Dienstag, 23. Januar 2024

Konsistorium

Gerade in der protestantischen "Bewegung" ist seit je ein anti-organisationaler Impuls eingebaut: so wenig Organisation wie möglich (Das leuchtet hat ja auch hinter CA 7 auf).

Luthers Zögern, das Organisationale anzugehen und es letztlich in die Hand der entstehenden staatlichen Verwaltung zu legen, ist deutlicher Ausdruck dafür.

Und in der Zeit meines Studiums (79-83) war "Kirche" als Organisation in der Theologie faktisch unsichtbar. Ein (falsch verstandener) Bonhoeffer "Christus als Gemeinde existierend" und der (protestantischerseits ebenfalls falsch interpretierte) Begriff der sozusagen vor-organisationalen "Basisgemeinde" bestimmten das Denken von sehr vielen, zumal ein Großteil derer, die damals anfingen, Theologie zu studieren, aus ohnehin schon institutionenkritischen Mileus kamen ("unter den Talaren der Muff von tausend Jahren").

Als die ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen und deren Vorläufer kamen, war deutlich zu erkennen, dass nicht wenige kaum in der Lagen waren, sie kompetent zu lesen. KEINE EINZIGE wurde je in einer Pfarrkonferenz, in der ich Mitglied war, behandelt. Empirische Kirchenkunde war - Schleiermacher zum Trotz - ziemlich verpönt. Ein krass missinterpretierter Karl Barth tat das Übrige dazu.

Das Stöhnen der PfarrerInnenschaft unter der "Verwaltung" (die damit nicht als organisationales Handeln, sondern als etwas Abgekoppeltes, quasi Fremdes, verstanden wird) ist ein Symptom dafür. Und das ging - und jetzt wird es paradox - bis in die Leitungsebenen: Leitungen, die "eigentlich" keine sein wollten; die Führungsscham als Prinzip - aber zugleich in Führung und Leitung untrainiert, was oft dazu führte (und ich habe es gleich zweimal erlebt) das Führungspersonen massiv autoritär handelten, weil sie keine Werkzeuge hatten, es anders zu tun. Ich habe es oft gehört: Wer Theologie studiert hat, ist auch in der Lage, Führung zu übernehmen (wenn er ein gutes Examen hat - lauter groteske Fetischismen).

Viele Landeskirchen haben bis heute keinen Ort, an denen die Organisation über sich selber nachdenkt (also etwa ein Dezernat "Organisationsentwicklung"), und in der praktischen Theologie taucht das Thema erst seit ein paar Jahren auf (Der abendliche Flug der Eule...eine Art theologische Trauerarbeit).

Das spüre ich von meiner Digitalisierungsperpektive aus gerade sehr deutlich: die Bedeutung dieser Transformation für die Organisation ist wenigen wirklich vor Augen, weil nur ganz wenigen von Augen ist, was eine ORGANISATION ist und warum eine evangelische "Kirche" nichts anderes als eine Organisation ist. Und wenn man dann Organisation (als ein System der Mitgliederverwaltung, der Risikoabsenkung und der Zielgewinnung) mit Institution (als gesellschaftlicher Einrichtung der Handlungsplausibilisierung) verwechselt, landet man in einer geradezu babylonischen Sprachverwirrung. Die schwindende Bedeutung der Kirche als INSTITUTION hat paradoxerweise gerade ihre Sichtbarwerdung als ORGANISATION zur Folge (sog. Reformprozesse).

Dazu kommt noch, dass auch hundert Jahre nach dem Ende des landesfürstlichen Kirchenregimentes keine wirklich stabilen Traditionen der Selbstverwaltung etabliert sind, sondern faktisch das alte Konsistorialsystem mit seiner behördlichen Struktur fortgeschrieben wurde. Konsistoriales, episkopales, ephorales und synodal-presbyteriales System überlagern sich bis an die Grenze der Beliebigkeit, so dass manche Entscheidungen oft einfach nicht nachvollziehbar sind, weil gar nicht klar ist, wer wann welchen "Hut" aufhat (eine verräterische Redewendung, die sehr beliebt ist). Hier ist meistens kein böser Wille am Werk, sondern guter Wille, der nicht weiß, wie mans macht.

Aus konsistorialer Perspektive sind Pfarrämter sozusagen "Außenstellen". Was dazu führte, dass im Pfarramt kein organisationales Bewusstsein entwickelt wurde und "Verwaltung" als fremd erfahren wird. Für die "Verwaltung" aber ist Theologie völlig irrelevant.

Das wieder führte dazu, ein nicht geringer Teil des strategischen und normativen Management allein in den Händen von Theologen lag (und immer noch liegt) und sie damit FAKTISCH die Organisation führen, weil sie handlungs- und entscheidungsvorbereitend wirken, in ihren Handlungen und Entscheidungen aber faktisch so gebunden sind, dass die Verwaltung agiert. Und zwar völlig unabhängig davon, was Synoden entscheiden - die aus organisationaler Sicht reine Legislative sind - was nicht ihrem Selbstverständnis entspricht.


Diese gehäuften Double-Binds sind m. E. ein ganz wesentlicher Faktor, der zur Vertuschung führt. Zuständigkeiten wandern so lange hin und her, bis sich ein beliebiger Entscheider ihrer annimmt. In der Missbrauchsstudie der nordelbischen Landeskirche von 2012 wird das als "institutionelle Verwahrlosung" bezeichnet. Bingo. Darum hat m.E. das Missbrauchsthema in der evangelischen Kirche eine völlig andere Dynamik als in der katholischen. Sie legt eine konzeptionelle Schwäche im Begriff der Kirche frei, die dem Selbstbild gerade der Generation 55+ als moderner, smarter und partizipativer Organisation massiv widerspricht.

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