Jesaja 26,9
Führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht.
1.Petrus 1,17
Der EU-Beauftragte Oetinger sprach davon, dass die Vorgänge in Japan den Ausdruck "Apokalypse" verdienten. Ich gehe bei einem gebildeten Schwaben einmal davon aus, dass er ziemlich genau weiß, was er da sagt: Die Apokalypse ist das letzte Buch der Bibel, in der die letzten Dinge der Welt offenbart werden. Gott rettet durch die Vernichtung der Alten Welt die Glaubenden und baut für sie die Neue Welt, symbolisch beschrieben im „Neuen Jerusalem“.
Damit aber bekommt der Begriff Apokalypse für den christlichen Glauben einen sehr anderen Klang als in der säkularen Verwendung. Die Nöte und Drangsale dieser Zeit, Krieg, Krankheit, Not, Tod und Vernichtung sind Anzeichen des ersehnten und gewünschten baldigen Ende der gefallenen Welt und Ausdruck der Sehnsucht nach der Neuen Welt Gottes. Eine stärkere Kontraposition zum Fortschrittsoptimismus und Hedonismus kann es gar nicht geben. Also sollte man mit dem Begriff nicht allzu leichtfertig umgehen. Denn es verbirgt sich allerhand frommer Sprengstoff dahinter. Ist die Weltgeschichte, ist das, was in Japan gerade passiert, Gericht Gottes? Ist es ein Zeichen der Zeit, das uns zur rechtzeitigen Umkehr aufruft, damit wir, wenn wir denn schon irdisch untergehen, wenigsten nicht ewig untergehen?
Was geschieht gerade in Japan? Die Technik gerät in die Krise. Das ist, nüchtern betrachtet, nichts Neues.
Was eine neue Qualität bekommt ist die katastrophenkatalytische Wirkung der Technik. Das Erdbeben und der Tsunami geraten in den Hintergrund angesichts dessen, was in den Atomkraftwerken geschieht. Das muss man sich mal genau klarmachen. Die eigentliche Katastrophe in Japan wird durch den Menschen verursacht. Eine bemerkenswerte Umkehrung der Dinge - das hatte der Autor der Offenbarung nicht einmal ansatzweise im Blick. Hier gerät unser gesamtes Verständnis von Natur ins Wanken. Wer sie als Mechanismus oder Organismus versteht, hat einen zu kleinen Begriff von ihr. Natur beschreibt eben - theologisch - nur die gefallene Schöpfung ohne allen Glanz und damit auch ihr völliges moralisches Desinteresse, aber eben auch die Unmöglichkeit, sich die Natur dienstbar zu machen. Der Gärtnerauftrag an den Menschen im Schöpfungsbericht, und dessen Korrektur (!) in den Verfluchungen nach dem Sündenfall stellt die Rolle des Menschen in das rechte Licht: Er ist ein Diener der "Natur", und nach dem Sündenfall sogar ein Knecht, ein geschundener Knecht, der unter Mühen sein Brot gewinnt, unter Schmerzen seine Kinder bekommt und in Feindschaft mit der Tierwelt lebt. Hier ist kein Raum für den Glanz der ersten Tage.
Den hat erst Christus wiedergebracht, er hat die Würde des Menschen als das von Gott uneingeschränkt geliebte Geschöpf wiederhergestellt und zugleich die Hoffnung auf den großen Wandel als Gottes Tat erneuert. Als Gottes Tat! Insofern ist die Weltgeschichte eben nicht das Weltgericht (Schiller!). Jesus Christus ist das Weltgericht. Nicht am Zorn Gottes erkennen wir, was die Stunde geschlagen hat. Sondern an der Liebe Gottes, die sich in Christus zeigt. Das Kreuz ist die Wahrheit über die Welt. In diesem Lichte sehen Christen das, was in Japan geschieht. Es ist befremdlich, weil diese Welt der Ort der Fremde ist. Sie ist nicht unsere Heimat. Wir sind hier Gast. Verstoßen wir aber gegen das Gastrecht, machen wir uns schuldig. Gerade weil wir in der Fremde sind, sind wir der Erde zu besonderer Treue verpflichtet. Es ist beschämend, dass der große Gotteslästerer und Christenhasser Nietzsche uns daran erinnern muss: Bleibt der Erde treu!
Ist die Weltgeschichte das Weltgericht? Die orthodoxe protestantische Theologie sah die Vorsehung Gottes und seine Gubernatio (Die Lenkung der Welt) auch außerhalb des Wortes gegeben: deus actiones hominum suaviter coinfluit per causis secundis. Gott beeinflusst das, was Menschen tun, auf sanfte Weise mittels Zweitursachen, will meinen: durch Umgehung der Naturgesetze oder durch sie hindurch.
Das können wir heute nur noch mit Zögern nachsprechen, so sehr hat uns das naturalistische Weltbild im Griff. Das Undenkbare halten wir auch für das Unsagbare. Und wir tun auch gut daran. Der Naturalismus, der die ausschließliche Gültigkeit der Naturgesetze behauptet, ist das Ende aller frommer Naivität. Wir müssen die Natur begreifen etsi deus non daretur (als ob es Gott nicht gäbe). Nur dann werden wir unserer Verantwortung gerecht. Und indem wir den Naturalismus ernst nehmen, nehmen wir unsere Position als Sünder, als gottlose, von Gott getrennte Wesen ernst und hoffen nicht auf ein Eingreifen Gotts per causis secundis, mit anderen Worten: auf ein Wunder. So läuft das nicht! Wir können nicht hinter Ausschwitz zurück.
Gott wahrt seine und unsere Freiheit, indem er uns die irdischen Folgen unsere irdischen Tuns tragen lässt. Das ist nicht der Tun-Ergehen-Zusammenhang des Alten Testamentes (der ja ein moralischer ist). Das ist naturgesetzlich zu denken: Ursache und Wirkung. Wer raucht, wird krank. Wer rast, steigert das Unfallrisiko. Wer zu viel ausgibt, ist bald pleite. Dadurch bekommt unser Tun seinen Ernst. Denn das, was in Japan geschieht, ist eben nicht einfach mit dem Dual von Lohn und Strafe moralisch auflösbar ist. Das führt stracks in die Heuchelei und die fromme Lüge, und, schlimmer noch, in den frommen Selbstbetrug. Da sei Gott vor. So einfach macht er es uns nicht. Wir müssen schon tiefer schauen, weil die Wunde auch tiefer sitzt.
Die Tageslosung und die Rede von der Apokalypse führen noch auf eine andere Spur:
Katastrophen wie die in Japan aber wecken Erinnerungen an die apokalyptischen Szenarien, die auch Ausdruck der Weltmüdigkeit der ersten Christen und der Christen anderer Zeiten sind. Wird es nicht Zeit, uns diese Weltmüdigkeit wieder einmal anzuschauen und zu fragen, ob wir nicht auf einen Begriff von Leben gesetzt haben, der hybride ist? Weil er dem Leben alle Last von Glück und Gelingen aufbürdet? Weil er eine Wachheit, eine Lebendigkeit, eine intellektuelle und emotionale Kompetenz von uns erwartet, die einfach nicht wahr sein kann? Wenn alles Gelingen auf diesem Leben liegt, muss es scheitern. Dann wir es müde. Dann sehnt es sich auch nach dem Ende. Ist das nicht auch ein wichtiges Element im Glauben? Der Welt müde und überdrüssig sein zu dürfen?
Ohne eschatologischen Horizont gibt es keinen Glauben, aber darf der Glauben dann nicht auch einmal der Welt müde sein und ihr Ende herbeisehnen? Wo wir doch hier in der Fremde sind, und die eigentliche Heimat im Himmel ist?
Paulus – wahrhaftig keine quietistische und antriebslahma Coutchpotatoe - kann das sagen: Ich hätte Lust bei meinem Herrn zu sein, aber ich harre nur noch um euretwillen aus (Philipperbrief). Paul Gerhardt konnte singen: „Mach End o Herr mach Ende“, und das war nicht nur eine Bitte um das Ende des irdischen Schmerzes. Wenn jetzt im Moment 50 oder mehr Menschen in Japan ganz bewusst ihr Leben aufs Spiel setzen und einen wirklich elenden, grauenhaften Tod in Kauf nehmen, weil sie sich der Herausforderung stellen: Wie soll man das anders verstehen und ertragen, als auf diesen Hintergrund?
Wir können - als Christen - das Gericht Gottes nur von der Gnade her denken, alles andere führt in verzweifelte Unerträglichkeit des Seins.
Nun aber lernen die Bewohner des Erdkreise Gerechtigkeit aus seinem Gericht, sagt Jesaja in der Losung: Weil sein Gericht eben nicht die brennenden Reaktoren in Japan sind, sondern der leidende Christus, der in seinem Leiden die Gnade sichtbar werden lässt, griechisch: apokalyptei (wörtlich: Verborgendes aufdecken). Im Gesicht des leidenden Christus zeigt sich das Gericht, aus dem wir Gerechtigkeit lernen: Dass er uns eben nicht verwirft. Dass wir uns eben gerade nicht so herausreden können. Hier handelt eben gerade nicht Gott. Hier handelt der Mensch.
Dafür steht das Kreuz: Selbst wenn es Millionen Tote oder Schwerkranke in Japan geben wird – warten wir es ab! – ändert das nichts daran, dass Gott seinen Mördern vergeben hat und seine Schöpfung auf Vollendung angelegt hat. Er wird sich doch durch uns nicht davon abbringen lassen. Darin zeigt sich die menschliche Hybris in der Gestalt der Religion: Wenn wir jetzt auch noch denken, wir könnten Gott mit unserem Murks davon abhalten, zu tun, was zu tun er sich vorgenommen hat. Er hat dich ohne Dich geschaffen, sagt Augustin, aber er wird dich nicht ohne Dich erlösen.
Wie nun also greift Gott ein in die Geschichte? Durch sein Wort, durch Jesus Christus. Das ist die wahre causa secunda, die zweitursache, und da braucht er gar nicht in den Lauf der Natur einzugreifen. Da liegt unsere besondere menschliche Beauftragung und Würde, dass wir die Hüter dieses Wortes sind. Mit uns will er die Welt gestalten. Und nicht durch metaphysisch-übernatürliche Zauberkunsttücke. In dem er Menschen dazu bringt, die Welt neu zu sehen. In dem er sie ermuntert zum Gebet, holt er sie aus der Starre. Es war sehr bewegend zu sehen, als gestern Abend eine Leiche geborgen wurde und spontan eine Frau und ein Soldat die Hände vor das Gesicht hielten, die Shinto-Geste des ehrerbietigen Gebets. Im Beten sind wir Menschen. Im Beten werden wir einander gerecht. Im Beten sind beisammen hier in der Fremde. Wehe dem, der das Gebet geringschätzt: über ihn ist das Gericht schon gesprochen, denn er wird hilflos vor der Glotze sitzen, albernen Zorn äußern, über die Regierung schimpfen und die Atomlobby, über Gott und die Welt und wird Bier trinken dabei und Chips essen oder depressiv werden oder Terrorist oder sonstwie seine Würde verlieren.
- Jetzt hilft nur noch beten. Genau so ist es. Und das ist jetzt unsere Aufgabe: den Menschen das Geschenk des Gebets zu machen. Denn das meint der Petrusbrief mit Gottesfurcht:
Hört doch mal den ganzen Text: er steckt voller Trost und Ermutigung.
13 Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. 14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; 15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. 16 Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« 17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht; 18 denn ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, 9 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. 20 Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, 21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt. 22 Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungefärbter Bruderliebe, so habt euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen. 23 Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt. 24 Denn »alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen; 25 aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit« (Jesaja 40,6-8). Das ist aber das Wort, welches unter euch verkündigt ist.
Amen