Donnerstag, 29. Februar 2024

Prüderie

 Ich bin doch erstaunt, wie clickbait-Seiten mit einer Prüderie spielen („die sündigen Outfits der NN, Busenblitzer auf dem roten Teppich“ usw.) - die es doch angeblich nicht mehr gibt. Ich glaube, Foucault ging mit seiner Analyse der Sexbesessenheit der Moderne nicht weit genug. Die augustinische Reduktion von concupiscentia auf (genitale) Sexualität scheint jetzt erst richtig zu wirken - weil ihr der (exculpierende!) Hintergrund fehlt. „Sünde“ ohne Vergebungsmöglichkeit: das ist die Hölle. Wieviele Menschen wohl in dieser Hölle leben? Auf jeden Fall offensichtlich eine Menge Medienmenschen, sonst kämen sie gar nicht auf die Idee, dass diese clickbaits funktionieren. An die Stelle der Heuchelei ist die glatte Lüge getreten. Keine wirkliche Verbesserung. 

Losungen 16

 Ich traue auf den HERRN. Wie sagt ihr denn zu mir: »Flieh wie ein Vogel auf die Berge!«

Psalm 11,1

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.
Hebräer 10,35
…was ja bedeutet: es ist schon welches da! Das ist, was die Moderne vergessen hat. Ein Grund, warum gerade Verse, die vom Glauben sprechen, so beschämend wirken. 

Mittwoch, 28. Februar 2024

Alien-Theologie

 Es mag ja eine fast pubertäre Frage eines SF-Fans sein: aber welchen Impact hätte wohl die Entdeckung extraterrestrischen Lebens auf die christliche Theologie? Ich kenne nur wenige Serien, Filme oder Bücher, die diesen Aspekt aufnehmen. Am stärksten in Firefly/Serenity. In der Theologie selbst bin ich der Frage noch nicht begegnet. 

Losungen 15

 Auf dich, HERR, mein Gott, traue ich! Hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich.

Psalm 7,2

Wenn sie euch vor Gericht stellen, dann sorgt euch nicht darum, wie oder was ihr reden sollt, denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt.
Matthäus 10,19

In der Moderne ist immer Gericht. Darum wird „Glaube als Vertrauen“ wichtiger als „Glaube als höheres Wissen“. Trust and Talk. 

Dienstag, 27. Februar 2024

Concupiscentia

 Die vielleicht theologisch bedrängendste Frage: könnte Augustinus Recht gehabt haben? 

Ennui

 Auf meine alten Tage, wo mich manchmal das Gefühl beschleicht, für mich sei nun alles ausgeforscht, entdecke ich per Resonanz in den Augen von Menschen etwas für mich Neues und sehr Beunruhigendes, das ich vorher nie wirklich gesehen habe: Langeweile. Und mir geht ein Licht auf; wie, wenn sich Menschen ihr ganzes Leben lang langweilen? Das würde vieles erklären. 

Embarrasement

 Vor mir im Zug sitzen zwei mormonische Jünglinge, die in allem, vom Gesichtsausdruck, Kleidung und Gestus über Sprache und Sprechweise bis hin zum betulichen Essen die Kategorie „religiöser Depp“ erfüllen, dass es mich gruselt bei der Vorstellung, wieviel es davon wohl geben mag. Egal in welcher Glaubensweise sie organisiert sind. Das ist keine heilige Einfalt, das ist pure Stupidität. 

Anima naturaliter

 Im Grunde lässt sich die Wurzel des Faschismus in einem einzigen Satz beschreiben: „Zurück zur Natur“.  Das nicht zu sehen ist gefährlich naiv und - barbarisch. „Natur“- jüngerinnen und -jünger aller Art sind mir zutiefst suspekt. Mensch heisst: Vernunftgebrauch, Ausstieg aus dem Würfelspiel. 

Evolution

 Es frappiert mich immer wieder, wie klein die Anzahl der Menschen ist, die wirklich etwas begreifen und gestalten und wie gross die Masse derer, die in einem ungestaltem Nebel leben (zähle mich dazu). Evolution braucht die Masse, um den wirksamen Zufall einzufangen. Deprimierend. Und irgendwie auch ein Wunder, auch wenn Emergenz nichts übernatürliches ist. 

Platos Höhle

 Kant lesen, als wäre es eine Utopie oder eine gewaltige Trauerarbeit über den kranken Menschenverstand. Dann gehts:Das empirische Ich als Platos Höhle. 

Losungen 14

 Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde.

Psalm 51,4

/Jesus spricht:/ So wird auch Freude im Himmel sein über #einen# Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
Lukas 15,7

Der Vers zeigt, wie der Sinn einer Erzählung (das verlorene Schaf) in das krasse Gegenteil verwandelt werden kann. Selbst hier: Losung und Lehrtext widersprechen einander. 
Mal abgesehen davon, wer die 99 Gerechten sein sollen. Man ahnt es: einer davon ist Autor dieses Satzes….was wie Demut aussieht, ist purer Stolz  des sich-gerettet-habens. Religion kann unglaublich toxisch sein. 

Montag, 26. Februar 2024

Losungen 13

 Losung und Lehrtext für Montag, den 26.02.2024 


Des HERRN Augen schauen alle Lande, dass er stärke, die mit ganzem Herzen bei ihm sind. 

2. Chronik 16,9 

Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr wisst, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid und wie überwältigend groß die Kraft ist, die sich als Wirkung seiner Macht und Stärke an uns, den Glaubenden, zeigt. 

Epheser 1,18.19


Man kann es gar nicht oft genug sagen: im Herzen sitzt in der biblischen Tradition der Verstand. Der Vers sagt so ziemlich das Gegenteil von dem, was der kleine Prinz da so vor dich hin plappert. 

Sonntag, 25. Februar 2024

Wien

 Eine Woche Wien steht an, und so liegt nun symbolisch (ebook!) der 1000-Seiten Wälzer von Heimito von Doderer auf dem Lesepult, und - zack - hat der alte Zauberer mich am Haken mit seiner 1 1/2beinigen Mary. 

Losungen 12

 Losung und Lehrtext für Sonntag, den 25.02.2024 


Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden. 

5. Mose 6,6-7 

/Jesus spricht:/ Der Fürsprecher, der heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. 

Johannes 14,26


Wenn die Generationenweitergabe unterbrochen ist, hat auch der Heilige Geist kaum eine Chance. Der Logos ist Sprache: Klang und Geste. 

Samstag, 24. Februar 2024

PC

 Menschen regen sich darüber auf, dass sich Menschen verletzt fühlen - sie geben also ihrer Verletzung durch das Verletztsein anderer Ausdruck. Wir sind komplett lost, wenn wir das nicht wieder eindämmen: den Verlust an öffentlich gebrauchter Vernunft und minimalem Anstand und Takt. 

Theopoesie

 Physik + Theologie => Poesie. 

Alles andere: Illusionsmanagement. 

Conditio moderna

 Christian Lehnert, Das Haus und das Lamm, 115

Losungen 11

 Ich will euch mehr Gutes tun als je zuvor, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.

Hesekiel 36,11

/Paulus schreibt:/ Ich weiß aber: Wenn ich zu euch komme, werde ich mit dem vollen Segen Christi kommen.
Römer 15,29


Wir sind Briefträger. Auch so eine Metapher, die bald nicht mehr funktionieren wird. 

Freitag, 23. Februar 2024

Fatale Schwäche

 Gutes in den Händen von Dummköpfen wird leider dumm. 

Simple

 Die naive Vorstellung von Präsenz ist die Wurzel jeder schlampigen Theologie. Ich fürchte, dass es so einfach tatsächlich ist. Und schlampige Theologie - man male such die Folgen schlampiger Mathematik aus. 

Theologenglück

 Auf meine alten Tage begegnet mir - auf den letzten Metern meines zunehmend erschöpften Theologenlaufes - mit Christian Lehnert ein Theologe, der in mir wirkliche Resonanz erzeugt (und nicht nur beifällige Zustimmung). Ihm gelingt, was mir nie gelang: poetische Theologie. Grosse Freude. 

Naiv

 Mit welcher Naivität Kirchenmenschen auf das Muster „Meines Feindes Feind ist mein Freund“ hereinfallen, ist irritierend. 

Losungen 10

 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Psalm 22,2

Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.
Markus 15,38

Gott ist nicht „da“. 

Donnerstag, 22. Februar 2024

Generation gap

 Man muss sich klar machen: es gibt eine Alterskohorte, die hat den besten Abschnitt  der Geschichte erlebt: Frieden, Wohlstand, Freiheit. Die sind jetzt um die 60-80 Jahre alt und bilden die gesellschaftliche Mehrheit. 

Unser Problem ist nicht eine angeblich faule und undisziplinierte Jugend. Sondern eine ganze Kohorte von "verweichlichten" Alten. 

Losungen 9

 Losung und Lehrtext für Donnerstag, den 22.02.2024 


Dienet dem HERRN mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken! 

Psalm 100,2 

Lasst uns Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. 

Galater 6,9


Eschatologie ist die Kunst des langen Atems über den Atem hinaus. Alles andere ist jene gefährliche Form von Hoffnung, die die Griechen fürchteten und die besser „Illusion“ genannt werden sollte. 

Mittwoch, 21. Februar 2024

Cetero censeo

 Sie würden es wieder tun.  Sofort. Ohne zu Zögern. Exkludierende vernichtende Gewalt ist ihr feuchter Traum. Übrigens: egal, gegen wen. 



Erkenntnis

 Dass vieles im Internet sehr windige Geschichten sind, merkt man besonders bei Furz-Videos. 

Losungen 8

 Wer kann sagen: »Ich habe mein Herz geläutert und bin rein von meiner Sünde«?

Sprüche 20,9

Als aber Jesus ihre Gedanken erkannte, antwortete er und sprach zu ihnen: Was denkt ihr in euren Herzen?
Lukas 5,22


Das vielleicht krasseste Missverständnis überhaupt: dass in der Bibel das Herz der Sitz der Gefühle ist. Mit heftigen Folgen: Glaube als Gefühlsduselei. Und dann hat Schleiermacher dem Affen auch noch Zucker gegeben. Dabei ist bei ihm  „Gefühl“ das vorgegenständliche Wissen (!) um den transzendentalen Ursprung. Aber in der Hand von religiösen Schwärmern wird jeder Gedanke zu Müll, Pietismus fürs Volk. 

Dienstag, 20. Februar 2024

Losungen 7

 Der HERR sprach zu Elia:/ Ich will übrig lassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal.

1. Könige 19,18

Ihr aber, meine Lieben, baut euer Leben auf eurem allerheiligsten Glauben und betet im Heiligen Geist und bewahrt euch in der Liebe Gottes und wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben.
Judas 1,20-21

Elia steht für den Gott des Gemetzels, den Horror des Monotheismus. Lang ist der Weg zur Barmherzigkeit, die auch Toleranz meint. 

Montag, 19. Februar 2024

Nawalny 2

 Aus einer nicht-deutschen Perspektive sehen übrigens auch AfD-Politikerinnen und Politiker wie Widerständler oder Dissidenten aus. Nicht jeder Feind meines Feindes ist auch gleich mein Freund. Nawalny war russischer Nationalist - er gehörte zur aus unserer Perspektive extremen Rechten. Als alter Dostojewskileser und neuerdings wieder mehr im russisch/russlanddeutschen Milieu sage ich mal: eine Russin/ein Russe ist immer erst einmal eine Russin/ein Russe. Nalwany als Akteur von so etwas wie einer Zivilgesellschaft zu vereinnahmen ist grotesk. 

Sonntag, 18. Februar 2024

Losungen 6

 HERR, wie sind deine Werke so groß! Deine Gedanken sind sehr tief.

Psalm 92,6

Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
Offenbarung 15,3

Die Vorstellung, das Universum sei etwas Gedachtes, ist für alle, die nur auf das vertrauen, was sie sehen, natürlich völlig fremd. Was kein Wahrheitskriterium  ist.  Natürlich ist das Universum zugleich das Konkreteste, weil es mich umbringt. Das Leben ist ein Gotteszeichen. 

Samstag, 17. Februar 2024

Mt 4 invokavit

 Versuchung meint Macht, nicht Sex. Jesus bekommt keine Huris von Teufel angeboten, auch keine Megaorgasmen oder Monsterektionen. Indem die Kirche auf Brüste und Vagina starrte, übersah sie die wirkliche Bedrohung. Da wird gerade eine 2000 Jahre alte Quittung geschrieben. 

Losungen 5

 Die Gerechten freuen sich und sind fröhlich vor Gott und freuen sich von Herzen.

Psalm 68,4

Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Matthäus 25,21

Sein Licht leuchten lassen, mit dem Pfund wuchern: darum geht es. Die Scheiss-Bescheidenheit, die jämmerliche Machtphantasien gedeckt hat, ist eine der Todsünden der Kirchen. „Scheiss-Bescheidenheit“ wie „Scheissfreundlichkeit“. Die beiden frömmsten der Heucheleien. 

Leichtigkeit

 Ein schönes Symbol für die Leichtigkeit des Lebens, die technischer Fortschritt eben auch bedeutet: Reisen mit Smartphone und Ebook statt Diskmann, CDs und Bücherkoffer. 

Reform

 Ich will nicht mehr löschen. Ich will den kontrollierten Abbrand. 

Losungen 4

 Losung und Lehrtext für Samstag, den 17.02.2024 


Ihr Berge Israels, siehe, ich will mich wieder zu euch kehren und euch mein Angesicht zuwenden, dass ihr angebaut und besät werdet. 

Hesekiel 36,9 

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. 

Jakobus 5,7


Wenn man bedenkt, dass sich Kirche in den letzten 50 Jahren den Arsch aufgerissen hat, um nun da zu stehen, wo sie steht, also in der Bedeutungslosigkeit, ist die schlechthinnige Passivität der Verheißung eine echte Ansage. 

Freitag, 16. Februar 2024

Nawalny

 Alexeij Nawalny ist „gestorben“. Außer Gänsefüßchen bleibt einem nicht mehr viel. 

Relevanz

 Die faktisch ausbleibende öffentliche Debatte über die Missbrauchsstudie der evangelischen Kirche zeigt: noch nicht mal als Bösewichte sind wir  noch interessant. 

Sonntagsruhe

 Ich halte die Sonntagsruhe - die in meiner Kindheit schon am Samstagmittag begann - für eine der grössten Errungenschaften, ja für das christliche Erbe überhaupt. Dass immer mehr Menschen sich darüber beklagen: das bekümmert mich sehr. 

Donnerstag, 15. Februar 2024

Losungen 3

 Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Psalm 90,12

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
Römer 14,8

Ein Glaube, der nur vom Leben spricht, ist lebensgefährlich. Aber die Aussicht auf den Tod macht nicht unbedingt klüger, eher im Gegenteil. Es gilt, gleichgültig zu sein - ohne dabei zum Scheusal zu werden. Empathie hat nichts zu tun mit Erregung, Geschrei, Panik oder „Betroffenheit“. Sie kommt aus der Solidarität derer, die sterben müssen. 

Erbärmlich

 Ich lese gerade Thorsten Dietz‘ Buch über Sünde und bin ganz angetan, er hat einen Zugang zum Thema über die Popkultur gefunden, der gut gangbar ist und em Thema trotzdem seine Ambivalenz lässt. 

Interessanter als das Buch sind aber Rezensionen aus dem evangelikal-fundamentalistischen Bereich (aus dem Dietz ja kommt!): hier offenbart sich eine intellektuelle und menschliche Erbärmlichkeit, die schaudern macht. 

Versöhnung

 Schüttelt man alle zeitbedingten -ismen und heute z.T. peinlich wirkenden Parteinahmen bei Dorothee Sölle ab, kommt eine Theologie zum Vorschein, die…ach, lest doch selbst. 

Losung 2

 Das Volk kam zu Mose, und sie sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir gegen den HERRN und gegen dich geredet haben. Bete zum HERRN, damit er uns von den Schlangen befreit. Und Mose betete für das Volk.

4. Mose 21,7

So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
2. Korinther 5,20


Menschen zu ihrem Glück zu zwingen: eine Spezialdisziplin des Christentums. Wahre Gelassenheit aber meint: auch das „Lassen - lassen“ lassen. 

Mittwoch, 14. Februar 2024

Losung 1

 Losung und Lehrtext für Mittwoch, den 14.02.2024 


Was bin ich? Was ist mein Volk, dass wir freiwillig so viel zu geben vermochten? Von dir ist alles gekommen, und von deiner Hand haben wir dir’s gegeben. 

1. Chronik 29,14 

Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.


„Umsonst“ und „vergeblich“ zu verwechseln ist vermutlich etwas sehr Deutsches, ein Fall von Verhexung des Denkens durch die Sprache, leider aber auch der Vergiftung des Lebens durch das Denken: Grosszügig sein zu können ist wahre Gnade. 


Dienstag, 13. Februar 2024

Kinder des Lichts

 Eine „Gute Verwaltung“ und ein differenziertes Protokollwesen sind der Herzschlag einer guten Organisation - es ist strukturierte Gerechtigkeit einer „Körper“-schafft. Das Archiv ist das Gedächtnis, das Rechnungsprüfungsamt das Gewissen. Gute Demokratie ist gute Bürokratie. Gerade bei Kafka kann man das lernen! Und in der Forumsstudie. Die laxe Haltung der Gotteskinder gegenüber Protokollen, Gesprächsnotizen, Evaluationsformularen etc. ist pure religiöse Hybris. Wenn es nicht schiere Faulheit ist. Eine Kirche braucht keinen Vatikan, aber ganz sicher ein Konsistorium. 

Montag, 12. Februar 2024

Lust.

 Letztlich ist nicht der Schmerz (als Bote der Entropie, aka Tod), sondern die Lust erklärungsbedürftig. Dass die Theologie hier eher schweigt oder Verdächtigungen ausspricht, indem sie die Lust auch zum Todesagenten macht, rächt sich grade bitter. „Alle Lust will Ewigkeit“ (Nietzsche). Der „Antitheologe“ schlechthin entpuppt sich immer deutlicher als der einzige Theologe von Format der letzten 150 Jahre. Flaschenpost vorbeigeschwommen. 

Sonntag, 11. Februar 2024

Sexualität

 Seit der geniale Biolehrer, Herr Becker, dem ich sehr viel verdanke, uns auf Masters und Johnson aufmerksam machte, und dem nicht weniger genialen Deutschlehrer, Herr Müller, uns mit Freud bekannt machte, befasse ich mich intensiv mit dem Thema Sexualität - Comfort, Baghwan Shri Rashneesch (der in Eschwege einen grossen Ashram hatte), Foucault, Adler (!),  de Beauvoir, Villar und die feministische Pornodebatte der 90er Jahre taten das ihre dazu. 

Ich habe dazu fast nie etwas geschrieben. Warum wohl?


Harthörig

 Bei Musik kann man besonders deutlich studieren, wie eng die Rezeption und die Fantasie für Vielfalt bei der Mehrheit der Menschen gestrickt ist - die universalste, weil abstrakteste aller Künste erweckt die stärksten identitären Gefühle. Nirgends ist so viel hate wie unter Videos, unter denen es um Musik geht. 

Simple Logik

 Wer auf einem Smartphone in einem sozialen Netzwerk die Naturwissenschaft als Naturwissenschaft kritisiert („weiss nichts“, „blosse Vermutungen, reine Theorien“ etc.),  ist schlicht ein unlogischer Dummbatz. 

Sadismus

 Das Grundgefühl des christlichen Glaubens, zum Tode verurteilt zu sein, ist so sehr verschwunden, dass offensichtlich immer mehr Menschen unter dem (gostisch-esoterischen) Schmerz leiden, zum Leben verurteilt zu sein. Das könnte eine gute Erklärung dafür sein, warum das 20. Jahrhundert solche Exzesse der Grausamkeit sah…wenn das Leben die Strafe ist, was is es dann wert? Und es ist das am Ende purer  trostloser Sadismus, wo das Christentum pure getröstete Traurigkeit war. 

Freitag, 9. Februar 2024

Integer

 Wie stark der Wille zum Anständigsein in mir ist: ich habe meine Druiden-Zwergin in Baldurs Gate 3 zum ersten Mal eine richtig bösartige Entscheidung fällen lassen. Ich habe die halbe Nacht vor Skrupel nicht schlafen können. 

Schöne Gedanken

 Sabine Hossenfelders Polemik gegen „schöne Theorien“ und ihre systemischen Verlockungen leuchtet mir zunehmend ein. (S.Hossenfelder, Das hässliche Universum). 

Was folgt, wenn man das auf die Theologie anwendet? Ich hatte ja z.B. bei Paul Tillich oft das Gefühl, dass es eine selbstverliebte Theorie ist, die auf ihre eigene Schönheit hereinfällt. Es hat mich nicht überrascht zu hören, dass er ein Erotomane war. Nicht aus moralischen Gründen (die mir beim Thema Erotik fern sind), sondern aus systemarchitektonischen Gründen. Der Zwang zur Schönheit ist fatal…eine Haute-Couture- Theologie auf Kreppsohlen und mit Föhnfrisur. 

MinimalMaxime

 „Kein Tag ohne Zeile. Es gilt, die mittlere Höhe zu gestalten“ (Sloterdijk, Zeiten III, 603). 

Jeder längere Text ist Auschmücken eines Erzählkerns, jede Predigt ein aktueller Ausschnitt eines kontinuierlichen inneren Monologs, ich habe die Schriftlichkeit des Predigens nie wirklich verstanden - jetzt weiss ich, dass das mit ihrer Schrifthaftigkeit (Derrida) zusammenhängt. Sie ist schon Schrift, bevor sie gesprochen wird. Predigt ist niemals Literatur, immer Rede (also auch nicht dramatischer Monolog).  Die Kanzel ist keine Bühne. Sie ist ein brennender Dornbusch. Das ist der Ernst der Predigt. Sie auf einzelne Sprech- (oder gar Schreib-) Ereignisse zu reduzieren, ist ein Unding. Predigen ist eine Existenzweise. Dass ich sie zu meinem Beruf machen konnte, ein Privileg. Dass sie in der Kirche definitiv an Bedeutung verliert, ist vermutlich ein Symptom unter Symptomen für das nahende Ende. Ein Verstummen, kaschiert unter fadenscheinigen rezeptionsästhetischen Mäntelchen, ausgehend vom Phantom der schlecht Zuhörenden. Möglicherweise eine Projektion in einer Kirche mit erworbenem ADHS. 

Harmonie

 Wie tief der zentraleuropäische Kolonialismus die Welt geprägt hat, erkennt man an der absoluten Dominanz der temperierten Stimmung und der funktionsharmonischen Harmonie in der Musik - jede andere Musik ist „Folk“ oder „Weltmusik“, auf jeden Fall aber Nischenmusik. Die Popmusik und die mit ihr verbundene Musikindustrie ist die wahre Erbin des Kolonialismus - ein Harmoniesystem, das knapp 300 Jahre alt ist und aus der Musikkultur einer winzigen Elite stammt. Welche Rolle mag dabei das Harmonium gespielt haben? 

Differenz

 Das Moderne an der Moderne ist, dass sie zugleich Emanzipation der Masse und Exposition von Elite ist: durch die wissenschaftliche Methode. Die Masse liegt immer falsch. Darum ist es das grösste Paradox, dass die Moderne die Demokratie der Mehrheiten hervorgebracht hat. Es ist eine Art Schwebezustand, ein fragiles Gefüge - das für Europa und europäisch lebenden Menschen (also die irgendwie kolonisierten) einen Lebensstandard hervorgebracht hat, der jeder Utopie spottet. Und zugleich suizidal ist. 

Donnerstag, 8. Februar 2024

Creatio corrupta

Der erste Satz meiner Schöpfungstheologie: 

Shit happens - das ist, was Gott und Geschöpf lernen müssen, wenn Kontingenz vorgesehen ist, also: Freiheit! 

Cuius regio

 Hätte man 1918 die „Landeskirchen“ als das begriffen, was eine evangelische Kirchen einzig sein kann: eine Verwaltungseinheit, anstatt auf die seit 1555 geltende Verschränkung von Konfession und Terrotorium zu setzen und sich damit den (schon damals überholten) grossidentitären Irssinnigkeit ausgesetzt - es wäre uns viel Klerikalismus (inklusive evangelischer Bischöfe als Verwaltungsspitzen(!!!) erspart geblieben. Wir räumen dem - auch theologisch!- immer noch hinterher. Mental sind wir noch sehr im landesherrlichen Kirchenregiment gefangen - bis hin zum vom Untertanenmodell geprägten behördlichen Charakter, der von modernen Service-unternehmen oder anderen NGO-Organisationsformen ein Universum weit entfernt ist. Die Forum-Studie rührt an die Tiefen unserer Organisationsgeschichte, bei der aber theologischerseits grosse Sprachlosigkeit herrscht. Die Kirche hatte eben keinen Luhmann oder Habermas.  Wie sie keinen Wittgenstein und keinen Foucault hatte. Sie sieht sich nicht angemessen, sondern nutzt Beschreibungsmodi aus dem 16.Jahrhundert, gemischt mit Kanzleidenken und einer gewissen schwärmerischen Frömmigkeit, die das alles zudem nicht für nötig hält und sich an den (vermeintlichen!) Wanderradikalen des 1. Jahrhunderts orientiert. Der Preis dafür?? Organisationale Sprachlosigkeit und Teilblindheit: Verantwortungsdiffusion“. 

Stellenwechsel

 Man kann sich an das Recht-Haben und Recht-Bekommen so gewöhnen, dass man schon deswegen ab  einem gewissen Punkt mit allem Unrecht hat. 

Akademischer Rat

 Hüte dich vor den Dummen, die von ihrer eigenen Klugheit hingerissen sind. Und ließ nicht dauernd deine eigenen Texte. 

Mausis

 Warum es keinen protestantischen Chesterton geben kann? Weil moralische Menschen meistens ehrpusselige und empfindliche Mimosen sind. Spiritueller Sarkasmus, mystagogischer Spott, eschatologische Ironie: alles ganz schlömm. Christentum als Apotheose des Spiessertums, Nietzsche griff mit seinem irgendwie doch heroischen Konzept der Sklavenmoral viel zu hoch. Es ist nicht nur erbarmungswürdig, es fängt an, erbärmlich zu werden. Kyrie eleison.  

Prolegomena

 Im Jahre 40 nach dem Tod Michel Foucault sollte jede theologische Dogmatik mit dem Thema Macht beginnen. Um sie geht es. Ausschliesslich. Wohin es führt, wenn Theologie ihr Thema verfehlt, dürfte jetzt jedem deutlich sein: aus Macht wird Gewalt (das ist nämlich nicht dasselbe).  Am Grunde einer torkelnden Kirche waltet eine Glasperlendpieltheologie, die den ontologischen Impact des Holocaust - und warum er eine deutsche Geschichte ist - nie wirklich verstanden hat: abgründige, ressentimentgeladene Naivität gegenüber der Macht in einem Masse, die Nietzsches Kritik wie ein vorsichtiges „Moment mal!“ erscheinen lässt. 

Exousia

 Wer Macht leugnet, lebt in der gefährlichsten aller Lügen. Wer Macht nicht sieht, in der fatalsten aller Blindheiten. Wer Macht verachtet, in der dümmsten aller Verachtung. Wer die Macht nicht achtet, wird Gewalt entfesseln. 

Mittwoch, 7. Februar 2024

Teufel

 Ein theologisches Leben lang habe ich mich mit dem Teufel und dem Nominalismus befasst. Fazit: Dass es den Teufel nicht gibt, ist schade. Denn so bleibt das mannigfaltig unbenennbare Teuflische.

Kontakt

 Du wirkst irgendwie ziemlich heruntergekommen! 

- Ja, ein Glück, wieder Bodenkontakt. 


Dienstag, 6. Februar 2024

Glimpse

 Hast du eigentlich keine grösseren zusammenhängenden Gedanken, nur diese Fetzen? 

Oh doch. Ununterbrochen. Ich schreibe hier nur die Kapitelüberschriften auf. 

Auto-Skepsis

 Es ist erschütternd zu sehen, was aus wirklich klugen Theorien wird, wenn sie in die Hände mittelbegabter Dumbatzen und Wichtigtuer gerät. Das nährt natürlich einen Verdacht gegen das eigene Denken. 

Sonntag, 4. Februar 2024

Engagement

 „…das, worauf arbeitslose Schauspieler warten“. Sloterdijk, der boshafte Narr. (Zeilen und Tage III, 308). 

Abyss

 Adorno hat nur die halbe Wahrheit gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen - aber es gibt eben auch kein falsches Leben im falschen, es kann nur einmal falsch sein. Es ist eben doch so, wie Heidegger sagt: Nur ein Gott kann uns retten. Weil wir in einer Innenwelt ohne Aussenwelt leben, wie wir aus der physikalischen Kosmologie wissen. Summa: der gesunde Menschenverstand liegt sogar darin falsch, dass er falsch liegt. Finde den Fehler. 


Spoiler: Wittgenstein! 

Samstag, 3. Februar 2024

Umblättern

 Früher habe ich gerne Biografien gelesen, aber seit ich begriffen habe, dass meine eigene Biografie ca. auf Seite 450 ist, lässt das nach. 

Gegen Rechts

Rechtsextremismus setzt auf Gewalt und Ausgrenzung . Dafür ist Jesus am Kreuz nicht gestorben.


Rechtsextremismus setzt auf Ausgrenzung. Wenn Jesus sagt: alle sollen zu mir kommen, meint er: Alle.


Rechtsextremismus setzt auf Grenzen. Jesus überschreitet Grenzen.

Rechtsextremismus setzt auf Herrschaft durch Gewalt. Glaube setzt auf Regierung mit Weisheit und Versöhnung.

Rechtsextremismus setzt auf Geschrei und Hetze. Glaube setzt auf Hören und Reden.


Rechtsextremismus ist antisemitisch. Jesus war Jude. 

Rechtsextremismus ist grob, unhöflich und verächtlich. Jesus preist die Sanftmütigen. 

Rechtsextremismus setzt auf das Recht des Stärkeren. Der Gaube setzt auf das Recht. 

Rechtsextremismus setzt auf Worte der Macht. Der Glaube setzt auf die Macht des Wortes. 

Rechtsextremismus setzt auf Boden und Volk. Jesus setzt auf die  Erde und den Menschen.  

Tageslosung: das liebliche Land

Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land; mir ist ein schönes Erbteil geworden. Psalm 16,6

Das ist ja mal eine schöne Losung. Sie lässt mich den ganzen Tag schon nicht los, und wer Hebräisch kann, wird noch bezauberter sein. Ich war heute "zu Hause", also im schönen Werrratal: das ist ein liebliches Land. Es ist mein Los, dort geboren worden zu sein, und was für ein schönes. Dieses liebliche Land habe ich so verinnerlicht, dass ich, wenn mir alles auf den Keks geht, ich nur in den Garten meines Geburtshauses zu gehen brauche (innerlich) - und schon tröstet mich die Landschaft mit ihrer Sanftheit und mit Ihrer Verheißung (die natürlich nichst anderes ist als verbrämte Kindheit. Wohl dem, der eine hatte, die des Verbrämens würdig ist!). Darum ist das Paradies kein abstrakter Ort. Es ist eine Gegend, eine Landschaft. Wer kein konkretes Bild des Paradieses in sich trägt, ist wahrhaft ein verlorener, ein wahrer Zeuge Jehovas, der auf Billigprojektionen aus Wachturmheftchen angewiesen ist, auf das Kino oder auf irgendwelche momentanten Gelüste. Zeig mir dein Paradies, und ich sage dir, was für ein Mensch Du bist, so sinngemäß Nietzsche. Wessen Paradies das liebliche Land ist, dass man erben wird, darf sich, wie ich, glücklich schätzen. Um den Preis, das jeder andere Ort, sogar das Leben selber, zum Exil wird.
Aber das gesamte Alte Testament ist ja nichts anderes als das:Bewältigung des Exils.Was für eine Quelle des Trostes.

Freitag, 2. Februar 2024

Memento

 Der Iran ist der Stachel im Fleisch der Religion, las ich kürzlich. Wirklich? Ich denke eher, er ist das wahre Fleisch der Religion: Okkupation Gottes

Seismografen

 Der einzige Effekt von Frühwarnsystemen ist, die Frühwarnenden bei Eintreffen der Ereignisses obendrein auch noch traurig und wütend zu machen, es gibt eine Form des Recht-gehabt-habens, die geradezu demütigend ist. Kassandra wurde nach ihrer Vergewaltigung durch Ajax wenigstens noch halbwegs heroisch umgebracht. Laokoon erstickte im Gestrüpp der Schlangen, die von der ach so edlen Jungfrau Athene gesandt worden waren. Der Mythos weiss eben was über die Unfähigkeit der Antizipation, die im ethischen Bereich Verantwortung heisst. 

Demagogie

 Die klasssische Rhetorik und Grammatik war schon immer reine Rezeptionsästhetik, erst die Stupidität deutscher Professoren macht aus Texten „Werke“ und öffnete damit der Manipulation Tür und Tor, weil man der wirksamsten aller Textsorten keine Aufmerksamkeit mehr schenkte: der deliberativen Rede, dem eigentlich ethischen Problem. Eine deutsche Tragödie. Bis heute schreiben die Autorinnnen und Autoren in ungebrochener rhetorischer Tradition (Frankreich und England) die besseren Texte, die gerne als „Gebrauchstexte“ in deutscher Stumpfsinnigkeit des angeblich autonomen Genialen diffamiert werden. Das geht hin zu lächerlich literarischen Predigten (dem deliberativen Genus schlechthin). Die Verwüstungen der Nazi-Zeit und der trivialen Romantik sind in Impact und Wirkungen nur mit den Verwüstungen deutscher Städte im zweiten Weltkrieg vergleichbar - und dem alles verleugnenden „Wiederaufbau“.  

Rhythmus

 Weightwatchers ist super, wenn man regelmässige Zwischenmahlzeiten einlegt. 

Screen

 Das Ich: der Desktop des Gehirns. 

Vakuum

 Mir kommt das Denken abhanden. Eine Kunst, die niemand braucht.