Ich bin eigentlich seit Anfang an in sozialen Netzen unterwegs, ganz früh schon bei "grin", als es noch ein Schülernetzwerk war, sehr früh schon bei Facebook, seit 2011 bei Twitter, dann Insta, auch in den Profinetzwerke wie Linkedin habe ich gescannt, auch Google+, dessen Tod ich nicht verstanden habe. Ich will mich damit nicht zum Fachmann stilisieren, sondern einfach nur die Länge meiner Erfahrung beschreiben: Ich habe es immer als Teil meines Berufes betrachtet, diesen Aspekt von Öffentlichkeit ständig im Blick zu haben und daran teilzunehmen.
Mir fällt auf, dass in den letzten Jahren, vor allem seit Corona, die Verschiebungen in der Kommunikationskultur wirklich drastisch sind, oder besser gesagt: Was überall beschrieben wird, deckt sich mit meiner Erfahrung.
Was aber deutlich zugenommen hat, und ich meine sagen zu können: Seit der Trump-Ära und vermutlich seit Telegramm, ist der Effekt, dass wirklich bei jedem Thema in der Regel nach ein oder zwei Posts ein Extremistenpost auftaucht, sei er verschwörungstheoretischer Natur, absurde Esoterik, politisch wirr (mindestens so häufig wie klar rechtsextrem) oder schierer Bullshit, und vor allem scheint es mir, dass die Nutzung des Netzes immer stärker auch von Menschen wahrgenommen wird, die früher an öffentlichen Diskursen nicht teilnehmen konnten, weil ihnen die sozialen oder bildungsmässigen Voraussetzungen fehlten.
Im Grunde ist das ja der alte demokratische Traum. Aber: Das schafft ein schweres Ungleichgewicht, weil damit sehr unterschiedliche Habitus aufeinandertreffen, in denen völlig verschiedene Diskursregeln gelten, gerade auch im Bezug auf verbale Gewalt.
Ich habe in den letzten Wochen es auf mich genommen, auf Facebook immer wieder mal gegen offensichtlichen Unsinn möglichst sachlich und klar zu antworten. Früher wurde man dann geblockt. Jetzt aber nehmen andere diese Fäden auf und es läuft nach wenigen Posts aus dem Ruder.
Meine Versuche mit ChatGPT und anderen AI-Tools haben mir gezeigt, wie leistungsfähig die inzwischen sind, gerade in solchen Diskussionen würde die eine oder andere AI einen "low-Level" Turing-Test schon bestehen. Ich habe den Eindruck, dass solche Systeme inzwischen sehr stark an sozialen Medien teilnehmen, auch wenn mit nicht so recht klar ist, warum sie das tun sollten.
Das ist alle nichts Neues, ich merke eben einfach nur, dass meine persönliche Praxis das, was ich dazu aus professionellen Gründen lese, bestätigt. Es ist also nicht anekdotische Evidenz, sondern singuläre Verifikation.
Was mich dabei zunehmend bewegt: Was bedeutet diese Unsicherheit, ob ich mit einem realen Menschen diskutiere oder mit einer Maschine für den Diskurs als Ganzen? Welche Verifikations- und Plausibilisierungsstrategien verfangen hier?
Gerade zum Thema Religion lese ich eigentlich so gut wie nur noch Unfug, das hat mir die Diskussion über das "Abendmahl" während der Eröffnung der olympischen Spiele noch einmal vor Augen geführt. Meine wissenschaftlichen Standards können hier gar nicht verfangen, weil die Diskussionen auf einer Wissensbasis stattfinden, die so weit unterhalb der bisherigen Standards liegen, dass mich das ganz ratlos macht.
Auf TikTok - und zunehmend auch auf der Instagram-Plattform Threads - übernehmen Fundamentalisten, Esoteriker und schlicht und ergreifend wirre Theorien die Deutungshoheit. Gelegentlich habe ich den Eindruck, zwei oder drei Bots zuzuschauen, diese sich darin aufschaukeln, den größtmöglichen Unsinn zu schreiben. Oder sind es plappernde 15jährige?
Das wenig Amüsante daran ist, dass solche Maschinen ja auf vorliegende Daten zurückgreifen. Und da stellt sich mir die Frage: Wer füttert sie? Wer sich von ChatGPT eine Predigt schreiben lässt und die richtigen Fragen stellt, hat nach wenigen Gesprächsgängen einen radikal fundamentalistischen Text vorliegen. Die kritische Theologie verdünnt sich sozusagen mit der Tiefe der Recherche, was ziemlich kontraintuitiv ist für jemanden, der akademisch ausgebildet wurde. Ich habe eine Weile gebraucht, das zu verarbeiten.
Ich sehe aber nirgendwo, dass Kirchen oder akademische Theologie da irgendwie entgegenhalten - gerade die christlichen, kirchlichen Influencer scheinen mir, schaue mich mir Like-Zahlen an, nur noch untereinander zu agieren und faktisch kaum noch eine Außenwirkung zu haben. Dagegen ist nichts einzuwenden, gegenseitige Vergewisserung ist ein hohe Gut. Aber Blasenbildung?
Während die klassischen Medien, sehr traurig z.B. an der Zeit und der NZZ zu erkennen, unter dem Druck von Clickbait zunehmend an Seriösität verlieren (jedenfalls unter meinen Boomer-Standards), scheinen mit die sozialen Medien unter dem Druck der Daten immer mehr in einen Spinner-Bias zu verfallen, der durch die Maschinen angeheizt wird. Sehr schön kann man das an Threads erkennen, wo es um Fragen der Raumfahrt und der Astronomie geht: ein Photo von der Mondlandefähre, und spätestens der dritte Post ist ein Mondlandungsleugnungsthread. Gibt es wirklich so viele Spinner, sind sie im Netz besonders dicht gesät - oder haben wir es mit Bots zu tun? Aber wer sollte ein Interesse daran haben?
D.h. die AI scheint in diesem Bereich nicht deswegen gefährlich, weil die Maschinen die Weltregierung anstreben (und was dergleichen apokalyptischen Quatsch-Szenarien mehr sind), sondern sie scheinen den öffentlichen Gebrauch der Vernunft unterhalb der etablierten Medien und der Oberflächen-Diskurse zu zersetzen, weil sie irre Theorien stützen und nicht als "Anwalt der Vernunft" auftreten, was ja mal eine der zentralen Silicon-Valley Verheißungen war.
Es scheint, als wäre die Aufgabe der natürlichen Vernunft genau darin zu sehen, diese quasi-transzendentale "Irre Cyber-Vernunft" in Schach zu halten. Aber wie? Die Möglichkeitsbedingungen der Cyber-Vernunft (und das wäre ja die "transzendentale Frage" im Sinne Kants) sind mir völlig schleierhaft. Wir bräuchten im Grunde so etwas wie eine Kritik der technischen Vernunft (ein seltsamer Term!), damit wir ihre Mechanismen begreifen und der Spinner-Bias eingedämmt werden kann.
Der bedroht, wie ich zunehmend finde, die Grundlagen unserer globalen Kultur in sehr hohem Maße, weil er so etwas wie einen Faschismus des Irrsinns erzeugt (ich habe gerade kein besseres Wort dafür), wie wir ihn z.B. an Donald Trump ansatzweise (!) erkennen können.
Sein Hauptmechanismus ist, so habe ich es in den letzten Wochen erlebt, ist die De-Plausibilierung von Plausibilisierung. Damit aber wird jeder Diskurs unmöglich.
Das geht über das, was Habermas dazu zuletzt geschrieben hat, noch weit hinaus, weil die Vernünftigkeit der Vernunft in Frage gestellt wird, ja sogar die Frage nach der Vernünftigkeit der Vernunft selbst deplausibilisiert wird - damit greift dann noch nicht einmal die Dekonstruktion, die ja mit ihrer radikalen Infragestellung von Bedeutung immerhin noch davon ausgehen muss, das radikale Infragestellung möglich ist (also die Kritik an der Kritik), weswegen Dekonstruktion ja gerade nicht Destruktion ist.
Selbst das funktioniert, wenn ich recht sehe, nicht mehr. Das Partizipationsparadox, dass, wenn alle mitreden, überhaupt kein Gespräch mehr möglich ist, wird durch die Teilnahme der Maschinen am Diskurs in einen Kollaps geführt. Oder habe ich hier einen blinden Fleck?