Samstag, 29. April 2023

Biotheologie

 Ich dachte immer, Religion, Deutsch und Geneinschaftskunde hätten mich tief geprägt. Immer deutlicher wird mir: es war mein Biologieunterricht. Im Leistungskurs lernte ich (wie ich jetzt erst wirklich begreife) eine damals eher als esoterisch geltende Sicht auf die Evolutionstheorie kennen (Margulis/Sagan),  erste Ansätze ökologischen Denkens (Uexkuell)  und Wissenschaftstheorie (N. und M.Hartmann).  Über die Pilze und Donna Haraway stoße ich jetzt darauf, denn hier ist Lynn Margulis die Grande Dame im Hintergrund, die unsung hero der Biologie. Ihre Bücher lese ich jetzt, und ganz offensichtlich war unser Biolehrer der gerade entstehenden Gaia-Hypthese sehr nahe. Und ich lerne, was ich einst gelernt habe (ohne es damals zu begreifen, versteht sich). Ist schon seltsam. Dass ich in meinem theologischen Studium darauf nie gestoßen wäre, wenn ich es nicht schon aus der Schule mitgebracht hätte, ist da noch einmal ein anderes Thema. Warum es mir so wichtig ist? Weil es darum geht, was wir sagen, wenn wir von Schöpfung reden. Und wie unglaublich töricht die Rede von der Bewahrung der Schöpfung ist, weil sie immer noch anthropozentrisch ist und die traditionelle Ermächtigungsformel einfach nur umdreht - und damit bloß moralisch wird, eine Variante des naturalistischen Fehlschlusses (eine der ganz großen Torheiten des Reptiliengehirns). Dass uns damit keiner mehr ernst nimmt, muss nicht verwundern. Ich jedenfalls kapiere gerade: ich habe Theologie mit einem biologischen Mindset studiert, weil ich in der Schule einen avantgardistischen Biologieunterricht hatte. Der Lehrer hieß Becker und hat leider nur drei Halbjahre unterrichtet. Ich bin jetzt sehr gespannt, Lynn Margulis zu lesen: Symbiotic Planet lautet der englische Titel. Und der deutsche Titel zeigt schon, wo unser Problem liegt,“Die andere Evolution“. 🤮 mich macht das zornig. Weil es etwas mit der Lebensqualität meiner Kinder zu tun hat, dass wir verstehen, was vorgeht und wie es vorgeht und wie sehr unser „normales“ Verstehen schief liegt und wir also auch unser Verstehen verstehen müssen. Hier ist Dummheit (Unfähigkeit zur Reflexion und Verortung durch Selbstbeobachtunf) lebensgefählich. In diesem sehr präzisen Sinne dumme Wissenschaft ist nicht besser als dumme Religion. Sie sind Geschwister, die im Kreationismus inzestuös werden. 

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