Popmusik erschließt sich mir nicht.
Nicht, dass ich sie nicht mag. Nicht, dass ich sie nicht kenne. Ich bin mit ihr großgeworden, mein Freundeskreis war musikaffin, auf den reichlich gefeierten Parties lief alles, von den Beatles bis Sex Pistols, und weil ich immer schon sehr lernfähig war, hatte ich es bald drauf, auf diversen Klassenfeten und ähnlichem den DJ zu machen, ich konnte mir gut merken, welche Musik tanzbar war und zu welcher Stimmung passte - weil sie mich nicht die Bohne interessierte.
Ich hörte brav jeden Donnerstag Werner Reinckes Interantionale Hitparade und schnitt fleißig mit, meine Mitschnitte wurden gerne ausgeliehen. Aber es war für mich strukturierter Lärm, ausser zum Tanzen, Aber da genügte ja der Rhythmus und ein ordentlicher Bass, Getanzt habe ich gerne und viel und wild, auch alleine, weswegen dann doch ein paar T-Rex (Marc Bolan hatte was) und Slade-Radau Singles den Weg auf meinen Plattenspieler fanden.
Ein paar wenige erreichten mich: Nina Hagen, da war es mehr die Performance, Depeche Mode, da waren es die Klänge, und Yello (von denen ich alle Platten besaß), weil ich das experimentell-Elektronische mochte , wie bei Kraftwerk und Deuter, die sonst niemand kannte.
Aber ansonsten: ich war mit Freunden auf auf Konzerten. Die waren furchtbar laut, es wurde natürlich alles geraucht, was brannte, getanzt, geknutscht, alles fein. Aber die Musik selber - Ideal mit der wunderbaren Anette Humpe fasste mich ein wenig an, nicht zuletzt, weil da auch eine gewisse harmonische Finesse am Werk war.
Aber was war das gegen eine Bruckner- oder Mahlersinfonie oder ein Streichquartett von Beethoven, wo in einem Takt mehr musikalische Substanz für mich enthalten war als in einem ganzen Pop-album, ganz zu schweigen von dem Universum Richard Wagner. Vielleicht ist es noch wichtig zu sagen, dass ich in einem kleinbürgerlichen Milieu großgeworden bin, da gab es keine Prägung, das Maximum an Musik war der samstägliche Blaue Bock und natürlich Schlagertanzmusik auf Familienfesten. Da konnte ich auch ordentlich mitgrölen.
Aber niemals wäre ich auf die Idee gekommen, mir das anzuhören.
Ich entdeckte die klassische Musik und den Jazz via Radio, hr2 vor allem. Und damals wurden klassische Konzerte und Opern auch noch im Fernsehen gezeigt! Die von Max Liebermann restaurierte LULU sogar live aus der Pariser Oper, das muss in 1979 gewesen sein. Zeitgleich im TV und im Radio, dort in Stereo.
Amy Winehouse und Adele sprechen mich an, aber nach zwei oder drei Titeln ist auch gut, ähnlich Lana del Rey, deren Texte angeblich so poetisch sein sollen, aber ich finde, es ist auch nur düstere Pubertätslyrik. Und so weiter, ich hoffe, der Punkt ist klar: es ist kein Naserümpfen, keine kulturelle Abwertung, keine Adornosche Schnöselei: ich verstehe es nur nicht.
Ich habe das deswegen wieder gerade mal bemerkt, weil im neuen Roman von Carl Ove Knausgard, Nachtschule, ein Protagonist durch seine Plattensammlung geht und versucht, in diese Sammlung Kohärenz zu bringen, und so, wie Knausgard das eben kann, ist das interessant, zumal ich mir mit Spotify alles sofort anhören kann. Und, was soll ich sagen: ich höre es nicht. The Cure ist für mich genauso ein Geklimper wie alles andere, was er nennt und so umfassend und packend beschreibt. Ich weiß aber, dass einer meiner Jugendfreunde ein The Cure-Addict war.
Schade. Da gibt es eine Welt, die mir verschlossen ist, und zwar ein Phänomen, das MILIARDEN von Menschen betrifft. Davon gibt es in meinem Leben wenig, weil ich immer einen Zugang fand zu Dingen, auch wenn sie mir völlig fremd sind. Aber Popmusik: ich finde sie existentiell langweilig, sie nervt mich eigentlich sogar, wenn sie irgendwo dauernd läuft. Warum?