Siehe, ich will mein Volk schmelzen und prüfen.
Jeremia 9,6
Petrus dachte an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
Matthäus 26,75
Man merkt dem Alten Testament an, dass es aus einer Zeit ungeheuen technologischen Aufschwungs der Menschheit stammt. Seine Anfänge reichen auf der Ebene der mündlichen Tradition sicher noch in die Steinzeit, der Paradiesmythos und die Kain und Abel Geschichte sind ferne Echos auf die neolithische Revolution. Aber die grundlegenden Erfahrungen Israels und seiner Erzväter gehören in die Zeit des Umbruches von der Bronzezeit in die Eisenzeit. Es war die hohe Zeit der Metallurgie. Und die ist ja auch spannend.
Ich bin der Sohn eines Schmiedes, der auch der Sohn eine Schmiedes ist: Das Metall spielte immer eine große Rolle in meiner Kindheit. Der Lichtbogen des Schweißgerätes war mir die Erklärung für das Gewitter, und zwar eben gerade nicht naturalistisch. Es waren ja Vater und Großvater, die da schweißten, und so verstand ich Gewitter, lange bevor ich von Zeus und Konsorten hörte oder gar vom Jahwe am Sinai. Und ich hatte keine Angst, sondern Respekt. Der Lichtbogen war für mich väterliche Machtentfaltung.
Zwei- oder dreimal im Jahr wurde die Schmiede angeworfen. Wer das nie erlebt hat, dem fehlt eine Menschheitserfahrung.
Die hohe Glut schmiedbaren Eisens, der Geruch verbrennender Eisenspänne beim Schmieden, der noch eigentümlichere Geruch beim Härten, wenn das rotglühende Eisen in das Speiseöl getaucht wird, das Zischen, Kochen, Blubbern, der sehr eigene Sound der Hämmer auf dem Ambos...Metalerfahrung ist "Ur"- Erfahrung. Stundenlang mussten mir Vater und Großvater die Metallgewinnung beschreiben, und Schenzingers Buch "Metall" war meine erste große Lektüre. "Das Buch vom Eisen" stand in unserer schmalen Bibliothek, ganz tief sitzt das Bild der Thomasbirne. Noch heute kann ich mich auf N24 nicht sattsehen an den Berichten über Metallbearbeitung.
Ich kann verstehen, warum vor allem die Propheten immer wieder Bilder aus diesem Bereich aufnahmen: Umschmieden will Jesaja die Schwerter zu Pflugscharen, Läutern will Jeremia das volk wie man Silber aus der Schlacke holt, die Schlacke aber wird verworfen; ein heiße Glut will Gott entfachen, um das gute Gold aus dem schlchten Erz zu holen.
Und das Starke daran ist:
Das kraftvolle Urgeschehen der Eisen- und Bronzeverhüttung wird zu einer Erklärung für das Leiden.
Das ist kühn, denn ansonsten sind technische Metaphern immer mit großer Vorsicht zu genießen. Aber diese Metapher trägt, weil sie eine wirkliche Urerfahrung anspricht und aus einer Technik stammt, die am Rande der Beherrschbarkeit beherrscht wurde. Der Schmied war auch dämonisch und den Mächten, mit denen er hantierte, ausgeliefert.
Das menschliche Leiden, vor allem aber das Leiden desVolkes, ist wie Läuterung, wie die Hitze, der Staub und das Feuer der Thomasbirne, in der die Stoffe, die das Erz verunreinigen, ausgeblasen werden, so dass der reine Stoff übrigbleibt. Ein schmerzhafter, ein vulkanischer Prozess, furchteinflößend und überwältigend, nicht zu bändigen, wie es scheint, wenn es nicht von einem erfahrenen Schmied gemacht wird. Der aber produziert reines Eisen, edle Bronze, 24karätiges Gold, lauteres Silber.
So ist das Leid.
Und so tröstet sich das Volk Israel damit, in den Händen des besten aller Schmiede zu sein, des Weltenschmiedes schlechthin, der über die ganze Schöpfung einen Riesendeckel, eine Feste gespannt hat und sie auf eherne Säulen gestellt hat, damit sie nicht wankt. Ein unglaublich kühner Gedanke: der Schmerz selber ist der Prozess der Erlösung, ist selber läuterung. Gericht und Gnade: ununterscheidbar. Es kommt auf das Ende an. Wer hat das Vertrauen auf das gute Ende?
Ich will das gar nicht kommentieren und theologisch aufbrechen.
Ich lasse es wirken.
Leiden als Läuterung, Leiden als das Schmiedefeuer Gottes.
Der Gründonnerstag: Das ist der Abend, an dem das letzte Schmiedefeuer entfacht wurde, die letzte Sichtung vorgenommen wurde.
Kein Wunder, dass Petrus davor zurückschreckte. Diese Szene, aus der der Lehrtext stammt, ist eine der Menschlichsten der gesamten Erzählung.Ein wahrhaft vulkanische Schrecken, der Petrus überfällt.
Die angesprochenen Bücher:
Schenzinger, Metall
Das Buch vom Metall
Wer es noch nie gesehen hat: Das ist "Frischen", also das Ausblasen von Verunreinigungen. Das ist genau das, was in der Sprache Luthers das "Läutern" ist. Lieder fand ich kein Video von der Thomasbirne.
Donnerstag, 21. April 2011
Freitag, 8. April 2011
Zorn!
Steh ab vom Zorn und lass den Grimm, entrüste dich nicht, damit du nicht Unrecht tust.
Psalm 37,8
Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.
Jakobus 1,19
Der Zorn, und vor allem die Rache, werden in unserer sehr gedämpften Kultur unterschätzt. Er ist nicht umsonst eine von den Todsünden. Und die alte Regel, dass man von den eigenen Fehlern nicht spricht, lässt sich hier gut anwenden: Es ist schon auffallend, dass Zornmanagement in der ethischen Diskussion kaum eine Rolle spielt. Er ist ein "verbotenes Gefühl".
Dabei sind Amokläufe nichts anderes als Zornausbrüche, und auch bei so manchem Autounfall bin ich mir nicht so sicher, was genau dahintersteckt. Familiäre Gewalt ist eigentlich so gut wie immer zorninduziert, und immerhin war das Bild vom "zornigen jungen Mann" mal das Leitbild einer ganzen Generation, der ich leicht zutraue, heute, vom Leben frustiert, die Schrotflinte im Schrank stehen zu haben.
Zorn führt zu Vandalismus. Zorn führt zu Mobbing. Zorn führt zu Terrorismus. Zorn ist eine Urmacht: er ist der Schrei der gekränkten Seele. Und darum ist er ein Thema für den Glauben, muss er es sein.
Denn der Zorn ist der Bruder der Angst, sie gehen oft Hand in Hand, Paulus ist dafür ein gutes Beispiel. Die Zornenergie in Aufbauenergie zu verwandeln ist eine große Aufgabe. Man muß sehen, wie man die Vernichtungswünsche, die der Zorn aufbaut, in Gestaltungswünsche verwandelt. Das, was zornig macht muss weg, aber es muss eine bessere Lösung her. Nur von ihr her kann verhindert werden, dass der Zorn in vernichtende Wut und die in berserkerhaftes Wüten ausartet.
Zorn ist an sich ein warmes Gefühl: Er will ja, dass sich etwas ändert. Nur so ist die Rede vom Zorn Gottes auszuhalten und wahr. Nur so ist der Zorn eine gute Kraft. Wer angesichts dessen, was in Kriegen passiert, nicht zornig wird, der hat, glaube ich, wirklich ein emotionales Problem. Der Wutbürger, der sich als aufgestachelter Gift-Gartenzwerg geriert, kann die Lösung nicht sein. Nur wenn der Zorn einen langen Atem kriegt, kann er sich verwandeln und der Gefahr des Wütens entgehen. Denn die Änderung des Zornes kann nicht die sein, dass man alles kurz und klein schlägt und damit den anderen Bruder des Zornes, nämlich die Rache, auf den Plan ruft. Der Glaube, der an die Kraft der Verwandlung glaubt - vom Tod ins Leben! - vertraut auch im Zorn auf die Kraft Gottes. "Lasst die Sonne nicht untergehen über Eurem Zorn", heißt es im Epheserbrief, und das ist eine wundervolle Regel für ein gelingendes Leben - selbst wenn man dafür die Sonne anhalten müsste. Dem Glauben ist bekanntlich nichts unmöglich - er muß nur loslassen. "Mein ist die Rache", spricht er der Herr. Und er rächt sich - indem er seine Mörder durch Versöhnung beschämt.
Auch wenn ich ein innerlich gespaltener Fan von Peter Sloterdijk bin, sein Buch über den Zorn hat mir richtig gut gefallen:
Sloterdijk, Zorn und Zeit
Psalm 37,8
Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.
Jakobus 1,19
Der Zorn, und vor allem die Rache, werden in unserer sehr gedämpften Kultur unterschätzt. Er ist nicht umsonst eine von den Todsünden. Und die alte Regel, dass man von den eigenen Fehlern nicht spricht, lässt sich hier gut anwenden: Es ist schon auffallend, dass Zornmanagement in der ethischen Diskussion kaum eine Rolle spielt. Er ist ein "verbotenes Gefühl".
Dabei sind Amokläufe nichts anderes als Zornausbrüche, und auch bei so manchem Autounfall bin ich mir nicht so sicher, was genau dahintersteckt. Familiäre Gewalt ist eigentlich so gut wie immer zorninduziert, und immerhin war das Bild vom "zornigen jungen Mann" mal das Leitbild einer ganzen Generation, der ich leicht zutraue, heute, vom Leben frustiert, die Schrotflinte im Schrank stehen zu haben.
Zorn führt zu Vandalismus. Zorn führt zu Mobbing. Zorn führt zu Terrorismus. Zorn ist eine Urmacht: er ist der Schrei der gekränkten Seele. Und darum ist er ein Thema für den Glauben, muss er es sein.
Denn der Zorn ist der Bruder der Angst, sie gehen oft Hand in Hand, Paulus ist dafür ein gutes Beispiel. Die Zornenergie in Aufbauenergie zu verwandeln ist eine große Aufgabe. Man muß sehen, wie man die Vernichtungswünsche, die der Zorn aufbaut, in Gestaltungswünsche verwandelt. Das, was zornig macht muss weg, aber es muss eine bessere Lösung her. Nur von ihr her kann verhindert werden, dass der Zorn in vernichtende Wut und die in berserkerhaftes Wüten ausartet.
Zorn ist an sich ein warmes Gefühl: Er will ja, dass sich etwas ändert. Nur so ist die Rede vom Zorn Gottes auszuhalten und wahr. Nur so ist der Zorn eine gute Kraft. Wer angesichts dessen, was in Kriegen passiert, nicht zornig wird, der hat, glaube ich, wirklich ein emotionales Problem. Der Wutbürger, der sich als aufgestachelter Gift-Gartenzwerg geriert, kann die Lösung nicht sein. Nur wenn der Zorn einen langen Atem kriegt, kann er sich verwandeln und der Gefahr des Wütens entgehen. Denn die Änderung des Zornes kann nicht die sein, dass man alles kurz und klein schlägt und damit den anderen Bruder des Zornes, nämlich die Rache, auf den Plan ruft. Der Glaube, der an die Kraft der Verwandlung glaubt - vom Tod ins Leben! - vertraut auch im Zorn auf die Kraft Gottes. "Lasst die Sonne nicht untergehen über Eurem Zorn", heißt es im Epheserbrief, und das ist eine wundervolle Regel für ein gelingendes Leben - selbst wenn man dafür die Sonne anhalten müsste. Dem Glauben ist bekanntlich nichts unmöglich - er muß nur loslassen. "Mein ist die Rache", spricht er der Herr. Und er rächt sich - indem er seine Mörder durch Versöhnung beschämt.
Auch wenn ich ein innerlich gespaltener Fan von Peter Sloterdijk bin, sein Buch über den Zorn hat mir richtig gut gefallen:
Sloterdijk, Zorn und Zeit
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