Liebe Leserinnen und Leser,
jetzt ist offiziell, was schon lange bekannt ist:
ab 1. September treten meine Frau und ich die Pfarstellen Altenritte-Großenritte (ganze Stelle, meine Frau) und Großenritte (halbe Stelle, ich) an. Wir werden dann mit der Kollegin Ulrike Joachimi zusammenarbeiten. (3/4 Stelle Großenritte).
Am 31. August scheide ich aus meinem jetzigen Amt aus.
Ich hoffe doch sehr, dass ich als evangelischer Pfarrer nicht erklären muss, warum ich in die Gemeindearbeit zurück will.
Ich finde - mehr denn je - dass der Erklärungsdruck in die andere Richtung gehen muß.
Auch wenn ich mich immer fremd gefühlt habe in der Aufgabe, wie sie sich mir recht bald darstellte:
Ich nehme aus den 2 1/2 Jahren viel mit.
Mein Verständnis von Kirche hat sich entscheidend erweitert. Ich habe das Landeskirchenamt als einen enormen Kompetenzcluster kennengelernt, der unter den Veränderungen genauso leidet wie die Gemeinden. Viele arbeiten am Rande der Erschöpfung, aber mit einer sehr hohen Motivation und wenig Wertschätzung von Außen. Das hat mich beeindruckt und geprägt.
Mit diesem Wissen jetzt die großen Herausforderungen für die Arbeit in der Gemeinde anzunehmen, sehe ich als eine tolle Aufgabe an.
Wer sich den Veränderungen der nächsten Jahre nicht stellt, wird verschwinden. Wer sie entschieden angeht, wird neue Kräfte gewinnen. Das ist die Verheißung, und das ist auch organistationstheoretisch einsichtig. Die Kirche, die mich in Pension schicken wird, wird sehr anders sein, als die Kirche, die mich eingestellt hat. Und wisst ihr was: Ich finde es gut, dass es so ist. Knappheit ist mühsam, nervig und anstrengend. Der Kirche aber tut sie gut. Der Überfluß hat ihr geschadet.
Ich freue mich sehr, dass es geklappt hat. Das Bewerbungsverfahren war sehr langwierig und mühsam, und ich bedanke mich hier schon einmal bei allen, die es unterstützt und mitgemacht haben, das gilt besonders auch für die damit befassten Kirchenvorstände und die Kirchenleitung.
Für den Blog wird das eine enorme Wiederbelebung bedeuten.....
Freitag, 24. Mai 2013
Sonntag, 19. Mai 2013
Pfingstpredigt: Lieber Sterben als Kooperieren.
Pfingstpredigt aufgeschrieben - ein Widerspruch in sich.
Daher hier nichts, außer dem Predigttext und ein paar Notizen.
Wem zum Predigttext nicht SOFORT etwas einfällt ist ein glücklicher Mensch. Ich hatte eher Mühe, mich auf drei Gedanken zu konzentrieren. [Merkwürdigerweise hat das einzige Predigthilfebuch, das ich benutze, (von Gottfried Voigt, für die Insider), diesen Text als für die Predigt unergiebig gegen einen andern ausgetauscht. Das lässt tief blicken und verrät uns einiges über den Geist der siebziger Jahre in der Kirche. Mein lieber Scholli: die waren weit weg von der Lösung. Deswegen kann es ja heute auch keiner so richtig. Kooperation machen, meine ich. Im Beschwören sind wir allerdings ziemlich gut.]
Selbst die Kinder waren im Festzelt ganz Ohr, als Mose sterben wollte vor Müdigkeit und Verzweiflung. Und die Aussage, dass Kooperation die Lösung ist und Wertschätzung (sprich: Liebe, sprich: Geist) der Weg, erzeugte auch heftiges Kopfnicken. Denn diese Form der Liebe kann man und muss man üben und lernen und weitergeben, und dazu sind wir als Kirche berufen. Deswegen gibt es kein Wohnzimmerchristentum (heftiges Kopfnicken und Murmeln!). Wer Kooperation auf Sympathie baut, hat nämlich schon verloren. Es geht nur über Wertschätzung, und die kann ich sogar meinem Feind gegenüber aufbringen.
Die Bemerkung, dass Ehen, die auf Liebe gegründet sind, weniger stabil sind als die, die auf Kooperation gebaut sind, erzeugte sogar einen Lacher. Da kannste ma sehn.
Und dass Gott den Geist des Mose teilt, also maximale Partizipation und Horizontalität erzeugt, ist auch einfach nur vernünftig, und weil es vernünftig ist und einfach, so elend schwer und damit ohne Gott nicht gangbar: wir kriegen den Hintern nicht hoch, weil wir Kooperation als Schwäche und Abgeben verstehen. Die 70 sind alle zusammen das Ganze des Geistes. So ein genialer Text: Lieber Sterben als Zusammenarbeiten. Damit wir das begreifen, musste Jesus sterben. Es geht hier nicht um Kleinigkeiten. Pfingsten ist existentiell.
War also im Grunde eine langweilige Predigt: nichts als gesundeter* Menschenverstand. Am Ende gabs Herz-Bonbons, dazu mein geliebter Zinzendorf "Herz und Herz vereint zusammen....."
Sehr schön passend das Glaubensbekenntnis von Bonhoeffer: ein starker Text jenseit dem Aufsagen heilsgeschichtlich-mythischer Topoi.
Daher hier nichts, außer dem Predigttext und ein paar Notizen.
Wem zum Predigttext nicht SOFORT etwas einfällt ist ein glücklicher Mensch. Ich hatte eher Mühe, mich auf drei Gedanken zu konzentrieren. [Merkwürdigerweise hat das einzige Predigthilfebuch, das ich benutze, (von Gottfried Voigt, für die Insider), diesen Text als für die Predigt unergiebig gegen einen andern ausgetauscht. Das lässt tief blicken und verrät uns einiges über den Geist der siebziger Jahre in der Kirche. Mein lieber Scholli: die waren weit weg von der Lösung. Deswegen kann es ja heute auch keiner so richtig. Kooperation machen, meine ich. Im Beschwören sind wir allerdings ziemlich gut.]
4.Mose 11,11-12.14-17.24-25, Gute Nachricht.
Und Mose sprach zum Herrn:
»Warum tust du mir, deinem Diener, dies alles an? Womit habe ich es verdient, dass du mir eine so undankbare Aufgabe übertragen hast? Dieses Volk liegt auf mir wie eine drückende Last. 14Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, die Last ist mir zu schwer.
Wenn du sie mir nicht erleichtern willst, dann hab wenigstens Erbarmen mit mir und töte mich, damit ich nicht länger diese Qual ausstehen muss.«
Der HERR antwortete Mose:
»Versammle siebzig angesehene Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels, die sich als Führungspersonen bewährt haben, und hole sie zum Heiligen Zelt. Dort sollen sie sich neben dir aufstellen.
17Ich werde herabkommen und mit dir sprechen, und dann werde ich von dem Geist, den ich dir gegeben habe, einen Teil nehmen und ihnen geben. Dann können sie die Verantwortung für das Volk mit dir teilen und du brauchst die Last nicht allein zu tragen.
24Mose ging hinaus und teilte dem Volk mit, was der HERR gesagt hatte. Er versammelte siebzig Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels und stellte sie rings um das Heilige Zelt auf.
25Da kam der HERR in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm einen Teil des Geistes, den er Mose gegeben hatte, und gab ihn den siebzig Ältesten. Als der Geist Gottes über sie kam, gerieten sie vorübergehend in ekstatische Begeisterung wie Propheten.
Selbst die Kinder waren im Festzelt ganz Ohr, als Mose sterben wollte vor Müdigkeit und Verzweiflung. Und die Aussage, dass Kooperation die Lösung ist und Wertschätzung (sprich: Liebe, sprich: Geist) der Weg, erzeugte auch heftiges Kopfnicken. Denn diese Form der Liebe kann man und muss man üben und lernen und weitergeben, und dazu sind wir als Kirche berufen. Deswegen gibt es kein Wohnzimmerchristentum (heftiges Kopfnicken und Murmeln!). Wer Kooperation auf Sympathie baut, hat nämlich schon verloren. Es geht nur über Wertschätzung, und die kann ich sogar meinem Feind gegenüber aufbringen.
Die Bemerkung, dass Ehen, die auf Liebe gegründet sind, weniger stabil sind als die, die auf Kooperation gebaut sind, erzeugte sogar einen Lacher. Da kannste ma sehn.
Und dass Gott den Geist des Mose teilt, also maximale Partizipation und Horizontalität erzeugt, ist auch einfach nur vernünftig, und weil es vernünftig ist und einfach, so elend schwer und damit ohne Gott nicht gangbar: wir kriegen den Hintern nicht hoch, weil wir Kooperation als Schwäche und Abgeben verstehen. Die 70 sind alle zusammen das Ganze des Geistes. So ein genialer Text: Lieber Sterben als Zusammenarbeiten. Damit wir das begreifen, musste Jesus sterben. Es geht hier nicht um Kleinigkeiten. Pfingsten ist existentiell.
War also im Grunde eine langweilige Predigt: nichts als gesundeter* Menschenverstand. Am Ende gabs Herz-Bonbons, dazu mein geliebter Zinzendorf "Herz und Herz vereint zusammen....."
Sehr schön passend das Glaubensbekenntnis von Bonhoeffer: ein starker Text jenseit dem Aufsagen heilsgeschichtlich-mythischer Topoi.
Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein..
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein..
* Das Partizip hat es natürlich in sich. Hier steckt die Botschaft. Nur zur Sicherheit, falls jemand den Eindruck bekommt, ich hätte nun meinerseits Besenkammermassenpsychologie betrieben (siehe vorheriger Thread).
Achja, fast hätte ich´s vergessen: Gottesdienst macht glücklich.
Achja, fast hätte ich´s vergessen: Gottesdienst macht glücklich.
Samstag, 18. Mai 2013
Tageslosung: political correctness: Glaube und Geknutter
Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht.« Prediger 12,1
Ich mag den Prediger Salomo. Er ist wirklich weise. Er knuttert vor sich hin und macht sich nichts vor.
Er verleiht dem Alltagsgenerv schöne Worte, und er weiß auch, dass Altwerden erst einmal nicht so schön ist. Er ist auch von der Blödheit der Menschen genervt, und er kommt mit der Schwäche Gottes nicht nur nicht zurecht, er hegt da sogar einen Groll. Er ist, wenn man so will, Hiob light.
Er ist der Typ, der zu klug ist, um doof vor sich hin zu leben und sagt das auch. Er nutzt die Poesie nicht, um Sülze zu schreiben, sondern um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. "Es ist alles eitel" übersetzt Luther, aber im Hebräischen steht da was viel Lakonischeres. Etwa so: Taugt alles nicht. Is´n Furz.
Schön auch sein Altmännergenörgel über den schlapper werdenden Sex, weils einfach wahr ist. Intensität hin, Intenistät her, die Fitness lässt nach. Das ist übrigens mit den so gern zitierten "Alles hat seine Zeit" gemeint. Der Text ist ein bisschen hinterlistig, und manchmal musste ich schon ziemlich in mich hineingrinsen, wenn er mit gewichtigster Miene irgendwo verlesen wurde, etwa bei einer Hochzeit. Die Botschaft lautet nämlich: Wartet´s nur ab, besser wird´s nicht.
Und dass die Deppen weiterkommen als die, die es sollten, sieht er auch und bennent es auch als das, was es ist: eine metaphysische Frechheit. Und dass es nicht nach Leistung geht, weiß er wohl, er macht daraus aber keine protestantische Sozialethik, Modell Inklusion, sondern er findet es recht übel und sieht das Bescheuerte daran: Die Faulen und Dummen kommen durch, und da sie in der Mehrheit sind und ständig auf Ihresgleichen stoßen, merkt es eben auch keiner. Ein nicht ganz so dämlicher Esel unter lauter dämlichen Eseln ist noch kein kluger Esel. Folglich gibt er den jugendverderbenden Rat: Hau auf die Kacke, es wird bald vorbei sein. Interessant, dass er das, ausgerechnet das, mit Gott verbindet, von dem bei ihm sonst nicht die Rede ist (warum nur?). Das ganze Buch endet mit einer Rätselrede, die nichts als zotig ist und sich über das Alter lustig macht.
Er will verhindern, dass Gott zu einer Sache für alte Leute wird und Gott folglich auch ihre Züge annimmt: grämlich, lebensfern, verbittert, prinzipienreiterisch und zynisch zugleich. Das finde ich äußerst beachtlich. Davon fehlt uns in der Verkündigung doch einiges. Ich will gar nicht wissen, was morgen wieder für eine befremdliche Brühe aus Sozialethik und Besenkammermassenpsychologie von evangelischen Kanzeln tropft. Dabei gäbe es im Moment einiges zu nörgeln. Kleiner werden ist kacke, ärmer werden auch. Mit Leuten zu tun zu haben, die ignorant sind und darauf auch noch stolz ("new atheists", kicher) ist zum Würgen. Jahrzehntelang wurde die Kirche wie ein Sportverein geführt, jetzt gehen die Leute gleich zum richtigen Sportverein und bei Kirchens herrscht allgemeines Eingeschnapptsein, weil die selbstgebackenen Ökokuchen nicht mehr so der Brüller sind und die Jugend einfach nicht auf Facebook fromm werden will. Wir haben fette Vereinshäuser gebaut (als ob wir ....naja, lassen wir das), jetzt werden sie zu teuer. Wer hat´s uns eingebrockt?
Also ich vermisse solche Knutterecken in der Kirche. Der Prediger macht wenigstens ernst mit der Sünde und kleistert keinen frommen Schleim drüber. Ist doch, wie der Lehrtext der Losungen festhält, alles von Gott geschaffen. Nur die Idioten vermasseln es. Als Jugendliche fühlen sie sich halbstark, als Alte geschwächt. Und wann sind sie stark? Wenn sie ihren Unsinn ungebremst durch Glauben und Vernunft ausleben und die Welt betonieren, wenn sie nicht gerade Menschen umbringen oder die Welt "verbessern". "Ich glaube nur, was ich sehe". An dem Satz erkennst Du sie. Aber die anderen sind auch die Pest: "Ich sehe nur, was ich glaube". Soll die Schere der Geschichte so auseinandergehen: Der Glaube mit der Dämlichkeit und der Unglaube mit der Ignoranz? Der Prediger befürchtet es. Schon vor 2000 Jahren. Alle Achtung. Ich glaube, und ich sehe.
Was nehmen wir mit von seinem High-End-Genörgel?
Nennt die Dinge beim Namen, kotzt euch aus, und dann Ärmel hoch und aufräumen. So macht´s jedenfalls der Schöpfer, und wer´s nicht glaubt, lese im Evangelium. Ich bin diese ewige Rücksichtnahme auf wer-weiss-wen leid. Wo steht, dass wir als Kirche korrekt sein müssen, wo steht, dass wir geliebt sein müssen, wo steht, dass wir die Mehrheit sein müssen, wo steht, dass wir doof, simpel und banal sein müssen ("Damit uns die Leute verstehen" - merkt Ihr nicht, dass das zynisch ist? Die "Leute" halten uns für doof, weil wir mit ihnen reden, als ob sie doof wären, also reden sie auch mit uns, als wären wir doof. Das ist der Grund, warum manche Kinder so spät sprechen lernen: Weil sie durch die Eidiediedie-Phase der Eltern durchmüssen. Bei Kirche denke ich manchmal, dass wir aus der Eidiedie-Phase nie mehr rauskommen werden).
Das Buch des Predigers ist wundervoll. Und damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe es schon als Jugendlicher gemocht. Und meinem Schöpfer dafür gedankt.
Ich will nämlich gar nicht klug sein, auch nicht berühmt, auch nicht wichtig. Ich will weise sein: Den Durchblick haben. Dann kann ich nämlich besser schlafen, besser auf´s Klo gehen und bin einfach netter.
Und ich weiß nicht: vom Prediger Salomo habe ich da mehr gelernt als von Anselm Grün und anderen Weichspülern.
So, nu reecht Euch uff, wie der Nochdhesse sagt.
Nur, weil ich den Laden kenne:
Eine in Kirche recht unbekannte Textsorte
Ich mag den Prediger Salomo. Er ist wirklich weise. Er knuttert vor sich hin und macht sich nichts vor.
Er verleiht dem Alltagsgenerv schöne Worte, und er weiß auch, dass Altwerden erst einmal nicht so schön ist. Er ist auch von der Blödheit der Menschen genervt, und er kommt mit der Schwäche Gottes nicht nur nicht zurecht, er hegt da sogar einen Groll. Er ist, wenn man so will, Hiob light.
Er ist der Typ, der zu klug ist, um doof vor sich hin zu leben und sagt das auch. Er nutzt die Poesie nicht, um Sülze zu schreiben, sondern um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. "Es ist alles eitel" übersetzt Luther, aber im Hebräischen steht da was viel Lakonischeres. Etwa so: Taugt alles nicht. Is´n Furz.
Schön auch sein Altmännergenörgel über den schlapper werdenden Sex, weils einfach wahr ist. Intensität hin, Intenistät her, die Fitness lässt nach. Das ist übrigens mit den so gern zitierten "Alles hat seine Zeit" gemeint. Der Text ist ein bisschen hinterlistig, und manchmal musste ich schon ziemlich in mich hineingrinsen, wenn er mit gewichtigster Miene irgendwo verlesen wurde, etwa bei einer Hochzeit. Die Botschaft lautet nämlich: Wartet´s nur ab, besser wird´s nicht.
Und dass die Deppen weiterkommen als die, die es sollten, sieht er auch und bennent es auch als das, was es ist: eine metaphysische Frechheit. Und dass es nicht nach Leistung geht, weiß er wohl, er macht daraus aber keine protestantische Sozialethik, Modell Inklusion, sondern er findet es recht übel und sieht das Bescheuerte daran: Die Faulen und Dummen kommen durch, und da sie in der Mehrheit sind und ständig auf Ihresgleichen stoßen, merkt es eben auch keiner. Ein nicht ganz so dämlicher Esel unter lauter dämlichen Eseln ist noch kein kluger Esel. Folglich gibt er den jugendverderbenden Rat: Hau auf die Kacke, es wird bald vorbei sein. Interessant, dass er das, ausgerechnet das, mit Gott verbindet, von dem bei ihm sonst nicht die Rede ist (warum nur?). Das ganze Buch endet mit einer Rätselrede, die nichts als zotig ist und sich über das Alter lustig macht.
Er will verhindern, dass Gott zu einer Sache für alte Leute wird und Gott folglich auch ihre Züge annimmt: grämlich, lebensfern, verbittert, prinzipienreiterisch und zynisch zugleich. Das finde ich äußerst beachtlich. Davon fehlt uns in der Verkündigung doch einiges. Ich will gar nicht wissen, was morgen wieder für eine befremdliche Brühe aus Sozialethik und Besenkammermassenpsychologie von evangelischen Kanzeln tropft. Dabei gäbe es im Moment einiges zu nörgeln. Kleiner werden ist kacke, ärmer werden auch. Mit Leuten zu tun zu haben, die ignorant sind und darauf auch noch stolz ("new atheists", kicher) ist zum Würgen. Jahrzehntelang wurde die Kirche wie ein Sportverein geführt, jetzt gehen die Leute gleich zum richtigen Sportverein und bei Kirchens herrscht allgemeines Eingeschnapptsein, weil die selbstgebackenen Ökokuchen nicht mehr so der Brüller sind und die Jugend einfach nicht auf Facebook fromm werden will. Wir haben fette Vereinshäuser gebaut (als ob wir ....naja, lassen wir das), jetzt werden sie zu teuer. Wer hat´s uns eingebrockt?
Also ich vermisse solche Knutterecken in der Kirche. Der Prediger macht wenigstens ernst mit der Sünde und kleistert keinen frommen Schleim drüber. Ist doch, wie der Lehrtext der Losungen festhält, alles von Gott geschaffen. Nur die Idioten vermasseln es. Als Jugendliche fühlen sie sich halbstark, als Alte geschwächt. Und wann sind sie stark? Wenn sie ihren Unsinn ungebremst durch Glauben und Vernunft ausleben und die Welt betonieren, wenn sie nicht gerade Menschen umbringen oder die Welt "verbessern". "Ich glaube nur, was ich sehe". An dem Satz erkennst Du sie. Aber die anderen sind auch die Pest: "Ich sehe nur, was ich glaube". Soll die Schere der Geschichte so auseinandergehen: Der Glaube mit der Dämlichkeit und der Unglaube mit der Ignoranz? Der Prediger befürchtet es. Schon vor 2000 Jahren. Alle Achtung. Ich glaube, und ich sehe.
Was nehmen wir mit von seinem High-End-Genörgel?
Nennt die Dinge beim Namen, kotzt euch aus, und dann Ärmel hoch und aufräumen. So macht´s jedenfalls der Schöpfer, und wer´s nicht glaubt, lese im Evangelium. Ich bin diese ewige Rücksichtnahme auf wer-weiss-wen leid. Wo steht, dass wir als Kirche korrekt sein müssen, wo steht, dass wir geliebt sein müssen, wo steht, dass wir die Mehrheit sein müssen, wo steht, dass wir doof, simpel und banal sein müssen ("Damit uns die Leute verstehen" - merkt Ihr nicht, dass das zynisch ist? Die "Leute" halten uns für doof, weil wir mit ihnen reden, als ob sie doof wären, also reden sie auch mit uns, als wären wir doof. Das ist der Grund, warum manche Kinder so spät sprechen lernen: Weil sie durch die Eidiediedie-Phase der Eltern durchmüssen. Bei Kirche denke ich manchmal, dass wir aus der Eidiedie-Phase nie mehr rauskommen werden).
Das Buch des Predigers ist wundervoll. Und damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe es schon als Jugendlicher gemocht. Und meinem Schöpfer dafür gedankt.
Ich will nämlich gar nicht klug sein, auch nicht berühmt, auch nicht wichtig. Ich will weise sein: Den Durchblick haben. Dann kann ich nämlich besser schlafen, besser auf´s Klo gehen und bin einfach netter.
Und ich weiß nicht: vom Prediger Salomo habe ich da mehr gelernt als von Anselm Grün und anderen Weichspülern.
So, nu reecht Euch uff, wie der Nochdhesse sagt.
Nur, weil ich den Laden kenne:
Eine in Kirche recht unbekannte Textsorte
Sonntag, 12. Mai 2013
Schönheit, Pilze und Biotheologie
In der Straßenbahn saß mir eben - nicht direkt, aber in Sichtweite - eine junge Frau, vielleicht 19, gegenüber, die ein wirklich schönes Gesicht hatte, mit ganz ebenmässigen Zügen, nicht unbedingt eine Beauty, aber mit einem sehr sinnlichen Mund und wachen, großen Augen.
Ich war in elegischer Stimmung, denn ich kam gerade aus dem Theater, und nach der Kunst gilt bei mir immer: animal est triste.
Und es durchzuckte mich ein wehmütiger Gedanke: heute Mittag gab es Pilze zum Rehrücken. Und Pilze, so hielt da leicht nerdige Gespräch bei Tische fest, sind ja nichts anderes als die Geschlechtsorgane der im Boden verborgenen Mycele, der eigentlichen Pilze.
Es wird ein Riesenaufwand getrieben, damit das Leben sich behauptet, es wird gelogen und getrogen, Schein und Hülle aufgebaut, eine ungeheure Raffinesse wird ins Werk gesetzt, absurde Mengen von Biomasse synthetisiert, um nichts anderes zu bewerkstelligen als die Reduplikation der DNS.
So auch diese wundervolle Blüte des Menschengeschlechtes. Was mich da so anfasste (und zwar ganz philosophisch, gar nicht altherrenmäßig-schmierig, davor bewahre mich Gott), was mich also da so anfasste, war, dass ich, Bioleistungskurs!- die Gene am Werke sah, die DNS als heimlicher Agent all dessen. Der Phänotyp saß vor mir, eine raffinierte Lockung von DNS zu DNS. Nur darum geht es ja - jedenfalls dann, wenn man sich die Sicht der Biologie zu eigen macht. All das Schöne: Nichts als Lockstoffe. All der gigantische negentropische Aufwand zum Aufbau eines gewaltigen, auf 37° gehaltenen homöostatischen Eiweißklumpens - nur eine Methode, die Reduplikation zu ermöglichen, die Rekombination möglichst breit zu streuen und dabei zielsicher die Tauglichsten, Fittesten und Überlebenswahrscheinlichsten zu fischen. Da packte mich doch das Grauen.
Das ist noch einmal ein ganz andere Dimension des Vanitas-Gedankens ("Alles ist eitel"), als ihn die Barocklyrik und der protestantische Choral transportierten: nicht das Gesicht des Verfalles und des Todes leuchtete hinter diesem schönen Angesicht auf, sondern der kalte Schematismus von Meiose und Mitose, der Zitronesäurezyklus und die Milchsäureatmung: Wir sind die Austülpung unserer Gene, sie sind die Dämonen in uns, die uns steuern und lenken, superkomplexe Viren.
Und man muss ja wirklich höllisch aufpassen, alltagssprachlich nicht ständig die "Natur" zu personalisieren und ihr Absichten zu unterstellen, denn welche grausam Göttin würde hier beschworen, welche zynische Gottheit triebe hier ihr Werk, dagegen sind doch alle Demiurgen der mythologischen Tradition nichts anderes als eben - Hirngespinste. Die DNS aber ist da, ich habe sie mit meinem Sohn an Weihnachten mit ein bisschen Zitronesäure und ein wenig Chemiebaukasten aus Früchten isoliert und unter dem Mikroskop betrachtet. Stickstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff. Die Kombination machts.
Es scheitert für mich am Zufall. Den da am Werk zu sehen fällt mir immer schwerer, je mehr ich es begreife. Je mehr ich begreife, was mit der Welt und den Menschen geschieht, wenn ich sie so sehen muss. Und je mehr ist begreife, dass Selektion und Mutation keine zielgerichteten, aber auch keine ziellosen, sondern emergente Prozesse sind.
Grauenhaft. Das ist noch schlimmer als die Vorstellung, auf einer mässig heißen Steinkugel mit Affenzahn durch ein grenzeisiges Universum zu rasen.
Und sei´s drum.
Das Lächeln war überwältigend. Man möchte doch fast sagen: Danke, DNS. Und da merkt man dann erst recht, wie reduziert dieses Modell ist.
Danke, DNS. Als ich diesen Gedanken dachte, schüttelte es mich.
In Wirklichkeit, davon gehe ich inzwischen wirklich aus, und es entwickelt sich zu einer Variante des Kreationismus fern allem Biblizismus, in Wirklichkeit ist die Realität ganz anders. Unser Reduktionismus ist eine Lüge. Aber die diversen Idealismen auch. Ohne Materie, ohne energetische Struktur (was für ein hilfloses Wort) geht es nicht.
Doch wie sieht die Wahrheit aus? Handelt Gott durch die DNS? Also doch creative design? Das zu anthropomorph gedacht, schlicht dumm. Ingenieursdenken: der Töpfer von Gen 2 einfach durch den Bioingenieur ersetzt. Da war Gen 1 schon weiter, hier handelt das Wort: Es ist der Gedanke des Codes, der mich zunehmend fasziniert: Der Zusammenhang von Biologie und Semantik. Die DNS ist Sprache. Das ist die Spur. Dann wäre der Körper eher so etwas wie ein Gedicht, ein "Werk", ohne dass man auf die biochemischen Prozesse zur Beschreibung verzichten muss. Sie sind dann aber nur so etwas wie die Tiefenstruktur, eine Art narrativ- generative Semantik. Von was?
Aber wer Semantik sagt, sagt Geist, und wer Geist sagt, sagt Wille. Da ist der Zufall draussen. Moderne Gedanken sind das nicht. Aber vielleicht nach-moderne, vielleicht - künftige? Mal sehen, ob ich es noch erlebe: Bio-Theologie. Nicht birkenstocksandalige, sondern "experimentaltheologische". Wieso steht Teilhard de Chardin so in der Ecke? Wieso steht die Trinitätstheologie mit ihrer hochkomplexen inhaltsleeren Semantik so in der Ecke? Die theologischen Werkzeuge sind da. Aber die Aufklärung mit ihren Zuständigkeitsverboten steckt den Theologen doch noch in den Knochen: Das dürfen wir nicht denken. Dann sind wir nicht modern! Aber es ist die Moderne, die längst nicht mehr modern ist.
Ich möchte es aber denken. Ich möchte denken, dass mir da ein wirklich schönes Geschöpf gegenübersaß, dass sie gerade weil Austülpung der DNS, ein Geschenk für 10 Minuten an mich war. Und für alle anderen, in deren Wohlgefallensraster sie passt. Und, so hoffe ich doch sehr, vor allem für sie selber. Nur atmendes Eiweiß? Nur atmender Lehm? Was heißt hier nur. Atmendes Eiweiß. Das ist doch das Wunder.
Es war eine schöne Viertelstunde in der Straßenbahn. Dabei habe ich nur einmal einen kurzen Blick auf sie geworfen. Wohl wissend, dass ihre Jugend der Glitzertrug ist, der mich bannte. Heißt Älterwerden, sich von der DNS zu emanzipieren? Neuer Gedanke, andermal.
Ich war in elegischer Stimmung, denn ich kam gerade aus dem Theater, und nach der Kunst gilt bei mir immer: animal est triste.
Und es durchzuckte mich ein wehmütiger Gedanke: heute Mittag gab es Pilze zum Rehrücken. Und Pilze, so hielt da leicht nerdige Gespräch bei Tische fest, sind ja nichts anderes als die Geschlechtsorgane der im Boden verborgenen Mycele, der eigentlichen Pilze.
Es wird ein Riesenaufwand getrieben, damit das Leben sich behauptet, es wird gelogen und getrogen, Schein und Hülle aufgebaut, eine ungeheure Raffinesse wird ins Werk gesetzt, absurde Mengen von Biomasse synthetisiert, um nichts anderes zu bewerkstelligen als die Reduplikation der DNS.
So auch diese wundervolle Blüte des Menschengeschlechtes. Was mich da so anfasste (und zwar ganz philosophisch, gar nicht altherrenmäßig-schmierig, davor bewahre mich Gott), was mich also da so anfasste, war, dass ich, Bioleistungskurs!- die Gene am Werke sah, die DNS als heimlicher Agent all dessen. Der Phänotyp saß vor mir, eine raffinierte Lockung von DNS zu DNS. Nur darum geht es ja - jedenfalls dann, wenn man sich die Sicht der Biologie zu eigen macht. All das Schöne: Nichts als Lockstoffe. All der gigantische negentropische Aufwand zum Aufbau eines gewaltigen, auf 37° gehaltenen homöostatischen Eiweißklumpens - nur eine Methode, die Reduplikation zu ermöglichen, die Rekombination möglichst breit zu streuen und dabei zielsicher die Tauglichsten, Fittesten und Überlebenswahrscheinlichsten zu fischen. Da packte mich doch das Grauen.
Das ist noch einmal ein ganz andere Dimension des Vanitas-Gedankens ("Alles ist eitel"), als ihn die Barocklyrik und der protestantische Choral transportierten: nicht das Gesicht des Verfalles und des Todes leuchtete hinter diesem schönen Angesicht auf, sondern der kalte Schematismus von Meiose und Mitose, der Zitronesäurezyklus und die Milchsäureatmung: Wir sind die Austülpung unserer Gene, sie sind die Dämonen in uns, die uns steuern und lenken, superkomplexe Viren.
Und man muss ja wirklich höllisch aufpassen, alltagssprachlich nicht ständig die "Natur" zu personalisieren und ihr Absichten zu unterstellen, denn welche grausam Göttin würde hier beschworen, welche zynische Gottheit triebe hier ihr Werk, dagegen sind doch alle Demiurgen der mythologischen Tradition nichts anderes als eben - Hirngespinste. Die DNS aber ist da, ich habe sie mit meinem Sohn an Weihnachten mit ein bisschen Zitronesäure und ein wenig Chemiebaukasten aus Früchten isoliert und unter dem Mikroskop betrachtet. Stickstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff. Die Kombination machts.
Es scheitert für mich am Zufall. Den da am Werk zu sehen fällt mir immer schwerer, je mehr ich es begreife. Je mehr ich begreife, was mit der Welt und den Menschen geschieht, wenn ich sie so sehen muss. Und je mehr ist begreife, dass Selektion und Mutation keine zielgerichteten, aber auch keine ziellosen, sondern emergente Prozesse sind.
Grauenhaft. Das ist noch schlimmer als die Vorstellung, auf einer mässig heißen Steinkugel mit Affenzahn durch ein grenzeisiges Universum zu rasen.
Und sei´s drum.
Das Lächeln war überwältigend. Man möchte doch fast sagen: Danke, DNS. Und da merkt man dann erst recht, wie reduziert dieses Modell ist.
Danke, DNS. Als ich diesen Gedanken dachte, schüttelte es mich.
In Wirklichkeit, davon gehe ich inzwischen wirklich aus, und es entwickelt sich zu einer Variante des Kreationismus fern allem Biblizismus, in Wirklichkeit ist die Realität ganz anders. Unser Reduktionismus ist eine Lüge. Aber die diversen Idealismen auch. Ohne Materie, ohne energetische Struktur (was für ein hilfloses Wort) geht es nicht.
Doch wie sieht die Wahrheit aus? Handelt Gott durch die DNS? Also doch creative design? Das zu anthropomorph gedacht, schlicht dumm. Ingenieursdenken: der Töpfer von Gen 2 einfach durch den Bioingenieur ersetzt. Da war Gen 1 schon weiter, hier handelt das Wort: Es ist der Gedanke des Codes, der mich zunehmend fasziniert: Der Zusammenhang von Biologie und Semantik. Die DNS ist Sprache. Das ist die Spur. Dann wäre der Körper eher so etwas wie ein Gedicht, ein "Werk", ohne dass man auf die biochemischen Prozesse zur Beschreibung verzichten muss. Sie sind dann aber nur so etwas wie die Tiefenstruktur, eine Art narrativ- generative Semantik. Von was?
Aber wer Semantik sagt, sagt Geist, und wer Geist sagt, sagt Wille. Da ist der Zufall draussen. Moderne Gedanken sind das nicht. Aber vielleicht nach-moderne, vielleicht - künftige? Mal sehen, ob ich es noch erlebe: Bio-Theologie. Nicht birkenstocksandalige, sondern "experimentaltheologische". Wieso steht Teilhard de Chardin so in der Ecke? Wieso steht die Trinitätstheologie mit ihrer hochkomplexen inhaltsleeren Semantik so in der Ecke? Die theologischen Werkzeuge sind da. Aber die Aufklärung mit ihren Zuständigkeitsverboten steckt den Theologen doch noch in den Knochen: Das dürfen wir nicht denken. Dann sind wir nicht modern! Aber es ist die Moderne, die längst nicht mehr modern ist.
Ich möchte es aber denken. Ich möchte denken, dass mir da ein wirklich schönes Geschöpf gegenübersaß, dass sie gerade weil Austülpung der DNS, ein Geschenk für 10 Minuten an mich war. Und für alle anderen, in deren Wohlgefallensraster sie passt. Und, so hoffe ich doch sehr, vor allem für sie selber. Nur atmendes Eiweiß? Nur atmender Lehm? Was heißt hier nur. Atmendes Eiweiß. Das ist doch das Wunder.
Es war eine schöne Viertelstunde in der Straßenbahn. Dabei habe ich nur einmal einen kurzen Blick auf sie geworfen. Wohl wissend, dass ihre Jugend der Glitzertrug ist, der mich bannte. Heißt Älterwerden, sich von der DNS zu emanzipieren? Neuer Gedanke, andermal.
Vargas Llosa über die Aufgabe des RU an staatlichen Schulen
Mario Vargas Llosa, der sich selber als Atheisten bezeichnet und eine deutlich liberal-progressive Haltung einnimmt, schreibt in seinem lesenswerten kleine Essayband Bemerkenswertes (für diese Positionierung!) über die Aufgabe des RU an staatlichen Schulen. Und das meint er mit Bezug auf Frankreich.
Mario Vargas Llosa, Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst (La civilización derl espectáculo), Frankfurt, 2013)
"Jede Form von Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen abzuschaffen hieße, der jüngeren Generation ein grundlegendes Wissen vorzuenthalten, damit sie ihre Geschichte, ihre Tradition verstehen und sich westliche Kunst, Literatur und Philosphie erschließen kann. Unsere Kultur ist durchdrungen von religiösen Gedannken, Anschauungen, Bildern, Festen und Bräuchen. Die schulische Erziehung von diesem reichen Erbe abzutrennen würde bedeuten, die Heranwachsenden völlig ungeschützt der Kultur des Spektakels auszuliefern, der Frivolität, der Ignoranz und Oberflächlichkeit, dem Klatsch und dem schlechten Geschmack. Ein offener und verantwortungsbewusster Religionsunterricht, der die hegemoniale Rolle erklärt, die das Christentum für unsere Kultur gespielt hat (sic!R.K.), mit all seinen Zwisten und Abspaltungen, Kriegen und historischen Wirkungen, seinen Errungenschaften und Exzessen, Heiligen und Mystikern, Märtyrern und Gemarterten, ein solcher Unterricht ist unerläßlich, wenn man nicht will, dass die Kultur weiter in diesem Tempo degeneriert, und wenn die Welt der Zukunft nicht aufgeteilt sein soll zwischen kulturellen Analphabeten hier und ungebildeten, unsensiblen Spezialisten dort." (197).
Für ihn, den liberalen Atheisten, ist so etwas wie eine Grundspiritualität der Gesellschaft von hoher Bedeutung, weil nur auf dieser Grundlage die letzer Vergewisserung von Legalität und Moralität gewährleisten werden kann. Man höre und staune. "Die Religion, die den Kapitalismus einst im Bewußtsein fest verankerte, wie Max Weber es in seinem Aufsatz über die protestantische Ethik sah, hat durch die fortschreitenden Banalisierung ihrer selbst mit dazu beigetragen, diese "Krise des Kapitalismus" auszulösen, von der immer lauter die Rede ist." (194).
Er meint die Entkoppelung von Preis und Wert und die damit verbundene Entfesselung der Gier, die nur möglich ist, wenn es keine geistig-spirituellen Grundlagen mehr gibt. Man spürt übrigens deutlich, wie wenig der Protestantismus von ihm wahrgenommen wird, wenn der Kirche grundsätzliche Demokratiefeindlichkeit und Transparenzunfähigkeit zugeschrieben wird. Das ist ein bisschen schade, damit er unterschätzt er den Beitrag des Protestantismus zu eben jenem Freiheitsdiskurs, auf den er sich beruft. Alle großen Philosophen der Freiheit waren - ausnahmslos! - Protestanten oder Juden.Und ich fürchte, er wird damit dem nachkonzialaren Katholizismus auch nicht ganz gerecht.
Donnerstag, 9. Mai 2013
Tannhäuser in Kassel, live-blog via Facebook und Smartphone
Ich werde doch langsam ein Networker...Sofortkritiken, noch aus dem Sessel.
Tannhäuser, 1. Akt.
1. überinszeniert. Zu wenig Vertrauen in die Musik.
2.Katholischwerden ist auch keine Lösung.
3.Dann doch genial: Die Minnesänger als Schlagerfuzzis. (Rex Gildo; Tony Marshall, Roberto Blanco, Dieter Meyer; im Chor Helene Fischer eindeutig zu identifizieren).
4. Auch ich sehne mich nach dem Klang der Glocken. Da hat mich der Tannhäuser eiskalt erwischt.
Tannhäuser 2.Akt.
1. Elisabeth als Wuchtbrumme a la Kelly Osbourne. Sieht toll aus, funktioniert aber nicht.
2. Mit Ironie und Klamauk kann man Wagner nicht beikommen. Er ist stärker.
3."Nach Rom, nach Rom" - das stimmte schon 1845 nicht mehr.
4. Elisabeth singt das Evangelium, dann schickt sie nach Rom. Die reine Gnade hat es schon sehr schwer.
5. Die wagnersche Wartburg ist eine Sektenhölle und keine bourgioise Partyszene. Die Regie hat nicht verstanden, wie Religion funktioniert. Die Texte im booklet sind klüger.
6. Wagner, der Pornograph. Das wäre mal einen reiferen Gedanken wert: Welcher Film läuft wirklich zu dieser Musik?
Tannhäuser 3.Akt.
1.Sich vor dem Finale zu drücken ist feige.
2. Elisabeth und Venus gleichzeitig auf der Bühne agieren zu lassen ist eine tolle Idee. Leider nicht zu Ende inszeniert. Da ist mehr drin.
3. Wagner, du Hund.
Tannhäuser, 1. Akt.
1. überinszeniert. Zu wenig Vertrauen in die Musik.
2.Katholischwerden ist auch keine Lösung.
3.Dann doch genial: Die Minnesänger als Schlagerfuzzis. (Rex Gildo; Tony Marshall, Roberto Blanco, Dieter Meyer; im Chor Helene Fischer eindeutig zu identifizieren).
4. Auch ich sehne mich nach dem Klang der Glocken. Da hat mich der Tannhäuser eiskalt erwischt.
Tannhäuser 2.Akt.
1. Elisabeth als Wuchtbrumme a la Kelly Osbourne. Sieht toll aus, funktioniert aber nicht.
2. Mit Ironie und Klamauk kann man Wagner nicht beikommen. Er ist stärker.
3."Nach Rom, nach Rom" - das stimmte schon 1845 nicht mehr.
4. Elisabeth singt das Evangelium, dann schickt sie nach Rom. Die reine Gnade hat es schon sehr schwer.
5. Die wagnersche Wartburg ist eine Sektenhölle und keine bourgioise Partyszene. Die Regie hat nicht verstanden, wie Religion funktioniert. Die Texte im booklet sind klüger.
6. Wagner, der Pornograph. Das wäre mal einen reiferen Gedanken wert: Welcher Film läuft wirklich zu dieser Musik?
Tannhäuser 3.Akt.
1.Sich vor dem Finale zu drücken ist feige.
2. Elisabeth und Venus gleichzeitig auf der Bühne agieren zu lassen ist eine tolle Idee. Leider nicht zu Ende inszeniert. Da ist mehr drin.
3. Wagner, du Hund.
Tu das lesen und tu dich wundern
Auf facebook sah ich gerade ein Spiel beworben mit der Zeile:
"Herrsche oder Sterbe".
Wahrscheinlich sagt da bestimmt auch irgendein Unhold: Fresse oder sterbe. Die falschen Imperative setzen sich Kinderhirnen bestimmt dauerhafter fest als die Gewaltbilder....
Frage: Wie kann jemand einen Übersetzerjob bekommen, der die Zielsprache nicht beherrscht?
Weil er/sie bei einer Firma arbeitet, die wahrscheinlich geworben hat mit dem Satz: Lese das, bewerbe dich und habe dann eine Stellung fürs Leben.
Wir sollten den nordhessischen Imperativ einführen, der macht auch das Englischlernen leichter: Tu herrschen, tu sterben. Das hat sogar irgendwie Poesie. Tu mal drüber nachdenken.
"Herrsche oder Sterbe".
Wahrscheinlich sagt da bestimmt auch irgendein Unhold: Fresse oder sterbe. Die falschen Imperative setzen sich Kinderhirnen bestimmt dauerhafter fest als die Gewaltbilder....
Frage: Wie kann jemand einen Übersetzerjob bekommen, der die Zielsprache nicht beherrscht?
Weil er/sie bei einer Firma arbeitet, die wahrscheinlich geworben hat mit dem Satz: Lese das, bewerbe dich und habe dann eine Stellung fürs Leben.
Wir sollten den nordhessischen Imperativ einführen, der macht auch das Englischlernen leichter: Tu herrschen, tu sterben. Das hat sogar irgendwie Poesie. Tu mal drüber nachdenken.
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