Seit ich nicht mehr arbeite und in Pension bin (gut 1 1/2 Jahre), bemerke ich einen neuen Zustand an mir, den ich so noch nie kannte, und der mich sehr verunsichert.
Ich nenne ihn die dösende Dislokation.
Ich kann wirklich über lange Zeit einfach so dasitzen oder daliegen und denken, bzw. innere Bilder an mir vorüberziehen lassen, bei wirklich völliger Untätigkeit. Für Stunden. Dislokation deswegen, weil das quasi an einem Nichtort stattfindet. Es ist nicht an einen Raum, eine Lage, einen Ort gebunden. Ich steige aus dem Strom aus.
Vor allem morgens liege ich oft schon lange wach und brauche auch nach dem Frühstück manchmal bis zu zwei Stunden, um etwas beginnen zu können. Das ist aber keine Faulheit, so fühlt es sich nicht an, eher eine Art Trägheit oder Beharrungskraft. Es zwingt mich ja nichts mehr zum Tätigsein (außer den läppischen alltäglichen Verrichtungen im Haushalt, der zweimal wöchentliche Gang ins Kraftstudio bzw. zur Uni). Alles andere ist ja ehemals "Hobby" gewesen - was es jetzt nicht mehr ist, weil "Hobby" ja in Differenz zur "Arbeit" steht. Es ist "Beschäftigung", und es beunruhigt mich ein bisschen, welche Leitdifferenz ich, gut dekonstruktivistisch, ich hier am Werke sehe: Langeweile und Erfüllung. Auch wenn meine Malerei in ein großes Projekt eingebunden ist: es ist keine "Arbeit", und mein Schreiben (was ich ja ein Leben lang fast täglich, und die letzten 10 Jahre meines Berufes in erstaunlichem Maße betrieben habe) hat keinen Adressaten mehr (sieht man von meinen Verlagstexten ab, die mich aber keinen Schweiß kosten).
Ich spüre den Ruf meiner Beschäftigungen schon so, wie ich früher den Ruf zur Arbeit gespürt habe, als Verpflichtung, nicht nur anderen gegenüber, sondern auch mir gegenüber, aber dieser Ruf hat nicht mehr die Dringlichkeit, obwohl es mir manchmal schon schlecht geht, wenn ich ihn überhöre. Es ist eher der Ruf aus der Dislokation: Du kannst hier nicht einfach so rumsitzen.
Manchmal ist es die schiere Unentschlossenheit, das alte Problem der Freiheit: Soll ich lesen oder Malen, Spazierengehen oder gar Aufräumen? Was lesen? Theorie oder Roman? Oder ein bisschen doomscrollen aus alter Berufsgewohnheit, wo ja Internetscreenen Teil meiner Arbeit war?
Bei meinen Lesegewohnheiten wird es vielleicht besonders deutlich, wo das Problem liegt. Ich habe immer, solange ich im Beruf stand, jeweils einen fiktionalen und einen theoretischen Text gelesen, also Literatur und Fachbuch. Und das kontinuierlich, bis auf das gute Jahr meiner schweren Trennungskrise, in dem ich tatsächlich nicht lesen konnte, lese ich faktisch jeden Tag, solange ich denken kann. Jetzt aber kriegt das eine ganz andere Gewichtung. Das Lesen - wie auch das Malen - ist nicht mehr definiert über den Dual von Arbeit und Freizeit. Es ist auch nicht mehr auf "Verwertung" angelegt, wie das bei einer Referententätigkeit zur zweiten Natur wird. Lesen um des Lesens willen, wie ganz früher. Das fühlt sich sehr fremd an, immer noch. Es ist - neben der Stillung der immer noch brennenden Neugier - "Zeitvertreib".
Es stellt sich ein neuer Dual ein, den ich noch schwer fassen kann, schwerer als den von Beschäftigung und Langeweile. Er hat etwas zu tun mit Verlust und Aufschub von Zeit. Es wird ja gerne damit geflachst, dass Rentner nie Zeit haben. Das ist so falsch gar nicht. Sie haben weniger Zeit.
Zum einen ist es die paradoxe Erfahrung, dass ich, seit ich nur noch ein paar Termine in der Woche habe, diese Termine ein ungeheures Gewicht bekommen, weil sie "den ganzen Nachmittag zerstören" oder dergleichen, und sozusagen schon Stunden vorher an die Tür klopfen. Das war in meiner Berufszeit wahrlich anders, wo ich manchmal im 20 Minuten Takt durch den Tag bin. Die geplante Zeit bekommt, wenn Du vermeintlich unendlich Zeit hast, ein völlig anderes Gewicht.
Warum ist das so? Weil ich eben nicht unendlich Zeit habe. Einmal deswegen, weil meine Fitness- und Aufmerksamkeitsphasen kürzer werden. Ich schaffe keine drei Termine am Tag mehr, oder wenn, dann bin ich völlig platt. Aber es geht noch tiefer. Denn das Ticken der Lebensuhr ist zu hören ist (nach meinem Herzinfarkt natürlich noch viel mehr).
Und das verändert die Bedeutung der alltäglichen Zeit schon sehr. Bei allem, was ich tue, steht die Frage: Hat das noch einen Sinn? Für wen machst Du das? Wie lange wirst du das noch können? geschrieben. Und ich mache ja in der Tat fast alles nur für mich. Selbst wenn ich etwas für andere mache, schwingt das mit. Es geht darum, die Zeit zu verbringen. Und dazu eben steht dieses merkwürdige Dösen oder Tagträumen im Gegensatz, und manchmal, wenn ich den Gegensatz spüre (ich sitze hier rum, dabei könnte ich doch Lesen, Malen, Spazierengehen, die Welt retten oder aufräumen), hat das etwas sehr Lähmendes, geradezu Depressives, Dislokatives.
Möglicherweise ist das der Kern der Alterdepression? Ich dachte immer, das wäre der große Regrett, die Trauer um Versäumtes und Ungelebtes. Aber das ist es nicht, das ist etwas Eigenes, dazu schreib ich noch mal irgendwann etwas auf. Wie schlimm eine glückliche Jugend sein kann....
Es ist nicht so, dass ich darunter leide, nicht mehr gebraucht zu werden, nicht mehr wichtig zu sein, es ist eher ein Staunen darüber, dass meine Kompetenzen quasi von heute auf morgen nicht mehr nötig sind (waren sie es je)? Das ist etwas anderes als die üblichen Selbstzweifel und Imposter-Quälereien, mit denen ich es immer wieder mal während meiner Berufstätigkeit zu tun hatte. Ich frage mich bei allem, was ich tue: wozu? eine Frage, die ich mir früher, auftragsorientiert, wie ich war, so gut wie nie stellte. The job must be done. Aber was ist jetzt mein "Job"? Atmen?
Es ist etwas Seltsames um den Ruhestand und das Altwerden. Ich finde es erstaunlich, wie wenig ich darüber in Erfahrung bringen kann, erkenne jetzt aber, aus Betroffenheit heraus, wie vielen es so geht.
Ein Nebenaspekt davon: Es macht mich alten Männern gegenüber noch nervöser. Wenn ich überlege, wie klein mein Aufmerksamkeitsfenster gegenüber früher geworden ist (vielleicht vier Stunden am Tag, wo ich wirklich hellwach und fokussiert bin), und wie sehr sich meine Wahrnehmung getunnelt und verlangsamt hat, womit ich nur klarkomme, weil ich ein Leben lang genau daran gearbeitet habe, also quasi intellektuelle Muskeln aufgebaut habe, dann frage ich mich, wie man mit über 70 oder noch älter Funktionen und Ämter ausüben kann, die man mit 45 schon kaum gewuppt bekommt (ich habe 10 Jahre in der Führungsetage gearbeitet, ich weiß, wovon ich rede). Was geht hier vor? Ich wundere mich über mich, aber mehr noch darüber, wieviele Greise, von denen ich per Analogie weiß, wie es ihnen vermutlich geht, reale Macht haben. Ich glaube nicht, dass das gut ist. Die dösende Diskokation ist, glaub ich, nicht nur mein Problem. Ich fange an, sie anderswo zu sehen.
Vielleicht hilft ja Schreiben.