Sonntag, 28. Juli 2013

Bayreuth 2013 Die Walküre. Innigkeit.

Ich bin heute morgen etwas erschöpft. Die Hitze macht mir doch zu schaffen. Aber gestern Abend war das nach ein paar wenigen Takten vergessen. Das war ganz anders als das Rheingold. Jetzt habe ich mir auch ein Programm gekauft und gelesen, wie die Produktionsbedingungen Einfluß auf die Gestaltung haben und wie Castorf das aufgenommen hat. Und ich muss sagen: Respekt.
Manchmal gebiert die Not Großes.

Worum geht es? Er hatte zu wenig zusammenhängende Probenzeit. Er musste die 4 Dramen aktweise proben, immer nach dem, was an Material und Menschen gerade zur Verfügung stand. Also: ein Akt Götterdämmerung, ein Akt Rheingold, ein Akt Walküre etc. So war er gar nicht in der Lage, schreibt er, so etwas wie eine zusammenhängende Dramaturgie zu entwerfen, und irgendwann habe er das auch nicht gebraucht und ganz bewußt an die Kategorie des "Fragments" aus der ästhetischen Theorie der Romantik angeknüpft. So also: nicht nur wie weiland in Stuttgart jeder Oper ein Werk für sich, sondern sogar einzelne Akte oder gar einzelne Elemente, in der Hoffnung, dass die Musik sie zusammenhält.

Das funktionierte gestern Abend sehr gut, die Walküre hatte, trotzt bombastischer Bühen, etwas Kammerspielhaftes. Und sie sie warf auch noch einmal ein rückblickend gutes Licht auf das Rheingold. Es ist eben doch ein zusammenhängendes Werk, und so werden die Rückverweise, mit denen die Musik ja arbeitet, immer wichtiger werden.
Der Mythos, um den ich mir Sorgen machte, liegt, ganz im Sinne von Nietzsches Geburt der Tragödie, in der Musik. Gestern abend wurde er aber auch sichtbar. Das Schwert spielte eine optische Hauptrolle, und das Bild der ausgelassenen, ihre Freiheit ahnenende (und in Wahrheit auf tragische Weise nichtsahnende) Sieglinde, die mit dem Schwert regelrecht tanzte, wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Die Sänger alle absolut top, die Brünnhilde mit Einstiegsproblemen, was zu Buhs führte, die aber im zweiten Akt vergessen waren. Das Orchester der schiere Wahnsinn. Von Verhaltensein wie beim Rheingold keine Spur. Und das tolle in Bayreuth: selbst richtig laut ist niemals Krach. Ich war selig, ganz ernsthaft. Hitze, schmerzendes Knie: alles vergessen, nach wenigen Takten. Das ist schon was.

Etwas ganz seltsames passiert mit dem Mythos. Natürlich passen ein Schwert und Götter nicht ins Aserbeidschan der 20er Jahre. Die äußere Themenebene - das Erdöl - liegt wie eine Art Tapete über dem Ganzen. Es ist eine Interpretationsebene durch Bilder und Gesten, die sehr stark sind, aber immer nur ein Angebot. Es muss gar nicht passsen. Gestern habe ich ja geschrieben, dass Obertitel beim Rheingold nicht funktioniert hätten, weil der Hiat zwischen Text, Musik und Dramaturgie zu deutlich geworden wäre. Heute wären sie sogar gut gewesen, weil sie den Hiat noch sichtbarer gemacht hätten. Es ist völlig klar, dass die "Erdöl"-Interpretation ein solche ist, ein Angebot. Unterhalb der Geschichte wirkt der Mythos. Und das ist ganz schlüssig, auch wenn man über das Aserbeidschan der Revolutionszeit nichts weiß. Da spielt nun wieder das Video eine große Rolle, und gestern war ich dafür sehr dankbar. Die Walküre hat unzweifelhaft himmlische dramaturgische Längen, mehrere Monologe, die sich über 15 Minuten und mehr hinziehen, sind für die Inszenierung immer eine Herausforderung. Castorf inszenierte sie aber aus: über Videos und verhaltene Hintergrundaction. Da konnte man mitmachen, musste aber nicht. Die Schauspieler agierten im Ganzen recht zurückhaltend.
Und was mich dabei total überraschte und vom ersten Moment an tief berührte und unter Wasser setzte: ausgerechnet der Spektakel-Regisseur Castorf brachte eine Walküre auf die Bühne, die vom ersten Moment an innig war. Zwei große, hochproblematische Liebesgeschichten, die von Siegmund und Sieglinde und von Wotan und Brünnhilde, waren vom ersten Moment an als amour fou präsent, so "tristanmässig" habe ich die Walküre  noch nicht erlebt. Selbstverständlich waren der Feuerzauber und der Abschied Wotans von seiner Tochter für mich wieder hart an der Grenze des Erträglichen, und gestern war es besonders schlimm. Mein Gott, als Vater die eigene Tochter so reinzureiten, unerträglicher Gedanke. Echtes Feuer auf der Bühne wirkt unglaublich: MAN SPÜRTE DIE HITZE, die zusätzliche.

Und auch wieder toll: die Freude an der Weiblichkeit. Die Walküren, ganz ohne Pferde, rauhbeinig, unglaublich feminin, ausgeprägte Individuen. Die Kamera gab ihnen weiten Raum, und so wurde mir auch zum ersten Mal fast physisch spürbar deutlich, was auch für diese Frauen und Mädchen das Geschehen bedeutet: Das Ende. Und einige von den Sängerinnen spielten das auch aus - die Kamera war währende des gesamten "Walkürenrittes" ständig auf einem der Gesichter, und sie waren großartig. Von verschreckter Kleinmädchenangst bis rauhbeinigem "Was will der Alte" zeigten die schnapssaufenden Damen viel Gefühl. Toll.
*****
Entmythologisierung kann ja Dreierlei bedeuten:
1. Man verleugnet den Mythos: dann kehrt er anderswo unkontrolliert anderswo wieder. Das war meine Sorge im Rheingold. Dem ist nicht so, und dem war auch nicht so. Als Theologe freut mich das. Denn diese Form der Entmythologisierung ist ein krasses Missverständnis davon, was Säkularisierung meint.

2. Man "übersetzt" den Mythos. Das ist jenes Missverständnis, dass meint, es gebe so etwas wie einen aus der Form lösbaren Inhalt, den man dann in andere,"moderne", "zeitgemäße" oder "menschenfreundlichere" Bilder übersetzen könne. Das ist die Wort-zum-Sonntag-Hermeneutik, die mich schier zum Wahnsinn treibt. Weil da am Ende nur blöde, unbegründete Moral herauskkommt und der Glaube auf das bloße Humanum reduziert wird. Für Wagner hieße das dann: was will uns Wagner heute sagen? Eine im Ansatz groteske Frage. Er will uns gar nichts sagen. Er will uns Musik und Theater vorführen, er will uns bewegen, ergreifen und verändern. Aber nicht durch "im Mythos verpackte Botschaften". Bäh. Auch wenn er das zuweilen anders sah. Gottseindank ist das Werk immer klüger als sein Autor.

3. Man erzählt den Mythos einfach. Wenn er wirkt, entmythologisiert er sich selber und verwandelt sich in Klarheit. Zu mystisch? Eben! Ich finde, auf diesem Wege wandelt der Bayreuther Ring. Der Mythos ist da, und die Bilder und Gesten liegen über ihm, und die Geschichte (sowohl als Story wie als History) läuft in ihm ab. Der Mythos ist das Mehr der Wirklichkeit - in Bayreuth durch das unsichtbare Orchester schon fast kalauerhaft deutlich.
Wenn wir das doch nur den Mut hätten, auf der Kanzel so von Gott zu reden, anstatt dauernd irgendetwas zu erklären. Einfach spielen.

Also jetzt bin ich auf Siegfried total gespannt: Immerhin haben wir es da mit einem Drachen zu tun, mit sprechenden Vögeln und recht heftiger Musik. Wenn Castorf an die Walküre nicht anknüpft (sondern auch das wieder souverän der Musik überlässt) werden wir also eine weitere Interpretation von Brünnhildes Schlaf zu sehen bekommen. Darauf freue ich mich am meisten.

Das Publikum war begeistert. Wenn die Inszenierung die Kraft behält, die sie bisher gezeigt hat, kann das ein richtiger Triumph werden. It work´s.

Die Musiker waren fabelhaft. Was soll ich dazu groß sagen. Dieser olympische Aspekt von Oper interessiert mich eigentlich nur am Rande. Ist doch oft eine Frage der Tagesform.

Ansonsten kann ich in vielem der Rezension von Werner Theurich auf Spiegel-Online wieder gut folgen. frank-castorf-inszeniert-wagners-walkuere-in-bayreuth-2013-a-913530.html



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