Ich bekam von meiner Klavierlehrerin die Gesamtausgabe der Wagnerschen Schriften - die "Volksausgabe" - geschenkt, so dass ich schon recht früh auch den Theoretiker und Essayisten Wagner kennenlernte, parallel zu meiner Schopenhauer-Lektüre. Und jetzt bin ich ganz baff, dass ein Zitat Wagners, das einen Grundgedanken meiner Weltwahrnehmung beschreibt und sich mir daher nicht wörtlich, aber als Gedanke, eingeprägt hat, nun im Programmheft in Bayreuth auftaucht. Ich hatte als junger Student mal einen kleinen Text geschreiben darüber, dass das schlechthin metaphysische Organ gerade nicht das Auge ist (weil es das "physische" Organ ist), sondern eben das Ohr, weil es temporale Strukturen entschlüsselt. Kein Wunder bei einem protestantischen Theologen, möchte man das sofort sagen, kein Wunder, sage ich, weil der Protestantismus da einfach Recht hat und Bach mit Grund neben Luther steht. Und Wagner? Er ist, selbst im Parsifal, evangelischer als man auf den ersten Blick meint. Die "Rechtfertigung allein aus Glauben" steht doch über dem ganzen Ring: Wotan scheitert an den Werken. Hätte er auf Erda (dem Prinzip "Glauben") gehört...nun denn, ich möchte der staunenden Leserschaft das Wagnerzitat aus dem Programmheft nicht vorenthalten zur eigenen Urteilsbildung (und für mich zur endgültigen Einprägung). Es stammt aus Wagners wunderbar-wunderlicher Schrift über Beethoven:
"Eine nicht minder bestimmte Erfahrung ist nun aber dieses, dass neben der im Wachen wie im Traume als sichtbar sich darstellende Welt eine zweite, nur durch das Gehör wahrnehmbare, durch den Schall sich kundgebende Welt, also recht eigentlich eine Schallwelt neben der Lichtwelt, für unser Bewußtsein vorhanden ist, von welcher wir sagen können, sie verhalten sich zu dieser wie der Traum zum Wachen: sie uns nämlich ganz so deutlich wie jene, wenngleich wir sie als gänzlich verschieden von ihr erkennen müssen".
Erstaunlich in diesem Zusammenhange, wie viele "Wagnerianer" so auf das Sichtbare fixiert sind. Wagner selber sprach ja, ich zitierte es schon, aus Frust über den ersten Ringzyklus in Bayreuth, von dem "unsichtbaren Theater". Eine Inszenierung, die nicht einfach "zeigt, was da geschieht" ist also völlig konsequent. Die "Wahrheit" findet im Orchestergraben statt.
Mit beginnt das, was hier in Bayreuth gerade geschieht, immer besser zu gefallen.
Nur so: sie schenkte mir die Bücher mit dem Hinweis, mit dem Spielen werde es nichts Rechtes bei mir...ob das klug war?
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