Samstag, 23. Februar 2013
Ein Sammler, seltsame Gestalt
Es wird Zeit, dass ich mich mal zu einem Thema äußere, das den Einen oder die Andere vielleicht schon einmal umgetrieben hat: nämlich der seltsame andere Blog, auf dem ich auch unterwegs bin: FigurenWelt.
Ich sehe ja, dass es immer wieder Querklicks gibt, und gestern bekam ich sogar eine Reaktion auf die gruseligen Fantasy-Figuren: "oh, wie krank". Nun weiß ich natürlich nicht, ob Anonymous die Figuren meint oder mich. Das ist auch wurscht. Ich möchte gerne zur Aufhellung beitragen.
Ich habe vor einigen Jahren mal auf einem regelmässig stattfindenden Sammlertreffen drei Vorträge gehalten, die sich mal ernsthaft, mal eher ironisch mit drei Aspekten dieses Hobbies auseinandersetzten. Sie wurden damals heftig diskutiert.
Sollte jemand tatsächlich darin lesen wollen, bedenke er bitte den Vortragscharakter und die kleine, aber feine Zielgruppe. Es ist fun!
Der erste Vortrag "Warum Krieg fasziniert" stellte sich gleich der gewichtigsten Frage. Das war auch für mich ein intensiver Klärungsprozess, der mich weit führte, und ich gehe immer noch damit schwanger, aus diesem Text noch mehr zu machen. Er hat auch theologisches Potential, das ich natürlich in diesem Kontext nicht weiter verfolgt habe. Ich bin auch in Manchen weiter als damals, aber die grundsätzlichen Einsichten zum Thema Krieg haben sich eher verstärkt, ich habe einige der Positionen auch mit Schülern zusammen immer wieder einmal überprüft, wenn wir das Thema Krieg und Frieden im RU behandelt haben. Stolz bin ich immer noch auf meine Definition von Krieg, die sich bewährt hat.
Der zweite Vortrag spricht für sich und sollte mit dem Augenzwinkern gelesen werden, mit dem er gehalten wurde: "Warum Miniaturfiguren faszinieren".
Der dort benannte Verniedlichungseffekt allerdings setzte mich auf eine Spur, die zu einem Vortragsfragment führte, nämlich die Frage nach dem Zusammenhang von Schönheit und Wahrheit im Modellbau. Das klingt völlig abseitig, aber - Museen arbeiten mit Modellen und transportieren auf diese Wiese sehr intensive Eindrücke mit Wahrheitsanspruch. Da würde ich auch gerne noch weiterarbeiten. Kants Kategorie des Erhabenen hat großes Potential sich dieser Frage zu nähern, die übrigens auch für historische Filme (Lincoln!) virulent ist.
Der dritte Vortrag:
"Warum wir sammeln" bringt eine kleine Typologie des Sammlers, das ist reiner Klamauk (der, wie so oft, mehr Wahrheiten trifft als manch gelehrter Aufsatz wie z.B. der erste Vortrag).
So.
Ich hoffe, dass die Dropbox funktioniert. Für Rückmeldungen, wenn es nicht klappt, bin ich dankbar. Man ist immer irgendwomit Anfänger.
Texte zum Thema Miniaturensammeln
Sonntag, 15. Juli 2012
Documenta 13: Die Worte und das Nichts
Frau Bakargiev kann sagen, schreiben und meinen, was sie will. Sie kommt aus einer Klemme nicht heraus: die Parole "weg vom Menschen" wird immer noch vom Menschen gesprochen.
Selber zur Religion geworden (und damit zu einer Gestalt der Sünde), sieht die Kunst (wie BCC sie sieht) die Religion nicht und also auch nicht sich selbst als Religion.
Ohne archimedischen Punkt ist die Welt nicht aus den Angeln zu heben, und die Selbstenthronung des Menschen ist eben immer noch ein usurpatorischer Akt des Menschen sich selber gegenüber. Es bleibt alles reine Nabelschau, wenn man den Blick des ganz a/Anderen nicht zulässt. Wir sollten als Theo-logen/innen doch dazu stehen, dass Wahrheit ohne Bezug auf das Wort nicht wirklich denkbar ist. (Wobei Wahrheit hier natürlich nicht exklusiv als propositionaler Gehalt gedacht ist, sondern als Weise der Verknüpfung von Aussagen: Perspektive).
Gestern hörte ich, dass jemand das Selbstzerstörerische der modenren Kunst auf dieser Documenta vermisse. Aber da ist sr doch: zutiefst in die Konzeption eingesenkt als leztlich menschenverachtende Religion, die über die Verachtung Würde erzeugen will. Dahinter verbirgt sich eine Kunstkonzeption des Erhabenen, die ich nicht unbedenklich finde. Es öffnet die Tür für allerhand verschwurbelte Vorstellungen von Heiligkeit und Unantastbarkeit, lässt keinen Raum für die lebensnnotwendige und menschenwürdige Profanierung. Wenn alles was bedeutet, wo bleibt die Freiheit, es zu ge- und verbrauchen?
Das hat schon im sich selbst missverstehenden Christentum nicht funktioniert und funktioniert in seiner, mit Verlaub, katholischen Variante bis heute nicht.
Wer tote Fliegen zeigt, um uns dazu zu bringen, die Welt aus der Perspektive toter Fliegen zu sehen, ZEIGT sie immer noch. Die Fliegen werden nicht gefragt, weil wir sie gar nicht fragen könne. Also stellen wir Behauptungen über sie auf. Das ist am Ende eine Art Animismus: eine archaische Art von Religion, die denkerisch in der Gestalt der Gnosis auftritt, des universal-mystischen Bescheidwissens. Sogar die arme Physik wird in diese Prokrustesbett gespannt. Das ist unglaublich faszinierend (habe ich ja deutlich geschrieben), aber natürlich Unsinn. Tendenziell sogar bedenklicher, leichtfertiger Unsinn. Kosmologie und Hierarchie sind Verwandte.
Der Christo(v)logische Gestus der Selbstentmachtung erscheint als Übergriff, weil wir Sterblichen das gar nicht können, uns völlig hingeben, ohne uns selbst auszulöschen. Selber der liebende Zugriff ist noch machtvoll (Focault!). Das sind gnostische Allmachtsphantasien. Hatten wir alles schon mal. Eine luzide Form der Weltverachtung, die sich als Liebe tarnt: entmachtende Zuwendung, die sich hingibt, um zu empfangen. In diesem Falle: Deutungshoheit und terriotiriale Hegemonie über den öffentlichen Raum. "Wenn du mich liebst, machst Du mir Platz. Wenn Du mich nicht liebst, bist du böse.....wo ich doch alles für Dich gebe".
Aber wer Werke zeigt und das Zeigen selber zum Werk macht, will nicht sterben und tritt gerade nicht in den Hintergrund. Es gibt eine Art der Teilnahme am Elend des Kolonialismus, die selber kolonialistisch ist. Unsere Hingabe ist im letzten immer eine Illusion. Wir kommen eben nicht aus eigener Kraft da raus.
"Die dOCUMENTA (13) ist vielmehr ein Raum der Beziehungen zwischen Menschen und Dingen, ein Ort des Übergangs zwischen Ort und an Orten, ein politischer Raum, an dem die polis nicht nur von menschlicher Handlungmacht begrenzt wird, ein Raum des Rückhaltes und des Engagements, ein verletztlicher Raum, ein gefährdeter, auch auch umsorgter Raum". (BCC, Buch der Bücher, S. 45).
Mithin, einfach seis gesagt, ein sakraler Raum, konstitutiert durch ein Glaubensbekenntnis und eine eschatologischen Vision des Gelingens, die nur dadurch zu Stande kommt, dass man so tut, als sei alles nicht so, wie es ist, "hos me" auf Griechisch. Ein zentraler Gedanke des Apostels Paulus! Dieses Hos me (1 Kor 7,29) beschreibt sie als einen Akt radikaler Imagination (ebenda, S. 38) Das hat sie von Agamben, der dieses Hos me als Ausdruck der Haltung der messianischen Zeit beschreibt, einer Zwischenzeit, die die Zeit anhält und verändert. Indem sie aber nun den Raum der polis sakralisierte, usurpiert sie ihn auch. Im Namen einer Imagination als sei alles gar nicht so, wie es sei, sondern vielmehr auf Gelingen ausgelegt.
Nur, dass Paulus eben nicht imaginiert und sein hos me wahrhaftig nicht vor einem Horizont weltlichen Gelingens spricht und schon gar nicht als politische Analyse. Sondern er schlußfolgert aus dem, was er gehört hat. Denn der Glaube daran, dass Gott die Welt radikal verändern wird, stammt aus dem Hören (Röm 10,17), denn Gott zeigt sich nicht. Die Augen sind niemals das Medium, das zum Glauben führt. Im Gegenteil. Alles, was nicht gewachsen ist, ist gemacht und folglich menschlich.
Also kann es die Kunst nicht sein. Auch sie ist hos meh in dem Sinne, dass sie auf Vergang angelegt ist, auf die Kata-strophe (die große Wende) angelegt ist, untergehen muss wie alles.
Selber wie eine Religiöse agierend, sieht BCC die Religion nicht und auch nicht, in welchem Maße sie wie eine Hohenpriesterin/Prophetin/Königin agiert. Darum kommt die Religion auch explizit auf dieser Docmenta nicht vor: sonst müsste sich BCC dem eigenen totalitären Anspruch stellen. Sonst müsste sie sich sagen lassen, dass Religion - als Bemächtigung des Göttlichen durch den Menschen, und sei es auch nur noch als Negation des Menschen - auf die Seite der Sünde gehört und gottlos ist und also auch menschfeindlich. Dabei strotzen die Exponate vor Religion, problematisieren sie, nehmen sie auf, zeigen sich als Surrogat, gebärden sich sakramental, haben im schlimmsten Falle sogar Verkündigungsgestus einer oft eher etwas kümmerlichen Ethik oder einer verschwurbelten Naturmystik: Ecce homo! Aber eben nicht auf der kuratorischen Ebene. Kein Wort zur Religion. Die wird nicht von innen betrachtet. Das Privileg, das Steinen, Hunden, Erdbeeren und Fliegen eingeräumt wird - hier kommt es nicht zur Anwendung. Das ist heiliger Ernst. Vor dem habe ich mich schon immer gefürchtet.
Es ist ganz uns gar merkwürdig: da sie dem Korrektiv der Theologie völlig sich entsagt, fällt sie genau auf den Gestus der Wissenschaft herein, der die Wissenschaft als Forschung problematisch macht: wenn sie Welterklärung usurpiert. Wer sich abgrenzt, grenzt sich ein:
"Die dOCUMENTA (13) wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision (! RK) angetrieben, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht. Diese Vision teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen" (Credo der doc 13, Buch der Bücher, erste Unmschlagseite, wie im Gesangbuch). Darum ist Kunst Forschung und generiert Wissen. Radikaler als den Eintrag des Wortes "Wissen" in die außermenschliche Sphäre kann ich mir die menschliche Usurpation der sog. Natur nicht vorstellen. Und das soll sogar heilsam sein. Es kann aber keine Heilung aus dem Kaputten kommen, dem Heilung bisher bloß verheißen ist (das ist der wahre Sinn des hos me aus dem Korinterbrief: wir leben doch in der gefallenen Schöpfung!).(Wir sollten, als Theologen, doch etwas kraftvoller von der Sünde reden, nicht nur beim Dessert, kleiner Insiderwitz)
Schade, dass diese kluge Frau, die so viel Agamben gelesen hat, durch ihn - der es ganz genau verstanden hat - offensichtlich nicht verstanden hat, wie ernst sie die Theologie als Religionskritik nehmen muss. Theologieverweigerung aber ist ein Signum des Fundamentalismus, des usurpatorischen Deutungsmonopolanspruches. Und zwar in diesem Falle auf Bilder und Dinge - das kann gar nicht funktionieren.
Tut es auch nicht.
Die Werke, weil von Menschen gemacht (und nur und ausschließlich von ihnen: ES GIBT KEINEN GÖTTLICHEN FUNKEN IN DER KUNST, Barmen 1), sind Gott sei Dank stärker, individueller, und, wenn es richtig gut läuft, frei von jeder Botschaft. Sie entziehen sich dem deutenden Zugriff. Und alle, die auf BCC hereinfallen in künstlicher Ereiferung oder undifferenzierter Ablehnung, tappen in die alte Falle der Religion: uns zu einer Entscheidung zu zwingen, die aus schiefen Alternativen besteht.
Ich kann mich, als protestantischer Theologe, da nur wundern.
Aber ich sehe auch mit Sorge, dass die Theologie zunehmend an Kraft verliert. Wir haben uns zu sehr auf die metatheologischen, metareligiösen Diskurse eingelassen und uns zu sehr aus der Abgrenzung definiert und uns in heillose Begründungsdiskurse eingelassen, bei denen wir verlieren müssen, weil das finale Argument eben gar keines ist, sondern eine Behauptung: dass der Glaube aus dem Hören kommt, nicht aus dem Schauen und dass Gott gar nicht "Gott" ist, sondern der Dreieinige (als ob der Glaube "monotheistisch" wäre und sich diesem Kunstbegriff einer diffamierenden Religionskritik aussetzen müsste).
Darum kann uns die Kunst eigentlich egal sein, und so ist es in der Bibel ja auch. Sie gerät nur in den Blick, wenn sie den Anspruch erhebt, irgendwie göttlich zu sein. Und dann bekommt sie Spott zu spüren oder Abscheu (z.B.das "Greuel der Verwüstung" einer Götzenstatue im Jerusalemer Tempel und der geniale Götzenspott des Jeremia, völlig köstlich die Stücke zu Daniel in den Apokryphen. Das zweite Gebot ist reine Psychohygiene!). Nur wer glaubt, dass die Kunst mehr sein kann als die Kunst, nämlich ein irgendwie konstituierter Raum einer Erfahrung des Mehr-als-Menschlichen, wird sich von ihr so in Rage bringen lassen, dass er meint, sie zerstören zu müssen oder ihr eine bessere, frömmere Kunst entgegenzusetzen oder auch nur zur Seite zu stellen. Es gibt keine fromme Kunst, es gibt nur Kunsthandwerk im Dienst der Religion.
Mir fehlen die Worte um auszudrücken, wie dämlich das ist. Wer glaubt, weiß, dass es keine Götzen gibt und hat folglich keine Angst vor Bildern, Schrotthaufen oder Videos mit Blut und Scheisse. Es sind die Religiösen und die A-Religiösen, die ernsthaft glauben, Dinge könnten mehr als Dinge sein. Das aber sind Theorieausgeburten der sog. Moderne, die nicht mehr hört sondern ihr Heil im Sehen sucht.
Ich bin sehr dankbar, dass mein Glaube mich so in Distanz zur Kunst bringt (hos me), dass ich mich an dem, was ich sehe, freuen kann wie ein Kind, ärgern kann, wie ein denkender Mensch oder ratlos sein kann wie ein Nicht-Künstler eben ratlos ist. Ich bin sehr dankbar, dass mein Glaube die Kunst das sein lässt, was sie ist: Spiel.
Das ist die heilsame Sphäre des wahrhaft Profanen (Agamben!), wo nichts etwas anderes sein muss, als das, was ist, aber alles bedeuten darf, was ich will. Ohne alle transzendente Sauce. Rechtfertigung pur.
Wie erholsam, wie aufregend, wie schön.
'''''''''''''''''''''''''
Doch habe ich ganz im Stillen immer noch die Vermutung, die Hypothese, das wir einer ironischen Inszenierung auf den Leim gehen. Das Ziel der pyrrhonischen Skepsis (Sextus Empiricus, auch einer von BCCs Gewährsmännern) ist nicht Relativismus, sondern Ataraxia, Seelenruhe, aus der heraus sowohl Dogmatismus als auch radikale Erkenntnisverweigerung als letztlich - lächerlich erscheinen. Könnte doch gut sein, dass BCC mittels Erdbeeren, Hunden, steilen Theoriemix und Schattenboxen mit der Kirche austestet, wie blöd wir wirklich sind....dann gäbe es am Ende der Documenta (13) aber eine Menge rote Ohren.....denn ihre Kassel-Kabul Parallelen verraten mir einen eigentlich sehr nüchternen Blick. Was sie über den Krieg schreibt, ist sehr genau beobachtet und weit von dem üblichen "die waffen nieder" blah-blah entfernt (Buch der Bücher -auch wenn sie dort wieder hypertrophe Schlüsse zieht und auf die Kanzel steigt: "Das ist der Punkt, an dem der Bereich der Kunst, der am Rand des Privaten und der Geschichte balanciert, zu einem Ort wird an dem man mit Erfahrungen am Rand des Anthropozentrischen, wo die Trümmer liegen, experimentieren und eine fantasievolle Gesellschaft aufbauen kann, in der das Menschliche nicht im Mittelpunkt unserer Kosmologie steht, sondern nur ein Element im Einklang mit allen belebten und unbelebten Weltenmachenr ist, darunter auch traumatisierte Menschen und Objekte. S. 303)." AMEN.
****************
Was bedeuten wird: ich zeige Euch, was mir gefällt und sage, warum. Mehr gibts nichts: skeptische (hin-blickende!) Epoche (Unterbrechung).
Selber zur Religion geworden (und damit zu einer Gestalt der Sünde), sieht die Kunst (wie BCC sie sieht) die Religion nicht und also auch nicht sich selbst als Religion.
Ohne archimedischen Punkt ist die Welt nicht aus den Angeln zu heben, und die Selbstenthronung des Menschen ist eben immer noch ein usurpatorischer Akt des Menschen sich selber gegenüber. Es bleibt alles reine Nabelschau, wenn man den Blick des ganz a/Anderen nicht zulässt. Wir sollten als Theo-logen/innen doch dazu stehen, dass Wahrheit ohne Bezug auf das Wort nicht wirklich denkbar ist. (Wobei Wahrheit hier natürlich nicht exklusiv als propositionaler Gehalt gedacht ist, sondern als Weise der Verknüpfung von Aussagen: Perspektive).
Gestern hörte ich, dass jemand das Selbstzerstörerische der modenren Kunst auf dieser Documenta vermisse. Aber da ist sr doch: zutiefst in die Konzeption eingesenkt als leztlich menschenverachtende Religion, die über die Verachtung Würde erzeugen will. Dahinter verbirgt sich eine Kunstkonzeption des Erhabenen, die ich nicht unbedenklich finde. Es öffnet die Tür für allerhand verschwurbelte Vorstellungen von Heiligkeit und Unantastbarkeit, lässt keinen Raum für die lebensnnotwendige und menschenwürdige Profanierung. Wenn alles was bedeutet, wo bleibt die Freiheit, es zu ge- und verbrauchen?
Das hat schon im sich selbst missverstehenden Christentum nicht funktioniert und funktioniert in seiner, mit Verlaub, katholischen Variante bis heute nicht.
Wer tote Fliegen zeigt, um uns dazu zu bringen, die Welt aus der Perspektive toter Fliegen zu sehen, ZEIGT sie immer noch. Die Fliegen werden nicht gefragt, weil wir sie gar nicht fragen könne. Also stellen wir Behauptungen über sie auf. Das ist am Ende eine Art Animismus: eine archaische Art von Religion, die denkerisch in der Gestalt der Gnosis auftritt, des universal-mystischen Bescheidwissens. Sogar die arme Physik wird in diese Prokrustesbett gespannt. Das ist unglaublich faszinierend (habe ich ja deutlich geschrieben), aber natürlich Unsinn. Tendenziell sogar bedenklicher, leichtfertiger Unsinn. Kosmologie und Hierarchie sind Verwandte.
Der Christo(v)logische Gestus der Selbstentmachtung erscheint als Übergriff, weil wir Sterblichen das gar nicht können, uns völlig hingeben, ohne uns selbst auszulöschen. Selber der liebende Zugriff ist noch machtvoll (Focault!). Das sind gnostische Allmachtsphantasien. Hatten wir alles schon mal. Eine luzide Form der Weltverachtung, die sich als Liebe tarnt: entmachtende Zuwendung, die sich hingibt, um zu empfangen. In diesem Falle: Deutungshoheit und terriotiriale Hegemonie über den öffentlichen Raum. "Wenn du mich liebst, machst Du mir Platz. Wenn Du mich nicht liebst, bist du böse.....wo ich doch alles für Dich gebe".
Aber wer Werke zeigt und das Zeigen selber zum Werk macht, will nicht sterben und tritt gerade nicht in den Hintergrund. Es gibt eine Art der Teilnahme am Elend des Kolonialismus, die selber kolonialistisch ist. Unsere Hingabe ist im letzten immer eine Illusion. Wir kommen eben nicht aus eigener Kraft da raus.
"Die dOCUMENTA (13) ist vielmehr ein Raum der Beziehungen zwischen Menschen und Dingen, ein Ort des Übergangs zwischen Ort und an Orten, ein politischer Raum, an dem die polis nicht nur von menschlicher Handlungmacht begrenzt wird, ein Raum des Rückhaltes und des Engagements, ein verletztlicher Raum, ein gefährdeter, auch auch umsorgter Raum". (BCC, Buch der Bücher, S. 45).
Mithin, einfach seis gesagt, ein sakraler Raum, konstitutiert durch ein Glaubensbekenntnis und eine eschatologischen Vision des Gelingens, die nur dadurch zu Stande kommt, dass man so tut, als sei alles nicht so, wie es ist, "hos me" auf Griechisch. Ein zentraler Gedanke des Apostels Paulus! Dieses Hos me (1 Kor 7,29) beschreibt sie als einen Akt radikaler Imagination (ebenda, S. 38) Das hat sie von Agamben, der dieses Hos me als Ausdruck der Haltung der messianischen Zeit beschreibt, einer Zwischenzeit, die die Zeit anhält und verändert. Indem sie aber nun den Raum der polis sakralisierte, usurpiert sie ihn auch. Im Namen einer Imagination als sei alles gar nicht so, wie es sei, sondern vielmehr auf Gelingen ausgelegt.
Nur, dass Paulus eben nicht imaginiert und sein hos me wahrhaftig nicht vor einem Horizont weltlichen Gelingens spricht und schon gar nicht als politische Analyse. Sondern er schlußfolgert aus dem, was er gehört hat. Denn der Glaube daran, dass Gott die Welt radikal verändern wird, stammt aus dem Hören (Röm 10,17), denn Gott zeigt sich nicht. Die Augen sind niemals das Medium, das zum Glauben führt. Im Gegenteil. Alles, was nicht gewachsen ist, ist gemacht und folglich menschlich.
Also kann es die Kunst nicht sein. Auch sie ist hos meh in dem Sinne, dass sie auf Vergang angelegt ist, auf die Kata-strophe (die große Wende) angelegt ist, untergehen muss wie alles.
Selber wie eine Religiöse agierend, sieht BCC die Religion nicht und auch nicht, in welchem Maße sie wie eine Hohenpriesterin/Prophetin/Königin agiert. Darum kommt die Religion auch explizit auf dieser Docmenta nicht vor: sonst müsste sich BCC dem eigenen totalitären Anspruch stellen. Sonst müsste sie sich sagen lassen, dass Religion - als Bemächtigung des Göttlichen durch den Menschen, und sei es auch nur noch als Negation des Menschen - auf die Seite der Sünde gehört und gottlos ist und also auch menschfeindlich. Dabei strotzen die Exponate vor Religion, problematisieren sie, nehmen sie auf, zeigen sich als Surrogat, gebärden sich sakramental, haben im schlimmsten Falle sogar Verkündigungsgestus einer oft eher etwas kümmerlichen Ethik oder einer verschwurbelten Naturmystik: Ecce homo! Aber eben nicht auf der kuratorischen Ebene. Kein Wort zur Religion. Die wird nicht von innen betrachtet. Das Privileg, das Steinen, Hunden, Erdbeeren und Fliegen eingeräumt wird - hier kommt es nicht zur Anwendung. Das ist heiliger Ernst. Vor dem habe ich mich schon immer gefürchtet.
Es ist ganz uns gar merkwürdig: da sie dem Korrektiv der Theologie völlig sich entsagt, fällt sie genau auf den Gestus der Wissenschaft herein, der die Wissenschaft als Forschung problematisch macht: wenn sie Welterklärung usurpiert. Wer sich abgrenzt, grenzt sich ein:
"Die dOCUMENTA (13) wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision (! RK) angetrieben, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht. Diese Vision teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen" (Credo der doc 13, Buch der Bücher, erste Unmschlagseite, wie im Gesangbuch). Darum ist Kunst Forschung und generiert Wissen. Radikaler als den Eintrag des Wortes "Wissen" in die außermenschliche Sphäre kann ich mir die menschliche Usurpation der sog. Natur nicht vorstellen. Und das soll sogar heilsam sein. Es kann aber keine Heilung aus dem Kaputten kommen, dem Heilung bisher bloß verheißen ist (das ist der wahre Sinn des hos me aus dem Korinterbrief: wir leben doch in der gefallenen Schöpfung!).(Wir sollten, als Theologen, doch etwas kraftvoller von der Sünde reden, nicht nur beim Dessert, kleiner Insiderwitz)
Schade, dass diese kluge Frau, die so viel Agamben gelesen hat, durch ihn - der es ganz genau verstanden hat - offensichtlich nicht verstanden hat, wie ernst sie die Theologie als Religionskritik nehmen muss. Theologieverweigerung aber ist ein Signum des Fundamentalismus, des usurpatorischen Deutungsmonopolanspruches. Und zwar in diesem Falle auf Bilder und Dinge - das kann gar nicht funktionieren.
Tut es auch nicht.
Die Werke, weil von Menschen gemacht (und nur und ausschließlich von ihnen: ES GIBT KEINEN GÖTTLICHEN FUNKEN IN DER KUNST, Barmen 1), sind Gott sei Dank stärker, individueller, und, wenn es richtig gut läuft, frei von jeder Botschaft. Sie entziehen sich dem deutenden Zugriff. Und alle, die auf BCC hereinfallen in künstlicher Ereiferung oder undifferenzierter Ablehnung, tappen in die alte Falle der Religion: uns zu einer Entscheidung zu zwingen, die aus schiefen Alternativen besteht.
Ich kann mich, als protestantischer Theologe, da nur wundern.
Aber ich sehe auch mit Sorge, dass die Theologie zunehmend an Kraft verliert. Wir haben uns zu sehr auf die metatheologischen, metareligiösen Diskurse eingelassen und uns zu sehr aus der Abgrenzung definiert und uns in heillose Begründungsdiskurse eingelassen, bei denen wir verlieren müssen, weil das finale Argument eben gar keines ist, sondern eine Behauptung: dass der Glaube aus dem Hören kommt, nicht aus dem Schauen und dass Gott gar nicht "Gott" ist, sondern der Dreieinige (als ob der Glaube "monotheistisch" wäre und sich diesem Kunstbegriff einer diffamierenden Religionskritik aussetzen müsste).
Darum kann uns die Kunst eigentlich egal sein, und so ist es in der Bibel ja auch. Sie gerät nur in den Blick, wenn sie den Anspruch erhebt, irgendwie göttlich zu sein. Und dann bekommt sie Spott zu spüren oder Abscheu (z.B.das "Greuel der Verwüstung" einer Götzenstatue im Jerusalemer Tempel und der geniale Götzenspott des Jeremia, völlig köstlich die Stücke zu Daniel in den Apokryphen. Das zweite Gebot ist reine Psychohygiene!). Nur wer glaubt, dass die Kunst mehr sein kann als die Kunst, nämlich ein irgendwie konstituierter Raum einer Erfahrung des Mehr-als-Menschlichen, wird sich von ihr so in Rage bringen lassen, dass er meint, sie zerstören zu müssen oder ihr eine bessere, frömmere Kunst entgegenzusetzen oder auch nur zur Seite zu stellen. Es gibt keine fromme Kunst, es gibt nur Kunsthandwerk im Dienst der Religion.
Mir fehlen die Worte um auszudrücken, wie dämlich das ist. Wer glaubt, weiß, dass es keine Götzen gibt und hat folglich keine Angst vor Bildern, Schrotthaufen oder Videos mit Blut und Scheisse. Es sind die Religiösen und die A-Religiösen, die ernsthaft glauben, Dinge könnten mehr als Dinge sein. Das aber sind Theorieausgeburten der sog. Moderne, die nicht mehr hört sondern ihr Heil im Sehen sucht.
Ich bin sehr dankbar, dass mein Glaube mich so in Distanz zur Kunst bringt (hos me), dass ich mich an dem, was ich sehe, freuen kann wie ein Kind, ärgern kann, wie ein denkender Mensch oder ratlos sein kann wie ein Nicht-Künstler eben ratlos ist. Ich bin sehr dankbar, dass mein Glaube die Kunst das sein lässt, was sie ist: Spiel.
Das ist die heilsame Sphäre des wahrhaft Profanen (Agamben!), wo nichts etwas anderes sein muss, als das, was ist, aber alles bedeuten darf, was ich will. Ohne alle transzendente Sauce. Rechtfertigung pur.
Wie erholsam, wie aufregend, wie schön.
'''''''''''''''''''''''''
Doch habe ich ganz im Stillen immer noch die Vermutung, die Hypothese, das wir einer ironischen Inszenierung auf den Leim gehen. Das Ziel der pyrrhonischen Skepsis (Sextus Empiricus, auch einer von BCCs Gewährsmännern) ist nicht Relativismus, sondern Ataraxia, Seelenruhe, aus der heraus sowohl Dogmatismus als auch radikale Erkenntnisverweigerung als letztlich - lächerlich erscheinen. Könnte doch gut sein, dass BCC mittels Erdbeeren, Hunden, steilen Theoriemix und Schattenboxen mit der Kirche austestet, wie blöd wir wirklich sind....dann gäbe es am Ende der Documenta (13) aber eine Menge rote Ohren.....denn ihre Kassel-Kabul Parallelen verraten mir einen eigentlich sehr nüchternen Blick. Was sie über den Krieg schreibt, ist sehr genau beobachtet und weit von dem üblichen "die waffen nieder" blah-blah entfernt (Buch der Bücher -auch wenn sie dort wieder hypertrophe Schlüsse zieht und auf die Kanzel steigt: "Das ist der Punkt, an dem der Bereich der Kunst, der am Rand des Privaten und der Geschichte balanciert, zu einem Ort wird an dem man mit Erfahrungen am Rand des Anthropozentrischen, wo die Trümmer liegen, experimentieren und eine fantasievolle Gesellschaft aufbauen kann, in der das Menschliche nicht im Mittelpunkt unserer Kosmologie steht, sondern nur ein Element im Einklang mit allen belebten und unbelebten Weltenmachenr ist, darunter auch traumatisierte Menschen und Objekte. S. 303)." AMEN.
****************
Was bedeuten wird: ich zeige Euch, was mir gefällt und sage, warum. Mehr gibts nichts: skeptische (hin-blickende!) Epoche (Unterbrechung).
Samstag, 16. Juni 2012
documenta 13: zum Raum wird hier die Zeit - das herz des Universums
ein licht"strahl" wird gespalten, rast auf zwei bahnen durch die leitung, erzeugt zwei punkte auf einer leinwand, nachdem er wieder zusammengeführt wurde. berührt man eine der leitungen, verändern sich die punkte in ihrer intensität, die summe bleibt gleich. ein wellenphänomen.
ein lichtstrahl wird gespalten, jeder bekommt die entgegengesetzte polarisation, sie rasen durch zwei lichtleiter in zwei getrennte räume. ein detektor stellt fest: es können zum selben zeitpunkt zwei identisch-komplementäre ereignisse gemessen werden, als wäre ein teilchen gleichzeitig an zwei stellen. licht ist ein teilchenphänomen.
Einstein nannte das die spooky photons. es ist das phänomen der verschränkten teilchen, das mich schon seit meiner schulzeit nicht loslässt, das ist der kern der quantenphysik, die uns mitten hineinführt in die fragen nach raum und zeit.
Ich hatte ein langes, sehr aufregendes und bewegendes gespräch über zufall und determinismus, über beobachtung und beobachtete beobachtung mit einem der physiker im raum, mit einem anderen redeten wir lange über die frage, was die quantenphysik eigentlich beschreibt.
ich war so dankbar, gründlich theologie studiert zu haben, wie schon lange nicht mehr. meine lektüre von basilius, augustinus, thomas v. aquin, kant, wittgenstein, schleiermacher, barth....machte sich in diesem moment bezahlt. lauter alte bekannte traten auf, das nunc stans, die creatio ex nihilo...
...vor allem aber beschäftigt mich ein für mich ganz neuer gedanke, auf den mich die anschaulichkeit dieser experimente brachte (außer dass ich zum hunderttausendsten mal fluchte, so eine mathekrücke zu sein, als der eine physiker von der schönheit und der der formeln schwärmte, mit denen man das alles beschreibt: für diese schönheit bin ich blind! es ist zum heulen).
also: Gott würfelt doch (gegen Einsteins diktum) und die kopenhager interpretation hat große plausibilität (niels bohr taucht an mehreren stellen der dokumenta auf, z.b. im ottoneum).
er würfelt freilich so, dass zwei würfel, die einmal kontakt hatten, fortan immer diesselben ergebnisse zeigen. das ergebnis des wurfes ist niemals vorherzusagen (weil die würfe selber nicht kausal miteinander verbunden sind, es sind statistische ereignisse), aber dass beide würfel dasselbe ergebnis zeigen, schon, und zwar egal, wie weit sie voneinaner entfernt sind. dieses phänomen war mathematisch vorherssagbar, bevor man ideen hatte, wie man es messen kann. die schlichte apparatur im fridericianum führt eine der entdeckungen der physik vor, bei der das rätsel in das geheimnis umschlägt. der physikus schaute mich ganz irritiert an, als ich ihn frug, warum dass so sei mit den verschränkten photonen. das sei die falsche fragestellung. die gleichungen gingen auf, das reiche, um weiterzufragen. die theologie könnte sehr gewinnen von diesem geist der empirie (schleiermacher!), der mit platten meinungserhebungen und der sog. empirischen theologie natürlich nichts zu tun hat (das ist religionskunde).
es ist ein frage der messung, was man sieht, entweder "wellen" oder "teilchen", das eine ist messbar, das andere bleibt unscharf. im mikrokosmos waltet der zufall, sind raum und zeit bloße, von außen herangetragene parameter.
die quantenphyisk schaut in das herz des universums, und hier sieht man es schlagen - theologisch erinnerte mich vieles in unseren gesprächen an jene auffassung der Schöpfung, die man occasionalismus nennt und die vor allem im reformierten bereich stark verbreitet ist: gott schafft jeden moment neu.
es gibt zwischen ereignissen folglich keine kausalen beziehungen (David Hume! reformierter geist?), sie werden durch einen unausforschlichen und umessbaren willen zusammengehalten, der sich letztlich sprachlich äußern muss. hier berühren sich "geist" und "materie", bzw. hier wird deutlich, dass diese unterscheidung bloß noetisch ist (wie alle dualismen einfach nur dumm sind, weil sie auf grammatik hereinfallen).
für uns sind es quanten, ereigniskluster, die aus einer "zeit" und einem "raum" hervorgehen, die unanschaulich und entzogen sind, und beim denken genau dann an unverständlichkeit zunehmen, wenn sie an schärfe gewinnen: im kern der dinge waltet die trinität.
wir haben in der theologie eine unglaublich starke "kontakttheorie" zur modernden physik, wir haben ein feines, komplexes "gottesbild", das die bildhaftigkeit gerade verweigert, und wir haben ein fantastisches sprachliches inventar zur beschreibung von gleichzeitigkeit und instantanität, wir haben eine in diskursivität übersetzte mythologie (während die physik aufpassen muss, dass ihre diskurse nicht in mythologie verwandelt werden. hört mal zu, wenn kinder über "schöpfung" reden.) warum wird sie nicht genutzt und stattdessen eine peinlich banale natürliche theologie betrieben, die die physik vereinnahmt und mit die jedem forschungsfortschritt neu angepasst werden muss?
die physik löst die rätsel, wir wahren das geheimnis. dass sich die denkfiguren und sprachfiguren immer weiter annähern ist kein wahrheitsbeweis, sondern hinweis darauf, dass hier derselbe, menschliche geist am wirken ist (finitum non capax infinitum) und wir über die transzendentale Einheit der apperzeption in diesem leben nicht hinauskommen werden (weil das infinitum eine bloße idee der vernunft ist). solange wir keine göttlichen messgeräte haben (deren skalen wir nicht ablesen könnten), wird jede verfeinerung der messung die paradoxalität der ergebnisse erhöhen und so zwar die theorie bestätigen, unser verstehen aber immer weiter in die unanschaulichkeit treiben. wir theologInnen wissen dass, seit die trinitätslehre entwickelt und entdeckt wurde. sie ist unser größter theologischer schatz, ein wahrheitskcontainer und eine denkmaschine zur paradoxienbewältigung. da geht es um mehr also um grammatik (hier liegt barth einsicht gegenüber schleiermacher: die trintitätslehre beschreibt die möglichkeitsbedinungen theologischer erkenntnis, nicht bloß ihre ausdrucksformen).
mit einem wort: mit dieser installation, die alle grenzen von kunst, wissenschaft, spekulation, wissen und erkenntenis, natur und geist, technik und kunst, aufhebt, zeigt uns carolyn christov bargaciev das universum: the brain, the heart. die betenden motoren sind metapher dafür, und die möbiusschleifen im ottoneum neben dem raum mit den erdbarren: es ist wie ein rausch der erkenntnis und der sinne. im ottoneum freilich gibts auch plattes zu sehen, auch wenn mein modellbauerherz juchzt. aber es ist eben politischer modellbau (wovon ich rede: hinsehen, angucken, jeder wird sofort verstehen, was ich meine) und zu wirklicher kunst wird es modellbau nie schaffen, er ist zu ikonisch, kann nicht wirklich abstrahieren.
der teilchendetektor. auf dem boden der erlebten stabilität waltet der zufall.realtität ist ein ereigniscluster. eine opake gardine aus kasuellen fäden. ein teppich (!!!! wie viele teppiche es auf dieser documenta gibt. teppiche heißt das hauptwerk des clemens von alexandria. ich kam aus diesem raum nicht raus und bin dreimal zurück).
station b "bob": hier kommt ein teilchen an
der sender: hier werden die teilchen geteitl und in 90 grad versetzte polarisation gebracht.
station a (alice). hier kommt da anderes teilchen an. beide schirme zeigen diesselben werte. so eine gänsehaut hatte ich schon lange nicht mehr. zuletzt (jedenfalls fiel mir das sofort ein) im parsifal: zum raum wird hier die zeit. Kunst ist eben doch wissenschaft, wenn sie nicht blödes mainstream-kunsthandwerk ist, und wissenschaft ist, wegen ihrer leidenschaft und verliebtheit ins material und wegen ihrer askese, immer auch kunst. jedenfalls in ihren exceptionellen exemplaren. sie schafft kunstvoll wissen. wieviel list nötig ist, der "natur" ihre geheimnisse abzulauschen. das ist diesselbe energie, die dali für seine fließenden uhren aufbringen musste. gemalte physik.
die bronzenen möbiusschleifen im ottoneum. ich habe die möbiusschleife (aus papier) im unterricht immer benutzt, um über raum, zeit, ewigkeit und dreieinigkeit mit den kindern zu reden, es war immer gut, die möbiusschleife mit ihrer endlichen unendlichkeit macht das unanschauliche sinnlich erfahrbar und zeigt, wie nah das erhabene und das komische liegen: beim zerschneiden gab es immer mordsverblüffungsgelächter. mit der bronze würde das übrigens nicht funktionieren. sie demonstriert die schönheit der schleife, aber nicht ihre verborgene dynamik. es sei denn, man arbeitet mit der flex und einem spreizer.
klar kann man die möbisuschleife auch verformen. aber nicht topologisch umgestalten. sie ist kein körper, sie ist reine oberfläche !!!! das ist so,...so...so...schön irgendwie. wers nicht glaubt: wikipedia.
modellbautechnisch eine beeindruckende leistung. aber dann doch mehr politische demonstration als kunst, trotz mancher verfremdungseffekte. aber im kontext des ottoneums funktioniert das ganz gut. von wegen die austellung habe kein konzept. honi soit qui mal y pense.
ein lichtstrahl wird gespalten, jeder bekommt die entgegengesetzte polarisation, sie rasen durch zwei lichtleiter in zwei getrennte räume. ein detektor stellt fest: es können zum selben zeitpunkt zwei identisch-komplementäre ereignisse gemessen werden, als wäre ein teilchen gleichzeitig an zwei stellen. licht ist ein teilchenphänomen.
Einstein nannte das die spooky photons. es ist das phänomen der verschränkten teilchen, das mich schon seit meiner schulzeit nicht loslässt, das ist der kern der quantenphysik, die uns mitten hineinführt in die fragen nach raum und zeit.
Ich hatte ein langes, sehr aufregendes und bewegendes gespräch über zufall und determinismus, über beobachtung und beobachtete beobachtung mit einem der physiker im raum, mit einem anderen redeten wir lange über die frage, was die quantenphysik eigentlich beschreibt.
ich war so dankbar, gründlich theologie studiert zu haben, wie schon lange nicht mehr. meine lektüre von basilius, augustinus, thomas v. aquin, kant, wittgenstein, schleiermacher, barth....machte sich in diesem moment bezahlt. lauter alte bekannte traten auf, das nunc stans, die creatio ex nihilo...
...vor allem aber beschäftigt mich ein für mich ganz neuer gedanke, auf den mich die anschaulichkeit dieser experimente brachte (außer dass ich zum hunderttausendsten mal fluchte, so eine mathekrücke zu sein, als der eine physiker von der schönheit und der der formeln schwärmte, mit denen man das alles beschreibt: für diese schönheit bin ich blind! es ist zum heulen).
also: Gott würfelt doch (gegen Einsteins diktum) und die kopenhager interpretation hat große plausibilität (niels bohr taucht an mehreren stellen der dokumenta auf, z.b. im ottoneum).
er würfelt freilich so, dass zwei würfel, die einmal kontakt hatten, fortan immer diesselben ergebnisse zeigen. das ergebnis des wurfes ist niemals vorherzusagen (weil die würfe selber nicht kausal miteinander verbunden sind, es sind statistische ereignisse), aber dass beide würfel dasselbe ergebnis zeigen, schon, und zwar egal, wie weit sie voneinaner entfernt sind. dieses phänomen war mathematisch vorherssagbar, bevor man ideen hatte, wie man es messen kann. die schlichte apparatur im fridericianum führt eine der entdeckungen der physik vor, bei der das rätsel in das geheimnis umschlägt. der physikus schaute mich ganz irritiert an, als ich ihn frug, warum dass so sei mit den verschränkten photonen. das sei die falsche fragestellung. die gleichungen gingen auf, das reiche, um weiterzufragen. die theologie könnte sehr gewinnen von diesem geist der empirie (schleiermacher!), der mit platten meinungserhebungen und der sog. empirischen theologie natürlich nichts zu tun hat (das ist religionskunde).
es ist ein frage der messung, was man sieht, entweder "wellen" oder "teilchen", das eine ist messbar, das andere bleibt unscharf. im mikrokosmos waltet der zufall, sind raum und zeit bloße, von außen herangetragene parameter.
die quantenphyisk schaut in das herz des universums, und hier sieht man es schlagen - theologisch erinnerte mich vieles in unseren gesprächen an jene auffassung der Schöpfung, die man occasionalismus nennt und die vor allem im reformierten bereich stark verbreitet ist: gott schafft jeden moment neu.
es gibt zwischen ereignissen folglich keine kausalen beziehungen (David Hume! reformierter geist?), sie werden durch einen unausforschlichen und umessbaren willen zusammengehalten, der sich letztlich sprachlich äußern muss. hier berühren sich "geist" und "materie", bzw. hier wird deutlich, dass diese unterscheidung bloß noetisch ist (wie alle dualismen einfach nur dumm sind, weil sie auf grammatik hereinfallen).
für uns sind es quanten, ereigniskluster, die aus einer "zeit" und einem "raum" hervorgehen, die unanschaulich und entzogen sind, und beim denken genau dann an unverständlichkeit zunehmen, wenn sie an schärfe gewinnen: im kern der dinge waltet die trinität.
wir haben in der theologie eine unglaublich starke "kontakttheorie" zur modernden physik, wir haben ein feines, komplexes "gottesbild", das die bildhaftigkeit gerade verweigert, und wir haben ein fantastisches sprachliches inventar zur beschreibung von gleichzeitigkeit und instantanität, wir haben eine in diskursivität übersetzte mythologie (während die physik aufpassen muss, dass ihre diskurse nicht in mythologie verwandelt werden. hört mal zu, wenn kinder über "schöpfung" reden.) warum wird sie nicht genutzt und stattdessen eine peinlich banale natürliche theologie betrieben, die die physik vereinnahmt und mit die jedem forschungsfortschritt neu angepasst werden muss?
die physik löst die rätsel, wir wahren das geheimnis. dass sich die denkfiguren und sprachfiguren immer weiter annähern ist kein wahrheitsbeweis, sondern hinweis darauf, dass hier derselbe, menschliche geist am wirken ist (finitum non capax infinitum) und wir über die transzendentale Einheit der apperzeption in diesem leben nicht hinauskommen werden (weil das infinitum eine bloße idee der vernunft ist). solange wir keine göttlichen messgeräte haben (deren skalen wir nicht ablesen könnten), wird jede verfeinerung der messung die paradoxalität der ergebnisse erhöhen und so zwar die theorie bestätigen, unser verstehen aber immer weiter in die unanschaulichkeit treiben. wir theologInnen wissen dass, seit die trinitätslehre entwickelt und entdeckt wurde. sie ist unser größter theologischer schatz, ein wahrheitskcontainer und eine denkmaschine zur paradoxienbewältigung. da geht es um mehr also um grammatik (hier liegt barth einsicht gegenüber schleiermacher: die trintitätslehre beschreibt die möglichkeitsbedinungen theologischer erkenntnis, nicht bloß ihre ausdrucksformen).
mit einem wort: mit dieser installation, die alle grenzen von kunst, wissenschaft, spekulation, wissen und erkenntenis, natur und geist, technik und kunst, aufhebt, zeigt uns carolyn christov bargaciev das universum: the brain, the heart. die betenden motoren sind metapher dafür, und die möbiusschleifen im ottoneum neben dem raum mit den erdbarren: es ist wie ein rausch der erkenntnis und der sinne. im ottoneum freilich gibts auch plattes zu sehen, auch wenn mein modellbauerherz juchzt. aber es ist eben politischer modellbau (wovon ich rede: hinsehen, angucken, jeder wird sofort verstehen, was ich meine) und zu wirklicher kunst wird es modellbau nie schaffen, er ist zu ikonisch, kann nicht wirklich abstrahieren.
der teilchendetektor. auf dem boden der erlebten stabilität waltet der zufall.realtität ist ein ereigniscluster. eine opake gardine aus kasuellen fäden. ein teppich (!!!! wie viele teppiche es auf dieser documenta gibt. teppiche heißt das hauptwerk des clemens von alexandria. ich kam aus diesem raum nicht raus und bin dreimal zurück).
station b "bob": hier kommt ein teilchen an
der sender: hier werden die teilchen geteitl und in 90 grad versetzte polarisation gebracht.
station a (alice). hier kommt da anderes teilchen an. beide schirme zeigen diesselben werte. so eine gänsehaut hatte ich schon lange nicht mehr. zuletzt (jedenfalls fiel mir das sofort ein) im parsifal: zum raum wird hier die zeit. Kunst ist eben doch wissenschaft, wenn sie nicht blödes mainstream-kunsthandwerk ist, und wissenschaft ist, wegen ihrer leidenschaft und verliebtheit ins material und wegen ihrer askese, immer auch kunst. jedenfalls in ihren exceptionellen exemplaren. sie schafft kunstvoll wissen. wieviel list nötig ist, der "natur" ihre geheimnisse abzulauschen. das ist diesselbe energie, die dali für seine fließenden uhren aufbringen musste. gemalte physik.
die bronzenen möbiusschleifen im ottoneum. ich habe die möbiusschleife (aus papier) im unterricht immer benutzt, um über raum, zeit, ewigkeit und dreieinigkeit mit den kindern zu reden, es war immer gut, die möbiusschleife mit ihrer endlichen unendlichkeit macht das unanschauliche sinnlich erfahrbar und zeigt, wie nah das erhabene und das komische liegen: beim zerschneiden gab es immer mordsverblüffungsgelächter. mit der bronze würde das übrigens nicht funktionieren. sie demonstriert die schönheit der schleife, aber nicht ihre verborgene dynamik. es sei denn, man arbeitet mit der flex und einem spreizer.
klar kann man die möbisuschleife auch verformen. aber nicht topologisch umgestalten. sie ist kein körper, sie ist reine oberfläche !!!! das ist so,...so...so...schön irgendwie. wers nicht glaubt: wikipedia.
modellbautechnisch eine beeindruckende leistung. aber dann doch mehr politische demonstration als kunst, trotz mancher verfremdungseffekte. aber im kontext des ottoneums funktioniert das ganz gut. von wegen die austellung habe kein konzept. honi soit qui mal y pense.
Freitag, 15. Juni 2012
documenta13 betende Motoren
mantras sind seit je eine der wichtigsten ausdrucksformen von religion gewesen, elementar, rhythmisch, endlos, litaneien. ständiges aussprechen übertönt die stille des unaussprechlichen. rhythmus schafft die illusion strukturierte zeit und strukturierten klanges. vielleicht die urmusikerfahrung, die mutter, die in den schlaf singt, der jäger, der seine angst besingt. gebet ist inbrunst, die ek-stase. darum die idee, maschinen beten zu lassen. kerzen, mühlen, mönche. die idee, maschinen zur hilfe zu nehmen, rosenkranz, abzählmaschinen aller art, maschinen, die zeit zu manipulieren, ein nunc stans zu erzeugen, das heilige durch rhythmus zu bannen und zu berechnen (computus: der osterkalender). das hat immer auch etwas von tanz, mikrosmisch. ich habe, als schmiedesohn, als technikbegeisterter, maschinen immer auch von dieser tänzerischen, mantrischen seite erlebt. mit lego zahnrädern ließen sich wundervolle repetierapparate bauen. versinken konnte ich im takt der maschinen in der brotfabrik, in der ich lange jahre gearbeitet habe, als studetn. dampfmaschinen, vor allem die ventilgesteuerten, waren ein lieblingsspielzeug, wie genial, den stoß via excenter in eine drehbewegung zu verwandeln, das feuer zu bannen und in den dienst zu nehmen, stahlgebete.
ich konnte mich davon gar nicht lösen: ballet mechanique, maschinenmantra. purer rhythmus, der durch seine schnelligkeit zu lärm wird, zu krach. diese motoren in der austellung laufen ja mit einem hundertstel ihrer eigentlichen laufzeit, synchronisiert mit den Gebeten, die man von band hört. dass die sternmotoren zugleich als sie erfunden worden sind, auch maschinengewehre so steuerten, dass sie durch den propeller schießen und also das flugzeug zu einem tödlichen körperteil des piloten machten, gibt dem, nach dem raum über das reparieren im zwehrenturm, noch etwas beklemmendes. wer je in dunkler, nasser nacht, voller stalldrang, hinter scheibenwischern sass, wird das stille gebet dieser insektoiden gesalten kennen, maschinenmantra: bittet für mich!
ich liebe solche simplen, kraftvollen ideen. die frage aller fragen, ob das kunst stellt sich nicht nur nicht, sie offenbart sich in ihrer beschränktheit vor dem werk. Da werde ich öfter hingehen. vor allem - wenn man einen raum weitergeht....und da muss ich dann eine ungeheuerliche geschichte erzählen, die sich genau in diesem raum abspielte.
ich konnte mich davon gar nicht lösen: ballet mechanique, maschinenmantra. purer rhythmus, der durch seine schnelligkeit zu lärm wird, zu krach. diese motoren in der austellung laufen ja mit einem hundertstel ihrer eigentlichen laufzeit, synchronisiert mit den Gebeten, die man von band hört. dass die sternmotoren zugleich als sie erfunden worden sind, auch maschinengewehre so steuerten, dass sie durch den propeller schießen und also das flugzeug zu einem tödlichen körperteil des piloten machten, gibt dem, nach dem raum über das reparieren im zwehrenturm, noch etwas beklemmendes. wer je in dunkler, nasser nacht, voller stalldrang, hinter scheibenwischern sass, wird das stille gebet dieser insektoiden gesalten kennen, maschinenmantra: bittet für mich!
ich liebe solche simplen, kraftvollen ideen. die frage aller fragen, ob das kunst stellt sich nicht nur nicht, sie offenbart sich in ihrer beschränktheit vor dem werk. Da werde ich öfter hingehen. vor allem - wenn man einen raum weitergeht....und da muss ich dann eine ungeheuerliche geschichte erzählen, die sich genau in diesem raum abspielte.
Donnerstag, 14. Juni 2012
documenta 13: Heilende Kunst, kunstvolle Heilung. Lieblingsbilder
die documenta bricht das schweigen. obwohl mir die worte fehlen. soviel auratische kunst.
keine kunst. meine documenta-schuhe, die dauerkarte. auf gehts. der luftzug im friedericianum: natürlich künstlich. künstliche natur. so einfach.
in inneren of the brain. genial: die tiefe der geschichte, baktrische prinzessin. stünds nicht dabei, man könnts auch für 50er jahre halten. in der umkehrung zeigen uns die prinzessinnen, was für ein irrweg der röhrende hirsch ist (oder die nackte schöne in hitlers badezimmer. was habe ich mich auflachend gegruselt). die schönen vasen: war doch ein versuch, kunst in den alltag zu bringen. in meiner kindheit gabs das noch. abstrakte tapeten, ungemütliche, aber picassohafte eisdielenstühle. und vorhänge mit undefinierbaren mustern ála kandinsky. schickeria und spiesser werden sich schwertun mit dieser ausstellung, das merkt man schon im brain. (die schiere unvernunft, die sich gesunder menschenverstand nennt, krakeelt: leserbriefe lesen! wie banal das balkenolmännlein ist). und das bild da oben, die maske: ich wusste immer schon, wir modellbauer sind die wahre avantgarde. 3D-druck ist der feuchte traum jeden bastlers. ich habe qualitativ schon besseres gesehen auf diversen sammlerbörsen. aber hier zeigt sich: kunst und technik verschmelzen immer mehr. hier war keine hand mehr tätig. entworfen am computer, ausgedruckt. demnächst: alle skulpturen zum download und selber drucken. wo ist dann das auratische? nur noch im konzept (das ja angeblich gar nicht da ist, aber einem vom ersten luftzug an anspringt. der verzicht auf das "humane" zeigt sich als tiefer humanismus. erdbeeren an die macht [kunst und ironie: für wichtigmenschen und geschäftsmenschen und das-leben-ist-kein-spiel-sondern-bitterer-ernst-menschen der schiere horror]). auf der d14 will ich 3Dfiguren in vielfarbdruck sehen. es lebe der fortschritt, wenn er dem spiel dient. tränenfeuchtes auges stehe ich vor den artefakten aus dem abgebrannten museum. der krieg ist allgegenwärtig auf dieser documenta, und die religion, und in diesem wirklich famosen raum im zwehrenturm, wo es ums reparieren geht, beklemmend in ihrer ikonischen nähe. kluge frau!
devotionalien aus patronenhülsen. ein musikinstrument aus einem französischen adrian-helm. zerstörte gesichter, zusammengeflickt (da antlitz des krieges: alles grabenkunst, trench-art). afrikanische skulpturen, die freiwillige deformationen zeigen: krieg dem natürlich körper, der ikone des verfalls. die mythen von perfektion und wiederherstellung. ich hätte in der beklemmend-befreienden diashow noch ein paar schönheitsop-zombies erwartet, aber dass ich an sie denken musste, zeigt ja schon: it works. dazu bücher. klassiker der weltkriegsliteratur (das meiste kenne ich, wie sich jeder denken kann, der meinen anderen blog besucht), und la pensee sauvage, levi strauss, eines meiner erweckungsbücher. ich hatte mühe, mich aus diesem raum zu lösen. vibrierende wahrheit.
die werke strafen lügen, was ich oben gesagt habe. hier sieht man auratisches handwerk von wirbelnder intensität (war das nicht das wort der 90er jahre?). handwerk. hier haben menschen lebenszeit geopfert, um mir eine freude zu machen. unfotografierbar (wie schön!), unbeschreibbar (wie schön!), unfassbar zum teil in ihrer artifizialität (außer dem dioramabild unten. da juchzt der modellbauer, das begreife ich. sowas will ich auch könne. verfluchte mediokrität!). schwarze parallele schlangenlinien aus tupfen auf vibrierendem rot: unanschaubar, es ist so präsent, dass es sich dem klärenden Blick entzieht, eine gemalte kleine sekunde. meine fresse, die geduld möchte ich haben, wirklich. kunst als lebens-aufgabe.
dadrunter: ein hyperrealistischer teppich, gobelinmethode. fasse es, wer es fassen kann. aus afghanistan: erstes deutliches echo auf die baktrischen prinzessinnen, und auf die teppiche aus dem spanischen bürgerkrieg, unten, im oberen stock der rotunde. beides übrigens kriege mit deutscher beteiligung (auf der falschen seite? schwierig. in spanien auf jeden fall).
der faden der assoziation. von wegen kein konzept. wie webt man so etwas? bei der detailsuche augenschmerzen gekriegt. den werde ich mir immer und immer wieder anschauen müssen, das ist so eine sehnsuchtskunst wie botticellis la primavera.
das bunte gipsgetüm: farbe und zeug und stahl (den ich sehr liebe, ich komme aus einer familie von schmieden!) und toll. auratisch unbeschreibbar, muss man gesehen haben.ich habe es sogar angefasst, sorry ging nicht anders, nicht weitersagen.
kunst heilt und macht müde. gähn. ich hoffe, ich träume davon.
Ja, ja, ja. natürlich habe ich unscharf und schlecht fotografiert. natürlich begreift man nur, was ich geschrieben habe, wenn mans gesehen hat. mir ist das auratische heilig, die technische reproduktion ist nur zeichen ( ja, ich kann auch theorie). HINGEHEN: SELBER GUCKEN: DANN SAGEN; THEO SPINNT.
keine kunst. meine documenta-schuhe, die dauerkarte. auf gehts. der luftzug im friedericianum: natürlich künstlich. künstliche natur. so einfach.
in inneren of the brain. genial: die tiefe der geschichte, baktrische prinzessin. stünds nicht dabei, man könnts auch für 50er jahre halten. in der umkehrung zeigen uns die prinzessinnen, was für ein irrweg der röhrende hirsch ist (oder die nackte schöne in hitlers badezimmer. was habe ich mich auflachend gegruselt). die schönen vasen: war doch ein versuch, kunst in den alltag zu bringen. in meiner kindheit gabs das noch. abstrakte tapeten, ungemütliche, aber picassohafte eisdielenstühle. und vorhänge mit undefinierbaren mustern ála kandinsky. schickeria und spiesser werden sich schwertun mit dieser ausstellung, das merkt man schon im brain. (die schiere unvernunft, die sich gesunder menschenverstand nennt, krakeelt: leserbriefe lesen! wie banal das balkenolmännlein ist). und das bild da oben, die maske: ich wusste immer schon, wir modellbauer sind die wahre avantgarde. 3D-druck ist der feuchte traum jeden bastlers. ich habe qualitativ schon besseres gesehen auf diversen sammlerbörsen. aber hier zeigt sich: kunst und technik verschmelzen immer mehr. hier war keine hand mehr tätig. entworfen am computer, ausgedruckt. demnächst: alle skulpturen zum download und selber drucken. wo ist dann das auratische? nur noch im konzept (das ja angeblich gar nicht da ist, aber einem vom ersten luftzug an anspringt. der verzicht auf das "humane" zeigt sich als tiefer humanismus. erdbeeren an die macht [kunst und ironie: für wichtigmenschen und geschäftsmenschen und das-leben-ist-kein-spiel-sondern-bitterer-ernst-menschen der schiere horror]). auf der d14 will ich 3Dfiguren in vielfarbdruck sehen. es lebe der fortschritt, wenn er dem spiel dient. tränenfeuchtes auges stehe ich vor den artefakten aus dem abgebrannten museum. der krieg ist allgegenwärtig auf dieser documenta, und die religion, und in diesem wirklich famosen raum im zwehrenturm, wo es ums reparieren geht, beklemmend in ihrer ikonischen nähe. kluge frau!
devotionalien aus patronenhülsen. ein musikinstrument aus einem französischen adrian-helm. zerstörte gesichter, zusammengeflickt (da antlitz des krieges: alles grabenkunst, trench-art). afrikanische skulpturen, die freiwillige deformationen zeigen: krieg dem natürlich körper, der ikone des verfalls. die mythen von perfektion und wiederherstellung. ich hätte in der beklemmend-befreienden diashow noch ein paar schönheitsop-zombies erwartet, aber dass ich an sie denken musste, zeigt ja schon: it works. dazu bücher. klassiker der weltkriegsliteratur (das meiste kenne ich, wie sich jeder denken kann, der meinen anderen blog besucht), und la pensee sauvage, levi strauss, eines meiner erweckungsbücher. ich hatte mühe, mich aus diesem raum zu lösen. vibrierende wahrheit.
die werke strafen lügen, was ich oben gesagt habe. hier sieht man auratisches handwerk von wirbelnder intensität (war das nicht das wort der 90er jahre?). handwerk. hier haben menschen lebenszeit geopfert, um mir eine freude zu machen. unfotografierbar (wie schön!), unbeschreibbar (wie schön!), unfassbar zum teil in ihrer artifizialität (außer dem dioramabild unten. da juchzt der modellbauer, das begreife ich. sowas will ich auch könne. verfluchte mediokrität!). schwarze parallele schlangenlinien aus tupfen auf vibrierendem rot: unanschaubar, es ist so präsent, dass es sich dem klärenden Blick entzieht, eine gemalte kleine sekunde. meine fresse, die geduld möchte ich haben, wirklich. kunst als lebens-aufgabe.
dadrunter: ein hyperrealistischer teppich, gobelinmethode. fasse es, wer es fassen kann. aus afghanistan: erstes deutliches echo auf die baktrischen prinzessinnen, und auf die teppiche aus dem spanischen bürgerkrieg, unten, im oberen stock der rotunde. beides übrigens kriege mit deutscher beteiligung (auf der falschen seite? schwierig. in spanien auf jeden fall).
der faden der assoziation. von wegen kein konzept. wie webt man so etwas? bei der detailsuche augenschmerzen gekriegt. den werde ich mir immer und immer wieder anschauen müssen, das ist so eine sehnsuchtskunst wie botticellis la primavera.
das bunte gipsgetüm: farbe und zeug und stahl (den ich sehr liebe, ich komme aus einer familie von schmieden!) und toll. auratisch unbeschreibbar, muss man gesehen haben.ich habe es sogar angefasst, sorry ging nicht anders, nicht weitersagen.
kunst heilt und macht müde. gähn. ich hoffe, ich träume davon.
Ja, ja, ja. natürlich habe ich unscharf und schlecht fotografiert. natürlich begreift man nur, was ich geschrieben habe, wenn mans gesehen hat. mir ist das auratische heilig, die technische reproduktion ist nur zeichen ( ja, ich kann auch theorie). HINGEHEN: SELBER GUCKEN: DANN SAGEN; THEO SPINNT.
Montag, 17. Oktober 2011
Galerie der neuen Meister in Dresden
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Da stand ich nun unter meinen geliebten Spätromantikern, und staunte nicht schlecht. Die meisten Bilder kannte ich bisher nur aus Abbildungen, nun traf mich das Auratische unmittelbar. Aus Schlegel progressiver Universalpoesie ist, wenn mir der Kalauer erlaubt ist, aggressive Universalpoesie geworden. Was für eine sexualisierte Kunst! Ich habe Freud ja immer ein wenig misstraut, war mir nie sicher, ob er nicht eben doch nur zeitgebunden ist- wenn man unter diesen schwülen Bildern steht, erledigt sich die Frage. Die Sehnsucht der Romantiker ist der Orgasmus, die Verschmelzung, der Weltverlust durch Überhöhung und Ekstase, das hat mit der poetischen Weltaneignung der frühen Romantik nur noch wenig zu tun. Hier herrscht nicht Sehnsucht, hier herrscht die Sehnsucht nach der Sehnsucht, nach mehr-als-bloß-Sex (was war Wagner für ein Genie! Das wusste er schon alles in den 60er Jahren, Tristan und Isolde, Brünnhildenfelsen, Johannisnacht: vielleicht durfte die Musik auch vieles schon eher, weil man es nicht so mitbekam??? Nacktes Fleisch zu malen ist noch einmal etwas anders als, um im Bilde zu bleiben, nacktes Fleisch [und was man damit macht] zu komponieren). Die Sehnsucht nach der Sehnsucht ist die Spitze der Entfremdung, hinter all dem Idyll donnert die Dampfmaschine und schuftet das schon die Slums besiedelnde Proletariat. Die Künstlichkeit der Natur bei C. F. Friedrich (und erst bei Runge und Richter!) richtet sich gegen die Kultur, aus der der Begriff der Natur freilich einzig sich abgrenzend stammt, denn die Natürlichkeit der Kultur (die Freud bloßlegt) ist das, wovor man sich fürchtet. Daraus resultiert die Überstilisierung, die so leicht vom Erhabenen in den Kitsch umschlägt. Keiner darf wirklich sagen, was er sieht und sehen will, alles ist Chiffre. Da war Freud der große Spielverderber, der des Kaisers Neue Kleider sah, und erkannte, dass auch hier nur Höhlenmalerie produziert wird. Die Sehnsucht der Romantik ist der Orgasmus, aber bitte ohne Schmutz und Tier. Erst Mahler, vor allem aber Wagner, Strauss und Schönberg lassen die Sau raus, Strawinsky treibt sie sogar durch die Konzertsäle. Der Weg dazu -Sex ohne Sex - ist die Raffinesse, die aber dann so weit getrieben wird, dass sie sozusagen in sich selber stecken bleibt und nicht zum Stich kommt: l´art pour l´art, das hat etwas Quälendes. Kein Wunder, dass sich das eines Tages entlud. Und was folgte? Der Ekel, das Grundgefühl des 20. Jahrhunderts. Und doch sind diese Bilder zum Sterben schön...Fantasy-Malerei vom Allerfeinsten, technisch brilliant, fern aller Naturhuberei und eben, naja, wie soll ich sagen, irgendwie angriffig.
Nebenbemerkung:
Ich habe ja Arno Schmidts Karl-May-Buch immer für eine totale Übertreibung gehalten. Überall sieht er, in den harmlosesten, oft sehr gesuchten Andeutungen Homoerotisches am Werke. Jetzt, wo ich Bilder von Sascha Schneider - dem Maler der Titelbilder der originalen Karl-May-Bände, in natura gesehen habe, kann ich dem etwas abgewinnen:man kann sich dem homoerotischen Eindruck kaum entziehen.
Sascha Schneider, Judas Ischarioth:
Hans Unger, Die Muse
Noch ein Unger und ein Klinger
Da stand ich nun unter meinen geliebten Spätromantikern, und staunte nicht schlecht. Die meisten Bilder kannte ich bisher nur aus Abbildungen, nun traf mich das Auratische unmittelbar. Aus Schlegel progressiver Universalpoesie ist, wenn mir der Kalauer erlaubt ist, aggressive Universalpoesie geworden. Was für eine sexualisierte Kunst! Ich habe Freud ja immer ein wenig misstraut, war mir nie sicher, ob er nicht eben doch nur zeitgebunden ist- wenn man unter diesen schwülen Bildern steht, erledigt sich die Frage. Die Sehnsucht der Romantiker ist der Orgasmus, die Verschmelzung, der Weltverlust durch Überhöhung und Ekstase, das hat mit der poetischen Weltaneignung der frühen Romantik nur noch wenig zu tun. Hier herrscht nicht Sehnsucht, hier herrscht die Sehnsucht nach der Sehnsucht, nach mehr-als-bloß-Sex (was war Wagner für ein Genie! Das wusste er schon alles in den 60er Jahren, Tristan und Isolde, Brünnhildenfelsen, Johannisnacht: vielleicht durfte die Musik auch vieles schon eher, weil man es nicht so mitbekam??? Nacktes Fleisch zu malen ist noch einmal etwas anders als, um im Bilde zu bleiben, nacktes Fleisch [und was man damit macht] zu komponieren). Die Sehnsucht nach der Sehnsucht ist die Spitze der Entfremdung, hinter all dem Idyll donnert die Dampfmaschine und schuftet das schon die Slums besiedelnde Proletariat. Die Künstlichkeit der Natur bei C. F. Friedrich (und erst bei Runge und Richter!) richtet sich gegen die Kultur, aus der der Begriff der Natur freilich einzig sich abgrenzend stammt, denn die Natürlichkeit der Kultur (die Freud bloßlegt) ist das, wovor man sich fürchtet. Daraus resultiert die Überstilisierung, die so leicht vom Erhabenen in den Kitsch umschlägt. Keiner darf wirklich sagen, was er sieht und sehen will, alles ist Chiffre. Da war Freud der große Spielverderber, der des Kaisers Neue Kleider sah, und erkannte, dass auch hier nur Höhlenmalerie produziert wird. Die Sehnsucht der Romantik ist der Orgasmus, aber bitte ohne Schmutz und Tier. Erst Mahler, vor allem aber Wagner, Strauss und Schönberg lassen die Sau raus, Strawinsky treibt sie sogar durch die Konzertsäle. Der Weg dazu -Sex ohne Sex - ist die Raffinesse, die aber dann so weit getrieben wird, dass sie sozusagen in sich selber stecken bleibt und nicht zum Stich kommt: l´art pour l´art, das hat etwas Quälendes. Kein Wunder, dass sich das eines Tages entlud. Und was folgte? Der Ekel, das Grundgefühl des 20. Jahrhunderts. Und doch sind diese Bilder zum Sterben schön...Fantasy-Malerei vom Allerfeinsten, technisch brilliant, fern aller Naturhuberei und eben, naja, wie soll ich sagen, irgendwie angriffig.
Nebenbemerkung:
Ich habe ja Arno Schmidts Karl-May-Buch immer für eine totale Übertreibung gehalten. Überall sieht er, in den harmlosesten, oft sehr gesuchten Andeutungen Homoerotisches am Werke. Jetzt, wo ich Bilder von Sascha Schneider - dem Maler der Titelbilder der originalen Karl-May-Bände, in natura gesehen habe, kann ich dem etwas abgewinnen:man kann sich dem homoerotischen Eindruck kaum entziehen.
Sascha Schneider, Judas Ischarioth:
Hans Unger, Die Muse
Noch ein Unger und ein Klinger
Donnerstag, 21. April 2011
Metall und Leid
Siehe, ich will mein Volk schmelzen und prüfen.
Jeremia 9,6
Petrus dachte an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
Matthäus 26,75
Man merkt dem Alten Testament an, dass es aus einer Zeit ungeheuen technologischen Aufschwungs der Menschheit stammt. Seine Anfänge reichen auf der Ebene der mündlichen Tradition sicher noch in die Steinzeit, der Paradiesmythos und die Kain und Abel Geschichte sind ferne Echos auf die neolithische Revolution. Aber die grundlegenden Erfahrungen Israels und seiner Erzväter gehören in die Zeit des Umbruches von der Bronzezeit in die Eisenzeit. Es war die hohe Zeit der Metallurgie. Und die ist ja auch spannend.
Ich bin der Sohn eines Schmiedes, der auch der Sohn eine Schmiedes ist: Das Metall spielte immer eine große Rolle in meiner Kindheit. Der Lichtbogen des Schweißgerätes war mir die Erklärung für das Gewitter, und zwar eben gerade nicht naturalistisch. Es waren ja Vater und Großvater, die da schweißten, und so verstand ich Gewitter, lange bevor ich von Zeus und Konsorten hörte oder gar vom Jahwe am Sinai. Und ich hatte keine Angst, sondern Respekt. Der Lichtbogen war für mich väterliche Machtentfaltung.
Zwei- oder dreimal im Jahr wurde die Schmiede angeworfen. Wer das nie erlebt hat, dem fehlt eine Menschheitserfahrung.
Die hohe Glut schmiedbaren Eisens, der Geruch verbrennender Eisenspänne beim Schmieden, der noch eigentümlichere Geruch beim Härten, wenn das rotglühende Eisen in das Speiseöl getaucht wird, das Zischen, Kochen, Blubbern, der sehr eigene Sound der Hämmer auf dem Ambos...Metalerfahrung ist "Ur"- Erfahrung. Stundenlang mussten mir Vater und Großvater die Metallgewinnung beschreiben, und Schenzingers Buch "Metall" war meine erste große Lektüre. "Das Buch vom Eisen" stand in unserer schmalen Bibliothek, ganz tief sitzt das Bild der Thomasbirne. Noch heute kann ich mich auf N24 nicht sattsehen an den Berichten über Metallbearbeitung.
Ich kann verstehen, warum vor allem die Propheten immer wieder Bilder aus diesem Bereich aufnahmen: Umschmieden will Jesaja die Schwerter zu Pflugscharen, Läutern will Jeremia das volk wie man Silber aus der Schlacke holt, die Schlacke aber wird verworfen; ein heiße Glut will Gott entfachen, um das gute Gold aus dem schlchten Erz zu holen.
Und das Starke daran ist:
Das kraftvolle Urgeschehen der Eisen- und Bronzeverhüttung wird zu einer Erklärung für das Leiden.
Das ist kühn, denn ansonsten sind technische Metaphern immer mit großer Vorsicht zu genießen. Aber diese Metapher trägt, weil sie eine wirkliche Urerfahrung anspricht und aus einer Technik stammt, die am Rande der Beherrschbarkeit beherrscht wurde. Der Schmied war auch dämonisch und den Mächten, mit denen er hantierte, ausgeliefert.
Das menschliche Leiden, vor allem aber das Leiden desVolkes, ist wie Läuterung, wie die Hitze, der Staub und das Feuer der Thomasbirne, in der die Stoffe, die das Erz verunreinigen, ausgeblasen werden, so dass der reine Stoff übrigbleibt. Ein schmerzhafter, ein vulkanischer Prozess, furchteinflößend und überwältigend, nicht zu bändigen, wie es scheint, wenn es nicht von einem erfahrenen Schmied gemacht wird. Der aber produziert reines Eisen, edle Bronze, 24karätiges Gold, lauteres Silber.
So ist das Leid.
Und so tröstet sich das Volk Israel damit, in den Händen des besten aller Schmiede zu sein, des Weltenschmiedes schlechthin, der über die ganze Schöpfung einen Riesendeckel, eine Feste gespannt hat und sie auf eherne Säulen gestellt hat, damit sie nicht wankt. Ein unglaublich kühner Gedanke: der Schmerz selber ist der Prozess der Erlösung, ist selber läuterung. Gericht und Gnade: ununterscheidbar. Es kommt auf das Ende an. Wer hat das Vertrauen auf das gute Ende?
Ich will das gar nicht kommentieren und theologisch aufbrechen.
Ich lasse es wirken.
Leiden als Läuterung, Leiden als das Schmiedefeuer Gottes.
Der Gründonnerstag: Das ist der Abend, an dem das letzte Schmiedefeuer entfacht wurde, die letzte Sichtung vorgenommen wurde.
Kein Wunder, dass Petrus davor zurückschreckte. Diese Szene, aus der der Lehrtext stammt, ist eine der Menschlichsten der gesamten Erzählung.Ein wahrhaft vulkanische Schrecken, der Petrus überfällt.
Die angesprochenen Bücher:
Schenzinger, Metall
Das Buch vom Metall
Wer es noch nie gesehen hat: Das ist "Frischen", also das Ausblasen von Verunreinigungen. Das ist genau das, was in der Sprache Luthers das "Läutern" ist. Lieder fand ich kein Video von der Thomasbirne.
Jeremia 9,6
Petrus dachte an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
Matthäus 26,75
Man merkt dem Alten Testament an, dass es aus einer Zeit ungeheuen technologischen Aufschwungs der Menschheit stammt. Seine Anfänge reichen auf der Ebene der mündlichen Tradition sicher noch in die Steinzeit, der Paradiesmythos und die Kain und Abel Geschichte sind ferne Echos auf die neolithische Revolution. Aber die grundlegenden Erfahrungen Israels und seiner Erzväter gehören in die Zeit des Umbruches von der Bronzezeit in die Eisenzeit. Es war die hohe Zeit der Metallurgie. Und die ist ja auch spannend.
Ich bin der Sohn eines Schmiedes, der auch der Sohn eine Schmiedes ist: Das Metall spielte immer eine große Rolle in meiner Kindheit. Der Lichtbogen des Schweißgerätes war mir die Erklärung für das Gewitter, und zwar eben gerade nicht naturalistisch. Es waren ja Vater und Großvater, die da schweißten, und so verstand ich Gewitter, lange bevor ich von Zeus und Konsorten hörte oder gar vom Jahwe am Sinai. Und ich hatte keine Angst, sondern Respekt. Der Lichtbogen war für mich väterliche Machtentfaltung.
Zwei- oder dreimal im Jahr wurde die Schmiede angeworfen. Wer das nie erlebt hat, dem fehlt eine Menschheitserfahrung.
Die hohe Glut schmiedbaren Eisens, der Geruch verbrennender Eisenspänne beim Schmieden, der noch eigentümlichere Geruch beim Härten, wenn das rotglühende Eisen in das Speiseöl getaucht wird, das Zischen, Kochen, Blubbern, der sehr eigene Sound der Hämmer auf dem Ambos...Metalerfahrung ist "Ur"- Erfahrung. Stundenlang mussten mir Vater und Großvater die Metallgewinnung beschreiben, und Schenzingers Buch "Metall" war meine erste große Lektüre. "Das Buch vom Eisen" stand in unserer schmalen Bibliothek, ganz tief sitzt das Bild der Thomasbirne. Noch heute kann ich mich auf N24 nicht sattsehen an den Berichten über Metallbearbeitung.
Ich kann verstehen, warum vor allem die Propheten immer wieder Bilder aus diesem Bereich aufnahmen: Umschmieden will Jesaja die Schwerter zu Pflugscharen, Läutern will Jeremia das volk wie man Silber aus der Schlacke holt, die Schlacke aber wird verworfen; ein heiße Glut will Gott entfachen, um das gute Gold aus dem schlchten Erz zu holen.
Und das Starke daran ist:
Das kraftvolle Urgeschehen der Eisen- und Bronzeverhüttung wird zu einer Erklärung für das Leiden.
Das ist kühn, denn ansonsten sind technische Metaphern immer mit großer Vorsicht zu genießen. Aber diese Metapher trägt, weil sie eine wirkliche Urerfahrung anspricht und aus einer Technik stammt, die am Rande der Beherrschbarkeit beherrscht wurde. Der Schmied war auch dämonisch und den Mächten, mit denen er hantierte, ausgeliefert.
Das menschliche Leiden, vor allem aber das Leiden desVolkes, ist wie Läuterung, wie die Hitze, der Staub und das Feuer der Thomasbirne, in der die Stoffe, die das Erz verunreinigen, ausgeblasen werden, so dass der reine Stoff übrigbleibt. Ein schmerzhafter, ein vulkanischer Prozess, furchteinflößend und überwältigend, nicht zu bändigen, wie es scheint, wenn es nicht von einem erfahrenen Schmied gemacht wird. Der aber produziert reines Eisen, edle Bronze, 24karätiges Gold, lauteres Silber.
So ist das Leid.
Und so tröstet sich das Volk Israel damit, in den Händen des besten aller Schmiede zu sein, des Weltenschmiedes schlechthin, der über die ganze Schöpfung einen Riesendeckel, eine Feste gespannt hat und sie auf eherne Säulen gestellt hat, damit sie nicht wankt. Ein unglaublich kühner Gedanke: der Schmerz selber ist der Prozess der Erlösung, ist selber läuterung. Gericht und Gnade: ununterscheidbar. Es kommt auf das Ende an. Wer hat das Vertrauen auf das gute Ende?
Ich will das gar nicht kommentieren und theologisch aufbrechen.
Ich lasse es wirken.
Leiden als Läuterung, Leiden als das Schmiedefeuer Gottes.
Der Gründonnerstag: Das ist der Abend, an dem das letzte Schmiedefeuer entfacht wurde, die letzte Sichtung vorgenommen wurde.
Kein Wunder, dass Petrus davor zurückschreckte. Diese Szene, aus der der Lehrtext stammt, ist eine der Menschlichsten der gesamten Erzählung.Ein wahrhaft vulkanische Schrecken, der Petrus überfällt.
Die angesprochenen Bücher:
Schenzinger, Metall
Das Buch vom Metall
Wer es noch nie gesehen hat: Das ist "Frischen", also das Ausblasen von Verunreinigungen. Das ist genau das, was in der Sprache Luthers das "Läutern" ist. Lieder fand ich kein Video von der Thomasbirne.
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