Wenn ich unter Leuten bin, merke ich, dass ich auch nur ein Leut bin.
Freitag, 31. Januar 2025
Donnerstag, 30. Januar 2025
Kassandra, 30. Januar
Tja. Ängste sind archaisch. So sehen meine politischen Ängste aus: Ich bin mit zwei Bedenken grossgeworden, die mein politisches Denken bestimmten. Bei beiden geht es um eine Wiederkunft: Nazis und „Russen“. Dafür musste ich viel Schelte und Belächeltwerden einstecken. Nein, ich lächele nicht innerlich triumphierend. Ich bin wirklich tief beunruhigt, dass mein Vater und mein Großvater (der selbst Nazi war) aus ihrer Lebenserfahrung heraus (Umsiedlung, Flucht, Fremdenfeindlichkeit) diese beiden einfachen Schlüsse gezogen haben. Und dass sie richtig lagen. Ich habe das viel zu lange innerlich relativiert, aber nie wirklich aus den Augen verloren: die zwei bestimmenden Gewaltkulturen des 20. Jahrhunderts, die beide auf jeweils ganz eigene, unvergleichliche (!) Weise die dunklesten Fäden der europäischen Geschichte aufnahmen. Sie waren nie weg. Und sie tauchen jetzt wieder auf: aber durch einen historischen Lernprozess hindurch. Sie sind klüger geworden. Es gibt Gründe, sehr beunruhigt zu sein. Der Schulterschluss der beiden aggressivsten und menschenfeindlichsten Ideologien des 20. Jahrhunderts - Rechtsextremismus und Panslawismus - ist eine neue Qualität, die im Moment nur darin schwächelt, die Wirtschaft auf ihre Seite zu ziehen. Aber die USA zeigen, wohin es geht. Haben meine osteuropäischen Vorfahren Recht, wird der Panslawismus Europa ins Unglück stürzen, weil die Nazis da naiv sind und durch ihren archaischen Nationalismus keine globale Perspektive haben. Es fehlt ihnen an intellektueller Kraft. Sie werden aus Dummheit Unglück über uns bringen. Einzig der zivilgesellschaftliche Aufstand kann da etwas aufhalten. Aber den wird es nicht geben: weil es niemand wirklich wahrhaben will: Nazis und „Russen“ werden Europa (und die USA) zerstören, weil sie die grossen wirklichen Krisen, die in Wahrheit eine ist, für ihre Gewaltkulturen nutzen: Migration und Klima, mit einem Wort: Ressourcen. Ganz ohne Gewalt und Krieg wird China gewinnen. .
Montag, 27. Januar 2025
Armutsbekämpfung
„Spare in der Zeit, dann hasst du in der Not”.
Sonntag, 26. Januar 2025
Ware Gläubige
Werden glaubende Menschen „Mitglieder“ - und sie werden es zwangsläufig, was soll Glaube ohne Miteinander sein? - dann werden sie schnell zur Ware. Hier liegt die Versuchung der Kirchen, der tiefste Grund ihrer Verwahrlosung; und das ist ein grossartig traurig treffliches Wort. Aber Vorsicht. Das fängt natürlich damit an, dass Du Dir selbst zur Ware wirst - in deinen Lebensdeals, die nach dem Wert von etwas oder jemanden fragen, und schon wenn du denkst, du seist „es“ nicht wert (geliebt zu werden z.B.) würdigst du dich zur Ware herab - und fängst an, andere auch so zu sehen. Verwarlosung führt zu Verwahrlosung. Und in die Unwahrheit eines „Glaubens“, der misst, anstatt zu empfangen. Gemessen aber werden Waren. Und die werden immer unter Wert verkauft…wenn es soweit gekommen ist, werden Kirchen zu Börsen oder Märkten, auf denen vermeintlich Menschlichkeit, tatsächlich aber Menschenanteile gehandelt werden.
Wahre Leere
Es ist schon so: eine Kirche ohne Jesus Christus verkommt zu einer moralinsauren Psychosekte. Aber eine Kirche mit einem auf die Sünde fixierten Jesus-Christus-Fetisch wird eine totalitäre ProtofaschistischeBewegung.
Mittwoch, 22. Januar 2025
Ende der Geschichte
Der globale Sieg der Dummheit - kein Apokalyptiker, keine dystopische Endzeitvisionärin hatte das je im Blick. Selbst in der intensivsten Schuldkultur des Christentums war der Gedanke, wir könnte aus Dummheit Verderben über uns selbst bringen, zu demütigend. Ein letzter Rest von Würde sollte selbst im finalem Chaos noch herrschen. Niemand hatte alberne, halbgebildete Clowns als Antichristen auf dem Schirm.
Dienstag, 21. Januar 2025
Aus Geschichte lernen
Geschichte wiederholt sich nicht. Es gibt gewisse Muster und Pattern politischen und gesellschaftlichen Handelns, die in tiefliegenden Handlungsdispositionen begründet sein mögen (was alles bei genauererem Hinsehen sehr umstritten ist), aber jede „Zeit“ ist neu und singulär. Was in den USA gerade geschieht (und Ausdruck eines weltweiten Trends ist) ist keine Wiederholung von „33-45“. Die historischen Konstellationen sind völlig andere. Die Machtübernahme von Trump und die sich anbahnende offen plutokratische Oligarchie hat völlig andere Machtmittel zur Verfügung, ist global viel eingebetteter (Nazi-Deutschland war völlig isoliert und wirtschaftlich ruiniert). So merkwürdig es klingt: Nazi-Vergleiche sind im Grunde Verharrmlosungen. Hier wiederholt sich gar nichts.
Montag, 20. Januar 2025
Nationalstolz
Eben fuhr ich an einem Wahlplakat der CDU vorbei. Liebe CDU, ich will nicht „stolz sein auf mein Land“. Ich will in Ruhe leben, möchte, dass die Verwaltung gut (und das heisst immer: gerecht und legal) funktioniert, dass sozialer Friede herrscht (und zwar für alle, die hier leben), dass der Klimawandel hohe Priorität bekommt und jeder am Ende froh ist, hier zu leben. Mit Stolz hat das gar nichts zu tun, der „Stolz“ auf etwas, in das man hineingeboren wurde, ist eine der grössten Dummheiten des an politischen Dummheiten nicht eben armem 19. Jahrhunderts. Aber wenn ihr schon „Stolz“ auf das Land haben wollt, dann bitte auch die Scham. Die gehören nämlich zusammen. Ob das den Leuten, auf die ihr mit diesem törichten Slogan schielt, wohl gefallen wird? Macht euch nicht gemein mit der Dummheit. Das ist wie Taubenschach. Und unter Eurem Niveau (hoffe ich jedenfalls).
Sonntag, 19. Januar 2025
Streetwear und Grumpinesss
Seit ich, aus gesundheitlichen Gründen, auf „Streetwear/workwear“ umgestiegen bin, die unfassbar bequem und angenehm ist, glaube ich noch stärker als früher schon, dass viele Menschen nicht zuletzt deswegen mürrisch und genervt sind, weil sie schlecht sitzende Kleidung tragen. Und das fängt bei der Unterwäsche an.
Punkt
Wann ist der Punkt erreicht, wo der Punkt erreicht ist, an dem man sagt: der Punkt ist erreicht? Und was dann? Eine neue Linie beginnen? Und woher dann wissen, dass es kein Kreis ist?
Donnerstag, 16. Januar 2025
Ignoranz
Ich bin immer wieder aufs Neue, seit dreissig Jahren nun schon, verblüfft, wie nahe Derridas „Schrift“ der Theologie ist. Und immer wieder erstaunt, wie wenig die (deutsche) Theologie erkannt hat, dass ein Großteil ihrer Angelegenheiten - die Dekonstruktion von Metaphysik z.B. - ausserhalb ihrer erledigt werden. Ignoranz und Arroganz sind halt Geschwister, und ich fürchte, zumindest ein Elternteil heisst Kleingeisterei (also Angst).
Perspektiven
Die als Coolness oder Straightness demonstrierte Mischung aus Verhaltensunsicherheit, wackeligem Selbstbild und möglicherweise auch instabiler Erziehung bei meinen jungen Kommilitonen ist nicht nur anrührend, sie nervt auch. Was ich schade finde. Auch da ist das Alter eine Barriere. Habe ich unterschätzt.
Lesen
Ich habe immer gelesen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, nicht zu lesen. Und ich gehöre zu den seltenen Vögeln, deren Stapel ungelesener Bücher überschaubar ist. Immer hatte ich ein Fachbuch/Sachbuch, ein Stück erzählende Literatur und Poesie nebeneinander. Über Jahrzehnte meines Berufs, weil Lesen für mich TEIL meines Berufes war. Jetzt bin ich im Ruhestand. Und mache eine bemerkenswerte Erfahrung: ich lese völlig anders. Ich lese wieder, wie ich vor meinem Studium gelesen habe: um des Lesens willen. Jetzt merke ich erst, wie sehr mein Lesen unter dem Vorzeichen des Berufes und der Verwertbarkeit stand, es war letztlich ein ausschlachtendes oder funktionales Lesen. Eine bemerkenswerte und sehr schöne Erfahrung. Ich freue mich jetzt sehr aufs Wiederlesen von Büchern…
Mittwoch, 15. Januar 2025
Expertise
Die Entwertung von Expertise - die viele Gründe hat, auch selbstverschuldete - , gekoppelt mit einem immer kruder werdende Antiintellektualismus (als grundverlogener Habitus sogar bei Intellektuellen) ist eine schwerwiegende Entwicklung, die in einer auf Wissenschaft, Technik und Hochkultur basierenden Gesellschaft fatale Folgen hat. Das scheint mir in der Drastik etwas historisch Analogieloses zu sein, für das es so recht keine Antwort gibt. Die müsste ja von Experten kommen.
Paradox, healthy
Die meisten Diskurse über „Gesundheit“ sind krankmachend. Das macht sie schlimmer als z.B. Astrologie, die einfach nur in den meisten Fällen eine folgenlose Verwirrung ist. Ich glaube, dass das als volkswirtschaftlicher Faktor zuwenig bedacht wird, weil es eine völlig skrupellose oder völlig hirnbefreite Gesundheitsindustrie gibt, der ein beachtliches Brainwashing gelungen ist, gegen das Voodoo, Schamanismus und Hexenglaube wie harmlose Spinnereien wirken. Leute kurieren sich krank und arm auf der Basis globaler Hypochondrie.
Bullshit
Über keine Themen wird soviel Bullshit produziert wie über Religion und Sex. Weil alle unglücklich, frustiert und voller Illusionen darüber sind, wie es sein müsste, sich aber gleichzeitig für Experten halten, bloß weil sie Genitalien, Gefühle und ein Gehirn haben. Es ist fast immer das faszinierende Phänomen plappernder biochemischer Prozesse, die sich selbst wahrnehmen.
Wut
Ich glaube, dass die meisten Menschen wütend sind. Vom ersten Moment an. Kultur und Erziehung sind nichts anderes als Wutmanagement. Fehlt für sie die Kraft, die Einsicht oder die Möglichkeit, wird Zusammenleben immer vergifteter. „Wut“ ist das Grundgefühl des Bewusstseins, die Folge des Erwachens.
DNA
Nach einem halben Jahr intensiver Benjamin- Lektüre und einem Seminar über seinen Geschichts-Begriff , das dem Ende entgegengeht: die Theologie ist so tief im westeuropäischen Denken und Reden, in Habitus und Gestus angelegt, dass es kein Entrinnen gibt. Und das heisst auch: mit sinkenden theologischen Kenntnissen sinkt auch das Verständnis des eigenen Erbes. Traurig, unausweichlich und - schade. Die westlich-europäische, als „lateinische“ Theologie war eine sehr differenzierte, sehr klare Beschreibung der Welt. Walter Benjamin rang mit ihr bis zum Schluss, weil er ihr Potential erkannte, zwischen Naivität und Menschenverachtung, zwischen Geschichtshuberei ind Geschichtsverhessenheit ein Drittes zu denken zu geben: Komplexität und Empathie.
Dienstag, 14. Januar 2025
Derrida lesen
Aus maximaler Verwirrung maximale Klarheit gewinnen. Es braucht viel Energie des Aufschubs. Das Risiko: Sterben, ehe man verstanden hat. Ein Grund, auf seine Gesundheit zu achten. Der Theologe muss sterben, um endlich die Wahrheit zu sehen, der Philosoph muss leben, um zu verstehen.
Antwort
Jede Antwort ist eigentlich eine Frechheit, eine Anmaßung, nimmt sie doch der Frage ihre Gewalt.
Frage
Die Frage ist unerbittlich: man kann nicht nicht antworten. Der pure Schrecken. Das wahre Gegenteil der Gabe. Die Frage nimmt dir Alles.