Freitag, 8. September 2023

Hass

 Ich bin der Ukraine durch meine väterliche Familie verbunden, Wolhynien (Westukraine) ist ein grosses Narrativ von Heimat, letztlich irrational und bloss fantasmatisch. Der russischen Literatur und Musik bin ich tief verbunden, bin aber auch zu grosser Vorsicht vor „den Russen“ erzogen worden, meine Ostverwandtschft (darunter SED-Mitgliede) war russenfeindlich nach dem vierten Bier. Der modernen Ukraine als Staat stehe ich eher zurückhaltend gegenüber, man schaue Selenskis Satire. Und ich spüre trotzdem eine so tiefe Verachtung gegenüber Putin und für was er steht (Putin ist ebensowenig und ebensoviel Russland wie Trump USA), es hat sogar Züge von Hass (aka Vernichtungswünsche). 

Wie muss es erst Ukrainerinnen und Ukrainern gehen? Ich bin mit ukrainischer Geschichte (die ja auch mal polnische, deutsche, österreichische, litauische, sowjetische Geschichte war), und weiss, was dieses Flandern des Ostens schon alles erlebt hat. Ich glaube aber, dass dieser Krieg unversöhnlichen Hass erzeugt- das wird nicht mehr reparierbar sein. Denn tatsächlich steht für Ukraine so etwas wie Ansätze von Freiheit auf dem Spiel, die noch einmal etwas anderes als die eher ethnisch- tribale Freiheit der Kosaken. Das ist historisch eine neue Qualität: Industrialisierte Landwirtschaft und Urbanität. 

Diktatur

 Möglicherweise haben viele Menschen während Corona zum ersten Mal im Alltag die Disziplinargewalt des Staates erfahren und haben deshalb den Eindruck, in einer Diktatur zu leben. Die letzte Diktatur - oder zumindest ein aggressiv autoritärer Staat - liegt offensichtlich zu weit zurück. Staatsbürgerliche Bildung ist halt wichtig. Mich würde ja, nach langen Jahren im Lehrerzimner, mal interessieren, wie es da bei Lehrerinnen und Lehrern aussieht. Könnte es sein, dass da eine Problemzone nicht recht sichtbar ist? Immerhin ist, wer jetzt um die 40 ist, in einem neoliberalen Demokratieumfeld großgeworden, das unter Umständen, sagen wir mal: zu leichte Konzepte von Staatlichkeit förderte…

Donnerstag, 7. September 2023

Anarchie

 Rechtsbruch und Schlamperei aus Gutmütigkeit, Naivität und Barmhertigkeit. Woher kenne ich dasbloß? 

Tool-Fool

 Der Computer ist kein Werk-zeug, sondern eine Werk-statt. Martin Burckhardt („über dem Luftmeer“) hat mir gerade ein Licht aufgesteckt. Er ist ein ORT, eine Präsenz, ein Raum, in dem Werkzeuge bereitliegen, ein Ort der mechanisch-elektischen Arbeit, eine Schmiede, eine Mühle, eine Fabrik. 

Feelings

 Sollte ich denkerisch im staub kriechender Bücherwurm, der alles nur halb versteht, den kühnen Gedanken aussprechen  dass Hegel Schleiermacher nicht verstanden hat oder nicht hat verstehen wollen oder gar  ihn verstanden, aber bösartig verdreht hat? Der grosse Hegel hier ein erbärmlicher Egel? Ich denks nur, ich sags nicht. Gefühlt !!!) ist der Schwurbelfaktor bei Hegel höher als bei Schleiermacher. Aber, klar, ich bin ja nur Amateur-Theologe. Ich kann ja gleich aus zwei Gründen gar nicht Recht haben. 

Moderne

 Gab es eigentlich auch „Mittelalter-Verweigerer“, so wie es „Moderne-Verweigerer“ gibt? Die Frage ist so dumm nicht, wie sie klingt. Es ist die Frage nach Innovation und Bewusstsein. Dass die Moderne sich selbst Moderne nennt - das ist Teil ihres Problems. Sie glaubt es sich selbst nicht und definiert sich aus Abgrenzung (finsteres Mittelalter).  Aber: e negatione patet omnia. Definition aus Abgrenzung öffnet unendliche Interpretation. Summa: die Moderne-Verweigerer sind die eigentliche Moderne, volle Souveränität über das eigene mindset. Schönes Paradox. 

Mittwoch, 6. September 2023

Endzeit

 Ich bin doch etwas überrascht, dass die Endzeit-Krise der „Groß-Kirchen“ auch eine Krise der Theologie zu werden scheint. Weniger eine inhaltliche Krise (da kränkelt die deutschsprachige Theologie ja schon seit mindestens 50 Jahren), sondern eine Krise der Akzeptanz: sie spielt keine Rolle mehr.

In meiner Arbeit - die die Theologie im Namen trägt: „theologische Begleitung“ - jedenfalls wird überhaupt nicht theologisch reflektiert, und wenn, dann sind es die nichttheologischen Mitarbeitenden, die da nachdenken.  Was ich für fatal halte - die Theologie, und das scheint mir das Symptom zu sein - verpasste die erste, die maschinelle Moderne mehr oder weniger, die zweite, die digitale Moderne wird faktisch kaum gesehen: da gibt es noch die Welt der Substanzen, Wesen und Dinge, die Welt der universalen Semantik, die aus allem eine Allegorie macht. Etsi Schleiermacher, Barth und Tillich non daretur. 

Und ich merke: ich bin es müde. Meine Kernkompetenz ist aus der Mode - jedenfalls im professionellen Bereich. 


Merkwürdig- oder bemerkenswert?: meine explizit theologischen Predigten kommen seltsam gut an, gerade bei sog.  „normalen“ Leuten. Ich bin immer wieder überrascht: Es gibt einen großen Bedarf an dezidiert intellektueller  theologischer Weltdeutung zwischen dummer Esoterik und stumpfer Empirie, zwischen Kitsch und Quatsch. 

Intellektuell heisst hier: komplex (was nicht nicht „kompliziert“ bedeutet, sondern: durchdacht. Das Ergebnis kann dann sehr klar und einfach sein.). Aber das heisst auch: ich lasse mir für die Vorbereitung richtig viel Zeit. Im Grunde: vierzig Jahre. Und nun scheint es damit gut zu sein: die Eremitage als Raum der Stille. Ich werde keine Artikel fürs Pfarrerblatt schreiben….