Nach einer guten Nacht sieht manches anders aus, hier aber nicht.
Der ganz große Wurf ist dieser Siegfried nicht, und soll er vielleicht auch gar nicht sein. Ich habe immer noch keine Interpretationshinweise des Regiseurs zur Kenntnis genommen - also, alles, was hier steht, ist bloßer Augenschein. So sollte es doch sein, oder?
***********
Ich fand den Siegfried wegen seiner problematischen Hauptfigur immer schon schwierig, und ich bin Castorf dankbar, dass es ihm offensichtlich auch so geht und er es uns zeigt. Hier geht es um Gewalt und Sex, und zwar nicht zu knapp. Die Frage ist ja immer, wieviel "Explizites" muss sein, aber wir leben in groben Zeiten, da braucht es grobe Klötze. Wie soll man "Erotik" vermitteln, die ja gerade vom Tabu lebt, wenn es das Tabu nicht mehr gibt - außer in den Köpfen (nicht in der Lebenspraxis!) von ein paar Konservativen?
Also keine große Geschichte wird gezeigt, die kennt man ja, sondern Episoden. Wobei ich mir da nicht mehr so sicher bin, wieviel Leute die Texte von Wagner wirklich kennen (mit kennen meine ich kennen). Denn Castorf ist an manchen Stellen auf verschrobene Weise schon sehr text- und musiknah. Gerade am Ende. Komme ich noch noch zu. Obertitel wären doch nicht schlecht. So erkannte man die Kundigen an den vereinzelten Lachern, wo es eigentlich einen Lachsturm hätte geben müssen.
Was mich zutiefst anrührte: Der Waldvogel.
Was für eine prachtvolle und dabei, dank der Darstellerin, zugleich fragile Erscheinung, bühnenfüllend, und dabei zart und zerbrechlich, verzehrt sich das Revuegirl nach dem singenden Grobian, der vergeblich zu "Grübeln" versucht und umwirbt ihn. Sie kommen sich neckisch näher, Siegfried versucht den Vogel zu locken, mit allerlei Plastikmüll (um den es unter dem Aspekt ÖL geht an diesem Abend) und füßelnden, pubertären Wasserneckerein (eine Anspielung auf das Rheingold? Ich meine doch, dass die drei Teile stärker inszenatorisch verknüpft sind, als der Augenschein hergibt). Das ist bei Wagner alles auskomponiert, bis hin zu fast geräuschhaften Effekten. Ich hörte zum Teil Murren vor mir ob der "schiefen Töne" im Orchestergraben. Man sollte die Paritur schon eingemaßen kennen...wenn man denn meint, sich äußern zu müssen. Man kann natürlich auch blöd finden, was Wagner macht (wie es Castorf ja zum Teil tut).
Und schließlich, im letzten Moment, kommen sie dich doch nahe und man sieht, im Schlußbild, wie Siegfried den Waldvogel an einer Laterne beglückt.
Er kommt also nicht als Jungfrau auf den Brünhildenfelsen.
Warum auch, steht ja nirgends im Text, und er kennt sich (TEXT; TEXT; TEXT!!!) in Sachen Sex dann auch erstaunlich gut aus, der Naturbursch, der hier ein Strizzi ist, und zwar ein unsympathischer. Er fragt ja Mime sehr kundig danach, wie es wohl zugegangen sein mag, dass er ohne Mutter auf die Welt kam, wo es doch die Vögel und die Füchse anders treiben. Er weiß, wozu Frauen da sind. Er fürchtet sich nicht vor dem Sex, er fürchtet sich später dann vor Brünnhildes expliziter Weiblichkeit. Das ist wahrlich ein Unterschied, den viele freilich nicht kennen.
Aber solche gewaltätigen Männer üben ja auf manche Frauen eine seltsame Faszination aus, siehe Erda und Wotan. Das ganze spielt im Prostitutionsmilieu, da können gewaltätige Männer schon einmal als vermeintliche Retter auftrete, wie man so hört. Ist vielleicht ein Klischee, aber ich kenne es aus meiner kleinbürgerlichen Familie schon: Frauen können Schlägertypen verfallen und kehren immer wieder zurück. Wie Erda, dazu gleich.
Der Waldvogel, der absolute Star des Abends.
Ohne ihn ginge die Handlung nicht weiter. Siegfried ist viel zu doof, um auch nur zu ahnen, was er da getan und gemacht hat, Fafners Hinweise gehen völlig an ihm vorbei, immerhin ahnt er, dass er vielleicht den Falschen umgebracht hat.
Aber er wird ja dann den vermeintlich Richtigen, Mime, auch noch umbringen, und bei Castorf - endlich einmal!- auf richtig brutale und fiese Art und Weise mit einem Messer. Der Siegfried hat etwas von Andreas Bader. Das Publikum geschockt (ich kann das von der Loge aus z.Teil sehr gut sehen, wie die Leute in den Sitzen rutschen und zucken), aber so meint es Wagner. Kill as kill can. Macht ja Opa Wotan auch (bei Hunding, schon vergessen? Das war nackter Mord).
Siegfried ist ein Wiederling, immer gewesen.
Der Waldvogel also gibt die richtigen Tipps. Warum? In manchen Inszenierungen agiert der Waldvogel als eine Art Agent des Wotan, was durchaus naheliegt, aber nicht so sein kann, denn das wäre ein vertragswidriger Eingriff in die Handlung. Es ist Mimes Vermutung, aber die ist falsch.
Es ist musikalisch viel näherliegend, den Waldvogel der Erda-Sphäre zuzuweisen, wie die Rheintöchter. Immerhin singt eine der Rheintöchter gleich zu Beginn die Waldvogelmelodie, wenn sie ihre Schwestern zurechtweist, besser auf das Gold aufzupassen. Der Waldvogel ist die Intervention der Natur, um zu retten, was noch zu retten ist. Und, Achtung: die Natur - der Rhein und die Rheintöchter - sind die Überlebenden des Ganzen. "ta eschata hos ta prota", der Schluß ist wie der Anfang, lautet ein altes Motto der Apokalyptik. So sehe ich den Waldvogel, so höre ich ihn: Als Angelus interpres. Und in Castorfs Inszenierung gehört er der Erda-Sphäre an, der Prostitution, der geschundenen Weiblichkeit, die aber gleichzeitig auch ihren ganz eigenen Stolz, ihre ganz eigene "Schönheit" hat. Hat er bewußt auf die Figur des Verkündigungssengels zurückgegriffen? Ich war tief gerührt.
Der Ring ist eine Geschichte der geschundenen Weiblichkeit. Die Männer bringen den Frauen nur Unglück: Unerfüllte Liebe, unerfüllte Mutterschaft, fremdbestimmte Sexualität, Manipulation, Gewalt. Das ist, wie ich finde, noch ein ungehobener Schatz des Ringes. Aber Castorf sieht da viel von.
Erda: Sie ist und bleibt meine Lieblingsfigur im Ring, auch wegen ihrer Musik. Sie hat das mit Abstand schönste Motiv mit der schönsten Instrumentierung. Und das hat gute Gründe.
Bei Castorf ist sie, wie schon im Rheingold, an das eben doch deutlich angeknüpft wird, eine weiblich wahnsinnig präsente Varietesängerin mittleren Alters, wohl auch so etwas wie die Chefin des Waldvogels (!!!).
Einer der schönsten Momente: die unglaubliche Wut, der nackte Hass auf das A....h Wotan, als dieser ihr erzählt, was er mit ihrer gemeinsamen Tochter Brünnhilde angestellt hat. Schwupps, hat er den Rotwein im Gesicht. Endlich mal. Sonst stehen die Erdas immer so weise resigniert rum.
Die Musik spricht eine andere Sprache. Die Umkehrung von Erdas Motiv ist das Götterdämmerungs-motiv (foglich auch eines der schönten Motive des ganzen Wagnerschen Euvres). Es kommt zu gewaltschwangeren Szenen, Erda verschwindet, während Wotan sich seiner Altmännerfrustration hingibt, dann kommt sie wieder, neue Perücke - und umschlingt Wotan von hinten, die alte Illusion, sie könne ihn ändern oder nur er werde sie lieben (dabei könnte sie das halbe männliche Publikum haben, alle die, die keine Angst vor Frauen haben). Und so sinkt sie vor ihm nieder, um ihn sexuell oral zu versorgen, was der Kellner verhindert, der die Rechnung bringt, die Wotan nicht bezahlen kann, er haut ab, schiebt aber die Rechnung Erda in den Ausschnitt. Die Natur zahlt die Zeche. So platt es ist, so ergreifend.
Ich habe noch keine Inszenierung gesehen, in der so deutlich wird, dass die beiden ein Paar sind, und dass Erda genauso übel mitgespielt wird wie Fricka. Und auch hier haben die Frauen Recht und keinen schert´s.
Jetzt klar, warum mich Waldvogel und Erda so anmachen?
Das Finale: Es ist lang, es hat Längen. Mickisch hat in seinem Einführungsvortrag die Szene ironisch so kommentiert: die Frauen wollen reden, die Männer zur Sache kommen. Und genau das inszeniert Castorf. Eine Erlösung. Als Brünnhilde mit ihren Vatertochter-Jungfrauengesülze anfängt, wendet sich Siegfried (der auf Sex aus ist) gelangweilt ab; als er dann seinerseits anfängt, verbale Sülze zu produzieren, zieht sich Brünnhilde zurück und kommt, um den Ernst der Situation klarzumachen, im Brautkleid wieder auf die Bühne, und da sitzen sie dann und singen vor sich hin, anstatt zur Sache zu kommen, das verbale Pflichtprogramm wird abgearbeitet.
Dann kommen die Gummikrokodile und erlösen Augen und Verstand. Erst treiben es die beiden Krokodile (damit mal klar ist, worum es hier geht), dann frisst eines der Krokodile den Waldvogel, der sich ihm - aus Verzweiflung wg. Siegfried vermute ich mal - zum Fraße vorwirft. Am Ende ziehen aber Brünnhilde und Siegfried ihn wieder heraus, Liebekummer lohnt sich nicht, mein Darling, bis sie sich dann endlich in die Arme fallen und die Musik - von Trugschluß zu Trugschluß eilend und schließlich so dominant in die Tonika fallend, dass sogar ich es höre,- zeigt, was sich Castorf dann doch nicht zu zeigen traut, muss ja auch nicht sein.
Publikum tobt. Ironie ist nicht jedermanns Sache.
Wer hat mitbekommen, was während der Erweckungszene auf der Videoleinwand lief? Eine andere, sehr blutige Version der Story oder Alberichs Vergewaltigung von Hagens Mutter? Unter all dem Schmonz liegt nackte Gewalt. So it´s true.
Ich fands klasse. Leuchtende Liebe, lachender Tod: das ist doch schon auch blöder Kitsch, typisch Wagnersche Verbalsublimierung des Orgasmus. Nun, wir haben gelacht, ich jedenfalls, gekichert sogar, während mir - und DAS ist der Zauber Wagners - die Musik einen Schauer nach dem Anderen über den Rücken jagte.
Ansonsten waren manche Plattheiten zu sehen, Unausgegorenes, da kann noch nachgebessert werden, ein paar blöde musikalisch-szenische Kalauer für Fortgeschrittene, naja, der stärkste Gesamteindruck war es nicht. Nur mit Theater kommt man Wagner nicht bei.
Aber für die drei Szenen hat es sich schon gelohnt. Die werde ich aus dem Ring nie wieder herausbekommen. Herumstehende Erdas haben bei mir keine Chance mehr, und wo der Waldvogel nur eine Art märchenhafte Staffage mit halbherzigen Bühnenlösungen ist, buhe ich dann.
Und ich kann nur jedem raten: Lest die Texte! Wagner steckt voller Ironie und Überraschungen. Er war nicht so teutonisch, wie alle meinen. Gerade der Siegfried....
Ächz. Ich könnte noch mehr: Über essende und rauchende Sänger, über akrobatische Action und über den merkwürdigen Effekt, dass man auf das Video starrt, anstatt auf die Bühne. Andermal.
Heute übrigens kann ich Theurich von Spiegel-Online nicht in Allem folgen.
siegfried-in-bayreuth-ring-zum-dritten
Dienstag, 30. Juli 2013
Montag, 29. Juli 2013
Bayreuth 2013 Siegfried
Also ich werde zu denen gehören, die ihn lieben, diesen Ring. Castorf geht rotzfrech an Wagner ran und doch mit Bedacht und keinesweges ohne Konzept. Er hat die Musik verstanden, das ist gar keine Frage, oft sogar, wie soll ich sagen, besser als sie sich selbst. Und er hat, weil er verzichtet, eine Große Geschichte zu erzählen (die doch jeder Wagnerianer kennt - wer geht nach Bayreuth, ohne zu wissen, was ihn da erwartet?), viele wundervolle Ideen, zu visualisieren, was die Musik meint. Ich bin zu müde und kaputt und auch noch ganz voll davon. Morgen mehr. Manches ist auch doof, manches wohl auch einfach nur ein Einfall.
Aber genannt seien:
Siegfried als das, was er ist. Ein als solcher und zu nichts anderem erzogener Auftragskiller ohne emotionale Bremse, wiederlich. Ich mochte ihn nie!
Wotan bringt allen Frauen Unglück. Hier sieht man das endlich mal: Erda. Fantastisch, herzzereissend, macht einen wütend.
Das Finale: poetischer Überschwang. Leuchtende Liebe, lachender Tod. Das gab´s zu sehen, ich kam aus dem Feixen nicht mehr raus, und gleichzeitig Gänsehaut wegen der unglaublichen Musik, die von den Sängern und Sängerinnen mit einer Leichtigkeit geboten wurde, dass man es kaum begreifen kann.
Der Waldvogel: Endlich, endlich, endlich hat diese so entscheidende Figur, ohne die nach der ersten Szene, 2. Akt Siegfried überhaupt nichts mehr liefe (weil Siegfried nämlich zu doof ist) seinen großen, ganz großen, wundervollen, überwältigenden Auftritt, und eine alte Streitfrage ist beantwortet (von der Musik schon lange, von den Wagnerianern nur eben nicht): Der Waldvogel ist ein Erda-Geschöpft, die Natur selber greift ein, um das Schlimmste abzuwenden.
Ansonsten: die Musik ist gewaltätig und pornografisch, und nicht bloß "heldenhaft" und "erotisch". Castorf zeigt es. Eine Befreiung.
Morgen mehr.
Oder auch nicht.
Das Publikum tobte. ich fühlte mich als Applaudierender wie ein Dortmund-Fan in der Bayernkurve.
Die Geschichte wird mir recht geben.
Die Götterdämmerung wird ein Gemetzel.
Aber genannt seien:
Siegfried als das, was er ist. Ein als solcher und zu nichts anderem erzogener Auftragskiller ohne emotionale Bremse, wiederlich. Ich mochte ihn nie!
Wotan bringt allen Frauen Unglück. Hier sieht man das endlich mal: Erda. Fantastisch, herzzereissend, macht einen wütend.
Das Finale: poetischer Überschwang. Leuchtende Liebe, lachender Tod. Das gab´s zu sehen, ich kam aus dem Feixen nicht mehr raus, und gleichzeitig Gänsehaut wegen der unglaublichen Musik, die von den Sängern und Sängerinnen mit einer Leichtigkeit geboten wurde, dass man es kaum begreifen kann.
Der Waldvogel: Endlich, endlich, endlich hat diese so entscheidende Figur, ohne die nach der ersten Szene, 2. Akt Siegfried überhaupt nichts mehr liefe (weil Siegfried nämlich zu doof ist) seinen großen, ganz großen, wundervollen, überwältigenden Auftritt, und eine alte Streitfrage ist beantwortet (von der Musik schon lange, von den Wagnerianern nur eben nicht): Der Waldvogel ist ein Erda-Geschöpft, die Natur selber greift ein, um das Schlimmste abzuwenden.
Ansonsten: die Musik ist gewaltätig und pornografisch, und nicht bloß "heldenhaft" und "erotisch". Castorf zeigt es. Eine Befreiung.
Morgen mehr.
Oder auch nicht.
Das Publikum tobte. ich fühlte mich als Applaudierender wie ein Dortmund-Fan in der Bayernkurve.
Die Geschichte wird mir recht geben.
Die Götterdämmerung wird ein Gemetzel.
Bayreuth 2013 Ontologie des Ohres
Ich bekam von meiner Klavierlehrerin die Gesamtausgabe der Wagnerschen Schriften - die "Volksausgabe" - geschenkt, so dass ich schon recht früh auch den Theoretiker und Essayisten Wagner kennenlernte, parallel zu meiner Schopenhauer-Lektüre. Und jetzt bin ich ganz baff, dass ein Zitat Wagners, das einen Grundgedanken meiner Weltwahrnehmung beschreibt und sich mir daher nicht wörtlich, aber als Gedanke, eingeprägt hat, nun im Programmheft in Bayreuth auftaucht. Ich hatte als junger Student mal einen kleinen Text geschreiben darüber, dass das schlechthin metaphysische Organ gerade nicht das Auge ist (weil es das "physische" Organ ist), sondern eben das Ohr, weil es temporale Strukturen entschlüsselt. Kein Wunder bei einem protestantischen Theologen, möchte man das sofort sagen, kein Wunder, sage ich, weil der Protestantismus da einfach Recht hat und Bach mit Grund neben Luther steht. Und Wagner? Er ist, selbst im Parsifal, evangelischer als man auf den ersten Blick meint. Die "Rechtfertigung allein aus Glauben" steht doch über dem ganzen Ring: Wotan scheitert an den Werken. Hätte er auf Erda (dem Prinzip "Glauben") gehört...nun denn, ich möchte der staunenden Leserschaft das Wagnerzitat aus dem Programmheft nicht vorenthalten zur eigenen Urteilsbildung (und für mich zur endgültigen Einprägung). Es stammt aus Wagners wunderbar-wunderlicher Schrift über Beethoven:
"Eine nicht minder bestimmte Erfahrung ist nun aber dieses, dass neben der im Wachen wie im Traume als sichtbar sich darstellende Welt eine zweite, nur durch das Gehör wahrnehmbare, durch den Schall sich kundgebende Welt, also recht eigentlich eine Schallwelt neben der Lichtwelt, für unser Bewußtsein vorhanden ist, von welcher wir sagen können, sie verhalten sich zu dieser wie der Traum zum Wachen: sie uns nämlich ganz so deutlich wie jene, wenngleich wir sie als gänzlich verschieden von ihr erkennen müssen".
Erstaunlich in diesem Zusammenhange, wie viele "Wagnerianer" so auf das Sichtbare fixiert sind. Wagner selber sprach ja, ich zitierte es schon, aus Frust über den ersten Ringzyklus in Bayreuth, von dem "unsichtbaren Theater". Eine Inszenierung, die nicht einfach "zeigt, was da geschieht" ist also völlig konsequent. Die "Wahrheit" findet im Orchestergraben statt.
Mit beginnt das, was hier in Bayreuth gerade geschieht, immer besser zu gefallen.
"Eine nicht minder bestimmte Erfahrung ist nun aber dieses, dass neben der im Wachen wie im Traume als sichtbar sich darstellende Welt eine zweite, nur durch das Gehör wahrnehmbare, durch den Schall sich kundgebende Welt, also recht eigentlich eine Schallwelt neben der Lichtwelt, für unser Bewußtsein vorhanden ist, von welcher wir sagen können, sie verhalten sich zu dieser wie der Traum zum Wachen: sie uns nämlich ganz so deutlich wie jene, wenngleich wir sie als gänzlich verschieden von ihr erkennen müssen".
Erstaunlich in diesem Zusammenhange, wie viele "Wagnerianer" so auf das Sichtbare fixiert sind. Wagner selber sprach ja, ich zitierte es schon, aus Frust über den ersten Ringzyklus in Bayreuth, von dem "unsichtbaren Theater". Eine Inszenierung, die nicht einfach "zeigt, was da geschieht" ist also völlig konsequent. Die "Wahrheit" findet im Orchestergraben statt.
Mit beginnt das, was hier in Bayreuth gerade geschieht, immer besser zu gefallen.
Sonntag, 28. Juli 2013
Bayreuth 2013 Die Walküre. Innigkeit.
Ich bin heute morgen etwas erschöpft. Die Hitze macht mir doch zu schaffen. Aber gestern Abend war das nach ein paar wenigen Takten vergessen. Das war ganz anders als das Rheingold. Jetzt habe ich mir auch ein Programm gekauft und gelesen, wie die Produktionsbedingungen Einfluß auf die Gestaltung haben und wie Castorf das aufgenommen hat. Und ich muss sagen: Respekt.
Manchmal gebiert die Not Großes.
Worum geht es? Er hatte zu wenig zusammenhängende Probenzeit. Er musste die 4 Dramen aktweise proben, immer nach dem, was an Material und Menschen gerade zur Verfügung stand. Also: ein Akt Götterdämmerung, ein Akt Rheingold, ein Akt Walküre etc. So war er gar nicht in der Lage, schreibt er, so etwas wie eine zusammenhängende Dramaturgie zu entwerfen, und irgendwann habe er das auch nicht gebraucht und ganz bewußt an die Kategorie des "Fragments" aus der ästhetischen Theorie der Romantik angeknüpft. So also: nicht nur wie weiland in Stuttgart jeder Oper ein Werk für sich, sondern sogar einzelne Akte oder gar einzelne Elemente, in der Hoffnung, dass die Musik sie zusammenhält.
Das funktionierte gestern Abend sehr gut, die Walküre hatte, trotzt bombastischer Bühen, etwas Kammerspielhaftes. Und sie sie warf auch noch einmal ein rückblickend gutes Licht auf das Rheingold. Es ist eben doch ein zusammenhängendes Werk, und so werden die Rückverweise, mit denen die Musik ja arbeitet, immer wichtiger werden.
Der Mythos, um den ich mir Sorgen machte, liegt, ganz im Sinne von Nietzsches Geburt der Tragödie, in der Musik. Gestern abend wurde er aber auch sichtbar. Das Schwert spielte eine optische Hauptrolle, und das Bild der ausgelassenen, ihre Freiheit ahnenende (und in Wahrheit auf tragische Weise nichtsahnende) Sieglinde, die mit dem Schwert regelrecht tanzte, wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Die Sänger alle absolut top, die Brünnhilde mit Einstiegsproblemen, was zu Buhs führte, die aber im zweiten Akt vergessen waren. Das Orchester der schiere Wahnsinn. Von Verhaltensein wie beim Rheingold keine Spur. Und das tolle in Bayreuth: selbst richtig laut ist niemals Krach. Ich war selig, ganz ernsthaft. Hitze, schmerzendes Knie: alles vergessen, nach wenigen Takten. Das ist schon was.
Etwas ganz seltsames passiert mit dem Mythos. Natürlich passen ein Schwert und Götter nicht ins Aserbeidschan der 20er Jahre. Die äußere Themenebene - das Erdöl - liegt wie eine Art Tapete über dem Ganzen. Es ist eine Interpretationsebene durch Bilder und Gesten, die sehr stark sind, aber immer nur ein Angebot. Es muss gar nicht passsen. Gestern habe ich ja geschrieben, dass Obertitel beim Rheingold nicht funktioniert hätten, weil der Hiat zwischen Text, Musik und Dramaturgie zu deutlich geworden wäre. Heute wären sie sogar gut gewesen, weil sie den Hiat noch sichtbarer gemacht hätten. Es ist völlig klar, dass die "Erdöl"-Interpretation ein solche ist, ein Angebot. Unterhalb der Geschichte wirkt der Mythos. Und das ist ganz schlüssig, auch wenn man über das Aserbeidschan der Revolutionszeit nichts weiß. Da spielt nun wieder das Video eine große Rolle, und gestern war ich dafür sehr dankbar. Die Walküre hat unzweifelhaft himmlische dramaturgische Längen, mehrere Monologe, die sich über 15 Minuten und mehr hinziehen, sind für die Inszenierung immer eine Herausforderung. Castorf inszenierte sie aber aus: über Videos und verhaltene Hintergrundaction. Da konnte man mitmachen, musste aber nicht. Die Schauspieler agierten im Ganzen recht zurückhaltend.
Und was mich dabei total überraschte und vom ersten Moment an tief berührte und unter Wasser setzte: ausgerechnet der Spektakel-Regisseur Castorf brachte eine Walküre auf die Bühne, die vom ersten Moment an innig war. Zwei große, hochproblematische Liebesgeschichten, die von Siegmund und Sieglinde und von Wotan und Brünnhilde, waren vom ersten Moment an als amour fou präsent, so "tristanmässig" habe ich die Walküre noch nicht erlebt. Selbstverständlich waren der Feuerzauber und der Abschied Wotans von seiner Tochter für mich wieder hart an der Grenze des Erträglichen, und gestern war es besonders schlimm. Mein Gott, als Vater die eigene Tochter so reinzureiten, unerträglicher Gedanke. Echtes Feuer auf der Bühne wirkt unglaublich: MAN SPÜRTE DIE HITZE, die zusätzliche.
Und auch wieder toll: die Freude an der Weiblichkeit. Die Walküren, ganz ohne Pferde, rauhbeinig, unglaublich feminin, ausgeprägte Individuen. Die Kamera gab ihnen weiten Raum, und so wurde mir auch zum ersten Mal fast physisch spürbar deutlich, was auch für diese Frauen und Mädchen das Geschehen bedeutet: Das Ende. Und einige von den Sängerinnen spielten das auch aus - die Kamera war währende des gesamten "Walkürenrittes" ständig auf einem der Gesichter, und sie waren großartig. Von verschreckter Kleinmädchenangst bis rauhbeinigem "Was will der Alte" zeigten die schnapssaufenden Damen viel Gefühl. Toll.
*****
Entmythologisierung kann ja Dreierlei bedeuten:
1. Man verleugnet den Mythos: dann kehrt er anderswo unkontrolliert anderswo wieder. Das war meine Sorge im Rheingold. Dem ist nicht so, und dem war auch nicht so. Als Theologe freut mich das. Denn diese Form der Entmythologisierung ist ein krasses Missverständnis davon, was Säkularisierung meint.
2. Man "übersetzt" den Mythos. Das ist jenes Missverständnis, dass meint, es gebe so etwas wie einen aus der Form lösbaren Inhalt, den man dann in andere,"moderne", "zeitgemäße" oder "menschenfreundlichere" Bilder übersetzen könne. Das ist die Wort-zum-Sonntag-Hermeneutik, die mich schier zum Wahnsinn treibt. Weil da am Ende nur blöde, unbegründete Moral herauskkommt und der Glaube auf das bloße Humanum reduziert wird. Für Wagner hieße das dann: was will uns Wagner heute sagen? Eine im Ansatz groteske Frage. Er will uns gar nichts sagen. Er will uns Musik und Theater vorführen, er will uns bewegen, ergreifen und verändern. Aber nicht durch "im Mythos verpackte Botschaften". Bäh. Auch wenn er das zuweilen anders sah. Gottseindank ist das Werk immer klüger als sein Autor.
3. Man erzählt den Mythos einfach. Wenn er wirkt, entmythologisiert er sich selber und verwandelt sich in Klarheit. Zu mystisch? Eben! Ich finde, auf diesem Wege wandelt der Bayreuther Ring. Der Mythos ist da, und die Bilder und Gesten liegen über ihm, und die Geschichte (sowohl als Story wie als History) läuft in ihm ab. Der Mythos ist das Mehr der Wirklichkeit - in Bayreuth durch das unsichtbare Orchester schon fast kalauerhaft deutlich.
Wenn wir das doch nur den Mut hätten, auf der Kanzel so von Gott zu reden, anstatt dauernd irgendetwas zu erklären. Einfach spielen.
Also jetzt bin ich auf Siegfried total gespannt: Immerhin haben wir es da mit einem Drachen zu tun, mit sprechenden Vögeln und recht heftiger Musik. Wenn Castorf an die Walküre nicht anknüpft (sondern auch das wieder souverän der Musik überlässt) werden wir also eine weitere Interpretation von Brünnhildes Schlaf zu sehen bekommen. Darauf freue ich mich am meisten.
Das Publikum war begeistert. Wenn die Inszenierung die Kraft behält, die sie bisher gezeigt hat, kann das ein richtiger Triumph werden. It work´s.
Die Musiker waren fabelhaft. Was soll ich dazu groß sagen. Dieser olympische Aspekt von Oper interessiert mich eigentlich nur am Rande. Ist doch oft eine Frage der Tagesform.
Ansonsten kann ich in vielem der Rezension von Werner Theurich auf Spiegel-Online wieder gut folgen. frank-castorf-inszeniert-wagners-walkuere-in-bayreuth-2013-a-913530.html
Manchmal gebiert die Not Großes.
Worum geht es? Er hatte zu wenig zusammenhängende Probenzeit. Er musste die 4 Dramen aktweise proben, immer nach dem, was an Material und Menschen gerade zur Verfügung stand. Also: ein Akt Götterdämmerung, ein Akt Rheingold, ein Akt Walküre etc. So war er gar nicht in der Lage, schreibt er, so etwas wie eine zusammenhängende Dramaturgie zu entwerfen, und irgendwann habe er das auch nicht gebraucht und ganz bewußt an die Kategorie des "Fragments" aus der ästhetischen Theorie der Romantik angeknüpft. So also: nicht nur wie weiland in Stuttgart jeder Oper ein Werk für sich, sondern sogar einzelne Akte oder gar einzelne Elemente, in der Hoffnung, dass die Musik sie zusammenhält.
Das funktionierte gestern Abend sehr gut, die Walküre hatte, trotzt bombastischer Bühen, etwas Kammerspielhaftes. Und sie sie warf auch noch einmal ein rückblickend gutes Licht auf das Rheingold. Es ist eben doch ein zusammenhängendes Werk, und so werden die Rückverweise, mit denen die Musik ja arbeitet, immer wichtiger werden.
Der Mythos, um den ich mir Sorgen machte, liegt, ganz im Sinne von Nietzsches Geburt der Tragödie, in der Musik. Gestern abend wurde er aber auch sichtbar. Das Schwert spielte eine optische Hauptrolle, und das Bild der ausgelassenen, ihre Freiheit ahnenende (und in Wahrheit auf tragische Weise nichtsahnende) Sieglinde, die mit dem Schwert regelrecht tanzte, wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Die Sänger alle absolut top, die Brünnhilde mit Einstiegsproblemen, was zu Buhs führte, die aber im zweiten Akt vergessen waren. Das Orchester der schiere Wahnsinn. Von Verhaltensein wie beim Rheingold keine Spur. Und das tolle in Bayreuth: selbst richtig laut ist niemals Krach. Ich war selig, ganz ernsthaft. Hitze, schmerzendes Knie: alles vergessen, nach wenigen Takten. Das ist schon was.
Etwas ganz seltsames passiert mit dem Mythos. Natürlich passen ein Schwert und Götter nicht ins Aserbeidschan der 20er Jahre. Die äußere Themenebene - das Erdöl - liegt wie eine Art Tapete über dem Ganzen. Es ist eine Interpretationsebene durch Bilder und Gesten, die sehr stark sind, aber immer nur ein Angebot. Es muss gar nicht passsen. Gestern habe ich ja geschrieben, dass Obertitel beim Rheingold nicht funktioniert hätten, weil der Hiat zwischen Text, Musik und Dramaturgie zu deutlich geworden wäre. Heute wären sie sogar gut gewesen, weil sie den Hiat noch sichtbarer gemacht hätten. Es ist völlig klar, dass die "Erdöl"-Interpretation ein solche ist, ein Angebot. Unterhalb der Geschichte wirkt der Mythos. Und das ist ganz schlüssig, auch wenn man über das Aserbeidschan der Revolutionszeit nichts weiß. Da spielt nun wieder das Video eine große Rolle, und gestern war ich dafür sehr dankbar. Die Walküre hat unzweifelhaft himmlische dramaturgische Längen, mehrere Monologe, die sich über 15 Minuten und mehr hinziehen, sind für die Inszenierung immer eine Herausforderung. Castorf inszenierte sie aber aus: über Videos und verhaltene Hintergrundaction. Da konnte man mitmachen, musste aber nicht. Die Schauspieler agierten im Ganzen recht zurückhaltend.
Und was mich dabei total überraschte und vom ersten Moment an tief berührte und unter Wasser setzte: ausgerechnet der Spektakel-Regisseur Castorf brachte eine Walküre auf die Bühne, die vom ersten Moment an innig war. Zwei große, hochproblematische Liebesgeschichten, die von Siegmund und Sieglinde und von Wotan und Brünnhilde, waren vom ersten Moment an als amour fou präsent, so "tristanmässig" habe ich die Walküre noch nicht erlebt. Selbstverständlich waren der Feuerzauber und der Abschied Wotans von seiner Tochter für mich wieder hart an der Grenze des Erträglichen, und gestern war es besonders schlimm. Mein Gott, als Vater die eigene Tochter so reinzureiten, unerträglicher Gedanke. Echtes Feuer auf der Bühne wirkt unglaublich: MAN SPÜRTE DIE HITZE, die zusätzliche.
Und auch wieder toll: die Freude an der Weiblichkeit. Die Walküren, ganz ohne Pferde, rauhbeinig, unglaublich feminin, ausgeprägte Individuen. Die Kamera gab ihnen weiten Raum, und so wurde mir auch zum ersten Mal fast physisch spürbar deutlich, was auch für diese Frauen und Mädchen das Geschehen bedeutet: Das Ende. Und einige von den Sängerinnen spielten das auch aus - die Kamera war währende des gesamten "Walkürenrittes" ständig auf einem der Gesichter, und sie waren großartig. Von verschreckter Kleinmädchenangst bis rauhbeinigem "Was will der Alte" zeigten die schnapssaufenden Damen viel Gefühl. Toll.
*****
Entmythologisierung kann ja Dreierlei bedeuten:
1. Man verleugnet den Mythos: dann kehrt er anderswo unkontrolliert anderswo wieder. Das war meine Sorge im Rheingold. Dem ist nicht so, und dem war auch nicht so. Als Theologe freut mich das. Denn diese Form der Entmythologisierung ist ein krasses Missverständnis davon, was Säkularisierung meint.
2. Man "übersetzt" den Mythos. Das ist jenes Missverständnis, dass meint, es gebe so etwas wie einen aus der Form lösbaren Inhalt, den man dann in andere,"moderne", "zeitgemäße" oder "menschenfreundlichere" Bilder übersetzen könne. Das ist die Wort-zum-Sonntag-Hermeneutik, die mich schier zum Wahnsinn treibt. Weil da am Ende nur blöde, unbegründete Moral herauskkommt und der Glaube auf das bloße Humanum reduziert wird. Für Wagner hieße das dann: was will uns Wagner heute sagen? Eine im Ansatz groteske Frage. Er will uns gar nichts sagen. Er will uns Musik und Theater vorführen, er will uns bewegen, ergreifen und verändern. Aber nicht durch "im Mythos verpackte Botschaften". Bäh. Auch wenn er das zuweilen anders sah. Gottseindank ist das Werk immer klüger als sein Autor.
3. Man erzählt den Mythos einfach. Wenn er wirkt, entmythologisiert er sich selber und verwandelt sich in Klarheit. Zu mystisch? Eben! Ich finde, auf diesem Wege wandelt der Bayreuther Ring. Der Mythos ist da, und die Bilder und Gesten liegen über ihm, und die Geschichte (sowohl als Story wie als History) läuft in ihm ab. Der Mythos ist das Mehr der Wirklichkeit - in Bayreuth durch das unsichtbare Orchester schon fast kalauerhaft deutlich.
Wenn wir das doch nur den Mut hätten, auf der Kanzel so von Gott zu reden, anstatt dauernd irgendetwas zu erklären. Einfach spielen.
Also jetzt bin ich auf Siegfried total gespannt: Immerhin haben wir es da mit einem Drachen zu tun, mit sprechenden Vögeln und recht heftiger Musik. Wenn Castorf an die Walküre nicht anknüpft (sondern auch das wieder souverän der Musik überlässt) werden wir also eine weitere Interpretation von Brünnhildes Schlaf zu sehen bekommen. Darauf freue ich mich am meisten.
Das Publikum war begeistert. Wenn die Inszenierung die Kraft behält, die sie bisher gezeigt hat, kann das ein richtiger Triumph werden. It work´s.
Die Musiker waren fabelhaft. Was soll ich dazu groß sagen. Dieser olympische Aspekt von Oper interessiert mich eigentlich nur am Rande. Ist doch oft eine Frage der Tagesform.
Ansonsten kann ich in vielem der Rezension von Werner Theurich auf Spiegel-Online wieder gut folgen. frank-castorf-inszeniert-wagners-walkuere-in-bayreuth-2013-a-913530.html
Samstag, 27. Juli 2013
Bayreuth 2013, Rheingold, zur Inszenierung
Nun denn also. Ich habe mir bewußt kein Programmheft gekauft und wollte nur erst einmal schauen. Das habe ich dann ja auch getan, und zu sehen gab es ja genug.
Eine Tankstelle mit Motel, auf mehreren Ebenen, 60er oder 70er Jahre Stil, leicht verkommen. Die Akteure deutlich dem halbkriminellen Mileu zugehörig, die Frauen vor allem. In der Rezension von Theurich auf Spiegel-Online, der ich gut folgen kann, ist von blonden Miezen die Rede, ich würde eher von Wuchtbrummen sprechen. Da war richtig viel "Weib" auf der Bühne, vor allem Fricka, die ja gerne mal ein wenig "frigide" dargestellt wird. Wotan hat es, was das betrifft, ziemlich gut, und so sieht man ihn mit Fricka und Freia im Bett. Immerhin bekleidet, sage ich mal.
Denn - der Film (aha, jetzt ist es mir herausgesrutscht)- die Oper arbeitet immer hart am Rand des "Expliziten", Terentino und Meyer lassen in der Tat grüßen, aber auch die Road movies der 60er oder gar James Dean.
Denn - das für mich Auffälligste und Bewegendste war die ungeheure Präsenz roher physischer Gewalt. Nicht nur die Riesen kommen als Schlägertypen von furcheinflössender Brutalität daher. Auch die Rheintöchter strahlen in ihrer Laszivität Gewaltbereitschaft aus. Und so wird Alberich von ihnen schließlich auch regelrecht misshandelt, was bei ihm zu einem Ausbruch von autoaggressiver Gewalt führt (er beschmiert sich mit Senf!) und im autoaggressiven Akt schlechthin, der Selbstverfluchung, mündet. Denn wer der Liebe flucht, der flucht sich auch selbst.
Das ist alles irgendwie schlüssig, kurzweilig, auch z.T. ein wenig Gag-orientiert. Aber natürlich zu 60 Prozent am Text vorbei. Und so gibt es immer wieder Momente, in denen die Handlung stillsteht und selbst auf der Videowand nix passiert. Und damit bin ich beim Kern dessen, was mich umtreibt. Was wird aus dem Mythos? Was wird aus Schwert, Speer und Ring? Speer und Ring tauchen nur ganz am Rande auf. Als Wotan Donner (mit Pistole) zurechtweist: "Nicht mit Gewalt" hört man ja, dass Wotan dazu seinen Speer einsetzt. Aber man sieht nur, dass er zu einer Eisenstange greift, die er hinterher wieder abstellt. Der Ring hat keine wirkliche Gestalt, und auch der Tarnhelm ist, wie soll ich sagen, nicht das, was er in der Musik ist, auch wenn Castorf eine sehr pfiffige, und vom Publikum mit beifälligen Auflachen belohnte, Lösung für Alberichs Verwandlung fand.
Da bin ich jetzt gespannt, wie das weitergeht, wenn das Schwert ins Spiel kommt. Welche Phantasie hat dieser mafiöse Wotan zur Rettung seiner Welt? Wenn es doch offensichtlich doch nur mit Gewalt geht? Und was geschieht mit den mythischen Symbolen? Wenn sie nur Staffage bleiben oder einfach nur übesetzt werden, wird der Hiat zwischen Musik, Text, Handlung und Bühnenbild zu groß werden. Das ist meine Frage. Und meine Sorge. Übrigens von Anfang an, schon als ich nur hörte, was Castorf vorhat. Wird das Konzept tragen? Oder gewinnt am Ende die Musik?
Die Sänger und Sängerinnen wurden extrem schauspielerisch geführt. Das machte ihnen offensichtlich sehr großen Spaß. Und mir auch. Geht doch. Das Rampenrumgestehe tut keinem gut. Das finde ich schon einmal wirklich klasse.
Am beeindruckensten: Erda. Hier habe ich zum ersten Mal verstanden, was für eine chthontische Urmacht hier erscheint und welches unglaubliche, keineswegs nur mentale Begehren sie in Wotan auslöst - und warum sie so ein unglaublich verführerisches, wahrhaft aufgeilendes (verzeihung, aber so ist es!) Thema hat. Erda war hier ganz nah an Kundry und Venus: Großartig.
Und schließlich: Es wird bestimmt viel Castorf-Bashing geben, und ich bin, wie man hoffentlich merkt, auch noch nicht so schlüssig, ob ers es gepackt hat.
Ich sage es mal so: vielleicht fehlt doch etwas Peter Jackson....
Auf einer ersten oberflächlichen Ebene aber möchte ich eines festhalten: Bei allem, was er tun lässt, bleibt er nah an der Musik als Gestus (nicht als Narrativ!). Die Partitur kennt er und auf den Dirigenten hat er gehört. Bis hin zu gestischen Kalauern aller Art.
Mal sehen. Heute Abend wird es ernst. Welche Bilder von Gewalt und Sex mögen wohl der geschwisterliche Inzest, die gewalverliebte Walkürenschar und die nicht ganz saubere Vater-Tochter-Beziehung bei Castorf ausgelöst haben? Hoffentlich wird es jetzt bald Abend!!!!
Eine Tankstelle mit Motel, auf mehreren Ebenen, 60er oder 70er Jahre Stil, leicht verkommen. Die Akteure deutlich dem halbkriminellen Mileu zugehörig, die Frauen vor allem. In der Rezension von Theurich auf Spiegel-Online, der ich gut folgen kann, ist von blonden Miezen die Rede, ich würde eher von Wuchtbrummen sprechen. Da war richtig viel "Weib" auf der Bühne, vor allem Fricka, die ja gerne mal ein wenig "frigide" dargestellt wird. Wotan hat es, was das betrifft, ziemlich gut, und so sieht man ihn mit Fricka und Freia im Bett. Immerhin bekleidet, sage ich mal.
Denn - der Film (aha, jetzt ist es mir herausgesrutscht)- die Oper arbeitet immer hart am Rand des "Expliziten", Terentino und Meyer lassen in der Tat grüßen, aber auch die Road movies der 60er oder gar James Dean.
Denn - das für mich Auffälligste und Bewegendste war die ungeheure Präsenz roher physischer Gewalt. Nicht nur die Riesen kommen als Schlägertypen von furcheinflössender Brutalität daher. Auch die Rheintöchter strahlen in ihrer Laszivität Gewaltbereitschaft aus. Und so wird Alberich von ihnen schließlich auch regelrecht misshandelt, was bei ihm zu einem Ausbruch von autoaggressiver Gewalt führt (er beschmiert sich mit Senf!) und im autoaggressiven Akt schlechthin, der Selbstverfluchung, mündet. Denn wer der Liebe flucht, der flucht sich auch selbst.
Das ist alles irgendwie schlüssig, kurzweilig, auch z.T. ein wenig Gag-orientiert. Aber natürlich zu 60 Prozent am Text vorbei. Und so gibt es immer wieder Momente, in denen die Handlung stillsteht und selbst auf der Videowand nix passiert. Und damit bin ich beim Kern dessen, was mich umtreibt. Was wird aus dem Mythos? Was wird aus Schwert, Speer und Ring? Speer und Ring tauchen nur ganz am Rande auf. Als Wotan Donner (mit Pistole) zurechtweist: "Nicht mit Gewalt" hört man ja, dass Wotan dazu seinen Speer einsetzt. Aber man sieht nur, dass er zu einer Eisenstange greift, die er hinterher wieder abstellt. Der Ring hat keine wirkliche Gestalt, und auch der Tarnhelm ist, wie soll ich sagen, nicht das, was er in der Musik ist, auch wenn Castorf eine sehr pfiffige, und vom Publikum mit beifälligen Auflachen belohnte, Lösung für Alberichs Verwandlung fand.
Da bin ich jetzt gespannt, wie das weitergeht, wenn das Schwert ins Spiel kommt. Welche Phantasie hat dieser mafiöse Wotan zur Rettung seiner Welt? Wenn es doch offensichtlich doch nur mit Gewalt geht? Und was geschieht mit den mythischen Symbolen? Wenn sie nur Staffage bleiben oder einfach nur übesetzt werden, wird der Hiat zwischen Musik, Text, Handlung und Bühnenbild zu groß werden. Das ist meine Frage. Und meine Sorge. Übrigens von Anfang an, schon als ich nur hörte, was Castorf vorhat. Wird das Konzept tragen? Oder gewinnt am Ende die Musik?
Die Sänger und Sängerinnen wurden extrem schauspielerisch geführt. Das machte ihnen offensichtlich sehr großen Spaß. Und mir auch. Geht doch. Das Rampenrumgestehe tut keinem gut. Das finde ich schon einmal wirklich klasse.
Am beeindruckensten: Erda. Hier habe ich zum ersten Mal verstanden, was für eine chthontische Urmacht hier erscheint und welches unglaubliche, keineswegs nur mentale Begehren sie in Wotan auslöst - und warum sie so ein unglaublich verführerisches, wahrhaft aufgeilendes (verzeihung, aber so ist es!) Thema hat. Erda war hier ganz nah an Kundry und Venus: Großartig.
Und schließlich: Es wird bestimmt viel Castorf-Bashing geben, und ich bin, wie man hoffentlich merkt, auch noch nicht so schlüssig, ob ers es gepackt hat.
Ich sage es mal so: vielleicht fehlt doch etwas Peter Jackson....
Auf einer ersten oberflächlichen Ebene aber möchte ich eines festhalten: Bei allem, was er tun lässt, bleibt er nah an der Musik als Gestus (nicht als Narrativ!). Die Partitur kennt er und auf den Dirigenten hat er gehört. Bis hin zu gestischen Kalauern aller Art.
Mal sehen. Heute Abend wird es ernst. Welche Bilder von Gewalt und Sex mögen wohl der geschwisterliche Inzest, die gewalverliebte Walkürenschar und die nicht ganz saubere Vater-Tochter-Beziehung bei Castorf ausgelöst haben? Hoffentlich wird es jetzt bald Abend!!!!
Freitag, 26. Juli 2013
Rheingold Bayreuth 2013
So. Eines weiß ich jetzt: Wer Bayreuth nicht erlebt hat, ist ein Muggel.
Das unsichtbare Orchester und die konsequente Guckkasten-architektur vermitteln das totale Erlebnis. Man ist nach wenigen Minuten völlig versunken. Der Orchesterklang ist so klar, das ich zum ersten Mal nicht die "Leitmotive" irgendwie orten oder wahrnehmen musste. Sie waren einfach da.
Durchsichtig war der Klang bis zur visuellen Klarheit (was die Inszenierung - dazu dann morgen - deutlich untestützte), auch wenn Petrenko, wie ich aus berufenem Munde als erste Einschätzung hörte, offensichtlich die dynamischen Möglichkeiten des Raumes und des Orchesters nicht bis zum letzten ausnutzte. Na, dann wartet ja noch was auf mich, denn ich war heute schon mehr als baff.
Die 2 1/2 Stunden vergingen nicht zuletzt deswegen wie im Flug. Die Stimmen (heute bis auf Freya und Erda auch eher verhalten, wie ich fand, weil die Sänger und Sängerinnen sehr mit Bewegung und Schauspiel beschäftigt waren), sie Stimmen also liegen über der Musik und werden nie von ihr bedrängt. Man versteht, was gesungen wird (meistens). Ich bin mal gespannt, wie jetzt der Klang des offenen Grabens z.b. in Kassel auf mich wirken wird. Tschingdarassabum?
Von meinem Platz aus (okay, der Teuerste des Hauses, das geht auch nur einmal im Leben, ich habe das mit meinen Erben besprochen) konnte man alles sehen, auch die wahrnsinnige Tiefe der Bühne.
Castorf überträgt zudem Live-Kamerabilder auf eine gewaltige Videowand im oberen Bühnendrittel. Dadurch war permanent "action" auf der Bühne.
Ein bemerkenswerter Effekt unter dem Aspekt des Gesamtkunstwerkes: während das Orchester eine Version der Geschichte erzählte, die sich mit der eigentlichen Bühnenaction nicht immer deckte (dazu morgen mehr), erzählte Castorf die Geschichte auch im Hintergrund, der nicht einsehbar ist, weiter, und konnte damit die Geschichte, die die Musik erzählt, oft verblüffend visualisieren (eindrücklich: Wotans Knutscherei mit Erda - die Musik gibts her!!!! Irgendwie muss ja Brünnhilde zu Stande gekommen sein, und bei Castorf deutlich durch einvernehmlichen Sex. Man wird sehen).
Also: Bayreuth lohnt sich, das ist in der Tat eine von den 1000 Sachen, die man als Operfan gemacht haben sollte, bevor man stirbt. Also bitte, gib mir noch wenigstens 6 Tage.
Und alle Muggel sollten lieber etwas vorsichtiger sein mit dem, was sie sagen. Ich sitze auf dem absoluten Bonzenplatz, und ich will lieber gar nicht so genau wissen, wer schon alles mit seinem Nazi- oder sonstwie Hintern in den ehrwürdigen Sessel gefurzt hat. Aber wer auch immer: ich kann verstehen, dass selbst Massenmörder und Psychokrüppel der heftigsten Sorte hier dahingschmelzen. Es ist eine Droge. Und wie alle Drogen macht die Dosis das Gift und die Umstände ihrer Einnahme. Ich werde mich sicher für Bayreuth nicht ruinieren. Aber den Parsifal, dieses schreckliche, unglaublich schöne Ding (siehe meinen Blog zur Kasseler Aufführung) muss ich dann doch mal sehen, weil er für dieses Musik-Kino-Theater-Event-Haus geschrieben wurde.
Das Publikum vermittelt genau das. Es gibt sie wirklich, die Hohenpriester des Wagnertums, die mit Fresse aus der Vorstellung kamen, vielleicht einfach auch nur aus Dummheit oder Sturheit.
Aber die weit größere Mehrheit war sichtbar in angeregte, heitere Gespräche vertieft und kam mit jenem lockern Beinschwung aus dem Haus, der mit der Glückseligkeit verbunden ist. Wer nicht vesteht, was Bayreuth für einen Opernfan bedeutet, muss also wirklich aufpassen, wie er davon redet. Das gilt natürlich gleichermaßen - ich will es wirklich in Analogie setzen - von Menschen, die noch nie beim Rock am Ring waren oder bei einem der großen Folkfestivals.
Und Wagner, soviel steht fest, kann man ohne Bayreuth schon gar nicht im Letzten verstehen. Das war seine Vision. Und nach allem, was ich bisher davon weiß (also Amateur): so nah an dem, was Wagner vorschwebte als Kunstwerk der Zukunft wie heute waren wir nie, schlicht aus technischen Gründen, sängerisch, inszenatorisch und medial.
Bayreuth ist, wenn man es mal so sagen darf, auratisches Senssourround-Kino. Adorno hat Unrecht, wenn er sagt, Wagner sei der Erfinder der Filmmusik. Es ist andersherum. Kino ist der technisch reproduzierte Versuch, Wagner zu imitieren: Vergeblich im Ansatz. Auf der Leinwand sind nur Schatten, aus den Lautsprechern kommen nur analoge Signale. In Bayreuth agieren Menschen. Es ist das humane Gesamtkunstwerk schlechthin (wie es die Messe einmal war).
Soviel erst einmal von einem Bayreuth-Frischling.
Morgen dann etwas zur Inszenierung.Stichworte: Erotik bis an die Pornografiegrenze (oh, was werden wir in der Walküre zu sehen bekommen?), lauter leicht verkommene Prachtweiber; Gewalthaltigkeit bis an die Brutalitätsgrenze (ich freu mich schon auf Hunding und Hagen), Kalauer und das Scheitern am Mythos; Russ Meyer und Quentin Tarantino. Wieso Öl und nicht Koks, fragt man sich? Und wo ist der Speer?
Das unsichtbare Orchester und die konsequente Guckkasten-architektur vermitteln das totale Erlebnis. Man ist nach wenigen Minuten völlig versunken. Der Orchesterklang ist so klar, das ich zum ersten Mal nicht die "Leitmotive" irgendwie orten oder wahrnehmen musste. Sie waren einfach da.
Durchsichtig war der Klang bis zur visuellen Klarheit (was die Inszenierung - dazu dann morgen - deutlich untestützte), auch wenn Petrenko, wie ich aus berufenem Munde als erste Einschätzung hörte, offensichtlich die dynamischen Möglichkeiten des Raumes und des Orchesters nicht bis zum letzten ausnutzte. Na, dann wartet ja noch was auf mich, denn ich war heute schon mehr als baff.
Die 2 1/2 Stunden vergingen nicht zuletzt deswegen wie im Flug. Die Stimmen (heute bis auf Freya und Erda auch eher verhalten, wie ich fand, weil die Sänger und Sängerinnen sehr mit Bewegung und Schauspiel beschäftigt waren), sie Stimmen also liegen über der Musik und werden nie von ihr bedrängt. Man versteht, was gesungen wird (meistens). Ich bin mal gespannt, wie jetzt der Klang des offenen Grabens z.b. in Kassel auf mich wirken wird. Tschingdarassabum?
Von meinem Platz aus (okay, der Teuerste des Hauses, das geht auch nur einmal im Leben, ich habe das mit meinen Erben besprochen) konnte man alles sehen, auch die wahrnsinnige Tiefe der Bühne.
Castorf überträgt zudem Live-Kamerabilder auf eine gewaltige Videowand im oberen Bühnendrittel. Dadurch war permanent "action" auf der Bühne.
Ein bemerkenswerter Effekt unter dem Aspekt des Gesamtkunstwerkes: während das Orchester eine Version der Geschichte erzählte, die sich mit der eigentlichen Bühnenaction nicht immer deckte (dazu morgen mehr), erzählte Castorf die Geschichte auch im Hintergrund, der nicht einsehbar ist, weiter, und konnte damit die Geschichte, die die Musik erzählt, oft verblüffend visualisieren (eindrücklich: Wotans Knutscherei mit Erda - die Musik gibts her!!!! Irgendwie muss ja Brünnhilde zu Stande gekommen sein, und bei Castorf deutlich durch einvernehmlichen Sex. Man wird sehen).
Also: Bayreuth lohnt sich, das ist in der Tat eine von den 1000 Sachen, die man als Operfan gemacht haben sollte, bevor man stirbt. Also bitte, gib mir noch wenigstens 6 Tage.
Und alle Muggel sollten lieber etwas vorsichtiger sein mit dem, was sie sagen. Ich sitze auf dem absoluten Bonzenplatz, und ich will lieber gar nicht so genau wissen, wer schon alles mit seinem Nazi- oder sonstwie Hintern in den ehrwürdigen Sessel gefurzt hat. Aber wer auch immer: ich kann verstehen, dass selbst Massenmörder und Psychokrüppel der heftigsten Sorte hier dahingschmelzen. Es ist eine Droge. Und wie alle Drogen macht die Dosis das Gift und die Umstände ihrer Einnahme. Ich werde mich sicher für Bayreuth nicht ruinieren. Aber den Parsifal, dieses schreckliche, unglaublich schöne Ding (siehe meinen Blog zur Kasseler Aufführung) muss ich dann doch mal sehen, weil er für dieses Musik-Kino-Theater-Event-Haus geschrieben wurde.
Das Publikum vermittelt genau das. Es gibt sie wirklich, die Hohenpriester des Wagnertums, die mit Fresse aus der Vorstellung kamen, vielleicht einfach auch nur aus Dummheit oder Sturheit.
Aber die weit größere Mehrheit war sichtbar in angeregte, heitere Gespräche vertieft und kam mit jenem lockern Beinschwung aus dem Haus, der mit der Glückseligkeit verbunden ist. Wer nicht vesteht, was Bayreuth für einen Opernfan bedeutet, muss also wirklich aufpassen, wie er davon redet. Das gilt natürlich gleichermaßen - ich will es wirklich in Analogie setzen - von Menschen, die noch nie beim Rock am Ring waren oder bei einem der großen Folkfestivals.
Und Wagner, soviel steht fest, kann man ohne Bayreuth schon gar nicht im Letzten verstehen. Das war seine Vision. Und nach allem, was ich bisher davon weiß (also Amateur): so nah an dem, was Wagner vorschwebte als Kunstwerk der Zukunft wie heute waren wir nie, schlicht aus technischen Gründen, sängerisch, inszenatorisch und medial.
Bayreuth ist, wenn man es mal so sagen darf, auratisches Senssourround-Kino. Adorno hat Unrecht, wenn er sagt, Wagner sei der Erfinder der Filmmusik. Es ist andersherum. Kino ist der technisch reproduzierte Versuch, Wagner zu imitieren: Vergeblich im Ansatz. Auf der Leinwand sind nur Schatten, aus den Lautsprechern kommen nur analoge Signale. In Bayreuth agieren Menschen. Es ist das humane Gesamtkunstwerk schlechthin (wie es die Messe einmal war).
Soviel erst einmal von einem Bayreuth-Frischling.
Morgen dann etwas zur Inszenierung.Stichworte: Erotik bis an die Pornografiegrenze (oh, was werden wir in der Walküre zu sehen bekommen?), lauter leicht verkommene Prachtweiber; Gewalthaltigkeit bis an die Brutalitätsgrenze (ich freu mich schon auf Hunding und Hagen), Kalauer und das Scheitern am Mythos; Russ Meyer und Quentin Tarantino. Wieso Öl und nicht Koks, fragt man sich? Und wo ist der Speer?
Ring des Nibelungen, Bayreuth 2013, V.
Die ersten Eindrücke. Wir kamen ja gestern Abend mitten in den Aufbruch zum Holländer. Das war schon ein spezieller Anblick und ein bemerkenswertes Gefühl. Unser Kangoo stach zwischen Bentley, Porsche SUV, Mercedes und BMW 7 doch etwas heraus, und auch der kurzbehoste und mit Leisure-Hemd bekleidete Pfarrer wirkte etwas fremd....war schon schwerste Gala, und nicht immer vom Gipfel des guten Geschmacks, aber sicher vom Gipfel der Investition in Kleidung und Friseur geprägt. Und es gab auch allerhand befremdliches hochherrschaftliches Verhalten im Umgang mit dem wirklich freundlichen Personal zu sehen und zu hören. Doch aber auch Menschen, denen die Vorfreude im Gesichte stand. Schön. Es ist eben ein Festival....das war beim Frühstück dann besonders deutlich. Die japanischen Gäste kamen auch eher feierlich schick, aber der Rest in sehr teutonischer Freizeitkleidung, es herrscht eine heiter gelöste Stimmung. Es ist schon wie damals auf der Loreley oder beim Open Flair: Festival halt, man ist irgendwie unter sich, jeder weiß, warum der andere hier ist. Freilich habe ich gestern Abend beim Absacker in der Bar auch außerordentlich befremdlich-konservative Töne gehört, von denen ich nur hoffen kann, dass sie nicht mainstream sind. Erstaunlicherweise hatten hier die Frauen die klare Führungsposition, die Männer nickten eher beifällig.
Heute morgen also nun einführungsvortrag von Stefan Mickisch. Da freue ich mich sehr drauf, inklusive schöner Spaziergang durch Bayreuth, schöne, keineswegs provinzielle Stadt übrigens mit moderaten Preisen (keine Abzocke, die gibt es hier übrigens sowieso kaum.). Und wer will, kann jeden Tag von Morgens bis Abends irgendetwas machen. Hier lebte ja auch Jean Paul, der auch sein Publikum hat, wenn man die Veranstaltungsankündigungen betrachtet.
Nun denn. Das Abenteuer hat begonnen. Schön zu spüren, dass ich noch aufgeregt sein kann wie ein Backfisch. Schade, aber wahrscheinlich einem höheren Plan zu verdanken (...dass ich mich nicht überhebe...): mein Meniskus macht Mucken. Laufen ist mühsam. Gott sei Dank nicht das Sitzen. Das wär´s dann noch....
Heute morgen also nun einführungsvortrag von Stefan Mickisch. Da freue ich mich sehr drauf, inklusive schöner Spaziergang durch Bayreuth, schöne, keineswegs provinzielle Stadt übrigens mit moderaten Preisen (keine Abzocke, die gibt es hier übrigens sowieso kaum.). Und wer will, kann jeden Tag von Morgens bis Abends irgendetwas machen. Hier lebte ja auch Jean Paul, der auch sein Publikum hat, wenn man die Veranstaltungsankündigungen betrachtet.
Nun denn. Das Abenteuer hat begonnen. Schön zu spüren, dass ich noch aufgeregt sein kann wie ein Backfisch. Schade, aber wahrscheinlich einem höheren Plan zu verdanken (...dass ich mich nicht überhebe...): mein Meniskus macht Mucken. Laufen ist mühsam. Gott sei Dank nicht das Sitzen. Das wär´s dann noch....
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