Die Aiwanger-Geschichte zeigt: über jeden Menschen liegt etwas in der Schublade, das verwendet werden kann, ihn zu vernichten. Ein schweres moralisches Dilemma, das man im Blick behalten sollte - auch in so einem Falle, wo moralisch auf den ersten Blick alles klar zu sein scheint.
Donnerstag, 31. August 2023
Das Kupskische Komma.
Ich verstehe die Welt, nicht mehr.
Hermeneutik des Selbst
„-aner“ und „-isten“ verstehen sich nur selbst in den Texten ihrer Helden, und sie verstehen dabei sich selbst falsch.
Mittwoch, 30. August 2023
Theatrum mundi
Ich bin doch fassungslos, was für dümmlichen Kaspern zugehört wird, nur weil sie reich, Schauspieler oder berühmt fürs Berühmtsein sind - das ist schon heftig. Und es sind doch meistens Männer, deswegen kein Gendern.
Gottlos
In der Physik der Teilchen und Wellen ist kein Platz für „Gott“, aber für den Mythos, das Unanschauliche Darüberhinaus des Narrativen und Fabulierten.
In der von aller Präsenz freien Welt der binären Schaltungen und der Algorithmen, der fließenden Mathematik ist noch nicht einmal Platz für den Mythos. Hier fliesst nur Strom oder nicht.
Das ist die größte Herausforderung an die Theologie: sie muss den vermeintlich sicheren Outpost der „Anthropologie“ verlassen, in dem sie seit Feuerbach und Freud leidlich unterkam, um nun mit ihnen unterzugehen.
DAS ist die Herausforderung der Digitalität: Gott ist noch nicht einmal ein Feind. Er ist egal.
Dienstag, 29. August 2023
Radlos
Schön ist: Das Ebike ermöglicht auch älteren Menschen, wieder mit dem Fahrrad am Verkehr teilzunehmen. Aber genau das ist auch das Problem.
Sonntag, 27. August 2023
Ökonomie des Lebens
Es ist alles umsonst, aber nichts ist kostenlos.
Geld
Dass Medienunternehmen Geld verdienen wollen, richtiges, grosses, für kleine und mittlere Leute unvorstellbar grosses Geld - das scheint für viele „Fans“ von Serien und Franchises ebenso ein Gegenstand von Empörung oder Scham zu sein, wie die Tatsache, dass auch eine Kirche Geld braucht. Der Kapitalismus ist schon komisch. Und Medienethik unverzichtbar. Nur weil ein grosser Teil der Lehrerschaft einem (sehr deutschen) dünkelhaften Antidigitalismus frönt, erziehen wir eine Kohorte von Medienidioten, die nur in der Lage sind, zwischen Hate und Like zu leben. Fanseiten zu lesen ist sehr lehrreich.
Revision
Immer deutlicher und klarer wird mir, dass ein Theologiestudium ohne definiertes philosophisches und linguistisches Curriculum ins Abseits führt.
Nur dieses beiden Disziplinen können ein Gegengewicht zur Moralisierung und, fataler noch, Allegorisierung der Theologie bieten. Sie werden natürlich Bullshit nicht verhindern, aber sie geben Werkzeuge in die Hand, ihn zu erkennen.
Nicht zuvörderst bei Anderen - bei sich selbst. Als mittel der methodischen Selbstprüfung. DIE habe ich nämlich dort gelernt und nicht an den theologischen Fakultäten.
(Einzige wirkliche Ausnahme: Prof. Hans-Georg Geyer in Göttingen und Dieter Henke in Tübingen.)
Ich sehe mit einem gewissen Befremden, wie bramarbasierender Schlendrian und amateurhaftes Emo-Gefasel unter dem halbverstandenem Buzzwort „Narrativität“ legitimiert wird.
Das ist mir in der Debatte um die Kirchentagspredigt und bei der täglichen Surfstunde durch kirchliche Accounts immer deutlicher vor Augen: methodisches Denken ist gerade nicht so angesagt.
Samstag, 26. August 2023
Ari revisitted
„Warum etwas sei und nicht vielmehr nichts“ ist doch nicht die Frage. Warum es so furchtbar ist, darum gehts.
Chaos
Bei Hegel verstehe ich buchstäblich kein Wort, obwohl ich sie alle kenne. Nur Wörter, korrekt an einander gereiht. Eine stumme Musik. Es ist für mich wie Partiturlesen: es klingt nicht. Wieso ist das so?
Wahrhaftige Lügner
Ich glaube ja, dass gar nicht so viel gelogen wird, wie viele meinen. Viele Menschen sind aufrecht und wahrhaftig, haben aber einfach eine verschobene Wahrnehmung. Sie sagen, denken und empfinden die falsche Wahrheit. Was hier Ursache und Wirkung ist - man kann sich eine falsche Perspektive auch antrainieren - ist meist nicht aufzudröseln. Für mich sind diese wahrhaftigen Lügner die gefährlichsten Menschen, wenn sie Macht bekommen.
Freitag, 25. August 2023
Bahnhof
Dass ich - und das sage ich nicht so dahin - beruflich in vielem „meiner Zeit“ voraus war, ein starkes Gespür für Trends und Themen hatte, war im Rückblick eher ein Fluch. Nicht nur, dass mich das immer wieder in Schwierigkeiten brachte (in der Kirche, nicht z.B. in der Schule) und mich eine Pfarrstelle kostete - ich habe auch sehr oft in dem Gefühl gelebt, am Bahnhof zu stehen und auf den Zug zu warten.
Ein Glück nur, dass jede Taufe, jede Trauung, jeder Gottesdienst, ja sogar jede Beerdigung stärker war als dieses Gefühl. Es sind die Inseln des Sinns im Ozean des Unsinns.
Freilich: sollte mich mein Talent für Trends nicht verlassen haben, dann gehen wir als Kirche dem Kollaps gerade mit Riesenschritten entgegen. Wohl dem, der eine Idee hat, wie es dann weitergeht, und vor allem: wohl denen, die ihr Gottvertrauen nicht verlassen hat und die unter all dem Getöse den schlichten Glauben bewahrt haben, dass der Herr unser Hirte ist.
Donnerstag, 24. August 2023
Effekt
Hegel macht stumm: er findet die Grenze, überschreitet sie und schließt sie damit. Ich glaube, ich habe much deswegen vor Hegel immer ein wenig gefürchtet. Derridas „Wie nicht sprechen“ ist die geniale Reaktion auf das Hegelsche Universum des Geistes, der sich selbst bei der Beobachtung beobachtende Beobachter.
Dienstag, 22. August 2023
Gefahr
Eine besondere Schwachstelle von Unbildung ist ja, dass sie auf Bildungssimulanten reinfällt. Wobei streng genommen nur Bildungssimulanten Bildungssimulanten als Bildungssimulanten erkennen, denn nur Bildungssimulanten wissen und rechnen mit Bildungssimulanten und benennen sie auch so. Für Gebildete ist das kaum vorstellbar, für sie sind sie einfach nur Schwätzer. Und so treiben sie, unerkannt von den einen, ignoriert von den anderen und sich gegenseitig im Schach halten ihr öffentliches Unwesen. 😎
Montag, 21. August 2023
Flash
Ich bin nicht direkt in der Landwirtschaft, aber schon in einem bäuerlichen Milieu großgeworden, und obwohl schon meine Kindheit permanent vom Sterben überschattet war (oder gerade deswegen?) hatte ich eine glückliche Kindheit und Jugend, sehr verbunden mit der Erde durch die Nebenerwerbslandwirtschaft und mit dem Erz durch die beiden Schmiede (Vater und Grossvater), beide rochen nach Brotfabrik, in der sie arbeiteten und nach Eisen, für das sie lebten.
Heute auf meiner Abendradtour durch die frischgemähten Getreidefelder, zum Teil schon vermengt mit Gülle und Mist, traf es mich ins Mark, wie tief diese Gerüche in mir verankert sind, ich brach in Tränen aus, immer deutlicher spüre ich, dass jeder nahende Herbst auch meinen Herbst näherbringt und die Kindheit zugleich immer näher und ferner rückt, das Menschenschicksal ist schon hart und die Erinnerung ein ebenso zweischneidig Ding wie die Hoffnung.
Nix gelernt
Nö. Nix gelernt über das Netz und Clickbait, noch doofer. Wobei: immerhin eine autoperformative Schleife durchlaufen, das Wunder des Hypertextes erlebt.
Beweis
Wer das hier liest, ist doof. Vor allem, wenn er vorher auf den Button „Beweis” im vorherigen Post gedrückt hat.
Autoperformativ
Computerprogramme, so habe ich heute gelernt, sind autoperformative Texte, sie sind nicht semantisch, sonder unmittelbar pragmatisch.
Das leuchtet mir sehr ein. Vielleicht bib deswegen davon so fasziniert, weil ich als Kind auf meinem Schulweg lange Zeit an einer Garagenwand entlangelaufen bin, auf der mit Farbe aufgeschmiert war: Wer das liest ist doof. Ein Satz, der ja nur unmittelbar funktioniert, als Zitat ist er bedeutungslos.
Objektverschiebung
Ich habe übrigens keine Angst vor der Zahnärztin. Ich habe Angst vor Schmerzen.
Sanssouci
Mich kümmert nicht nur mein Geschwätz von gestern nicht, sondern auch das von morgen nicht. Ich bin ja auch kein König.
Perfekt
Da meine Gedanken keinen Zusammenhang haben, kann man sie auch nicht aus dem Zusammenhang reissen. Was habe ich für ein gutes Leben!
Struggle
Nicht die Komplexität der technischen Welt, als die wir leben, macht mich müde. Sondern der ständige Kampf darum, nicht vor ihr zu kapitulieren und ein dualistisch-monothematischer Dummbatz zu werden.
Sonntag, 20. August 2023
Technik und Kehre
Heideggers „Die Technik und die Kehre“ ist ein unheimlicher Text, der für mich aus allen mir bekannten Heideggertexten herausragt, weil Heidegger hier wirklich etwas „sieht“ und es ihm auch gelingt, das ungewöhnlich klar zu sagen. Er muss sich tief in das Thema versenkt haben - und er schreibt mehr, als er sieht. Ich kenne des Text seit meinem Studium. Jedesmal, wenn ich ihn lese, ist er ein anderer, und jedesmal erkenne ich mehr was Technik zwischen Gestellt und Geviert „ist“. Und wie wenig Theologie damit umgeht, dass die Welt längst ein technisches Artefakt ist, erst Technik, dann „Natur“, und Technik ist nicht ein „Teil“ der Schöpfung, Schöpfung ist Engineering und gerade nicht Wachstum und Evolution. Sie ist ein diskretes Ereignis.
Perspektive II
Nicht, dass sie Mitarbeitenden des Erzbistums Köln Pornos gucken ist töricht, sondern dass sie das auf Dienstrechnern tun. Diese menschliche Grundlüge, - ungeschoren davonzukommen - ist wirklich ein Übel. Und klar: Der Kardinal didn’t inhale. Moralische “ich tue es nicht”- Diskurse sind per se unmoralisch. Es ist eben schwer zu ertragen, wie menschlich wir tatsächlich sind und warum nur das Recht hier einigermaßen was ausrichten kann.
Perspektive
Für Computer „gibt es“ keine Bäume, nur Zustände. Die perfekte platonische Höhle.
Donnerstag, 17. August 2023
I Wonder
Was mich ja an den Reichsbürgern und anderen Nationalverwirrten so wundert: dass sie einem System und einer historischen Entität hinterhertrauern oder nach vorne phantasieren, die sich als historische Loser ohnegleichen in der europäischen Geschichte erwiesen haben. Das soll gut fürs Ego sein?
(Abgesehen davon, was sonst noch dazu zu sagen wäre).
De mortuis
Ich würde an meinem Grab gerne hören: War halbwegs okay, sein Essen konnte man essen, hat nur mässig genervt.
Mir geht noch die Diskussion über de mortuis nil nisi bene anlässlich des Todes von Horst Hirschler nach. „bene“ als Adverb, also die Haltung des Sprechenden. Christlich kann das m.E. nur heissen: vere (wahrhaftig).
Narrenrede
Ich würde ja nur berühmt sein wollen, um dann sagen zu können, ich wolle nicht berühmt sein, damit ich damit noch berühmter werde, bis jemand kommt und sagt: er ist ja nur berühmt dafür, berühmt zu sein, was meinen Ruhm steigern würde.
Verwirrung
Wittgenstein lesen, um Klarheit über Verwirrung zu bekommen. Sich als Fliege im Glas fühlen. Die weggeworfene Leiter als Fehler: die Mauer hat noch eine Etage. Mit Tractatus 7 feststellen: nur bullshit everywhere, si tacuisses. Vielleicht doch besser wieder Gedichte schreiben.
Mittwoch, 16. August 2023
Klärung
Dass es in der Religion, wie in der Kunst, im Kern nicht demokratisch zugehen kann, bedeutet nicht, dass es nicht partizipatorisch zugehen kann. Dass es partizipatorisch zugehen kann, bedeutet nicht, dass Expertise durch Beschluss ersetzt werden kann. Und Expertise bedeutet nicht „Recht haben“, sondern präzise und kontrolliert Wissen einzubringen.
Dienstag, 15. August 2023
Musikkolonialismus
Ich habe mich heute morgen ein wenig durch Musik aus Afrika gezappt. Einer der stärksten Impacts des Kolonialismus, wenn nicht vielleicht sogar der stärkste und folgenreichste, ist die totale Dominanz der westlichen klassischen Kadenzharmonik (mit ziemlicher Stufenarmut) und der dazu gehörenden stark reduzierten Takt/Metrum Rhythmik. Autochthone Musiken sind überall marginal oder gar verschwunden. Und anders als in der bildenden Kunst, wo gerade der Einfluss Afrikanischer Kunst auf die Abantgarde des 20. Jahrhunderts stark war, findet das in der Musik faktusch kaum statt, und wer jetzt mit dem Jazz argumentieren möchte: die Art, wie der Jazz die Regeln vermeintlich bricht, bestätigt sie gerade, der Jazz bekräftigt westliche Harmonik und Rhythmik. War mir in diesem Ausmaß bisher nicht klar: die universale Totalität der Popmusik. .
Schlichtes Gemüt
Je komplexer mein Denken und Erleben wird, je rationaler, pragmatischer und analytischer mein Geist agiert, um so mehr danke ich Gott ganz schlicht dafür, dass es das alles gibt und leide wie Hölle daran, dass wir es verkacken. Just simple minded.
Fetisch
Solange wir dem Fetisch des sonntäglichen „Hauptgottesdienst“ und der Agende I verfallen bleiben, werden wir der tatsächlichen Bedeutung der sog. „Kasualien“ nicht wirklich ansichtig. Es ist ja eher umgekehrt: für die meisten Menschen sind die Kasualien der „Hauptgottesdienst“ und der sonntägliche Gottesdienst „kasuell“. Es ist noch viel Messzwang im Denken - was völlig unnötige Frustration auslöst. Die Frustration des Fleischessers im Vegetarischen Restaurant oder des Gebirgswandernden am Meer: falsches mindset.
Montag, 14. August 2023
Das Unsagbare
Ich halte die Kirchen in Deutschland für nicht reformierbar.
Zu tief sitzt das Behördliche im Leitungsstil, bei gleichzeitiger Verweigerung des behördlichen Handelns (Anweisung, Durchführungsbestimmung, Sanktion), die Moralisierung der kirchlichen Theologie macht sie nicht nur schwer erträglich, sie führt auch in unsinnige Diskurse (Wittgenstein: das Ethische ist nicht sagbar).
Gleichzeitig wird die theologische Figur des „allgemeinen Priestertum“ (die Antithese zum Erbpriestertum und zum Erwähltenpriesterrum) als organisationale Anweisung (grotesk!) missverstanden, was dazu führt, dass Professionalität durch Pseudoexpertise delegitimiert wird - der Schwanengesang einer Institution, die sich selbst verloren hat, weil sie auf ihr Selbstbild starrt, voller Trauer über ihre vergangene Schönheit (die es nie gab, wer sagt’s ihr?).
Was bleibt, ist ein bisschen (bürgerliche Verzichts- oder Elite-)Ethik, ein paar vage Versatzstücke aus der Tradition, viel uneingestandene Trauer und ziemlich viel ratloser cringe. Man fragt sich, womit Gott das verdient hat: Chef einer religiösen Organisation zu sein, die auf Kleingärtnerniveau agiert (wobei Kleingärtner inzwischen …) und vergartenzwergt
Mein Verdacht ist ja, dass die meisten Mitglieder das ganz anders sehen und der gesamte Krampf, den ich fast körperlich spüre, reine Selbstbezüglichkeit einer recht kleinen, aber durch organisationale Selektion recht starker Gruppe ist, die das Heil der Kirche im gesellschaftlichen Engagement sieht.
Da aber sind andere stärker und berufener. Moral ist kalt und besserwisserisch, schlimmstnfalls erpresserisch, sie tröstet nicht. Die ist nicht nur unsagbar, sie ist auch unsäglich.
Und sind Kirchen nicht die einzige gesellschaftliche Institution, die tröstet? Und sind das nicht die „Kasualien“ (furchtbarer Begriff: als wären sie etwas, das vom „eigentlichen Gottesdienst“ irgendwie entfernt ist): inszenierter Trost?
Also weiterwursteln, bis der Laden kollabiert, durchatmen, neu anfangen. Ich kenne KEINE substantielle Veränderung (und das meint ja Reform) in der Kirchengeschichte, die je anders auf den Weg gekommen ist (die cluniazensische vielleicht?). Überleben wird, wer kooperativ, flexibel und theologisch klar ist.
Bescheidenheit
In meinem Beruf (und in der Schule, soweit ich die kenne) halten sich viele für verkannte Genies, was viel stillen Groll erzeugt. Niemand hält sich für einen verkannten Depp und ist froh und dankbar, überhaupt einen Job zu haben - die Imposter ausgenommen, aber die sind ja gerade keine Deppen. Ich halte den Anteil verkannter Deppen für ziemlich hoch. Was natürlich auch mit der steigenden Komplexität der Anforderungen zu tun hat. Toxisch werden die verkannten Deppen, wenn der Dunning-Kruger Effekt dazukommt oder wenn ein verkannter Depp Vorgesetzter von verkannten Genies wird.
Sonntag, 13. August 2023
Im Knast der Vernunft.
Hegel kommt mir, begreife ich gerade, deswegen so entsetzlich trivial vor (bei aller Hyperkomplexlität) weil wir alle (und das meine ich so: wir alle) völlig hegelianisch sind. Es ist die krasseste selbstimmunisierende Theorie ever, und selbst der letzte Tropf denkt noch hegelisch. Das gilt vor allem für die Theologie. Noch einmal mehr verstehe ich, wie wichtig und gamechanging die Dekonstruktion ist, die die Spur Spur sein lässt und im Grunde ab einem bestimmten Punkt, wo der hegelsche Tanz losgeht, einfach die Klappe hält. Was für ein Genie der Verweigerung Derrida war!
Links
„Warum verlinkst du nur auf Facebook, und da nur für Freunde?“
„Die Antwort steckt in der Frage. Ich möchte wenigstens die Kontrolle über meine likes haben“.
Kürze
„Warum schreibst du nur noch Aphorismen?“
„Meine Verwirrung ist zu komplex für Langtexte“.
Christsein.
Die meisten Christen im westlichen Kulturkreis wären keine, läsen und verständen sie die Bibel. Sie wäre ihnen, allemal im Paulus und Jesus, viel zu links, woke und radikal. Dass viele Christen die Bibel nicht kennen, sorgt aber eigentlich dafür, dass sie (nach protestantischer Lesart jedenfalls) keine Christen sind. Religion ist eine Denksportaufgabe.
[Spoiler für Profis: Differenz Religion/Glaube; fides qua/fides quae.]
Evolution
Was Du Arroganz nennst, nenne ich Resignation.
Invisibility
Was den Pfarrberuf wirklich anstrengend und herausfordernd macht; das Ausbleiben eines feedbacks, das Arbeiten ins Leere und in eine Blackbox hinein. Gerade erst wieder erlebt; nach über dreissig Jahren erfahre ich, wie ein bestimmtes Handeln wirkte. Das ist zermürbend. Und hat eine Fülle von Effekten, nicht zuletzt den, dass man mit seiner Selbsteinschätzung brutal daneben liegen kann - womöglich die gesamte Berufszeit lang. Und es sei deutlich gesagt: dass es keine Kultur der Rückkopplung gibt (die meisten „Dienstgespräche“ meiner Pfarramtszeit waren ein amateurhafter Witz) ist ein schwerer Defekt.
Verblendung
Der grosse Trost, der von StarTrek/Fanseiten in social media ausgeht: die Unfähigkeit, Zeichen wahrzunehmen zu verstehen, zu interpretieren und damit in einem Diskurs zu gehen (aka Lesen), ist seeehhrr weit verbreitet, und was daran tröstlich ist: nicht nur Religion ist ein Tummelplatz dafür - mein jugendlicher Bildungsoptimismus war vielleicht die grösste Verblendung meines Lebens.
Samstag, 12. August 2023
Künstlerpech
Wenn ich Knausgård lese - und ich glaube, dass es das ist, was mich so fasziniert- denke ich oft: so schriebe ich, wenn ich schriebe, und das entlastet mich irgendwie, weil ich es jetzt definitiv nicht zu machen brauche, obwohl ich es vermutlich könnte, schreiben fällt mir leicht (völlig schräg). Anders geht es mir mit Schostakowitsch, auch da oft schon bei wenigen Takten (vor allem bei der Kammermusik; Ja,so klänge meine Musik. Und das macht mich oft traurig, denn ich bin so wenig musikalisch, dass ich die Unmengen von Melodien, die mir durch den Kopf gehen, noch nicht einmal treffsicher singen könnte, geschweige den aufschreiben. Musik macht mich deswegen immer ein bisschen traurig, während Literatur mir letztlich nur die Zeit vertreibt. Theologie macht mich übrigens inzwischen wütend.
Geständnis
80% aller öffentlichen Debatten sind mir frend, 20 % verstehe ich nicht, aber weil ich schlecht in Mathe bin, komme ich mit den restlichen 10% intellektuell völlig aus.
Freitag, 11. August 2023
Angenehmes Paradox
Menschen, die nicht wissen, dass sie klug sind, erlebe ich immer wieder als sehr angenehm und wohltuend, auf den Dörfern waren es meist ältere Frauen, die nie die formalen und institutionellen Bildungsmöglichkeiten hatten, aber ihr Hirn trotzdem nutzten - und oft Witwen, die der Fron von Ehe und Familie entkommen waren. Ihnen konnte ich gut zuhören, und gerne arbeitete ich mit ihnen zusammen. Aber es gibt diese unbewusst klugen Menschen in allen Gestalten. Sie sind nicht „bescheiden“, denn das könnten sie nur, wenn sie sich ihrer Denk-Fähigkeit bewusst wären. Sie sind auch nicht „einfältig“, nur weil sie nicht (im kantischen Sinne) auf sich selbst reflektieren - das wird ohnehin überschätzt. Sie sind auch nicht „Herzensklug“, was ich für eine ekelhaft disqualifizierende Beschreibung halte. Sie sind einfach klug: Wissen um Kontingenz.
Sehr seltene Exemplare der Gattung Mensch, wohl dem, der welche kennenlernen darf: Klug sein ohne Dünkel. Es umgibt diese Menschen eine heitere Melancholie, die vielleicht einzig angemessene Haltung. Und eine Hoffnung, dass es Potentiale in unserer DNA gibt, die über Amöbe, Reptilie und Mehlmotte hinausgehen.
Rechnung, gruselig
450 Leute arbeiten in meinem Betrieb. Rein statistisch gehen 76% davon wählen, das sind 342.
68 davon wählen AfD.
Wenn in der Kantine 5 Leute zusammensitzen, wählt eine oder einer AfD. Rein statistisch.
Und wenn das in meinem Betrieb nicht so sein sollte (warum auch immer? Weil Christsein davor schützt?), dann heisst das ja nur, das es dann anderswo noch schlimmer ist.
20% sind richtig viel.
Donnerstag, 10. August 2023
Normen
Deutschland wird unanständig. Das beschämt mich.
Mittwoch, 9. August 2023
SciFi
Das Unwahrscheinlichste an Science-Fiction-Filmen ist ja nicht der Plot. Sondern die Kamera.
Dienstag, 8. August 2023
Tipp
Zum Jahrestag des Einfalls Russlands in Georgien lehne ich mich mal aus dem Fenster:
Bewaffnet Polen bis an die Zähne, bevor es auch hier zu spät ist. Polens Osten ist „altes russisches“ Gebiet, und eine „Zweite Front“ mit Partisanenkriegcharakter wäre Russland sehr dienlich. Wo sind die Wagner-Leute?
Mutter der Laster
Dummheit gab es schon immer, aber die Dreistigkeit, mit der sie die öffentliche Bühne besetzt, bekommt eine neue Qualität- natürlich auch, weil die „öffentliche Bühne“ sie lässt - das Fatale ist, dass man mit Dummheit, der anderer zumal, richtig viel Geld verdienen kann. Die Symbiose aus Technik und Geschwätz ist ebenso problematisch wie die aus Technik und Gewalt (wenn es nicht sogar dasselbe ist - ist das Geschwätz nicht die Gewalt des Waffenlosen? Quatscht kaputt, was euch kaputtquatscht?). Wahrheit? Who cares. Aus der Sicht der Dummheit ist die Wahrheit eine Erfahrung mittlerer Reichweite.
Wenn Sophrosyne, die Besonnenheit, die Mutter aller Tugenden ist, dann ist halt Dummheit die Mutter aller Laster. Sie wird uns den Hals kosten.
Montag, 7. August 2023
Urlaubsgedanken
So eine Zeit des Gammelns, sich Gut-gehen-lassens, Schlafens, Wanderns und dergleichen mehr ist manchmal auch eine Zeit der Gärung - und in mir gärt es gerade sehr.
Ich verbringe viel Zeit mit Lesen und Recherche, Updates meiner Kenntnisse und Skills, gehe Themen und Diskursen nach, mache Notizen, Exzerpte, Blogbeiträge - aber wofür eigentlich noch? Meine Themen sind inzwischen ganz offensichtlich abseitig, meine Skills so wenig gefragt, weil in der Nische „Digitalisierung“ verortet, die wirklich fast niemanden interessiert und wo ich deutlich spüre: wir haben ein Momntum verpasst, das Thema nervt, weil es auch schlechtes Gewissen erzeugt. Ich habe in meinem gesamten Dienstleben zusammen nicht mit soviel Aggression zu tun gehabt, wie auf dieser Stelle. Das macht auch müde, bei aller Freude über definitiv Erreichtes (und das ist gar nicht wenig).
Und so viel werde ich in den kommenden 2 1/2 Jahren auch nicht mehr reissen, zumal die Digitalisierung somit den diversen Reformprozessen verknüpft ist, dass sie sich mit ihnen, nun ja, sich zunehmend verlangsamt - an die Stelle kontinuierlicher Prozesse werden diskontinuierliche Brüche treten, die für planvolles Handeln wenig Zeit lassen werden, zumal nur wenige wirklich hinschauen.
Wird es Zeit, die Denkfabrik stillzulegen und Anderes zu tun? Ich bin da mit mir im Reinen: mein Rückblick fällt gut aus, ich habe meinen Teil getan, mal so, mal so.
Aber jetzt kommt doch das Gefühl: Ich häufe hier quasi inneren Papiermüll an.
Und die Zeit wird schon knapper und kostbarer. Unter der „Weisheit des Alters“, das beginne ich, älter werdend zu verstehen, pocht auch Panik. Es hat Gründe, warum Rentner*innen „keine Zeit“ haben….
Schwerkraft
Ich bewundere US-amerikanische Drehbuchautorinnen und Autoren für ihre totale Souveränität gegenüber der Serienlore, die Leichtigkeit des Erzählens, die Treffsichheit der Punchlines und der oft sehr delikaten Grenzziehung zwischen Kitsch, Ironie und Pathos, bei StarTrek gerade besonders gut zu beobachten. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, was für einen bleischweren Teutonen-krampf uns in einem Raumpatrouille/Prequel/Sequel vorgesetzt würde. Das beschäftigt mich sehr, weil ich glaube, dass es uns als Kirche aich so geht. Mich nervt dieses Bedeutungsschwere jedenfalls immer mehr.
Sonntag, 6. August 2023
Schwache Minute
Und wenn der größte Teil der deutschen Bevölkerung nun doch unrettbar faschistisch ist, alle die das sagen, recht hätten, und es wirklich nur einer kritischen Masse bräuchte, damit….
*….schweißgebadet aufgewacht
Konservatives Paradox
Inzwischen ist es so: höre oder sehe ich „staatstragendes Verhalten“ schrillen alle Alarmglocken.
Samstag, 5. August 2023
Seliges Vergessen?
Heute habe ich in schönster Urlaubsmuße ein paar kleine und kleinste Kinder beobachtet, mit ihren Menschen drumherum - durch was für eine Hölle von Demütigungen, Schmerzen, Ohnmachtsgefühlen und schierer Inkompetenz für das letztlich Einfachste (Essen,Trinken, Kacken) muss das Menschentier durch, ein Segen, dass wir das zumindest nicht im aktiven Gedächtnis haben, mit was für einer Beschämung und Wut müssten wir leben….oder sollte es so sein, dass wir das eben gerade nicht vergessen, dass gerade das mit der (theologisch toxisch gewordenen, weil in falsche Hände geratenen) Erbsünde gemeint sein? Die Ursache von Scham und Wut darüber, für drei, vier Jahre stammelnde, torkelnde, komplett unselbständige und meist ziemlich bescheuerte Hosenscheisser gewesen zu sein? Oder gar - noch zu sein?
Freitag, 4. August 2023
Urparadox
Es gibt ja nur zwei Fragen, die, weil sie niemals gleichzeitig beantwortbar sind, quasi die Urfragen sind: „wie st das geworden“ oder „wer hat es gemacht“? Das zeigt: Es sind Perspektiven. Aber - worauf? Die Antwort: „Schöpfung“ als „gemachtes Werden“ ist da schon hilfreich…als Perspektive auf die Perspektiven. Aber auch nicht mehr.
Natura naturata
Da die Technik und die Kunst - zumindest in der Provinz des Universums, das wir bevölkern - unausweichlich auf Naturgesetzen beruhen, sind sie natürlich beide „natürlich“. Der Cartesianische Dualismus (wenn man Descartes meint so lesen zu müssen) ist ein fataler Grundirrtum, eine Missbildung eines okkupierten Christentums, das den Menschen ausserhalb der Natur ansiedelt und nichts anderes ist als Ausdruck jener Hybris, die meint, wie seien etwas kategorial besonders. Die Pilze dazu: 🤣
Frauen und Technik
Gestern, 3. August, jährte sich der Todestag von Josephine Cochrane. Gute Gelegenheit dessen innezuwerden, welche immense Rolle Maschinen für die Emanzipation und die Rollenveränderung der Frauen spielten. Geschirrspülmaschine, Staubsauger, Föhn(!) und vor allem die Waschmaschine und später (nicht ohne Grund heftig umkämpft) das Auto haben erheblichen Anteil daran, Frauen ein Leben „neben dem Haushalt“ zu ermöglichen - auch wenn sie, Dialektik vom Feinsten, zuerst die Hausfrauisierung massiv vorangetrieben haben und so auch von Männern gedacht waren („unentbehrliche Helfer im Haushalt fpr die moderne Frau). Und ich denke, die Schreibmaschine gehört auch dazu. Dieser deutliche emanzipatorische impact der Mechanisierung von „typisch weiblicher“ Arbeit ist der Grund, warum Frauen der Zugang zur Entwicklung und Produktion solcher Technik oder Technik überhaupt, verweigert wurde, das Gespür dafür, dass die Entwicklung nicht in Richtung maschinisiertes Heimchen am Herd ging, stellte sich bald ein. Die Ingenieurin ist - für mich Maschinenfreak - der Inbegriff einer „befreiten“ Frau, die Gänsefüßchen recht verstanden: da ist noch viel Weg zu gehen. Umso mehr: ein Hoch auf Josephine Cochrane.
(Ob es Zufall ist, das Gene Rodenberry, der super-woke- den Erfinder des Warp-Antriebs - Cochrane nannte?)
Donnerstag, 3. August 2023
Gestirnter Himmel (Kant revisited)
Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender ambivalenter Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: dass Menschen auf Merkur, Venus, Mond, Mars sowie auf zwei Kometen Spuren hinterlassen haben und der gleitende Signifikant.
Mittwoch, 2. August 2023
Titan
Außerhalb des eigentlich Literarisch-poetischen, wo er wirklich unglaublich gut ist, lag Goethe so ziemlich mit allem - so weit meine Lektüren reichen, versteht sich - falsch. Ich glaube, dass sein - sorry- gelegentlich ins Faseln gehendes Gerede eine Mitursache für die eigentümliche Verirrung gerade konservativer deutscher Geistesgrössen fürs Esoterisch-Verschwörerische ist. Er hat, das kann man gar nicht deutlich genug sagen, vor allem in Schopenhauer, dem Philosophen der Gründerzeit, seinen Apostel mit enormer Wirkungsgeschichte gehabt (-> Steiner! Nietzsche(früh), Wagner (spät), Thomas Mann). Ich denke, die sehr eigentümlich verschwurbelte Art des Umgangs mit Religion im deutschen Kontext hat auch viel damit zu tun - wenn es um Religion und Musik geht, ist Goethe geradezu peinlich.