Nachdem ich auf Twitter heute Nachmittag - meiner Lieblingsbeschäftigung Extremcouching&Trashfernsehen nachgehend - ziemlich rumgepestet habe, jetzt doch noch ein paar zusammenhängende Gedanken.
Das Format ist eine von diesen typischen, in ihrem Fake-Charakter schwer zu durchschauenden "Dokus" vom Typ "Bewertungsshow," ein Casting-Show-Klon. http://www.vox.de/cms/sendungen/4-hochzeiten-und-traumreise.html
Vier Frauen (die Männer kommen faktisch kaum vor) bewerten gegenseitig ihre Hochzeitsvorbereitungen sowie die Durchführung, kommentiert von einem professionellen Wedding-Planer namens "Froonk", der trotz des bescheuerten Namens ganz vernünftig (innerhalb des Bezugsrahmens!) argumentiert. Im Wesentlichen sieht man immer, worum es geht, also Kleiderkaufen, Location aussuchen, Essen zusammenstellen etc. Das ganze unter dem "Der wichtigste Tag in meinem Leben" -Hype-Optimierungsdruck. Die vier Frauen bewerten sich dann gegenseitig, und zwar mit Kommentaren, bei denen ich mir sicher bin, dass sie in zwanzig Jahren auf der Stelle sterben wollen, wenn sie sie wieder sehen. Oder ihre Kinder.
Der Aufwand ist gigantisch, der Stress atemberaubend. Selbst wenn es fast vollständig geskriptet sein sollte - man bekommt als Geistlicher doch einen tiefen Einblick in das, was sich so um die 40 Minuten herum, die wir dabei (wenn überhaupt) eine Rolle spielen, abspielt. Daher finde ich: Pflichtfernsehen für alle, die den schwarzen Kittel tragen. Es trägt zur Ernüchterung einerseits, zu einer tiefen Einsicht andererseits bei: Ich fürchte, das, was wir da tun, wird sehr anders wahrgenommen, als wir es wahrnehmen. Gerade wenn es geskriptet ist, ist es ja stilisiert, und gute Stilisierungen sind ja oft wahrer als die Realität. Es ist sehr interessant, zu hören, was bei einer Hochzeit eine Rolle spielt - es sind vor allem die "Emotionen", die sich als "romantisch", "rührend", "cool" oder irgendwie sensationell anfühlen müssen. Inhalte spielen faktisch keine Rolle, der Rahmen ist der Sinn (im Grunde radikale Postmoderne). Wenn man jetzt davon ausgeht, dass die Inszenierung etwas über Hoffnungen, Wünsche und Perspektiven ausdrückt, dann ist es kein Wunder, dass so viele Ehen auseinandergehen. Das kann nicht funktionieren: Wenn die Farbe eines Rettungsbootes wichtiger ist als seine Funktion.....
Was mich aber vor allem bewegt: was das für ein Geld und eine Energie kostet. Was wird hier ein Bild von Gelingen kommuniziert?
Das wirklich Fatale daran ist, dass die Sendung untergründig genau das vorführt. Es ist also eine Art Meta-Schadenfreude im Spiel, die jedenfalls bei mir heftiges Fremdschämen auslöst. Das hat schon etwas Zynisches, wie es diesen geskripteten Dokus ja generell anhaftet.
Ich kann mir vorstellen, dass junge Frauen, die das sehen, um zu sehen, wie es geht, dem doppelten Schauer des blanken Neides und zugleich der Häme ausgesetzt sind: So bescheuert wie die will ich nicht sein, was am Ende natürlich eine noch viel bescheuertere Haltung ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man hier zu einer zweiten Naivität gelangen kann, der Stachel bleibt.
Ich verhehle nicht, dass ich in den langen Jahren meines Pfarramtes immer wieder Trauungen erlebt habe, wo mich genau dieses Gefühl beschlichen hat. Ich habe oft in den Vorgesprächen - natürlich vorsichtig, einfühlsam und argumentativ - versucht, das ein oder andere etwas niedriger zu hängen. Vor allem dieses seltsame Ritual dass der Brautvater die Braut zum Altar führt - das mag in Ländern meinetwegen noch gehen, wo die Braut wirklich eine Braut ist, weil die kirchliche Trauung dort zugleich die rechtliche ist.
Aber wenn sie vor uns stehen, sind sie schon verheiratet! Was ist das dann für ein Signal, wenn der Bräutigam wie einst bei den Römern die Gattin aus der Hand des Vaters empfängt (e manu cipere: Emanzipation!)? Das kann ich kaum ertragen. Was für ein Traum wird da geträumt? Hallo? Aufwachen, 21. Jahrhundert! Und andersherum: Was bedeutet es für die Erwartungen an das zentrale Ritual? Verbirgt sich dahinter, und das wäre ja doch mal spannend zu wissen, die Vorstellung, dass die "kirchliche Trauung" (die es ja strengenommen im Protestantismus gar nicht gibt) die "richtige" ist? Das fatale daran wäre, dass der schiere juristische Vertragscharakter, also die gesellschaftliche Verankerung der Trauung, in ihrer Bedeutung nicht wahrgenommen wird. Viel Spaß dann noch!
Wenn die alte Regel gilt, dass ein Ritual um so aufgeblasener ist, je weniger es bedeutet, dann wird hier ein Bild von Ehe, Heirat und Partnerschaft vermittelt, dass einem schon Sorge machen kann.
Mal ganz abgesehen davon, dass so manches, was man da zu hören und zu sehen bekommt, aus professioneller Sicht allenfalls zweitklassig ist.
Ich habe damit übrigens auch schon zu tun gehabt. Gelegentlich sind ja auch kirchliche Trauungen dabei, und dafür gibt es einen Vertrag, und da muss die Rechtsabteilung ran. Immerhin: hier waltet die Zurückhaltung, die Event-Herrschaft der Kirchengemeinde und der Amtsgeschwister wird schon gewahrt. Aber dennoch: Ich würde jedes Brautpaar davor warnen, sich darauf einzulassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Fake nicht doch eine Spätwirkung erzeugt, eine Art Post-Event-Störung. Denn über den Schnitt und die Stimme aus dem Off haben die Beteiligten keine Herrschaft - und das ist oft jenseits der Grenze. Denn was hier vollständig verloren geht, ist das, was für mich eigentlich gerade bei der Ehe und der Trauung im Vordergrund steht: Intimität. Hier ist man für 15 Minuten berühmt und dem Preis eines lebenslangen Schadens. Zumindest die Potenz hat es, und ich denke, ich werde darauf künftig noch stärker achten.
Es lohnt sich, Trashfernsehen zu gucken: ich finde, dass kann man in unserem Beruf getrost auf die Arbeitszeit anrechnen. Die Ehen, die uns da gezeigt werden, haben mit dem, was in unseren Agenden steht, wenig zu tun. Es ist ein Balanceakt wie bei kaum einer anderen Kasualie. Wir sollten das ernst nehmen. Denn alle Kasualien sind für die Teilnehmer klassische "once in my life" Erlebnisse. Es hat keinen Sinn, diese Entwicklung zu "bashen" und sich mit pastoralem Hochmut darüber hinwegzusetzen oder mit noch schlimmerem pastoralen Zynismus dem Affen auch noch Zucker zu geben. Aber wir haben die einmalige Chance, in den 40 Minuten einen Akzent zu setzen, der offensichtlich immer mehr aus dem Blick gerät: Der Segen - der genau dann wichtig wird, wenn es ins Ungewisse geht. Der schmale Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Comedy, der ohnehin jedem Ritual anhaftet, ist bei der Trauung noch schmaler geworden.
Oder werde ich langsam alt und grantig?
Na, ich bin nicht allein auf der Welt, Eben hat Wallulis über geskriptete Soaps geätzt. Aber er macht es sich zu einfach. Die Menschen, die dargestellt werden, mögen schlicht sein. Die Macher sind es nicht.
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