Montag, 29. Januar 2024
Überleben (Derrida).
"Mich aufzufordern, auf etwas zu verzichten, was mich geformt hat, was ich derart geliebt habe, bedeutet für mich, aufzufordern zu sterben. In dieser Treue liegt eine Art Selbsterhaltungstrieb. Auf eine Schwierigkeit, auf eine Formulierung, auf eine Falte, ein Paradox, einen zusätzlichen Widerspruch zu verzichten, weil das nicht verstanden würde oder viel mehr, weil dieser oder jener Journalist, der nicht zu lesen weiß, der nicht einmal den Titel eines Buches zu lesen weiß, zu verstehen glaubt, daß der Leser oder Zuhörer genausowenig verstehen wird und daß die Quote oder der Broterwerb darunter leiden würden - das ist für mich eine unerträgliche Obszönität. Das ist, als würde man mich auffordern, mich zu fügen, mich zu unterwerfen - oder an Dummheit zu sterben"
Jacques Derrida/Jean Birnbaum, Das Leben, das Überleben. Interview, in : Lettre International, Herbst 2004, 11.
Sonntag, 28. Januar 2024
Demos
Für mich ist der Sinn der Demos genau dieser: Der Ruf „geht wählen“!
Evelina Tolpina vom Ausländerbeirat hat das gestern in Eschwege in ihrer ausgezeichneten Ansprache sehr schön gesagt: Die Entscheidung über Politik wird zuerst an der Wahlurne gefällt.
Aus der Perspektive von Menschen, die hier leben und nicht wählen dürfen, und die zum Teil aus Ländern kommen, in denen es kein wirkliches oder sogar gar kein Wahlrecht gibt, ist das ein großes Privileg.
Und es ist unsere Aufgabe, Menschen dazu zu bewegen, wählen zu gehen.
Das ist die erste Antwort auf die Frage: Was kann ich tun?
DAS ist nämlich genau das, was den Extremisten gelingt: Sie bringen ihre Leute an die Urne! Und gleichzeitig verbreiten Sie Politikverdrossenheit für die Mehrheit: Das ist eine perfide Strategie. Dass sie funktioniert, weist auf massive Defizite im politischen Bewusstsein von Bürgerinnen und Bürger hin - es scheint eine Art umgekehrter Untertanengeist dort zu herrschen, der aktive Teilnahme an politischen Prozessen für unnötig hält. Das muss geweckt werden: Das Gefühl, als Bürgerin und Bürger über die Stimme entscheidenden Einfluss auszuüben. Und so ist es doch auch: die großen Politikwechsel der letzten Jahrzehnte wurden über Wahlen auf den Weg gebracht.
Unsere Demokratie verteidigen heißt: Wählen! Es ist völlig unbegreiflich für mich, wie man dieses Privileg, dass einem Großteil der Menschheit nicht offensteht, nicht wahrnehmen kann. Radikalinskis und Spinner setzen sich durch, weil die normale Mehrheit „wahlfaul" ist. Das aber ist politisch fahrlässig.
Das Paradox ist doch: Die Feinde der Demokratie haben verstanden, dass der Weg zu politisch Macht über das Wählen geht, die ewig nörgelnde Mehrheit offensichtlich nicht.
Ich habe selbst in deutschen Lehrerzimmern gehört, Wählen habe doch keinen Sinn mehr - für einen Beamten eine, sagen wir mal, schwierige Haltung, mich hat das zutiefst schockiert . Das ist, als ob man zu faul zum Einkaufen ist und sich dann beschwert, dass der Kühlschrank leer ist. Eine für einen Lehrer /eine Lehrerin schwer akzeptierbare Haltung.
Für mich ist Wählengehen in einer Demokratie wie der Unseren (zu der ja nicht ohne Grund Menschen fliehen und für die vor vierzig Jahren Menschen in der DDR (!) ihren Hals riskiert haben) sogar Christenpflicht.
Ginge die Mehrheit - vor allem der jungen Menschen, die Zahlen sind erschreckend! - wählen, hätten wir auch keine Ampel, und eine bessere Selektion politisch aktiver Menschen. Ich denke, die 100.000e, die auf die Demos gehen, wählen auch - aber es geht um zig Millionen (!!), die das nicht tun, gerade auf der entscheidenden, der kommunalen und föderalen Ebene. Gerade z.B. Bildungspolitik und Umgang mit Fremden werden auf DIESER Ebene gestaltet und nicht in Berlin, das Thema Agrarsubventionen wird in BRÜSSEL letztlich entschieden.
Es ist ein demokratiegeschichtlich neuer Vorgang, dass Demonstrationen sich an die schweigende Mehrheit richten. Das sollte noch viel deutlicher werden - und wäre auch sinnvoller, als auf die dumme Hetze der AfD nicht nicht weniger dummer Diffamierung ihrer Wählerinnen und Wähler zu reagieren (wie es eine Rede einer „Aktivistin“ gestern leider tat - das ist der ganz falsche Weg).
Samstag, 27. Januar 2024
Nerdgott
In der Antike schrieb Gott (Alphabeth), im späten Mittelalter druckte er (Verbalinspiration) in der frühen Neuzeit wurde er Mechaniker (Schöpfung als Uhrwerk, Mensch als Maschine), jetzt wird er Admin (Digitalisierung) und die Welt zum (hyperkomplexen, aber binär codierten) Algorithmus.
Die theologische Bedeutung von Technik kann gar nicht hoch genug angesetzt werden. Und die Rolle der Digitalisierung beim Verschwinden der Uhrmacher/Druckerpressenkirche auch nicht.
(Und die zentrale Funktion von Christologie, die zu all diesen Projektionen quersteht.)
[Dank an Martin Burckhardt, Alles und Nichts].
Schlamperei
Möglicherweise gibt es einen sehr schlichten Zusammenhang zwischen „evangelischer Freiheit“ und organisationaler Schlamperei, der einen geradezu simplen turn beinhaltet: eine „lockere“ Organisation ist faktisch grausam.
Befreiung
Ich dachte immer: eigentlich müsstest Du ein Buch schreiben! Mappen und Hefte voller Texte liegen vor, aber der letzte Wille, daraus etwas „Grosses“ zu machen, fehlt. Jetzt wird mir klar: die kleine Form, das Aperçu, die Notiz, das Fragment sind meine Form. Nulla dies sine linea! Eine Befreiung, grade noch rechtzeitig, dass ich das nicht mit in den Ruhestand nehme: Jetzt aber! Was ohnehin Unsinn ist. Zeit zum Schreiben hatte ich immer. Der Blog ist das ideale Medium für mich: ein disziplinierendes halböffentliches Cahier, Spielfeld meiner frühmorgendlichen Lese-und Denkstunden, Ort der kleinen Gedanken, geschrieben vor einem semiimaginären Publikum.
Und mein Miniaturfiguren lächeln mich an und sagen: das erzählen wir dir seit über 50 Jahren!
(NB: Predigen ist für mich NICHT Schreiben im literarischen Sinne, eher Einschreiben im Sinne Derridas.
(Die Predigten, die ich für den Druck schreibe, haben mit meiner Art, zu predigen wenig zu tun und sind harte Arbeit, reine Gebrauchstexte. Was keine Qualitätsaussage ist.)
Heimweh
Nachdem ich über Jahre faktisch jeden Samstag in Eschwege war, fahre ich heute das erste Mal seit über einem halben Jahr mal wieder nach Eschwege. Vorlaufendes Heimweh des von dort wieder Aufbrechenmüssens. Heimweh kennt nur, wer Heimweh kennt, und wer es wirklich kennt, weiss, dass auch die „Heimat“ das Heimweh nicht stillen kann, weil es gar nicht um einen Ort geht, sondern um eine unaufsuchbare Zeit. Gleichwohl: die sanfte Ebene des Werratals und die geschwungene Linie der sie umgebenden Berge trösten als Verweis auf einen Ort, wo es keine Traurigkeit mehr gibt, nur reines Dasein.
Dass ich heimfahre, um dort gegen Rechtsradikalismus zu demonstrieren, am 27. Januar, ist schon bitter. Aber ich hatte schon in meiner Jugend mit „Neo“-Nazis (die eben gar nicht „neo“ sind) zu tun. Diese dummen Menschen zerstören gerade, was sie in Wahrheit nämlich überhaupt nicht lieben, weil sie voller Selbstekel stecken: Heimat. Nationalismus macht Heimat unbewohnbar.

