Donnerstag, 10. September 2026

Irre Theorien - zwischen Verschwörung und Dummheit


Die irre Theorie – oder: Wenn die Welt einfach immer etwas anders funktioniert

Es gibt Menschen, deren Vorstellungen von der Welt nicht einfach falsch sind. Sie sind auf eine eigentümlichere Weise falsch.

Das Problem ist nicht, dass ihnen ein Faktum fehlt. Einen einzelnen Irrtum kann man korrigieren. Man erklärt etwas, zeigt eine Zahl, verweist auf ein Gegenbeispiel – und die Sache könnte erledigt sein.

Aber manchmal ist sie das nicht.

Denn hinter der einzelnen Behauptung steckt ein ganzes kleines schiefes Weltmodell. In diesem Modell hängen die Dinge anders zusammen, als sie es in der Wirklichkeit tun (und das kann man auch als Konstruktivist sage). Ursachen werden vertauscht, Zusammenhänge übervereinfacht oder in grotesker Weise zugeordnet , Zufälle zu Absichten erklärt. Rückkopplungen, Nebenwirkungen und zeitliche Verzögerungen verschwinden. Und wenn die Realität dann nicht zum Modell passt, wird nicht unbedingt das Modell verändert. Stattdessen wird die Realität passend gemacht. 

Für dieses Phänomen möchte ich einen etwas sperrigen, aber vielleicht treffenden Begriff vorschlagen, den ich innerlich schon eine Zeit lang verwende: die irre Theorie. Man könnte auch groteske oder schräge Theorie sagen, ich bevorzuge irre, in dem Sinne, wie wir das Wort in der Umgangssprache verwenden: immer auch ein bisschen ironisch  

Also nicht im psychiatrischen Sinn. Und auch nicht als Bezeichnung für einen „irren Menschen“. Gemeint ist eine Theorie über die Welt, die auf eine besondere Weise danebenliegt: nicht nur punktuell, sondern strukturell. Eine Theorie ist irre, nicht die Person. Es geht nicht um Diffamierung  

Immer etwas schief

Das Interessante an einer irren Theorie ist, dass sie durchaus vernünftig klingen kann.

„Die Preise steigen, weil die Händler gierig sind.“

„Die Kinder sind unkonzentriert, weil sie zu viel Zucker essen.“

„Die Menschen sind unzufrieden, weil ihnen etwas weggenommen wurde.“

„Dieses Unternehmen ist erfolgreich, weil sein Chef besonders genial ist.“

Solche Sätze sind nicht notwendigerweise völlig falsch. Genau das macht sie so verführerisch. Gier kann Preise beeinflussen. Ernährung kann Verhalten beeinflussen. Verluste können Unzufriedenheit erzeugen. Gute Führung kann Unternehmen erfolgreicher machen.

Aber die Wirklichkeit ist meistens komplizierter und komplexer  

Preise entstehen aus einem Geflecht von Angebot, Nachfrage, Erwartungen, Kosten, Regulierung, Marktmacht und Zufällen. Konzentration hängt von vielen Faktoren ab. Unzufriedenheit hat selten nur eine Ursache. Und der Erfolg eines Unternehmens ist kaum auf eine einzelne Person zurückzuführen.

Die irre Theorie erkennt möglicherweise einen realen Zusammenhang – und macht daraus den Zusammenhang.

Das ist etwas anderes als bloße Unwissenheit. Es ist eine Art systematische Übervereinfachung.

Man könnte sagen: Der Betreffende sieht durchaus etwas. Er hört nur die falsche Melodie. In extremeren Fällen wird ein ganzes konsistentes Theoriegebäude auf einer völlig irren Annahme gebaut z.B. „Gleiches wird mit Gleichen geheilt (eine magische Kausalität). Natürlich haben gerade Religionen einen Hang zur irren Theorie, aber man täusche sich nicht. Grade auch im sozialen und politischen Bereich trifft man immer wieder auf irre Theorien, etwa über die Motivation von Menschen oder die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses.  Es liegen hier nicht einfach Dummheit oder Verschwörungsdenken vor, sondern eher etwas anderes: 

Epistemische Unmusikalität

Vielleicht liegt darin die interessanteste Metapher: Unmusikalität für die Wirklichkeit.

Musikalisch unbegabt zu sein bedeutet nicht, dass die Ohren nicht funktionieren. Man hört die Töne. Aber man erkennt ihre Beziehungen nicht zuverlässig. Man hört vielleicht einzelne Töne, aber nicht, wie sie zusammengehören. Das Internet ist voll von fröhlich singenden Menschen, die keinen einzigen Ton treffen, keinerlei Rhythmus erkennen lassen und erkennbar keine Rückkopplung auf ihr Tun haben - weil sie amusisch sind. Das gibt es tatsächlich: Franz Kafka sagt das z.B. von sich   

Ähnlich kann es mit der Wirklichkeit sein.

Die Fakten sind vorhanden, die Beobachtungen werden gemacht und die Informationen werden aufgenommen. Aber zwischen den Dingen werden immer wieder die falschen Beziehungen hergestellt.

A folgt auf B – also muss A die Ursache von B sein.

Zwei Ereignisse treten gleichzeitig auf – also müssen sie zusammenhängen.

Etwas ist passiert – also muss jemand es gewollt haben.

Eine Maßnahme hatte einen bestimmten Effekt – also muss dieser Effekt auch ihr eigentlicher Zweck gewesen sein.

Das Problem liegt dann weniger im Sehen als im Verknüpfen.

Und vielleicht erklärt das, warum manche Menschen bei erstaunlich vielen Themen „immer etwas schief“ liegen. Nicht weil sie überall falsche Fakten kennen. Sondern weil sie aus den Fakten immer wieder dieselben falschen Arten von Geschichten bauen. Es gat etwas mit dem zu tun, was Wittgenstein die Verhexung des Denkens durch die Sprache nennt, aber nicht nur, weil hier auch eine seltsame Grammatik am Werk ist  

Die Welt ist voller Rückkopplungen

Ein wesentlicher Bestandteil solcher Theorien ist ein lineares und kontinuierliches Weltbild.

A verursacht B. B verursacht C. Fertig.

Die wirkliche Welt sieht aber häufig eher aus wie ein Netz. A beeinflusst B, B verändert C, C wirkt zurück auf A. Dazu kommen D, E und F, die niemand auf dem Zettel hatte.

Ein Preis steigt, woraufhin Menschen ihr Verhalten ändern. Dieses Verhalten verändert die Nachfrage. Die veränderte Nachfrage beeinflusst wiederum den Preis. Gleichzeitig reagieren Unternehmen, der Staat, Konkurrenten und Erwartungen auf das Geschehen.

Das ist nicht besonders intuitiv.

Unser Denken liebt klare Geschichten, sucht einen Schuldigen, braucht eine lineare Ursache, einen Anfang und ein Ende.

Die Wirklichkeit ist dagegen oft ein System aus Wechselwirkungen.

Eine irre Theorie gewinnt ihre Überzeugungskraft deshalb nicht selten gerade dadurch, dass sie komplizierte Wirklichkeit in eine einfache Geschichte verwandelt - mit oft verblüffender, freilich irrer „Evidenz“. .

Das Problem ist nur: Die Geschichte wird dadurch nicht wahrer. Wichtig ist mir, das vom Bullshit zu unterscheiden: der Bullshitter, lernen wir bei Harry Frankfurter, hat kein Interesse an der Wahrheit, er quatscht einfach Bockmist. 

Die Verschwörung ist nur eine Sonderform

Hier liegt auch ein wichtiger Unterschied zur klassischen Verschwörungstheorie.

Eine Verschwörungstheorie behauptet typischerweise, dass hinter sichtbaren Ereignissen verborgene Akteure und geheime Absichten stehen. Die Welt wird intentional gelesen: Irgendjemand hat das geplant.

Eine irre Theorie braucht das gar nicht.

Sie kann völlig unpolitisch sein. Sie kann sogar gesellschaftlich vollkommen akzeptiert sein.

Jemand kann eine irre Theorie über Ernährung haben, über Kindererziehung, über Immobilienpreise oder über den eigenen Beruf. Er kann überzeugt sein, dass eine bestimmte Maßnahme immer einen bestimmten Effekt hat, obwohl die tatsächlichen Zusammenhänge wesentlich komplexer sind.

Die Theorie muss auch nicht irrational aussehen. Im Gegenteil: Oft ist sie intern erstaunlich konsistent.

Und genau darin liegt ihre Tücke.

Wenn die Theorie sich selbst schützt

Ein besonders deutliches Merkmal entsteht, wenn Gegenbelege nicht mehr wirklich als Gegenbelege gelten.

Eine gute Theorie muss prinzipiell verlieren können. Wenn die Wirklichkeit ihr widerspricht, muss die Möglichkeit bestehen, dass die Theorie falsch ist.

Bei einer irren Theorie kann dagegen fast alles zum Beweis werden.

Passiert A, bestätigt das die Theorie.

Passiert nicht A, bestätigt es sie ebenfalls – denn dann habe jemand verhindert, dass A passiert.

Bleibt der erwartete Effekt aus, war die Maßnahme falsch umgesetzt.

Tritt ein unerwarteter Effekt auf, beweist gerade dieser, wie tief das System manipuliert ist.

So entsteht ein geschlossenes Weltbild, das gegenüber der Wirklichkeit immer weniger empfindlich wird.

Es ist nicht mehr die Theorie, die sich an der Welt korrigiert.

Es ist die Welt, die innerhalb der Theorie interpretiert wird. Anhänger irrer Theorien müssen frelich oft feststellen, dass alle anderen um sie herum offensichtlich verrückt sind …

Keine Eigenschaft von „dummen Menschen“

Das vielleicht Wichtigste daran: Eine irre Theorie ist keine Diagnose von Dummheit.

Intelligente Menschen können ausgesprochen schlechte Theorien über die Welt haben.

Vielleicht gerade deshalb.

Intelligenz hilft nämlich nicht automatisch dabei, ein gutes Weltmodell zu bauen. Sie kann auch dabei helfen, ein schlechtes Modell immer raffinierter zu verteidigen.

Man kann sehr klug begründen, warum die eigene Erklärung trotz aller Gegenargumente doch stimmt.

Das Entscheidende ist daher nicht nur, wie gut jemand argumentiert, sondern wie gut sein Denken auf die Wirklichkeit kalibriert ist.

Kann er sagen: „Das weiß ich nicht“?

Kann er zwischen Korrelation und Ursache unterscheiden?

Kann er eine plausible alternative Erklärung zulassen?

Kann er erklären, wie etwas funktionieren soll – nicht nur behaupten, dass es funktioniert?

Und vor allem: Kann er sein Modell ändern, wenn die Welt sich anders verhält als erwartet?

Ein nützlicher Begriff – gerade für uns selbst

Vielleicht ist das die eigentliche Stärke des Begriffs „irre Theorie“: Er muss nicht auf andere angewendet werden.

Man kann ihn gegen sich selbst richten.

Bevor man sich über die verrückte Theorie des anderen lustig macht, könnte man fragen:

Welche meiner eigenen Erklärungen sind eigentlich nur deshalb so überzeugend, weil sie die Welt angenehm einfach machen?

Wo verwechsle ich zeitliches Aufeinanderfolgen mit Kausalität?

Wo suche ich eine einzige Ursache, weil mir ein Bündel von Ursachen zu unbefriedigend ist?

Wo sehe ich Absicht, wo vielleicht nur Systemeffekte wirken?

Und wo habe ich aufgehört, meine Theorie an der Wirklichkeit zu testen?

Vielleicht ist die entscheidende Fähigkeit nicht, immer recht zu haben.

Sondern zu merken, wann die eigene Theorie gerade etwas schief klingt.

Denn die Wirklichkeit ist selten so elegant wie unsere Erklärungen.

Und vielleicht besteht geistige Nüchternheit genau darin, diese Uneleganz auszuhalten. Möglicherweise ist die Theorie der irren Theorie eine irre Theorie  



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