Ich musste 62 werden und 40 Jahre Theologie auf dem Buckel haben, um etwas Entscheidendes zu begreifen...ich lese gerade (wieder) Luhmann, Soziale Systeme, und es ist interessant, dem Jüngling von damals via alte Anstreichungen beim Lesen zuzuschauen. Aber das ist es nicht (wäre einen eigenen Gedanken wert).
Parallel dazu habe ich Knausgards "Morgenstern" und "Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit" gelesen - in denen es unter Anderem auch um Pilze geht, und der ganze Roman ist vom systemischen Denken durchdrungen (und vom Tod - da gibt es aber einen klaren Zusammenhang. Ich warte auf den dritten Band).
Das wiederum ließ mich auf Merlin Sheldrakes Pilzbuch stoßen ("Verwobenes Leben"), weil ich - via Knausgard - mitbekam, dass ich trotz meiner Passion für Pilze nicht auf dem allerneuesten Stand bin (man glaubt es kaum: aber das wundersame Pilzbuch von Anna Löwenhaupt-Tsing, "Der Pilz am Ende der Welt" ist tatsächlich schon in manchem Detail überholt).
Das Buch von Sheldrake liest sich wie eine empirische Beweisführung für Luhmann (aber halt - schreibt der nicht über Kommunikation als selektive Grundfunktion von sozialen Systemen? - eben, eben! Pilze sind da - seltsam. Sie scheinen zu kommunizieren...das ist auch ein bisschen gruselig).
Was ich dabei begriffen habe, und darum geht´s mir hier gerade: wie schwer offensichtlich vielen Menschen das systemische Denken fällt.
Kein Wunder, dass ich über Jahre das Gefühl hatte, immer etwas neben der Spur zu sein - denn, warum auch immer, das systemische Denken war mir schon als Oberstufenschüler tief vertraut, die Luhmann-Lektüre wenige Jahre später war für mich wie eine Art "Wiederentdeckung" meines eigenen Denkens, für das ich so richtig keine Worte hatte.
Es wäre doch mal interessant, zu erfahren, woher das kommt. Meine kleinbürgerlich Herkunf mit Migrationshintergrund? Die vielen Toten in meiner Biographie? Andermal).
Woran ich das festmache, dass systemische Denkens so schwer fällt?
Nun, es wird - gerade auch in der Kirche - immer schön heftig auf der Zurechnungsbörse mit Schuldoptionen gehandelt, ohne sich bei diesem Handeln zu beobachten. Schuldige zu finden und Leute baumeln zu sehen, wird immer wieder als mögliche Lösungsstrategie gesehen, die Verwechslung von Ursache und Schuld (und die für mich doch letztlich banale Einsicht, dass man nach Schuld erst fragen kann, wenn man die Ursachen begriffen hat) feiert fröhliche Urständ.
Eine harte Erkenntnis. Wieso habe ich das nie verstanden, dass so wenige das verstanden haben? Natürlich hört man immer "Alles hängt mit allem zusammen" und " wir müssen ökologisch denken", aber dann zeigt sich doch immer wieder, dass in Wahrheit gesagt wird: Alles hängt mit Menschen irgendwie zusammen, und es zeigt sich eine naive Welt der Dinge und eine Art naiver Anthropomorphismus (dazu schreibt Sheldrake, ganz Sohn des Vaters, schöne Sachen).
Aber mir wird gerade schlagartig verständlich, warum Pandemie, Klimawandel, Globalisierung und Digitalisierung so schwer zu denken, zu akzeptieren und in mögliche Strategien einzubauen sind. Was mir oft als "Dummheit" begegnet (und was so zu nennen mich zugleich beschämt und beunruhigt, bin ich doch auch einer von denen...), ist einfach nur systemische Blindheit.
Solange man Akteure am Werk sieht, die nicht systemisch verankert sind, sieht man nicht, was geschieht, sondern man sieht nur, was man sieht.
Das liegt vermutlich auch ein wenig an einer banalen Luhmannrezeption (zu der ich auch neigte) im Sinne eines "abgesunkenen Kulturgutes" oder einer feuilletonitischen Bescheidwisserei. Man denke nur an die begeisterte Hartmut-Rosa-Lektüre oder an Thomas Reckwitzens "Singuläritätenbuch", wobei man natürlich beiden nicht gerecht wird, wenn man sie nur aus der Perlentaucher-Perspektive liest. Nichts ist so krass, wie das subjekttheoretische Missverständnis dieser Ansätze. Das gilt dann auch für Deleuze - ich glaube inzwischen, dass der eine sehr bemerkneswerte Rezeptionsgeschichte hat, die aus vielen fast das Gegenteil von dem gemacht hat, worum es ihm ging. Genug Bildungsgefasel:
Durch die Pilzbücher und Knausgard ist mir noch einmal deutlich geworden, dass Donna Haraway mit ihrem Begriff der "Sympoiesis" (anstelle der rein selbstbezüglichen Autopoiesis) eine wesentliche Erweiterung des systemischem Denkens gebracht hat, und den Luhmannschen Gedanken, dass Systeme einander Umwelt sind, sozusagen zu Ende gedacht hat.
Bei Pilzen verschieben sich ständig die Grenzen, Sheldrake beschreibt sehr eindrücklich, wie die Tier-Mensch-Pflanzen-Grenze durch Pilze verschwimmt (und er ist systemisch extrem wach: er sieht natürlich, dass er als Beobachter diese Grenzen zurechnet), und wie z.B. bei den Flechten selbst die Kausalität merkwürdig unscharf wird, weil auch der Begriff der "Symbiose" nicht genau erfasst, wer hier von wem "profitiert", und dass dieses Denken in Profitkategorien womöglich eine kapitalistische Perspektive auf Prozesse ist, die nach ganz anderen Regeln ablaufen, als nach denen des Marktes.
So ist z.B. das "altruistische" Verhalten (sic!) mancher Pilze, die "uneigennützig" Ressourcen für andere Pflanzen bereitstellen, bisher schwer verständlich. Da wird offensichtlich nicht die richtige "sympoietische" Frage gestellt.
In Summa: die alte Ontologie der Dinge, Personen und Prozesse hat uns noch schwer am Wickel, aber, das ist ja ein Lieblingssatz von mir, der sich mir selber jetzt in seiner Bedeutung erschließt: In Wirklichkeit ist die Realität ganz anders.
Vermutlich "ist" sie gar nicht....und da wirds dann theologisch (weil es, siehe oben, etwas mit der Zurechnung von Schuld zu hat, wo gar keine Handlungen vorliegen....).
Wohin mag mich das führen? Deutlich wird mir jedenfalls: "ontologische" Fragestellungen sind der Schlüssel für eine künftige Schöpfungstheologie, die ohne Begriff der "Welt" auskommen muss (oder zumindest ohne einen anschaulichen Begriff von Welt - da ist Luhmann ja schon weit gekommen: Für ihn ist "Welt" sozusagen die ultimative Differenz. Das ist natürlich theologisch nicht haltbar. Gott ist hier der ultimative Differenzbegriff, weil er die "Differenz" "ist". Ein Gefüge.).
Der "systemische" Charakter der Erde, die ja meist gemeint ist, wenn von der Welt die Rede ist, der offensichtlich den antiken Autoren des ersten Schöpfungsberichtes noch selbstverständlich war, muss begriffen werden. Nietzsches Ruf (der sich sich aggressiv gegen ein metaphysisches Christentum richtete, dass die "Erde" gegenüber einem "Jenseits", dem "Reich Gottes " oder gar einem wie auch immer "intakt" gedachtem Paradies abwertete), ist so aktuell wie nie: "Bleibt der Erde treu"!
Das wird aber nur gehen, wenn wir systemisch denken lernen.
Die wahre Umwertung der Werte, weitaus radikaler, als sie Nietzsche sich vorstellte, der immer noch ein Gefangener Hegels war mit seiner ewigen Wiederkehr, die ja, um das alte Bild von Marx über Hegel zu stressen, sozusagen Hegel vom Kopf auf die Seite legte.
Systemisches Denken aber ist weder zyklisch noch linear. Das ist hart an dem, was unser elaboriertes Reptiliengehirn (Grundfunktion: Fressen, Schlafen, Fortpflanzen) hinbekommt.
Ich habe jetzt jedenfalls begriffen, warum mein Denken, das ich als höchst konkret erlebe, zumeist als völlig abständig und abstrakt wahrgenommen wird (außer von meinen Predigthörern, das verunsichert mich jetzt wieder - es gibt deutlich etwas, von dem ich noch nicht einmal sehe, dass ich es nicht sehe).
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