Sonntag, 30. April 2023

Simple but true

 Gottesdienst macht glücklich. 

Platos scary movie

 Der Film „Höhlengleichnis“ ist der verlogenste und schrecklichste Film, der in Platos Höhle gezeigt wird: als gäbe es ein „Außen“. 

Hermeneutische Differance

 Setzt man dort, wo die Hermeneutiker (Fuchs,Bultmann, Ebeling, Jüngel etc.) „Wortereignis“ oder dergleichen Wolkig-beschwörendes  schreiben, einfach „gleitender Signifkant“ oder „Spur“ ein, bekommt man sehr aufschlussreiche Texte. Möglicherweise ist es sogar genau das, was diese Verächter von Linguistik, Semiotik und empirischer Sprachwissenschaften meinten, aber Mangels der passenden Tools nicht vermochten. So war ihrem metaphysisch-allegorischem Missverständnis in der alltagstheologie Tür und Tor geöffnet. Ich habe bei Derrida und Wittgenstein gelernt: wenn Sprache über Sprache spricht muss sie kompliziert und widerspenstig sein, sonst denkt man zu schnell, man habe „verstanden“ (wo es gar nichts zu „verstehen“ gibt, Differance ist eine Begegnung). Keep it simple meint hier IMMER do it wrong (ErnstFuchs hat das wohl als einziger kapiert und deswegen esoterische Texte geschrieben).   


Die neueren Theologien kaprizieren sich da lieber aufs Praktische, verständlich. There is a crisis to be done. Die möglicherweise gerade in dem, was oben steht, eine ihrer Ursachen hat: Beschwörungstheologie  


 (Derrida ist ein legitimeres Kind Heideggers als Bultmann, tbh). 

Digitaler Schamanismus

 Gar nicht so funny Fun-fact: Aus einer digitalen Perspektive gibt es keine Differenz analog-digital, so wie es aus einer neurophysiologischen Perspektive keinen „Geist“ gibt (sondern ephemere und emergente biochemische Prozesse). Ein Großteil der Debatten über diese Themen sind daher massiv unterkomplex, um es freundlich zu sagen. Und in der Theologie wird ja immer noch munter mit Entitäten hantiert, die letztlich auf dem Materie-Form-Dual aristotelischer Prägung beruhen. Das ist noch nicht mal vormodern,  das ist archaisch. Könnte da möglicherweise sogar ein Ansatzpunkt sein? Neuanfang der Theologie beim - Schamanismus? Digitaler Schamanismus: Reisende in virtuellen Welten? Paulus hat ja solche Züge, Jesus ohnehin. Nur eben: nicht mit Trommel und Extase, sondern mit Smartphone und Flow? 

Samstag, 29. April 2023

Wehen.

 Morgen, Sonntag Jubilate, Johannes 16, gehts mal wieder um die Wehen der Endzeit. Ich bin mir nicht so sicher, ob wir die Tragweite dieser Worte im Zeitalter der hochentwickelten medizinischen Geburtshilfe und der (bei uns jedenfalls) marginalen Geburtssterblichkeit überhaupt noch erfassen können. Gerade die Körpermetaphern des Neuen Testaments sind angesichts des Körperwissens und des Körpergefühls der neueren Moderne sehr fremd und führen quasi ein symbolisches Eigenleben. Das geht schon an die Substanz. 

Erkenntniscluster

 Wer kennt es nicht? Man befasst sich mit einem Thema, und plötzlich poppt es überall auf. Ich habe Lynn Margulis „symbiotic Planet“ angefangen, und nun sitze ich vor Star Trek TNG 4/23, und es geht um die Krill, eine symbiotische Spezies. Und abgesehen von dem doch immer leicht haarsträubenden Plot wird auch hier in vor-woker StarTrek-Wokeness das 1994 schon drängende Problem ökologischer Unvernunft im Rahmen einer erweiterten Symbiosetheorie abgehandelt. Viel liesse sich dazu sagen. 1994!!!  

Biotheologie

 Ich dachte immer, Religion, Deutsch und Geneinschaftskunde hätten mich tief geprägt. Immer deutlicher wird mir: es war mein Biologieunterricht. Im Leistungskurs lernte ich (wie ich jetzt erst wirklich begreife) eine damals eher als esoterisch geltende Sicht auf die Evolutionstheorie kennen (Margulis/Sagan),  erste Ansätze ökologischen Denkens (Uexkuell)  und Wissenschaftstheorie (N. und M.Hartmann).  Über die Pilze und Donna Haraway stoße ich jetzt darauf, denn hier ist Lynn Margulis die Grande Dame im Hintergrund, die unsung hero der Biologie. Ihre Bücher lese ich jetzt, und ganz offensichtlich war unser Biolehrer der gerade entstehenden Gaia-Hypthese sehr nahe. Und ich lerne, was ich einst gelernt habe (ohne es damals zu begreifen, versteht sich). Ist schon seltsam. Dass ich in meinem theologischen Studium darauf nie gestoßen wäre, wenn ich es nicht schon aus der Schule mitgebracht hätte, ist da noch einmal ein anderes Thema. Warum es mir so wichtig ist? Weil es darum geht, was wir sagen, wenn wir von Schöpfung reden. Und wie unglaublich töricht die Rede von der Bewahrung der Schöpfung ist, weil sie immer noch anthropozentrisch ist und die traditionelle Ermächtigungsformel einfach nur umdreht - und damit bloß moralisch wird, eine Variante des naturalistischen Fehlschlusses (eine der ganz großen Torheiten des Reptiliengehirns). Dass uns damit keiner mehr ernst nimmt, muss nicht verwundern. Ich jedenfalls kapiere gerade: ich habe Theologie mit einem biologischen Mindset studiert, weil ich in der Schule einen avantgardistischen Biologieunterricht hatte. Der Lehrer hieß Becker und hat leider nur drei Halbjahre unterrichtet. Ich bin jetzt sehr gespannt, Lynn Margulis zu lesen: Symbiotic Planet lautet der englische Titel. Und der deutsche Titel zeigt schon, wo unser Problem liegt,“Die andere Evolution“. 🤮 mich macht das zornig. Weil es etwas mit der Lebensqualität meiner Kinder zu tun hat, dass wir verstehen, was vorgeht und wie es vorgeht und wie sehr unser „normales“ Verstehen schief liegt und wir also auch unser Verstehen verstehen müssen. Hier ist Dummheit (Unfähigkeit zur Reflexion und Verortung durch Selbstbeobachtunf) lebensgefählich. In diesem sehr präzisen Sinne dumme Wissenschaft ist nicht besser als dumme Religion. Sie sind Geschwister, die im Kreationismus inzestuös werden. 

Sterbende Kirche

 Jetzt wird sich zeigen, wie es um die professionelle  Hoffnung steht. Wo es doch um Pensionen und Gehälter geht. Aber zumindest wir Boomer sind es ja gewohnt, überflüssig zu sein. 

Freitag, 28. April 2023

Timing.

 „Zu spät“ könnte ein Satz sein, an den wir uns gewöhnen sollten .Die Strauße erheben ihre Häupter aus dem Sand und siehe: zu spät. Auf dem Totenbett einer der schlimmsten Sätze des großen Regrett überhaupt. Und die den Kopf obenhielten, sahen nur Bürzel. Das macht sehr müde. 

Kontraintuition

 Je abstrakter eine Theorie ist (die muss natürlich konsitent sein!), umso adaptiver ist sie. Deswegen ist Karl Barths Denken tauglich für die Transformation, auf die wir zugehen. Tagesaktuelle und vermeintlich „lebensnahe“ Theologie geht mit dem, was untergeht, unter (und kann daher den Untergang nicht denken wollen). Soll Theologie „relevant“ sein, muss sie abstrakt sein. 

Entropische Dummheit

 Mehr muss man über Medien und Bildung nicht wissen. https://www.facebook.com/reel/210965754881808?fs=e&s=TIeQ9V

Antikes Glück

 Odysseus ist mein treuester Fan: Niemand liest, was ich schreibe. 

Irrtum

 Die vielleicht nicht größte, aber wohl fatalste Lüge ist die von der Wahrheit über oder gegen sich selbst. 

Tödliche Lektüre

 Des Büchermachens ist kein Ende. Des Bücherlesens leider schon. Jeder Buchkauf ist another brick out of the  wall. Deswegen macht mich Lesen traurig. 

Leiter und Mauer.

 Für Wittgenstein ist die Philosophie die Leiter, die man umwirft, wenn man die Mauer erklommen hat (Tractatus 6.54). Für die Theologie ist das nicht so. Weil sie die Mauer ist. 

Donnerstag, 27. April 2023

Täuschung

 Die wohltemperierte Stimmung ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir uns an das Falsche nicht nur gewöhnen, sondern es sogar als schön empfinden. Nur, damit das System funktioniert. 

Selbstwebung

 Ein großes Paradox in der gewöhnlichen Rede von Netzwerken: „Netzwerkorganisationen“ wären im Grunde sich selbst webende Webstühle. 

Sommer adé!

 Ich komme jetzt in das Alter, wo ich mich so auf den Sommer freue, dass ich jetzt, Ende April, schon über sein Ende trauere. Kauft die Zeit aus, das Alter macht dumm! 

Höflichkeit

 Höflichkeit ist die kleine Münze christlicher Ethik. Wer damit nicht zahlen kann, dessen große Scheine wie z.B. „christliche Werte“, „Bewahrung der Schöpfung“ usw. lege ich besonders gründlich unter das UV-Licht. 

Selbstlosigkeit

Altruismus ist Egoismus mit langfristiger Gewinnerwartung. An der Einsicht hängt die sogenannte „religiöse Ethik“ - die erst zum Problem wird, wenn die Ewigkeit wegfällt. 

Mittwoch, 26. April 2023

Erkenntnis-Umkehr

 Die Digitalisierung liefert Metaphern für die „Natur“: Wood Wide Web für die erstaunliche subterrane Welt der Pflanzen. Think about it. Und umgekehrt: unter dieser Leitemetapher zeigt sich, dass die Metapher nicht „stimmt“, was wieder auf die Beschreibung der technischen Installationen rückwirkt. Autopoetische  Dekonstruktion. 

Technische Symbiose

 Ist das Smartphone so etwas wie ein Symbioseknoten in die virtuelle Welt, also ein technisches Analogon zu Pilz-hyphen, die jeweils an den mycelspitzen den Kontakt zu anderen Wesen herstellen? Dann wäre die Frage nach den Grenzen des Ich, die Gregory Bateson angesichts eines Blindemstocks gestellt hat, auch hier zu stellen. Symbiosen sind Wechselbeziehungen, die „Identitäten“ in Frage stellen. Möglicherweise ist die Moderne Subjektphilosophie als Standard-Mindset einer kapitalistische Gesellschaft noch viel gefährlicher, als ich bisher dachte: die Selbstüberschätzung als Akteur mit klar definierten Grenzen. Wie, wenn die „virtuelle“ Welt gar nicht „virtuell“ wäre, sondern eben nur eine weitere Schicht, die uns bisher verschlossen war und die uns durchzieht wie Mycele den Boden? (Gehört eigentlich schon mehr in meinem andern Blog). Und immer: was ist die theologische Implikation dieser ontologischen Überlegungen? Wenn sich das Ich zunehmend auflöst: müssten wir nicht ein perichoretisches Bild des Ich entwerfen? Nicht eine christologisch enggeführte Anthropologie (Karl Barth, in ihrer Radikalität immer noch genialisch), sondern eine Trinitarisch-sympoietische Anthropologie? Haraways Cyborg zu Ende gedacht? Techno-physio-Mystik? Klingt sehr schräg. Aber…

Innen-Aussen

 Sind nicht Pessimistinnen und Pessimisten (die halt einfach mit dem Tod rechnen) die stärksten Vertreter und Vertretrinnen der Hoffnung? 

Dienstag, 25. April 2023

Mykotheologie

 Ich verliere vermutlich völlig den Kontakt zum Mainstream, aber die Vorstellung, dass Religion ihren Ursprung in Pilzen hat und ein Epiphänomen deren Überlebensstrategie ist, fasziniert mich sehr und kommt mir sehr plausibel vor - plausibler als jede Besenkammer-Psychologie oder Küchentisch-Soziologie, die in der Theologie gerne getrieben werden. 


Bezug: was Sheldrake über Bewusstseinsverändernde Stoffe von Pilzen schreibt: „Kann man sich auch die Veränderungen in Bewusstsein und Verhalten der Menschen, die durch Psilocybin-Pilze hervorgerufen werden, als Teile des erweiterten Phänotyps des Pilzes vorstellen? Das erweiterte Verhalten von Ophiocordyceps hinterlässt in der Welt eine Spur in Form bleibender Narben auf der Unterseite von Blättern. Kann man auf den Gedanken kommen, das erweiterte Verhalten der Psilocybin-Pilze hinterlasse in der Welt eine Spur von Zeremonien, Ritualen, Gesängen und anderen kulturellen und technischen Auswüchsen unserer veränderten Zustände? Kleiden sich die Psilocybin-Pilze in unseren Geist, wie Ophiocordyceps und Massospora sich in die Körper von Insekten kleiden?“

Montag, 24. April 2023

Darwin

 Darwin gehört neben Freud zu den großen Missverstandenen, und dass gerade die Theoloie sich als zu dumm erwies, zu begreifen, was er herausfand, ist ein großer Schmerz. Ich glaube, das ist die größte Blamage der Theologie überhaupt seit der Ablasstheologie des 15. Jahrhunderts. Und hat viel zu ihrer Deplausibilisierung beigetragen: ausgerechnet zum zentralen Phänomen des Lebens konnte sie nicht substantielles mehr sagen. Und so hat dann die Evolutionsbiologie die Theologie als Leitwissenschaft beerbt - vor allem, seit sie sich in den 70/80er Jahren stärker auf den kooperativen Aspekt der Evolution konzentierte (Lynn Margulis). Ich hatte das, aus heutiger Sicht, schier unbegreifliche Glück, einen Biologielehrer im Leistungskurs gehabt zu haben, der absolut auf der Höhe der Zeit war und uns Evolution und Ökologie (1978/78!) als systemische Theorien nahebrachte (wie ich heute weiß). Sicherlich eine der Antworten auf das im Post „Entdeckung“ Gesagte. Jedenfalls ist deutlich, dass gerade aus der Evolutionsbiologie ethische Leitlinien für Kooperation  und Kollaboration als Selektionsvorteil entwickelt werden, die plausibler sind als abstrakte theologische Ethiken, die in Gleichnissen spricht. 

Musik

 Ein unmusikalischer Theologe wie ich: eigentlich geht das gar nicht. Wie ein Schamane, der nicht tanzen und trommeln kann. 

Sonntag, 23. April 2023

Entdeckung

 Ich musste 62 werden und 40 Jahre Theologie auf dem Buckel haben, um etwas Entscheidendes zu begreifen...ich lese gerade (wieder) Luhmann, Soziale Systeme, und es ist interessant, dem Jüngling von damals via alte Anstreichungen beim Lesen zuzuschauen. Aber das ist es nicht (wäre einen eigenen Gedanken wert). 

Parallel dazu habe ich Knausgards "Morgenstern" und "Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit" gelesen - in denen es unter Anderem auch um Pilze geht, und der ganze Roman ist vom systemischen Denken durchdrungen (und vom Tod - da gibt es aber einen klaren Zusammenhang. Ich warte auf den dritten Band). 

Das wiederum ließ mich auf Merlin Sheldrakes Pilzbuch stoßen ("Verwobenes Leben"), weil ich - via Knausgard - mitbekam, dass ich trotz meiner Passion für Pilze nicht auf dem allerneuesten Stand bin (man glaubt es kaum: aber das wundersame Pilzbuch von Anna Löwenhaupt-Tsing, "Der Pilz am Ende der Welt" ist tatsächlich schon in manchem Detail überholt). 

Das Buch von Sheldrake liest sich wie eine empirische Beweisführung für Luhmann (aber halt - schreibt der nicht über Kommunikation als selektive Grundfunktion von sozialen Systemen? - eben, eben! Pilze sind da - seltsam. Sie scheinen zu kommunizieren...das ist auch ein bisschen gruselig). 

Was ich dabei begriffen habe, und darum geht´s mir hier gerade: wie schwer offensichtlich vielen Menschen das systemische Denken fällt. 

Kein Wunder, dass ich über Jahre das Gefühl hatte, immer etwas neben der Spur zu sein - denn, warum auch immer, das systemische Denken war mir schon als Oberstufenschüler tief vertraut, die Luhmann-Lektüre wenige Jahre später war für mich wie eine Art "Wiederentdeckung" meines eigenen Denkens, für das ich so richtig keine Worte hatte. 

Es wäre doch mal interessant, zu erfahren, woher das kommt. Meine kleinbürgerlich Herkunf mit Migrationshintergrund? Die vielen Toten in meiner Biographie? Andermal). 

Woran ich das festmache, dass systemische Denkens so schwer fällt? 

Nun, es wird - gerade auch in der Kirche - immer schön heftig auf der Zurechnungsbörse mit Schuldoptionen gehandelt, ohne sich bei diesem Handeln zu beobachten. Schuldige zu finden und Leute baumeln zu sehen, wird immer wieder als mögliche Lösungsstrategie gesehen, die Verwechslung von Ursache und Schuld (und die für mich doch letztlich banale Einsicht, dass man nach Schuld erst fragen kann, wenn man die Ursachen begriffen hat) feiert fröhliche Urständ. 

Eine harte Erkenntnis. Wieso habe ich das nie verstanden, dass so wenige das verstanden haben? Natürlich hört man immer "Alles hängt mit allem zusammen" und " wir müssen ökologisch denken", aber dann zeigt sich doch immer wieder, dass in Wahrheit gesagt wird: Alles hängt mit Menschen irgendwie zusammen, und es zeigt sich eine naive Welt der Dinge und eine Art naiver Anthropomorphismus (dazu schreibt Sheldrake, ganz Sohn des Vaters, schöne Sachen). 


Aber mir wird gerade schlagartig verständlich, warum Pandemie, Klimawandel, Globalisierung und Digitalisierung so schwer zu denken, zu akzeptieren und in mögliche Strategien einzubauen sind.  Was mir oft als "Dummheit" begegnet (und was so zu nennen mich zugleich beschämt und beunruhigt, bin ich doch auch einer von denen...), ist einfach nur systemische Blindheit. 

 Solange man Akteure am Werk sieht, die nicht systemisch verankert sind, sieht man nicht, was geschieht, sondern man sieht nur, was man sieht. 

Das liegt vermutlich auch ein wenig an einer banalen Luhmannrezeption (zu der ich auch neigte) im Sinne eines "abgesunkenen Kulturgutes" oder einer feuilletonitischen Bescheidwisserei. Man denke nur an die begeisterte Hartmut-Rosa-Lektüre oder an Thomas Reckwitzens "Singuläritätenbuch", wobei man natürlich beiden nicht gerecht wird, wenn man sie nur aus der Perlentaucher-Perspektive liest. Nichts ist so krass, wie das subjekttheoretische Missverständnis dieser Ansätze. Das gilt dann auch für Deleuze - ich glaube inzwischen, dass der eine sehr bemerkneswerte Rezeptionsgeschichte hat, die aus vielen fast das Gegenteil von dem gemacht hat, worum es ihm ging. Genug Bildungsgefasel: 

Durch die Pilzbücher und Knausgard ist mir noch einmal deutlich geworden, dass Donna Haraway mit ihrem Begriff der "Sympoiesis" (anstelle der rein selbstbezüglichen Autopoiesis) eine wesentliche Erweiterung des systemischem Denkens gebracht hat, und den Luhmannschen Gedanken, dass Systeme einander Umwelt sind, sozusagen zu Ende gedacht hat. 

Bei Pilzen verschieben sich ständig die Grenzen, Sheldrake beschreibt sehr eindrücklich, wie die Tier-Mensch-Pflanzen-Grenze durch Pilze verschwimmt (und er ist systemisch extrem wach: er sieht natürlich, dass er als Beobachter diese Grenzen zurechnet), und wie z.B. bei den Flechten selbst die Kausalität merkwürdig unscharf wird, weil auch der Begriff der "Symbiose" nicht genau erfasst, wer hier von wem "profitiert", und dass dieses Denken in Profitkategorien womöglich eine kapitalistische Perspektive auf Prozesse ist, die nach ganz anderen Regeln ablaufen, als nach denen des Marktes. 


So ist z.B. das "altruistische" Verhalten (sic!) mancher Pilze, die "uneigennützig" Ressourcen für andere Pflanzen bereitstellen, bisher schwer verständlich. Da wird offensichtlich nicht die richtige "sympoietische" Frage gestellt. 


In Summa: die alte Ontologie der Dinge, Personen und Prozesse hat uns noch schwer am Wickel, aber, das ist ja ein Lieblingssatz von mir, der sich mir selber jetzt in seiner Bedeutung erschließt: In Wirklichkeit ist die Realität ganz anders. 


Vermutlich "ist" sie gar nicht....und da wirds dann theologisch (weil es, siehe oben, etwas mit der Zurechnung von Schuld zu hat, wo gar keine Handlungen vorliegen....). 

Wohin mag mich das führen? Deutlich wird mir jedenfalls: "ontologische" Fragestellungen sind der Schlüssel für eine künftige Schöpfungstheologie, die ohne  Begriff der "Welt" auskommen muss (oder zumindest ohne einen anschaulichen Begriff von Welt - da ist Luhmann ja schon weit gekommen: Für ihn ist "Welt" sozusagen die ultimative Differenz. Das ist natürlich theologisch nicht haltbar. Gott ist hier der ultimative Differenzbegriff, weil er die "Differenz" "ist". Ein Gefüge.). 


Der "systemische" Charakter der Erde, die ja meist  gemeint ist, wenn von der Welt die Rede ist,  der offensichtlich den antiken Autoren des ersten Schöpfungsberichtes noch selbstverständlich war, muss begriffen werden. Nietzsches Ruf (der sich sich aggressiv gegen ein metaphysisches Christentum richtete, dass die "Erde" gegenüber einem "Jenseits", dem "Reich Gottes " oder gar einem wie auch immer "intakt" gedachtem Paradies abwertete), ist so aktuell wie nie: "Bleibt der Erde treu"! 

Das wird aber nur gehen, wenn wir systemisch denken lernen. 

Die wahre Umwertung der Werte, weitaus radikaler, als sie Nietzsche sich vorstellte, der immer noch ein Gefangener Hegels war mit seiner ewigen Wiederkehr, die ja, um das alte Bild von Marx über Hegel zu stressen, sozusagen Hegel vom Kopf auf die Seite legte.

Systemisches Denken aber ist weder zyklisch noch linear. Das ist hart an dem, was unser elaboriertes Reptiliengehirn (Grundfunktion: Fressen, Schlafen, Fortpflanzen) hinbekommt. 

Ich habe jetzt jedenfalls begriffen, warum mein Denken, das ich als höchst konkret erlebe, zumeist als völlig abständig und abstrakt wahrgenommen wird (außer von meinen Predigthörern, das verunsichert mich jetzt wieder - es gibt deutlich etwas, von dem ich noch nicht einmal sehe, dass ich es nicht sehe). 

Heidentum

 Der moralische Druck, ein gutes, gesundes und richtiges Leben zu führen (Sport, Ernährung, Umwelt etc.) wird immer höher, gleichzeitig wird über selbstbestimmtes Sterben diskutiert.  Das Heidentum der Optimierung und der Verfügbarkeit. Das kann nicht glücklich machen. 

First Contact.

eine Herausforderung des Altwerdens ist ja auch, das ich viele Dinge nie mehr zu ersten Mal machen kann, von denen ich heute weiß, dass ich das erste Mal vermasselt habe oder einfach nicht verstand, was es war. Das ist ein ganz eigener Kummer. 

Samstag, 22. April 2023

Genug ist Genug - Predigt Buß- und Bettag, M6, 24-34


Genug ist genug. Predigt für den Buß- und Bettag 2011, Christuskirche Kassel, Friedenskirche Altenbauna. Roland Kupski
Mt 6,24-34
24 Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? 27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? 28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. 33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!
Diese Worte Jesus klingen seit je manchem sicher zynisch in den Ohren - jenen nämlich, die nicht ihr Auskommen haben und die von Krankheit; Knappheit und Unheil geplagt werden. Und für manchem sind diese Worte einfach lächerlich, weltfern und weltfremd: Wie soll es gehen ohne Vorsorge, wie soll es gehen ohne weitreichende strategische Planung unseres Handelns? Und wie soll das gehen: einfach aufhören, sich zu sorgen? Das kann keine Handlungsgrundlage sein.
Zynisch und lächerlich: so klingen diese Worte. Sie rufen, wie es scheint, auf zu einer leichtfertigen und kindischen Lebensweise, die davon ausgeht, dass Pappa es schon richten wird, wenn´s eng wird.
Man kann diese Worte allerdings auch hören als einen Aufruf zu Bescheidenheit und Demut, als einen Aufruf, sich zurückzunehmen, langsamer zu leben, bewußter zu leben und eben nicht der Macht des Geldes zu verfallen.
Und das hören wir im Moment dauernd. In den Schulen, in den Zeitungen, selbst in den politischen Kommentaren im Fernsehen kann man es hören: „Wir sind dem Mammon, dem Geld und der Gier verfallen, wir müssen sparen, weniger verschwenden, bescheidener sein!“ Auf einmal reden alle wie Jesus.
Das aber kann man bald auch nicht mehr hören: es hat etwas Heuchlerisches und Verlogenes.
Hier möchte man inzwischen ganz besonders laut rufen: Genug ist genug! Wir wissen das! Wer einigermaßen bei Verstand ist, weiß das doch alles!“ Diese selbsternannten Moralprediger sind kaum noch zu ertragen. Sie machen die Krise nur noch schlimmer, weil uns dieses Moralgepredige vor die Unausweichlichkeit stellt, die das alles offensichtlich hat: was soll ich, der Einzelne, den tun? Man lässt mich ja nicht- und man lässt mich mit meinem schlechten Gewissen allein.
Worauf also laufen diese Worte Jesus von „Nicht-Sorgen“ hinaus? Für Jesus liegt unser Problem viel tiefer. Es ist nicht einfach eine Frage der Moral. Es ist eine Frage des Glaubens, um die es hier geht. Es ist die Frage nach der Ewigkeit.
Denn der Mammon hat uns viel tiefer am Wickel, als es auf den ersten Blick erscheint. Er schneidet uns von unserer Wurzel ab und verstellt uns den Blick auf das wahre Leben.
Jesus kann deswegen so gelassen von der Sorge reden, weil er vor einem andern Zeithorizont steht. Er hat die Ewigkeit im Blick. Er schaut über den Tellerrand unseres irdischen Lebens hinaus und sieht eine Weite, sieht ein Land der Güte, der Vergebung und des unermesslichen Reichtumes, in dem es keine Gier geben muss, weil keiner Angst hat, zu kurz zu kommen. Nicht nur, weil es genug gibt- sondern weil wir Frieden im Herzen haben werden und also unser Genügen.
Jesus sieht Gott, und von Gott her sieht er auf die Erde.
Es ist der Blick des Glaubens, den Jesus uns bringt.
Und da ist die Erde auf einmal nicht mehr ein Ort für verlorene und verdammte, die im Schweiße ihres Angesichtes mühsam, aber letztendlich vergeblich sich um ihr täglich Brot bemühen und sehen müssen, wie sie klarkommen.
Da ist die Erde auf einmal nicht mehr ein Ort des Todes, des Schreckens und der Vergänglichkeit. Von Gott her ist die Erde der Ort, der zu mehr und Schönerem bestimmt ist. Die Erde ist der Ort, der verwandelt werden soll in einen Raum des guten, des ewigen Lebens.
Das ist es, was Jesus sieht, weil er glaubt. Der Glaube sieht über die Erde hinaus, und sieht so die Erde im neuen Licht. Denn der Glaube ist eine festes Vertrauen in die Güte Gottes, gegen allen irdischen Augenschien. Und daher gewinnt er die Kraft, der Sorge die Gelassenheit entgegenzusetzen und der Hysterie die Besonnenheit. Denn darum geht es: um Gelassenheit und Besonnenheit. Nicht als moralische Forderung, sondern als menschliche Haltung gegenüber dem Leben.
Das wirklich teuflische und höllische am Mammon ist, dass er uns einredet, wir seien von Gott verlassen, wir seien allein und hätten im Grund keine Zukunft. Der Mammon redet uns ein, wir müssten unser Leben selber halten und gestalten, wir wären unseres Glückes Schmied, und Liebe und Erlösung, Freiheit und Glück wären nur ein Frage von Erfolg, Status, und Besitz. Der Mammon lässt uns vergessen, dass das Leben etwas ganz anderes ist: ein Geschenk, das auf Ewigkeit angelegt ist, durch die Sterblichkeit hindurch. Der Mammon verdunkelt unseren Horizont. Und das macht uns hysterisch, hektisch und besinnungslos, bis wir erschöpft zusammenbrechen: müde, resigniert und ohne Phantasie für das Leben. Der Mammon ist gottlos, denn er ist nur ein Spiegel unseres gottlosen Inneren. Das ist die bittere, viel tiefere Wahrheit der Worte Jesu- darum stoßen sie sofort auf Widerstand.
Und sie wirkten deswegen damals so zynisch und lächerlich wie heute. Sie haben damals wie heute die Menschen ihrer Gottlosigkeit, also ihres mangelnden Vertrauens, überführt: Tagellöhner und Reiche, Kluge und Törichte, Juden und Heiden. Sie haben alle das Gefühl, nicht genug zu kriegen, sie haben alle das Gefühl, zu kurz zu kommen - wir leben alle fern von der Quelle des wahren Reichtums und der wahren inneren Friedens. In Wahrheit rühren dieses Wort an einen tiefen Schmerz und einen tiefen Kummer. So wollen uns die Worte Jesu zur Umkehr führen, zur wirklichen Buße: Das ist die Hinwendung zum Liebe und zum Leben. Ja, es mag ein wenig verrückt klingen, aber  die wirkliche Buße kommt aus einer tiefen Gier, die Gier nach dem Leben aus der Fülle, und dass gibt es nur bei Gott. Wer aus Angst von Strafe umkehrt, wechselt nur von einem Stress zum nächsten, von einer Hysterie zu anderen. Jesus aber will uns, wie Luther es einmal sagt, locken.
So haben diese Worte der Bergpredigt mit vordergründiger Moralpredigt nichts zu tun - hier geht es nicht ums Handeln, hier geht es ums hören. Sind wir bereit zu hören, dass wir bedingunslos geliebt werden? Sind wir bereit zu hören, dass unser Leben in Gottes Hand liegt? Sind wir bereit zu hören, dass das einzige, was wir tun können ist - uns lieben zu lassen, selbst dann, wenn der Mammon uns zu einem tiefen Selbsthass geführt hat?
Darum zeigt uns Jesus die Vögel und die Blumen: Sie zeigen uns das Leben, das wir nicht gemacht haben und das wir nicht halten können. Der Mammon aber ist die Todesmacht, die uns einredet, wie müssten alles tun, um leben zu dürfen.
So einfach ist es Grunde. In diesem Lichte erscheint es als zutiefst zynisch und lächerlich, sich nicht für Gott zu entscheiden.
Genug ist Genug: Für den Glauben hat dieser Satz daher ein doppeltes Gesicht. Er meint nicht einfach nur: es reicht! Ab morgen machen wir alles besser! Das zu sagen ist wichtig, und das geschieht ja gerade auf der ganzen Welt, nicht nur in christlichen Ländern..
Denn „Genug ist genug!“ ist  noch kein Satz des Glaubens, das ist ein Satz der schieren Vernunft.
Zum Glaubenssatz aber wird er, wenn er auch eine Alternative anbieten kann: die Gnade Gottes!
Es war der Hysteriker und Hektiker, der unermüdliche Schaffer und Macher Paulus, der sich sagen lassen musste: „Lass dir an meiner Gnade Genügen, meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“
Und dieses Schwache: Das sind nicht einfach nur die Vögel und die Pflanzen. Dieses Schwache: Das ist auch das Wort Gottes, das schwach ist vor der Welt, weil es entweder wie Zynismus klingt oder lächerlich erscheint. Das Schwache vor der Welt ist der Rabbi aus Nazareth, der so weltfremd davon redet, dass wir uns nicht sorgen sollen und dafür am Kreuz endet. Das Schwache vor der Welt ist auch eine Kirche, die immer wieder an ihren eigenen Ansprüchen scheitert: weil sie zu hoch greift und zu viel will.
Das Schwache vor der Welt, das sind wir, die wir im privaten den Müll säuberlich trennen und öffentlich wahnsinnige Verschwender sind und von diesem Zwiespalt schier zerrissen werden. Das Schwache vor der Welt, das ist der Mensch an der Schwelle des Todes, der sich ängstet und für keinen Trost zugänglich ist. Das Schwache vor der Welt, das sind wir. Dahin will uns Jesus führen mit seinen Worten: An die Schwelle der Zerbrechlichkeit, an der Gott wohnt. Wer von dieser Schwelle zurückkehrt, dem wird sich der Horizont der Ewigkeit öffnen und dem wird sich die Hysterie des Lebenmüssens verwandeln in die Gelassenheit des Lebenwollens und Lebendürfens. Wer von dieser Schwelle zurückkehrt, dem wird sich Kälte eines scheinbar gottlosen Universums verwandeln in die Wärme einer gottdurchfluteten Schöpfung, in der Tod und Mammon das letzte Worte eben nicht haben, sondern Jesus, der scheinbar Schwache. Er überwand den Tod: durch Glauben.
Und was tut der Glaube? Etwas, was vor der Welt  als besonders schwach, ja schwächlich gilt, von dem uns aber gesagt ist, dass es das stärkste ist, was wir tun können angesichts der Zerbrechlichkeit: Beten. Beten kann man nie genug. Darum stehen in der Bergpredigt die Worte des Vaterunsers unmittelbar vor den Worten von der Sorge, und darum heißt der Tag: Buß- und Bettag, und nicht etwa Moral und Programmtag.
Denn betend üben wir Gelassenheit und Besonnenheit, betend stellen wir uns vor den Horizont de r Ewigkeit.
Die Lilien und die Vögel brauchen nicht zu beten, sie wissen nichts von Tod und Sünde, kennen darum keine Gier und kein Einsamkeit. Das ist der Unterschied. Der ist nicht lächerlich und auch nicht zynisch.
Beten macht uns zu Menschen. Davon können wir gar nicht genug haben und tun. Das ist unser erster, vornehmster und wichtigster Dienst an der Welt: Das Gebet ist das Heilmittel gegen Hysterie und Resignation, gegen Zynismus und Lächerlichkeit. Beten ist zutiefst das, was uns als Kirche aufgetragen ist, als erste Antwort auf das Wort der Liebe, das Gott zu uns spricht. Umkehr, Buße, meint genau das: unser Gesicht umkehren zu Gott. Das haben wir der Welt zu bieten. Denn der Mammon kann, wie alle Dämonen und bösen Geister, nur ausgetrieben werden durch Fasten und Beten: Wer betet, tut nichts und doch alles. Und so ist der Ruf zur Umkehr, zur Buße, zu allererst ein Ruf zum Gebet: Alle Eure Sorge werft auch ihn, denn er sorgt für Euch. Wir müssen es nur gefallen lassen wie die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde. Das ist doch ganz leicht und für den Anfang mehr als genug.
Amen.



Dumme Dekonstruktion

 Dekonstruktion ist letztlich nichts anderes als (aka:funktionales Äquivalent zu) Entmythologisierung der Sprache. Und wie bei dummer Entmythologisierung, die meint, man könne den Mythos einfach abschaffen, bleibt bei dummer Dekonstruktion (nämlich: als Destruktion gemacht) nur eine leere Struktur übrig (das „Kerygma“, die Grammatik). Warum ist es so schwer, Balance zu halten? Am Ende gehts eben doch um Physik und Elektrizität: fließt kein Strom mehr, Peng. Entropie heißt der Killer, der bis in den Satzbau sein Unwesen treibt. Dekonstruktion ist Negentropie. Das macht sie (Derrida möge mir verzeihen!!) theologisch. 

Sünde und Grammatik

 Dass die Sprache mit ihrer grundlegenden Binarität (Bedeutungsorganisation über semantische und phonetische Opposition), also über Selektionen,  unser Denken völlig verhext, ist eine der übelsten Folgen der Sünde. Oder ihr Grund? Da habt ihr es. Wir können nur linear. Schlecht in einer Welt, die sich als immer deutlicher Nicht-binär und nicht- linear entpuppt. Der gesunde Menschenverstand wird gekränkt bis in die Wurzeln seiner Organisation:  sogar die Grammatik liegt mit ihren Simplifikationen (drei Zeiten, zwei Geschlechter, zwei Modi etc.) schlicht nur im Ungefähren. Das reicht nicht mehr. Der „Aufstand der Linearen“, der „semantischen Gelbwesten“ und „grammatischen Querdenke [weder quer noch Denken] mit ihrem Schlachtruf: „Sag es einfach!“ oder „Nicht reden, sondern tun!“ ist nur noch eine Frage der Zeit. Die Medien arbeiten stark daran, und der politische Diskurs auch. Und wenn der Glaube sich dem verweigert und auf nicht-linearer Komplexität besteht (ohne wiederum alles als Geheimnis zu mystifizieren), wird er zum Minderheiten- und Elitenprojekt. Ein verdammtes Dilemma. Oder eben das Dilemma der Verdammten. 

Freitag, 21. April 2023

Disruptive mykologie

Das Wissen über Pilze bringt mehr Gewissheiten zum Einsturz als die gesamte Aufklärung zusammen. Sie sind die Herrscher der Welt. Eine Schöpfungstheologie, die Pilze ignoriert, ist völlig lost. Sie sind die unsichtbare Macht schlechthin. Ohne sie gäbe es keine Verdauung: es gäbe nichts Lebendiges über den  Einzeller hinaus. Denn Leben heißt Verdauen. Das Wood Wide Web (Sheldrake) der Myzele ist die Seele der Erde. Noch eine theologische Welt, die wahrgenommen werden will und wo die üblichen Mensch-Tier-Pflanze-Hiercharchien völlig daneben sind. Die Pilze gehören in die erste Hälfte des dritten Schöpfungstages. Ohne sie wäre die zweite Hälfte gar nicht denkbar. 

Hölle der Demokratie

Die Erwartung, dass Kommunikation per se auf Konsens angelegt wäre, ist sicherlich eine Quelle für viel Leid und Unheil. Direkt aus der demokratiefeindlichen Hölle.

Mittwoch, 19. April 2023

Schmierfink

Der arme Vogel kann ja nichts dafür, und ich weiß auch nicht, wie er zu dem wenig schmeichelhaften Titel kam, bzw. wie der Fink mit dem Schmieren in Kontakt gebracht wurde. Wie auch immer: es ist ein altmodisches Wort. Leider ist es auch etwas verbraucht, weil es polemisch gegen eine bestimmte Form von kritischem Journalismus eingesetzt wird, der damit herabgesetzt werden soll, und es wundert nicht, dass das Wort, in pragmatisch-semantischer Nachbarschaft zur "Lügenpresse" und "Meinungsdiktatur" auftaucht und folglich natürlich auch eine Nazi-Geschichte hat. 

Ich bedauere das, weil ich das Wort für einen anderen Sachverhalt, für eine andere Form von nichtswürdigem Gebrauch des Stiftes, gerne behalten hätte, und heute, nach meinem Gang in die Bibliothek, sogar mit einer gewissen verächtlichen Wutenergie: Wer bitte schreibt, malt und markiert in Bibliotheksbücher? Einen solchen Menschen würde ich lebenslanges Studier- und Ausleihverbot anhängen, und ihn eben, auch gerne öffentlich, einen Schmierfinken nennen wollen. Gerne auch gegendert: Denn natürlich, ist das Hymen des weißen Papieres erst einmal zerstört, fingern auch andere mit ihren Griffeln darin herum. Es scheint ansteckend zu sein, wie jeder Tabubruch, der im Stillen stattfindet.  Und die Schrift zeigt (mit einer gewissen Verlässlichkeit der Einschätzung nach 20 Jahren Unterricht): es waren Männer und Frauen, die da in das Buch krakelten. Einziger Trost: eine der Damen (oder ein sehr feminin schreibender Mann) hat so strunzdumme Kommentare in das Buch geschrieben, dass ich damit schon wieder meinen Frieden machen kann. Es gibt hoffnungslose Fälle. 

Denkmüdigkeit

 Meine Denkmüdigkeit führt mich zur Literatur, dabei wäre Spazierengehen viel sinnvoller. Aber da denke ich dann wieder. Komme vom Spaziergang oft müde heim, nicht von der Bewegung der Beine, sondern von der Unruhe des Herzens (meinem Denkorgan. Mein Gehirn ist viel zu steif zum Denken. Es kann nur Schlüsse ziehen, wie öde.) 

Dienstag, 18. April 2023

Picard, Update

 Die Serie ist gut gemacht, keine Frage, spannend, unterhaltsam, sehr trekkig, das beste Spin-Off bisher. Und trotzdem: der Subtext ist beängstigend. Wir haben die jüngere Generation im großen Stil im Stich gelassen. Dieser feuchte Boomer-Traum ist aus der Perspektive meiner Nachkommen (in den 20ern) eine einzige Schreckensvision. Wrinkles everywhere. Ich ertrage es jetzt schon kaum. 



Okay. Die letzte Folge reißt es raus. Ironie und Pathos, haarsträubender Plot wie immer bei Star Trek, und ein völlig genialer Cliffhanger, der etwas andeuten, auf das ich mich sehr freuen würde…ein bisschen schaler Geschmack bleibt. Last Generation ist ein ambivalenter Titel. 

Montag, 17. April 2023

Homiletik in nuce

 „Aufrichtigkeit ist inkommunikabel, weil sie durch Kommunikation unaufrichtig wird“ Luhmann, Soziale Systeme, 207. Eine Predigt, die sich durch Plausibilisierung plausibilisiert, wird unplausibel, man spürt die Absicht und ist verstimmt. Es ist dann eine Beschwörung, eine schamanische Praxis. Gute Schamanen wissen das natürlich- mit einem Nietzscheschen Augenzwinkern. 

Kassandras Verzweiflung.

 „This is not, how it works“.  Der Schlüsselsatz für die Moderne. Die Niederlage des Augenscheins, der Meinung und der „Tradition“. Kein Wunder, dass die Wut die Leitemotion der Gegenwart ist. 

Naivität

 Gefährlicher als Naivität (die ja etwas sehr Liebenswertes haben kann, weil sie uns an bessere Zeiten erinnert, die es nie gab) ist die Naivität, nicht mit Naivität zu rechnen, noch gefährlicher ist die Naivität, nicht mit denen zu rechnen, die mit Naivität rechnen. 

Kommunikation

Wer eine Botschaft „hat“, wird in der Moderne nicht ankommen. 

Leben

 Das Leben ist eine einzige, Große narzisstische Kränkung, und wie es gelebt wird, hängt letztlich davon ab, wieviel beleidigte Leberwurst man in sich zulässt. Glaube hilft, das zu handeln: mich darin wichtig zu nehmen, mich nicht so wichtig zu nehmen. Den Suizid Gott überlassen und die Zeit auskaufen. 

Samstag, 15. April 2023

Moral als Symptom

 Die Verwechslung oder gar In-eins-Setzung von Theologie und Teleologie ist die Mutter aller Irrtümer, sie liegt noch unter der Verwechslung von Kausalität und Korrelation (der Mutter aller Dummheit). Letztere ist vielmehr Ursache der ersteren, Theorie kommt immer nach. Aber ist sie erst einmal in der Welt, wird die Ursache Symptom. Und da Teleologie als metaphysisches und ontologisches Postulat nicht mehr funktioniert, bleibt eben nur die Teleologie des kleinen Mannes übrig; Moral. Das macht Theologie irrelevant. Sie erklärt nichts mehr. Und wird peinlich. 

Mittwoch, 12. April 2023

Traditionsparadoxa

 Traditionalisten sind wirklich nicht zu beneiden. Wenn eine Tradition als Tradition beschworen wird, ist sie als Tradition schon verloren. Sie ist nur noch Zitat. Tradition ist nicht thematisierbar, solange sie tradiert wird, wird sie thematisiert, stirbt sie. Das historische Bewußtsein ist unumkehrbar. Einer der Gründe, warum Konservativismus denkerisch nicht mehr vorankommt: er kommt immer zu spät. Reaktionäre haben das verstanden. Sie inszenieren Tradition, um Privilegien zu stabilisieren. Insofern sind Reaktionäre moderner als Traditionalisten. Auf dem Holzweg sind beide: ihre Haltungen sind - traditionell. Theologie muss also....

Montag, 10. April 2023

Bilder vom leeren Grab.


 Ich verstehe das Bild nicht. Wo wird davon berichtet, dass es aus dem Grab leuchtet? Das Grab ist und bleibt ein Ort des Schreckens, der Verwirrung und der Leere. Die Frauen werden fortgeschickt, Johannes und Petrus erleben eine Posse mit leeren Leichentüchern.  Ich finde dieses Bild für das, was an Ostern geschah, äußerst problematisch. (Ja, und folglich auch den Isenheimer  Altar).  Das steht für eine christliche Todesverharmlosung, die fatale Folgen hat. Wir sollten da im 21. Jahrhundert eigentlich weiter sein.