Montag, 31. Juli 2023

Differenzlos

 Die diversen Formen von „Aufmerksamkeitsdefiziten“ und „Autismen“ - wie immer sie heissen, wie real sie als Pathologismen auch immer sind [hab da so meine Zweifel] - unter einer aristotelischen Perspektive haben sie eines gemeinsam: die Differenz von Poiesis und Praxis funktioniert nicht. Vielleicht eben doch einfach ein Symptom der Moderne und damit möglicherweise einer wirklichen Erkrankung jenseits des medizinisch-pathologischen, Nietzsches Krankheit am Ende? Die Unfähigkeit, spazieren zu gehen. 

Verstrickung

 Man könnte eine ganze Kosmologie allein daran entfalten, wie sich die Kabel von in-ear-Kopfhörern verkutzeln. 

Protestantisches Prinzip

 Urlaub „verdient“ man sich nicht, er steht einem zu. 

Fäkalökonomie

„Der Markt regelt einen Scheiẞ“. Oberste Grundsatz einer wahrhaftigen Ökonomie, gesendet nach einer Autofahrt in Frankreich und einem Schaufensterbummel in einer Kleinstadt.   


Der freie Markt ist eine Arena des Todes. Nichts wird hier „geregelt“, noch nicht einmal im mathematisch-physikalischen Sinne. Der „freie Markt“ als selbstreguliernder Mechanismus oder Organismus ist die bösartigste Verschleierung dessen, was vorgeht, überhaupt. Was geht vor? Kampf um Interessendurchsetzung. Gewinnen kann nur, wer zumindest bereits ist, zu bescheissen. Der Markt regelt nicht, er ist eine Kloake. Und wer jetzt nicht formulieren kann, was tatsächlich regelt, hat ein Verdauungsproblem. 

Bitter

 Was haben „religiöse“ Texte und Werbung gemeinsam? Sie legen in erschreckender Weise frei, wie beschränkt Rezeption ist. Um es freundlich zu sagen. 

Sonntag, 30. Juli 2023

List der Vernunft

 Merke: hast Du Deinen Predigtgedanken nicht theologisch völlig durchdrungen, rutschen dir Nebensätze raus, die alles widerrufen, was du im Hauptsatz zu sagen meintest. An ihren Nebensätzen sollst Du sie erkennen…

Samstag, 29. Juli 2023

Abyss

 Es scheint ja für nicht wenige ein grosses Problem zu sein, dass sensible und empathische Menschen absolut Anscheuliches vollbringen können (Oppenheimer) und widerliche Egoisten und Egomanen absolut Schönes vollbringen können (Wagner).  Frage: Was wisst ihr über Euch selbst? 

Nackte Wahrheit

 Ein Besuch in der Sauna verdeutlichte mir aufs Neue, dass nicht Nacktheit prekär ist und beschämt, sondern die Art und Weise, wie jemand Körper ist. Mir jedenfalls wird das körperliche Unbehaustsein eines Menschen immer unangenehmer - dabei sind Alter und Geschlecht völlig egal, die wohlgebauteste junge Frau und der durchgestylteste Body eines jungen Mannes sind eher Störsignale, wenn diese Körper nicht bewohnt, sondern eher nur ertragen werden, und lösen eher Schmerz als Begehren aus. Seltsam ist, dass ein Funken des Begehrens in dem ansonsten ja eher asexuellen Klima einer grossen Sauna eher bei den Körpern aufblinkt, die sich davor gerade meinen schützen zu müssen - ein ganz klar sggressives, auf Macht und Bemächtigung zielendes Begehren. Es ist eine vertrackte Sache mit dem durch ein weltverachtendes Christentum verunstalteten Körper. Und natürlich betrifft das Frauen im stärkeren Maße - Männer neigen eher dazu, den Körper zu präsentieren, was aber nur die andere Seite derselben Medaille ist - solange es einen Leib-Seele Dualismus gibt (mens sana in corpere sano verdreht hier die Kausalität gleich doppelt), wird es prekäre Körperlichkeit geben, die in der Sauna explizit sichtbar wird,  aber in Wahrheit unser gesamtes zusammenleben massiv bestimmt:Körperscham, die sich nicht auf ein Handeln, sondern auf ein Sein bezieht und deshalb von besondere Brutalität ist. Die Differenzen dick/dünn; schön/hässlich; begehrenswert/abstossend  sind nicht Ursache, sondern Ausdruck dessen. Ihre - wörtliche! - Oberflächlichkeit ist verstörend. 

Sonntag, 23. Juli 2023

Memories as truth

 Wer als Konfirmandin oder Konfirmand das letze mal am kirchlichen Leben teilgenommen hat, behält natürlich eine Konfirmanden-Perspektive auf Kirche. Ich glaube, diese sehr simple Erklärung ist tatsächlich nicht unplausibel, um die öffentliche Wahrnehmung von Kirche zu begreifen, jedenfalls in Teilen. Vor allem alles, was rund um das Wort „modern“ so verhandelt wird, lässt sich gut damit erfassen. Denn tatsächlich ist der durchschnittliche Lifestyle konservativer als der lifestyle in kirchlichen Kreisen. 

Samstag, 22. Juli 2023

Augenzeuge

 „Untergang“ und allmählichen, dann jäh ins Katastrophische sich wendenden Verfall selbst zu erleben ist eine eigentümliche Erfahrung zwischen Staunen, dass es tatsächlich so ist, schlichter Angst und Trauer und einem sehr besonderen Amüsement. Viele biblische Texte erschließen sich ganz neu, wenn man selbst am A…h ist. Noch krasser aber ist: Wo Hoffnung ist, ist auch Gelächter, eine Art metaphysische Schadenfreude. Wo aber keine ist, herrscht Verbissenheit, die vermutlich nichts anderes ist als jene Mischung aus Hybris und Verzweiflung, die erst die Anzeichen verleugnete und jetzt in Aktivismus verfällt - oft freilich in einen Aktivismus der Verachtung, nicht der Lösung. Was tun? Nun ja, Popcorn machen möglicherweise. 

Freitag, 21. Juli 2023

Pfunde

Keine Abnehmtipps lesen 


Besser essen


Vor allem aber: weniger. 


Noch besser: besser Leben und vor allem Der Supertipp

Perspektive

Die verdammten Lastenräder und Kindercarrier verstopfen die Radwege!!!!



Vs.


Die Radwege sind unrealistisch schmal!!!!

Donnerstag, 20. Juli 2023

Geheimtip

 Wenn ein Team immer dem einfältigsten, ängstlichsten manipulativsten Mitglied nachgibt, anstatt Regeln und Absprachen durchzusetzen und klare Ziele zu formulieren , wird es selbst solche Entscheidungen treffen:

  •  einfältige,
  • ängstliche
  • manipulative. 

Mittwoch, 19. Juli 2023

68er Alp-Träume

 Jetzt, wo die Kirche „endlich“  definitiv „aus der Mitte der Gesellschaft“ und (schon rein biologisch) demnächst auch aus der bildungsbürgerlichen Sphäre verschwindet und die Bande zur politischen „Macht“ zerfallen (wovon in meiner Studienzeit von links her immer gequatscht wurde [was ich damals schon doof fand, nicht weil es links war, sondern weil es Quatsch war]) - ist es auch wieder nicht Recht….  

Montag, 17. Juli 2023

Hermeneutik

Nationalismus mit seinem Mix aus Gruppenidentität, Neid, Fremdenangst, schlechten Erfahrungen mit Nachbarn und beschränktem Horizont kann ich irgendwie verstehen und nachvollziehen. 

Aber Homophobie oder überhaupt sexuell basierte Diskriminierung VERSTEHE ich noch nicht einmal (solange es nicht um kriminelle Handlungen an Minderjährigen oder ohne Einverständnis geht - aber die sind ja nun wahrlich kein spezifisch homosexuelles Thema).  Das macht es mir schwer, mit homophoben (und dann meist auch misogynen) Menschen überhaupt zu reden. Wo ist das verdammte Problem?

Spoiler: Christentum ist Schriftauslegung. 

Sonntag, 16. Juli 2023

Weiste Bescheid

 Die Diskussion um die Kirchensteuer ist in die Hände der social media geraten. Das wars mit dem rationalen Diskurs. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Kirchen-Brexit kommt. Und vermutlich schon deswegen auf die vermutlich dummstmögliche Weise, die alle beschädigen wird. 

Zwei-NaturenKnausgard

 Bei Knausgård kann man fast physisch erfahren, das die Unterscheidung Autor/Werk bzw. authentisch/fiktional und was dergleichen mehr ist, nicht wirklich hilfreich ist. Und schon gar nicht, wenn da mit moralischen Argumenten hantiert wird. Mir kommt da mein theologisches Handwerk sehr zu Gute: 

unvermischt“ (ἀσυγχύτως, asynchytos), „unverwandelt“ (ἀτρέπτως, atreptos), „ungetrennt“ (ἀδιαιρέτως, adiairetos) und „unzerteilt“ (ἀχωρίστως, achoristos). 

Das gilt für jeden Text. Aber Knausgårds Kunst ist, den „Autor“, den „Erzähler“, den Protagonisten „Ich“ und sich selbst (auch „Autor“ ist eine Stilisierung!) in chalcedonensischer Doppelbeschreibung zu halten: nimm es als wahrhaftig nicht für bare Münze, aber darin bitte völlig ernst. Großartig. 

Chalcedon


Samstag, 15. Juli 2023

Carmagnola-Minze

 In der Tageszeitung ein ganzseitiger „Artikel“ über IHHT-Therapie bei Long Covid. Die Mitochondrien sollen durch mit Hochdruck eingeatmeten Sauerstoff repariert werden. Zellaufbau  ist Stoff der Mittelstufe, Zellstoffwechsel der Oberstufe. Schon die funktionale Beschreibung dessen, was da geschehen soll, ist purer Nonsens. Und keinerlei kritische Recherche, nichts. Der anbietende Arzt kann sein bramarbasierendes Fachchinesisch a la „Carmangnola-Minze“ (es ist schlicht das Anbaugebiet für stinknormale Spearmint/Grünminze in Italien) einfach so ausbreiten. Die Therapie ist, Überraschung, teuer.

Falls jemand wissen möchte, was unser Problem ist. 


Das wirklich berechtigte Thema einer systemischen, multikausal denkenden (meinetwegen auch „ganzheitlichen“ Heilkunde wird damit dessavouiert, das ärgert mich am meisten)


(Vielleicht wären wir als Kirchen tatsächlich erfolgreicher, wenn wir völlige Nonsenstheorien anbieten würden, die wie Wissenschaft klingen - obwohl, so manches was ich lesen muss…)

Freitag, 14. Juli 2023

Gähnen

 Es gibt, immer öfter, Tage, an denen ich in einer mir neuen Art müde bin, weltmüde. Da möchte ich am liebsten nur auf meiner Hollywoodschaukel liegen und Musik hören, das ist weder resignativ noch apokalyptisch (beides sind ja nur Posen), sondern das Gefühl: so, jetzt sind die Jungen dran. Und dabei zugleich das üble Gefühl, dass die nicht damit befasst sein werden, es besser zu machen, sondern unseren Dreck wegzuräumen. Das macht diese Müdigkeit bleiern, und die politische  Mischung aus Arroganz und Ignoranz, die sich bis in den Alltag hinein anfängt bemerkbar zu machen, tut das ihre dazu. Das kleine Karo: das macht müde. Es geht tiefer als der normale und erwartbare Altersfrust, nichts Rechtes geschafft zu haben (der nun wieder etwas mit verlorener Jugend zu tun hat). 

Mittwoch, 12. Juli 2023

Spielverderber

 Sich ein bisschen Auskennen kann ein unglaublicher Spielverderber sein. Der bestimmt rein movietechnisch beeindruckende Napoleon-Film von Ridley Scott  törnt mich völlig ab: der Schauspieler ist einfach viel zu alt - die Jugend Napoleons war, was die Menschen damals so faszinierte, der auf dem Pferde sitzende Weltgeist war 1806  37 Jahre alt und hatte seine berühmtesten Schlachten (Toulon, Marengo, Austerlitz) schon hinter sich, in 46. Jahr lag in der Nähe des Dorfes Waterloo alles in Trümmern. Und Josephine war nicht nur älter als er, sieh sah auch deutlich älter aus und war Kreolin. Also das, was für die Zeitgenossen (Goethe, Hegel, der junge Beethoven) so berückend war, wird gerade nicht sichtbar. Das begreife ich nicht. Abgesehen davon, dass mir der Kult um diesen soziopathischen mafiös-kriminellen Okkupanten ohnehin völlig fremd ist. Es hat schon Gründe, warum seine frühe Jugend, als er sich und seine Sippe zum Mafiaboss von Kosirka machen wollte, kaum erzählt wird. Hallo, der Mann hat halb Europa an seinen Clan verschachert!!! Aus Kassel, Königreich Westphalen,  geschrieben. 

Ehre

 H.Münkler setzt in seinem Demokratiebuch auf die Kommunalpolitik als Pool für die höhere Politik, wenn diese nicht allein durch profesionelle Politiker*innen oder Expert*innen gestaltet werden soll - was zur Verholzung und letztlich Deplausibilisierung der konsensualen Demokratie führt. Völlig d‘accord. 

Aber: die wichtigste Gratifikation des freiwilligen ehrenamtlichen Amtes ist völlig verloren gegangen: die „Ehre“.  Stattdessen ist man Nörgelei und Klugscheisserei, strunzdumner Dreistigkeit und allerhand Unterstellungen ausgeliefert, nicht zuletzt auch durch die traditionellen Medien, die eine immer deutlichere clickbait-Mentalität entwickeln und nicht immer von politischer Expertise künden. Das nervt schon zunehmend im Pfarramt, aber in einem politischen Ehrenamt ist das tödlich. Wer will sch dem aussetzen ausser aus Karrieregründen? Das ist okay, aber es braucht auch die Engagierten, denen die regiolokale Entwicklung am Herzen liegt. 

Sucht

 Jetzt, wo ich mich vom Auto löse (von Abschaffung ist nicht die Rede) spüre ich es geradezu körperlich: es ist eine Sucht, die einem vorgaukelt, die einzige Lösung zu sein. Ich komme, gerade bei Aufbrüchen, förmlich suf Turkey. Das Auto denkt von der Ankunft her, Rad und ÖPNV vom Aufbruch her - komplett andere mindsets. Eine sehr einschneidende Erfahrung. Und vielleicht gerade noch nicht zu spät: was ich schon deutlich bemerke: einen ganz anderen Umgang mit Zeit. Das „Auto“  ist ein Dispositiv. 

Dienstag, 11. Juli 2023

Lakonische Prophetie

„ Wo das Abendgebet einst beruhigend wirkte und die Sorgen vertreiben sollte, haben die politischen Talkshows den gegenteiligen Effekt – und den sollen sie aus Gründen der für den ausstrahlenden Sender wichtigen Einschaltquote qua Aufmerksamkeitsfokussierung auch haben. Man muss sich Sorgen machen, so die Grundbotschaft der Talkshows. Nur die Uninformierten und Ahnungslosen machen sich keine Sorgen.“ Herfried Münkler, Zukunft der Demokratie. 

Kleine Münze

 Linke Positionen, radikale zumal, können bis zur gemeingefährlichen Lächerlichkeit töricht und verquast sein - aber reaktionär -rechtsradikale Positionen begegnen mir fast immer als unkultiviertes, schlechtes Benehmen, Rüpelhaftigkeit und Grobianismus. Was wieder mal zeigt: Umgangsformen sind die kleine Münze der Ethik. Und das gilt auch für Christenmenschen…

Montag, 10. Juli 2023

Transzendental-Beleidigung

 „Du bist ein elitärer Arsch!“ - „Oh, das tut weh. Ich dachte immer, ich wäre ein elitärer Kopf“.  Attribute und Implikationen bzw. analytische und synthetische Urteile unterscheiden können : soo wichtig im Alltag. 

Spirale der Ahnungslosigkeit

 Wenn ich von etwas keine Ahnung habe, kann ich dem (mehr oder weniger) durch Lernen abhelfen. Aber wenn  ich noch nicht mal eine Ahnung davon habe, dass ich keine Ahnung habe, wird es schwierig. Nicht das Wissen ist die Herausforderung, sondern das Wissbare. 

Sonntag, 9. Juli 2023

Meta-stasen

Gerd Dudenhöfer (link auf YouTube) 


Das Internet gibt ja Einblicke in das Gemüt des Menschen, die wir vorher so nie hatten oder nur in anekdotischer Evidenz (z.B. der Onkel Heinz, der nach dem dritten Asbach Uralt sein besorgtes Herz öffnete, wer hat nicht so einen Onkel)….jedenfalls: jetzt kann man sehen, wie Menschen tatsächlich wahrnehmen.

 Und so verdoppelt sich manches Vergnügen auf schreckliche Weise, die Meta-ebene bekommt eine Metaebene (die dann nach Wittgenstein ja keine mehr sein kann…) und es grinst einen am Ende der reine Irrsinn an. 

Beispiel: Gerd Dudenhöfers neues Programm auf YouTube. Er macht sich ja auf sehr raffinierte (und grenzgängerische) Weise über seine Bühnenfigur Heinz Becker lustig (ohne seine Würde zu verletzen: das ist Dudenhöfers Kunst, die ihn von einem „Witzbold“ wie Dieter Nuhr kategorial unterscheidet). 

Und nun der Metaeffekt: in den Drukos sind es die Heinz Beckers dieser Welt, die nicht Dudenhöfer, sondern Heinz Becker Beifall zollen, und es ist auffallend, dass diese Rezipienten das alles witzig finden, weil sie die Ironie nicht sehen. Sie machen sich lustig über die, die sich über Heinz Becker lustig machen, aber sie machen sich lustig ohne Humor, der verbissene Ernst, der Dummköpfen so eigen ist, macht es eiskalt unlustig - es sind verheerende Meta-schleifen, die mich erschauern lassen. Dudenhöfer hat das offensichtlich im Blick: er bringt die Todesstrafe als Thema so ein, dass es einen gruselt, wenn man sich vorstellt, dass Menschen wirklich so denken.  Wie soll man mit den Heinz-Becker Heinz-Becker Fans umgehen? 


Humor (der gerade nicht die Schadenfreude von Erschiessungskommados meint) klappt ja  nicht…. Das habe ich, im Heinz-Becker Milieu aufgewachsen, nur geahnt. Ein Glück nur, dass auch hier das Internet täuscht: so viele sind es auch wieder nicht. Sie haben jetzt nur eine öffentliche Stimme. Und das sollte einen Demokraten doch froh machen. Aber so recht fröhlich bin ich da nicht…


Samstag, 8. Juli 2023

Human touch

 Jede soziale Theorie, die ausschließlich menschliche Akteure am Werk sieht, ist letztlich auf dem Weg zum Verschwörungsmythos. Das macht die Systemtheorie in Kombination mit der Akteur-Netzwerktheorie für mich so hilfreich. 


Auch theologisch: ein nur anthroposophisch gefasste Begriff von Sünde und Erlösung ist am Ende nur dualistische Moral. Ich glaube, dass die Theologie sich von diesen Diskursen über Jahrzehnte ferngehalten hat und der (meist nur halb, weil essentialistisch verstandenen) „Hermeneutik“ mit ihrem Hang zum historistischen Geschwurbel verfiel, während sich die „Barthianer“ der Theorie (nicht aber der dogmatischen Behauptung) enthielten, ist einer der Gründe, warum sie so irrelevant geworden ist und nur noch als dünnliche Kirchentheorie erscheint. Immerhin. Aber der Effekt ist, das an der „Basis“ für die Transformationskrise fast ausschließlich menschliche Akteure dingfest gemacht werden, auch bei Profis, die es besser wissen sollten. Der Effekt heiss: Personalisiertes Genörgel. Schlechte Theorie -> schlechte Praxis. 

Erwartungen

 Zu hohe Erwartungen an die Demokratie sind undemokratisch. 

Viriles Paradox

Männer haben eine Welt gebaut, in der gerade diejenige Männlichkeit, die aggressiv, narzisstisch und viril für den Bau dieser Welt treibend war, anfängt, toxisch zu werden. Was sie noch toxischer macht. Die Revolution frisst auch hier ihre Kinder - nur, dass die bis sn die Zähne bewaffnet, mit privilegiertem Zugang zur Macht und tief gekränkt, zurückschlagen. Das ist keine „Dialektik“ - das ist pure Evolution. Dysfunktionalität mangels Anpassung. Ein Paradoxon zweiter Ebene: die krassesten Vertreter einer pseudo-darwinistischen Selektionsideologie fallen ihr als Erste zum Opfer, der sogenannte kleine Mann auf der Strasse, dem vorgegaukelt wird, er habe mit seinen virilen Ressentiments gegen Frauen, Fremde und Fremdartige Recht - in einem Staat, der genau darauf beruht, dass es eben gerade nicht so ist. Männlichkeit wird zu einem globalen Problen. 

Freitag, 7. Juli 2023

Metaphysik

 Hätte Kant seine „Kritik der reinen Vernunft“ auch geschrieben, wenn er Zugriff auf Kommentare im Internet gehabt hätte? Oder gleich „Die Welt als Wille und Vorstellung“?

Donnerstag, 6. Juli 2023

Querdenker

 Ein schönes Beispiel für „absinkendes Kulturgut: bei Flesch, Theorie, 158, gerade gelesen, dass „Querdenker“ in den 70/80er Jahren die Theoretiker meinte, die aus dem marxistischen Diskurs ausstiegen bzw.  ihn um andere Zugänge erweitern wollten. Dann wanderte der Begriff mit denen in den Managementslang der 90/00er Jahre, wo er ein Synonym für marktwirtschaftliche oder organisationale Radikalität wurde (ich bin dezidiert als „Querdenker“ in das Bischofsbüro gerufen worden),  um schliesslich in der Banalität des Querulantentums anzukommen —- oder war er dort schon immer?



Ich werde mir immer verdächtiger. 

Mittwoch, 5. Juli 2023

Rückschlag

 Ich lese gerade Philipp Felsch „Der lange Sommer der Theorie“ über die Geschichte des Merve-Verlags, dessen Büchern ich so viel verdanke. Aus dieser Perspektive- 60/70/80er Jahre wird der reaktionäre Rückschlag, den wir gerade erleben, noch krasser sichtbar: als Denkverweigerung und ziemlich dumpfes Bauchgetue. Das kommt natürlich genau denen zu Gute, die von der Verführbarkeit der Masse leben und schadet genau denen, die auf „stabile Verhältnisse“ und klar referierende Signifikante ihre Hoffnungen setzen. Das macht es so schwierig: es ist eine Nicht-benennbare Meta-Schleife. Eine Art zweite faschistoide Naivität. Das fühlt sich gar nicht gut an. Und ich ahne immer mehr, warum immer ein letzter Rest Zweifel an der Modernität der Modernen (gerade auch in der Theologie) bei mir blieb. Foucault und Lyotard sind stark in mir, sozusagen. Während hier alles auf neue, nun aber unbekümmert, ja geradezu dreist fiktionale grosse Erzählungen hinausläuft, die auf jede Referenz verzichten. Die die Postmoderne am meisten verachten sind ihre wildesten Agenten - faktisch einfach Lügner. Wir leben in der Münchhausen-Gesellschaft. 

Dienstag, 4. Juli 2023

Hoomans…

 Das Mathematikum in Giessen ist bewundernswert- vor allem in der robusten Antizipation jeder noch so kreativ-bescheuertenVandalismus-Aktion halbstarker Hormongepeinigter. Ob sie hier wirklich Mathe lernen?  Aber auf jeden Fall machen sie Erfahrungen mit struktureller Resilienz. Was da und dort durchaus Frust erzeugt. (Mädchen sind davon wenig beeindruckt, kichern aber trotzdem). Die drei Nerds jeder Schulklasse sind in die Experimente vertieft. Eher Mädchen. 

Data

 Star Trek war von Anfang an mit ethisch-philosophischen Fragen von Technikfolgen befasst, das macht eine diachrone Verfolgung der Themen von TOS über TNG, DS9,VOY bis ENT und DIS wirklich interessant. Besonders Data umfasst eine Fülle Fragen, die jetzt erst virulent werden. Was mich beschäftigt: der verletzte Data kommt in die Krankenstation, nicht in die Werkstatt…eine Frage der Würde? 

Durch-blick

 Es gibt zuviel Gerede als Gemache und zu wenig Theorie als Praxis. Es braucht aber eine Einstellungsveränderungskommunikation, denn es sind Einstellungen, die im Moment die Stimmung bestimmen. Da nützen Strategien und Konzepte gar nichts. Sondern nur die konsequent gestellten Fragen: Was ist der Fall? (Wittgenstein); Was tun?(Lenin, ohooo!); Was gibt es zu essen? (Marx, aber Groucho).  Es wird zu wenig gedacht und gelacht, zuviel geplappert und gefressen. Sieg des Opiats auf ganzer Linie. Theoriefeindlichkeit ist ein faschistoides Muster! 

Montag, 3. Juli 2023

Aura und Hände

 Hände sind für KI-Bildgeneratoren eine enorme Herausforderung, daran erkennt man ki-Pics ziemlich gut. Was bemerkenswert daran ist: Hände sind auch für menschliche Maler eine Herausforderung, und selbst bei wirklich großen Meistern sieht man schon mal merkwürdige Wurst-Klauen. Es ist, als stünden Hände für das, was KI und Kunst nie wirklich habe können: physische, organische Aura. Es gilt, W. Benjamins Begriff des Auratischen von den Beinen wieder auf den Kopf zu stellen…nur so bekommen wir auch „Kirche“ wieder in den Blick. Das Physische, die physische Präsenz reicht nicht. Es braucht auratische physische, organische, leibhaftige Präsenz. Ein zutiefst theologischer Begriff. Vielleicht kann Theologie ganz besonders gut dazu beitragen,zu verstehen, was KI/AI ist? Natürlich nur, wenn sie das Thema jenseits von moralischen Fragen angeht. Die sind zweitranging gegenüber der Frage, ob KI auratisch werden kann (und damit nicht bloß „bewusstseinsfähig“, sondern „geistfähig“ - als Körper. Als Hände, die berühren. 

Sonntag, 2. Juli 2023

Not for sissies

 Wie ich hier so sitze und unfreiwillig lausche, spüre ich wieder einmal deutlich: meine grösste Angst beim Älterwerden ist, so ein sterbenspeinlicher alter Schwätzer zu werden. 

Ende

 Es ist und bleibt für mich gewiss: Nietzsches Beobachtung, dass das „Christentum“ an seinem eigenen Wahrgeitspathos zu Grunde gehen wird (wo endet Selbsterforschung, wennnsie wahrhaftig ist?), ist ein Schlüssel, um zu begreifen, was gerade vorgeht. Denn nach der Dekonstruktion des Christentums im Namen der Wahrheit dekonstruiert sich nun die Aufklärung(als legitimes Kind des Christentums, ubd deswegen ja such nur dort anzutreffen). Ein bisschen gruselig ist das schon: die Karriere der „Meinung“ im Namen der Wahrheit. Vorplatonisch…

Begegnung

 Heute also Mahlers Vierte, die Schlimmste aller seiner Symphonien: Sie zerreißt einem das Herz mit ihrer unerfüllbaren Sehnsucht. Danach konnte es eigentlich nur so weitergehen: Schönberg (eher noch Webern), also die radikale, selbstbezügliche Abstraktion (mit der Illusion von Engagement) und die sarkastische Emotionalität Schostakowitschs.  Alles andere ist Kitsch, den Jazz ausgenommen, zumindest zum Teil, er taucht ja aus Gründen bei Schostakowitsch und z.B. Paul Dessau auf. 

Wahrhaftige Musik ist nur noch möglich, wenn sie ihrer prinzipiellen Unwahrhaftigkeit inne wird: selbst in der Verweigerung von Harmonie setzt sie sie noch voraus. Die Kulturindustrie, an deren Schwelle Mahler steht (und die er, übliches Paradox) mit seiner Inszenierung des Dirigenten mit vorangetrieben hat, befingert einfach alles mit ihren Dreckspfoten, schnell und billig, an die Stelle von Ergiffenheit (Hilfe, Gefühle!!) tritt der Rausch (schon bei Wagner).  Pop- und Rockmusik machen daraus ein Prinzip und ein Geschäft. Mir war die bei Pop-und Rock-hörenden statthabende Verwechslung von Gefühl und Extase schon immer fremd, mir war und ist diese Mudik zu laut (was kein Qualitätsurteil und noch weniger ein moralisches sein soll, die Musikalität z.b. von Lady Gaga steht völlig ausser Zweifel). Aber berührt diese Musik? Mich nicht. Aber Mahler schon. Er zerreisst mir das Herz. 

Netzdiakonie

 Twitter und Facebook zeigen deutlich, dass Internetkommunikation ein Teil staatlicher Daseinsfürsorge sein müsste. Oder besser: hätte sein müssen. Und dass wir als Kirchen hier völlig geschlafen haben. Man stelle sich vor, wir würden als Teil unserer diakonischen Angebote auch kuratierte Plattformen anbieten: safe spaces ohne Werbung und Fishing…

Samstag, 1. Juli 2023

Temperierte Resignation

 Da ich nie ein „Lebenswerk“ im Blick hatte, habe ich sich nicht mit Resignation und dergleichen zu kämpfen. Aber ich habe mein Leben dem Kampf gegen die Dummheit gewidmet. 

Muss ich mehr sagen? 

Das war dumm. 

Und dieses schöne Paradox erzeugt jetzt oszillierende Wellen von cringe und Genugtuung, dass ichs gerade so aushalte, zusehen zu müssen, wie Menschen einem Denken verfallen, das ihnen unter der Verheißung von Besserung maximalen Schaden zufügen wird, ihren Kindern vor allem. „Kleine Leute“, die sich einen „starken Mann an der Spitze“ wünschen, kriegen, um es hinreichend deutlich zu sagen, an Ende gerade von ihm am meisten einen Tritt in den Hintern, niemanden verachten Diktatoren und starke Männer mehr, als die „kleinen Leute“, die sie wählten. DAS macht mich, meiner Herkunft her ein „kleiner Leut“ aus einer vom „grössten Feldherrn der Geschichte“ völlig verwüsteten Familie, doch ziemlich fertig. 

Showdown

 Dass die größte Gefahr für die Demokratie der Wohlstand sein würde - wer hätte das gedacht? Das (im Effekt und global gesehen zynische) Phantasma, dass es uns schlecht ginge, ist geradezu irre. Und dass die Bedrohung unseres Wohlstands die grösste Gefahr sei - mir fehlen da zunehmend die Worte.