Sonntag, 26. Mai 2013

Tageslosung: Hybris macht müde (politisch unkorrekt die Zweite)

Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden.
Jesaja 40,30-31

Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
Philipper 2,13


Die Klagen über Müdigkeit, Erschöpfung und Ausgebranntsein sind Legion. Ich will nicht sagen, dass es eine Mode ist. Immerhin lag ich vor gut einem Jahr auch 2 Monate auf der Nase, und zwar nicht zu knapp.

Doch die Tageslosung gibt mir einen Impuls, den ich aus der Zeit meiner Grundmüdigkeit und Schwächung mitgenommen habe: Die betonierten Überforderungsstrukturen haben ja eine Ursache.

Und für mich als Theologen liegt diese Ursache vor Augen, und sie heißt Hybris, gottlose Hybris. Und für einen christlichen Theologen heißt Gottlosigkeit immer Menschenlosigkeit. Also: Inhumane Hybris.

Wir haben uns zuviel aufgeladen, und es hat wenig Sinn, hier mit dem Finger auf irgendwelche "Bösen" zu zeigen. Wir sind es. Jeder von uns. Wir haben uns, und da war Heidegger eben doch ein Visionär, so im "Ge-Stell" von Technik und sozialen Artefakten verfangen, dass sie uns müde und kaputt machen.

Ich bin nicht mehr bereit, mich des Anspruches der Hochgeschwindigkeits-Dauerkomplexität zu stellen.

So wird ja, ein Beispiel, auch immer geklagt, dass man nicht "informiert" wäre. Was für eine Hybris. Mit allen gleichzeitig zu kommunizieren ist ein wahnsinniger Anspruch, und ihn zu formulieren als Anspruch hat paranoide Züge. Dahinter steht natürlich eine "Vertrauenskrise". Die ist aber keine. Weil offensichtlich immer mehr in Vergessenheit gerät, dass Vertrauen als personale Kategorie nur eine begrenzte Reichweite hat.
Es ist krankmachender Irrsinn, Vertrauen zu erwarten, wo allenfalls Pflichterfüllung, Regelkonformität und Absprachenverlässlichkeit gefordert sein sollten. Das sind handhabbare und evaluierbare Kategorien.

Darüber kann man verhandeln, da kann man Prozesse verändern.

Über Vertrauen nicht.
Hier läuft auch theologisch etwas völlig schief. Der Vertrauensbegriff wird semantisch immer leerer und pragmatisch immer gefüllter: eine Waffe inzwischen.

Wir sollten als Protestanten etwas von der tödlichen Kraft des usurpierten Gesetzes wissen, sollten ein Gespür für autopoietsche Unheilsprozesse haben und niemals ohne Plan B unterwegs sein.

Die des Herren harren kriegen neue Kraft: HARREN. Das heißt Warten, Unterbrechungen aushalten, Geschehen lassen. Aber wir banzen uns ja sogar beim Gottesdienst einen Aufwand auf, der hirnrissig ist. Und keiner kriegt es mit, was noch mehr kränkt. Und wer will es wirklich? Alle schimpfen über die Informationsflut. Aber alle daddeln dauernd am Smartphone. Gehts noch?

Keiner traut sich offensichtlich zu sagen, dass wir als Kirche der Hybris von Geschwindigkeit, Machbarkeit und Gestaltbarkeit verfallen sind, weil wir meinen, wir müssten uns gesellschaftliche Plausibilität durch Aktivität erkaufen oder verdienen. Das wird nicht nur nicht funktionieren, das ist tödlich. Denn wir sollten eigentlich die Verlangsamer, die Bremser, die Besonnenen sein, sollten der funktionellen Vernunft der Daueroptiemierung eigentlich die Weisheit und die Überlegung entgegensetzen.

Glaube unterbricht. Wir aber wollen mobilisieren und sind dann tödlich ge-kränkt (!) wenn nicht alle alles machen wollen, und brechen dann irgendwann zusammen, wenn wir es alleine machen müssen. Doppelt gekränkt, weil wir es allein machen "müssen".

Was uns krank macht, sind gottlose Ansprüche. Den Herrn machen zu lassen, bringen wir nicht fertig.

Ich rufe auf, die Hände in den Schoß zu legen, sie zum Gebet zu falten, über der Schrift zu murmeln, spazierenzugehen.

Ich rufe auf, das Nicht-Tun zu kultivieren (wer das mit Faulheit verwechselt, sitzt schon tief in der Falle!).

Ich rufe auf, zu schauen und hören, und auszuhalten, was es da zu schauen und zu hören gibt (nämlich am Ende die Wahrheit) und nicht gleich wegzulaufen, "um es zu ändern".

Ich rufe auf, erst zu hören, dann zu denken, dann zu handeln (in kleinen, machbaren Schritten).

Ich rufe auf, niemanden mehr zu irgendetwas aufzurufen. 


Samstag, 25. Mai 2013

Erfolgreich prokrastinieren mit Wagner

Ich sitze gerade an einem wirklich schwierigen Text zu einer wirklich schwierigen Aufgabenstellung. Und plötzlich: Stopp. Wie eingefroren die Gedanken, die Finger plötzlich steif und ungelenk, der Gummibärchenverbrauch steigt für Sekunden um 100%: Blockade! Oder was auch immer, vielleicht einfach nur Unlust, am Samstag zu schaffen. Zimmer ist aufgeräumt; Küche auch; Essen war schon, gefegt, geputzt, alles erledigt. Keine Gnade der höheren Beschäftigung, die "erst" einmal erledigt werden muss. Rasenmähen ist nicht wegen Regen.

Also "Pflichterfüllung" der höheren Art. Es lebe das cerebrale Ausredenprokrastinationszentrum, das bei mir immer gut anspricht. Ich habe zum Geburtstag die komplette Box des Ring des Nibelungen in der Metropolitan Opera geschenkt bekommen. Das muss man dann ja schließlich auch mal gucken.

Grandios. Die Götterdämmerung. Die haben da auf der Bühne so ein monströses High-Tech-Teil aufgebaut, das schlicht genial ist. Ihr müsst mir glauben, dass ich in meiner Jugend, weil ich eine Wagner Gesamtausgabe geschenkt bekam, viele seiner Texte gelesen habe, auch die ganz schlimmen, und ich weiß: das ist genau das, was ihm vorschwebte. Er sagte ja mal, nachdem er das Orchester in Bayreuth unsichtbar gemacht hatte, nun müsse noch das unsichtbare Theater kommen. Die ganzen unbeholfenen Gehörnten und Geharnischten, die steif über die Bühne schlurften, auf der ein unsäglich teutonisches Gemütsbühnenbild den Verstand beleidigte, widerten ihn an. Kann man gut verstehen. Der Met ist gelungen, noch viel mehr als vorzeiten Wieland Wagner (was ich ja nur von Photos her kenne) dem Bühnenbild die Erdenschwere zu nehmen und das Medium Video in einer Art und Weise einzusetzen never seen before. Also das ist schlicht überwältigend. Und man spürt, dass die Singenden wie befreit agieren können, weil es fast keine Kulisse gibt und andererseits von der Gewalt dieser Maschine gefangen sind.
Das lässt sich schwer beschreiben, ist aber sehr Ring-gemäß.
 
Jedenfalls: die Nornenszene ist unglaublich, die habe ich noch nie so gesehen. Vor allem die Altistin: Gänsehaut. Auch der Schicksalsfaden ist toll gelöst. Es gibt ja so Dinge im Ring, die galten immer als unaufführbar oder leicht albern.
Da sind jetzt (auch nach der Steilvorlage von La fura dels Baus in Valencia) nicht mehr viel von übrig.
Weltenbaum und Schicksalfaden (die ja musikalisch im Graben ständig ineinander verworben sind) werden hier auch optisch verwoben: TOLL!
So wird einem klar, was Untergang bedeutet und was für ein zynisches Spiel alle die treiben, die ihn in Kauf nehmen. Und der Oberinkaufnehmer ist neben Wotan natürlich Hagen: das ist der beste Hagen, den ich bisher gesehen und gehört habe (und ich habe schon drei live-Ringe gesehen und viele gehört!). Dieser Mensch hat eine finstere Präsenz, das man das Grausen kriegen kann. Und er singt sozusagen Belcanto: richtig schön. Das wirkt doppelt, weil er ja Furchtbares singt. Die Hagen-Quinte und seine Bewegungen sind auf Mikrosekunden abgestimmt. Hammer.

Der Siegfried quäkt ein bisschen, dafür ist er aber ein anschaubares Mannsbild, der eindrücklichste Siegfried seit Manfred Jung 1976ff. (optisch). Die Brünnhilde, Deborah Voigt, ist eine tolle Schauspielerin, sehr bewegend, ich fürchte mich jetzt schon vor dem Moment, wo sie von Siegfried/Gunter in die Gibichungehalle geschleift wird. Da muss ich bei der Chereau-Inszenierung mit Gwyneth Jones immer heulen. Wagner weiß genau, was die Moderne den Frauen antut und wie archaisch sie ist, die ach so moderne Moderne. 

Man merkt natürlich, dass der Regisseur die Sehgewohnheiten des Kinos übernommen hat, aber das wäre nun ganz bestimmt in Wagners Sinn: Unsichtbares Theater meint ja wohl genau das: die Materie muss verschwinden, die Bilder möglichst direkt in den Kopf, wo sie mit der Musik verschmelzen.
Das ist ja der Effekt, den man als Wagnerhörer ohnehin kennt, und je länger je mehr. Wagner belohnt Ausdauer mit Genußsteigerung!

Also, wie soll ich sagen: 1 1/2 Stunden erfolgreiche Prokrastination. Die wird sich natürlich rächen, klar. Aber erst Montag. Und wie singen doch die Nornen: Weißt Du, wie das wird?
Der alte Zauberer hat mich mal wieder glücklich gemacht....

Der Trailer lässt natürlich nur ahnen, wie es ist, er erweckt auch den falschen Eindruck, als würde hier teutonisch-germanisch historisiert. Nichts weniger als das. Die Hardcore-Wagnerianer waren von diesem Ring entsetzt (das kann man auf der Doku sehen, die der Box beigelegt ist. Fundamentalisten, egal welcher Art, sind die Pest, weil sie dumm sind. Oder andersherum. Egal. Hört nicht auf sie)




Und weil ich sie erwähnt habe, la fura dels baus (wer es nicht aushält: ab minute 10!)


Freitag, 24. Mai 2013

Was kommt

Liebe Leserinnen und Leser,
jetzt ist offiziell, was schon lange bekannt ist:
ab 1. September treten meine Frau und ich die Pfarstellen Altenritte-Großenritte (ganze Stelle, meine Frau) und Großenritte (halbe Stelle, ich) an. Wir werden dann mit der Kollegin Ulrike Joachimi zusammenarbeiten. (3/4 Stelle Großenritte).


Am 31. August scheide ich aus meinem jetzigen Amt aus.

Ich hoffe doch sehr, dass ich als evangelischer Pfarrer nicht erklären muss, warum ich in die Gemeindearbeit zurück will.
Ich finde - mehr denn je - dass der Erklärungsdruck in die andere Richtung gehen muß.



Auch wenn ich mich immer fremd gefühlt habe in der Aufgabe, wie sie sich mir recht bald darstellte:
Ich nehme aus den 2 1/2 Jahren viel mit. 

Mein Verständnis von Kirche hat sich entscheidend erweitert. Ich habe das Landeskirchenamt als einen enormen Kompetenzcluster kennengelernt, der unter den Veränderungen genauso leidet wie die Gemeinden. Viele arbeiten am Rande der Erschöpfung, aber mit einer sehr hohen Motivation und wenig Wertschätzung von Außen. Das hat mich beeindruckt und geprägt.

Mit diesem Wissen jetzt die großen Herausforderungen für die Arbeit in der Gemeinde anzunehmen, sehe ich als eine tolle Aufgabe an.

Wer sich den Veränderungen der nächsten Jahre nicht stellt, wird verschwinden. Wer sie entschieden angeht, wird neue Kräfte gewinnen. Das ist die Verheißung, und das ist auch organistationstheoretisch einsichtig. Die Kirche, die mich in Pension schicken wird, wird sehr anders sein, als die Kirche, die mich eingestellt hat. Und wisst ihr was: Ich finde es gut, dass es so ist. Knappheit ist mühsam, nervig und anstrengend. Der Kirche aber tut sie gut. Der Überfluß hat ihr geschadet.  


Ich freue mich sehr, dass es geklappt hat. Das Bewerbungsverfahren war sehr langwierig und mühsam, und ich bedanke mich hier schon einmal bei allen, die es unterstützt und mitgemacht haben, das gilt besonders auch für die damit befassten Kirchenvorstände und die Kirchenleitung.


Für den Blog wird das eine enorme Wiederbelebung bedeuten.....

Sonntag, 19. Mai 2013

Pfingstpredigt: Lieber Sterben als Kooperieren.

Pfingstpredigt aufgeschrieben - ein Widerspruch in sich.

Daher hier nichts, außer dem Predigttext und ein paar Notizen.

Wem zum Predigttext nicht SOFORT etwas einfällt ist ein glücklicher Mensch. Ich hatte eher Mühe, mich auf drei Gedanken zu  konzentrieren. [Merkwürdigerweise hat das einzige Predigthilfebuch, das ich benutze, (von Gottfried Voigt, für die Insider), diesen Text als für die Predigt unergiebig gegen einen andern ausgetauscht. Das lässt tief blicken und verrät uns einiges über den Geist der siebziger Jahre in der Kirche. Mein lieber Scholli: die waren weit weg von der Lösung. Deswegen kann es ja heute auch keiner so richtig. Kooperation machen, meine ich. Im Beschwören sind wir allerdings ziemlich gut.]    

4.Mose 11,11-12.14-17.24-25, Gute Nachricht.


Und Mose sprach zum Herrn:
»Warum tust du mir, deinem Diener, dies alles an? Womit habe ich es verdient, dass du mir eine so undankbare Aufgabe übertragen hast? Dieses Volk liegt auf mir wie eine drückende Last. 14Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, die Last ist mir zu schwer.
Wenn du sie mir nicht erleichtern willst, dann hab wenigstens Erbarmen mit mir und töte mich, damit ich nicht länger diese Qual ausstehen muss.«

Der HERR antwortete Mose:

»Versammle siebzig angesehene Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels, die sich als Führungspersonen bewährt haben, und hole sie zum Heiligen Zelt. Dort sollen sie sich neben dir aufstellen.
17Ich werde herabkommen und mit dir sprechen, und dann werde ich von dem Geist, den ich dir gegeben habe, einen Teil nehmen und ihnen geben. Dann können sie die Verantwortung für das Volk mit dir teilen und du brauchst die Last nicht allein zu tragen.

24Mose ging hinaus und teilte dem Volk mit, was der HERR gesagt hatte. Er versammelte siebzig Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels und stellte sie rings um das Heilige Zelt auf.
25Da kam der HERR in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm einen Teil des Geistes, den er Mose gegeben hatte, und gab ihn den siebzig Ältesten. Als der Geist Gottes über sie kam, gerieten sie vorübergehend in ekstatische Begeisterung wie Propheten.



Selbst die Kinder waren im Festzelt ganz Ohr, als Mose sterben wollte vor Müdigkeit und Verzweiflung. Und die Aussage, dass Kooperation die Lösung ist und Wertschätzung (sprich: Liebe, sprich: Geist) der Weg, erzeugte auch heftiges Kopfnicken. Denn diese Form der Liebe kann man und muss man üben und lernen und weitergeben, und dazu sind wir als Kirche berufen. Deswegen gibt es kein Wohnzimmerchristentum (heftiges Kopfnicken und Murmeln!). Wer Kooperation auf Sympathie baut, hat nämlich schon verloren. Es geht nur über Wertschätzung, und die kann ich sogar meinem Feind gegenüber aufbringen.
Die Bemerkung, dass Ehen, die auf Liebe gegründet sind, weniger stabil sind als die, die auf Kooperation gebaut sind, erzeugte sogar einen Lacher. Da kannste ma sehn.
Und dass Gott den Geist des Mose teilt, also maximale Partizipation und Horizontalität erzeugt, ist auch einfach nur vernünftig, und weil es vernünftig ist und einfach, so elend schwer und damit ohne Gott nicht gangbar: wir kriegen den Hintern nicht hoch, weil wir Kooperation als Schwäche und Abgeben verstehen. Die 70 sind alle zusammen das Ganze des Geistes. So ein genialer Text:  Lieber Sterben als Zusammenarbeiten. Damit wir das begreifen, musste Jesus sterben. Es geht hier nicht um Kleinigkeiten. Pfingsten ist existentiell.

War also im Grunde eine langweilige Predigt: nichts als gesundeter* Menschenverstand. Am Ende gabs Herz-Bonbons, dazu mein geliebter Zinzendorf  "Herz und Herz vereint zusammen....." 


 Sehr schön passend  das Glaubensbekenntnis von Bonhoeffer: ein starker Text jenseit dem Aufsagen heilsgeschichtlich-mythischer Topoi.





Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein..






* Das Partizip hat es natürlich in sich. Hier steckt die Botschaft. Nur zur Sicherheit, falls jemand den Eindruck bekommt, ich hätte nun meinerseits Besenkammermassenpsychologie betrieben (siehe vorheriger Thread).


Achja, fast hätte ich´s vergessen: Gottesdienst macht glücklich.

Samstag, 18. Mai 2013

Tageslosung: political correctness: Glaube und Geknutter

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht.«  Prediger 12,1

Ich mag den Prediger Salomo. Er ist wirklich weise. Er knuttert vor sich hin und macht sich nichts vor.
Er verleiht dem Alltagsgenerv schöne Worte, und er weiß auch, dass Altwerden erst einmal nicht so schön ist. Er ist auch von der Blödheit der Menschen genervt, und er kommt mit der Schwäche Gottes nicht nur nicht zurecht, er hegt da sogar einen Groll. Er ist, wenn man so will, Hiob light.

Er ist der Typ, der zu klug ist, um doof vor sich hin zu leben und sagt das auch. Er nutzt die Poesie nicht, um Sülze zu schreiben, sondern um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. "Es ist alles eitel" übersetzt Luther, aber im Hebräischen steht da was viel Lakonischeres. Etwa so: Taugt alles nicht. Is´n Furz.
Schön auch sein Altmännergenörgel über den schlapper werdenden Sex, weils einfach wahr ist. Intensität hin, Intenistät her, die Fitness lässt nach. Das ist übrigens mit den so gern zitierten "Alles hat seine Zeit" gemeint. Der Text ist ein bisschen hinterlistig, und manchmal musste ich schon ziemlich in mich hineingrinsen, wenn er mit gewichtigster Miene irgendwo verlesen wurde, etwa bei einer Hochzeit. Die Botschaft lautet nämlich: Wartet´s nur ab, besser wird´s nicht.

Und dass die Deppen weiterkommen als die, die es sollten, sieht er auch und bennent es auch als das, was es ist: eine metaphysische Frechheit. Und dass es nicht nach Leistung geht, weiß er wohl, er macht daraus aber keine protestantische Sozialethik, Modell Inklusion, sondern er findet es recht übel und sieht das Bescheuerte daran: Die Faulen und Dummen kommen durch, und da sie in der Mehrheit sind und ständig auf Ihresgleichen stoßen, merkt es eben auch keiner. Ein nicht ganz so dämlicher Esel unter lauter dämlichen Eseln ist noch kein kluger Esel. Folglich gibt er den jugendverderbenden Rat: Hau auf die Kacke, es wird bald vorbei sein. Interessant, dass er das, ausgerechnet das, mit Gott verbindet, von dem bei ihm sonst nicht die Rede ist (warum nur?). Das ganze Buch endet mit einer Rätselrede, die nichts als zotig ist und sich über das Alter lustig macht.

Er will verhindern, dass Gott zu einer Sache für alte Leute wird und Gott folglich auch ihre Züge annimmt: grämlich, lebensfern, verbittert, prinzipienreiterisch und zynisch zugleich. Das finde ich äußerst beachtlich. Davon fehlt uns in der Verkündigung doch einiges. Ich will gar nicht wissen, was morgen wieder für eine befremdliche Brühe aus Sozialethik und Besenkammermassenpsychologie von evangelischen Kanzeln tropft. Dabei gäbe es im Moment einiges zu nörgeln. Kleiner werden ist kacke, ärmer werden auch. Mit Leuten zu tun zu haben, die ignorant sind und darauf auch noch stolz ("new atheists", kicher) ist zum Würgen. Jahrzehntelang wurde die Kirche wie ein Sportverein geführt, jetzt gehen die Leute gleich zum richtigen Sportverein und bei Kirchens herrscht allgemeines Eingeschnapptsein, weil die selbstgebackenen Ökokuchen nicht mehr so der Brüller sind und die Jugend einfach nicht auf Facebook fromm werden will. Wir haben fette Vereinshäuser gebaut (als ob wir ....naja, lassen wir das), jetzt werden sie zu teuer. Wer hat´s uns eingebrockt?

Also ich vermisse solche Knutterecken in der Kirche. Der Prediger macht wenigstens ernst mit der Sünde und kleistert  keinen frommen Schleim drüber. Ist doch, wie der Lehrtext der Losungen festhält, alles von Gott geschaffen. Nur die Idioten vermasseln es. Als Jugendliche fühlen sie sich halbstark, als Alte geschwächt. Und wann sind sie stark? Wenn sie ihren Unsinn ungebremst durch Glauben und Vernunft ausleben und die Welt betonieren, wenn sie nicht gerade Menschen umbringen oder die Welt "verbessern". "Ich glaube nur, was ich sehe". An dem Satz erkennst Du sie. Aber die anderen sind auch die Pest: "Ich sehe nur, was ich glaube".  Soll die Schere der Geschichte so auseinandergehen: Der Glaube mit der Dämlichkeit und der Unglaube mit der Ignoranz? Der Prediger befürchtet es. Schon vor 2000 Jahren. Alle Achtung. Ich glaube, und ich sehe.
Was nehmen wir mit von seinem High-End-Genörgel?

Nennt die Dinge beim Namen, kotzt euch aus, und dann Ärmel hoch und aufräumen. So macht´s jedenfalls der Schöpfer, und wer´s nicht glaubt, lese im Evangelium. Ich bin diese ewige Rücksichtnahme auf wer-weiss-wen leid. Wo steht, dass wir als Kirche korrekt sein müssen, wo steht, dass wir geliebt sein müssen, wo steht, dass wir die Mehrheit sein müssen, wo steht, dass wir doof, simpel und banal sein müssen ("Damit uns die Leute verstehen" - merkt Ihr nicht, dass das zynisch ist? Die "Leute" halten uns für doof, weil wir mit ihnen reden, als ob sie doof wären, also reden sie auch mit uns, als wären wir doof. Das ist der Grund, warum manche Kinder so spät sprechen lernen: Weil sie durch die Eidiediedie-Phase der Eltern durchmüssen. Bei Kirche denke ich manchmal, dass wir aus der Eidiedie-Phase nie mehr rauskommen werden).

Das Buch des Predigers ist wundervoll. Und damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe es schon als Jugendlicher gemocht. Und meinem Schöpfer dafür gedankt.

Ich will nämlich gar nicht klug sein, auch nicht berühmt, auch nicht wichtig. Ich will weise sein: Den Durchblick haben. Dann kann ich nämlich besser schlafen, besser auf´s Klo gehen und bin einfach netter.
Und ich weiß nicht: vom Prediger Salomo habe ich da mehr gelernt als von Anselm Grün und anderen Weichspülern.
So, nu reecht Euch uff, wie der Nochdhesse sagt.

















Nur, weil ich den Laden kenne:
Eine in Kirche recht unbekannte Textsorte

Sonntag, 12. Mai 2013

Schönheit, Pilze und Biotheologie

In der Straßenbahn saß mir eben - nicht direkt, aber in Sichtweite - eine junge Frau, vielleicht 19, gegenüber, die ein wirklich schönes Gesicht hatte, mit ganz ebenmässigen Zügen, nicht unbedingt eine Beauty, aber mit einem sehr sinnlichen Mund und wachen, großen Augen.
Ich war in elegischer Stimmung, denn ich kam gerade aus dem Theater, und nach der Kunst gilt bei mir immer:  animal est triste.

Und es durchzuckte mich ein wehmütiger Gedanke: heute Mittag gab es Pilze zum Rehrücken. Und Pilze, so hielt da leicht nerdige Gespräch bei Tische fest, sind ja nichts anderes als die Geschlechtsorgane der im Boden verborgenen Mycele, der eigentlichen Pilze.
Es wird ein Riesenaufwand getrieben, damit das Leben sich behauptet, es wird gelogen und getrogen, Schein und Hülle aufgebaut, eine ungeheure Raffinesse wird ins Werk gesetzt, absurde Mengen von Biomasse synthetisiert, um nichts anderes zu bewerkstelligen als die Reduplikation der DNS.

So auch diese wundervolle Blüte des Menschengeschlechtes. Was mich da so anfasste (und zwar ganz philosophisch, gar nicht altherrenmäßig-schmierig, davor bewahre mich Gott), was mich also da so anfasste, war, dass ich, Bioleistungskurs!- die Gene am Werke sah, die DNS als heimlicher Agent all dessen. Der Phänotyp saß vor mir, eine raffinierte Lockung von DNS zu DNS. Nur darum geht es ja - jedenfalls dann, wenn man sich die Sicht der Biologie zu eigen macht. All das Schöne: Nichts als Lockstoffe. All der gigantische negentropische Aufwand zum Aufbau eines gewaltigen, auf 37° gehaltenen homöostatischen Eiweißklumpens - nur eine Methode, die Reduplikation zu ermöglichen, die Rekombination möglichst breit zu streuen und dabei zielsicher die Tauglichsten, Fittesten und Überlebenswahrscheinlichsten zu fischen. Da packte mich doch das Grauen.

Das ist noch einmal ein ganz andere Dimension des Vanitas-Gedankens ("Alles ist eitel"), als ihn die Barocklyrik und der protestantische Choral transportierten: nicht das Gesicht des Verfalles und des Todes leuchtete hinter diesem schönen Angesicht auf, sondern der kalte Schematismus von Meiose und Mitose, der Zitronesäurezyklus und die Milchsäureatmung: Wir sind die Austülpung unserer Gene, sie sind die Dämonen in uns, die uns steuern und lenken, superkomplexe Viren.
Und man muss ja wirklich höllisch aufpassen, alltagssprachlich nicht ständig die "Natur" zu personalisieren und ihr Absichten zu unterstellen, denn welche grausam Göttin würde hier beschworen, welche zynische Gottheit triebe hier ihr Werk, dagegen sind doch alle Demiurgen der mythologischen Tradition nichts anderes als eben - Hirngespinste. Die DNS aber ist da, ich habe sie mit meinem Sohn an Weihnachten mit ein bisschen Zitronesäure und ein wenig Chemiebaukasten aus Früchten isoliert und unter dem Mikroskop betrachtet. Stickstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff. Die Kombination machts.

Es scheitert für mich am Zufall. Den da am Werk zu sehen fällt mir immer schwerer, je mehr ich es begreife. Je mehr ich begreife, was mit der Welt und den Menschen geschieht, wenn ich sie so sehen muss. Und je mehr ist begreife, dass Selektion und Mutation keine zielgerichteten, aber auch keine ziellosen, sondern emergente Prozesse sind.
Grauenhaft. Das ist noch schlimmer als die Vorstellung, auf einer mässig heißen Steinkugel mit Affenzahn durch ein grenzeisiges Universum zu rasen.

Und sei´s drum.
Das Lächeln war überwältigend. Man möchte doch fast sagen: Danke, DNS. Und da merkt man dann erst recht, wie reduziert dieses Modell ist.
Danke, DNS. Als ich diesen Gedanken dachte, schüttelte es mich. 
In Wirklichkeit, davon gehe ich inzwischen wirklich aus, und es entwickelt sich zu einer Variante des Kreationismus fern allem Biblizismus, in Wirklichkeit ist die Realität ganz anders. Unser Reduktionismus ist eine Lüge. Aber die diversen Idealismen auch. Ohne Materie, ohne energetische Struktur (was für ein hilfloses Wort) geht es nicht.

Doch wie sieht die Wahrheit aus? Handelt Gott durch die DNS? Also doch  creative design? Das zu anthropomorph gedacht, schlicht dumm. Ingenieursdenken: der Töpfer von Gen 2 einfach durch den Bioingenieur ersetzt. Da war Gen 1 schon weiter, hier handelt das Wort: Es ist der Gedanke des Codes, der mich zunehmend fasziniert: Der Zusammenhang von Biologie und Semantik. Die DNS ist Sprache. Das ist die Spur. Dann wäre der Körper eher so etwas wie ein Gedicht, ein "Werk", ohne dass man auf die biochemischen Prozesse zur Beschreibung verzichten muss. Sie sind dann aber nur so etwas wie die Tiefenstruktur, eine Art narrativ- generative Semantik. Von was?
Aber wer Semantik sagt, sagt Geist, und wer Geist sagt, sagt Wille. Da ist der Zufall draussen. Moderne Gedanken sind das nicht. Aber vielleicht nach-moderne, vielleicht - künftige? Mal sehen, ob ich es noch erlebe: Bio-Theologie. Nicht birkenstocksandalige, sondern "experimentaltheologische". Wieso steht Teilhard de Chardin so in der Ecke? Wieso steht die Trinitätstheologie mit ihrer hochkomplexen inhaltsleeren Semantik so in der Ecke? Die theologischen Werkzeuge sind da. Aber die Aufklärung mit ihren Zuständigkeitsverboten steckt den Theologen doch noch in den Knochen: Das dürfen wir nicht denken. Dann sind wir nicht modern! Aber es ist die Moderne, die längst nicht mehr modern ist.

Ich möchte es aber denken. Ich möchte denken, dass mir da ein wirklich schönes Geschöpf gegenübersaß, dass sie gerade weil Austülpung der DNS, ein Geschenk für 10 Minuten an mich war. Und für alle anderen, in deren Wohlgefallensraster sie passt. Und, so hoffe ich doch sehr, vor allem für sie selber. Nur atmendes Eiweiß? Nur atmender Lehm? Was heißt hier nur. Atmendes Eiweiß. Das ist doch das Wunder.

Es war eine schöne Viertelstunde in der Straßenbahn. Dabei habe ich nur einmal einen kurzen Blick auf sie geworfen. Wohl wissend, dass ihre Jugend der Glitzertrug ist, der mich bannte. Heißt Älterwerden, sich von der DNS zu emanzipieren? Neuer Gedanke, andermal.

Vargas Llosa über die Aufgabe des RU an staatlichen Schulen

Mario Vargas Llosa, der sich selber als Atheisten bezeichnet und eine deutlich liberal-progressive Haltung einnimmt, schreibt in seinem lesenswerten kleine Essayband Bemerkenswertes (für diese Positionierung!) über die Aufgabe des RU an staatlichen Schulen. Und das meint er mit Bezug auf Frankreich. 


Mario Vargas Llosa, Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst (La civilización derl espectáculo), Frankfurt, 2013)



"Jede Form von Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen abzuschaffen hieße, der jüngeren Generation ein grundlegendes Wissen vorzuenthalten, damit sie ihre Geschichte, ihre Tradition verstehen und  sich westliche Kunst, Literatur und Philosphie erschließen kann. Unsere Kultur ist durchdrungen von religiösen Gedannken, Anschauungen, Bildern, Festen und Bräuchen. Die schulische Erziehung von diesem reichen Erbe abzutrennen würde bedeuten, die Heranwachsenden völlig ungeschützt der Kultur des Spektakels auszuliefern, der Frivolität, der Ignoranz und Oberflächlichkeit, dem Klatsch und dem schlechten Geschmack. Ein offener und verantwortungsbewusster Religionsunterricht, der die hegemoniale Rolle erklärt, die das Christentum für unsere Kultur gespielt hat (sic!R.K.), mit all seinen Zwisten und Abspaltungen, Kriegen und historischen Wirkungen, seinen Errungenschaften und Exzessen, Heiligen und Mystikern, Märtyrern und Gemarterten, ein solcher Unterricht ist unerläßlich, wenn man nicht will, dass die Kultur weiter in diesem Tempo degeneriert, und wenn die Welt der Zukunft nicht aufgeteilt sein soll zwischen kulturellen Analphabeten hier und ungebildeten, unsensiblen Spezialisten dort."  (197). 

Für ihn, den liberalen Atheisten, ist so etwas wie eine Grundspiritualität der Gesellschaft von hoher Bedeutung, weil nur auf dieser Grundlage die letzer Vergewisserung von Legalität und Moralität gewährleisten werden kann. Man höre und staune. "Die Religion, die den Kapitalismus einst im Bewußtsein fest verankerte, wie Max Weber es in seinem Aufsatz über die protestantische Ethik sah, hat durch die fortschreitenden Banalisierung ihrer selbst mit dazu beigetragen, diese "Krise des Kapitalismus" auszulösen, von der immer lauter die Rede ist." (194).

Er meint die Entkoppelung von Preis und Wert und die damit verbundene Entfesselung der Gier, die nur möglich ist, wenn es keine geistig-spirituellen Grundlagen mehr gibt. Man spürt übrigens deutlich, wie wenig der Protestantismus von ihm wahrgenommen wird, wenn der Kirche grundsätzliche Demokratiefeindlichkeit und Transparenzunfähigkeit zugeschrieben wird. Das ist ein bisschen schade, damit er unterschätzt er den Beitrag des Protestantismus zu eben jenem Freiheitsdiskurs, auf den er sich beruft. Alle großen Philosophen der Freiheit waren - ausnahmslos! - Protestanten oder Juden.Und ich fürchte, er wird damit dem nachkonzialaren Katholizismus auch nicht ganz gerecht.

Donnerstag, 9. Mai 2013

Tannhäuser in Kassel, live-blog via Facebook und Smartphone

Ich werde doch langsam ein Networker...Sofortkritiken, noch aus dem Sessel.

Tannhäuser, 1. Akt.
1. überinszeniert. Zu wenig Vertrauen in die Musik.
2.Katholischwerden ist auch keine Lösung.
3.Dann doch genial: Die Minnesänger als Schlagerfuzzis. (Rex Gildo; Tony Marshall, Roberto Blanco, Dieter Meyer; im Chor Helene Fischer eindeutig zu identifizieren).


4. Auch ich sehne mich nach dem Klang der Glocken. Da hat mich der Tannhäuser eiskalt erwischt.


 
 Tannhäuser 2.Akt.
1. Elisabeth als Wuchtbrumme a la Kelly Osbourne. Sieht toll aus, funktioniert aber nicht.
2. Mit Ironie und Klamauk kann man Wagner nicht beikommen. Er ist stärker.
3."Nach Rom, nach Rom" - das stimmte schon 1845 nicht mehr.
4. Elisabeth singt das Evangelium, dann schickt sie nach Rom. Die reine Gnade hat es schon sehr schwer.
5. Die wagnersche Wartburg ist eine Sektenhölle und keine bourgioise Partyszene. Die Regie hat nicht verstanden, wie Religion funktioniert. Die Texte im booklet sind klüger.
6. Wagner, der Pornograph. Das wäre mal einen reiferen Gedanken wert: Welcher Film läuft wirklich zu dieser Musik?




Tannhäuser 3.Akt.
1.Sich vor dem Finale zu drücken ist feige.
2. Elisabeth und Venus gleichzeitig auf der Bühne agieren zu lassen ist eine tolle Idee. Leider nicht zu Ende inszeniert. Da ist mehr drin.
3. Wagner, du Hund.


Tu das lesen und tu dich wundern

Auf facebook sah ich gerade ein Spiel beworben mit der Zeile:

"Herrsche oder Sterbe".
Wahrscheinlich sagt da bestimmt auch irgendein Unhold: Fresse oder sterbe. Die falschen Imperative setzen sich Kinderhirnen bestimmt dauerhafter fest als die Gewaltbilder....

Frage: Wie kann jemand einen Übersetzerjob bekommen, der die Zielsprache nicht beherrscht?

Weil er/sie bei einer Firma arbeitet, die wahrscheinlich geworben hat mit dem Satz: Lese das, bewerbe dich und habe dann eine Stellung fürs Leben.
Wir sollten den nordhessischen Imperativ einführen, der macht auch das Englischlernen leichter: Tu herrschen, tu sterben. Das hat sogar irgendwie Poesie. Tu mal drüber nachdenken.

Demut und Optimierung. Predigt zu Himmelfahrt anläßlich des Kongresses der ästhetisch-plastischen Chirurgen in Kassel


Es ist guter Brauch: wenn in den Veranstaltungsräumen des Landeskirchenamtes in Kassel (die nicht von der Kirche bewirtschaftet werden) eine Veranstaltung über einen christlichen Feiertag stattfindet, wird ein Gottesdienst als Teil des Programmes angeboten. Der fand nun heute morgen, 8.30 Uhr statt. Die Veranstaltung war schon bemerkenswert und erzeugte im Vorfeld schon hohe mediale Aufmerksamkeit.
vdaepc-kongress



Liebe Gemeinde,

Während draußen sich um diese Stunde tausende, wenn nicht hunderttausende von Vätern (echte und selbsternannte, künftige) sich auf den Weg machen, sich in der sogenannten freien Natur gepflegt zu betrinken und sich was zu grillen – was ich in meiner wilden Zeit auch sehr gerne tat,damit ich hier nicht missverstanden werde – während also draußen "Vatertag" gefeiert wird, haben Sie sich versammelt, um darüber zu beraten, wie Sie die Welt ein wenig schöner machen können. Denn das ist das besondere an Ihrem medizinischen Auftrag: Sie machen nicht nur gesund, in dem Sinne, dass sie einen Organismus wieder stabilisieren, sie machen auch schöner oder wieder schön, was durch Natur oder Schicksal verunstaltet wurde.

Und ich?

Ich stehe hier und verkündige das Wort Gottes, denn nur weil das, was ich gleich vorlese werde, in der Bibel steht, sind wir überhaupt heute zusammen. Christi Himmelfahrt ist eines der wenigen echten christlichen Feste, das sich nicht an irgendein anderes, schon vorhandenes Fest angedockt hat. Und es ist auch deswegen ein zutiefst christliches Fest, weil es die Hoffnung, die wir Christen haben, in ganz besonderer, geradezu kindlich bildhafter Weise zum Ausdruck bringt. Die Hoffnung auf den Himmel.

Lk 24.50-53, mit kurzer Einführung in die Szene.

50 Jesus führte die Jünger hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. 51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. 52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude 53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.



Was haben wir gehört? Die Geschichte einer Vision und einer Audition. Sie sind Ärzte oder doch medizinisch gebildet genug, um sich die physiologisch-psychologischen Voraussetzung solcher Erfahrungen erklären zu können. Aber damit ist natürlich gar nichts erklärt. Die Vision als solche ist ja nicht das Entscheidende, sondern ihre Deutung. Die Jünger müssen endgültig Abschied nehmen von ihrem Meister: Kaum haben sie den Schock seines gewaltsamen Todes überwunden, kaum haben sie die tief verunsichernden Erlebnisse seit dem Ostermorgen verkraftet, verlässt er sie nun endgültig. Und zwar in Richtung Himmel: nach oben. Und das ist es, was ich mit ihnen heute Morgen kurz bedenken möchte: der Himmel, der viel mit dem zu tun hat, was Sie tun.

Der Himmel nämlich war in der Antike der Ort, wo Gott wohnt: über den Himmeln, streng genommen sogar. Der Himmel war gedacht als eine Art Kristallschale, und zwar siebenfach gestaffelt: an jeder Schale hing ein Planet, - deswegen sieben - und darüber waren die Fixsterne angebracht, und das ganze drehte sich um die Erde – die übrigens in der Antike mehrheitlich mitnichten als Scheibe gedacht wurde. Und über dem siebten Himmel war Gottes Ort. Dorthin sehen die Jünger Jesus verschwinden. Und Sie wissen: Er geht ihnen voran. Die christliche Gewissheit, hier, unter dem Himmel, nicht verloren zu sein, sondern eine Hoffnung haben zu dürfen, die bis in den siebten Himmel reicht, drückt sich darin genau aus. Der Himmel steht uns offen.

Nun ist der Himmel für uns dieser Ort nicht mehr, auch wenn er in unserer Sprache so weiterlebt. Deswegen erfassen wir ja sofort, wovon die Geschichte erzählt. Aber um sie verstehen, müssen wir uns klar machen: Die Antike dachte in Räumen, wo wir in Zeiten denken. Was für die Alten der Himmel war, ist für uns die Zukunft – und zwar die herrliche Zukunft. Wie aber kommen wir dahin?

Und schon sind wir bei unserer Profession angelangt. Der Himmel ist der Ort unbeschwerten, glückseligen Lebens. Ein Leben in Schönheit und Unvergänglichkeit, ein Leben in Perfektion und Klarheit ohne Leid und Geschrei. Mit anderen Worten: Im Himmel gibt’s keine Kirche: denn die Menschen leben unmittelbar zu Gott. Keine spirituellen Krücken, keine Rituale, keine fromme Erziehung. Die überwältigende und beglückende Nähe Gottes ist unmittelbar. Die Kirche ist nur ein Hilfsmittel, diese Hoffnung am Leben zu halten: die Wolke der Zeugen. Sie ist nur ein Schatten des Künftigen, und oft genug ein recht kümmerlicher. Da ist viel Anlass zur Demut. Himmelfahrt erinnert uns auch an die Zerbrochenheit und Vorläufigkeit des Irdischen.

Schönheitschirurgen wird´s darum im Himmel auch nicht brauchen. Es wird sie nicht brauchen, weil wir im Himmel erlöste Menschen sein werden. Und was kann es für eine größere Erlösung geben als die Erlösung vom menschengemachten Leistungs-, Perfektions- und Schönheitsdruck. Was kann es schöneres geben, als ein Handicap zu verlieren. Wir werden im Himmel nicht schöner sein. Und auch nicht klüger. Und auch nicht fitter. Aber die Art und Weise, wie wir uns ansehen, auch im Spiegel, wird sich verändern. Und die Art und Weise, wie wir uns wertschätzen, wird sich verändern. Es wird nichts Hässliches mehr geben, nur Verschiedenes. Ich weiß, dass klingt völlig naiv und kindlich. Aber das Bild hat mächtige, tröstende Kraft, und es ist meilenweit entfernt von den naiven Himmelsbilder, wie man sie aus frommen Büchern kennt: lauter schöne Menschen um die Dreißig. Das ist der der Himmel der Sekten: Der Himmel der optimierten Menschen. Ein furchtbarer, ein langweiliger Ort.

Ich habe mal einen schwer behinderten Mann begraben, der unglaubliche 40 Jahre mit einem gewaltigen Hydrozephalus – und folglich auf eine fast pflanzenhafte Existenz verwiesen – von seinen Schwestern gepflegt wurde. Als er dann starb, war die Trauer groß. Und beim Gespräch stellte sich die Frage, wie er wohl im Himmel aussehen werde: Ob diesem Leben dann Gerechtigkeit wiederfahren werde. Denn natürlich wurde er, wie es noch bis vor gar nicht langer Zeit üblich war, versteckt, gar zu scheußlich und gräulich sein Anblick, angeblich. Ich habe dann auf das Bild des Gekreuzigten gezeigt, der in der frommen Stube hing, und gesagt: So wie Jesus. Mit den Wunden. Mit dem, was wir hässlich finden, wird er im Himmel sein. Denn nicht dieser Mensch muss verändert werden, sondern wir müssen verändert werden. So ist es mit dem Himmel. Das ist ein ganz naiver Gedanke, das weiß ich wohl, und ich hoffe, Sie verstehen, dass ich in Bildern rede, wie das der Glaube einzig tun kann. Aber Sie spüren hoffentlich auch, welche Kraft dieses Bild hat, auch für das, was Sie tun. Denn es macht deutlich: Wir leben eben auf der Erde. Und da werden Menschen täglich verunstaltet und in ihrer Lebensqualität eingeschränkt und eingedämmt, weil sie hässlich sind oder dazu erklärt werden, weil sie Körperteile verlieren, weil sie beim Blick in den Spiegel erschrecken oder ihr Leben unerträglich geworden ist, weil sie sozial, sexuell oder politisch ausgegrenzt werden um einer schiefen Nase, einer hängenden Brust oder einer verbrannten Haut willen. Was für ein Segen die moderne Technik ist, was können wir Menschen heute helfen, glücklicher zu werden. Wir sind ganz schon weit gekommen damit, den Himmel auf die Erde zu holen. Aber es ist immer ein menschengemachter Himmel. Es hat immer einen Schatten. Prof. Noah hat mir Ihren Ehrenkodex geschickt. Allein, dass es ihn geben muss, zeigt, dass hier nichts selbstverständlich ist. Der Philosoph Sloterdijk spricht, wenn er auf die Moderne blickt, von den „Anthropotechniken der Selbstoptimierung“, die uns in eine unerträgliche Spannung versetzen, die er „Vertikalspannung“ nennt: Immer höher hinaus. Das ist sozusagen Himmelfahrt aus eigener Kraft. Das kennen sie sehr gut. Und sie wissen auch, dass ihr Handeln, so segensreich es sein kann, auch begrenzt ist. Eine neue Nase allein reicht nicht, und eine wundervoll rekonstruierte und meinetwegen auch optimierte Brust reicht nicht. Was alle heilenden und helfenden Berufe sich immer wieder sagen lassen müssen: Wir können die Menschen nicht retten,m nur leiten und begleiten, und auch das nur in Maßen. Das ist eine oft demütigende Erfahrung. Sie beschreibt unsere Grenze, die wir akzeptieren müssen. Und es ist besonders schlimm, Menschen zu leiten und zu begleiten, um dem eigenen Ego zu dienen. Und der Himmel auf Erden hält meist nur von Zwölf bis Mittag, wie man hier in Hessen sagt – deswegen können Schönheitsoperationen süchtig machen und Religionen fanatisch: Dann will man´s mit Gewalt. Es gibt genauso fratzenhafte Formen des Glaubens wie es Gesichter gibt, denen man das Unmaß des Schönsein-Wollens ansieht. Gott ist im Himmel, wir sind auf der Erde. Auch das ist die Botschaft des Himmelfahrtstages.

Der Himmel aber, der wirklich ewig ist, ist der Himmel Gottes. Der steht uns offen, umsonst. Ich spüre, wie dieses „umsonst“, dieses „gratis“ uns als evangelische Kirche auch an Rand der Gesellschaft bringt: das will die Optimierungsgesellschaft nicht hören. Doch der Glaube beharrt darauf: Wir brauchen uns nicht zu verkrampfen. Unter dem offenen Himmel können wir leben; entspannt. Und gemeinsam Wege suchen, dass der Mensch, der auf Erde lebt, der Erde treu bleibt und lernt, sich zu lieben, wie er ist. Es ist eine große Aufgabe, dem Menschen zu seiner Schönheit zu verhelfen, die ihm vom Gott her seit je eingesenkt ist: Denn die wahre Schönheit eines Menschen ist seine Würde. Da können Skalpell und Gespräch einiges, viel sogar. Die Quelle der Würde aber ist Gott, indem er uns des Himmels für würdig erklärt. Da kommt alle chirurgische Kunst an ihre Grenzen, auch aller Erziehungs- und Predigtkunst und überhaupt alle Menschkunst: Da können wir tatsächlich nur, wie die Jünger damals, in den Tempel gehen und Gott loben und preisen, dass er den Himmel aufgerissen hat: Für alle. Die Hässlichen und die Schönen, die Lahmen und die Flotten, die Klugen und die Dummen, die Reichen und die Armen: das spielt dann alles keine Rolle.

Das Gotteslob sei hiermit geschehen zu Beginn dieses Tages mit seinem vollen Lernprogramm. Gott schenke Euch Phantasie und einen wachen Geist, Kreativität und tiefe Einsicht in das, was ihr tut: Dass ihr es mit Lust tut zum Wohle und zur Würde des Menschen – unter dem offenen Himmel.

Amen.