Gottesdienst macht glücklich.
Sonntag, 30. April 2023
Platos scary movie
Der Film „Höhlengleichnis“ ist der verlogenste und schrecklichste Film, der in Platos Höhle gezeigt wird: als gäbe es ein „Außen“.
Hermeneutische Differance
Setzt man dort, wo die Hermeneutiker (Fuchs,Bultmann, Ebeling, Jüngel etc.) „Wortereignis“ oder dergleichen Wolkig-beschwörendes schreiben, einfach „gleitender Signifkant“ oder „Spur“ ein, bekommt man sehr aufschlussreiche Texte. Möglicherweise ist es sogar genau das, was diese Verächter von Linguistik, Semiotik und empirischer Sprachwissenschaften meinten, aber Mangels der passenden Tools nicht vermochten. So war ihrem metaphysisch-allegorischem Missverständnis in der alltagstheologie Tür und Tor geöffnet. Ich habe bei Derrida und Wittgenstein gelernt: wenn Sprache über Sprache spricht muss sie kompliziert und widerspenstig sein, sonst denkt man zu schnell, man habe „verstanden“ (wo es gar nichts zu „verstehen“ gibt, Differance ist eine Begegnung). Keep it simple meint hier IMMER do it wrong (ErnstFuchs hat das wohl als einziger kapiert und deswegen esoterische Texte geschrieben).
Die neueren Theologien kaprizieren sich da lieber aufs Praktische, verständlich. There is a crisis to be done. Die möglicherweise gerade in dem, was oben steht, eine ihrer Ursachen hat: Beschwörungstheologie
(Derrida ist ein legitimeres Kind Heideggers als Bultmann, tbh).
Digitaler Schamanismus
Gar nicht so funny Fun-fact: Aus einer digitalen Perspektive gibt es keine Differenz analog-digital, so wie es aus einer neurophysiologischen Perspektive keinen „Geist“ gibt (sondern ephemere und emergente biochemische Prozesse). Ein Großteil der Debatten über diese Themen sind daher massiv unterkomplex, um es freundlich zu sagen. Und in der Theologie wird ja immer noch munter mit Entitäten hantiert, die letztlich auf dem Materie-Form-Dual aristotelischer Prägung beruhen. Das ist noch nicht mal vormodern, das ist archaisch. Könnte da möglicherweise sogar ein Ansatzpunkt sein? Neuanfang der Theologie beim - Schamanismus? Digitaler Schamanismus: Reisende in virtuellen Welten? Paulus hat ja solche Züge, Jesus ohnehin. Nur eben: nicht mit Trommel und Extase, sondern mit Smartphone und Flow?
Samstag, 29. April 2023
Wehen.
Morgen, Sonntag Jubilate, Johannes 16, gehts mal wieder um die Wehen der Endzeit. Ich bin mir nicht so sicher, ob wir die Tragweite dieser Worte im Zeitalter der hochentwickelten medizinischen Geburtshilfe und der (bei uns jedenfalls) marginalen Geburtssterblichkeit überhaupt noch erfassen können. Gerade die Körpermetaphern des Neuen Testaments sind angesichts des Körperwissens und des Körpergefühls der neueren Moderne sehr fremd und führen quasi ein symbolisches Eigenleben. Das geht schon an die Substanz.
Erkenntniscluster
Wer kennt es nicht? Man befasst sich mit einem Thema, und plötzlich poppt es überall auf. Ich habe Lynn Margulis „symbiotic Planet“ angefangen, und nun sitze ich vor Star Trek TNG 4/23, und es geht um die Krill, eine symbiotische Spezies. Und abgesehen von dem doch immer leicht haarsträubenden Plot wird auch hier in vor-woker StarTrek-Wokeness das 1994 schon drängende Problem ökologischer Unvernunft im Rahmen einer erweiterten Symbiosetheorie abgehandelt. Viel liesse sich dazu sagen. 1994!!!
Biotheologie
Ich dachte immer, Religion, Deutsch und Geneinschaftskunde hätten mich tief geprägt. Immer deutlicher wird mir: es war mein Biologieunterricht. Im Leistungskurs lernte ich (wie ich jetzt erst wirklich begreife) eine damals eher als esoterisch geltende Sicht auf die Evolutionstheorie kennen (Margulis/Sagan), erste Ansätze ökologischen Denkens (Uexkuell) und Wissenschaftstheorie (N. und M.Hartmann). Über die Pilze und Donna Haraway stoße ich jetzt darauf, denn hier ist Lynn Margulis die Grande Dame im Hintergrund, die unsung hero der Biologie. Ihre Bücher lese ich jetzt, und ganz offensichtlich war unser Biolehrer der gerade entstehenden Gaia-Hypthese sehr nahe. Und ich lerne, was ich einst gelernt habe (ohne es damals zu begreifen, versteht sich). Ist schon seltsam. Dass ich in meinem theologischen Studium darauf nie gestoßen wäre, wenn ich es nicht schon aus der Schule mitgebracht hätte, ist da noch einmal ein anderes Thema. Warum es mir so wichtig ist? Weil es darum geht, was wir sagen, wenn wir von Schöpfung reden. Und wie unglaublich töricht die Rede von der Bewahrung der Schöpfung ist, weil sie immer noch anthropozentrisch ist und die traditionelle Ermächtigungsformel einfach nur umdreht - und damit bloß moralisch wird, eine Variante des naturalistischen Fehlschlusses (eine der ganz großen Torheiten des Reptiliengehirns). Dass uns damit keiner mehr ernst nimmt, muss nicht verwundern. Ich jedenfalls kapiere gerade: ich habe Theologie mit einem biologischen Mindset studiert, weil ich in der Schule einen avantgardistischen Biologieunterricht hatte. Der Lehrer hieß Becker und hat leider nur drei Halbjahre unterrichtet. Ich bin jetzt sehr gespannt, Lynn Margulis zu lesen: Symbiotic Planet lautet der englische Titel. Und der deutsche Titel zeigt schon, wo unser Problem liegt,“Die andere Evolution“. 🤮 mich macht das zornig. Weil es etwas mit der Lebensqualität meiner Kinder zu tun hat, dass wir verstehen, was vorgeht und wie es vorgeht und wie sehr unser „normales“ Verstehen schief liegt und wir also auch unser Verstehen verstehen müssen. Hier ist Dummheit (Unfähigkeit zur Reflexion und Verortung durch Selbstbeobachtunf) lebensgefählich. In diesem sehr präzisen Sinne dumme Wissenschaft ist nicht besser als dumme Religion. Sie sind Geschwister, die im Kreationismus inzestuös werden.
Sterbende Kirche
Jetzt wird sich zeigen, wie es um die professionelle Hoffnung steht. Wo es doch um Pensionen und Gehälter geht. Aber zumindest wir Boomer sind es ja gewohnt, überflüssig zu sein.
Freitag, 28. April 2023
Timing.
„Zu spät“ könnte ein Satz sein, an den wir uns gewöhnen sollten .Die Strauße erheben ihre Häupter aus dem Sand und siehe: zu spät. Auf dem Totenbett einer der schlimmsten Sätze des großen Regrett überhaupt. Und die den Kopf obenhielten, sahen nur Bürzel. Das macht sehr müde.
Kontraintuition
Je abstrakter eine Theorie ist (die muss natürlich konsitent sein!), umso adaptiver ist sie. Deswegen ist Karl Barths Denken tauglich für die Transformation, auf die wir zugehen. Tagesaktuelle und vermeintlich „lebensnahe“ Theologie geht mit dem, was untergeht, unter (und kann daher den Untergang nicht denken wollen). Soll Theologie „relevant“ sein, muss sie abstrakt sein.
Entropische Dummheit
Mehr muss man über Medien und Bildung nicht wissen. https://www.facebook.com/reel/210965754881808?fs=e&s=TIeQ9V
Antikes Glück
Odysseus ist mein treuester Fan: Niemand liest, was ich schreibe.
Irrtum
Die vielleicht nicht größte, aber wohl fatalste Lüge ist die von der Wahrheit über oder gegen sich selbst.
Tödliche Lektüre
Des Büchermachens ist kein Ende. Des Bücherlesens leider schon. Jeder Buchkauf ist another brick out of the wall. Deswegen macht mich Lesen traurig.
Leiter und Mauer.
Für Wittgenstein ist die Philosophie die Leiter, die man umwirft, wenn man die Mauer erklommen hat (Tractatus 6.54). Für die Theologie ist das nicht so. Weil sie die Mauer ist.
Donnerstag, 27. April 2023
Täuschung
Die wohltemperierte Stimmung ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir uns an das Falsche nicht nur gewöhnen, sondern es sogar als schön empfinden. Nur, damit das System funktioniert.
Selbstwebung
Ein großes Paradox in der gewöhnlichen Rede von Netzwerken: „Netzwerkorganisationen“ wären im Grunde sich selbst webende Webstühle.
Sommer adé!
Ich komme jetzt in das Alter, wo ich mich so auf den Sommer freue, dass ich jetzt, Ende April, schon über sein Ende trauere. Kauft die Zeit aus, das Alter macht dumm!
Höflichkeit
Höflichkeit ist die kleine Münze christlicher Ethik. Wer damit nicht zahlen kann, dessen große Scheine wie z.B. „christliche Werte“, „Bewahrung der Schöpfung“ usw. lege ich besonders gründlich unter das UV-Licht.
Selbstlosigkeit
Altruismus ist Egoismus mit langfristiger Gewinnerwartung. An der Einsicht hängt die sogenannte „religiöse Ethik“ - die erst zum Problem wird, wenn die Ewigkeit wegfällt.
Mittwoch, 26. April 2023
Erkenntnis-Umkehr
Die Digitalisierung liefert Metaphern für die „Natur“: Wood Wide Web für die erstaunliche subterrane Welt der Pflanzen. Think about it. Und umgekehrt: unter dieser Leitemetapher zeigt sich, dass die Metapher nicht „stimmt“, was wieder auf die Beschreibung der technischen Installationen rückwirkt. Autopoetische Dekonstruktion.
Technische Symbiose
Ist das Smartphone so etwas wie ein Symbioseknoten in die virtuelle Welt, also ein technisches Analogon zu Pilz-hyphen, die jeweils an den mycelspitzen den Kontakt zu anderen Wesen herstellen? Dann wäre die Frage nach den Grenzen des Ich, die Gregory Bateson angesichts eines Blindemstocks gestellt hat, auch hier zu stellen. Symbiosen sind Wechselbeziehungen, die „Identitäten“ in Frage stellen. Möglicherweise ist die Moderne Subjektphilosophie als Standard-Mindset einer kapitalistische Gesellschaft noch viel gefährlicher, als ich bisher dachte: die Selbstüberschätzung als Akteur mit klar definierten Grenzen. Wie, wenn die „virtuelle“ Welt gar nicht „virtuell“ wäre, sondern eben nur eine weitere Schicht, die uns bisher verschlossen war und die uns durchzieht wie Mycele den Boden? (Gehört eigentlich schon mehr in meinem andern Blog). Und immer: was ist die theologische Implikation dieser ontologischen Überlegungen? Wenn sich das Ich zunehmend auflöst: müssten wir nicht ein perichoretisches Bild des Ich entwerfen? Nicht eine christologisch enggeführte Anthropologie (Karl Barth, in ihrer Radikalität immer noch genialisch), sondern eine Trinitarisch-sympoietische Anthropologie? Haraways Cyborg zu Ende gedacht? Techno-physio-Mystik? Klingt sehr schräg. Aber…
Innen-Aussen
Sind nicht Pessimistinnen und Pessimisten (die halt einfach mit dem Tod rechnen) die stärksten Vertreter und Vertretrinnen der Hoffnung?
Dienstag, 25. April 2023
Mykotheologie
Ich verliere vermutlich völlig den Kontakt zum Mainstream, aber die Vorstellung, dass Religion ihren Ursprung in Pilzen hat und ein Epiphänomen deren Überlebensstrategie ist, fasziniert mich sehr und kommt mir sehr plausibel vor - plausibler als jede Besenkammer-Psychologie oder Küchentisch-Soziologie, die in der Theologie gerne getrieben werden.
Bezug: was Sheldrake über Bewusstseinsverändernde Stoffe von Pilzen schreibt: „Kann man sich auch die Veränderungen in Bewusstsein und Verhalten der Menschen, die durch Psilocybin-Pilze hervorgerufen werden, als Teile des erweiterten Phänotyps des Pilzes vorstellen? Das erweiterte Verhalten von Ophiocordyceps hinterlässt in der Welt eine Spur in Form bleibender Narben auf der Unterseite von Blättern. Kann man auf den Gedanken kommen, das erweiterte Verhalten der Psilocybin-Pilze hinterlasse in der Welt eine Spur von Zeremonien, Ritualen, Gesängen und anderen kulturellen und technischen Auswüchsen unserer veränderten Zustände? Kleiden sich die Psilocybin-Pilze in unseren Geist, wie Ophiocordyceps und Massospora sich in die Körper von Insekten kleiden?“
Montag, 24. April 2023
Darwin
Darwin gehört neben Freud zu den großen Missverstandenen, und dass gerade die Theoloie sich als zu dumm erwies, zu begreifen, was er herausfand, ist ein großer Schmerz. Ich glaube, das ist die größte Blamage der Theologie überhaupt seit der Ablasstheologie des 15. Jahrhunderts. Und hat viel zu ihrer Deplausibilisierung beigetragen: ausgerechnet zum zentralen Phänomen des Lebens konnte sie nicht substantielles mehr sagen. Und so hat dann die Evolutionsbiologie die Theologie als Leitwissenschaft beerbt - vor allem, seit sie sich in den 70/80er Jahren stärker auf den kooperativen Aspekt der Evolution konzentierte (Lynn Margulis). Ich hatte das, aus heutiger Sicht, schier unbegreifliche Glück, einen Biologielehrer im Leistungskurs gehabt zu haben, der absolut auf der Höhe der Zeit war und uns Evolution und Ökologie (1978/78!) als systemische Theorien nahebrachte (wie ich heute weiß). Sicherlich eine der Antworten auf das im Post „Entdeckung“ Gesagte. Jedenfalls ist deutlich, dass gerade aus der Evolutionsbiologie ethische Leitlinien für Kooperation und Kollaboration als Selektionsvorteil entwickelt werden, die plausibler sind als abstrakte theologische Ethiken, die in Gleichnissen spricht.
Musik
Ein unmusikalischer Theologe wie ich: eigentlich geht das gar nicht. Wie ein Schamane, der nicht tanzen und trommeln kann.
Sonntag, 23. April 2023
Entdeckung
Ich musste 62 werden und 40 Jahre Theologie auf dem Buckel haben, um etwas Entscheidendes zu begreifen...ich lese gerade (wieder) Luhmann, Soziale Systeme, und es ist interessant, dem Jüngling von damals via alte Anstreichungen beim Lesen zuzuschauen. Aber das ist es nicht (wäre einen eigenen Gedanken wert).
Parallel dazu habe ich Knausgards "Morgenstern" und "Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit" gelesen - in denen es unter Anderem auch um Pilze geht, und der ganze Roman ist vom systemischen Denken durchdrungen (und vom Tod - da gibt es aber einen klaren Zusammenhang. Ich warte auf den dritten Band).
Das wiederum ließ mich auf Merlin Sheldrakes Pilzbuch stoßen ("Verwobenes Leben"), weil ich - via Knausgard - mitbekam, dass ich trotz meiner Passion für Pilze nicht auf dem allerneuesten Stand bin (man glaubt es kaum: aber das wundersame Pilzbuch von Anna Löwenhaupt-Tsing, "Der Pilz am Ende der Welt" ist tatsächlich schon in manchem Detail überholt).
Das Buch von Sheldrake liest sich wie eine empirische Beweisführung für Luhmann (aber halt - schreibt der nicht über Kommunikation als selektive Grundfunktion von sozialen Systemen? - eben, eben! Pilze sind da - seltsam. Sie scheinen zu kommunizieren...das ist auch ein bisschen gruselig).
Was ich dabei begriffen habe, und darum geht´s mir hier gerade: wie schwer offensichtlich vielen Menschen das systemische Denken fällt.
Kein Wunder, dass ich über Jahre das Gefühl hatte, immer etwas neben der Spur zu sein - denn, warum auch immer, das systemische Denken war mir schon als Oberstufenschüler tief vertraut, die Luhmann-Lektüre wenige Jahre später war für mich wie eine Art "Wiederentdeckung" meines eigenen Denkens, für das ich so richtig keine Worte hatte.
Es wäre doch mal interessant, zu erfahren, woher das kommt. Meine kleinbürgerlich Herkunf mit Migrationshintergrund? Die vielen Toten in meiner Biographie? Andermal).
Woran ich das festmache, dass systemische Denkens so schwer fällt?
Nun, es wird - gerade auch in der Kirche - immer schön heftig auf der Zurechnungsbörse mit Schuldoptionen gehandelt, ohne sich bei diesem Handeln zu beobachten. Schuldige zu finden und Leute baumeln zu sehen, wird immer wieder als mögliche Lösungsstrategie gesehen, die Verwechslung von Ursache und Schuld (und die für mich doch letztlich banale Einsicht, dass man nach Schuld erst fragen kann, wenn man die Ursachen begriffen hat) feiert fröhliche Urständ.
Eine harte Erkenntnis. Wieso habe ich das nie verstanden, dass so wenige das verstanden haben? Natürlich hört man immer "Alles hängt mit allem zusammen" und " wir müssen ökologisch denken", aber dann zeigt sich doch immer wieder, dass in Wahrheit gesagt wird: Alles hängt mit Menschen irgendwie zusammen, und es zeigt sich eine naive Welt der Dinge und eine Art naiver Anthropomorphismus (dazu schreibt Sheldrake, ganz Sohn des Vaters, schöne Sachen).
Aber mir wird gerade schlagartig verständlich, warum Pandemie, Klimawandel, Globalisierung und Digitalisierung so schwer zu denken, zu akzeptieren und in mögliche Strategien einzubauen sind. Was mir oft als "Dummheit" begegnet (und was so zu nennen mich zugleich beschämt und beunruhigt, bin ich doch auch einer von denen...), ist einfach nur systemische Blindheit.
Solange man Akteure am Werk sieht, die nicht systemisch verankert sind, sieht man nicht, was geschieht, sondern man sieht nur, was man sieht.
Das liegt vermutlich auch ein wenig an einer banalen Luhmannrezeption (zu der ich auch neigte) im Sinne eines "abgesunkenen Kulturgutes" oder einer feuilletonitischen Bescheidwisserei. Man denke nur an die begeisterte Hartmut-Rosa-Lektüre oder an Thomas Reckwitzens "Singuläritätenbuch", wobei man natürlich beiden nicht gerecht wird, wenn man sie nur aus der Perlentaucher-Perspektive liest. Nichts ist so krass, wie das subjekttheoretische Missverständnis dieser Ansätze. Das gilt dann auch für Deleuze - ich glaube inzwischen, dass der eine sehr bemerkneswerte Rezeptionsgeschichte hat, die aus vielen fast das Gegenteil von dem gemacht hat, worum es ihm ging. Genug Bildungsgefasel:
Durch die Pilzbücher und Knausgard ist mir noch einmal deutlich geworden, dass Donna Haraway mit ihrem Begriff der "Sympoiesis" (anstelle der rein selbstbezüglichen Autopoiesis) eine wesentliche Erweiterung des systemischem Denkens gebracht hat, und den Luhmannschen Gedanken, dass Systeme einander Umwelt sind, sozusagen zu Ende gedacht hat.
Bei Pilzen verschieben sich ständig die Grenzen, Sheldrake beschreibt sehr eindrücklich, wie die Tier-Mensch-Pflanzen-Grenze durch Pilze verschwimmt (und er ist systemisch extrem wach: er sieht natürlich, dass er als Beobachter diese Grenzen zurechnet), und wie z.B. bei den Flechten selbst die Kausalität merkwürdig unscharf wird, weil auch der Begriff der "Symbiose" nicht genau erfasst, wer hier von wem "profitiert", und dass dieses Denken in Profitkategorien womöglich eine kapitalistische Perspektive auf Prozesse ist, die nach ganz anderen Regeln ablaufen, als nach denen des Marktes.
So ist z.B. das "altruistische" Verhalten (sic!) mancher Pilze, die "uneigennützig" Ressourcen für andere Pflanzen bereitstellen, bisher schwer verständlich. Da wird offensichtlich nicht die richtige "sympoietische" Frage gestellt.
In Summa: die alte Ontologie der Dinge, Personen und Prozesse hat uns noch schwer am Wickel, aber, das ist ja ein Lieblingssatz von mir, der sich mir selber jetzt in seiner Bedeutung erschließt: In Wirklichkeit ist die Realität ganz anders.
Vermutlich "ist" sie gar nicht....und da wirds dann theologisch (weil es, siehe oben, etwas mit der Zurechnung von Schuld zu hat, wo gar keine Handlungen vorliegen....).
Wohin mag mich das führen? Deutlich wird mir jedenfalls: "ontologische" Fragestellungen sind der Schlüssel für eine künftige Schöpfungstheologie, die ohne Begriff der "Welt" auskommen muss (oder zumindest ohne einen anschaulichen Begriff von Welt - da ist Luhmann ja schon weit gekommen: Für ihn ist "Welt" sozusagen die ultimative Differenz. Das ist natürlich theologisch nicht haltbar. Gott ist hier der ultimative Differenzbegriff, weil er die "Differenz" "ist". Ein Gefüge.).
Der "systemische" Charakter der Erde, die ja meist gemeint ist, wenn von der Welt die Rede ist, der offensichtlich den antiken Autoren des ersten Schöpfungsberichtes noch selbstverständlich war, muss begriffen werden. Nietzsches Ruf (der sich sich aggressiv gegen ein metaphysisches Christentum richtete, dass die "Erde" gegenüber einem "Jenseits", dem "Reich Gottes " oder gar einem wie auch immer "intakt" gedachtem Paradies abwertete), ist so aktuell wie nie: "Bleibt der Erde treu"!
Das wird aber nur gehen, wenn wir systemisch denken lernen.
Die wahre Umwertung der Werte, weitaus radikaler, als sie Nietzsche sich vorstellte, der immer noch ein Gefangener Hegels war mit seiner ewigen Wiederkehr, die ja, um das alte Bild von Marx über Hegel zu stressen, sozusagen Hegel vom Kopf auf die Seite legte.
Systemisches Denken aber ist weder zyklisch noch linear. Das ist hart an dem, was unser elaboriertes Reptiliengehirn (Grundfunktion: Fressen, Schlafen, Fortpflanzen) hinbekommt.
Ich habe jetzt jedenfalls begriffen, warum mein Denken, das ich als höchst konkret erlebe, zumeist als völlig abständig und abstrakt wahrgenommen wird (außer von meinen Predigthörern, das verunsichert mich jetzt wieder - es gibt deutlich etwas, von dem ich noch nicht einmal sehe, dass ich es nicht sehe).
Heidentum
Der moralische Druck, ein gutes, gesundes und richtiges Leben zu führen (Sport, Ernährung, Umwelt etc.) wird immer höher, gleichzeitig wird über selbstbestimmtes Sterben diskutiert. Das Heidentum der Optimierung und der Verfügbarkeit. Das kann nicht glücklich machen.
First Contact.
Samstag, 22. April 2023
Genug ist Genug - Predigt Buß- und Bettag, M6, 24-34
Dumme Dekonstruktion
Dekonstruktion ist letztlich nichts anderes als (aka:funktionales Äquivalent zu) Entmythologisierung der Sprache. Und wie bei dummer Entmythologisierung, die meint, man könne den Mythos einfach abschaffen, bleibt bei dummer Dekonstruktion (nämlich: als Destruktion gemacht) nur eine leere Struktur übrig (das „Kerygma“, die Grammatik). Warum ist es so schwer, Balance zu halten? Am Ende gehts eben doch um Physik und Elektrizität: fließt kein Strom mehr, Peng. Entropie heißt der Killer, der bis in den Satzbau sein Unwesen treibt. Dekonstruktion ist Negentropie. Das macht sie (Derrida möge mir verzeihen!!) theologisch.
Sünde und Grammatik
Dass die Sprache mit ihrer grundlegenden Binarität (Bedeutungsorganisation über semantische und phonetische Opposition), also über Selektionen, unser Denken völlig verhext, ist eine der übelsten Folgen der Sünde. Oder ihr Grund? Da habt ihr es. Wir können nur linear. Schlecht in einer Welt, die sich als immer deutlicher Nicht-binär und nicht- linear entpuppt. Der gesunde Menschenverstand wird gekränkt bis in die Wurzeln seiner Organisation: sogar die Grammatik liegt mit ihren Simplifikationen (drei Zeiten, zwei Geschlechter, zwei Modi etc.) schlicht nur im Ungefähren. Das reicht nicht mehr. Der „Aufstand der Linearen“, der „semantischen Gelbwesten“ und „grammatischen Querdenke [weder quer noch Denken] mit ihrem Schlachtruf: „Sag es einfach!“ oder „Nicht reden, sondern tun!“ ist nur noch eine Frage der Zeit. Die Medien arbeiten stark daran, und der politische Diskurs auch. Und wenn der Glaube sich dem verweigert und auf nicht-linearer Komplexität besteht (ohne wiederum alles als Geheimnis zu mystifizieren), wird er zum Minderheiten- und Elitenprojekt. Ein verdammtes Dilemma. Oder eben das Dilemma der Verdammten.
Freitag, 21. April 2023
Disruptive mykologie
Hölle der Demokratie
Mittwoch, 19. April 2023
Schmierfink
Der arme Vogel kann ja nichts dafür, und ich weiß auch nicht, wie er zu dem wenig schmeichelhaften Titel kam, bzw. wie der Fink mit dem Schmieren in Kontakt gebracht wurde. Wie auch immer: es ist ein altmodisches Wort. Leider ist es auch etwas verbraucht, weil es polemisch gegen eine bestimmte Form von kritischem Journalismus eingesetzt wird, der damit herabgesetzt werden soll, und es wundert nicht, dass das Wort, in pragmatisch-semantischer Nachbarschaft zur "Lügenpresse" und "Meinungsdiktatur" auftaucht und folglich natürlich auch eine Nazi-Geschichte hat.
Ich bedauere das, weil ich das Wort für einen anderen Sachverhalt, für eine andere Form von nichtswürdigem Gebrauch des Stiftes, gerne behalten hätte, und heute, nach meinem Gang in die Bibliothek, sogar mit einer gewissen verächtlichen Wutenergie: Wer bitte schreibt, malt und markiert in Bibliotheksbücher? Einen solchen Menschen würde ich lebenslanges Studier- und Ausleihverbot anhängen, und ihn eben, auch gerne öffentlich, einen Schmierfinken nennen wollen. Gerne auch gegendert: Denn natürlich, ist das Hymen des weißen Papieres erst einmal zerstört, fingern auch andere mit ihren Griffeln darin herum. Es scheint ansteckend zu sein, wie jeder Tabubruch, der im Stillen stattfindet. Und die Schrift zeigt (mit einer gewissen Verlässlichkeit der Einschätzung nach 20 Jahren Unterricht): es waren Männer und Frauen, die da in das Buch krakelten. Einziger Trost: eine der Damen (oder ein sehr feminin schreibender Mann) hat so strunzdumme Kommentare in das Buch geschrieben, dass ich damit schon wieder meinen Frieden machen kann. Es gibt hoffnungslose Fälle.
Denkmüdigkeit
Meine Denkmüdigkeit führt mich zur Literatur, dabei wäre Spazierengehen viel sinnvoller. Aber da denke ich dann wieder. Komme vom Spaziergang oft müde heim, nicht von der Bewegung der Beine, sondern von der Unruhe des Herzens (meinem Denkorgan. Mein Gehirn ist viel zu steif zum Denken. Es kann nur Schlüsse ziehen, wie öde.)
Dienstag, 18. April 2023
Picard, Update
Die Serie ist gut gemacht, keine Frage, spannend, unterhaltsam, sehr trekkig, das beste Spin-Off bisher. Und trotzdem: der Subtext ist beängstigend. Wir haben die jüngere Generation im großen Stil im Stich gelassen. Dieser feuchte Boomer-Traum ist aus der Perspektive meiner Nachkommen (in den 20ern) eine einzige Schreckensvision. Wrinkles everywhere. Ich ertrage es jetzt schon kaum.
Okay. Die letzte Folge reißt es raus. Ironie und Pathos, haarsträubender Plot wie immer bei Star Trek, und ein völlig genialer Cliffhanger, der etwas andeuten, auf das ich mich sehr freuen würde…ein bisschen schaler Geschmack bleibt. Last Generation ist ein ambivalenter Titel.
Montag, 17. April 2023
Homiletik in nuce
„Aufrichtigkeit ist inkommunikabel, weil sie durch Kommunikation unaufrichtig wird“ Luhmann, Soziale Systeme, 207. Eine Predigt, die sich durch Plausibilisierung plausibilisiert, wird unplausibel, man spürt die Absicht und ist verstimmt. Es ist dann eine Beschwörung, eine schamanische Praxis. Gute Schamanen wissen das natürlich- mit einem Nietzscheschen Augenzwinkern.
Kassandras Verzweiflung.
„This is not, how it works“. Der Schlüsselsatz für die Moderne. Die Niederlage des Augenscheins, der Meinung und der „Tradition“. Kein Wunder, dass die Wut die Leitemotion der Gegenwart ist.
Naivität
Gefährlicher als Naivität (die ja etwas sehr Liebenswertes haben kann, weil sie uns an bessere Zeiten erinnert, die es nie gab) ist die Naivität, nicht mit Naivität zu rechnen, noch gefährlicher ist die Naivität, nicht mit denen zu rechnen, die mit Naivität rechnen.
Kommunikation
Wer eine Botschaft „hat“, wird in der Moderne nicht ankommen.
Leben
Das Leben ist eine einzige, Große narzisstische Kränkung, und wie es gelebt wird, hängt letztlich davon ab, wieviel beleidigte Leberwurst man in sich zulässt. Glaube hilft, das zu handeln: mich darin wichtig zu nehmen, mich nicht so wichtig zu nehmen. Den Suizid Gott überlassen und die Zeit auskaufen.
Samstag, 15. April 2023
Moral als Symptom
Die Verwechslung oder gar In-eins-Setzung von Theologie und Teleologie ist die Mutter aller Irrtümer, sie liegt noch unter der Verwechslung von Kausalität und Korrelation (der Mutter aller Dummheit). Letztere ist vielmehr Ursache der ersteren, Theorie kommt immer nach. Aber ist sie erst einmal in der Welt, wird die Ursache Symptom. Und da Teleologie als metaphysisches und ontologisches Postulat nicht mehr funktioniert, bleibt eben nur die Teleologie des kleinen Mannes übrig; Moral. Das macht Theologie irrelevant. Sie erklärt nichts mehr. Und wird peinlich.
Mittwoch, 12. April 2023
Traditionsparadoxa
Traditionalisten sind wirklich nicht zu beneiden. Wenn eine Tradition als Tradition beschworen wird, ist sie als Tradition schon verloren. Sie ist nur noch Zitat. Tradition ist nicht thematisierbar, solange sie tradiert wird, wird sie thematisiert, stirbt sie. Das historische Bewußtsein ist unumkehrbar. Einer der Gründe, warum Konservativismus denkerisch nicht mehr vorankommt: er kommt immer zu spät. Reaktionäre haben das verstanden. Sie inszenieren Tradition, um Privilegien zu stabilisieren. Insofern sind Reaktionäre moderner als Traditionalisten. Auf dem Holzweg sind beide: ihre Haltungen sind - traditionell. Theologie muss also....
Montag, 10. April 2023
Bilder vom leeren Grab.
Ich verstehe das Bild nicht. Wo wird davon berichtet, dass es aus dem Grab leuchtet? Das Grab ist und bleibt ein Ort des Schreckens, der Verwirrung und der Leere. Die Frauen werden fortgeschickt, Johannes und Petrus erleben eine Posse mit leeren Leichentüchern. Ich finde dieses Bild für das, was an Ostern geschah, äußerst problematisch. (Ja, und folglich auch den Isenheimer Altar). Das steht für eine christliche Todesverharmlosung, die fatale Folgen hat. Wir sollten da im 21. Jahrhundert eigentlich weiter sein.
