hören, wo der Teufel versucht, Jesus mit der Bibel und frommen Sprüchen auszutricksen. Evangelisch-sein heisst, gegenüber religiösen Praktiken, die auf moralische Überlegenheit oder Bessermacherei hinauslaufen oder gar das Vertrauen in das Vertrauen in Frage stellen, sehr zurückhaltend zu sein. Es hat gute, sehr gute Gründe, warum es keine evangelische Fastenzeit, sondern eine Passionszeit gibt. Wenn es protestantisch etwas zu fasten gibt, dann „Religiosität“. 


Martin Luther schreibt: „Es sind leider viele blinde Menschen, die ihr Kasteien, es sei Fasten, Wachen oder Arbeiten, allein darum üben, weil sie meinen, es seien gute Werke, dass sie damit viel verdienen. Darum fahren sie daher und tun deren zuweilen so viel, dass sie ihren Leib damit verderben und ihren Kopf toll machen. Noch viel blinder sind die, die das Fasten nicht allein nach der Menge oder Länge messen wie diese, sondern auch nach der Speise. Sie achtens dafür, es sei viel kostbarer, wenn sie nicht Fleisch, Eier oder Butter essen. Über diese hinaus sind diejenigen, die das Fasten nach den Heiligen richten und nach den Tagen erwählen, der am Mittwoch, der am Sonnabend, der an Sankt Barbara, der an Sankt Sebastian und so fort. Diese allesamt suchen nicht mehr in dem Fasten als das Werk an sich selbst; wenn sie das getan haben, meinen sie, es sei wohlgetan ... Darum lass ichs geschehen, dass sich ein jeglicher Tag, Speise, Menge zu fasten erwähle, wie er will, sofern, dass er es nicht dabei bleiben lasse, sondern auf sein Fleisch achthabe. Soviel wie dasselbe geil und mutwillig ist, lege er an Fasten, Wachen und Arbeit drauf und nicht mehr, es habe geboten Papst, Kirche, Bischof, Beichtiger oder wer da will. Denn der Fasten, des Wachens, der Arbeit Maß und Regel soll ja niemand an der Speise, Menge oder Tagen nehmen, sondern je nach Abgang oder Zugang der fleischlichen Lust und des Mutwillens, um derentwillen allein sie zu töten und dämpfen - das Fasten, Wachen, Arbeiten eingesetzt ist. Wo dieselbe Lust nicht wäre, so gälte Essen so viel wie Fasten, Schlafen so viel wie Wachen, Müßigsein so viel wie Arbeiten und wäre eines so gut wie das andere, ohne allen Unterschied.“ (Von den guten Werken (1520), K. Aland (Hg.) Luther Deutsch,

Sonntag, 15. Februar 2026

Dösende Dislokation

Seit ich nicht mehr arbeite und in Pension bin (gut 1 1/2 Jahre), bemerke ich einen neuen Zustand an mir, den ich so noch nie kannte, und der mich sehr verunsichert. 

Ich nenne ihn die dösende Dislokation

Ich kann wirklich über lange Zeit einfach so dasitzen oder daliegen und denken, bzw. innere Bilder an mir vorüberziehen lassen, bei wirklich völliger Untätigkeit. Für Stunden. Dislokation deswegen, weil das quasi an einem Nichtort stattfindet. Es ist nicht an einen Raum, eine Lage, einen Ort gebunden. Ich steige aus dem Strom aus. 

Vor allem morgens liege ich oft schon lange wach und brauche auch nach dem Frühstück manchmal bis zu zwei Stunden, um etwas beginnen zu können. Das ist aber keine Faulheit, so fühlt es sich nicht an, eher eine Art Trägheit oder Beharrungskraft. Es zwingt mich ja nichts mehr zum Tätigsein (außer den läppischen  alltäglichen Verrichtungen im Haushalt, der zweimal wöchentliche Gang ins Kraftstudio bzw. zur Uni). Alles andere ist ja ehemals "Hobby" gewesen - was es jetzt nicht mehr ist, weil "Hobby" ja in  Differenz zur "Arbeit" steht. Es ist "Beschäftigung", und es beunruhigt mich ein bisschen, welche Leitdifferenz ich, gut dekonstruktivistisch, ich hier am Werke sehe: Langeweile und Erfüllung. Auch wenn meine Malerei in ein großes Projekt eingebunden ist: es ist keine "Arbeit", und mein Schreiben (was ich ja ein Leben lang fast  täglich, und die letzten 10 Jahre meines Berufes in erstaunlichem Maße betrieben habe) hat keinen Adressaten mehr (sieht man von meinen Verlagstexten ab, die mich aber keinen Schweiß kosten). 

Ich spüre den Ruf meiner Beschäftigungen schon so, wie ich früher den Ruf zur Arbeit gespürt habe, als Verpflichtung, nicht nur anderen gegenüber, sondern auch mir gegenüber, aber dieser Ruf hat nicht mehr die Dringlichkeit, obwohl es mir manchmal schon schlecht geht, wenn ich ihn überhöre. Es ist eher der Ruf aus der Dislokation: Du kannst hier nicht einfach so rumsitzen. 

 Manchmal ist es die schiere Unentschlossenheit, das alte Problem der Freiheit: Soll ich lesen oder Malen, Spazierengehen oder gar Aufräumen? Was lesen? Theorie oder Roman? Oder ein bisschen doomscrollen aus alter Berufsgewohnheit, wo ja Internetscreenen Teil meiner Arbeit war? 

Bei meinen Lesegewohnheiten wird es vielleicht besonders deutlich, wo das Problem liegt. Ich habe immer, solange ich im Beruf stand, jeweils einen fiktionalen und einen theoretischen Text gelesen, also Literatur und Fachbuch. Und das kontinuierlich, bis auf das gute Jahr meiner schweren Trennungskrise, in dem ich tatsächlich nicht lesen konnte, lese ich faktisch jeden Tag, solange ich denken kann. Jetzt aber kriegt das eine ganz andere Gewichtung. Das Lesen - wie auch das Malen - ist nicht mehr definiert über den Dual von Arbeit und Freizeit. Es ist auch nicht mehr auf "Verwertung" angelegt, wie das bei einer Referententätigkeit zur zweiten Natur wird. Lesen um des Lesens willen, wie ganz früher. Das fühlt sich sehr fremd an, immer noch. Es ist - neben der Stillung der immer noch brennenden Neugier - "Zeitvertreib". 

Es stellt sich ein neuer Dual ein, den ich noch schwer fassen kann, schwerer als den von Beschäftigung und Langeweile. Er hat etwas zu tun mit Verlust  und Aufschub von Zeit. Es wird ja gerne damit geflachst, dass Rentner nie Zeit haben. Das ist so falsch gar nicht. Sie haben weniger Zeit. 

Zum einen ist es die paradoxe Erfahrung, dass ich, seit ich nur noch ein paar Termine in der Woche habe, diese Termine ein ungeheures Gewicht bekommen, weil sie "den  ganzen Nachmittag zerstören" oder dergleichen, und sozusagen schon Stunden vorher an die Tür klopfen. Das war in meiner Berufszeit wahrlich anders, wo ich manchmal im 20 Minuten Takt durch den Tag bin. Die geplante Zeit bekommt, wenn Du vermeintlich unendlich Zeit hast, ein völlig anderes Gewicht. 

Warum ist das so? Weil ich eben nicht unendlich Zeit habe. Einmal deswegen, weil meine Fitness- und Aufmerksamkeitsphasen kürzer werden. Ich schaffe keine drei Termine am Tag mehr, oder wenn, dann bin ich völlig platt. Aber es geht noch tiefer. Denn  das Ticken der Lebensuhr ist zu hören ist (nach meinem Herzinfarkt natürlich noch viel mehr). 

Und das verändert die Bedeutung der alltäglichen Zeit schon sehr. Bei allem, was ich tue, steht die Frage: Hat das noch einen Sinn? Für wen machst Du das? Wie lange wirst du das noch können? geschrieben. Und ich mache ja in der Tat fast alles nur für mich. Selbst wenn ich etwas für andere mache, schwingt das mit. Es geht darum, die Zeit zu verbringen. Und dazu eben steht dieses merkwürdige Dösen oder Tagträumen im Gegensatz, und manchmal, wenn ich den Gegensatz spüre (ich sitze hier rum, dabei könnte ich doch Lesen, Malen, Spazierengehen, die Welt retten oder aufräumen), hat das etwas sehr Lähmendes, geradezu Depressives, Dislokatives.

Möglicherweise ist das der Kern der Alterdepression? Ich dachte immer, das wäre der große Regrett, die Trauer um Versäumtes und Ungelebtes. Aber das ist es nicht, das ist etwas Eigenes, dazu schreib ich noch mal irgendwann etwas auf. Wie schlimm eine glückliche Jugend sein kann....

Es ist nicht so, dass ich darunter leide, nicht  mehr gebraucht zu werden, nicht mehr wichtig zu sein, es ist eher ein Staunen darüber, dass meine Kompetenzen quasi von heute auf morgen nicht mehr nötig sind (waren sie es je)? Das ist etwas anderes als die üblichen Selbstzweifel und Imposter-Quälereien, mit denen ich es immer wieder mal während meiner Berufstätigkeit zu tun hatte. Ich frage mich bei allem, was ich tue: wozu? eine Frage, die ich mir früher, auftragsorientiert, wie ich war, so gut wie nie stellte. The job must be done. Aber was ist jetzt mein "Job"? Atmen? 

Es ist etwas Seltsames um den Ruhestand und das Altwerden. Ich finde es erstaunlich, wie wenig ich darüber in Erfahrung bringen kann, erkenne jetzt aber, aus Betroffenheit heraus, wie vielen es so geht.


Ein Nebenaspekt davon: Es macht mich alten Männern gegenüber noch nervöser. Wenn ich überlege, wie klein mein Aufmerksamkeitsfenster gegenüber früher geworden ist (vielleicht vier Stunden am Tag, wo ich wirklich hellwach und fokussiert bin), und wie sehr sich meine Wahrnehmung getunnelt und verlangsamt hat, womit ich nur klarkomme, weil ich ein Leben lang genau daran gearbeitet habe, also quasi intellektuelle Muskeln aufgebaut habe, dann frage ich mich, wie man mit über 70 oder noch älter Funktionen und Ämter ausüben kann, die man mit 45 schon kaum gewuppt bekommt (ich habe 10 Jahre in der Führungsetage gearbeitet, ich weiß, wovon ich rede). Was geht hier vor? Ich wundere mich über mich, aber mehr noch darüber, wieviele Greise, von denen ich per Analogie weiß, wie es  ihnen vermutlich geht, reale Macht haben. Ich glaube nicht, dass das gut ist. Die dösende Diskokation ist, glaub ich, nicht nur mein Problem. Ich fange an, sie anderswo zu sehen. 


Vielleicht hilft ja Schreiben.