Freitag, 2. August 2013

Bayreuth 2013, Bayreuth 1950

Ich habe immer noch diese Buhs im Ohr.
Und bin doch vom Bayreuther Publikum schockiert. Haben die vergessen (oder nie gewußt), dass Bayreuth eine der Quellen, der "Urorte", um es wagnerisch zu raunen, des radikalen Ausdrucks- und Regietheaters ist?
Ich lese gerade das Buch von Ingrid Kapsamer, (sieher vorheriger Thread) und komme von einem Staunen in das nächste. Natürlich war die Bayreuther Moderne der 50er Jahre eine gigantische Verdrängungs- ja sogar Vernebelungstaktik, aber sie war auch ein inszenierte Bruch von beispielloser Heftigkeit.
Das steht auf derselben Ebene die Einführung der radikalen Abstraktion in der Malerei oder, woran ich noch eher denken musste, an James Joyce und die Dadaisten.

Ich habe eine sehr schöne Rezension zu diesem Buch gefunden, die erfreulicherweise schönes und eindrückliches Bildmaterial liefert, für alle, die gar keinen Schimmer haben, wovon ich rede.
Das war mal Bayreuth! In den 50er Jahren! Es hat sich damals vermutlich nur keiner getraut, richtig in Opposition zu gehen, weil man dann - und ich sage mal, was Bayreuth betrifft, wohl zu Recht - in der braunen Ecke gelandet wäre. Schade, dass Wieland Wagner so früh starb. Es wäre spannend gewesen, ihn in der 68er Zeit zu erleben. Aber das hat ja dann Chereau erledigt, indem er den Mythos rehistorisiert hat und als Sozialkritik darstellte. Und ich finde, das Castorf geht einfach den nächsten logischen Schritt: Man muss den Mythos nicht erzählen, er wirkt; man muss seine Wirkungen zeigen: den Fluch des Ringes, der die Menschen gierig macht und brutalisiert, der alles in Stücke haut, auch die Erzählung und die Kunst.
Ich finde das Fragmentarische völlig angemessen im Jahre 2013 - aber gehörte das nicht in die 80er und 90er Jahre? Bayreuth kommt, wie es scheint, immer so um die 20 Jahre zu spät. Da darf man nun auf Meeses Parsifal sehr gespannt sein, nachdem das postmoderne Gewusel von Schlingensief nicht funktionierte. UND ICH WILL KEINE BRAUNEN UNIFORMEN MEHR AUF DER WAGNERBÜHNE SEHEN: man tut denen damit zu viel der Ehre an. Wagner zeigt, wie es dazu kommt, dass Menschen verhärten: das geht viel tiefer. Es wäre viel wichtiger zu zeigen, bei wie Vielen die braune Uniform im Schrank hängt, ohne dass sie es wissen, und wie viele braune Unterwäsche tragen (schöne, mehrdeutige Metapher!) und denken, es wäre weiße (schöner innermetaphorischer Reim. Was man manchmal so schreibt...)

kapsamer

Weitere, eindrückliche Bilder:
www.wagneroperas.com

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