Sonntag, 15. Februar 2026

Dösende Dislokation

Seit ich nicht mehr arbeite und in Pension bin (gut 1 1/2 Jahre), bemerke ich einen neuen Zustand an mir, den ich so noch nie kannte, und der mich sehr verunsichert. 

Ich nenne ihn die dösende Dislokation

Ich kann wirklich über lange Zeit einfach so dasitzen oder daliegen und denken, bzw. innere Bilder an mir vorüberziehen lassen, bei wirklich völliger Untätigkeit. Für Stunden. Dislokation deswegen, weil das quasi an einem Nichtort stattfindet. Es ist nicht an einen Raum, eine Lage, einen Ort gebunden. Ich steige aus dem Strom aus. 

Vor allem morgens liege ich oft schon lange wach und brauche auch nach dem Frühstück manchmal bis zu zwei Stunden, um etwas beginnen zu können. Das ist aber keine Faulheit, so fühlt es sich nicht an, eher eine Art Trägheit oder Beharrungskraft. Es zwingt mich ja nichts mehr zum Tätigsein (außer den läppischen  alltäglichen Verrichtungen im Haushalt, der zweimal wöchentliche Gang ins Kraftstudio bzw. zur Uni). Alles andere ist ja ehemals "Hobby" gewesen - was es jetzt nicht mehr ist, weil "Hobby" ja in  Differenz zur "Arbeit" steht. Es ist "Beschäftigung", und es beunruhigt mich ein bisschen, welche Leitdifferenz ich, gut dekonstruktivistisch, ich hier am Werke sehe: Langeweile und Erfüllung. Auch wenn meine Malerei in ein großes Projekt eingebunden ist: es ist keine "Arbeit", und mein Schreiben (was ich ja ein Leben lang fast  täglich, und die letzten 10 Jahre meines Berufes in erstaunlichem Maße betrieben habe) hat keinen Adressaten mehr (sieht man von meinen Verlagstexten ab, die mich aber keinen Schweiß kosten). 

Ich spüre den Ruf meiner Beschäftigungen schon so, wie ich früher den Ruf zur Arbeit gespürt habe, als Verpflichtung, nicht nur anderen gegenüber, sondern auch mir gegenüber, aber dieser Ruf hat nicht mehr die Dringlichkeit, obwohl es mir manchmal schon schlecht geht, wenn ich ihn überhöre. Es ist eher der Ruf aus der Dislokation: Du kannst hier nicht einfach so rumsitzen. 

 Manchmal ist es die schiere Unentschlossenheit, das alte Problem der Freiheit: Soll ich lesen oder Malen, Spazierengehen oder gar Aufräumen? Was lesen? Theorie oder Roman? Oder ein bisschen doomscrollen aus alter Berufsgewohnheit, wo ja Internetscreenen Teil meiner Arbeit war? 

Bei meinen Lesegewohnheiten wird es vielleicht besonders deutlich, wo das Problem liegt. Ich habe immer, solange ich im Beruf stand, jeweils einen fiktionalen und einen theoretischen Text gelesen, also Literatur und Fachbuch. Und das kontinuierlich, bis auf das gute Jahr meiner schweren Trennungskrise, in dem ich tatsächlich nicht lesen konnte, lese ich faktisch jeden Tag, solange ich denken kann. Jetzt aber kriegt das eine ganz andere Gewichtung. Das Lesen - wie auch das Malen - ist nicht mehr definiert über den Dual von Arbeit und Freizeit. Es ist auch nicht mehr auf "Verwertung" angelegt, wie das bei einer Referententätigkeit zur zweiten Natur wird. Lesen um des Lesens willen, wie ganz früher. Das fühlt sich sehr fremd an, immer noch. Es ist - neben der Stillung der immer noch brennenden Neugier - "Zeitvertreib". 

Es stellt sich ein neuer Dual ein, den ich noch schwer fassen kann, schwerer als den von Beschäftigung und Langeweile. Er hat etwas zu tun mit Verlust  und Aufschub von Zeit. Es wird ja gerne damit geflachst, dass Rentner nie Zeit haben. Das ist so falsch gar nicht. Sie haben weniger Zeit. 

Zum einen ist es die paradoxe Erfahrung, dass ich, seit ich nur noch ein paar Termine in der Woche habe, diese Termine ein ungeheures Gewicht bekommen, weil sie "den  ganzen Nachmittag zerstören" oder dergleichen, und sozusagen schon Stunden vorher an die Tür klopfen. Das war in meiner Berufszeit wahrlich anders, wo ich manchmal im 20 Minuten Takt durch den Tag bin. Die geplante Zeit bekommt, wenn Du vermeintlich unendlich Zeit hast, ein völlig anderes Gewicht. 

Warum ist das so? Weil ich eben nicht unendlich Zeit habe. Einmal deswegen, weil meine Fitness- und Aufmerksamkeitsphasen kürzer werden. Ich schaffe keine drei Termine am Tag mehr, oder wenn, dann bin ich völlig platt. Aber es geht noch tiefer. Denn  das Ticken der Lebensuhr ist zu hören ist (nach meinem Herzinfarkt natürlich noch viel mehr). 

Und das verändert die Bedeutung der alltäglichen Zeit schon sehr. Bei allem, was ich tue, steht die Frage: Hat das noch einen Sinn? Für wen machst Du das? Wie lange wirst du das noch können? geschrieben. Und ich mache ja in der Tat fast alles nur für mich. Selbst wenn ich etwas für andere mache, schwingt das mit. Es geht darum, die Zeit zu verbringen. Und dazu eben steht dieses merkwürdige Dösen oder Tagträumen im Gegensatz, und manchmal, wenn ich den Gegensatz spüre (ich sitze hier rum, dabei könnte ich doch Lesen, Malen, Spazierengehen, die Welt retten oder aufräumen), hat das etwas sehr Lähmendes, geradezu Depressives, Dislokatives.

Möglicherweise ist das der Kern der Alterdepression? Ich dachte immer, das wäre der große Regrett, die Trauer um Versäumtes und Ungelebtes. Aber das ist es nicht, das ist etwas Eigenes, dazu schreib ich noch mal irgendwann etwas auf. Wie schlimm eine glückliche Jugend sein kann....

Es ist nicht so, dass ich darunter leide, nicht  mehr gebraucht zu werden, nicht mehr wichtig zu sein, es ist eher ein Staunen darüber, dass meine Kompetenzen quasi von heute auf morgen nicht mehr nötig sind (waren sie es je)? Das ist etwas anderes als die üblichen Selbstzweifel und Imposter-Quälereien, mit denen ich es immer wieder mal während meiner Berufstätigkeit zu tun hatte. Ich frage mich bei allem, was ich tue: wozu? eine Frage, die ich mir früher, auftragsorientiert, wie ich war, so gut wie nie stellte. The job must be done. Aber was ist jetzt mein "Job"? Atmen? 

Es ist etwas Seltsames um den Ruhestand und das Altwerden. Ich finde es erstaunlich, wie wenig ich darüber in Erfahrung bringen kann, erkenne jetzt aber, aus Betroffenheit heraus, wie vielen es so geht.


Ein Nebenaspekt davon: Es macht mich alten Männern gegenüber noch nervöser. Wenn ich überlege, wie klein mein Aufmerksamkeitsfenster gegenüber früher geworden ist (vielleicht vier Stunden am Tag, wo ich wirklich hellwach und fokussiert bin), und wie sehr sich meine Wahrnehmung getunnelt und verlangsamt hat, womit ich nur klarkomme, weil ich ein Leben lang genau daran gearbeitet habe, also quasi intellektuelle Muskeln aufgebaut habe, dann frage ich mich, wie man mit über 70 oder noch älter Funktionen und Ämter ausüben kann, die man mit 45 schon kaum gewuppt bekommt (ich habe 10 Jahre in der Führungsetage gearbeitet, ich weiß, wovon ich rede). Was geht hier vor? Ich wundere mich über mich, aber mehr noch darüber, wieviele Greise, von denen ich per Analogie weiß, wie es  ihnen vermutlich geht, reale Macht haben. Ich glaube nicht, dass das gut ist. Die dösende Diskokation ist, glaub ich, nicht nur mein Problem. Ich fange an, sie anderswo zu sehen. 


Vielleicht hilft ja Schreiben. 

Freitag, 13. Februar 2026

Mein digitaler Referent

 Ich habe Claude Sonett 4.5 alle meine blogs analysieren lassen und einen Artikel „in meinem Stil“ schreiben lassen. Das ist eine interessante Erfahrung. Von AI-Slop ist da nicht mehr viel übrig, man spürt es noch an der Übertreibung, es fehlen das stilistische Fingerspitzengefühl und die Skrupel. Es kommt halt doch sehr auf die prompts an, das ist der Schlüssel. Es ist jedenfalls eine völlig neue Art des Schreibens, die sehr wohl „kreativ“ ist. Was die AI zu überwinden hilft, ist das weisse Papier. Und die möglicherweise falschen Vorstellungen von der eigenen Originaliät. Indem Sonnett mir sozusagen das Plausible liefert, nötigt es mich, genau hinzusehen, wo eigentlich das ist, was ich über das Triviale hinaus zu sagen habe. Das kenne ich so faktisch von meiner ehemaligen Arbeit als Referent,  wenn meine Referentenentwürfe besprochen wurden. Möglicherweise ist es diese Arbeit, die ich über 10 Jahre gemacht habe, die mir diesen Aspekt von AI bei der Arbeit mit Texten öffnet. 

Dienstag, 10. Februar 2026

Laternenluft

Wie fühlt sich eigentlich eine vorrevolutionäre Zeit oder Epoche an? Ich habe gerade gelesen, dass über 500 Privatjets nach dem Superbowl vom nahegelegenen Flugplätzen abhoben. Die Epstein-files zeigen eine weltweite Vernetzung von Reichen und Superreichen, die für Verschwörungsmythologen aller Art eine Steilvorlage ist. In allen großen Industrie- und Technologiestaaten geht der Trend zu autoritären, rechten Regierungen, die, nach historischer Erfahrung, gerade für die "kleinen Leute" in der Regel eine sofortige Verschlechterung bringen. Eine Bundesregierung in einem Staat, der seinen Wohlstand vor allem seiner stabilen (!!) Sozialstaatsstruktur verdankt, faselt Zeug in Richtung Sozialstaatabbau, dass man früher nur von besoffenen Stammtischen oder anderen Sesselstrategen kannte und das an politischer Schamlosigkeit kaum zu überbieten ist. 

Wie öbszon - und das ist das einzige passende Wort - wie öbszön muss das Treiben der selbsternannten "Eliten" noch werden, bis sie der Zorn der normalen Menschen trifft? Wie weit müssen sie noch gehen, bis die übliche, für eine Koalition von Militär und Intelligenz nötige, Betriebstemperatur erreicht ist, dass sie an der Laterne enden? Und wie kann das in einem modernen Staat aussehen, wo man ja nicht einfach einen Palast stürmen kann? Die sog. "friedlichen Revolutionen" des ausgehenden 20. Jahrhunderts (Portugal, Ostblock) funktionierten "friedlich", weil die Staaten, in denen sie statttfanden, schwach, morbide, korrupt und heruntergewirtschaftet waren. Das sind die Staaten, die immer mehr vom Geld beherrscht werden (das sich diesen Staaten zugleich entzieht) nicht. 

Ich finde das eine spannende Frage. In Russland brachen Revolutionen immer nach verlorenen Kriegen aus, in Frankreich und den USA kamen sie aus den Parlamenten, wenn es um Steuern ging (Revolutionen werden NIE von der sog. Unterschicht getragen oder initiriert, die lösen sie höchsten durch irgendeinen aus dem Ruder laufenden Protest aus). Also: Woran erkennt man eine vorrevolutionäre Zeit? 

Sonntag, 4. Januar 2026

Der Eisenfluch

 # Der Eisenfluch


Das Schwert lag zwischen den Wurzeln einer alten Eiche, als hätte der Wald selbst es dort vergessen wollen. Rost fraß sich durch die Klinge wie eine Krankheit, und doch erkannte Wolfhart von Felseck sofort die Form – ein Langschwert, wie es sein Vater getragen hatte.


Er stieg vom Pferd und hob es auf.


*Splitter regneten auf den Lehmboden. Das kleine Holzschwert, mit dem er den ganzen Sommer über gekämpft hatte, lag in zwei Hälften zu seinen Füßen. Sein Vater schwankte, die leere Weinkanne noch in der Hand, die Augen glasig und doch voll kaltem Zorn.*


*„Träumst du vom Rittertum, Junge? Du wirst ein Bauer wie ich. Ein Dreckbauer.”*


Wolfhart ließ das Schwert fallen, als hätte es ihn verbrannt. Das Metall klirrte dumpf auf das Moos. Seine Hand zitterte.


Dreißig Jahre. Dreißig Jahre, seit jener Nacht. Und in all der Zeit hatte er es geschafft – durch Zähigkeit, durch List, durch das Schwert eines anderen: die Axt. Mit der Streitaxt hatte er sich einen Namen gemacht. Die anderen Knappen hatten gelacht, als er im Schwertkampf versagte, die Klinge in seiner Hand stets einen Augenblick zu spät, einen Schritt zu zögerlich. Aber wenn er die Axt schwang, verstummten sie.


„Wolfhart Axtkopf” nannten sie ihn bei Turnieren. Ein Ehrenname, dachten alle.


Nur er wusste, dass es eine Lüge war. Eine Flucht.


Er starrte auf das rostige Eisen zu seinen Füßen. Wie viele Männer mochten mit dieser Klinge gestorben sein? Wie viele Hände hatten sie gehalten, ohne zu zittern?


Der alte Mann lebte noch. In einer Kate am Waldrand, kaum zwei Tagesmärsche von hier. Wolfhart hatte ihn seit Jahren gemieden, Boten geschickt, wenn Pflicht es verlangte. Aber gemieden.


*„Du wirst ein Bauer wie ich.”*


Nein. Er war ein Ritter geworden. Gegen allen Spott, gegen die eigene Angst. Aber ein halber Ritter nur. Ein Ritter, der das Schwert fürchtete.


Wolfhart bückte sich und hob die Klinge erneut auf. Das Eisen war kalt in seiner Hand, das Gewicht vertraut und fremd zugleich. Er schloss die Augen und zwang sich, nicht loszulassen.


Es war nur Metall. Nur Metall und alte Wunden.


Aber alte Wunden eiterten am längsten.


Er band das Schwert an seinen Sattel und ritt nach Westen, wo die Sonne zwischen den kahlen Ästen versank. Die Axt blieb an seiner Seite, treu wie immer. Doch zum ersten Mal seit Jahrzehnten war es nicht sein einziger Begleiter.


Zwei Tage später stand er vor der Kate. Rauch stieg aus dem Dach. Ein alter Mann saß auf einer Bank, das Gesicht von der Zeit zerfurcht wie ausgedörrtes Leder.


„Vater.”


Der Alte hob den Kopf. Erkannte ihn. Sagte nichts.


Wolfhart legte die Hand an den Griff der Axt. Wie leicht es wäre. Wie gerecht.


Aber seine Hand glitt weiter zum rostigen Schwert.


Er zog es langsam aus dem Gürtel, hielt es seinem Vater hin wie eine Anklage.


„Erinnerst du dich?”


Der Alte schwieg lange. Dann nickte er, kaum merklich.


„Jeden Tag, Junge.”


Wolfhart ließ das Schwert fallen. Es landete zu den Füßen des Alten im Schmutz, wo es hingehörte.


„Dann stirb damit”, sagte er leise und wandte sich ab.


Die Axt blieb an seiner Seite. Aber zum ersten Mal trug sie kein Gewicht mehr.​​​​​​​​​​​​​​​​

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Das ist der Prompt, erstellt mit Claude Sonett 4.5.: Schreibe eine Kurzgeschichte. Ein Ritter, 13. Jahrhundert, findet im Wald zufällig ein rostiges Schwert. Als er es neugierig in die Hand ninmt, hat er einen Erinnerungsflash: sein Vater hat, als er noch ein junge war, im Suff sein Holzschwert zerbrochen, was den Jungen sehr verletzte. Seitdem kann er mit dem Schwert nicht wirklich kämpfen, was in seiner Ausbildung zu viel Spott führte. Aber dafür ist er geradezu virtous mit der Axt, was von vielen sehr bewundert wird - niemand kennt ja den Grund. Voller Abscheu und Ekel beschliesst der Ritter, seinen Vater zu töten und seine Schwerthand zu befreien.

Sonntag, 28. Dezember 2025

Nüchternheit und Zurechnung.

 # Nüchternheit statt Zurechnung


## Der Autopilot unseres Lebens


Neurowissenschaftler schätzen, dass etwa 95 Prozent unseres mentalen Lebens unbewusst abläuft. Wir fahren Auto, während wir über etwas anderes nachdenken. Wir reagieren emotional, bevor wir bemerken, dass wir reagiert haben. Unsere Entscheidungen werden neurologisch vorbereitet, bevor sie uns bewusst werden. Gewohnheiten steuern unser Verhalten. Selektive Wahrnehmung filtert die Wirklichkeit, ohne dass wir es merken.


Wieviel von unserem Leben findet also quasi im Autopilot statt? Und wenn das meiste automatisch geschieht – wer handelt dann eigentlich? Wem soll zugerechnet werden, was wir tun?


Diese Fragen sind nicht nur philosophisch interessant. Sie erschüttern das klassische Modell von Schuld und Verantwortung. Denn traditionell setzt Schuldzurechnung voraus: Ich wusste, was ich tat. Ich wollte es. Ich hätte anders handeln können. Aber wenn 95 Prozent im Schlaf geschehen?


## Hanlons Rasiermesser


Es gibt eine kluge Faustregel, bekannt als Hanlons Rasiermesser: “Schreibe niemals Bosheit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärt werden kann.” Man könnte ergänzen: oder durch Unbewusstheit, Ignoranz, Unreflektiertheit, eingefleischte Gewohnheit.


Die meisten schädlichen Handlungen kommen nicht aus bewusster Bosheit. Sie kommen aus Schlaf. Menschen wissen nicht, was sie tun – und zwar nicht im Sinne fehlender Information, sondern im Sinne fehlender Wachheit. Sie leben im Autopilot.


Hier zeigt sich das Problem: **Schuldzurechnung selbst ist eine Form des Schlafs.** Sie diagnostiziert das Problem falsch. Sie sucht nach Intentionalität, Bosheit, willentlicher Übertretung. Sie operiert mit einem Modell bewusster, reflexiver Akteure. Aber wenn Menschen primär schlafen, verfehlt Schuldzurechnung das eigentliche Problem.


## Paulus’ Dekonstruktion


Paulus hat das verstanden, auch wenn es später über ihn hinweg vergessen wurde. In Römer 7 beschreibt er nicht Schuld im klassischen Sinn – nicht willentliche Übertretung, sondern existenzielles Gefangensein:


*“Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.”*


Die Sünde wird hier entpersonalisiert. Sie ist nicht “meine” böse Intention, sondern eine Macht, in der ich gefangen bin. Paulus beschreibt nicht moralisches Versagen, sondern existenziellen Schlaf. Die hamartia ist keine Schuld, die mir zugerechnet wird, sondern eine Todesmacht, die mich beherrscht.


Entsprechend ist auch die Rechtfertigung keine forensische Zurechnung. Gott spricht mich nicht frei von Schuld. Er weckt mich auf aus dem Tod. “Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten” (Eph 5,14). Rechtfertigung ist Neuschöpfung, nicht Freispruch. Pneuma versus Sarx ist Wachheit versus Schlaf.


Das griechische Wort *nēphein* – nüchtern sein, wachsam sein – durchzieht die paulinischen Briefe. “Lasst uns nicht schlafen wie die anderen, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein” (1 Thess 5,6). Nüchternheit steht im Kontrast zu Schlaf und Trunkenheit. Sie ist eschatologische Wachheit – und das bedeutet: existenzielle Bewusstheit.


## Die Tradition rekonstruiert, was Paulus dekonstruiert hatte


Was bei Paulus Dekonstruktion des Schuld-Schemas war, wurde durch Augustin und die westliche Tradition wieder rekonstruiert: Aus Macht (potestas) wurde Schuld (culpa). Aus existenziellem Erwachen wurde forensische Zurechnung. Aus Befreiung wurde Satisfaktion.


Die Rechtfertigungslehre wurde zu einer komplizierten Buchhaltung: Wer rechnet wem was zu? Wie wird Schuld getilgt? Was geschieht mit der Gerechtigkeit Gottes? All das setzt voraus, dass Schuldzurechnung die richtige Kategorie ist.


Aber wenn das Problem primär Schlaf ist, keine Bosheit – dann verfehlt das ganze forensische System die Wirklichkeit. Es behandelt Symptome statt Ursachen. Es moralisiert, wo es wecken müsste.


## Nüchternheit als Bedingung der Möglichkeit


Nüchternheit ist dann nicht eine Tugend unter anderen. Sie ist die Bedingung der Möglichkeit von Verantwortung überhaupt. Nicht: “Du bist schuldig, also bessere dich.” Sondern: “Wach auf – dann erst kannst du verantwortlich handeln.”


Das Problem ist nicht, dass Menschen schuldig sind. Das Problem ist, dass sie schlafen. Und Schuldzurechnung hält sie im Schlaf – weil sie suggeriert, das Problem sei moralisch lösbar, durch Anstrengung, durch Buße, durch besseres Verhalten. Dabei ist das Problem existenziell: die Unfähigkeit, überhaupt wach zu sein für das, was geschieht.


Jesu Wort am Kreuz bekommt so eine neue Tiefe: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun” (Lk 23,34). Nicht: Sie sind böse, aber ich verzeihe. Sondern: Sie schlafen. Die Kreuzigung geschieht im Autopilot, aus Unbewusstheit. Schuldzurechnung würde das Problem verfehlen.


Auch Jesu Kritik an den Pharisäern wird klarer: Nicht dass sie böse sind, sondern dass sie schlafend meinen, wach zu sein. Blinde Blindenführer. Das Problem ist nicht ihre Moral, sondern ihre Unbewusstheit über ihre eigene Unbewusstheit.


## Konsequenzen


Wenn Nüchternheit die zentrale Kategorie ist, nicht Schuld, verschiebt sich alles:


- **Verkündigung** wird nicht Anklage, sondern Weckruf

- **Ethik** wird nicht Moralkatalog, sondern Übung in Wachheit

- **Seelsorge** wird nicht Schuldbearbeitung, sondern Bewusstwerdung

- **Rechtfertigung** wird nicht Freispruch, sondern Auferweckung


Das ist radikal – und vielleicht häretisch. Oder es ist einfach paulinisch. Dekonstruktion dessen, was Jahrhunderte über Paulus hinweg aufgebaut haben. Rückkehr zu einer Theologie, die das eigentliche Problem benennt: nicht die Bosheit des wachen Menschen, sondern den Schlaf, in dem fast alles geschieht.


Nüchternheit statt Zurechnung. Erwachen statt Verurteilung. Das wäre eine protestantische Reformation der Reformation.​​​​​​​​​​​​​​​​

Mittwoch, 19. März 2025

Gegner-Feinde

Meinen Gegner möchte ich entweder überzeugen, dass er/sie völlig falsch liegt, gegebenenfalls möchte ich ihn bzw. sie aller Handlungsmöglichkeiten berauben und seinen bzw. ihren Einfluss möglichst kleinhalten oder gar beenden und seine bzw. ihre Gefolgschaft umstimmen oder marginalisieren. Weil ich für falsch halte, was er bzw. sie für richtig hält. Mit meinem Gegner sind Kompromisse möglich. Ich kann sogar nach der Auseinandersetzung mit ihm oder ihr Essen gehen oder freundlich reden. Die schlimmstmögliche Haltung gegen über Gegnern ist  "zivilisierte Verachtung". Die Grundhaltung ist der Respekt.

Meinen Feind möchte ich vernichten, schlimmstenfalls physisch. Weil ich meinen Feind daran erkenne, dass er mich vernichten will. Meinen Feind lieben bedeutet vor allem, ihn zu verstehen, warum ich meines Feindes Feind bin. Aber verstehen heißt nicht billigen, vor allem dann, wenn er oder sie nicht nur mich hasst, sondern auch die Menschen, die um mich herum sind, meine Kultur oder meinen Lebensstil vernichten will. Mit meinem Feind sind Verhandlungen nur mit der Waffe auf dem Tisch (metaphorisch, aber gelegentlich auch wörtlich) möglich. Feinde müssen besiegt werden, was nicht notwendigerweise ihre Vernichtung bedeutet. Aber maximale Eindämmung. Denn hier regiert der Hass. "Clementia" (Güte) funktioniert hier nur, wenn ich stark genug bin. 


 Da bin ich ganz auf Seiten von Carl Clausewitz, auch wenn seine Grundhaltung zum Krieg (Fortsetzung von Politik mit Mitteln der Gewalt) für grundfalsch halte. Gewalt ist gerade Scheitern von Politik. Zwischen Feind und Gegner verläuft die haarfeine Linie der Zivilisation.

Freitag, 14. März 2025

Askese statt Fasten.

Nur ein ernsthafter, klarer, disziplinierter und vor allen nüchterner Protestantismus hat der Welt noch etwas zu bieten, was sie sich selber nicht bieten kann.  

Alles andere machen alle anderen halbseidenen Scharlatane und Clowninnen  aus Religion, Konsum, Medien, Pseudophilosophie und Küchenpsychologie auch und meist besser. Kirche wirkt in diesem Umfeld nicht mehr peinlich (wie einst in der Wissenschaft), sondern albern. Theologie ist dann nicht mehr nur schlechte Wissenschaft, sondern die Lore eines infantilen Fantasyprojektes ewig Pubertierender.  Die dann auch die Bedürfnisse ewig Pubertierender erfüllt. 

Dieser nüchterne Geist des Protestantismus heisst Kritik, Kritik heisst aber nicht Genörgel,  sondern harte Arbeit des Prüfens - Askese statt „Fasten“, „Lesen“ statt Inszenieren, Dekonstruktion statt Verleugnung (nur so kommt systemischer Missbrauch überhaupt als solcher in den Blick. Schon das ein Grund zur Ernsthaftigkeit). 

Askese. 

Bonhoeffer versuchte das mit dem Gedanken der Arkandisziplin zu fassen. Barth und die frühe dialektische Theologie mit dem Ruf der Vertikale und dem Aufruf, die historisch-kritischen müssten kritischer sein. 

Der Ruf ist bis heute verhallt. Die ernsthafteste Auseinandersetzung mit dem Glauben findet ausserhalb der Theologie statt - bei den eher  linken Theoretikern wie Vattimo, Žižek, Agamben, Serres, Derrida und auf seine Art Habermas. Sie alle sehen die Lücke, die eine sich selbst verkaspernde banalisierte Religion hinterlässt. Und es ist nicht komisch.