Montag, 29. Januar 2024

Falte



 Im Prinzip ist die Faltung der Welt ein einfacher Gedanke. 

Überleben (Derrida).

"Mich aufzufordern, auf etwas zu verzichten, was mich geformt hat, was ich derart geliebt  habe, bedeutet für mich, aufzufordern zu sterben. In dieser Treue liegt eine Art Selbsterhaltungstrieb. Auf eine Schwierigkeit, auf eine Formulierung, auf eine Falte, ein Paradox, einen zusätzlichen Widerspruch zu verzichten, weil das nicht verstanden würde oder viel mehr, weil dieser oder jener Journalist, der nicht zu lesen weiß, der nicht einmal den Titel eines Buches zu lesen weiß, zu verstehen glaubt, daß der Leser oder Zuhörer genausowenig verstehen wird und daß die Quote oder der Broterwerb darunter leiden würden - das ist für mich eine unerträgliche Obszönität. Das ist, als würde man mich auffordern,  mich zu fügen, mich zu unterwerfen - oder an Dummheit zu sterben" 

Jacques Derrida/Jean Birnbaum, Das Leben, das Überleben. Interview, in : Lettre International, Herbst 2004, 11. 

Sonntag, 28. Januar 2024

Demos

 Für mich ist der Sinn der Demos genau dieser: Der Ruf „geht wählen“! 

Evelina Tolpina vom Ausländerbeirat hat das  gestern in Eschwege in ihrer ausgezeichneten Ansprache sehr schön gesagt: Die Entscheidung über Politik wird zuerst an der Wahlurne gefällt. 

Aus der Perspektive von Menschen, die hier leben und nicht wählen dürfen, und die zum Teil aus Ländern kommen, in denen es kein wirkliches oder sogar gar kein Wahlrecht gibt, ist das ein großes Privileg. 

Und es ist unsere Aufgabe, Menschen dazu zu bewegen, wählen zu gehen. 

Das ist die erste Antwort auf die Frage: Was kann ich tun? 

DAS ist nämlich genau das, was den Extremisten gelingt: Sie bringen ihre Leute an die Urne! Und gleichzeitig verbreiten Sie Politikverdrossenheit für die  Mehrheit: Das ist eine perfide Strategie. Dass sie funktioniert, weist auf massive Defizite im politischen Bewusstsein von Bürgerinnen und Bürger hin - es scheint eine Art umgekehrter Untertanengeist dort zu herrschen, der aktive Teilnahme an politischen Prozessen für unnötig hält. Das muss geweckt werden: Das Gefühl, als Bürgerin und Bürger über die Stimme entscheidenden Einfluss auszuüben. Und so ist es doch auch: die großen Politikwechsel der letzten Jahrzehnte wurden über Wahlen auf den Weg gebracht.

Unsere Demokratie verteidigen heißt: Wählen! Es ist völlig unbegreiflich für mich, wie man dieses Privileg, dass einem Großteil der Menschheit nicht offensteht, nicht wahrnehmen kann. Radikalinskis und Spinner setzen sich durch, weil die normale Mehrheit „wahlfaul" ist. Das aber ist politisch fahrlässig. 

Das Paradox ist doch: Die Feinde der Demokratie haben verstanden, dass der Weg zu politisch Macht über das Wählen geht, die ewig nörgelnde Mehrheit offensichtlich nicht. 

Ich habe selbst in deutschen Lehrerzimmern gehört, Wählen habe doch keinen Sinn mehr - für einen Beamten eine, sagen wir mal, schwierige Haltung, mich hat das zutiefst schockiert . Das ist, als ob man zu faul zum Einkaufen ist und sich dann beschwert, dass der Kühlschrank leer ist. Eine für einen Lehrer /eine Lehrerin schwer akzeptierbare Haltung.

Für mich ist Wählengehen in einer Demokratie wie der Unseren (zu der ja nicht ohne Grund Menschen fliehen und für die vor vierzig Jahren Menschen in der DDR (!) ihren Hals riskiert haben) sogar Christenpflicht. 

Ginge die Mehrheit - vor allem der jungen Menschen, die Zahlen sind erschreckend! - wählen, hätten wir auch keine Ampel, und eine bessere Selektion politisch aktiver Menschen. Ich denke, die 100.000e, die auf die Demos gehen, wählen auch - aber es geht um zig Millionen (!!), die das nicht tun, gerade auf der entscheidenden, der kommunalen und föderalen Ebene. Gerade z.B. Bildungspolitik und Umgang mit Fremden werden auf DIESER Ebene gestaltet und nicht in Berlin, das Thema Agrarsubventionen wird in BRÜSSEL letztlich entschieden. 

Es ist ein demokratiegeschichtlich neuer Vorgang, dass Demonstrationen sich an die schweigende Mehrheit richten. Das sollte noch viel deutlicher werden - und wäre auch sinnvoller, als auf die dumme Hetze der AfD nicht nicht weniger dummer Diffamierung ihrer Wählerinnen und Wähler zu reagieren (wie es eine Rede einer „Aktivistin“ gestern leider tat - das ist der ganz falsche Weg).

Samstag, 27. Januar 2024

Nerdgott

 In der Antike schrieb Gott (Alphabeth), im späten Mittelalter druckte er (Verbalinspiration) in der frühen Neuzeit wurde er Mechaniker (Schöpfung als Uhrwerk, Mensch als Maschine), jetzt wird er Admin (Digitalisierung) und die Welt zum (hyperkomplexen, aber binär codierten) Algorithmus. 


Die theologische Bedeutung von Technik kann gar nicht hoch genug angesetzt werden. Und die Rolle der Digitalisierung beim Verschwinden der Uhrmacher/Druckerpressenkirche auch nicht. 


(Und die zentrale Funktion von Christologie, die zu all diesen Projektionen quersteht.)


[Dank an Martin Burckhardt, Alles und Nichts].

Schlamperei

 Möglicherweise gibt es einen sehr schlichten Zusammenhang zwischen „evangelischer Freiheit“ und organisationaler Schlamperei, der einen geradezu simplen turn beinhaltet: eine „lockere“ Organisation ist faktisch grausam. 

Befreiung

 Ich dachte immer: eigentlich müsstest Du ein Buch schreiben! Mappen und Hefte voller Texte liegen vor, aber der letzte Wille, daraus etwas „Grosses“ zu machen, fehlt. Jetzt wird mir klar: die kleine Form, das Aperçu, die Notiz, das Fragment sind meine Form. Nulla dies sine linea! Eine Befreiung, grade noch rechtzeitig, dass ich das nicht mit in den Ruhestand nehme: Jetzt aber! Was ohnehin Unsinn ist. Zeit zum Schreiben hatte ich immer. Der Blog ist das ideale Medium für mich: ein disziplinierendes halböffentliches Cahier, Spielfeld meiner frühmorgendlichen Lese-und Denkstunden, Ort der kleinen Gedanken, geschrieben vor einem semiimaginären Publikum. 


Und mein Miniaturfiguren lächeln mich an und sagen: das erzählen wir dir seit über 50 Jahren! 


(NB: Predigen ist für mich NICHT Schreiben im literarischen Sinne, eher Einschreiben im Sinne Derridas.

(Die Predigten, die ich für den Druck schreibe, haben mit meiner Art, zu predigen wenig zu tun und sind harte Arbeit, reine Gebrauchstexte. Was keine Qualitätsaussage ist.)

Heimweh

 Nachdem ich über Jahre faktisch jeden Samstag in Eschwege war, fahre ich heute das erste Mal seit über einem halben Jahr mal wieder nach Eschwege. Vorlaufendes Heimweh des von dort wieder Aufbrechenmüssens. Heimweh kennt nur, wer Heimweh kennt, und wer es wirklich kennt, weiss, dass auch die „Heimat“ das Heimweh nicht stillen kann, weil es gar nicht um einen Ort geht, sondern um eine unaufsuchbare Zeit. Gleichwohl: die sanfte Ebene des Werratals und die geschwungene Linie der sie umgebenden Berge trösten als Verweis auf einen Ort, wo es keine Traurigkeit mehr gibt, nur reines Dasein. 


Dass ich heimfahre, um dort gegen Rechtsradikalismus zu demonstrieren, am 27. Januar, ist schon bitter. Aber ich hatte schon in meiner Jugend mit „Neo“-Nazis (die eben gar nicht „neo“ sind) zu tun. Diese dummen Menschen zerstören gerade, was sie in Wahrheit nämlich überhaupt nicht lieben, weil sie voller Selbstekel stecken: Heimat. Nationalismus macht Heimat unbewohnbar. 

Transformation

 Dass „Trauer sich in Freude wandelt“ ist die vermutlich extremste Hoffnung, die in der Bibel Ausdruck findet. Erwartbar hingegen sind Abstumpfung, Wut, Selbsthass und Morbidezza, also die menschlichsten aller Gefühle. Wenn auch nicht die humansten. Inhuman aber ist es, die Trauertransformation als gegeben zu erwarten. Sie steigert nur die Traurigkeit über die Traurigkeit und ist führt zu jener spezifischen Verlogenheit des Getröstetseinmüssen, die die Religion so toxisch macht. Es gibt keinen Grund zur Fröhlichkeit ausser fröhlich machenden Ereignissen. 

Freitag, 26. Januar 2024

Men of steel.

 Gott sei Dank gibt es in der Kirche den „eisernen Besen“ nicht, und auch „brutalstmöglich“  bleibt uns erspart. Obwohl das ja jetzt stattfinden wird. Nicht in der Kirche. Aber mit der Kirche. 2000 Jahre systemische Sexbesessenheit kommen zu einem ironischen Ende.

Aber: Fifty Shades of Zerknirschung (contritio, bei Kundigen geht ein Warnlämpchen an). Eine Gratwanderung. Das vermeintliche Heilmittel „Gnade“ erweist sich als das verursachende  Gift. Bonhoeffer war mit seiner Rede der billigen Gnade genau auf der Spur: Rechne mit Dir als Täter. 

Priestertum

 Wer das Weihrauchfass derWerte schwingt, braucht sich dem Schweiss der Tugend in der alltagsmoralischen Muckibude nicht auszusetzen - und bekommt auch noch dauernd Recht, weil keiner tugendhaft genug ist, den Werte-Quatsch das zu nennen, was er ist: Werte-Quatsch, abstraktes Ethik-Gefasel. Als ob es Nietzsche nie gegeben hätte, der das heimliche Priestertum von Ressentiment und Privileg im Werte-Gerede nicht ein für allemal lächerlich gemacht hat: Familienväter, die von Familie reden, damit sichergestellt bleibt, dass brave Kinder das Bier aus dem Kühlschrank holen. . 

Donnerstag, 25. Januar 2024

Implikation

 Schlampige Theologie <=> schlampige Organisation. 

Technik

 Dass Gott Keramiker ist, zeigt den Vorrang der Technik vor der „Besselung“. Adam ist nicht atmende Erde. Er ist atmende Vase. „Irdenes Gefäß“ wird Luther Paulus übersetzen. Apropos: Auch die paulinische Zelt-Metapher ist technischer Natur. Ein Handwerker-Theologe macht eine Handwerker-Theologie. Deswegen sind antike Rhetoren und moderne Professoren so recht mit ihm nie zu Rande gekommen. Es riecht doch immer nach nassem Ton und Leder - und nach Maschine (die Töpferscheibe war wohl eine der ersten Maschinen überhaupt). . 

Bias

 „Religion“ und „Wissenschaft“ (als Systeme verstanden) sind Todfeinde, weil Glauben und Wissen zwei Seiten derselben Medaille „Erkenntnis“ sind. Religion und Wissenschaft sind zwei Weisen der Dummheit, keine Münze sein zu wollen. Der Fehler liegt ja schon im metaphysischen Systembegriff, dem offensichtlich unausrottbaren Erbe der Romantik. Funktionales Denken - als Äquivalent zum traditionellen Weisheitsbegriff - ist nach wie vor so krass modern, dass es vielen „zu weit“ geht. 

Morbide

 Wie todesverliebt die westliche Kultur ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Frage, wohin die Toten gehen wichtiger war und ist, als die Frage, woher die Lebenden kommen. Da hilft auch ein vager Begriff von „Schöpfung“ nicht weiter. Wie, wenn ich doch ein Engel auf Bewährung wäre? Oder ein schon im „Urknall“ präfigurierter Partikelzustand? Eine mögliche glänzende Herkunft lassen wir uns da entgehen im Starren auf das Grab. 

Versuchung

 Gelegentlich begegne ich der unendlichen Traurigkeit, die in meinem Souterrain wohnt: was für eine verlockende Schönheit sie ist! 

Mittwoch, 24. Januar 2024

Schmerz

 Vergänglichkeit macht Kummer. Fatalerweise mit wachsendender Vergangenheit nicht das vergangene Gewesene, sondern das Vergangene, das nicht stattfand. Lauter kleine brennende Punkte, die bei schrumpfender Zukunft wie auf einer verkrumpelten Landkarte immer enger zusammenrücken und brennend. Romantik ist eine fette Lüge. 

Sex

 Eigentlich ist ja Gewalt das grosse Thema der Religionen. Das (westliche) Christentum fixierte sich hingegen auf Sex, ohne den Zusammenhang mit Gewalt zu sehen, weil es in der Tradition einer rape-culture steht (griechisch-germanische Mythologie). Jetzt kommt die Quittung: Am Thema Sex wird es untergehen, weil es beim Thema Gewalt blind war.  Auch Religionen müssen sterben, das aber wird ein ironischer Tod, ein silly death.  

Ennui

 Ich verliere die Lust am Schreiben (und am Reden) nicht zuletzt deswegen, weil mich meine Texte langweilen. Sie sind ja schon geschrieben, bevor ich sie schreibend spreche (so erlebe ich Schreiben, ganz Derrida-mässig), und was kümmert mich mein Geschwätz von gerade eben. So schlau bin ich dann auch wieder nicht, dass da Neues zum Vorschein käme. Das Repertoire ist beschränkt, auch das des literarisch-poetischen Blendwerks. Und mein Leben ist Beweis genug, dass ich mit dem Rechthaben-wollen lieber vorsichtig sein sollte, es fühlt sich doch an wie ein verarmter Verkäufer todsicherer Lottotippsysteme. 

Dienstag, 23. Januar 2024

Unschärfe

 Wenn man betrachtet, wie grob die Sprache gestrickt ist: es ist erstaunlich, wie wenig Genauigkeit zum überleben offensichtlich im grossen und ganzen evolutionär  nötig ist. Schlechte Voraussetzungen für die evolutionäre Adaption an die Komplexität der Moderne…

Konsistorium

Gerade in der protestantischen "Bewegung" ist seit je ein anti-organisationaler Impuls eingebaut: so wenig Organisation wie möglich (Das leuchtet hat ja auch hinter CA 7 auf).

Luthers Zögern, das Organisationale anzugehen und es letztlich in die Hand der entstehenden staatlichen Verwaltung zu legen, ist deutlicher Ausdruck dafür.

Und in der Zeit meines Studiums (79-83) war "Kirche" als Organisation in der Theologie faktisch unsichtbar. Ein (falsch verstandener) Bonhoeffer "Christus als Gemeinde existierend" und der (protestantischerseits ebenfalls falsch interpretierte) Begriff der sozusagen vor-organisationalen "Basisgemeinde" bestimmten das Denken von sehr vielen, zumal ein Großteil derer, die damals anfingen, Theologie zu studieren, aus ohnehin schon institutionenkritischen Mileus kamen ("unter den Talaren der Muff von tausend Jahren").

Als die ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen und deren Vorläufer kamen, war deutlich zu erkennen, dass nicht wenige kaum in der Lagen waren, sie kompetent zu lesen. KEINE EINZIGE wurde je in einer Pfarrkonferenz, in der ich Mitglied war, behandelt. Empirische Kirchenkunde war - Schleiermacher zum Trotz - ziemlich verpönt. Ein krass missinterpretierter Karl Barth tat das Übrige dazu.

Das Stöhnen der PfarrerInnenschaft unter der "Verwaltung" (die damit nicht als organisationales Handeln, sondern als etwas Abgekoppeltes, quasi Fremdes, verstanden wird) ist ein Symptom dafür. Und das ging - und jetzt wird es paradox - bis in die Leitungsebenen: Leitungen, die "eigentlich" keine sein wollten; die Führungsscham als Prinzip - aber zugleich in Führung und Leitung untrainiert, was oft dazu führte (und ich habe es gleich zweimal erlebt) das Führungspersonen massiv autoritär handelten, weil sie keine Werkzeuge hatten, es anders zu tun. Ich habe es oft gehört: Wer Theologie studiert hat, ist auch in der Lage, Führung zu übernehmen (wenn er ein gutes Examen hat - lauter groteske Fetischismen).

Viele Landeskirchen haben bis heute keinen Ort, an denen die Organisation über sich selber nachdenkt (also etwa ein Dezernat "Organisationsentwicklung"), und in der praktischen Theologie taucht das Thema erst seit ein paar Jahren auf (Der abendliche Flug der Eule...eine Art theologische Trauerarbeit).

Das spüre ich von meiner Digitalisierungsperpektive aus gerade sehr deutlich: die Bedeutung dieser Transformation für die Organisation ist wenigen wirklich vor Augen, weil nur ganz wenigen von Augen ist, was eine ORGANISATION ist und warum eine evangelische "Kirche" nichts anderes als eine Organisation ist. Und wenn man dann Organisation (als ein System der Mitgliederverwaltung, der Risikoabsenkung und der Zielgewinnung) mit Institution (als gesellschaftlicher Einrichtung der Handlungsplausibilisierung) verwechselt, landet man in einer geradezu babylonischen Sprachverwirrung. Die schwindende Bedeutung der Kirche als INSTITUTION hat paradoxerweise gerade ihre Sichtbarwerdung als ORGANISATION zur Folge (sog. Reformprozesse).

Dazu kommt noch, dass auch hundert Jahre nach dem Ende des landesfürstlichen Kirchenregimentes keine wirklich stabilen Traditionen der Selbstverwaltung etabliert sind, sondern faktisch das alte Konsistorialsystem mit seiner behördlichen Struktur fortgeschrieben wurde. Konsistoriales, episkopales, ephorales und synodal-presbyteriales System überlagern sich bis an die Grenze der Beliebigkeit, so dass manche Entscheidungen oft einfach nicht nachvollziehbar sind, weil gar nicht klar ist, wer wann welchen "Hut" aufhat (eine verräterische Redewendung, die sehr beliebt ist). Hier ist meistens kein böser Wille am Werk, sondern guter Wille, der nicht weiß, wie mans macht.

Aus konsistorialer Perspektive sind Pfarrämter sozusagen "Außenstellen". Was dazu führte, dass im Pfarramt kein organisationales Bewusstsein entwickelt wurde und "Verwaltung" als fremd erfahren wird. Für die "Verwaltung" aber ist Theologie völlig irrelevant.

Das wieder führte dazu, ein nicht geringer Teil des strategischen und normativen Management allein in den Händen von Theologen lag (und immer noch liegt) und sie damit FAKTISCH die Organisation führen, weil sie handlungs- und entscheidungsvorbereitend wirken, in ihren Handlungen und Entscheidungen aber faktisch so gebunden sind, dass die Verwaltung agiert. Und zwar völlig unabhängig davon, was Synoden entscheiden - die aus organisationaler Sicht reine Legislative sind - was nicht ihrem Selbstverständnis entspricht.


Diese gehäuften Double-Binds sind m. E. ein ganz wesentlicher Faktor, der zur Vertuschung führt. Zuständigkeiten wandern so lange hin und her, bis sich ein beliebiger Entscheider ihrer annimmt. In der Missbrauchsstudie der nordelbischen Landeskirche von 2012 wird das als "institutionelle Verwahrlosung" bezeichnet. Bingo. Darum hat m.E. das Missbrauchsthema in der evangelischen Kirche eine völlig andere Dynamik als in der katholischen. Sie legt eine konzeptionelle Schwäche im Begriff der Kirche frei, die dem Selbstbild gerade der Generation 55+ als moderner, smarter und partizipativer Organisation massiv widerspricht.

Freitag, 19. Januar 2024

Pfenning

 Höflichkeit ist die kleine Münze der Ethik. Aber auch hier verschwindet das Bargeld. 

Donnerstag, 18. Januar 2024

Alte Wörter

 Interessant, welche schönen alten Wörter für scheussliche Sachverhalte neuerdings für mich wieder an Kraft gewinnen, weil der Sachverhalte verstärkt auftritt: „Dummschwätzer“ zum Beispiel. Grossartig. 

Höre!

 Wer meint, „der Staat“ oder „das Land“ gehöre „den Bürgerinnen und Bürgern“ hat gehörig missverstanden, was „gehören“ bedeutet und gehört zu der Schar der Gehörigen, die gefangen sind im Denken der „Zugehörigkeit“, für die alles, was anders ist, unerhört ist. „Rechts sein“ ist schlicht ungehörig und gehört sich nicht. Man hat da etwas mit den Ohren. 

Mittwoch, 17. Januar 2024

Schrift

 Nicht obwohl,  sondern weil Derrida heil-los verwirrend ist, ist seine Lektüre heilsam. Es hat etwas Schamanisches, wie er schreibend in die Schrift eindringt. Das  Schamanische - freilich jenseits aller trivialen Facebook- Hinterwelt-Esoterik - als elementares Eindringen ins Verschlossene und Unzugängliche gedacht, ist vielleicht tatsächlich der Ursprung der Philosophie, die sich mit blossem Beschwören (Liturgie!) nicht mehr zufrieden gab. Das ist der priesterliche Zug bei Derrida, der tief in mir resoniert - „da ist“ etwas „nicht“.  

Reposte

 „Warum hat mir das nie jemand gesagt?“ „Warum hast du bei dem Thema niemals zugehört?“

Empörung ist oft nur das Ergebnis einer bestimmten Sorte von Schwerhörigkeit und Unaufmerksamkeit. 

Komplexität

 Dass es nur „Männer und Frauen“ gibt ist so wahr, wie dass die Sonne aufgeht. 

Kirche

 Verliert die Kirche (als Organisation) das Comittment von Pfarrerinnen und Pfarrern,  dann ist sie erledigt. Die permanente Schwächung von Pfarramt und Theologie ist keine gute Entwicklung. Und ich rede nicht vom Geld. 

Dienstag, 16. Januar 2024

Mob

 Ich will mich nicht dazu bringen lassen, das Wort "Mob" in meinem Sprachschatz aufscheinen zu lassen, aber der Mob macht es mir schwer. Die Mischung aus Idiotie und schlechtem Benehmen, die sich als rechte Mainstream-Ideologie zeigt, ist wirklich beunruhigend, das ist eine völlig unkontrollierbare Form von Fanatismus, die selbst der beste Demagoge nicht in den Griff bekommt - ausser durch äusserst drastische Maßnahmen. Denn das, was das Wort "Mob" bezeichnet - eine unkontrollierte Masse erregter Menschen - ist auch für Diktatoren eine Bedrohung, obwohl sie genau darauf bauen. Vorerst verzichte ich noch auf das Wort, noch denke ist: es ist eine schreiende Minderheit, ein Kollektiv von Verletzten, die nicht Heilung sucht, sondern Rache. Noch. Aber ich merke, wie sich das Wort und das, was es als semantischen Ballast mit sich bringt, allmählich einschleicht. Mir gefällt das nicht: es ist mit Sicherheit falsch, auf Verrohung mit Verrohung zu antworten, aber wann wird aus Klarheit, Entschiedenheit und Robustheit Verrohung? Ein sehr schmaler Grat auf dem Demokratie da gehen muss. 

Samstag, 13. Januar 2024

Geistliche

 Klerikalismus ist religiöse Wichtigtuerei, vor allem, wenn sie im Gewand der Bescheidenheit auftritt. Nicht als „Geistliche/r“ erkannt zu werden scheint eine tiefe Kränkung zu sein. 

Freitag, 12. Januar 2024

Geozid

 Nicht dass wir Fleisch essen ist ein Verbrechen. Sondern wie wir es esssen. 

Antworten

 Der Glaube gibt keine „Antworten“ auf die „grossen Fragen des Lebens“. Er akzeptiert die Sinnlosigkeit der Fragen. Das ist die Freiheit eines Christenmenschen. 

Donnerstag, 11. Januar 2024

Motto

 Ein Leben lang lernen! Hab ich gemacht, mache ich noch. Lustvoll unstillbare Neugier, Wissen- und Könnenwollen  


Ergebnis: ich ertrage die Dummheit immer weniger, weil sie eben meistens Faulheit ist. Vor allem bei Profis, die irgendwann aufgehört haben zu lernen. 

Und natürlich meine eigene. 

Babytalk

 Etwas alt geworden sein plus leichte Hörbehinderung: zack, alter Trottel-Tonfall sobald du sagst: „Könnten sie bitte etwas lauter sprechen?“. Dass einreissende Genuschel (könnte das dialektal sein?) macht es nicht besser. Ich wundere mich nicht mehr, warum Ausländer Deutsche oft für unhöflich halten. Die Sprache nicht zu verstehen ist einer Hörbehinderung nicht unähnlich. Das ist vermutlich auch der Grund, warum viele Menschen mit Babies und Kleinkindern reden, als wären sie Trottel. Oder andersherum: da lernt man es so. Jedenfalls werde ich alles dafür tun, der Trottel nicht zu werden, als der ich zunehmend behandelt werde. 

Byzanz

 Um den „Osten“ Europas (und die Türkei) zu verstehen, muss man Byzanz verstehen. Die karolingisch-papistisch-römische Arroganz reicht bis in unsere Lehrpläne, die da eine Leerstelle haben, oder gar nur ein paar Pauschalen. 

Urteil

 Dass die ganz wenigen wirklichen Werke auf einem Ozean schwer erträglicher Machwerke, purem Kitsch, dilettantischem Murks, elendem Behauptungsmüll und Ungekonntem treiben, macht die Kunst zum Spiegel des Menschseins. Das Exzeptionelle ist eben tatsächlich exzeptionell weil das Normale so normal ist. Die Medien erzeugen allerdings ein falsches Bild, weil sie dazu neigen, das Exzeptionelle gewöhnlich und, schlimmer in seinen Wirkungen, das Gewöhnlich exzeptionell zu machen. Hinter allem aber steht der Geist des Urteils. Kants „interessenloses Wohlgefallen“ ist nämlich auch ein exzeptionelles Verhalten. Tatsächlich ist es wohl so, dass die alte, leicht schlüpfrige Gentlemanregel: „Der Geniesser schweigt“ zu einer mentalen Überlebenstegel wird. Wenn man in der Not ist, immer für oder gegen etwas zu sein, ist Verstummen pure Hygiene. Wie auf diese Weise allerdings ein demokratisches Gemeinwesen funktionieren soll, weiss ich nicht. Und habe finstrere Ahnungen. 

Boom und Frust

 Möglicherweise hat die Erfahrung des Massenstudiuns in den Jahren 1979-1995 bei vielen Theologinnen und Theologen ein völlig verzerrtes Bild von der Bedeutung von Theologie und Kirche hinterlassen. Das könnte vieles erklären. (Wir sassen 1983 mit 1760 Menschen, verteilt über zwei Hörsäle plus Vestibül bei Jüngel, mit 120 Menschen bei Hermisson im Seminar und in der theologischen Bibliothek reichten die Plätze nicht.).

Mittwoch, 10. Januar 2024

Mythos

 Dass Wasser kein Element ist: haben wir das wirklich begriffen? 

Das Bestehende

 Das Bestehende ist ein Emergenzphänomen von interferentem Murks. Auf eine gelungene Mutation kommen Milliarden (!) Tote. Eine resilienzfördernde Erkenntnis. 

Esoterik

Gravitation ist keine geheimnisvolle „Kraft“, sondern ein Phänomen der Raumzeit-Geometrie. Die Behauptung von „Kräften“ beschreibt meistens Lücken in der Anschauung und ist eine sehr grobe Metapher für Vorgänge außerhalb der mittleren Wahrnehmung (wie der „Sonnenaufgang“ - da geht nichts „auf“. Auch die Kraft des Begehrens, aka Liebe, ist letztlich erlebte Biochemie und folglich Elekrizität (Ladungen und Felder)).  Die Alltagssprache ist zu ungefähr für die Wahrheit und daher strukturell abergläubisch. Nietzsche ist einer der wenigen „Geisteswissenschaftler“, der naturwissenschaftlich plausibilisiert wurde und täglich aufs neue wird. An ihm gibt es für die Theologie kein Vorbei, er ist der Höllenwächter intellektueller Schlamperei: Das „Religiöse“ ist fast ausschließlich Grammatik. 

Dienstag, 9. Januar 2024

Komma migrans

 Ich verstehe die Welt nicht mehr. 

Ich verstehe, die Welt nicht mehr

Ich verstehe die Welt, nicht mehr 

Ich verstehe die Welt nicht, mehr


Montag, 8. Januar 2024

Grenze

 Ich merke, dass ich auf eine merkwürdige Weise abdrifte. Hoffentlich ist es etwas Ernstes und nicht bloß Frust oder Demenz. 

Sonntag, 7. Januar 2024

Abschaum

 Abschaum: der von ganz unten nach oben gespülte Dreck. Serenus Zeitblom aka Thomas Mann macht mich gerade auf dieses ja nicht ohne Grund verpönte, gleichwohl doch recht leistungsfähige Kraftwort für herz- und hirnlose Barbaren in verantwortlicher Stellung wiederaufmerksam. Es könnte sein, dass wir Zeiten entgegensehen, wo wir es wieder brauchen, so wie wir ja doch gerade auf die harte Tour lernen, dass es tatsächlich Feinde gibt, die unsere Vernichtung wollen. 

Bauern

 „Bauernrevolten“ waren immer sehr robust. Und der Widerstand gegen sie auch. Weil Landwirtschaft, wie die gesamte Urproduktion, unterhalb der Wahrnehmungsgrenze urbaner Bevölkerungen stattfindet. Sozialpsychologisch sehr komplex. Und daher in ihrer Dynamik schwer berechenbar. Es geht immer um viel mehr als nur um Gerechtigkeit. Es geht auch um Hegemonie, Wertschätzung und Macht. Darum ist das für rechte Ideologien, die genau da einhaken, ein gefundenes Fressen.  Mit Parolen geht hier gar nichts.

Samstag, 6. Januar 2024

Ausdruck

 Thomas Mann lesen versöhnt mit vielem auf vielerlei Weise, am meisten aber durch die Erfahrung, dass pure Sprache etwas ausdrücken kann. 

Gabe

 Derridas Ethik der Gabe ist das Christlichste, das ich dazu seit langem gelesen habe, reine Bergpredigt. Und ich habe über Jahre  hinweg viel Ethisches gelesen. Dass Derrida in der Theologie so wenig rezipiert wurd, ist schon erstaunlich. Stattdessen werden die Trivialitäten eines Hartmut Rosa gefeiert. Meine Güte, Theologen und Theologinnen waren einmal öffentliche Intellektuelle….

Umkehrung

 Früher: Der Körper ist das Gefängnis der Seele! Heute: Die Seele ist das Gefängnis des Körpers!! (Sloterdijk) 

Immer schon: Dualismen sind das Gefängnis des Geistes, evolutionärer Atavismus (Jäger oder Beute?). 

Struggle

 Es ist so ein einfacher Gedanke, dass ich ihm misstraue - auch weil seine Plausibilität so bezwingend scheint: an die Stelle der Hierarchie ist das Ranking getreten. Was daraus alles folgt, ist schwindelerregend. 

Unmöglich

 Ich würde gerne schweigen können. Aber selbst das wäre noch so beredt, dass mich das Geplapper des Stillesein immer noch beschämt. Man kann eben nicht nicht sein, wenn man erst einmal in der Welt ist. 

Freitag, 5. Januar 2024

Blasphemie und Geschmack

 Den Kitzel der Blasphemie empfindet natürlich nur der Glaube, ein Atheist oder eine Agnostikerin kann nicht blasphemisch sein, sie reden höchstens verletzendes Zeug. 

Die schnoddrige „lockere“  Respektlosigkeit protestantischer Glaubensprofis hingegen, die gelegentlich als vermeintliche Frucht der Freiheit zu Markte getragen wird, ist vom Ernst des Blasphemischen weit entfernt, sie hat mehr zu tun mit dem Erzählen schlüpfriger Witze oder dem ostentativen Gebrauch obszöner Terminologie aus Angst vor Sexualität. Es hat etwas primitiv Obszönes, dieses Verweigern von Heiligkeit (dessen andere Seite freilich der ritualistische oder fundamentalistische Pomp ist, der auf seine Art eben auch obszön, ja in seiner schamlosen Zurschaustellung von Religion etwas Pornographisches hat) Schleiermacher sprach nicht ohne Grund vom Sinn und Geschmack (!) für das Unendliche.

Kriterium

 Die Wahrheit wird euch krank machen. Was wir Depressionen nennen, ist oft nur eine Reaktion auf eine sehr simple Offenbarung: dass die Dinge anders liegen. 

„Frei“ macht die Wahrheit erst, wenn die Tränen wieder trocken sind. Hat Derrida Recht - dass nur unendliche Trauer wahrhaftige Trauer ist - dann also nie. Nur ein Gott kann uns retten. Das ist die bedrückende Wahrheit des Glaubens, der mit dem Hurra-Patriotismus moderner Reich-Gottes-Phantasien wenig zu tun hat. Und Apropos Fantasie: die zwei grössten Phantasten des 20. Jahrhundert waren Hitler und Stalin. 

Sterne

 Ich verstehe Horoskope nicht. Es scheint, als wäre mir damit der Zugang zu einer ganzen Welt verschlossen - letztlich zu all denen, die sich mit „ich bin Widder“ vorstellen oder bestimmte Konflikte mit Sternkonstellationen erklären. Astrologie ist im Grunde von all den esoterischen Alltagsgnosis-Systemen das mit der niedrigsten Evidenz (Kopfrechnen genügt: Weltbevölkerung durch 12) und zugleich, wie es scheint, einer hohen Plausibilität zurechenbar. Die Niederlage des Verstandes im evolutionären Rennen ist wirklich eine demütigende Erfahrung - und so wird mir leider auch die Theologie immer verdächtiger. Wie viele dort sind in Wahrheit stracks vormodern und simulieren nur Modernität? Das würde vieles erklären. Die Kirche als Ort einer Art evolutionärer Nostalgie. Nicht, weil sie sich nicht anpasst, sondern weil der evolutionäre Druck in Richtung Atavismus geht. 

Donnerstag, 4. Januar 2024

Parousieverzögerung

 In der gottlosen, säkularen Gesellschaft muss jede Hoffnung auf der Politik liegen. Und auf der Medizin. Und auf der Wirtschaft. 

-> Kollektive Wut und Enttäuschung. 

Urfragen

 Wer hat eigentlich das erste Werkzeug zum Herstellen von Werkzeugen hergestellt? Den Hammer, um einen Hammer zu schmieden? Metaphysik wohin man schaut. Aliens sind unverzichtbar. 

Sex

 Sorry, wollte nur mal sehen, ob es funktioniert. 

Mittwoch, 3. Januar 2024

Makulatur

 Mit großem Interesse verfolge ich Blogs, Seiten und Themen, wo es um den Verkauf theologischer Bücher geht. So langsam fangen ja die Boomer an, aufzuhören. Da die Bibliotheken während unseres Studium völlig überfüllt waren, die Bücher ständig ausgeliehen und Kopien verhältnismäßigt teuer, kauften viele schon als Studierende reichlich Bücher, vor allem natürlich die grundlegenden Sachen. Jetztw erden die Bibliotheken aufgelöst. Und ich bin fasziniert, dass es offensichtlich Käufer und Käuferinnen dafür gibt - das allermeiste, vor allem das exegetische und historische Material ist doch nur noch pure Makulatur. Oder etwa nicht? Das wäre beunruhigend. 

Verpeilt

 Man kann sich nicht nur falsche Hoffnungen machen, es gibt selbst da noch eine tragische Steigerung: man kann sich auch falsche Illusionen machen. Nicht einmal Rausch, Wahnsinn und Dummheit können uns also retten. Wir sind schon sehr radikal auf Gnade angewiesen. 

Dienstag, 2. Januar 2024

Krasse Antwort

 In den meisten Fällen lautet die wahre Antwort auf den - oft mit grosser Empörung hervorgebrachten -   Satz: „Das hat mir niemals jemand gesagt“ - sehr deutlich: „Du hast nicht zugehört“. 

Das gilt als unhöflich. Der erste Satz aber nicht.

2023

 Wenn mich in hundert Jahren jemand fragt: 2023 war das Jahr des Hobby-Horsing. 

Maschinen-Scham

 Schikaneder hätte die Zauberflöte gern „Maschinenmärchen“ bzw. „Maschinenkomödie“ genannt. Das Theater ist einer der wichtigsten Ursprünge der Maschine - aber die Maschine ist dem Maschinenzeitalter irgendwie peinlich. Man stelle sich vor, die Zauberflöte hätte heute tatsächlich diesen Untertitel, der ja eine Gattungsbezeichnung ist und das Maschinell-illusionäre und Ingenieurhaft-artifizielle betont. Möglicherweise wäre der ganze Gallimathias um die „Freimaurerei“ rund um die Zauberflöte gar nicht erst aufgekommen  und der Aspekt, dass der Text und die Musik der Illusions-Maschine dienen, viel deutlicher (nicht nur Wagner komponiert faktisch Filmmusik. JEDE Oper ist das.)

Maschinen-Märchen: für kitschverseuchte „Grimm-Welt“-Bewohner und  Werbungs-intoxierte Unmittelbarkeits-Romantiker ein hölzernes Eisen. Im verlogenen Kitsch der Kulturindustrie, die ihr rein Maschinelles ja auch erfolgreich verschleiert, schwer auszudenken (Popmusik ist in der Substanz Maschinenmusik). Der Kitsch verlangt die Lüge der unmittelbaren Körperlichkeit, die Maschine ist eher so eine Art illegitimes Doping. Es ist an Verblendung und schierer Torheit kaum zu überbieten. 

Zynischer Quatsch

 Bei vielen Texten, Aktionen, „Angeboten“ etc., aber auch bei Reden, Statements oder Stellungnahmen, natürlich in der Werbung und der „Produktplatzierung“ spürt man die Hand der PR-Berater und -Abteilungen mit ihren eigentümlichen Dogmatiken darüber, was Menschen möchten, tun und wollen. Bei vielem frage ich mich: würdet ihr so mit Freunden, Verwandten oder Mitarbeitenden reden? Würdet ihr selbst das Produkt erwerben, die Einstellung übernehmen oder die mit Werbung überhäufte Clickbaite-Strecke just for fun nutzen? Hier begegnet mir ein starker alltäglicher Zynismus der faktischen Menschenverachtung, der längst zum Selbstläufer geworden ist. Auch in der Kirche, wenn ich mir manche Angebote so anschaue. (Ich bin übrigens zertifizierter PR-Berater und habe in meiner Ausbildung mehrfach mit schierem Ekel kämpfen müssen).  

Montag, 1. Januar 2024

Bach

 Ich finde es wirklich schade, dass die sog. „Klassische Musik“ nur einem verschwindend kleinen Teil der Menschen zugänglich ist, aber bei Bach finde ich es besonders traurig. Eine Komponente der Theodizeefrage, die viel zu wenig bedacht wird: dass so viele Wunder so wenigen offenstehen. Wie unendlich dankbar ich da meinen Lehrerinnen und Lehrern bin, mir diese Wunderwelten(die lebensweltlich auf einem anderen Planeten lagen)  beharrlich erschlossen zu haben. Und wieso hat mich ihr Unterricht erreicht und die meisten anderen nicht? 

Fatal

 Es wird und wurde gerne übersehen, dass der Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, im Paradies gegeben wurde und da eine sehr entspannte Form der Herrschaft meinte, die der Gärtnerinnen und Gärtner, die nur zu ernten brauchten (es gab ja noch nicht einmal „Unkraut”). Nach Fall und Sintflut ist das alles toxisch geworden. Man stelle sich Gottes Schrecken vor: seine beste Intention, ein freies Wesen zu schaffen, ging nach hinten los und machte alle zu Gefangenen eines unmöglichen Auftrages: die Gewalt ohne Gewalt wieder aus der Welt zu schaffen. Genau daran erinnern die „Klimakleber“ des (Kar-)freitag for future. Der Hass auf sie hat etwas Eschatologisches. 

Perspektive

 Im Augenblick lautet meine Standardantwort auf einschlägige Fragen: „ich habe weiter nichts vor“, und ich weiss nicht, ob das Resignation oder Freiheit ist. Oder sollte das gar dasselbe sein?

Verheißung

 Die verlässlichste Verheißung kann nicht annähernd so stark sein wie die sichere Gewissheit, dass die Tage wieder heller werden. Das ist keine Hoffnung - und darum enttäuschungssicher. Eine Insel des Wissens im Izean des Ungefähren. Ich möchte auf jeden Fall in einem Sommer sterben: die Erde als finsteren, nassen und kalten Ort in Erinnerung zu behalten, möchte ich nicht in die Ewigkeit mitnehmen.