Bei meinen Studien (ich nenne das jetzt mal ganz hochtrabend so) zu meinem Projekt über "Nüchternheit" bin ich wieder mal auf die Wüstenväter der spätantiken Christenheit gestoßen, bei denen dieser Gedanke, was an entsprechender Stelle ausgeführt werden wird, eine große Rolle spielt.
Kleiner Nebenabfall dieser Lektüre in der Kleinen Philokalie und den Aphophtegmata Patron:
Ich habe die Wüstenväter schon als Jüngling sehr gemocht, wegen ihrer theologischen und geistlichen Konzentration und wegen ihres - wie man es heute nennen würde - countercultural Impulses. Um das Mönchtum zu verstehen, sind sie unverzichtbar, und überhaupt repräsentieren sie einen Aspekt des Christentumes, an den sich von Zeit zu Zeit zu erinnern sicher kein Fehler ist, ich nenne das mal die therapeutisch-weisheitliche Linie.
Doch zugleich haben sie mich immer zutiefst befremdet, ja abgestoßen (ich habe übrigens Haltungen und Gedanken schon immer unterschieden, die haben meistens wenig miteinander zu tun: große Armleuchter können präzise und kreative Denker sein, charakterstarke Moralbolzen können von stupender Dämlichkeit sein).
Ihr Körperhass und der aus ihm resultierende Frauenhass ist vernichtend und wirklich unangenehm zu lesen. Der Körper, das Fleisch, ist geradezu das Hassenswerteste auf Erden, von ihm fühlen und wissen sie sich gequält, geschunden, abgelenkt und malträtiert. Er ist ein Übeltäter, und Erlösung war für sie immer auch Erlösung vom Leib, seinen Schrecken und Lüsten.
Das hat mir als Jüngling nicht nur nicht gefallen, es hat mich auch abgestoßen. Und es tut es immer noch, jetzt sogar noch mehr, weil ich theologisch reflektierter bin und weiß, wohin so ein simpler Dualismus führt, wieviel patriarchaler Selbsthass und tiefer Zynismus darin verborgen ist. Der Körperhass der Wüstenväter ist ideologisch. Aber er ist nicht systemisch. Man kann ihn tatsächlich von vielen ihrer Einsichten lösen. Dann aber wird ihre Body-negativity nicht nur trivial. Dann wird sie ein Schlüssel zum Verständnis von Versöhnung.
Let me explain:
Seit ich ca. 25 Jahre alt war, hatte ich mich Gallensteinen zu kämpfen, hatte immer wieder mal kleinere Koliken, vertrug Zwiebeln und Paprika nicht und war manchmal ganze Tage dadurch in meiner Leistungsfähigkeit, und gelegentlich auch mal in meiner Lebensfreude, eingeschränkt. Erst als die Steine so große waren, dass eine Operation lohnte, wurde ich diese Beschwerden los, da war ich 40 Jahre alt und es begann eine neues Leben.
Ich habe ein schreckliches Gebiss, die Zähne stehen zu eng, schon als kleines Kind musste ich mir das Milchgebiss ziehen lassen und Korrekturzüge erdulden, ich habe vier Zähne weniger im Mund als normal - ohne Medizin wäre ich vermutlich mit ca. dreissig Jahren mindestens der Hälfte meiner Zähne verlustig gegangen und hätte mit offenem Zahnfleisch zu kämpfen.
In Folge der Gallenoperation bekam ich eine Pankreatitis (das kommt, selten, vor), das waren Schmerzen direkt aus der Hölle, seitdem vertrage ich keinen Alkohol mehr. Wie gesagt: 40.
Ungefähr ab meinem 50. Jahr halfen die Einlagen nicht mehr, die ich seit meinem 20. Lebenjahr trug: die Plattfüße ruinertien meine Knie, Gehen wird schmerzhaft.
Die Augen lassen seit meinem 35. Lebensjahr deutlich nach, ohne Brille wäre Lesen völlig unmöglich. Und dann hatte ich auch noch einen Herzinfarkt, keinen von der ganz schlimmen Sorte, aber vorher hatte ich ca. zwei Jahre mit Schmerzen zu tun, die als orthopädisch verursacht angesehen und also falsch behandelt wurden. Shit happens.
Meine Akne wurde ich nie richtig los, und seit ich 23 bin, habe ich mit Waschexzemen zu tun, nicht schlimm, aber unangenehm lästig. Seit ca. 10 Jahren habe ich die für einen älteren Herren nicht unüblichen Probleme mit dem Wasserlassen, moderne Medikament vollbringen da wahre Wunder.
Und so weiter, könnte ich fast schreiben. Warum schreibe ich das?
Mit zunehmenden Alter verstehe ich die Körperfeindlichkeit der Wüstenväter sehr viel besser. Es geht nicht einfach nur um die Zumutung der Lüste, die aus dem Körper kommen (dazu schreibt Foucault viel sehr Kluges). Ich stelle mir vor, in welchem Zustand ich jetzt ohne die moderne Medizin, Hygiene und Ernährung wäre. Ich stelle mir vor, meine pubertäre Akne wäre nicht behandelt worden, meine Gallenleiden hätte sich chronifiziert, meine Zähne ab 25 abgefault (und das ist genau der passende Ausdruck), ich hätte Parasiten, Haut- und Darmbewohner, und, weil es ja keine Seife gab, wären meine Körperfalten und Köperöffnungen Quellen ungeheuerlicher Gerüche. Ab 30 wäre ich ein körperliches Wrack gewesen, und meine koronarer Herzkrankheit, durch Cholesterin verursacht, wäre sicherlich 20 Jahre früher manifest geworden.
Da öffnet sich ein Verständnis. Es geht nicht nur um die Lust. Es geht auch um Schmerz, Ekel und Qual, und zwar ganz real, ganz medizinisch, sozusagen.
Body-Positivity ist etwas sehr Modernes, und der theologisch beliebte Satz, dass "ich mich so lieben soll, wie ich bin, weil Gott mich so liebt wie ich bin" hat etwas - nun ja, sehr Leichtfertiges. Denn immer noch lebt eine Großteil der Menschheit wie die Wüstenväter, nicht wie wir.
Das nehme ich jetzt, 66jährig, der Hinfälligkeit in Ansätzen ausgeliefert und nur dank moderner Medizin noch einigermaßen lebensfroh, doch sehr viel deutlicher wahr als vor vierzig Jahren.
Mit ihrem Hass aber haben die Wüstenväter damit noch lange nicht recht. Sie haben übersehen, dass der Körper der eigentliche Kampfplatz der Versöhnung ist. mit ihrer Body-Negativity verharmlosen (!) sie das Kreuz. Aber das ist ein anderes Thema.
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