Dienstag, 14. November 2023

Glaubensweisen

 Was bis jetzt über die KMU VI so zu erfahren ist, bestätigt mich darin, auf das Wort, die Kategorie "Religion" immer mehr zu verzichten. 

Es ist eine Abstraktion, die aus einer Weltsicht stammt, die ich für völlig überholt halte, weil sie einem  längst erledigtem Essentialismus folgt. Ich bin nun kein akademisch trainierter und etablierte Denker, darum versuche ich es in den folgenden schlichten Gedanken zu formulieren. Für mich, wie immer in diesem Blog, aber das braucht ja niemanden abzuhalten, dem zu folgen....

Innerlich rede ich inzwischen, angeregt von Bruno Latour, von "Glaubensweisen". 

Ich weiß natürlich, das "Glauben" ein jüdisch/christlich/muslimische Konzept ist, das eine Form von Vertrauen, von "sich öffnen" als minimale Geste bis hin zu "sich hingeben" als maximale Geste,  beschreibt. Andere Kulturen kennen diesen Begriff zur Bezeichnung ihrer Gottesbeziehung nicht und nutzen ihn auch nicht zur Selbstbeschreibung. 

Aber ich rede als "christlicher" Theologe, was ich nicht als supremativen Wahrheitsanspruch verstehe, sondern als schlichte Standortbestimmung, als, die Metapher sei gewagt, Kalibrierung des Beobachtungswerkzeugs. Ich kann nicht nicht so tun, als wäre es nicht so. Es ist Augenwischerei, "von Innen" eine valente Außenperspektive entwerfen zu wollen. (Mein altes Argument gegen eine "christliche Religionswissenschaft", die so etwas wie einen allgemeingültigen Religionsbegriff entwirft, ohnen zu bedenken, dass der Begriff "religion" selbst christlichen Ursprungs ist, bzw vom Christentum in besonderer Weise geprägt wurde. Das hat einen Hauch von Etikettenschwindel). 

"Glaube" ist diesem recht schlichten Sinne eine Vertrauensbeziehung, die eine eine fundamentale distinktive Form, sich in einer Geste zu äußern, die in keinem anderen kulturellen Feld zu finden ist: Das Gebet. Für mich das Gebet eine Geste, also eine expressiv-darstellende Handlung,  die, erst einmal ganz formal, so etwas wie einen Horizont über das Empirisch-Experimentelle aufweist. Ein Akt, eine Handlung, die fundamentale Glaubenshandlung schlechthin. Womit werder gesagt ist, was sie ausdrückt, noch, ob diese Ausdrucksverhalten spezifisch gerichtet ist. Das ergibt sich erst, wenn man sich das "Gegenüber" der Ausdruckshandlung anschaut: das, was "Gott" genannt wird, denn "Gott" ist per definitionem das, woran Gebete gerichtet sind. Insofern ist jedes Gebet eine Existenszbehauptung, zumindest aber eine Existenzvermutung, selbst dann, wenn es es ein spontane, nicht-intentionale Geste ist. Alles andere wäre kein Gebet, sondern ein Schrei oder ein Seufzer. 

Im Gebet stellen sich Menschen in, mit oder vor Gott. 

"In Gott" bezeichnet für mich die traditionell "mystisch" genannte Glaubensweise, die davon ausgeht, dass  mit Gott so etwas wie ein Raum, eine Sphäre oder Kontinuum gemeint ist, in das man in einer Art Immersions-Erfahrung eintauchen kann oder in die man hineingezogen wird. Dem entsprechen meditative, kontemplative oder sprachfreie Formen des Gebets und spekulativ- allegorische Theologiekonzepte. Hier kann ein personales Gottesbild vorliegen, muss aber nicht (man denke an die "Force" in StarWars, um etwas Unverfängliches zu nennen). Ihre Schattenform sind die esoterischen Verschmelzungsphantasien, die bis zu magischen Vorstellungen gehen können oder in dann durchaus vordergründig erotische abgleiten können. 

"Vor Gott" nenne ich die quasi juristische-kultische Form der Beziehung, die davon ausgeht, dass es so etwas wie angemessene Lebensweise gibt, die einer Art Beobachtung oder Begleitung unterliegt, so das sdas Gebet immer auch eine Distanz überbrückt, sei es eine der Furcht, des Begehren oder der Dimensionalität ("vor" legt ja in besonderer Weise eine räumliche Dimensionalität nahe). Diese Form der Glaubensweise neigt in besonders starker Weise zur Gemeinschaftsbildung, weil sie Committment erwartet. Das Gebet hat hier eine vornehmlich appelative oder exkulpative ("um Entschuldigung bittende)  Grundgeste,  diese Form des Gebetes ist ohne ein personales, also Handlungen und Haltungen zurechnendes Gottesbild, nicht vorstellbar. Sie neigt auch am ehesten dogmatischer Lehrbildung, kultischem Ritualismus und zu exklusiven Fundamentalismen. Sie ist die dem traditionellen Christentum affinste Glaubensweise, und wird deshalb am ehesten mit den leeren Religionsbegriff beschrieben (z.B. in Karl Barth Polemik). 

"Mit Gott" nenne ich die quasi monastisch- ethische Glaubensweise, die im Gebet sozusagen "partnerschaftlich" oder doch zumindest wenig asymetrisch davon ausgeht, dass wir nicht prinzipiell allein und einsam sind, sondern so etwas wie eine ständige Begleitung haben, die Sinn, Ziel und Bedeutung generiert (wie immer man das im Einzelnen fast). Hier hat das Gebet eher eine soliloque Geste ("in Einsamkeit mein Sprachgesell), hier ist auch das "Beten ohne Unterlass" anzusiedeln, das Gebet ist quasi analog zum Atmen. Es ist nicht von vornherein auf Gemeinschaft angelegt, schließt sie aber auch nicht aus, weil aus diesem Lebensgefühl, wie sie oft genannt wird, ethische Standards fließen, durchaus mit hohem Anspruch . Sie ist anfällig für illusionäre Konzepte, unterstützt narzistische Fehlformen von Humanität und kann weltflüchtig werden und darin zwar nicht fundamentalistische, aber ethisch-moralisch rechthaberisch. Sie hat einen starken Hang zu mythischen Formen der Narrativität, bis hin zur puren Fantasy.

Das sind keine einander ausschließenden Glaubensweisen, sondern die Begriffe sind eher wie eine Matrix zu verstehen oder wie ein Venn-Diagramm, das sehr fein ziseliert beschreiben kann, wie Menschen mit Transzendenz leben oder eben nicht (wenn sie nämlich nicht beten!). 

Die Gretchenfrage lautet also nicht: Bist du religiös? Sondern: Betest Du? Da das Beten in der christlichen Tradition als fundamental ethisch geforderte Handlung verstanden wird, ist das eine konkrete und persönliche Frage, die nach einer intimen Praxis fragt (und nicht nach einem abstrakten Konzept von Lebensgestaltung, das dann "verblüffenderweise" zeigt, dass Menschen in der Kirche sind, aber nicht religiös, religiös, aber nicht in der Kirche. Falsche Frage, falsche Antwort). 

Diese drei "Glaubensweisen" sind mir inzwischen viel hilfreicher, gerade in seelsorgerlichen Situationen und im exegetischen Bereich (!), als der traditionelle Religionsbegriff, der bis zur Unkenntlichkeit ausdifferenziert ist -was nicht ein Beweis für semantische Leistungsfähigkeit ist,  Ausweis einer viel zu große Extension - bis hin zur Konstatierung von "Quais-religion", was am Ende darauf hinausläuft, gar keinen religionsfreien Raum mehr annehmen zu können (das meine ich oben mit Essentialismus). 

Meine Erfahrung sowohl mir mir selbst als auch mit anderen Menschen zeigt, dass das eine leere Abstraktion ist, die aus einer Epoche stammt, wo die sich selbst beobachtende Vernunft quasi sozilogisch versuchte, Bereiche des Humanen abzustecken, in denen unterschiedliche Grad der Finsternis zu vermuten sind - und hier war der aufklärerische Religionsbegriff auch erst einmal  sehr leistungsfähig, eine klassische "Wittgensteinsche Leiter". ( 6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.)

 

Mit anderen Worten: der Religionsbegriff ist m.E. dysfunktional geworden, er verunklart mehr, als er klärt. Denn leider musste er von derselben Aufklärung im Zuge der Entwicklung der empirischen Wissenschaften  in eine Semantik der Wahrheit eingeschrieben werden, die ihn letztlich in Konkurrenz zu anderen sozialen Phänomenen und Welterschließungsmodi brachte, mit dem Ergebnis, das so recht eigentlich niemand mehr weiß, wovon die Rede ist: es kam beim Thema Religion zu einer Schlacht um die Wahrheit. Kann ein Physiker religiös sein? Kann eine Ärtztin religiös sein? sind dann die vermeintlich aporetischen Fragen, die aber nur deswegen aporetisch sind, weil der Begriff der Religion aporetisch ist. Am Ende ist es der Begriff der Religion, verknüpft mit einem Wahrheitsanspruch, der den Fundamentalismus erzeug hat, in dem die Moderne als Wahrheitsbehauptung ihren eigenen Schatten gestaltet: die "wahre" Religion. 

Glaubensweisen aber beschreibt eine Praktik (nicht: eine Praxis, die sofort den Theoriebegriff hervorruft). Eine Praktik hingegen ist eingeschrieben in ein Dispositiv von Kult, Transzendenz, Bezüglichkeit und Horizontalität. 

Menschen beten oder sie tun es nicht. Es ist eine Praktik, an der sich entscheidet und zeigt,  ob Menschen "Glauben" oder nicht. Die konkreten Religionen - als Gestalten, in denen die Gebetspraxis sich soziologisch erfassen lässt - sind dann relativ klar beschreibbar: Zum wem wird gebetet, wie wird gebetet, wann wird gebetet, gibt es exklusive Ort, exklusive Zustände etc. 

Dabei stellt sich die Frage gar nicht, ob das Gebet "essentiell" ist für das Menschsein oder nicht. Menschen tun es, Tiere, soweit wir es sagen können, nicht. Ob jemand, der nicht betet, also mehr oder weniger Mensch ist (was ja bei Beschreibungen von "essentiellen Eigenschaften" immer mitschwingt, stellt sich gar nicht. Es sind ja auch nicht alle Menschen sportlich, musikalisch oder vernünftig, dh. sie machen keinen Sport, machen keine Musik und handeln nicht vernunftgeleitet. 

Das Gebet ist die Geste des Glaubens, in der sich die Glaubensweise ausdrückt. Jesus wird zu allererst, zuvörderst und fundamental als Betender beschrieben, der alle drei Glaubensweisen akzentuiert, was die Vielfalt der christlichen Glaubensweisen schon im Neuen Testament widerspiegelt. 

Was er verkündigt, ist das angstfreie Beten. Christliches Beten reagiert als Geste auf eine Geste der unbedingten Zuwendung, das ist die christliche Glaubensweise. Darum hat er auch keine "Religion" gestiftet, sondern Glaubensweisen grundsätzlich verändert. Gerade in der Passionsgeschichte sind alle drei Glaubensweisen auserzählt, die sich eben nicht "widersprechen", sondern wie in einem mehrdimensionalen Kontinuum (wie wir es aus der Quantenphysik wenigstens zu ahnen gelernt haben) immer das zeigen, wonach gefragt wird. Die Aufgabe von Theologie einer Glaubensweise ist, die jeweils anderen Glaubensweisen präsent zu halten, so ist sie kritisch  und affirmativ zugleich. Sie muss sich nicht zum Pappkameraden "Religion" und seinem Verhältnis zur "Kirche" verhalten. Verkündigen ist anstiften zum Gebet. Die Bergpredigt beginnt nicht ohne Grund damit, auch auch die Briefe beginnen nicht grundlos mit einem Gebet. Es ist die Eröffnungsgeste zur "Verkündigung", in der Glaubensweisen dem begegnen, was sie betend "Gott" nennen. 

Soweit fürs Erste. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen