Also ich werde zu denen gehören, die ihn lieben, diesen Ring. Castorf geht rotzfrech an Wagner ran und doch mit Bedacht und keinesweges ohne Konzept. Er hat die Musik verstanden, das ist gar keine Frage, oft sogar, wie soll ich sagen, besser als sie sich selbst. Und er hat, weil er verzichtet, eine Große Geschichte zu erzählen (die doch jeder Wagnerianer kennt - wer geht nach Bayreuth, ohne zu wissen, was ihn da erwartet?), viele wundervolle Ideen, zu visualisieren, was die Musik meint. Ich bin zu müde und kaputt und auch noch ganz voll davon. Morgen mehr. Manches ist auch doof, manches wohl auch einfach nur ein Einfall.
Aber genannt seien:
Siegfried als das, was er ist. Ein als solcher und zu nichts anderem erzogener Auftragskiller ohne emotionale Bremse, wiederlich. Ich mochte ihn nie!
Wotan bringt allen Frauen Unglück. Hier sieht man das endlich mal: Erda. Fantastisch, herzzereissend, macht einen wütend.
Das Finale: poetischer Überschwang. Leuchtende Liebe, lachender Tod. Das gab´s zu sehen, ich kam aus dem Feixen nicht mehr raus, und gleichzeitig Gänsehaut wegen der unglaublichen Musik, die von den Sängern und Sängerinnen mit einer Leichtigkeit geboten wurde, dass man es kaum begreifen kann.
Der Waldvogel: Endlich, endlich, endlich hat diese so entscheidende Figur, ohne die nach der ersten Szene, 2. Akt Siegfried überhaupt nichts mehr liefe (weil Siegfried nämlich zu doof ist) seinen großen, ganz großen, wundervollen, überwältigenden Auftritt, und eine alte Streitfrage ist beantwortet (von der Musik schon lange, von den Wagnerianern nur eben nicht): Der Waldvogel ist ein Erda-Geschöpft, die Natur selber greift ein, um das Schlimmste abzuwenden.
Ansonsten: die Musik ist gewaltätig und pornografisch, und nicht bloß "heldenhaft" und "erotisch". Castorf zeigt es. Eine Befreiung.
Morgen mehr.
Oder auch nicht.
Das Publikum tobte. ich fühlte mich als Applaudierender wie ein Dortmund-Fan in der Bayernkurve.
Die Geschichte wird mir recht geben.
Die Götterdämmerung wird ein Gemetzel.
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