Dienstag, 27. Juni 2023

Verurteilt

 Sterben müssen/können, ohne Ort und Datum zu kennen, ist zutiefst menschlich, daraus erwachsen Hoffnung und Würde - selbst der Soldat, die Soldatin  ziehen ihre Kraft zum Kämpfen aus der Gewissheit ihres Todes und der Ungewissheit seines Zeitpunktes. Die Todesstrafe aber kappt diesen Faden. Zum Tod Verurteilte haben keine Zukunft. Dieses Argument von Derrida leuchtet mir immer mehr ein, und ich finde es theologisch von äusserster Relevanz. Dass wir weder Zeit noch Stunde wissen, aber dass wir wissen, dass es diese Zeit und diese Stunde gibt: das ist unsere spezifisch menschliche Würde, denn das bringt uns dazu, die Zeit auszukaufen und das Leben als Leben zu schätzen. Darum ist die Todesstrafe entwürdigend, sie steht moralisch noch unter dem Krieg und dem Mord: ein Hingerichteter stirbt schlicht für nichts. Wie unter dieser Perspektive das Kreuz Jesu noch einmal neu erscheint - das Kreuz ist das menschenmöglichste Übel und es gibt jedem zum Tode Verurteilten seine Würde zurück. Zugleich wird deutlich, dass vom Tod „als der Sünde Sold“ nicht so geredet werden kann, als wären wir Deliquenten. Diese Variante des Christentums (auf einem krass missverstandenem Augustin und pervertierter angelsächsich-irischer Bussfrömmigkeit beruhend) ist geradezu die Nemesis der westlichen Kultur. Was war Dostoijewski für ein Genie, das nicht nur erkannt und selbst erfahren zu haben (er stand vor dem Erschiessungskommando), sondern auch literarisch derart brillant verarbeitet zu haben - was nicht nicht hinderte, zugleich auf andere, östliche Weise menschenverachtend gewesen zu sein. Das Werk ist immer klüger als der Autor - es ist das tief verstandene Kreuz im obigen Sinne, das im Text stärker ist als die „Überzeugungen“ des Autors. Was dieser Exkurs soll? Nun, letztlich ist die Todesstrafe entsetzlich naiv und dumm, wie jede Form der Gewalt. Und das wirft ein Licht auf alle, die für sie eintreten: entwürdigende Dummheit. Sehr gefährlich. 

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