Donnerstag, 1. August 2013

Bayreuth 2013, Götterdämmerung und Castorferleuchtung

Ich habe mich für das Publikum ein wenig geschämt. So ein widerlicher Buh- und Trillerpfeifenlärm - das war völlig unangebracht. Der Ring war eine starke künstlerische Gesamtleistung, ob man dem im Einzelnen folgen kann oder nicht, ist eine andere, diskussionswürdige Frage. Hier wurde mit größer Konzentration und mit viel Wissen um Text und Musik inszeniert. Was für eine gewaltige Aufgabe. Das nicht zu würdigen, sondern die eigenen Erwartungen, wie es denn richtig sein müsse, zum Maßstab zu machen, ist klein.

Die Götterdämmerung: Das ist ein Kawenzmann von Musikdrama, selbst für Wagnersche Verhältnisse. Eine komplexe Handlung, eine superkomplexe Musik, lauter neue Personen und Leitmotive, ständig wechselnde Orte. Und wirklich, wirklich schwere, aber wahnsinnig schöne Musik.

Die Götterdämmerung kann man von allen Wagner-Werken am wenigsten im Halbdämmer des Bewußtseins genießen, sie verlangt volle Aufmerksamkeit. Von den ersten Takten an.

Castorf setzt noch einen drauf. Er überlässt, noch souveräner als in den vorangegangenen Abenden, der Musik die Aufgabe, den düsteren Mythos zu erzählen. Er setzt  - und wo, wenn nicht in Bayreuth - voraus, dass Musik, Erzählung und Text soweit verinnerlicht sind, das man mit ihnen spielen, Theaterspielen kann.

Während die Musik für die Kontinuität der Ring-Erzählung, des Mythos, sorgt, erzählt die Bühne eine eigene, sozusagen von dem Drama selber evozierte, sie auf der Oberfäche der Ereignisse abbildende Geschichte.
Ich könnte jetzt einiges Gelehrtes zu narrativer Tiefenstruktur und textueller Repräsentanz sagen, Greimas, Propp und andere zitieren, tu ich aber nicht. Wir nehmen jetzt mal einfach hin, dass das wirklich so geht. Jeder Krimi funktioniert so. Die alte "who done it" Geschichte wird neu erzählt, mit dem üblichen mythischen Personen-Inventar und einem Ensemble standartisierter Ereignisse. Diese Tiefenaufgabe übernimmt bei Castorf die Musik, und sie tut es, weil befreit von der Erdenschwere der Handlung, wundervoll. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die ungewöhnliche Qualität der Musik, die ich erleben durfte, etwas damit zu tun hatte, dass sie aus dem Knechtsdienst der "Handlung" entlassen wurde - ganz in Wagners Sinne, bei dem ja die Musik die Handlung generiert. Hier war sie jedenfalls, was bei Wagner immer die Gefahr ist, nicht bloß Soundtrack, sondern Akteur. Die Erzählerin aus dem Off, wenn man so will. Die Castorfsche Handlung kommentierte dabei aber die Musik, nicht umgekehrt. Nicht immer gelungen, aber nachvollziehbar selbst in den Kalauern.Die waren oft spürbar von der Musik evoziert.

Aber nicht nur die Musik sorgt für Kontiunität und Zusammenhang. Auch die virtuos eingesetzte Drehbühne und die Videos, die vor allem die orchestralen Zwischenspiele (die sich ja technischen Herausforderungen der Theatertechink verdanken) sehr nach vorne bringen. Ich habe diese Musikstücke noch nie so intensiv in ihrer Aufgabe wahrgenommen, den Mythos zu rekapitulieren. Die Videobilder fokussieren den schweifenden Blick und fesseln damit das Ohr, bei mir jedenfalls.

Und schließlich die Kostüme. Siegfried in knallenger eierschau-Hose mit Vokuhila-Frisur - man wusste sofort, hier kommt der Stecher. Die Nornen erst in mythsicher Verkleidung, gar nicht recht beschreibbar, und darunter in einer femininen Pracht, die ihresgleichen suchte. Die Rheintöchter in ihrer ganzen Biesterhaftigkeit, fast ein wenig nuttig, aber voller Stolz, Rheintöchter eben, älter als alle.
Und Gutrune im Schicki-Micki-Outfit, sie hätte glatt im Publikum sitzen können. Sie wurde von Hagen mit einer Isetta bestochen, in dem miesen Spiel mitzumachen, auch Schicki-Micki. Tochter vom Schlage der Mutter (die für Geld!!! mit Alberich Hagen auf die Welt gebracht hat. Feine Sippschaft!).

Ihr Wahnsinn ist ihr Reifeprozess. Im flotten Cocktailkleidchen schnappt sie über. Beeindruckend. Da werden sich Regisseure für Gutrune aber demnächst immer etwas einfallen lassen müssen, anstatt sie irgendwie staffagemässig den ganzen Schluß über herumliegen zu lassen.



Die Gewalt und der Sex.
Sie sind das große Thema des Ringes, und Castorf macht es sichtbar. Das Öl ist bloß ein inszenatorischer Vorwand, eine Anhaltspunkt für die, die "Inhalte" brauchen. Dass Walhall Wallstreet ist, sagte schon Wieland Wanger um 1950, und er hat es von G. B. Shaw, 1909. Es wird doch keiner erwartet haben, von Castorf eine platte Allegorie geliefert zu bekommen.

Nein, es geht um Gewalt und Sex. Kompromisslos. Hagen erschlägt Siegfried und Gunther mit dem Baseballschläger, den wir von schon von den freundlichen Riesen aus dem Rheingold kennen.  Der Speer wird optisch zitiert, wie das Schwert, das macht es leichter, wieder an die Musik anzuknüpfen. Erschütternd, obwohl beide Tode absoluten Armleuchtern gelten; man erwischt sich bei ganz unfrommen Gefühlen. Die Gewalt wird als das gezeigt, was sie ist: roh und sinnlos. Sie hält nichts auf, sie bringt nichts voran, sie kommt aus der Rohheit und sie führt in sie zurück.

Aber am besten ist es mit dem Sex in diesem Ring bestellt - und ich sage absichtlich nicht Erotik. Die Rheintöchter machen einem hier mal wirklich Angst mit ihrer sexuellen Wucht. Biester, ganz gefährliche Biester. Fricka (im Rheingold, man sollte die Texte kennen!) hasst sie nicht ohne Grund. Sie bringen etwas in die Ehe, was die Ehe gefährdet (wenn man von der "hehren Ehe" träumt, wie es die Götter tun, worüber sich Loge ja bekanntlich mehr als lustig macht. Das Wertegelaber....). Sogar die Nornen sind - als Erdatöchter - von einer geradezu chtontischen Sexualität im Abendkleid.

 Die Rheintöchter. Mit einer Leiche im Kofferaum, die Siegfrieds Tod, so vermute ich mal, vorwegnimmt und den Ernst der Situation zeigt.


Castorf zeigt sehr deutlich, worum es am Ende geht. Und dass Männer, die ein Gewaltproblem haben, auch ein Sexproblem haben: Sie können das nämlich nicht wirklich auseinanderhalten. Es fehlt die Zärtlichkeit.
Zu Lasten der Frauen. Die sind wieder ganz stark. Habe ich mich beim Siegfried über das Coming-out des Waldvogels sehr gefreut, so war ich gestern Abend von den Rheinmädchen sehr angetan: sie sind die Siegerinnen.
Das Finale, das Castorf uns zeigt, mag Manchen in seiner Lakonie vergrätzt haben (weil Brünnhilde einfach in Richtung angedeutetes Weltenfeuer von der Bühne geht). Aber Castorf zeigt uns etwas, was man sonst nie sieht: Brünnhilde gibt den Rheintöchtern den Ring, bzw. übergibt ihn der Vernichtung. Ein unglaublich erlösender Moment. Sie töten Hagen nicht (jedenfalls nicht gleich), was auch gar nicht so explizit im Text Wagners steht, sie schubsen ihn einfach weg. Dieses Wegschubsen ist so souverän -
genial!!!!
Da sitzt er dann am Feuer (LOGE!!!), in den sie den Ring geworfen haben (Tolkien lässt grüßen), der Loser auf der ganzen Linie, und denkt wohl darüber nach, was er seinem Vater erzählen soll. Großartig. Alle gescheitert, die Helden, auch der Böse. Ein Sieg der Frauen und der Natur, in der Musik überdeutlich zu hören. Aber die "erlöste" Welt ist nicht einfach die Welt des Anfanges - diesem Irrtum verfallen manche Inszenierungen, wenn sie am Ende das Anfangsbild wieder zeigen. Erlösung ist nicht Weidergutmachung, Erlösung ist Verwandlung: "Oh hehrstes Wunder", jubelt das Orchester und zitiert Sieglinde, die den alles verändernden Helden so begrüßt (Ihr Magnifikat, sozusagen).
Zu Gutrune, die die Ophelia gibt, siehe oben.

Brünnhilde: Souverän in der Annahme ihrer tiefen Verletzung in der Welt hirnloser Männer, von Pappa über Ehemann 1 und 2 bis Hagen. Darin steckt die Erlösung. Sie setzt den Ring frei, und geht. Toll, wirlich, das ist eine mögliche Interpretation, die sowohl dem Text, der Musik als auch dem Augenschein standhält. Ich rede immer von hirnlosen Männern: das ist ein Zitat, Götterdämmerung, 1. Akt, 5. Szene, Hagen zu Gunter:
"Dir hilft kein Hirn,
dir hilft keine Hand:
dir hilft nur – Siegfrieds Tod!"

Vieles mehr wäre noch zu sagen. Hagen als Schamane, und da irgendwie den Nornen nah (die auch vor dem Schamanenschrein agieren, mit Blut und so, Igitt). Natürlich, warum nicht. Er ist auch bei Wagner nicht einfach nur ein Verbrechertyp. Er ist ein Schwarzmagier, der wahrhaft heftige Tränke brauen kann. Sein Tritonus und die Zaubertrnachtmotiv prägen die Musik der Götterdämmerung massiv: Da ist schwazre Magie im Orchestergraben präsent. Castorf zeigt sie. Starke Bilder!

Im Progammheft steht, vielleicht sei das alles bloß der Traum eines Schamanen. Ist es doch. Der
Schamane heißt Richard Wagner. Man vergisst immer so schnell, dass das alles ausgedacht ist.

Nur Gutes? Nö, es gab auch Längen und Verlegenheitslösungen, wieder einige Kalauer, okay, kann man machen, ist vielleicht ein bisschen abgenutzt, jedenfalls draussen, in der richtigen Welt (in Bayreuth können sie noch provozieren!). Es fehlt an Kleinarbeit. Manches muss sich erst bewähren. Ich sehe viel Potential gerade auch in den kleinen Ideen, von denen ich wahrscheinlich, wie von der Musik, nur einen Bruchteil wahrgenommen habe.

Jedenfalls hat bei mir, tief vertraut mit dem Mythos des Ringes, die Abkoppelung von der Handlungsoberfläche und die Verlegung der Handlung in eine traumartige Parallelwelt von fast fantasyhafter Eindringlichkeit ganz und gar ausgezeichent funktionert. Ich glaube, dass dieser Ring, wenn an ihm noch ein bisschen gearbeitet wird, ein Jahrhundertring werden wird, an dem man, wie in den letzten 30 Jahren am Chereau-Ring, nicht wird vorbeikönnen.

Danke, Frank  Castorf.

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Das Bayreutherlebnis: dazu ein andermal. Das ist eine eigene Geschichte. Ich bin dankbar, dass ich es gemacht habe. Auf auf die Gefahr hin, dass jeder Wagneraufführung außerhalb des Festpielhauses, jedenfalls was den Klang betrifft, nur etwas Schattenhaftes bekommen wird. Wagner hatte ein ganz konkretes Klangbild vor Augen, einen echten Soundtrack, und das geht so nur in Bayreuth. Wie gut, das muss ich noch erzählen, zeigt eine kleine Anekdote: Ich hatte mich mit einem älteren Herrn aus England bekanntgemacht, der auch eher zufällig und in letzter MInute die Karten bekommen hat. Er war von der Inszenierung ziemlich enttäuscht, weil er schon Hörnerhelme, Rüstungen und Wald erwartet hatte. Okay, das kann ich verstehen. Gelegenheitswagnerianer haben da schon auch ein gewisses Recht drauf, wenn auch nicht gerade in Bayreuth.
Aber wirklich bemerkenswert fand ich, als er mich frug, ob den überhaupt ein Orchester spiele und warum man die Musik vom Band laufen liesse.
Besser kann man die Wirkung des "mystischen Abgrundes", des unsichtbaren Orchesters im versenkten Graben, nicht beschreiben. Es ist überwältigend, gerade in der Götterdämmerung, die musikalisch ja schon deutlich in Richtung Parsifal geht.


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Natürlich war es völlig unmöglich, an den Buchläden vorbeizugehen. Jetzt lese ich, nach Brigitte Hamanns "Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth" (schrecklich, nicht das Buch, aber das, was es berichtet) "Wieland Wagner: Wegbereiter und Weltwirkung Vorwort von Nike Wagner von Ingrid Kapsamer. Haben alle schon vergessen, was in den 50er Jahren in Bayreuth passierte?


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Und natürlich Thomas Mann. Dessen Schmerz ich teile. Wie schade, dass man Wagner nicht einfach so lieben kann. Es ist viel Hitler in Wagner (aber es ist fast kein Wagner in Hitler, das sei auch deutlich gesagt).

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