Na, eben drum. Das geschärfte Gehirn (und das ist das Lustorgan schlechthin) nimmt sich selber als geschärft war. Es ist der absolute Nerd-Genuß.
Auf der einen Seite hemmungslos verbotenen Sachen (Sexten! verminderte moll-Akkorde!Terzenseligkeit zwischen Sopran und Tenor, lauter echte falsche Gefühle, Geigen mit Dämpfer, Harfe, lauter schluchzende Trugschlüsse auf der vierten Stufe und dann seliges Tonika-Verzücken), auf der anderen Seite aber auch die Wahrnehmung der Lust an den verbotenen Sachen.
Das ist doch großartig. Das emotionale Zentrum wird bedient, und der Intellek zieht kichernd mit. Das ist maximal ganzheitlich. Und man wird nicht so in den Sessel gedrückt wie bei Wagner oder so klein wie bei Mozart oder von Bedeutung förmlich niedergeschmettert. Und das wirklich Subversive gerade der Operette (und, weniger sich seiner selbst bewußt) des Schlagers ist, dass sie die große Geste lächerlich machen. Graf Danilo als eine Art Wotan-Karikatur. Schlösser, die im Monde liegen statt zehrender Sehnsucht nach metaphysischer Erlösung.
"Die Julischka, die Julischka aus Buda-Buda-Pest": das ist Dada, lange bevor es Dada gab. Und es ist schon fast gemein, wie die Operette sich über die Oper lustig macht. Andersrum geht natürlich nicht: der gewichtige Pomp kann sich nicht veräppeln. Hier ist es genau andersherum als sonst: Ein Dummer kann sich bekanntlich nicht klug stellen, aber ein Kluger kann sich dumm stellen. Jetzt gehen wir mal davon aus, dass die Operette die Kluge ist, die sich dumm stellt, dann steht die Oper ziemlich dumm da.
Wagner wusste das ganz genau, in den Meistersingern ist das nämlich so ein Subthema, das Triviale. Die Meister sind ja keine: es sind Schuster. Und Stolzing? ist doch, man beachte den Namen!, eine lächerliche Figur. Ich glaube, Wagner hätte geniale Operetten geschrieben. Wie bizarr wirkt "Winterstürme wichen dem Wonnemond" in der Walküre! Als würde plötzlich ein Schlagerfuzzi auftreten. Selbst das Orchester dröhnt wie Kinoschmonz.
Die Operette macht damit Ernst, dass sie es nicht ernst meint. Sie ist auch Tanz auf dem Vulkan. Das gibt ihr Dramatik, ja sogar Tragik. Man muss immer mal schauen, wann sie geschrieben worden sind. Die Czardasfürstin ist von 1915. Da wurde auf dem Balkan Totentanz gespielt, der Czardas der Kanonen. Da könnt ich heulen, und gute Inszenierungen lassen das spüren. Ich habe mla eine gesehen (Bonn? weiß nicht mehr, ist ewig her), wo, nur durch Kleinigkeiten in der Deko, ein Photo von einem Soldaten, eine Feldflasche, die irgendwie herumlag usw. die Gegenwart der Abfassungszeit greifbar. Und dazu dann der absolut hirn- und herzerweichende Sound des Kalman-Orchesters. Grandios.
Der Zug nach unten. Für Christen ist das doch der normale Weg. In der Operette in all ihrer Trivialität steckt mehr Wahrheit als im artifziellen Konstrukt der Oper. Der Schlager ist wahrer als das Schubertlied. Näher an der Sünde. Näher am Tod. Näher am Schweiß, am Blut, an den Tränen. Darum greift uns das Triviale ans Herz. Und es will nicht verändern. Die Operette und der Schlager konstatieren nur, sie bieten billige Gnade, sie verweigern Metaphysik. Alles wird gut! Adorno hasste das, der verklemmte Spießer, der ein unerträglicher Weiberheld war und hinter verquasten Texten nur seine Sehnsucht nach der Einfachheit kaschierte.
Die Operette ist einfach. Und zugleich komplex. Ich liebe sie (wie die amerikanischen Filmmusicals und Action-Filme der ballerigen Art) genau deswegen.
Die Oper ist nur komplex (außer Mozart natürlich. Aber der giltet nicht, wie Bach). Beethovens Streichquartette auch. Direkt nach einem Operettenbesuch gehört, klingen sie bizarr weltfremd. Und natürlich unendlich genial, unauslotbar. Sie reden von Erlösung und wissen um sie und ihren Preis: Den Schmerz.
Die Frage ist: Welche CD nähme ich mit auf die einsame Insel? Frau Luna oder Op. 131?
Anette Dasch, Dove sono.....das ist ....eben das, was es ist: inkarnatorische Musik, oben und unten.