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Da stand ich nun unter meinen geliebten Spätromantikern, und staunte nicht schlecht. Die meisten Bilder kannte ich bisher nur aus Abbildungen, nun traf mich das Auratische unmittelbar. Aus Schlegel progressiver Universalpoesie ist, wenn mir der Kalauer erlaubt ist, aggressive Universalpoesie geworden. Was für eine sexualisierte Kunst! Ich habe Freud ja immer ein wenig misstraut, war mir nie sicher, ob er nicht eben doch nur zeitgebunden ist- wenn man unter diesen schwülen Bildern steht, erledigt sich die Frage. Die Sehnsucht der Romantiker ist der Orgasmus, die Verschmelzung, der Weltverlust durch Überhöhung und Ekstase, das hat mit der poetischen Weltaneignung der frühen Romantik nur noch wenig zu tun. Hier herrscht nicht Sehnsucht, hier herrscht die Sehnsucht nach der Sehnsucht, nach mehr-als-bloß-Sex (was war Wagner für ein Genie! Das wusste er schon alles in den 60er Jahren, Tristan und Isolde, Brünnhildenfelsen, Johannisnacht: vielleicht durfte die Musik auch vieles schon eher, weil man es nicht so mitbekam??? Nacktes Fleisch zu malen ist noch einmal etwas anders als, um im Bilde zu bleiben, nacktes Fleisch [und was man damit macht] zu komponieren). Die Sehnsucht nach der Sehnsucht ist die Spitze der Entfremdung, hinter all dem Idyll donnert die Dampfmaschine und schuftet das schon die Slums besiedelnde Proletariat. Die Künstlichkeit der Natur bei C. F. Friedrich (und erst bei Runge und Richter!) richtet sich gegen die Kultur, aus der der Begriff der Natur freilich einzig sich abgrenzend stammt, denn die Natürlichkeit der Kultur (die Freud bloßlegt) ist das, wovor man sich fürchtet. Daraus resultiert die Überstilisierung, die so leicht vom Erhabenen in den Kitsch umschlägt. Keiner darf wirklich sagen, was er sieht und sehen will, alles ist Chiffre. Da war Freud der große Spielverderber, der des Kaisers Neue Kleider sah, und erkannte, dass auch hier nur Höhlenmalerie produziert wird. Die Sehnsucht der Romantik ist der Orgasmus, aber bitte ohne Schmutz und Tier. Erst Mahler, vor allem aber Wagner, Strauss und Schönberg lassen die Sau raus, Strawinsky treibt sie sogar durch die Konzertsäle. Der Weg dazu -Sex ohne Sex - ist die Raffinesse, die aber dann so weit getrieben wird, dass sie sozusagen in sich selber stecken bleibt und nicht zum Stich kommt: l´art pour l´art, das hat etwas Quälendes. Kein Wunder, dass sich das eines Tages entlud. Und was folgte? Der Ekel, das Grundgefühl des 20. Jahrhunderts. Und doch sind diese Bilder zum Sterben schön...Fantasy-Malerei vom Allerfeinsten, technisch brilliant, fern aller Naturhuberei und eben, naja, wie soll ich sagen, irgendwie angriffig.
Nebenbemerkung:
Ich habe ja Arno Schmidts Karl-May-Buch immer für eine totale Übertreibung gehalten. Überall sieht er, in den harmlosesten, oft sehr gesuchten Andeutungen Homoerotisches am Werke. Jetzt, wo ich Bilder von Sascha Schneider - dem Maler der Titelbilder der originalen Karl-May-Bände, in natura gesehen habe, kann ich dem etwas abgewinnen:man kann sich dem homoerotischen Eindruck kaum entziehen.
Sascha Schneider, Judas Ischarioth:
Hans Unger, Die Muse
Noch ein Unger und ein Klinger



