Für mich ist der Sinn der Demos genau dieser: Der Ruf „geht wählen“!
Evelina Tolpina vom Ausländerbeirat hat das gestern in Eschwege in ihrer ausgezeichneten Ansprache sehr schön gesagt: Die Entscheidung über Politik wird zuerst an der Wahlurne gefällt.
Aus der Perspektive von Menschen, die hier leben und nicht wählen dürfen, und die zum Teil aus Ländern kommen, in denen es kein wirkliches oder sogar gar kein Wahlrecht gibt, ist das ein großes Privileg.
Und es ist unsere Aufgabe, Menschen dazu zu bewegen, wählen zu gehen.
Das ist die erste Antwort auf die Frage: Was kann ich tun?
DAS ist nämlich genau das, was den Extremisten gelingt: Sie bringen ihre Leute an die Urne! Und gleichzeitig verbreiten Sie Politikverdrossenheit für die Mehrheit: Das ist eine perfide Strategie. Dass sie funktioniert, weist auf massive Defizite im politischen Bewusstsein von Bürgerinnen und Bürger hin - es scheint eine Art umgekehrter Untertanengeist dort zu herrschen, der aktive Teilnahme an politischen Prozessen für unnötig hält. Das muss geweckt werden: Das Gefühl, als Bürgerin und Bürger über die Stimme entscheidenden Einfluss auszuüben. Und so ist es doch auch: die großen Politikwechsel der letzten Jahrzehnte wurden über Wahlen auf den Weg gebracht.
Unsere Demokratie verteidigen heißt: Wählen! Es ist völlig unbegreiflich für mich, wie man dieses Privileg, dass einem Großteil der Menschheit nicht offensteht, nicht wahrnehmen kann. Radikalinskis und Spinner setzen sich durch, weil die normale Mehrheit „wahlfaul" ist. Das aber ist politisch fahrlässig.
Das Paradox ist doch: Die Feinde der Demokratie haben verstanden, dass der Weg zu politisch Macht über das Wählen geht, die ewig nörgelnde Mehrheit offensichtlich nicht.
Ich habe selbst in deutschen Lehrerzimmern gehört, Wählen habe doch keinen Sinn mehr - für einen Beamten eine, sagen wir mal, schwierige Haltung, mich hat das zutiefst schockiert . Das ist, als ob man zu faul zum Einkaufen ist und sich dann beschwert, dass der Kühlschrank leer ist. Eine für einen Lehrer /eine Lehrerin schwer akzeptierbare Haltung.
Für mich ist Wählengehen in einer Demokratie wie der Unseren (zu der ja nicht ohne Grund Menschen fliehen und für die vor vierzig Jahren Menschen in der DDR (!) ihren Hals riskiert haben) sogar Christenpflicht.
Ginge die Mehrheit - vor allem der jungen Menschen, die Zahlen sind erschreckend! - wählen, hätten wir auch keine Ampel, und eine bessere Selektion politisch aktiver Menschen. Ich denke, die 100.000e, die auf die Demos gehen, wählen auch - aber es geht um zig Millionen (!!), die das nicht tun, gerade auf der entscheidenden, der kommunalen und föderalen Ebene. Gerade z.B. Bildungspolitik und Umgang mit Fremden werden auf DIESER Ebene gestaltet und nicht in Berlin, das Thema Agrarsubventionen wird in BRÜSSEL letztlich entschieden.
Es ist ein demokratiegeschichtlich neuer Vorgang, dass Demonstrationen sich an die schweigende Mehrheit richten. Das sollte noch viel deutlicher werden - und wäre auch sinnvoller, als auf die dumme Hetze der AfD nicht nicht weniger dummer Diffamierung ihrer Wählerinnen und Wähler zu reagieren (wie es eine Rede einer „Aktivistin“ gestern leider tat - das ist der ganz falsche Weg).
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