Freitag, 29. März 2019

Arabisch Lehrbuch und Hilfsmittel

Wen es interessiert: In Göttingen (einem historischen Hotspot der Arabistik/Orientalistik) wird verwendet:

G. Krahl, W. Reuschel, E. Schulz, Lehrbuch des modernen Arabisch; Leipzig, 2015². Ein sehr anspruchsvolles Lehrbuch, das keine begleitende Grammatik braucht und von Anfang an auf philologische Kompetenz zielt. Sprechen spielt nur als Element der Grammatik eine Rolle, es wird schon nach zwei Kapiteln nur noch unpunktiert gelesen - die eigentliche Herausforderung und sicherlich die schwerste Hürde; denn das Lesen der unpunktierten (also ohne Vokale und Lesehilfen) geschrieben Texte setzt eine hohe Grammatikkompetenz voraus: die Vokale sind die Träger der grammatischen Funktionen, die Konsonanten der semantischen.
Das hängt mit dem arabischen Wurzelsystem zusammen. Das ist ein sehr abstrakter Anmarschweg, der aber auf der anderen Seite sehr schnell eine hohe grammatische Kompetenz erzeugt. Doch am Ende steht das stumme Lesen des Schreibtisches. Ich werde sehen, ob es möglich ist, noch einen ganz normalen Arabisch-Sprachkurs zu belegen, der gelegentlich auch angeboten wird.

Ich verwende zusätzlich die Grammatik von E. Schulz, Modernes Hocharabisch, Grammatik, Wiesbaden 2005, die eher wie ein Handbuch aufgebaut ist (und nicht als Lehrbuch).

Das Standardwörterbuch für das Hocharabische ist Hans Wehr, Arabisches Wörterbuch, Arabisch-Deutsch, das konsequent auf den dreikkonsonantigen Wurzeln aufbaut. Um es verwenden zu können, muss man in das Arabische schon recht tief eingedrungen sein; hier waren meine Hebräischkenntnisse unschlagbar; das können die meisten Studenten erst sehr spät. Ich kann mich in diesen Buch richtig versenken: Jede Wurzelvariante ist wie eine kleine Enzyklopädie mit oft sehr überraschenden semantischen Volten und Verknüpfungen.

Unverzichtbar sind Konjugationstabellen (die wahre Metaphysik des Arabischen, die arabisch native Speakers meiner Tandems erstarrten vor Ehrfurcht vor der Komplexität ihrer eigenen Sprache, die ihnen zwar bewußt ist, aber in ihrem Ausmaß nicht vor Augen stand, wenn ich ihnen das Buch zeigte). Ich verwende:
Nabil Osman, Konjugationslexikon arabischer Verben. 160 Tabellen bieten tausende (keine Übertreibung!) von Möglichkeiten, etwas so falsch zu machen, dass man kompletten Unsinn redet oder liest.

Zweite Großbaustelle sind die unregelmäßigen Plurale, die die allermeisten Nomen (oft in mehrfacher Gestalt!) bilden: Nabil Osman, Lexikon gebrochener Plurale im Arabischen, München, 2004. (ein merkwürdiges Phänomen. Das Verbsystem ist zwar hochverzweigt, aber absolut logisch und völlig ohne Ausnahmen, dafür spielen die Nomen völlig verrückt. Die Regeln der Pluralbildung sind derart komplex, dass sie bis heute nicht völlig ausgeforscht sind. Das ist für linguistischen Psychologie sicherlich ein gefundenes Fressen. Denn was drückt sich darin aus? Man könnte, vom grammatsichen System der Wurzeln her, mit Leichtigkeit regelmässige Plurale von jedem beliebigen, sogar erfundenen Wörtern bilden, die jeder sofort verstünde.  Warum also hier so eine hohe Devianz?)

Daneben stottere ich mich durch allerlei Lernhilfen, wie z.B. Claudia Ott, Erste arabische Lesestücke, dtv 2017; das Büchlein ist übrigens auch interessant für jemanden, er nur mal einen Eindruck bekommen möchte, wie Arabisch so funktioniert: Unpunktierte kleine traditionelle Texte aus allen Gebieten des Lebens und der Literatur, mit Umschrift und Übersetzung.

Das alles aber ist Hocharabisch!Also sagen wir mal: reines Lutherdeutsch, Stand 19. Jahrhundert. Die Umgangsprache ist inzwischen,  vor allem durch Al Dschasira, eine Art heruntergebrochenes klassisches Arabisch, das von der Elaborationshöhe aber immer noch einem sehr anspruchsvollem Hochdeutsch entspricht. Man kann davon ausgehen, das viele Native-Speaker dem kaum völlig folgen können. (Trotzdem sind die alle sprachverrückt, weil Sprache und Musik die arabische Kunst schlechtin sind. Alle arabisch Sprechenden sind Poeten, irgendwie, die Sprache verlockt auch dazu.)

Für die tatsächliche Umgangssprache gibt es allerhand Sprachführer - gerade nordafrikansches Arabisch ist vom Hocharabischen schon sehr weit weg, in der Levante hat sich inzwischen ein ganz eigenes Konjugationsmodell entwickelt, dass, wie so oft, der Vereinfachung dient. (Man kommt im Grunden mit Partizip plus Pronomen überall durch).

Koranarabisch entspricht Lutherdeutsch des 16. Jahrhunderts. Nur: Jeder halbwegs in seiner Sprache beheimatete Native-Speaker versteht Hocharabisch, weil er natürlich mit Koranarabisch großgeworden ist. Also: Ich kann mich mit Hocharabisch verständlich machen, antwortet man mir aber nicht auf Hocharabisch oder wenigstens Al-Dschasira-Arabisch, verstehe ich selbst einfachste Sätze nicht. Nicht zuletzt auch deswegen, weil Arabisch, ähnlich wie Französische, konsequent in Ligatur gesprochen wird. Immerhin erkenne ich inzwischen die Wortgrenzen.

Arabische Zahlen sind from hell. Ergebnis: In der Umgangsprache werden die Kardinalzahlen einfach gereiht. Das aber bedeutet maximale Ungrammatikalität: weiß man nicht, wovon die Rede ist, kann man keine Bezüge herstellen. Mal abgesehen davon, dass die arabischen Ziffern verwirrenderweise von links nach rechts geschrieben werden und auch so gesprochen werden - wie im deutschen aber mit Inversion in den 10ern (ein-und-zwanzig). Die Zahlen sind durch Genetivverbindungen verkoppelt, das Geschlecht ist invers (Frauen werden männlich gezählt, Männer werden weiblich gezählt): das ist der Hammer, zumal die höhren Zahlen Nomen sind, die auch noch ein eigenes Geschlecht haben!

Diese Frustration muss man aushalten, sagte man mir, mit der Zeit (Jahre!) erwirbt man die Kompetenz. Nun.

Videos gucken mit Untertiteln? Dafür muss man die unpunktierte Schrift schnell lesen können. Hermeneutischer Zirkel, diabolische Variante.

Studiensemester Göttingen

Ab dem 15. April 2019 werde ich im Sommersemester in Göttingen ein Studiensemester absolvieren. Ich werde dort am Kulturwissenschaftlichen Zentrum meine Arabisch-Kenntnisse verbessern. Das bedeutet: ein vierstündiger Sprachkurs, ein vierstündiger Grammatikkurs und zwei zweistündige Tutorien: das eine begleitet die Übung, das andere die Grammatik (vor allem aber flüssig Lesen und Schreiben). Dazu nehme ich noch an der Vorlesung von Prof. Laube über Karl Barth teil und schaue mal, welche Seminare für mich noch interessant sind (und zeitliche vereinbar). Ich bin darauf sehr gespannt. Ich werde sogar in Göttingen wohnen, anfangs habe ich ein Zimmer im Stift, dann im Tagungshaus der lutherischen Gemeinde. Ich werde auf diesem Blog darüber berichten.

Warum Arabisch? Als ich vor 3 Jahren für den Bericht des Bischofs über "Barmherziger Gott" anfing, Material zu sammeln, wurde mir recht schnell deutlich, dass ich in den Islam nur dann wirklich "hineinkomme", wenn ich wenigstens eine basale Kompetenz zum Lesen und Verstehen des Arabischen erlange. Der Koran ist ein "arabisches Buch", und vieles bleibt ohne Arabischkenntnisse verschlossen. Das bestätigte sich schon sehr schnell. Leider konnte ich in Kassel nur einen Arabischkurs am Sprachenzentrum belegen, der mich über zwei Semester bis A 1.2. führte. Das ist, bei einer Sprache wie Arabisch, geradeso das Niveau, das man in der fünften Klasse in Englisch erreicht! Ich war sehr froh, dass ich über das Hebräische, in dem ich noch recht firm bin, weil ich es über die Jahre im Pfarramt immer gepflegt habe, mit einer semitischen Sprache vertraut bin, es ist, glaube ich, keine Herabsetzung, wenn ich sage: biblisches Hebräisch ist "Arabisch light", was natürlich mit dem begrenzten und abgeschlossenen Sprachraum zusammenhängt, in dem sich das bewegt. Trotzdem merkte ich im Vergleich mit den anderen Kommilitonen, die ab ovo lernten, dass ich da einen klaren Vorteil hatte. Gleichwohl schmolz der schnell zusammen. Ich bin jetzt an dem Punkt, wo ich es aufgegeben habe, Arabisch als current language zu lernen, das werde ich über die basalste Kommunikation (Wetter, Essen, Befindlichkeit) nicht hinauskommen. Aber eine philologische Kompetenz, die mir kollationierendes Lesen erlaubt, sollte drin sein. Ich bin selbst gespannt, wie weit ich kommen werden. Ich hatte im Sommersemester 2018 schon einmal am Arabisch II-Kurs teilgenommen, musste ihn aber abbrechen, weil die berufliche Belastung (trotz halber Stelle) zu hoch war und ich es nicht schaffte, die Lücken aufzufüllen, die sich immer weiter öffneten. Das sollte jetzt besser möglich sein. Aber im Selbststudium komme ich auch nicht recht weiter, da ich keine Kontrollmöglichkeiten habe und ich mir lieber nichts falsches beibringen möchte.


Warum studiere ich nicht mehr Theologie? Nun, meine jetzige Beschäftigung als Theologischer Mitarbeiter im Büro des Bischofs (aka Referent für Inhalte) führt dazu, dass ich permanent die neueste theologische Literatur wahrnehme und auch so viel wie möglich davon wenigstens kursorisch lese. Ich habe da nicht so eine Lücke, wie sie sich normalerweise nach 30 Jahren Pfarramt einstellt. Freilich: das akademische Gespräch kann ich nur rudimentär führen.Ich bin beim Theologiestudieren vor allem drauf gespannt, wie sich das Studium verändert hat - ich habe gelegentlch Protokoll geführt bei Examina und für meinen "Chef", der ja auch Professor an der Uni Kassel ist, Arbeiten vorkorrigiert. Da fiel mir doch das eine oder andere auf. Die Vorlesung bei Laube interessiert mich vor allem deswegen, weil ich in den letzten Jahren bemerkt habe, dass es eine neue Annäherung an Karl Barth gibt, die meiner Lektüre deutlicher entspricht als das, was ich in meinem Studium (1979-1985) gelernt habe (ich bin da immer schon etwas eigene Wege gegangen - darüber auf diesem Blog en passant noch mehr).

Lieder kann ich an dem Seminar bei H.M. Heinig über Carl Schmitt nicht teilnehmen, weil es nicht in meinen Stundenplan passt. Das ist sehr schade, denn auch Carl Schmitt gehört zu denen, die ich immer mal wieder auf dem Schirm hatte, und der jetzt, keineswegs zu meinem Wohlgefallen, wieder fröhliche Urständ feiert, weil der allgemeine Rechtsruck auch hier neue Aufmerksamkeit erzeugt (und manche Argumentationen sind "Schmittig", ohne das die Debattierer das wissen). Außerdem bin ich überrascht, welche Rolle Schmitt z.B. für Agamben (Ausnahmezustand!) und andere französiche Theoretiker (Latour!) spielt. Schade. Vielleicht findet sich ja ein Weg, es doch irgendwie hinzubekommen.

Fortsetzung folgt.