Sonntag, 30. August 2015
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.....des Büchermachens ist doch ein Ende.
Samstag, 29. August 2015
Der Elfeinbeinturm als Rettungsinsel
Nun bin ich seit ziemlich genau 14 Tagen im Urlaub. Und wie fast immer, halte ich mich in dieser Zeit im Internet sehr zurück. Ich lese nur, schreibe kaum, wenn, dann höchsten ein paar persönliche Anmerkungen oder Rückmeldungen. Nun bin ich ja vor einigen Wochen wieder bei Twitter eingestiegen, habe wieder einige Newsletter abonniert, lese Blogs usw. usw. Und ich merke, wie es mich verbittert, was ich da lese. Zu tief ist der Einblick in die Abgründe - oder besser gesagt: Wüsteneien - der menschlichen Seele, oder wie immer man das nennen soll, was uns angeblich von mir Tieren, Pflanzen und Mineralien unterscheidet. Gerade die sog. "Flüchtlingsproblematik" hat eine Myriadenfülle von Buchstaben ins Universum gesendet - und mir fast eine handfeste Depression beschert. Wichtige Anmerkung: ich stamme aus einer "Flüchtlingsfamilie". Ich kenne die Geschichten von Diffamierung, Misstrauen und Ausgrenzung, die damals sogar "Deutsche" von "Deutschen" erfahren mussten. Ich bin bei dem Thema nicht unbetroffen naiv. Was die die Situation damals freilich von der heutigen unterscheidet: es ging allen gleich schlecht. Ich denke, die hohe soziale Ungleichheit auf insgesamt mit damals verglichen hohem Niveau macht es uns im Moment so schwer. Uns fehlt die Fantasie für das Elend.
Doch zurück zum Gedanken:
Werden wir jemals im öffentlichen Diskurs zu jener mittleren Temperatur zurückkehren, die einmal ein Markenzeichen für deutsche Politik und Öffentlichkeit war? Wer das jetzt als Gartenzwergsehnsucht und apolitisches Gelehrtentum meint verstehen zu müssen, braucht nicht mehr weiterzulesen.
Aber auch wer meint, dass damit den "bestehenden Verhältnissen" das Wort geredet werden, liegt falsch.
Doch wie soll es in einem derart aufgeheizten Klima allgemeinen Bescheidwissertums, in dem vor allem die Ahnungslosigkeit das Wort führt, je zu verantwortbaren Entscheidungen kommen? Die Zeit drängt, weil es um Menschen geht, aber Hatz ist nicht angesagt.
Aber auch bei vielen anderen Themen ertrage ich es nicht mehr, was ich da lese: Betroffenheit vor Besonnenheit, moralische Selbstrechtfertigung von Zuhören, Schwarz-Weiß vor Differenziertheit - es kann einem als aufrechtem Demokraten Angst und Bange werden um die Beteiligungskultur, die dabei ist, zu einer Geschrei-, Geheul- und Gejammerkultur zu werden. Das meine ich politisch völlig neutral (bzw. ich gebe mich hier "politisch", was ja neuerdings immer parteipolitisch heißt, nicht zu erkennen). Es ist auch egal bei welchem Thema und welcher Ebene: Es herrscht ein Ton der Aufgeregtheit, der früher einmal als sehr unfein galt. Am meisten beunruhigt mich die starke Personalisierung von Debatten, die oft genug schon einen Beigeschmack von "an die Laterne" hat.
Das ist oft schlimmste Sündenbockmentalität.
Nicht jeder, der vor Flüchtlingsunterkünften steht und demonstriert, ist Rassist. Er ist xenophob. Nicht jeder, der Rassist ist, ist auch automatisch Xenophob. Und nicht jeder, der Xenophob ist, ist automatisch ein Dummbatze. Und nicht jeder Dummbatze ist automatisch Xenophob. Xenophobie sitzt tief in uns drin, wie Rassismus auch. Es gilt, die eigene Xenophobie und den eigenen Rassismus wahrzunehmen und sich mit ihm auseinanderzusetzen, damit die Energie nicht anderswo - etwa im Aufstellen von anderen Feindbildern - sich ungefiltert Raum bricht. Das ist die alte Tugend der Besonnenheit, die immer auch mit sich selber rechnet. Besonnenheit ist ein elementares Bildungsziel, denn ohne Besonnenheit ist Gerechtigkeit nicht möglich. Gerechtigkeit ist gerade kein Gefühl, sondern ein Kalkül. Das heißt: Nicht jeder, der sich jetzt auf der Seite des "Guten" positioniert, muss lautere Motive haben, es ist immer auch mit vielerlei Geltungssüchten zu rechnen. Das ist die bittere und unbequeme Kehrseite des Gedankens.
Das bedeutet: es kommt doch darauf an, zu verstehen, was Menschen dazu treibt, abscheuliche Dinge zu tun. Verstehen aber - und das scheint mir ein weit verbreitetes Missverständnis zu sein - heißt noch lange nicht, das Verstandene zu billigen. Gerade wenn ich verstanden habe, warum ein Mensch aggressiv wird, kann ich erst etwas gegen seine Aggression unternehmen - im äußersten Falle auch mit Gegenaggression, obwohl das erfahrungsgemäß nur eine momentane Abhilfe schafft. Wenn einer kein Rassist ist, sondern "nur" xenophob: dann hat es wenig Zweck, ihn als Rassisten zu beschimpfen. Schlimmstenfalls wird er oder sie dadurch erst zu einem. Das ist auch eine Art Tribalisierung, die zu nichts Gutem führt.
Es ist ja keineswegs so, dass die radikalen Kräfte, die jetzt öffentlich werden, nie da waren. Sie hatten nur kein Forum. Es gab einmal eine Kultur der Einhegung radikaler Kräfte, die sie bändigte. Die geht gerade dahin, wenn ich recht sehe. Und das hängt schon mit der ungeregelten, ungezügelten Öffentlichkeit des Internets zusammen. Fragt mich nicht, wie man das ändern kann, sicherlich nicht mit Zensur. Aber mit so etwa wie entwaffnender Sanftmut (dem Gegenteil von Gewalt!) und entschiedenem Auftreten. Das hat sich auf Dauer immer als stärker erwiesen. Es geht um die Bekämpfung von Angst.
Und nicht jede Politikerin, die sich ungeschickt äußert, ist auch zugleich eine ungeschickte Akteurin. Und nicht jede Politikerin, die auf dem öffentlichen Klavier zu spielen versteht, muss auch eine gute Akteurin sein. Es beunruhigt mich, dass nur noch in Statements geredet wird. Das ist billig, und schlimmstenfalls sogar wohlfeil. Eine halbwegs funktionierenden Gesellschaft wird nicht aus Schurken und Helden bestehen, sondern aus unterschiedlich stark interessierten, unterschiedlich stark engagierten, unterschiedlich stark talentierten Menschen. Der Held von heute kann leicht der Lügner von morgen sein, die Mahnerin von heute die Heldin von morgen. Entscheidend ist doch, dass etwas geschieht, und es ist oft und gerade in Hochstressituationen wie der momentan ganz überraschend, welche Lösungen funktionieren und welche nicht (oft genug sind es die, im im ersten Moment richtig gut aussehen, die einer längeren Zeit nicht standhalten). Die Würde des Menschen besteht zu nicht geringem Teil in seiner Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten, innezuhalten und Situationen zu analysieren und zu bewerten. Und nicht jede Einsicht ist nur in Hauptsätzen zu formulieren. Gelegentlich braucht es doch eines Nebensatzes, um einen Sachverhalt angemessen zu beschreiben. Aber Nebensätze haben es im Moment wirklich schwer.
Das einzige Mittel heißt Reden, das ist der Kern demokratischer Politik. Reden braucht Zeit. Und Raum. Und so etwas wie einen Hintergrund der Stille.
Nicht jeder, der tiefe Betroffenheit artikuliert, muss ein empathischer Mensch sein, und nicht jeder, der nicht in der Lage ist, Gefühle zu äußern, schon ein gefühlloser Klotz. Nicht jeder, der keine Meinung äußert, muss deswegen auch keine haben, und nicht jeder, der eine Meinung äußert, muss deshalb schon eine haben. Demokratie lebt von der mittleren Temperatur, lebt vom Kompromiss, lebt von Toleranz (die gerade beim Ertragenkönnen des Unerträglichen auf die Probe gestellt wird) und auch von Delegation!
Nicht jeder, der hierher kommt, tut es aus "lauteren Motiven" (und was sollen das für welche sein - selbst ein ausgemachter Gauner will erst einmal überleben), und nicht jeder, der aus "unlauteren" Motiven hierher kommt, muss deshalb auch schon künftig unlauter handeln. Wer hierher kommt, tut es, weil er es dort, wo er herkommt, nicht mehr aushält. Das ist ein starkes Motiv, das es ernstzunehmen gilt, und die Frage ist doch nicht, warum er dort weggegangen ist, sondern warum er hierher kommt und was er hier erwartet. Da liegt noch eine unentschärfte Bombe auf dem Grund des Themas, über das erstaunlich wenig geredet wird.
Werden wir hier am Ende von unserem eigenen Selbstbild als Supergesellschaft eingeholt, das geeignet ist, illusionäre Erwartungen zu wecken?
Die Täter-Opfer-Differenz funktioniert in derart komplexen Situation nicht (das heißt: sie funktioniert eigentlich nie - das sollte eine Grundeinsicht protestantischer, wenn nicht sogar christlicher Theologie sein - aber das ist ein anderes Thema, das einer differenzierteren Behandlung würdig ist). Und das gilt für fast alle Themen, die im Moment "oben" liegen (Stromtrassen, assistierter Suizid, Energiewende etc). Es ist eine Grundübung verantwortlichen Denkens, alles, was man über andere sagt, zuerst auf sich selbst anzuwenden - das ist fast schon ein Wahrheitskriterium, zumindest ein Wahrhaftigkeitskriterium.
Das Internet zeigt sich im Moment als eine kollektive Erregungsmaschine, die der politischen Kultur wenig zuträglich ist. Die Standards kultivierten Meinungsaustausches, eingehegt in demokratische Rituale, die aggressionshemmend wirken, gehen gerade etwas verloren. Ich weiß nicht, wie man sie zurückgewinnen kann. Ich weiß nur, dass mich all das, was ich gerade so lese, regelrecht von innern heraus vergiftet und ein odium humanis generis (einen Hass auf das Menschengeschlecht) in mir erzeugt, von dem mir schwindelig wird. Das empfinde ich als ziemlich bedrohlich.
Als Theologe, als Christ, rechne ich doch damit, dass der Mensch ein zutiefst beschädigtes Wesen ist (was klassisch mit dem Begriff "Sünde" beschrieben wurde). Nichts Böses kann mich überraschen, alles Gute kann mich zutiefst erfreuen. Sünde meint den Verlust von Wahrnehmungs- und Handlungssicherheit, der verbunden ist und erzeugt wird gerade durch das, was uns als Menschen auszeichnet: Bewusstsein, zum dem auch das Wissen um den Tod - und also die Kostbarkeit des Lebens - gehört. Wir können Gut und Böse unterscheiden, wir können uns nur leider der Unterscheidung nicht sicher sein, und noch weniger können wir direkt aus dem heraus, was wir meinen erkannt zu haben, auch handeln, und selbst wenn, kann das immer noch falsch sein. Mit anderen Worten: Rassismus, Xenophobie, Homophobie, ja jede Form von "Phobie", aber auch Leichtfertigkeit in Wort und Tat, Ignoranz und Intoleranz sind nicht selber Sünde, sondern ihre Wirkungen. Klassisch wurde das im Katalog der sieben "Todsünden" beschrieben, wobei das Wort "Todsünde" ein krasses Missverständnis ist. Es wäre besser von den sieben Wirkungen der Sünde zu sprechen. Karl Barth hat sie auf drei reduziert, ich finde das nach wie vor sehr tauglich: Trägheit, Hochmut, Lüge. Sie liegen auf dem Boden der beschädigten Humanität (ob man das nun mythologisch oder psychologisch versteht, ist fast egal. Ihre Wurzel heißt Angst. Dazu gehört übrigens auch die Angst, das Gute zu verfehlen und, vor welcher Instanz auch immer, verworfen zu werden - ein Motiv, da hinter vielen sogenannten guten Taten steht.).
Daher muss man vorsichtig sein, sie einfach zu diffamieren. Man muss sie in ihrer perversen Menschlichkeit ernst nehmen, als das, was sie sind: Ausdruck unserer tiefen Verunsicherung. Gegen die Sünde aber hilft nicht Gerechtigkeit und auch nicht Strafe, sondern Gnade.
Gnade, die Menschen gerade darin ernst nimmt, dass sie nicht völlig ernst zu nehmen sind, selbst dann, wenn sie meinen, Gutes zu tun und allemal, wenn sie Böses tun (am Ende verschwimmen diese dualen Kategorien wie die Täter-Opfer Dualität. Sie sind Denkfallen).
So wie die "Phobien" nicht selber die Sünde sind, sondern ihre Wirkung, so ist Gerechtigkeit noch nicht selber Gnade (sie kann sogar extrem ungnädig sein), sondern erst dann, wenn sie mit Barmherzigkeit verbunden wird. Darauf will Jesus mit seinen Gleichnissen letztlich hinaus: den Menschen mit gnädigen Augen ansehen. Und das heißt: Besonnen. Nicht einmal die Pharisäer werden diffamiert, sondern argumentativ in Bewegung gebracht, gelegentlich sehr scharf. Vergebung meint nicht: alles halb so schlimm, sondern: Es ist schlimm, lasst uns bessere Wege finden. Die Situation der fliehenden Menschen ist eine kollektive Herausforderung, sie ist auch eine Überforderung. Lasst uns reden. Und wenn Reden nicht geht: dann müssen die, die schon so zerstört sind, dass sie nicht reden können oder wollen, eingehegt werden, aber nicht diffamiert, bloßgestellt oder blamiert. Das schafft nur neuen Unfrieden. Gegen Grölen hilft nicht Nölen, sondern unbeirrt den Weg des Machbaren gehen. Um das Gute muss immer geworben werden, es versteht sich nicht von selbst, von selbst verstehen sich immer Gewalt und Ausgrenzung. Und die Schwachen müssen geschützt werden: die einen vor sich selber, die anderen vor den anderen. Das wäre eine politische Kultur, die dem Evangelium angemessen ist. Davon sehe ich im Moment sehr wenig, ich sehe aber viel Polarisierung, Vereinfachung und in der Folge schlichte Polemik. Das ist für einen demokratischen Staat tödlich.
Das ist ein komplizierter Gedanke. Das Evangelium mutet uns zu, niemals den einfachen Weg zu gehen, sondern Komplexität zu ertragen und auszuhalten. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn gibt es nicht nur den glücklichen Heimkehrer, es gibt auch den zutiefst von der Gnade verletzten älteren Bruder. Hat er Unrecht? Er wird auch eingeladen. Im Alten Testament wird vor Fremdenfeindlichkeit gewarnt - es stehen aber auch unerträglich feindselige Sätze darin. Es taugt nicht als Quelle des Rechtes, weder so noch so. Das Kriterium des Guten ist die Barmherzigkeit, nicht der Wortlaut irgendeines religiösen Gesetzes, das aus dem Zusammenhang gerissen wird (gilt auch für Sexualität und den Umgang mit Schöpfungsgaben usw.). Geschrei aber ist niemals barmherzig. Am Ende aller Komplexität stehen ganz einfache Handlungen; Hungrigen zu essen geben, Durstige tränken, Nackte kleiden (Mt. 25). Das muss organisiert werden.
Da könnten kirchliche Verlautbarungen sehr viel einfacher und klarer sein: denn die Werke der Barmherzigkeit gelten allen Menschen, voraussetzungslos. Darin ist die Gnade gerecht; in ihrer Voraussetzungslosigkeit. Und darin ist sie auch radikal. Und offensichtlich unzeitgemäß.
Mit anderen Worten: Ich halte mich von dem vorerst fern. Der Elfenbeinturm ist gerade meine Rettungsinsel. Ich muss in einem lärmfreien Raum nachdenken. Das Allerschwerste ist ja bekanntlich, den Weg zu etwas Einfachem zu finden. Noch habe ich ja Urlaub, den ich mir offensichtlich in noch einem viel existentielleren Sinne nehmen muss, als bisher gedacht. Mein Geist ist erschöpft.
Das Gebet hat sich da sehr bewährt. Und die Stille. Und das Schweigen (das man nicht mit Verstummen verwechseln sollte). Mein Konfirmationsspruch hat mich da sehr geprägt: Ich lebe, und ihr sollt auch leben Joh 14,19. Ich weiß im Moment nur nicht, was er konkret bedeutet, außer, dass wir das einfach Menschliche tun müssen: anderen das Leben gönnen.
Ich bin, ehrlich gesagt, gegenüber Menschen, die nicht gönnen können, noch ratloser als gegenüber Menschen, die Komplexität verweigern. Mit beiden haben wir es, wenn ich es recht sehe, im Moment zu tun. Im reichsten Land der Welt macht sich eine merkwürdige geistige, wahrscheinlich sogar geistliche Armut breit. Das bekümmert mich sehr.
Sonntag, 2. August 2015
Vier Hochzeit und eine Traumreise
Nachdem ich auf Twitter heute Nachmittag - meiner Lieblingsbeschäftigung Extremcouching&Trashfernsehen nachgehend - ziemlich rumgepestet habe, jetzt doch noch ein paar zusammenhängende Gedanken.
Das Format ist eine von diesen typischen, in ihrem Fake-Charakter schwer zu durchschauenden "Dokus" vom Typ "Bewertungsshow," ein Casting-Show-Klon. http://www.vox.de/cms/sendungen/4-hochzeiten-und-traumreise.html
Vier Frauen (die Männer kommen faktisch kaum vor) bewerten gegenseitig ihre Hochzeitsvorbereitungen sowie die Durchführung, kommentiert von einem professionellen Wedding-Planer namens "Froonk", der trotz des bescheuerten Namens ganz vernünftig (innerhalb des Bezugsrahmens!) argumentiert. Im Wesentlichen sieht man immer, worum es geht, also Kleiderkaufen, Location aussuchen, Essen zusammenstellen etc. Das ganze unter dem "Der wichtigste Tag in meinem Leben" -Hype-Optimierungsdruck. Die vier Frauen bewerten sich dann gegenseitig, und zwar mit Kommentaren, bei denen ich mir sicher bin, dass sie in zwanzig Jahren auf der Stelle sterben wollen, wenn sie sie wieder sehen. Oder ihre Kinder.
Der Aufwand ist gigantisch, der Stress atemberaubend. Selbst wenn es fast vollständig geskriptet sein sollte - man bekommt als Geistlicher doch einen tiefen Einblick in das, was sich so um die 40 Minuten herum, die wir dabei (wenn überhaupt) eine Rolle spielen, abspielt. Daher finde ich: Pflichtfernsehen für alle, die den schwarzen Kittel tragen. Es trägt zur Ernüchterung einerseits, zu einer tiefen Einsicht andererseits bei: Ich fürchte, das, was wir da tun, wird sehr anders wahrgenommen, als wir es wahrnehmen. Gerade wenn es geskriptet ist, ist es ja stilisiert, und gute Stilisierungen sind ja oft wahrer als die Realität. Es ist sehr interessant, zu hören, was bei einer Hochzeit eine Rolle spielt - es sind vor allem die "Emotionen", die sich als "romantisch", "rührend", "cool" oder irgendwie sensationell anfühlen müssen. Inhalte spielen faktisch keine Rolle, der Rahmen ist der Sinn (im Grunde radikale Postmoderne). Wenn man jetzt davon ausgeht, dass die Inszenierung etwas über Hoffnungen, Wünsche und Perspektiven ausdrückt, dann ist es kein Wunder, dass so viele Ehen auseinandergehen. Das kann nicht funktionieren: Wenn die Farbe eines Rettungsbootes wichtiger ist als seine Funktion.....
Was mich aber vor allem bewegt: was das für ein Geld und eine Energie kostet. Was wird hier ein Bild von Gelingen kommuniziert?
Das wirklich Fatale daran ist, dass die Sendung untergründig genau das vorführt. Es ist also eine Art Meta-Schadenfreude im Spiel, die jedenfalls bei mir heftiges Fremdschämen auslöst. Das hat schon etwas Zynisches, wie es diesen geskripteten Dokus ja generell anhaftet.
Ich kann mir vorstellen, dass junge Frauen, die das sehen, um zu sehen, wie es geht, dem doppelten Schauer des blanken Neides und zugleich der Häme ausgesetzt sind: So bescheuert wie die will ich nicht sein, was am Ende natürlich eine noch viel bescheuertere Haltung ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man hier zu einer zweiten Naivität gelangen kann, der Stachel bleibt.
Ich verhehle nicht, dass ich in den langen Jahren meines Pfarramtes immer wieder Trauungen erlebt habe, wo mich genau dieses Gefühl beschlichen hat. Ich habe oft in den Vorgesprächen - natürlich vorsichtig, einfühlsam und argumentativ - versucht, das ein oder andere etwas niedriger zu hängen. Vor allem dieses seltsame Ritual dass der Brautvater die Braut zum Altar führt - das mag in Ländern meinetwegen noch gehen, wo die Braut wirklich eine Braut ist, weil die kirchliche Trauung dort zugleich die rechtliche ist.
Aber wenn sie vor uns stehen, sind sie schon verheiratet! Was ist das dann für ein Signal, wenn der Bräutigam wie einst bei den Römern die Gattin aus der Hand des Vaters empfängt (e manu cipere: Emanzipation!)? Das kann ich kaum ertragen. Was für ein Traum wird da geträumt? Hallo? Aufwachen, 21. Jahrhundert! Und andersherum: Was bedeutet es für die Erwartungen an das zentrale Ritual? Verbirgt sich dahinter, und das wäre ja doch mal spannend zu wissen, die Vorstellung, dass die "kirchliche Trauung" (die es ja strengenommen im Protestantismus gar nicht gibt) die "richtige" ist? Das fatale daran wäre, dass der schiere juristische Vertragscharakter, also die gesellschaftliche Verankerung der Trauung, in ihrer Bedeutung nicht wahrgenommen wird. Viel Spaß dann noch!
Wenn die alte Regel gilt, dass ein Ritual um so aufgeblasener ist, je weniger es bedeutet, dann wird hier ein Bild von Ehe, Heirat und Partnerschaft vermittelt, dass einem schon Sorge machen kann.
Mal ganz abgesehen davon, dass so manches, was man da zu hören und zu sehen bekommt, aus professioneller Sicht allenfalls zweitklassig ist.
Ich habe damit übrigens auch schon zu tun gehabt. Gelegentlich sind ja auch kirchliche Trauungen dabei, und dafür gibt es einen Vertrag, und da muss die Rechtsabteilung ran. Immerhin: hier waltet die Zurückhaltung, die Event-Herrschaft der Kirchengemeinde und der Amtsgeschwister wird schon gewahrt. Aber dennoch: Ich würde jedes Brautpaar davor warnen, sich darauf einzulassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Fake nicht doch eine Spätwirkung erzeugt, eine Art Post-Event-Störung. Denn über den Schnitt und die Stimme aus dem Off haben die Beteiligten keine Herrschaft - und das ist oft jenseits der Grenze. Denn was hier vollständig verloren geht, ist das, was für mich eigentlich gerade bei der Ehe und der Trauung im Vordergrund steht: Intimität. Hier ist man für 15 Minuten berühmt und dem Preis eines lebenslangen Schadens. Zumindest die Potenz hat es, und ich denke, ich werde darauf künftig noch stärker achten.
Es lohnt sich, Trashfernsehen zu gucken: ich finde, dass kann man in unserem Beruf getrost auf die Arbeitszeit anrechnen. Die Ehen, die uns da gezeigt werden, haben mit dem, was in unseren Agenden steht, wenig zu tun. Es ist ein Balanceakt wie bei kaum einer anderen Kasualie. Wir sollten das ernst nehmen. Denn alle Kasualien sind für die Teilnehmer klassische "once in my life" Erlebnisse. Es hat keinen Sinn, diese Entwicklung zu "bashen" und sich mit pastoralem Hochmut darüber hinwegzusetzen oder mit noch schlimmerem pastoralen Zynismus dem Affen auch noch Zucker zu geben. Aber wir haben die einmalige Chance, in den 40 Minuten einen Akzent zu setzen, der offensichtlich immer mehr aus dem Blick gerät: Der Segen - der genau dann wichtig wird, wenn es ins Ungewisse geht. Der schmale Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Comedy, der ohnehin jedem Ritual anhaftet, ist bei der Trauung noch schmaler geworden.
Oder werde ich langsam alt und grantig?
Das Format ist eine von diesen typischen, in ihrem Fake-Charakter schwer zu durchschauenden "Dokus" vom Typ "Bewertungsshow," ein Casting-Show-Klon. http://www.vox.de/cms/sendungen/4-hochzeiten-und-traumreise.html
Vier Frauen (die Männer kommen faktisch kaum vor) bewerten gegenseitig ihre Hochzeitsvorbereitungen sowie die Durchführung, kommentiert von einem professionellen Wedding-Planer namens "Froonk", der trotz des bescheuerten Namens ganz vernünftig (innerhalb des Bezugsrahmens!) argumentiert. Im Wesentlichen sieht man immer, worum es geht, also Kleiderkaufen, Location aussuchen, Essen zusammenstellen etc. Das ganze unter dem "Der wichtigste Tag in meinem Leben" -Hype-Optimierungsdruck. Die vier Frauen bewerten sich dann gegenseitig, und zwar mit Kommentaren, bei denen ich mir sicher bin, dass sie in zwanzig Jahren auf der Stelle sterben wollen, wenn sie sie wieder sehen. Oder ihre Kinder.
Der Aufwand ist gigantisch, der Stress atemberaubend. Selbst wenn es fast vollständig geskriptet sein sollte - man bekommt als Geistlicher doch einen tiefen Einblick in das, was sich so um die 40 Minuten herum, die wir dabei (wenn überhaupt) eine Rolle spielen, abspielt. Daher finde ich: Pflichtfernsehen für alle, die den schwarzen Kittel tragen. Es trägt zur Ernüchterung einerseits, zu einer tiefen Einsicht andererseits bei: Ich fürchte, das, was wir da tun, wird sehr anders wahrgenommen, als wir es wahrnehmen. Gerade wenn es geskriptet ist, ist es ja stilisiert, und gute Stilisierungen sind ja oft wahrer als die Realität. Es ist sehr interessant, zu hören, was bei einer Hochzeit eine Rolle spielt - es sind vor allem die "Emotionen", die sich als "romantisch", "rührend", "cool" oder irgendwie sensationell anfühlen müssen. Inhalte spielen faktisch keine Rolle, der Rahmen ist der Sinn (im Grunde radikale Postmoderne). Wenn man jetzt davon ausgeht, dass die Inszenierung etwas über Hoffnungen, Wünsche und Perspektiven ausdrückt, dann ist es kein Wunder, dass so viele Ehen auseinandergehen. Das kann nicht funktionieren: Wenn die Farbe eines Rettungsbootes wichtiger ist als seine Funktion.....
Was mich aber vor allem bewegt: was das für ein Geld und eine Energie kostet. Was wird hier ein Bild von Gelingen kommuniziert?
Das wirklich Fatale daran ist, dass die Sendung untergründig genau das vorführt. Es ist also eine Art Meta-Schadenfreude im Spiel, die jedenfalls bei mir heftiges Fremdschämen auslöst. Das hat schon etwas Zynisches, wie es diesen geskripteten Dokus ja generell anhaftet.
Ich kann mir vorstellen, dass junge Frauen, die das sehen, um zu sehen, wie es geht, dem doppelten Schauer des blanken Neides und zugleich der Häme ausgesetzt sind: So bescheuert wie die will ich nicht sein, was am Ende natürlich eine noch viel bescheuertere Haltung ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man hier zu einer zweiten Naivität gelangen kann, der Stachel bleibt.
Ich verhehle nicht, dass ich in den langen Jahren meines Pfarramtes immer wieder Trauungen erlebt habe, wo mich genau dieses Gefühl beschlichen hat. Ich habe oft in den Vorgesprächen - natürlich vorsichtig, einfühlsam und argumentativ - versucht, das ein oder andere etwas niedriger zu hängen. Vor allem dieses seltsame Ritual dass der Brautvater die Braut zum Altar führt - das mag in Ländern meinetwegen noch gehen, wo die Braut wirklich eine Braut ist, weil die kirchliche Trauung dort zugleich die rechtliche ist.
Aber wenn sie vor uns stehen, sind sie schon verheiratet! Was ist das dann für ein Signal, wenn der Bräutigam wie einst bei den Römern die Gattin aus der Hand des Vaters empfängt (e manu cipere: Emanzipation!)? Das kann ich kaum ertragen. Was für ein Traum wird da geträumt? Hallo? Aufwachen, 21. Jahrhundert! Und andersherum: Was bedeutet es für die Erwartungen an das zentrale Ritual? Verbirgt sich dahinter, und das wäre ja doch mal spannend zu wissen, die Vorstellung, dass die "kirchliche Trauung" (die es ja strengenommen im Protestantismus gar nicht gibt) die "richtige" ist? Das fatale daran wäre, dass der schiere juristische Vertragscharakter, also die gesellschaftliche Verankerung der Trauung, in ihrer Bedeutung nicht wahrgenommen wird. Viel Spaß dann noch!
Wenn die alte Regel gilt, dass ein Ritual um so aufgeblasener ist, je weniger es bedeutet, dann wird hier ein Bild von Ehe, Heirat und Partnerschaft vermittelt, dass einem schon Sorge machen kann.
Mal ganz abgesehen davon, dass so manches, was man da zu hören und zu sehen bekommt, aus professioneller Sicht allenfalls zweitklassig ist.
Ich habe damit übrigens auch schon zu tun gehabt. Gelegentlich sind ja auch kirchliche Trauungen dabei, und dafür gibt es einen Vertrag, und da muss die Rechtsabteilung ran. Immerhin: hier waltet die Zurückhaltung, die Event-Herrschaft der Kirchengemeinde und der Amtsgeschwister wird schon gewahrt. Aber dennoch: Ich würde jedes Brautpaar davor warnen, sich darauf einzulassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Fake nicht doch eine Spätwirkung erzeugt, eine Art Post-Event-Störung. Denn über den Schnitt und die Stimme aus dem Off haben die Beteiligten keine Herrschaft - und das ist oft jenseits der Grenze. Denn was hier vollständig verloren geht, ist das, was für mich eigentlich gerade bei der Ehe und der Trauung im Vordergrund steht: Intimität. Hier ist man für 15 Minuten berühmt und dem Preis eines lebenslangen Schadens. Zumindest die Potenz hat es, und ich denke, ich werde darauf künftig noch stärker achten.
Es lohnt sich, Trashfernsehen zu gucken: ich finde, dass kann man in unserem Beruf getrost auf die Arbeitszeit anrechnen. Die Ehen, die uns da gezeigt werden, haben mit dem, was in unseren Agenden steht, wenig zu tun. Es ist ein Balanceakt wie bei kaum einer anderen Kasualie. Wir sollten das ernst nehmen. Denn alle Kasualien sind für die Teilnehmer klassische "once in my life" Erlebnisse. Es hat keinen Sinn, diese Entwicklung zu "bashen" und sich mit pastoralem Hochmut darüber hinwegzusetzen oder mit noch schlimmerem pastoralen Zynismus dem Affen auch noch Zucker zu geben. Aber wir haben die einmalige Chance, in den 40 Minuten einen Akzent zu setzen, der offensichtlich immer mehr aus dem Blick gerät: Der Segen - der genau dann wichtig wird, wenn es ins Ungewisse geht. Der schmale Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Comedy, der ohnehin jedem Ritual anhaftet, ist bei der Trauung noch schmaler geworden.
Oder werde ich langsam alt und grantig?
Freitag, 31. Juli 2015
Ungehaltene Predigt über das Gleichnis von den anvetrauten Zentnern, oder vom Schalksknecht.
Ich sage es einfach mal so: das ist die Predigt, die ich eigentlich am Sonntag halten müsste. Aber das arbeitet noch zu sehr in mir. Darum hier. Aber....
Predigt
Predigt
Mt 25,14-30
Von den anvertrauten Zentnern
14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, [a]jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.
16 Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. 17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. 18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. 20 Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. 21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. 23 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; 25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. 26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? 27 Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. 28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. 29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein
Was sind wir für eine Kirche geworden! Was machen wir mit
den anvertrauten Pfunden, mit den Talenten, die uns Gott gegeben hat? Jeder
Dummkopf versteht doch sofort, dass dieses Gleichnis, das Jesus hier erzählt,
keine Lobrede auf den Kapitalismus und gewissenslose Geschäftemacherei ist. Jeder,
der auch nur einen Funken Verstand hat, wird zutiefst erschrecken und sich
fragen: Bin ich aus so ein Schalksknecht, so ein ängstlicher und feiger Typ,
der das, was ihm anvertraut wurde, vergräbt, anstatt daraus etwas zu machen? Und
nun spricht Jesus doch zu seinen Jüngern, und seine Jünger: das ist doch der
Keim der Kirche, das sind am Ende auch wir, wer sonst. Die, die draussen sind,
brauchen das nicht zu hören. Wir sollen es hören! Macht was aus dem, was Euch
anvertraut ist!
Aber was ist uns denn anvertraut? Dass wir als Kirche diese
Frage schon stellen müssen, ist ein Armutszeugnis ohnegleichen. Was wird im
Moment, wo uns die Felle wegschwimmen, nicht alles angeboten als unser
Alleinstellungsmerkmal, als unser Kapital. Freiheit! Menschlichkeit! Eine
alternative Form des Lebens! Zuwendung! und mein Lieblingsblödwort:
Spiritualität, womit irgendeine fromme Gefühlsduselei gemeint ist, die im
schlimmsten Falle von schierem Aberglauben nicht zu unterscheiden ist. Die
Nächstenliebe! Als ob die nicht auch im Judentum, im Buddhismus und sogar im
Islam auf das dringenste allen anempfohlen wird. Was noch? Ach ja: Dienst für
die Menschen! Bildung, die Kirche ist eine Bildungsanstalt, hier kannst Du was
lernen, und sei es auch irgendwas, also zum Beispiel Tischtennis oder
Ostereierfalten aus Pappmache. Ach ja: Und Kultur können wir anbieten. Bach!
Und natürlich auch moderne Kirchenmusik, wir sind ja für alles offen, auch Pop
und Gospel haben wir im Programm. Wir sind schon tolle Hechte, wir rackern uns
schon ab im Dienst des Herrn. Seltsam nur, dass das niemand interessiert, wie
es scheint. Komisch nur, dass andere Vereine das auch anbieten, und mit viel
mehr Erfolg. Kaum noch jemand singt in der Kirche, aber auf dem Fußballplatz,
da höre ich es alle vierzehn Tage, wie sie singen! Die Hochzeiten, die von
freien Wedding-planern angeboten werden, können sich sehen lassen, da sind wir
gar nicht so gut, wie wir immer denken, und keiner merkt, was diesen
Superevents fehlt, weil wir als Kirche schweigen, vom Segen und der Kraft
Gottes keine Rede ist, sondern vom Glück, von der romantischen Liebe und
anderen vergänglichen Dingen. Irgendwie kommen alle unsere Produkte nicht so
richtig an. 80% der Bevölkerung, so ergab eine Umfrage unter
Kirchenmitgliedern, ist die Kirche eigentlich egal, also sie haben nichts gegen
sie, sie würden auch nicht ohne Not austreten aber irgendwie wichtig ist sie
nicht. Wir handeln offensichtlich mit Dingen, die keiner braucht oder doch nur
eine kleine Gruppe, und wenn man dann fragt, warum macht ihr das, was ist denn
wichtig an der Kirche, dann kommt eben irgendetwas aus der Liste von oben, und
sei es nur eine bisschen Geselligkeit, ach ja, und die Diakonie, als würden wir
einen unmenschlichen Staat leben und nur wir uns um die Armen und Kranken
kümmern. Was ist bloß los? Wir rackern und rackern, aber unser Kapital vermehrt
sich nicht, irgendwie, wir sind aus der Mode, oder kommen doch immer mehr aus
der Mode. Liegt das daran, dass die Menschen immer schlechter werden? Das
glaubt doch nur, wer nicht einen Moment nachdenkt, sondern nur nachquakt, was
schon seit Ewigkeiten gequakt wird, dass die Zeiten immer schlechter werden.
Als ob das je gestimmt hätte.
Könnte es sein, dass wir mit dem falschen Handeln? Dass wir
auf das falsche Kapital setzen, dass wir das wirklich Pfund, das uns anvertraut
wurde, gar nicht recht wahrnehmen? Oder am Ende gar nicht richtig kennen, so
wie er Schalksknecht im Gleichnis, der gar nicht verstanden hat, was er mit dem
machen soll, was ihm anvertraut wurde?
Was ist uns denn anvertraut? Das Wort Gottes ist uns
anvertraut. Jesus Christus ist uns anvertraut. Das ist unser Kapital. Da ist
uns etwas gegeben, das hat nun wirklich kein anderer. Aber wer sagt das noch:
ich bin in der Kirche, weil ich Jesus Christus liebe? Ich bin in der Kirche,
weil das Wort Gottes mich leben, und wenn es denn sein muss, auch in Frieden sterben lässt? Wer
redet noch vom Glauben, der uns anvertraut ist? Darum geht es hier. Um Jesus
Christus, nachdem wir uns Christen nennen. Mit dem sollen wir wuchern. Diesen
Namen sollen wir unter die Leute bringen, denn Jesus Christus ist es, in dem
uns Gott erscheint. Ja, am Ende ist es Gott selber, der sich uns anvertraut und
sich unter uns hören und blicken lässt. Das vermutet manch einer kaum noch in
der Kirche. Gott? Das ist sogar den meisten Christen peinlich geworden.
Vergebung der Sünden? Wenn interessiert das? Oh, dass sollte aber alle interessieren,
denn die Sünde ist kein Spaß und auch nicht banal, auch wenn das Wort
abgegriffen ist, weil damit Schindluder getrieben wurde.
Nennen wir es als Kirche noch beim Namen, was in der Welt
geschieht? Nennen wir es Sünde, wenn Menschen Menschen ausbeuten, verleumden,
bestehlen und erniedrigen, nennen wir es noch Sünde, wenn Menschen die
Schöpfung zerstören und manipulieren, dass einem schlecht werden kann, wenn man
ein wenig darüer nachdenkt? Nennen wir es noch Sünde, wenn das Gastrecht
verletzt wird und Menschen beschämt werden? Machen wir als Kirche den Willen Gottes noch
geltend, der sich eben nicht nur in den 10 Geboten ausspricht, die doch am Ende
banale Selbstverständlichkeiten sind, die man in jeder halbwegs zivilisierten Religion
dieser Welt antreffen können? Jesus redet nicht von den 10 Geboten, und wenn,
dann eher, um zu zeigen, dass sie viel zu wenig sagen. Er spricht doch von der
Feindesleibe, und dass Gott am Ende seinen Mördern nicht nur vergibt, sondern
sie sogar erlöst, das ist Feindesliebe, und die Mörder Gottes sind am Ende wir.
Reden wir noch von der radikalen, bedingungslosen Liebe, die uns Gott erwiesen
hat, als er uns Jesus sandte und für uns sterben ließ? Und machen wir ernst mit
Ihr? Denn das bedeutet doch, dass Menschen Menschen sind, weil sie Menschen
sind. Reden wir noch mit Ernst und Freude davon, dass Gott uns gerade als die
Sünder liebt, als die wir uns selber gar nicht wahrnehmen? Es ist doch ein
ungeheures Wort, das Gott uns da anvertraut hat, das Wort von der radikalen
Liebe, die nicht nach Herkunft, nicht nach Gründen, nicht nach Fähigkeiten und
Vorzügen fragt, sondern einfach sagt: ich liebe dich, weil Du Du bist, mein
Geschöpf, Geschöpf unter Geschöpfen? Wir zanken uns um lächerliche Fragen, pure
Äußerlichkeiten: Dürfen Schwule heiraten? Ja, warum sollen sie es denn nicht
dürfen? Weil irgendwann vor 3000 Jahren mal ein antiker Priester aufgeschrieben
hat, dass das von Gott verbotener Schweinkram ist? Das ist doch alles längst
überholt, und zwar nicht von irgendeinem Zeitgeist, sondern von Jesus Christus
selber, der die Liebe, ausschließlich die Liebe, als das einzige genannt hat,
das zählt und nicht der Buchstabe des Gesetzes, der immer Menschenwerk ist? Wir
streiten uns um lächerliche Fragen, ob Bänke oder Stühle in der Kirche aufgestellt
werden sollen, ob der Gottesdienst um 10.00 Uhr oder um 10.15 Uhr stattfinden
soll: für die 20 Leute, die kommen. Wir zanken uns um Äußerlichkeiten, die heut
wahr sind und morgen überholt und übermorgen wieder modern. Aber wir streiten
nicht für die Liebe, die bedingungslose Liebe, die das einzige Gut ist, das
wächst, wenn man es verschwendet. Wir sind ängstlich geworden, als Kirche, als
Christen, wir trauen der Liebe nicht mehr. Gott wird kaum im Munde geführt,
Jesus ist uns peinlich geworden. An die Stelle eines Glaubens, der schieres
Vertrauen ist, schiere Hingabe an Gott und an das Leben – ich bin der Weg, die
Wahrheit und das Leben – an die Stelle eines Glaubens, der den Menschen Mensch
sein lässt kultivieren wir seltsame Rituale, die kaum noch einer verseht, weil
sie leer sind, plustern uns auf mit einer Wichtigkeit, die uns gar nicht
zusteht und versuchen als Kirche irgendwie wichtig zu sein, faseln etwas von
Religion und Transzendenz. Wisst ihr, was das Wort Inspiration bedeutet? Es
bedeutet Begeisterung, es bedeutet: Sich von Heiligen Geist führen zu lassen,
der uns in der Heiligen Schrift begegnet, in der Bibel. Du wirst Gott im Wald
und inder Wüste, in der Tiefe Deiner Seele und auch im gestirnten Himmel über
dir nicht finden, wenn Du ihn nicht zuerst in der Schrift gefunden hast, in der
er zu uns spricht. Aber auch der Bibel haben wir auch ein Faxenbuch gemacht,
das wir entweder auf Kindergartenniveau
herunterbrechen, als wären wir stammelnde Idioten oder zu einem Gesetzbuch
erklären, dass als eine Art fromme Straßenverkehrsordnung unser Leben regieren
soll mit 3000 Jahre alten Regeln, die schon nicht gestimmt haben, als sie
aufgestellt worden sind. Der Geist macht lebendig, nicht der Buchstabe. Die Bibel
ist uns anvertraut, als das lebendige Wort Gottes, das die Liebe zu allen Geschöpfen,
also auch zu uns selbst in uns wecken will, damit aufhören, hartherzig,
engstirnig und ängstlich zu sein – das ist der Schalksknecht nämlich, das tut
er nämlich: er versteckt das, was ihm anvertraut ist und lässt es in der Erde vergammelt.
So kommen wir in den Gleichnis vor: als ängstliche und kleinkarierte Boten, die
sich nicht trauen, weil sie Gott nichts zutrauen. Das ist am Ende die Botschaft
dieses Gleichnisses: Traut euch was, traut euch was zu, wuchert mit dem Kapital
des Wortes Gottes, das uns gerade nicht unsere Sünden zuspricht, sondern uns
von unseren Sünden freispricht, damit wir eben gerade keine ängstlichen Mucker
und Drückeberger werden, sondern fröhliche Boten eines Gottes, der nichts
anders will, als das wir genau das sind: fröhlich Boten Gottes. Machen wir
ernst damit, dass wir von der Sünde nur als von vergebener Sünde reden könne,
hauen wir uns nicht die Sünde um die Ohren, sondern die Liebe, wuchern wir mit
der Liebe: dann hört man uns zu!
Das Evangelium ist uns anvertraut, das ist unser Schatz,
unser Kapital, unser Geschenk, die große Gabe – und wenn wir damit auf den MarkT
gehen, dann werden wir auch gehört werden, dann werden Menschen angerührt, weil
uns die Liebe nicht nur in Frage stellt, sondern eben auch den Weg weist. Nicht
mit Schaum vor dem Mund wie die fundamentalistischen Hassprediger, die es auch
in unseren Reihen gibt, aber auch nicht
mit geheuchelter Scheißfreundlichkeit, die uns wie fromme oder senile Hippies
aussehen lässt, nicht mit Besserwisserei und frommer Überheblichkeit, die uns
zu kaltherzigen Armleuchtern und Spielverderbern macht, sondern mit fröhlicher
Gelassenheit. Gott hat uns einen Geist gegeben, damit wir freie Menschen sind
und nicht einen Geist der Frucht und der Ängstlichkeit. Fürchte dich nicht, ich
habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! lautet die Botschaft an alle Verzagten
und Ängstlichen, an alle Verbohrten und Verbitterten, an alle Frommen und alle
Unfrommen, an alle Glühenden und alle Lahmgewordenen. Ja, es gibt ein Gericht
Gottes, aber nicht am jüngsten Tage, sondern immer und genau in dem Moment, wo
uns das Wort Gottes trifft, so wie jetzt gerade, hier in diesem Moment, wo wir
die Stimme Jesu hören, die uns in Bewegung bringen will. Ja, es gibt ein
Gericht Gottes, aber das ist kein Gericht, wie wir es kennen: es ist die
Konfrontation mit der Liebe, es ist ein Gericht zum Freispruch!
Wir müssen die Kirche reformieren, wir müssen modern werden,
wir müssen die Leute wieder ansprechen? Ja, in der Tat, aber sicher nicht dadurch,
dass wir uns zu einer weichgespülten Moralanstalt machen, für die die meisten,
und mit Recht, nur ein Lächeln übrig haben oder einfach nur Ärger.
Jesus Christus heißt das Pfund, das uns anvertraut ist, er
macht uns zur Kirche, und nichts sonst und nichts anderes, darauf sollten wir
uns konzentrieren, seinen Namen in die Welt zu rufen, seine Geschichte erzählen,
ihn den Menschen, uns selbst immer wieder vor Augen malen lassen als
Spiegelbild unseres Lebens: angesichts des Todes noch Hoffnung zu haben,
angesichts der Sünde noch an das Gute glauben, angesichts der Dummheit noch auf
die Weisheit vertrauen, das ist unser Kapital, das macht uns interessant, das
hat sonst kein Verein anzubieten. Darum geht es hier. Das ist uns anvertraut:
Gott selber. Um ihn geht es, um nichts sonst. Machen wir ernst damit. Lassen
wir ihn in unser Leben, und es wird eine besseres Leben werden, ein reicheres
Leben, ein Leben, dass eben mehr ist als geboren werden, arbeiten und sterben,
ein Leben, dass nicht vor der Wand der Todes endet, sondern vor dem Horizont
der Ewigkeit gelebt wird, ganz einfach nach dem schlichten Satz, mit dem Jesus
seine Botschaft zusammenfasst und derm ich zum Christen gemacht hat: Ich lebe,
und ihr sollt auch leben!. Darum geht es hier. Wenn wir uns als Kirche fragen,
was ist uns anvertraut, was ist unser Schatz, was ist unser Kapital; dann kann
die Antwort nur lauten: Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift
begegnet, in Gericht und Gnade, in Warnung und Ermutigung, in Zuspruch und
Anspruch. Vergraben wir das, vergraben wir Jesus Christus in der Erde unserer
Angst, reden wir nicht mehr von dem, von dem einzig zu reden unsere Aufgabe
ist: dann brauchen wir uns nicht zu wundern, dass uns keiner mehr zuhört und
wir am Ende selber nicht mehr wissen, wer wir sind. Was würden wir von einem
Fußballer halten, der auf die Frage, was er hier macht antwortet: Weiß ich
nicht so genau, es hat etwas damit zu tun, dass das Stadion gefüllt wird? Aber
so reden wir als Kirche. Erbärmlich.
Dann sind wir in der Tat Schalksknechte, die keiner braucht
und dann haben alle die recht, die sagen: Die Kirche brauchen wir nicht. Wir
müssen uns verändern, das ist keine Frage, wir schleppen viel zu viel Balast
mit uns herum, Müll der Jahrhunderte. Aber das heißt nicht, dass wir noch ein
Gemeinderettungsprogramm auflegen, dass wir noch eine Reform auf den Weg bringen,
dass wir noch mehr anbieten, dass wir uns verbiegen und verkrümmen, tarnen und vestecken,
bis uns keiner mehr erkennt: blos nicht von Gott reden, sonst winken alle ab.
Wenn wir uns des Wortes Gottes, das uns anvertraut ist,
schämen, dann sind wir keine Kirche mehr, sondern ein Religionsverein zur
Pflege frommen Brauchtums, eine Art spirituelle Volkstanzgruppe, die irgendwo
zwischen peinlich und rührend angesiedelt ist.
Wir haben wahrhaftig mehr zu bieten. Wir haben Jesus
Christus. Setzen wir auf dieses Kapital: wir haben die Verheißung, dass es ich
vermehrt, so wie aus den zwei Fischen und den fünf Broten Am Ende Nahrung für
5000 wurde.
Eine ernste Geschichte, die Jesus uns da erzählt, weil es
keine Geschichte über jemand anderen ist, sondern eine Geschichte über uns. Ja,
in der Tat: wir werden als Kirche nur dann eine Bereicherung sein, wenn wir
unseren Reichtum verteilen, und das ist nicht die Kirchensteuer, das ist das
Wort Gottes selber: Christens sind wir, weil uns Christus geschenkt wurde.
Amen.
Halbe Stellen. Eine kleine Ketzerei.
Halbe Stellen: die gibt´s eigentlich gar nicht, man arbeitet ja doch ganz! Ein beliebtes Vorurteil oder Ausdruck der Unfähigkeit, seine Arbeit einzuteilen? Nun gibt es natürlich Berufe - die mit Stechuhr - da ist eine halbe Stelle eine halbe Stelle. Und in der Regel sind die auch entsprechend bezahlt, nämlich schlecht.
Das ist bei den Professionsberufen naturgemäß anders. Man kann zwar vielleicht halbe Arbeitstage organisieren (oder DieMiDo- Blöcke oder was auch immer), aber die innere Auseinandersetzung kann man natürlich nicht abstellen. Das ist ja das Wesen eines Professionsberufes, und wenn jemand darin seine Berufung gefunden hat, ist das auch der Gewinn daran (und ich möchte fast sagen: das Privileg. Ich habe lange genug, fast 10 Jahre lang, in den Ferien in ein Manchester-kapitalistisch geführten Privatbetrieb gearbeitet und weiß, was entfremdete Arbeit bedeutet: man macht es für das Geld). Professioinsberufe haben zumindest in Ansätzen die Möglichkeit, sich in der Arbeit zu entfalten, also wenig Entfremdung zu erfahren. Das gilt sicherlich auch für Handwerksberufe, das kann ich nicht so gut einschätzen, aber da ich aus einer Kleinbauern- und Handwerksfamilie stamme, kann ich es wenigstens für die diesen begrenzten Erfahrungsraum sagen.
Halbe Stellen im Pfarramt: kann es die also geben? Natürlich gibt es die. Aber das "halb" definiert sich anders als in den meisten anderen Berufen. Es definiert sich über Qualität.
Ich war - biographischer Zufall, dann aber irgendwann Programm - immer auf halben Gemeindepfarstellen, die auch welche waren. Zwei Dörfer, ca. 800 Gemeindeglieder. Das heißt: normales Gottesdienstprogramm (14täglich), ca 15 Beerdigung im Jahr, etwas weniger Taufen, 3-5 Trauungen, ein Geburtstagsbesuch pro Woche, kleine Kirchenvorstände, zwei Konfigruppe a 10 Kids, Friedhofsvorsitz (kurhessische Spezialität) und das übliche Sitzungsprogramm diverser Konferenzen (die übrigens nun tatsächlich bei halben Stellen viel größeres Gewicht im Zeitbudget bekommen - hat darüber eigentlich schon mal jemand nachgedacht?)
Ich hatte das immer in Kombination: halber Diakoniepfarrer (damals eher ein Witz, das ist heute anders!), halbe Schulstelle. Und das ging immer gut, auch auf der Stelle, die jetzt noch habe (halbe Gemeinde, halbe Funktionsstelle)
Also rein vom Arbeitsaufkommen war das leistbar, und ich musste auch nicht ständig auf die Uhr schauen bzw. im Kalender jonglieren - in den Kombinationen waren das schon auch die üblichen 50- 60 Stunden-Wochen mit gelegentlichen Spitzen, aber auch mit flaueren Zeiten, wie. z.B. die Ferien.
Doch was diese Stellen wirklich zu halben Stellen machte. Ich hatte Zeit. Die Taktung war weiter, die Arbeitsverdichtung nicht so hoch. Was mich tief befriedigte war, dass ich ZEIT hatte, Dinge gründlich zu tun, Gedanken zu Ende zu denken, Texte auszuarbeiten, Gespräche intensiv zu führen. Ich war nicht getrieben, außer in Spitzenzeiten wie Konfirmationen oder die großen Feiertage, aber die habe ich dann eher erlebt wie sportliche Großereignisse. Weil sie gut vorbereitet waren, war ich in aller Regel auf den Punkt fit, und dann war es eine reine Lust, meine 6 Weihnachtsgottesdienste zu feiern, auch wenn ich hinterher zwei Tage halb ohnmächtig war. Ich erlebe bei Kolleginnen und Kollegen, die ganze Stellen haben, dass das oft nicht mehr so ist: sie kommen schon fix und fertig zum Beginn des Wettkampfes.
Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass das Pfarramt immer mehr von Professionsfremden Tätigkeiten (Bauen, Personalführung, Administration) belastet ist als früher, weil diese Tätigkeiten nicht mehr von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen geleistet werden können (Stichwort: Kastenmeister, KV-Vorsitz, Bauaufsicht. In meinem Albunger Archiv passten die Jahresrechnungen und Bauabrechnungen des gesamten 19. Jahrhunderts in eine Euro-Kiste, und es gab höchsten 4 KV-Sitzungen im Jahr). Heute füllt ein Jahr fast schon einen Regalmeter, und allein sich in die arbeitstrechtlichen Bestimmungen einzuarbeiten, frisst enorm Zeit, und man steht trotzdem immer mit einem Bein im Knast - aber das ist ein anderes Thema).
Halbe Stellen haben Sinn, wenn sie qualitativ verstanden werden. Weil die Arbeit erfüllt. Weil Raum ist für Kreativität und für Rückzug. Raum für das Evangelium.
Das sollte beim Zuschnitt halber Stellen bedacht werden. Es geht nicht nur um Zeit. Es geht um Qualität, also um erfüllte Zeit.
Ich habe eine ganze Stelle erlebt, die deswegen für mich der schiere Horror wurde, weil eben kein Raum dafür war: ich habe in enger Taktung und Verdichtung ein Programm abgearbeitet. Das nahm mir die Luft.
Die halbe Gemeindestelle, die ich jetzt aufgebe, war auch eine halbe Stelle, rein von den Zahlen her und vom Arbeitsaufkommen. Was jetzt nicht funktionierte, war die Kombination zweier ganzer Stellen als Ehepaar: das ging zu Lasten von Familie und Gesundheit, hatte also mit den Stellen als solche nichts zu tun, jedenfalls nicht unmittelbar. Wenn ich jetzt also wieder auf eine halbe Stelle zurückgehe, dann tue ich das, um die Qualität der Arbeit zurückzugewinnen, die Freiheit des Geistes und des Herzens und mein Leben. Das ist mir, nennen wir das Kind ruhig beim Namen, das halbe Gehalt locker wert (und ich bin mir bewusst, dass das ein Privileg ist, das sich nicht jeder leisten kann. Ich bin mir aber auch sicher, dass hier mancher bei gründlichem Nachdenken und Überprüfen seiner Situation zu ähnlichen Schlüssen käme).
Wenn kein Raum für Qualität bleibt, dann wird es schrecklich in einem Beruf, dessen "Erfolg" in Resonanz besteht - Resonanz, die sich dann ergibt, wenn ich mich auf Menschen und Situationen so einstellen kann, dass ich bei Ihnen bin. Resonanz die dann entsteht, wenn nicht Platitüden, Gemeinplätze und hingerotzte 2/3 Gedanken abgespult werden. Es gibt, gerade im Protestantischen Milieu, immer noch eine Ethos der Hingabe, und das ist erst einmal nicht Schlechtes, sondern sogar ein echtes Qualtitätsmerkmal. Es ist kein Job. Es wird aber dann zu eine Gefahr, wenn daraus ein Ethos des "last man standing" wird, durchziehen, aushalten um jeden Preis, nichts aufgeben, nichts ändern. Das ist der Motor der Arbeitsverdichtung, die wir gerade auch im Pfarramt erleben (wieder gilt: Nicht alle, nicht jeder, nicht alle auf die gleiche Weise). Wir verdichten die Arbeit auf Kosten der Qualität.
Aber genau die ist unser Pfund. Dafür haben wir eine akademische und eine im Vergleich mit anderen Ausbildungen in Professionsberufen doch recht anspruchsvolle und weit gefächerte zweite Ausbildungsphase. Wir sind Generalisten, aber das heißt eben gerade nicht: Spezialisten für alles.
Halbe Stellen: sie sind eine Möglichkeit. Aber das "halb" muss qualitativ gefüllt sein. Eine reine Arbeitszeitdiskussion führt hier in die Irre.
Ich freue mich darauf, jetzt für eine Zeit wieder auf einer halben Stellen zu sein und in die Tiefe zu gehen. Auch wenn ich am Ende vielleicht doch 50 Stunden arbeite. Aber es ist eine andere Arbeit.
Und es ist meine Entscheidung. Ich diene mit ganzer Kraft halb. Das ist - qualitativ - unendlich viel besser, als mit halber Kraft ganz.
Das sollte in den anstehenden Diskussionen um die Neuaufstellung der pfarramtlichen Arbeit angesichts sinkender Bewerberzahlen und kleiner werdender Gemeinden bedacht werden. Nicht noch eine Schippe drauf, sondern reduce to the max. Das erfordert auch eine Form der Askese: Die pastoralen Allmachtsphantasien der Allzuständigkeit sind schwer abzulegen, man kann damit den spürbaren Bedeutungsverlust des Pfarramtes in der öffentlichen Wahrnehmung wunderbar wegdrücken. Das ist wie eine Sucht, man kann sich damit auch betäuben: Wer unablässig schafft, braucht sich Sinnfragen nicht zu stellen, sondern kann mit seinem Kalender angeben. Da hat sich im Protestantismus unter dem Deckmantel des Engagements ein Klerikalismus eingeschlichen, der uns krank macht. Ich glaube nicht, dass es ein guter Spruch auf dem Grabstein eines Pfarrers oder einer Pfarrerin ist, wenn darauf steht: er hat sich totgearbeitet für das Reich Gottes. Gesuchtes Martyrium ist zutiefst unchristlich: Der scheinbar schmale Weg ist hier der breite. Highway to hell. .
Das ist bei den Professionsberufen naturgemäß anders. Man kann zwar vielleicht halbe Arbeitstage organisieren (oder DieMiDo- Blöcke oder was auch immer), aber die innere Auseinandersetzung kann man natürlich nicht abstellen. Das ist ja das Wesen eines Professionsberufes, und wenn jemand darin seine Berufung gefunden hat, ist das auch der Gewinn daran (und ich möchte fast sagen: das Privileg. Ich habe lange genug, fast 10 Jahre lang, in den Ferien in ein Manchester-kapitalistisch geführten Privatbetrieb gearbeitet und weiß, was entfremdete Arbeit bedeutet: man macht es für das Geld). Professioinsberufe haben zumindest in Ansätzen die Möglichkeit, sich in der Arbeit zu entfalten, also wenig Entfremdung zu erfahren. Das gilt sicherlich auch für Handwerksberufe, das kann ich nicht so gut einschätzen, aber da ich aus einer Kleinbauern- und Handwerksfamilie stamme, kann ich es wenigstens für die diesen begrenzten Erfahrungsraum sagen.
Halbe Stellen im Pfarramt: kann es die also geben? Natürlich gibt es die. Aber das "halb" definiert sich anders als in den meisten anderen Berufen. Es definiert sich über Qualität.
Ich war - biographischer Zufall, dann aber irgendwann Programm - immer auf halben Gemeindepfarstellen, die auch welche waren. Zwei Dörfer, ca. 800 Gemeindeglieder. Das heißt: normales Gottesdienstprogramm (14täglich), ca 15 Beerdigung im Jahr, etwas weniger Taufen, 3-5 Trauungen, ein Geburtstagsbesuch pro Woche, kleine Kirchenvorstände, zwei Konfigruppe a 10 Kids, Friedhofsvorsitz (kurhessische Spezialität) und das übliche Sitzungsprogramm diverser Konferenzen (die übrigens nun tatsächlich bei halben Stellen viel größeres Gewicht im Zeitbudget bekommen - hat darüber eigentlich schon mal jemand nachgedacht?)
Ich hatte das immer in Kombination: halber Diakoniepfarrer (damals eher ein Witz, das ist heute anders!), halbe Schulstelle. Und das ging immer gut, auch auf der Stelle, die jetzt noch habe (halbe Gemeinde, halbe Funktionsstelle)
Also rein vom Arbeitsaufkommen war das leistbar, und ich musste auch nicht ständig auf die Uhr schauen bzw. im Kalender jonglieren - in den Kombinationen waren das schon auch die üblichen 50- 60 Stunden-Wochen mit gelegentlichen Spitzen, aber auch mit flaueren Zeiten, wie. z.B. die Ferien.
Doch was diese Stellen wirklich zu halben Stellen machte. Ich hatte Zeit. Die Taktung war weiter, die Arbeitsverdichtung nicht so hoch. Was mich tief befriedigte war, dass ich ZEIT hatte, Dinge gründlich zu tun, Gedanken zu Ende zu denken, Texte auszuarbeiten, Gespräche intensiv zu führen. Ich war nicht getrieben, außer in Spitzenzeiten wie Konfirmationen oder die großen Feiertage, aber die habe ich dann eher erlebt wie sportliche Großereignisse. Weil sie gut vorbereitet waren, war ich in aller Regel auf den Punkt fit, und dann war es eine reine Lust, meine 6 Weihnachtsgottesdienste zu feiern, auch wenn ich hinterher zwei Tage halb ohnmächtig war. Ich erlebe bei Kolleginnen und Kollegen, die ganze Stellen haben, dass das oft nicht mehr so ist: sie kommen schon fix und fertig zum Beginn des Wettkampfes.
Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass das Pfarramt immer mehr von Professionsfremden Tätigkeiten (Bauen, Personalführung, Administration) belastet ist als früher, weil diese Tätigkeiten nicht mehr von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen geleistet werden können (Stichwort: Kastenmeister, KV-Vorsitz, Bauaufsicht. In meinem Albunger Archiv passten die Jahresrechnungen und Bauabrechnungen des gesamten 19. Jahrhunderts in eine Euro-Kiste, und es gab höchsten 4 KV-Sitzungen im Jahr). Heute füllt ein Jahr fast schon einen Regalmeter, und allein sich in die arbeitstrechtlichen Bestimmungen einzuarbeiten, frisst enorm Zeit, und man steht trotzdem immer mit einem Bein im Knast - aber das ist ein anderes Thema).
Halbe Stellen haben Sinn, wenn sie qualitativ verstanden werden. Weil die Arbeit erfüllt. Weil Raum ist für Kreativität und für Rückzug. Raum für das Evangelium.
Das sollte beim Zuschnitt halber Stellen bedacht werden. Es geht nicht nur um Zeit. Es geht um Qualität, also um erfüllte Zeit.
Ich habe eine ganze Stelle erlebt, die deswegen für mich der schiere Horror wurde, weil eben kein Raum dafür war: ich habe in enger Taktung und Verdichtung ein Programm abgearbeitet. Das nahm mir die Luft.
Die halbe Gemeindestelle, die ich jetzt aufgebe, war auch eine halbe Stelle, rein von den Zahlen her und vom Arbeitsaufkommen. Was jetzt nicht funktionierte, war die Kombination zweier ganzer Stellen als Ehepaar: das ging zu Lasten von Familie und Gesundheit, hatte also mit den Stellen als solche nichts zu tun, jedenfalls nicht unmittelbar. Wenn ich jetzt also wieder auf eine halbe Stelle zurückgehe, dann tue ich das, um die Qualität der Arbeit zurückzugewinnen, die Freiheit des Geistes und des Herzens und mein Leben. Das ist mir, nennen wir das Kind ruhig beim Namen, das halbe Gehalt locker wert (und ich bin mir bewusst, dass das ein Privileg ist, das sich nicht jeder leisten kann. Ich bin mir aber auch sicher, dass hier mancher bei gründlichem Nachdenken und Überprüfen seiner Situation zu ähnlichen Schlüssen käme).
Wenn kein Raum für Qualität bleibt, dann wird es schrecklich in einem Beruf, dessen "Erfolg" in Resonanz besteht - Resonanz, die sich dann ergibt, wenn ich mich auf Menschen und Situationen so einstellen kann, dass ich bei Ihnen bin. Resonanz die dann entsteht, wenn nicht Platitüden, Gemeinplätze und hingerotzte 2/3 Gedanken abgespult werden. Es gibt, gerade im Protestantischen Milieu, immer noch eine Ethos der Hingabe, und das ist erst einmal nicht Schlechtes, sondern sogar ein echtes Qualtitätsmerkmal. Es ist kein Job. Es wird aber dann zu eine Gefahr, wenn daraus ein Ethos des "last man standing" wird, durchziehen, aushalten um jeden Preis, nichts aufgeben, nichts ändern. Das ist der Motor der Arbeitsverdichtung, die wir gerade auch im Pfarramt erleben (wieder gilt: Nicht alle, nicht jeder, nicht alle auf die gleiche Weise). Wir verdichten die Arbeit auf Kosten der Qualität.
Aber genau die ist unser Pfund. Dafür haben wir eine akademische und eine im Vergleich mit anderen Ausbildungen in Professionsberufen doch recht anspruchsvolle und weit gefächerte zweite Ausbildungsphase. Wir sind Generalisten, aber das heißt eben gerade nicht: Spezialisten für alles.
Halbe Stellen: sie sind eine Möglichkeit. Aber das "halb" muss qualitativ gefüllt sein. Eine reine Arbeitszeitdiskussion führt hier in die Irre.
Ich freue mich darauf, jetzt für eine Zeit wieder auf einer halben Stellen zu sein und in die Tiefe zu gehen. Auch wenn ich am Ende vielleicht doch 50 Stunden arbeite. Aber es ist eine andere Arbeit.
Und es ist meine Entscheidung. Ich diene mit ganzer Kraft halb. Das ist - qualitativ - unendlich viel besser, als mit halber Kraft ganz.
Das sollte in den anstehenden Diskussionen um die Neuaufstellung der pfarramtlichen Arbeit angesichts sinkender Bewerberzahlen und kleiner werdender Gemeinden bedacht werden. Nicht noch eine Schippe drauf, sondern reduce to the max. Das erfordert auch eine Form der Askese: Die pastoralen Allmachtsphantasien der Allzuständigkeit sind schwer abzulegen, man kann damit den spürbaren Bedeutungsverlust des Pfarramtes in der öffentlichen Wahrnehmung wunderbar wegdrücken. Das ist wie eine Sucht, man kann sich damit auch betäuben: Wer unablässig schafft, braucht sich Sinnfragen nicht zu stellen, sondern kann mit seinem Kalender angeben. Da hat sich im Protestantismus unter dem Deckmantel des Engagements ein Klerikalismus eingeschlichen, der uns krank macht. Ich glaube nicht, dass es ein guter Spruch auf dem Grabstein eines Pfarrers oder einer Pfarrerin ist, wenn darauf steht: er hat sich totgearbeitet für das Reich Gottes. Gesuchtes Martyrium ist zutiefst unchristlich: Der scheinbar schmale Weg ist hier der breite. Highway to hell. .
Dienstag, 21. Juli 2015
Teamwork, Kooperationsraum
Das Problem bei Teamwork ist, dass es dazu führen kann, einen Druck zur Mittelmässigkeit aufzubauen. Es ist so recht kein Platz für Solitäre aller Art,
sei es arbeitstechnisch
(geniale Chaoten oder zwanghafte Abarbeiter),
sei es kreativtechnisch (Ideenspinner, Modellebastler, Phantasten, Visionäre)
oder eben auch von der Qualifikation her (spezielle Kenntnisse, Fähigkeiten, Zugänge),
auf der anderen Seite sind die
Zögerer (oder auch: Nachdenklichen),
Kommunikationsgehemmten (oder auch: Besonnenen),
Egomanen (oder auch: Selbstgewissen),
Verwirrten (oder auch: Querdenker)
und die Ängstlichen (oder auch: Vorsichtigen).
Und natürlich besteht auch hier die Gefahr aller Gruppenarbeit: Eine(r) arbeitet, der Rest gruppiert sich.
Das kann, gerade unter Theologinnen und Theologen (die oft ein theologisches Problem mit professioneller Distanz haben, von wegen: "authentisch") schnell richtig schwierig werden. Der Geniegedanke ist tief in der protestantischen pastoralen Identität verankert (hier stehe ich....), es muss doch da und dort erst einmal ein Bewußtsein geschaffen werden, dass gerade Leitungsaufgaben durchaus erlernbar sind, dass es Standards von Führung, Leitung und Kommunikation gibt, die man trainieren kann, mit anderen Worten: ein Bewußtsein dafür, dass man hier etwas können kann.
Beim Bauen der Kooperationsräume, die das neue Instrument unserer Kirchenreform werden sollen, müsste das irgendwie berücksichtigt werden. Eine bloße Life-Boat-Situation zu beschwören ("wer nicht kooperiert, wird untergehen") kann dazu nicht ausreichen, selbst wenn der Satz stimmt. Ich gestehe allerdings, dass ich, nach meinen sehr unterschiedlichen Erfahrungen damit, etwas ratlos bin, hier müsste ich selber auch mehr können können. Aber woher die Zeit nehmen, es zu können? Wir bauen um im Scrolling Engineering (bei "laufendem Motor"). Au weia. Ich merke, dass mich das bedrängt und ich dafür im Grunde "keine Körner mehr habe".
Supervisionen und sonstige Begleitungen können ja nur dann wirken, wenn sie alle wollen und auch alle darauf ansprechen. Das ist aber nicht immer gegeben: Manchen liegt diese Art des Denkens und Problemlösens nicht, anderen neigen dazu, solche Prozesse zu instrumentalisieren, wieder anderen ist das zu intim....
Ich bin sehr gespannt, wie dieser Prozess das Profil des Pfarramtes verändert. Wo werden die großen Knorze, Eigenbrötlerinnen, "Genies" und "Ayatollahs", die Nerds und Träumer (die wir brauchen!) ihren Platz finden?
Werden die jetzt, wie es im Jargon so schön sarkastisch heißt, zu "Pflegefällen" und "unregelmäßigen Verben"?
Es ist überhaupt gar keine Frage, das manche Aufgaben - wie z.B. die Raumfahrt - nur von Teams gelöst werden können. Da denke ich sofort an Geschäftsführungsaufgaben - aber darauf komme ich natürlich genau deswegen sofort, weil mir das gar nicht liegt und mir auch lästig ist. Woraus ich keinen Hehl mache. Es gibt andere, die das mit links machen, aber vor jedem Gottesdienst schlecht schlafen. Ersteres zuzugegeben, ist nicht so schwer, Zweiteres schon.
Aber es gibt auch Aufgaben, für die sind Teams das schiere Gift. Manchen "gemeinsamen Gottesdiensten" merkt man z.B. deutlich an, das ihnen in der Vorbereitung sämtliche Spitzen abgebrochen worden sind und einen klassischen Viele-Köche-Brei liefern. In der Seelsorge gilt das noch mehr, hier müssen Kolleginnen/Kollegen schon sehr vertraut miteinander arbeiten können und wollen, man denke an mehrere Beerdigung in einer Familie in unterschiedlichen Bezirken/Gemeinden, was auf dem Lande ja oft vorkommt. Das wird dann in Kooperationsräumen noch viel öfter vorkommen. Wie steht es dann um, wenn man so will, seelsorgerliche Consils (um einen Begriff aus der klinischen Medizin zu verwenden)? Heikel!
Und manche Arbeitsgebiete, z.B. der Konfirmandenunterricht, sind, je nach Gemüt, durchaus schon fast intime Arbeitsgebiete, wo sich nicht jeder gerne in die Karten schauen lässt, oder, positiv formuliert, die als ein geschützter Bereich von Beziehungsarbeit verstanden werden. Aber gerade der Konfirmandenunterricht wird eine Hauptbaustelle werden!
Werden wir es schaffen, aus dem "Team" und dem "Kooperationsraum" wirklich nur ein Instrument zu machen, das man so oder so einsetzen kann, ohne es zu ideologisieren?
Nebenbei bemerkt habe ich den Eindruck, dass Ehrenamtliche, die aus anderen Berufen entsprechende Arbeitsformen längst kennen und verinnerlicht haben (weil z.B. hier in Baunatal das VW-Werk schon seit 30 Jahren Gruppenarbeit kultiviert), damit viel besser zurechtkommen. Wie groß ist die Bereitschaft, sich hier auch von Ehrenamtlichen führen zu lassen? Ein Aspekt, der mir viel zu wenig bedacht wird. Immerhin sitzen in unseren KV oft Menschen mit Führungserfahrung, hoher Verantwortung und starker Personal- und Strukturkompetenz.
Ich bin zumindest sehr gespannt. Ich habe mir Dücks "Schwarmdummheit" bestellt und werde hier diesen Gedanken weiterverfolgen.
sei es arbeitstechnisch
(geniale Chaoten oder zwanghafte Abarbeiter),
sei es kreativtechnisch (Ideenspinner, Modellebastler, Phantasten, Visionäre)
oder eben auch von der Qualifikation her (spezielle Kenntnisse, Fähigkeiten, Zugänge),
auf der anderen Seite sind die
Zögerer (oder auch: Nachdenklichen),
Kommunikationsgehemmten (oder auch: Besonnenen),
Egomanen (oder auch: Selbstgewissen),
Verwirrten (oder auch: Querdenker)
und die Ängstlichen (oder auch: Vorsichtigen).
Und natürlich besteht auch hier die Gefahr aller Gruppenarbeit: Eine(r) arbeitet, der Rest gruppiert sich.
Das kann, gerade unter Theologinnen und Theologen (die oft ein theologisches Problem mit professioneller Distanz haben, von wegen: "authentisch") schnell richtig schwierig werden. Der Geniegedanke ist tief in der protestantischen pastoralen Identität verankert (hier stehe ich....), es muss doch da und dort erst einmal ein Bewußtsein geschaffen werden, dass gerade Leitungsaufgaben durchaus erlernbar sind, dass es Standards von Führung, Leitung und Kommunikation gibt, die man trainieren kann, mit anderen Worten: ein Bewußtsein dafür, dass man hier etwas können kann.
Beim Bauen der Kooperationsräume, die das neue Instrument unserer Kirchenreform werden sollen, müsste das irgendwie berücksichtigt werden. Eine bloße Life-Boat-Situation zu beschwören ("wer nicht kooperiert, wird untergehen") kann dazu nicht ausreichen, selbst wenn der Satz stimmt. Ich gestehe allerdings, dass ich, nach meinen sehr unterschiedlichen Erfahrungen damit, etwas ratlos bin, hier müsste ich selber auch mehr können können. Aber woher die Zeit nehmen, es zu können? Wir bauen um im Scrolling Engineering (bei "laufendem Motor"). Au weia. Ich merke, dass mich das bedrängt und ich dafür im Grunde "keine Körner mehr habe".
Supervisionen und sonstige Begleitungen können ja nur dann wirken, wenn sie alle wollen und auch alle darauf ansprechen. Das ist aber nicht immer gegeben: Manchen liegt diese Art des Denkens und Problemlösens nicht, anderen neigen dazu, solche Prozesse zu instrumentalisieren, wieder anderen ist das zu intim....
Ich bin sehr gespannt, wie dieser Prozess das Profil des Pfarramtes verändert. Wo werden die großen Knorze, Eigenbrötlerinnen, "Genies" und "Ayatollahs", die Nerds und Träumer (die wir brauchen!) ihren Platz finden?
Werden die jetzt, wie es im Jargon so schön sarkastisch heißt, zu "Pflegefällen" und "unregelmäßigen Verben"?
Es ist überhaupt gar keine Frage, das manche Aufgaben - wie z.B. die Raumfahrt - nur von Teams gelöst werden können. Da denke ich sofort an Geschäftsführungsaufgaben - aber darauf komme ich natürlich genau deswegen sofort, weil mir das gar nicht liegt und mir auch lästig ist. Woraus ich keinen Hehl mache. Es gibt andere, die das mit links machen, aber vor jedem Gottesdienst schlecht schlafen. Ersteres zuzugegeben, ist nicht so schwer, Zweiteres schon.
Aber es gibt auch Aufgaben, für die sind Teams das schiere Gift. Manchen "gemeinsamen Gottesdiensten" merkt man z.B. deutlich an, das ihnen in der Vorbereitung sämtliche Spitzen abgebrochen worden sind und einen klassischen Viele-Köche-Brei liefern. In der Seelsorge gilt das noch mehr, hier müssen Kolleginnen/Kollegen schon sehr vertraut miteinander arbeiten können und wollen, man denke an mehrere Beerdigung in einer Familie in unterschiedlichen Bezirken/Gemeinden, was auf dem Lande ja oft vorkommt. Das wird dann in Kooperationsräumen noch viel öfter vorkommen. Wie steht es dann um, wenn man so will, seelsorgerliche Consils (um einen Begriff aus der klinischen Medizin zu verwenden)? Heikel!
Und manche Arbeitsgebiete, z.B. der Konfirmandenunterricht, sind, je nach Gemüt, durchaus schon fast intime Arbeitsgebiete, wo sich nicht jeder gerne in die Karten schauen lässt, oder, positiv formuliert, die als ein geschützter Bereich von Beziehungsarbeit verstanden werden. Aber gerade der Konfirmandenunterricht wird eine Hauptbaustelle werden!
Werden wir es schaffen, aus dem "Team" und dem "Kooperationsraum" wirklich nur ein Instrument zu machen, das man so oder so einsetzen kann, ohne es zu ideologisieren?
Nebenbei bemerkt habe ich den Eindruck, dass Ehrenamtliche, die aus anderen Berufen entsprechende Arbeitsformen längst kennen und verinnerlicht haben (weil z.B. hier in Baunatal das VW-Werk schon seit 30 Jahren Gruppenarbeit kultiviert), damit viel besser zurechtkommen. Wie groß ist die Bereitschaft, sich hier auch von Ehrenamtlichen führen zu lassen? Ein Aspekt, der mir viel zu wenig bedacht wird. Immerhin sitzen in unseren KV oft Menschen mit Führungserfahrung, hoher Verantwortung und starker Personal- und Strukturkompetenz.
Ich bin zumindest sehr gespannt. Ich habe mir Dücks "Schwarmdummheit" bestellt und werde hier diesen Gedanken weiterverfolgen.
Donnerstag, 16. Juli 2015
Altwerden
Wüsste man mit Zwanzig, was man mit Fünfundfünfzig weiß, wäre man mit Zwanzig schon Fünfundfünfzig: dann gäbe es vieles nicht, was man sich mit Fünfundfünfzig nicht mehr traut. Andererseits: Kriege gäbs dann auch weniger.
Es ist daher nicht nur sinnlos, Zwanzigjährige auf den Stand von Fünfundfünzigjährigen zu bringen, es ist sogar dumm. Wir Alten müssen auf die Jungen aufpassen, dass sie sich nicht über Gebühr selber schaden. Aber wir schadeten uns am allermeisten: Ohne Naivität wird nichts Großes vollbracht, das fängt beim Kinderzeugen an.
Doch man kann mit Zwanzig, selbst wenn es eine Art Superlearning oder sonst etwas gäbe, nicht wissen, was man Fünfundfünzig weiß: Wie sich fünfzig Jahre alte Narben anfühlen. Ich habe gelernt, meine Narben zu lieben: Sie sind die Kerben in meiner glatten Oberfläche, Siegel des Überlebens. Nie wieder Zwanzig, ehrlich. Vieles, was sich gerade wie "Krankheit" anfühlt, ist einfach nur aktiviertes Körpergedächtnis. Es hat mich schon zweimal gerettet, weil erst der Schmerz kam und dann der Kummer. Ich habe Fünfündfünzig Jahre gebraucht, das zu kapieren. Was ich heute im Spiegel sehe, die Statue meines Lebens. Und es ist gut so. Selbst die Wampe.
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