Durch die Relektüre von Dr.Faustus reaktiviere ich gerade meine Liebe zur zweiten Wiener Schule…eine Geschichte dazu:
Wir hatten einen ausgezeichneten Musikunterricht bei einem Lehrer, der, wie ich später erfuhr, Profibratschist im Breslauer Symphonieorchester (Der „Schlesischen Philharmonie“) war - leider auch ein ziemlicher Kauz von etwas verwachsener Gestalt, der im kleinstädtischen Mileu der Spielmannszüge und dilettierender Lehrerorchester ein ausgesprochener Vogel war.
Ausführlich behandelten wir in Stufe 13,1 die Musik der Gegenwart, und das hiess z.B. auch Mauricio Kagel und die musique concrete (übrigens auch Musik aus dem IRCAM, Boulez, Stockhausen - und Kraftwerk!).). Bei der Vorführung dieser Klangwelten war ich wirklich verzückt…ein Mitschüler rühmte sich dann in der Pause, er habe während der Vorführung dieser Musik (Acustica, Kagel) mehrfach gerülpst (was stimmte), der „Galdi“ (Spitzname des Lehrer) habe es nicht bemerkt (was nicht stimmte) und wohl gedacht, es sei Teil dieser „Musik“ (was gnadenlos dumm und respektlos war).
Ich war davon auf mehreren Ebenen zugleich geniert und verletzt („Fremdschämen“ und „cringe“ waren unbekannt), dass ich mir schwor, meine Kunst- und vor allem Musikliebe vor allen anderen Dingen zu schützen und zu verbergen, um nicht an einer besonders empfindlichen Stelle verletzt zu werden. Mein Theologiestudium und später meine Arbeit im eher spiessig-banausischen Milieu bestätigte mich sehr darin. Nur einige Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker durften da hineinblicken. Und das waren sehr besondere Momente. Jetzt, vierzig Jahre später, unter der Dominanz der Popmusik (die damals 1980 ihren Siegeszug erst begann), erscheint mir das als eine sehr gute Strategie, tatsächlich ist diese Liebe bisher noch nicht betatscht worden von irgendwelchen ahnungslosen Schwadronören und Kunstwächtern (deren lächerlichsten Clowns die sind, für die „Musikgeschichte nach Mozart oder Bach quasi aufhört“, also gar nicht irgendwelche Ahnungslosen aus dem Popmilieu!).
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