Freitag, 19. April 2013

Der Zug nach unten

Wie kann jemand, der Beethovens letzte Streichquartette liebt, der Neue Musik mag und dem so schnell nichts abgefahren und kompliziert sein kann, so einen Zug nach unten haben, dass er Operette und Schlager mag?

Na, eben drum. Das geschärfte Gehirn (und das ist das Lustorgan schlechthin) nimmt sich selber als geschärft war. Es ist der absolute Nerd-Genuß.
Auf der einen Seite hemmungslos verbotenen Sachen (Sexten! verminderte moll-Akkorde!Terzenseligkeit zwischen Sopran und Tenor, lauter echte falsche Gefühle, Geigen mit Dämpfer, Harfe, lauter schluchzende Trugschlüsse auf der vierten Stufe und dann seliges Tonika-Verzücken), auf der anderen Seite aber auch die Wahrnehmung der Lust an den verbotenen Sachen.

Das ist doch großartig. Das emotionale Zentrum wird bedient, und der Intellek zieht kichernd mit. Das ist maximal ganzheitlich. Und man wird nicht so in den Sessel gedrückt wie bei Wagner oder so klein wie bei Mozart oder von Bedeutung förmlich niedergeschmettert. Und das wirklich Subversive gerade der Operette (und, weniger sich seiner selbst bewußt) des Schlagers ist, dass sie die große Geste lächerlich machen. Graf Danilo als eine Art Wotan-Karikatur. Schlösser, die im Monde liegen statt zehrender Sehnsucht nach metaphysischer Erlösung.
"Die Julischka, die Julischka aus Buda-Buda-Pest": das ist Dada, lange bevor es Dada gab. Und es ist schon fast gemein, wie die Operette sich über die Oper lustig macht. Andersrum geht natürlich nicht: der gewichtige Pomp kann sich nicht veräppeln. Hier ist es genau andersherum als sonst: Ein Dummer kann sich bekanntlich nicht klug stellen, aber ein Kluger kann sich dumm stellen. Jetzt gehen wir mal davon aus, dass die Operette die Kluge ist, die sich dumm stellt, dann steht die Oper ziemlich dumm da.
Wagner wusste das ganz genau, in den Meistersingern ist das nämlich so ein Subthema, das Triviale. Die Meister sind ja keine: es sind Schuster. Und Stolzing? ist doch, man beachte den Namen!, eine lächerliche Figur. Ich glaube, Wagner hätte geniale Operetten geschrieben. Wie bizarr wirkt "Winterstürme wichen dem Wonnemond" in der Walküre! Als würde plötzlich ein Schlagerfuzzi auftreten. Selbst das Orchester dröhnt wie Kinoschmonz.
Die Operette macht damit Ernst, dass sie es nicht ernst meint. Sie ist auch Tanz auf dem Vulkan. Das gibt ihr Dramatik, ja sogar Tragik. Man muss immer mal schauen, wann sie geschrieben worden sind. Die Czardasfürstin ist von 1915. Da wurde auf dem Balkan Totentanz gespielt, der Czardas der Kanonen. Da könnt ich heulen, und gute Inszenierungen lassen das spüren. Ich habe mla eine gesehen (Bonn? weiß nicht mehr, ist ewig her), wo, nur durch Kleinigkeiten in der Deko, ein Photo von einem Soldaten, eine Feldflasche, die irgendwie herumlag usw. die Gegenwart der Abfassungszeit greifbar. Und dazu dann der absolut hirn- und herzerweichende Sound des Kalman-Orchesters. Grandios.
Der Zug nach unten. Für Christen ist das doch der normale Weg. In der Operette in all ihrer Trivialität steckt mehr Wahrheit als im artifziellen Konstrukt der Oper. Der Schlager ist wahrer als das Schubertlied. Näher an der Sünde. Näher am Tod. Näher am Schweiß, am Blut, an den Tränen. Darum greift uns das Triviale ans Herz. Und es will nicht verändern. Die Operette und der Schlager konstatieren nur, sie bieten billige Gnade, sie verweigern Metaphysik. Alles wird gut! Adorno hasste das, der verklemmte Spießer, der ein unerträglicher Weiberheld war und hinter verquasten Texten nur seine Sehnsucht nach der Einfachheit kaschierte.
Die Operette ist einfach. Und zugleich komplex. Ich liebe sie (wie die amerikanischen Filmmusicals und Action-Filme der ballerigen Art) genau deswegen.
Die Oper ist nur komplex (außer Mozart natürlich. Aber der giltet nicht, wie Bach). Beethovens Streichquartette auch. Direkt nach einem Operettenbesuch gehört, klingen sie bizarr weltfremd. Und natürlich unendlich genial, unauslotbar. Sie reden von Erlösung und wissen um sie und ihren Preis: Den Schmerz.
Die Frage ist: Welche CD nähme ich mit auf die einsame Insel? Frau Luna oder Op. 131?


 
 



Anette Dasch, Dove sono.....das ist ....eben das, was es ist: inkarnatorische Musik, oben und unten. 

Donnerstag, 18. April 2013

Wenn die Hölle los ist, hats der Himmel schwer

...und bei mir ist gerade die Hölle los, Arbeiten und Schlafen.
Das geht echt auf die Kreativität. Also darum ist hier auch Funkstille. Es ist kein Platz für "unnötiges Denken". Und das gibt mir zu denken. Das muss doch für den geistlichen Stand wirklich tödlich sein. Denn wir sind doch mehr als unnötig. Wir sind doch der reine Luxus, wie die Kunst. Wir sind doch die, die wir uns leisten, damit wir als Menschen nicht vegetieren. Wir sind doch die, die die humane Möglichkeit leben sollen: aus dem Geist heraus. Mit Erdenschwere in den Gliedern, die einen so müde macht, das man vor Müdigkeit kaum schlafen kann, wird das nicht gehen.

Da zuckt natürlich der fleißige Bürger und Steuerzahler, hier ruft einer zum Müßiggang auf! Hier zuckt auch so mancher wackerer Protestant, der hinterum mit der Gnade doch einen Deal gemacht hat: Immer schön fleißig, damit die Gnade in der Welt sichtbar wird. Wenn die wüssten, wie gottlos das ist.

Nein, nein: von Fleiß und Faulheit kann nur sprechen, wer den Flow nicht kennt, das Glück, in dem, was man tut, zu versinken. Wer das kennt, kann, wie ich, vor dem Dual von Fleiß und Faulheit nur begriffstutzig stehen und sich wundern. Ist "Fleiß" nicht eine ganz besonders perfide Form von dem, was der, der von Fleiß spricht, mit Faulheit meint? Nämlich: das, was man tut, nicht ernsthaft annehmen und akzeptieren. Das, was man tut, mit zusammengebissenen Zähnen tun, um des Tuns willen. Ist das nicht die äußerste menschliche Faulheit, von der Freiheit keinen Gebrauch zu machen?

Ich kenne nur Arbeiten in Freiheit und Arbeiten unter Zwang. Das eine bringt etwas fertig, das andere macht einen fertig. 

Mir gibt das sehr zu denken, dass meine Arbeit mich so leer macht, dass ich keine überflüssigen Gedanken mehr habe. Dann ist keine Arbeit, dann ist es eben doch nur tierische Nahrungsbeschafffung auf höchsten Niveau, sozusagen. Es ist dann wie mit dem Lesenden Affen. Der liest ja nicht, der bringt ja nur zwei Code-Tabellen in Abgleichung. Es sieht nur aus wie Lesen.

Na, es kommen bessere Zeiten. Immerhin hast Du, lieber Leser, soviel Muße, das hier bis zum Ende zu lesen und dich zu fragen: Was will er eigentlich sagen?

Nun, ganz einfach: Schön, dass Du das hier gelesen hast, es verbindet uns ;). Wenigsten für ein paar Minuten mal still gesessen und "Nichts" gemacht.


Sonntag, 14. April 2013

Predigt 14_4_13; Joh 21, 15ff: Wir sind Papst - die Unglaublichkeit der Gnade

Ein Versuch, diesmal via Dropbox einen Rohmittschnitt meiner Predigt einzustellen. Ist mit MP3 Player "ohne Alles" einfach so aufgenommen. Ich wollte mal sehen, was dabei herumkommt. Ist das noch erträglich? Eher nicht, oder (ich meine jetzt technisch....)?

Versuch mit der Dropbox.

14_4_13_BaunatalMitte.mp3


Samstag, 13. April 2013

Die simple Logik der Gnade. Tageslosung

Liebet den HERRN, alle seine Heiligen! (Psalm 31,24)

Causa efficiens und causa finalis verwechseln heißt Gesetz und Evangelium verwechseln. 

Also: 


Wir sind nicht heilig, weil wir Gott lieben, 
wir sind heilig, damit wir Gott lieben. 

Freitag, 12. April 2013

Der Ort, wo von Gott noch nichts gehört wurde...Tageslosung.

Jes 66:19: Ich will einige von ihnen, die errettet sind, zu den Völkern senden, wo man nichts von mir gehört hat; und sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkündigen. 


Das ist ein toller Vers, der die Aufgabe der Kirche in der Gesellschaft perfekt beschreibt. Dahin gehen, wo man nichts von mir gehört hat. Das ist in der Mitte, auch in der Mitte der Kirche. Man hat in Wahrheit von Gott noch nichts gehört, nur Pauschalen, Meinungen, Irrungen. Man muss es immer und immer wieder hören, bis sich die Gnade erschließt. Die Unterscheidung von wahren Glaubenden und weniger wahren Glaubenden und was dergleichen mehr ist, geht an den Erfahrungen der Propheten völlig vorbei. Der Ort, wo von Gott noch nichts gehört wird, ist immer und immer wieder die Kirche selber. Vergessen wir das auch nur einen Moment, haben wir schon verloren. Denn wahrhaft revolutionäer und umwälzend und in seiner Radikalität noch lange nicht eingeholt ist, was der Vers in seinem Fortgang sagt:


20 Und sie werden alle eure Brüder aus allen Völkern herbringen dem HERRN zum Weihgeschenk auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren nach Jerusalem zu meinem heiligen Berge, spricht der HERR, gleichwie Israel die Opfergaben in reinem Gefäße zum Hause des HERRN bringt.
21 Und ich will auch aus ihnen Priester und Leviten nehmen, spricht der HERR.
22 Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben, spricht der HERR, so soll auch euer Geschlecht und Name Bestand haben.

Priester und Leviten aus den Heidenvölkern, die aus aller Welt nach Jerusalem kommen: die Fremden, die Heiden, die Gottlosen. Aus ihnen erwählt sich Gott sein Volk, je und je. Haben wir das verstanden? Haben wir es je gehört?

Interessante Perspektive für eine Volkskirche. Welche Kirche für welches Volk? 

Das wird die Gretchenfrage der nächsten Jahre: Wo ist der Ort, wo von Gott noch nie gehört wurde? Vom Vater Jesu Christi, vom Herrn der Gnade, der Barmherzigkeit, der Wertschätzung, der unbedingten Annahme eben gerade des Sünders um des einen Gerechten willen (jesus Christus)?
Ich fürchte, dieser Ort ist dort, wo ich bin, wenn ich morgens aufstehe.....

Samstag, 6. April 2013

Warum Krieg? Nordkorea, Trinität und Wahrheit.

Die Nordkorea-Spannungen machen auf etwas aufmerksam, was gerne verdrängt wird: Welche Rolle Psychopathen bzw. Soziopathen gerade beim Ausbruch von Kriegen in der Weltgeschichte spielen. Wer im Alltag je erlebt hat, wie ein Mensch, der in Neurosen, Ängsten oder Süchten gefangen ist, eine ganze Gruppe von Menschen (Familie, Kollegen, Freunde, Nachbarn) dazu bringen kann, immer irrwitzigere Dinge zu tun und zu glauben, der wird auch verstehen, wie so mancher Krieg ausbrach: Weil es irgendwann einen Punkt of no return für alle gab.
Nicht mehr mitzumachen würde Gesichtsverlust bedeuten, man liefert sich den Konkurrenten und Rivalen aus, man setzt Priviligien auf´s Spiel... dabei spielt vor allem der erste Aspekt eine Riesenrolle.
Man hat vor Tag und Jahr einem Menschen vertraut oder ihn gewählt oder einfach einen Eid geschworen, man war von ihm überzeugt oder doch eben einfach nur loyal. Und jetzt zeigt sich, wie so oft: unter Stress und mit Macht ausgestattet entwickelt dieser Mensch Wahnideen, verliert den Kontakt zu Realität, wird Paranoid oder hält an ganz engen, angstgeprägten Vorstellungen fest. Ihn jetzt fallenlassen würde bedeuten, auch die eigenen Einschätzung von damals fallenlassen zu müssen: ich habe mich geirrt.

Das fällt vielen Menschen ungeheuer schwer, ganz besonder schwer aber Militärs, weil hier Ehre und Loyalität eine große Rolle spielen. Abgesehen davon, dass oft auch schierer Terror ausgeübt wird, mit der Illusion, bei Wohlverhalten verschont zu werden (als ob Terror so funktionieren würde).

Und schon ist es passiert.

Prominentestes Beispiel (nein, nicht Hitler, gerade hier liegen die Dinge komplizierter): Napoleone Buonaparte und seine Marschälle. Das ist alles nur reiner Wahnsinn, sonst nichts. Stalin ist auch so ein Fall.

Und darum macht mir Nordkorea Sorge. Es kann gut sein, dass hier im innersten Zirkel der point of no return schon überschritten ist. Dann gibt es nur noch den Untergang, der gestaltet werden muss. Und das waren immer die scheußlichsten Kriege. Warum? Einen gemeinen, räuberischen Überfall oder einen Racheakt muss man überleben wollen, sonst hat er keinen Sinn, und es ist auch nicht ratsam, die Überfallenen allzusehr niederzudrücken (sonst versiegt die Quelle). Das haben die Assyrer und Babylonier über Jahrhunderte hinbekommen. Aber die Sorte Krieg, die sich hier anbahnt - der Irrsinnskrieg - hat die eigene Vernichtung mit im Blick: Brandgefährlich.

Es ist klar, dass ich als Theologe hier die Sünde am Werke sehe. Des Menschen Dichten und Trachten ist böse von Jugend auf, und wenn des Menschen Dichten und Trachten nicht durch geeignete Institutionen gelenkt, gesteuert und geführt wird, dann bricht es sich Bahn. Wenn es je ein Argument gab, warum Demokratie, und sei sie noch so schwach und erbärmlich, jeder noch so stabilen anderen Herrschaftsform vorzuziehen ist, dann sind es die Irrsinnskriege: die sind mit einer stabilen Demokratie einfach nicht auf die Beine zu stellen- zu viele Querköpfe. Die Demokratie ist die einzige Staatsform, die die Sünde  in die Waage bringt - ganz im Sinne einer "Zwei-Reiche-Lehre", die nicht trennt, sondern unterscheidet: Gottes Werk und Menschen Werk. Der trinitarische Gott (nix:"Monotheismus") ist in sich kommikativ vielfältig, sodass nur Vielfalt ihm entsprechen kann. Irgendwelche Formen von Alleinherrschaft sind mit dem Menschgewordenen und Geistsendenden Gott nicht legitimierbar: Nur Kommunikation kann uns schützen. Retten kann uns nur Gott.

Was also tun?
Wenn ich ehrlich bin: Nordkorea militärisch zerschlagen, so schnell wie möglich. Je weniger sie in der Lage sind, sich zu wehren, um so besser für die Zivilbevölkerung. Auf dem Schulhof hilft gegen Großmäuler oft nur die schiere körperliche Überlegenheit und die Kraft, sie auflaufen zu lassen. Aber das traut sich im Westen nach der Blamage im Irak keiner mehr zu sagen....wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, denn.....

--------- Vorausgesetzt für alle diese Gedanken ist ja, dass wir nicht von unseren eigenen Leuten belogen werden......das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit, und Kriege beginnen nie mit dem ersten Schuß, sondern mit der ersten Lüge.
Etwas anders sieht es dieFAZ
http://m.faz.net/aktuell/politik/ausland/asien/nordkorea-kims-kalkuel-12139511.html




Freitag, 5. April 2013

Warmduscher

Eben las ich in einer Kommentarspalte über einen verstorbenen Schauspieler: "Er war ein ganzer Kerl und kein Warmduscher".

Wieso redet eigentlich niemand von der wirklich harten Sorte, den Heißduschern? Denen, die so innerlich glühen, dass dampfendes Duschwassser sie abkühlt? Denen, die das Feuer beherrschen und sich untertan machen? Denen, die das Leben so lieben, dass sie ständig auf hoher Betriebstemperatur laufen? Stattdessen werden die wortkargen Asketen gelobt und gehypt, als ob diese Typen uns weltgeschichtlich nicht nur Ärger über Ärger eingebracht haben. Wer aus Prinzip kalt duscht, mag bestimmt auch keine molligen Frauen, kräftige, gut abgeschlagene Soßen und schöne, gut gestaltete Möbel. Was ich meine: Die "Kaltduscher", die ich kenne, sind lebensverachtende Bastarde, die Grobheit mit Entschiedenheit verwechseln und nicht einen Funken Phantasie für die Verletzlichkeit der Anderen haben - aber selber jaulen, sobald ihnen "Unrecht" getan wird und ständig mit Rachegedanken unterwegs sind. Man müsste mal rauskriegen, wie hoch der Anteil der selbsternannten Kaltduscher bei Anhängern von Verschwörungstheorien und anderen wirren Vorstellungskreisen ist.

Ich dusche gerne heiß: bis die Haut brennt.