Sonntag, 2. Juli 2023

Begegnung

 Heute also Mahlers Vierte, die Schlimmste aller seiner Symphonien: Sie zerreißt einem das Herz mit ihrer unerfüllbaren Sehnsucht. Danach konnte es eigentlich nur so weitergehen: Schönberg (eher noch Webern), also die radikale, selbstbezügliche Abstraktion (mit der Illusion von Engagement) und die sarkastische Emotionalität Schostakowitschs.  Alles andere ist Kitsch, den Jazz ausgenommen, zumindest zum Teil, er taucht ja aus Gründen bei Schostakowitsch und z.B. Paul Dessau auf. 

Wahrhaftige Musik ist nur noch möglich, wenn sie ihrer prinzipiellen Unwahrhaftigkeit inne wird: selbst in der Verweigerung von Harmonie setzt sie sie noch voraus. Die Kulturindustrie, an deren Schwelle Mahler steht (und die er, übliches Paradox) mit seiner Inszenierung des Dirigenten mit vorangetrieben hat, befingert einfach alles mit ihren Dreckspfoten, schnell und billig, an die Stelle von Ergiffenheit (Hilfe, Gefühle!!) tritt der Rausch (schon bei Wagner).  Pop- und Rockmusik machen daraus ein Prinzip und ein Geschäft. Mir war die bei Pop-und Rock-hörenden statthabende Verwechslung von Gefühl und Extase schon immer fremd, mir war und ist diese Mudik zu laut (was kein Qualitätsurteil und noch weniger ein moralisches sein soll, die Musikalität z.b. von Lady Gaga steht völlig ausser Zweifel). Aber berührt diese Musik? Mich nicht. Aber Mahler schon. Er zerreisst mir das Herz. 

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