Sonntag, 2. Juni 2024

Fazit: Intellektualität

 Meine Examensarbeit für das zweite Examen war eine linguistische Analyse der gerade erschienen Fürbitten-Ergänzung für die Agende I, es war eine Analyse mit pragmatischem Schwerpunkt. Es ging darum, welche Geste Fürbitten ausdrücken und inwiefern über diese Geste definiert werden kann, was eine Fürbitte ist oder nicht. Es war eine streng empirische Auswertung mit Tabellen und allem drum und dran, die alle über 170 Gebete akribisch aufdröselte und die dann theologisch ausgewertet wurde: Was ist eine gottesdienstliche Fürbitte? Gibt es ein Standardmodell? Ab wann kippt eine Fürbitte in eine Minipredigt, eine moralische Argumentation oder gar in eine bloße Meditation um usw.

Die Arbeit brachte mir ein Gespräch mit einem kirchenleitenden Menschen ein, in dessen Folge mir auf sehr deutliche Weise klar gemacht wurde, dass eine bestimmte Form von kritischer Intellektualität in der Kirche nicht besonders gern gesehen wird. 

Sie war und ist (?) mit dem Ansinnen von Karrierismus und Dominanz umgeben - das Groteske an dem Gespräch war, dass mir klar gesagt wurde, dass eine Berufung in die liturgische Kammer der EKKW nicht Frage käme, mein Ansatz würde da alles sprengen (Gott sei Dank hatte der Menschen noch nie eines meiner Gedichte oder meiner Gebete gelesen). 

Was daran grotesk ist? 

Ich hatte niemals dieses Ansinnen, Karriere in dem Sinne war mir immer fremd, die Arbeit war noch nicht einmal im Ansatz deswegen geschrieben worden. Ich hatte bloß bemerkt, das manche Gebete im Gottesdienst nicht "funktionierten", und wollte wissen, ob man das empirisch belegen und und ob das linguistische Werkzeug, das ich mir dafür im Studium angeeignet hatte, etwas taugt, oder ob ich hier einem bloßen Bauchgefühl folgte. 

Mir wurde es als Selbstempfehlung für ein kirchliches Gremium unterstellt. Und natürlich als Arroganz. Die war es nie, ein bisschen Verbitterung gelegentlich schon. (Möglicherweise hing das auch mit meine Mentor zusammen, der damals Sekretär der liturgischen Kammer war - der aber hat mich schon sehr früh verstanden: dass ich immer Pfarrer werden wollte und an Karriere, vor allem an Gremienkarriere, nicht das geringste Interesse hatte. Er war sehr interessiert daran, dass ich das Instrumentarium auf die Gebete für das damals gerade konzipierte EG anwendete und mit ihm einen Kriterienkatalog für "gute Gebete" erstellte. Das war Fun - für beide. Er hatte viel Spaß an dem, was ich an unkonventionellem Denken aus dem Studium mitbrachte).  

Ich habe allerdings gelernt - einer der Gründe, warum ich mich mit Organisationswissenschaft befasst habe - das organisationstheoretisch einzuordnen. 

Was freilich kein wirklich gutes Bild von Kirche als Organisation entwirft, das traurigerweise durch die Missbrauchsstudie bestätig wird. 

Eine Organisation, die keinen Ort hat, kritisch über sich selbst, ihr Handeln und ihre Grundlagen nachzudenken, wird niemals smart werden, und damit eben auch nicht agil. 

Das meine durchaus so scharf wie ich es schreibe - ein Teil der Hilflosigkeit, die der jetzigen Situation mit ihrer Krisenbeschwörungsrhetorik anzumerken ist, hat auch etwas damit zu tun, dass die theologischen Werkzeuge stumpf geworden sind. 

Andererseits ist mein Vertrauen in evolutionäre Prozesse doch sehr hoch. Irgendwo arbeitet der ThinkTank der eine wirklich brauchbare Theorie hervorbringen wird und eine Gedankenschärfe, die es erlaubt, wirklich strategisch zu handeln. Ich vermute aber mal, das die nicht aus dem Mainstream kommen wird - oder vielleicht gerade, wenn eine oder einer so richtig das Kotzen kriegt? (Ich denke oft an Safenwil...)

Das alles habe ich mir gut gemerkt. Und tatsächlich bin ich immer dann angeeckt, wenn ich theologische Argumente geltend machen wollte. Selbst im meiner Aufgabe als Referent stand ich oft auf der Bremse, was gelegentlich ein Akt von großer Selbstdisziplin war. Es gelang mir nicht immer. Der Zynismus dieses Antiintellektualismus ist vielen überhaupt mich bewusst, das hat mich oft verblüfft. Es waren oft gerade die akademisch ausgewiesenen Theologinnen und Theologen, die einen antiintellektuellen Impuls zeigten. War und ist das so etwas wie Kondeszendenz (Herabneigung), schlechtes Gewissen gegenüber einer vermeintlich privilegierten Situation, oder Schlimmeres, Heuchelei? Es gibt Formen von intellektuellem Anti-Intellektualismus, sind sind per se schlimm paternalistisch (was übrigens auch politisch hochbedenklich ist: Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer von "Theologengerede" oder "bloßer Theorie" reden, nähren sie eine Natter am Busen).

Und nach dreissig Jahren kann ich deutlich formulieren: In der protestantischen Kirchentheologie ist ein deutlicher Anti-Intellektualismus zu verspüren, in dessen Folge die Qualität der Theologie und der theologischen Reflexion kirchenleitenden Handelns (in Sinne Schleiermachers: also nicht bloß Kirchenregiment) etwas an Brillanz, Schärfe und Zugriffigkeit verloren hat, was, wie immer im Sinne eines absinkenden Kulturgutes, bis in die Gemeinden durchschlug. Einer der Gründe, warum keiner mehr der Theologie zuhört. Nicht einmal die Theologie selbst. 

Das gehört zu den weniger erfreulichen Fazits. Und zu dem, wo ich doch eine deutliche Müdigkeit spüre. 

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