Nun bin ich nach 1 1/2 Tagen Zukunftskirche, davon heute den ganzen Tag als Seelsorger des Tages mit Mittagsandacht zu einer sehr einfachen inhaltlichen Bilanz all der Talks, der Gespräche und der visuellen und intellektuellen Impulse gekommen:
Wer nicht kooperiert, wird untergehen.
Kooperation ist der einzige Weg,
bei knapperen Ressourcen
und immer komplexer werdenden Strukturen
zurechtzukommen:
den Standard zu halten wird schon schwer genug.
Auf allen Lebensebenen: Partnerschaft, Familie, Beruf, Gemeinde, Gesellschaft, Nationen.
Gerechtigkeit ist eine Frage der Kooperation, Frieden ist eine Frage der Kooperation und sogar Genuß und Freude sind es.
Niemand kann mehr irgendwas alleine packen.
Vor allem Kirchengemeinden sollten das so schnell wie möglich begreifen und angehen. Sonst gehen die Lichter aus.
Die banale Brisanz dieser simplen Erkenntnis hat mich in diesen Tagen schier umgehauen.
Das wird also mein Motto sein für das neue Leben.
Zukunftskirche
Donnerstag, 20. Juni 2013
Dienstag, 18. Juni 2013
Warum die Banane krumm ist und ich nie ein Journalist werde oder sowas
Eine Übungsaufgabe aus der letzten Fortbildung (von heute, um genau zu sein) wo es um (journalistisches) Schreiben ging.
Aus mir wird nie ein ernsthafter Journalist, das habe ich diese Tage wieder erlebt: ich habe diesen (pseudo?)-sachlich-Zielgruppen-Informationssprech einfach nicht drauf. Ich bin eben doch eher ein rhetorischer Poet oder sowas.Oder sogar einfach ein Prediger. Braucht heute offensichtlich kein Mensch, macht aber Spaß.
Ein Lichtblick war diese Übung. Das Ding gibt es wirklich, das machte den Job leichter.
Offenbarung in der coolen Küche
Dear Charlie, der Bananenhalter von Alessi
Hat die Evolution ein Ziel? Diese tiefe philosophische Frage, die je nach Geschmack nach "Zufall und Notwendigkeit" oder nach dem göttlichen Heilsplan fragt, entzündet sich ja oft an der Frage danach, warum die Banane krumm ist. Wir wissen es jetzt. Die gesamte Evolution der Banane lief darauf zu, dass ein Bananenständer phänotypisch ans Licht der materiellen Welt tritt. Wer jetzt sagt: „Brauch ich nicht“, irrt. Der Blinddarm ist ja auch da, ohne dass wir so genau wissen, warum. Aber fragen Sie mal einen Chirurgen, der davon lebt! Jeder also der sich „Dear Charlie“ in die Design-Küche stellt, dokumentiert sein Einverständnis damit, dass auch die Schöpfung einem Design-Plan unterlegt und nichts anderes ist als funktionale Architektur. Was für ein Wurf. Was für eine Offenbarung. Die feine Krümmung der Banane und das coole Edelstahldesign: Natur und Kultur vereint in wechselseitiger Zähmung. Und ich weiß jetzt, was ich jemandem schenke, den ich nicht leiden kann. Obwohl das Ding bestimmt höllisch teuer ist.
PS:Jetzt können wir nur hoffen, dass die EU nicht einen Bananenkrümmungsgradsverordnungserlass erläßt, der dieses geniale Meisterstück zu Alteisen werden lässt.
PPS: Und jetzt erst erschließt sich mir der ganze Zusammenhang, und rührt mich zu Tränen, weil er in die Kindheit weist. Heißt nicht der drollige Schimpanse, der auf dem ZDF Milliarden von Kindern und Tierfreunden vor die Glotze zog, „Unser Charlie“? Ein geniales Stück Assoziationsdesign.
Samstag, 15. Juni 2013
theo denkt noch
....aber im Moment nicht öffentlich. Es ist gerade soviel los, dass das RL völlig genügt. Also abwarten, bis mir wieder langeweilig wird....:)
RL: Real life
Wobei für mich ja das öffentliche Schreiben, das Twittern und Posten auch zum real life gehört. Es gibt doch nur dieses eine. Ich habe mit dieser sauertöpfisch-moralinsaueren Unterscheidung zwischen einem echten (kohlenstoffigen) und einem unechten (elektronischen) Leben durchaus meine Probleme: dahinter stehen doch so gnostische* Vorstellungen davon, dass es so etwas wie ein richtiges und ein falsches Leben geben kann. Aber - der schöne Satz ist leider nicht von mir - "es gibt kein richtiges Leben im Falschen".
Die Unterscheidung ist unter dem Gesichtspunkt "Schöpfung" geradezu gotteslästerlich.
Es gibt nur ein gefallenes Leben in der gefallenen Schöpfung, deren Wiederherstellung allein Gottes Werk ist. Das gesamte irdische Leben gehört auf die problematische Seite: Und damit auch die künstlichen Unterscheidungen, mit denen ein angeblich wahres (natürliches, unelektronisches, unselbstentfremdetes oder-was-weiß-ich- wie-) Leben von einem angblich unwahren unterschieden werden soll. Merkwürdig nur, dass die meisten, die ich diese Unterscheidung mit Bedeutungsbrustton treffen höre, seltsam unlebendig wirken: von Moralinsäure zerfressene Mumien voller Ängste vor Frauen, Veränderungen und Computern.
Also für mich jedenfalls gibt es nur ein Leben, und das findet mal dort und mal dort statt, das "richtige" ist es nie, kann es nicht sein, aber es ist das "gerechtfertigte" Leben. Und das ist doch etwas Wunderbares. Denn wer gerechtfertigt ist, braucht sich nicht selber zu rechtfertigen. Weder vor Eltern noch vor sonst jemanden. Der protestantische Kerngedanke hat einen zutiefst anarchischen Zug, da hilft auch keine Zwei-Reiche-Lehre. Weil ich weiß, dass mein Erlöser lebt, brauche ich keine sonstigen Erlösungskonzepte, ich kann leben lassen, weil Leben leben will. Ich brauche "really life", und zwar so viel wie möglich. Während die einen es haben, indem sie sich gerade zu 10.000en durch Kassel wälzen (brrrr), habe ich es, indem ich in der Abendstille vor meinem Bildschirm sitze und mich jetzt schon freue, dass ein paar getreue und wackere Menschen das lesen werden, ihren Spaß haben und gut so.
Amen.
*von "Gnosis": "spiritueller Durchblick". Eine Lehre der Antike, bis heute höchst beliebt ist und gerne mit Glauben verwechselt wird und die so abenteuerlichen Vorstellungen nachgeht wie der, dass die irgendwie immaterielle oder semimaterielle Seele im Leibe gefangen ist und durch dieses und jenes befreit werden muss. [Ätzmodus]Der Körper also ist böse, eklig und vergänglich, die Seele nicht; das Geistige ist das Wahre und das Materielle das Böse und überhaupt lebt und webt der Kosmos in Harmonie, nur die gefallenen Seelen bringen ihn durcheinander, also müssen sie durch dies und das zurechtgebracht werden (es muss vor allem teuer, unverständlich und nicht allzu anstrengend sein) mit einem Wort: Der Kern des esoterischen Bullshit der Religionsindustrie, gegen den schon Jesus und Luther angingen (und manch andere, die um Gottes Willen die Menschen vor diesem Stuss bewahren wollten). Es ist der Kern der Moderne, der jetzt langsam anfängt, seine gnostische Fratze zu zeigen: Fundamentalismus und Privatreligion. Theologie studieren lohnt sich. Das Gelernte anzuwenden noch mehr. [/Ätzmodus]
RL: Real life
Wobei für mich ja das öffentliche Schreiben, das Twittern und Posten auch zum real life gehört. Es gibt doch nur dieses eine. Ich habe mit dieser sauertöpfisch-moralinsaueren Unterscheidung zwischen einem echten (kohlenstoffigen) und einem unechten (elektronischen) Leben durchaus meine Probleme: dahinter stehen doch so gnostische* Vorstellungen davon, dass es so etwas wie ein richtiges und ein falsches Leben geben kann. Aber - der schöne Satz ist leider nicht von mir - "es gibt kein richtiges Leben im Falschen".
Die Unterscheidung ist unter dem Gesichtspunkt "Schöpfung" geradezu gotteslästerlich.
Es gibt nur ein gefallenes Leben in der gefallenen Schöpfung, deren Wiederherstellung allein Gottes Werk ist. Das gesamte irdische Leben gehört auf die problematische Seite: Und damit auch die künstlichen Unterscheidungen, mit denen ein angeblich wahres (natürliches, unelektronisches, unselbstentfremdetes oder-was-weiß-ich- wie-) Leben von einem angblich unwahren unterschieden werden soll. Merkwürdig nur, dass die meisten, die ich diese Unterscheidung mit Bedeutungsbrustton treffen höre, seltsam unlebendig wirken: von Moralinsäure zerfressene Mumien voller Ängste vor Frauen, Veränderungen und Computern.
Also für mich jedenfalls gibt es nur ein Leben, und das findet mal dort und mal dort statt, das "richtige" ist es nie, kann es nicht sein, aber es ist das "gerechtfertigte" Leben. Und das ist doch etwas Wunderbares. Denn wer gerechtfertigt ist, braucht sich nicht selber zu rechtfertigen. Weder vor Eltern noch vor sonst jemanden. Der protestantische Kerngedanke hat einen zutiefst anarchischen Zug, da hilft auch keine Zwei-Reiche-Lehre. Weil ich weiß, dass mein Erlöser lebt, brauche ich keine sonstigen Erlösungskonzepte, ich kann leben lassen, weil Leben leben will. Ich brauche "really life", und zwar so viel wie möglich. Während die einen es haben, indem sie sich gerade zu 10.000en durch Kassel wälzen (brrrr), habe ich es, indem ich in der Abendstille vor meinem Bildschirm sitze und mich jetzt schon freue, dass ein paar getreue und wackere Menschen das lesen werden, ihren Spaß haben und gut so.
Amen.
*von "Gnosis": "spiritueller Durchblick". Eine Lehre der Antike, bis heute höchst beliebt ist und gerne mit Glauben verwechselt wird und die so abenteuerlichen Vorstellungen nachgeht wie der, dass die irgendwie immaterielle oder semimaterielle Seele im Leibe gefangen ist und durch dieses und jenes befreit werden muss. [Ätzmodus]Der Körper also ist böse, eklig und vergänglich, die Seele nicht; das Geistige ist das Wahre und das Materielle das Böse und überhaupt lebt und webt der Kosmos in Harmonie, nur die gefallenen Seelen bringen ihn durcheinander, also müssen sie durch dies und das zurechtgebracht werden (es muss vor allem teuer, unverständlich und nicht allzu anstrengend sein) mit einem Wort: Der Kern des esoterischen Bullshit der Religionsindustrie, gegen den schon Jesus und Luther angingen (und manch andere, die um Gottes Willen die Menschen vor diesem Stuss bewahren wollten). Es ist der Kern der Moderne, der jetzt langsam anfängt, seine gnostische Fratze zu zeigen: Fundamentalismus und Privatreligion. Theologie studieren lohnt sich. Das Gelernte anzuwenden noch mehr. [/Ätzmodus]
Sonntag, 9. Juni 2013
Sich neu erfinden
Das ist so eine Redewendung, die im Moment schwer in Mode ist: "sich neu erfinden" . Ich kann damit überhaupt nichts anfangen. Ich finde mich immer vor, ich war schon da, bevor ich da war. Wenn überhaupt, dann kann ich mich nur finden.
Und damit bin ich im Moment wieder schwer beschäftigt, wen wunderts. Aber darum ist es hier auch wieder mal so ruhig. Es ist eine Art Appetenzphase, ein Hin- und Her-schwimmen wie beim paarungsbereiten Stichling, der nur darauf wartet, dass das vorbeischwimmende Weibchen den Reflex auslöst. Appetenzverhalten
Was soll bei mir vorbeischwimmen? Worauf wartet mein Instinktsystem? Nun, ich glaube, das ist ziemlich einfach. Auf den Zuspruch, den ich empfangen werde, wenn ich in wenigen Monaten (8.September) meine Urkunde in die Hand bekomme und mir von Außen gesagt wird, wer ich fortan bin. Dann wird es wieder losgehen: Dann bin ich neu "erfunden": Als Bote des Evangeliums. Dann kann ich wieder in mich hineinwachsen.
Jede andere Form von "sich neu erfinden" ist Selbsttäuschung und bloßer Tapetenwechsel, Kosmetik, Ego-Marketing. Damit verdient eine ganze Industrie furchtbar viel Geld, bis hin zu den Plastikbusenproduzenten. Mich kotzt das immer mehr an: völlig unnötiger existentieller Stress, der Menschen zum Sklaven der Bilder macht.
Es lebt sich tausendmal besser, wenn man im "Ruf" lebt, als wenn man dem hinterherläuft, was andere vermeintlich von mir sehen wollen oder müssen. Der "andere", von dem ich mich empfange, ist Jesus Christus: Er ist sozusagen die Ikone meines Lebens. "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken". Das Kreuz ist mein Rückgrat.
Luther 1912
1Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse. 2Nun sucht man nicht mehr an den Haushaltern, denn daß sie treu erfunden werden. 3Mir aber ist's ein Geringes, daß ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich selbst nicht. 4Denn ich bin mir nichts bewußt, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der HERR ist's aber, der mich richtet. 5Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der HERR komme, welcher auch wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und den Rat der Herzen offenbaren; alsdann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren.
Wie psychologisierend-moralsülzig klingt das in der Guten Nachricht:
ὧδε λοιπὸν ζητεῖται ἐν τοῖς οἰκονόμοις ἵνα πιστός τις εὑρεθῇ. 1. Kor 4,2. :
Und damit bin ich im Moment wieder schwer beschäftigt, wen wunderts. Aber darum ist es hier auch wieder mal so ruhig. Es ist eine Art Appetenzphase, ein Hin- und Her-schwimmen wie beim paarungsbereiten Stichling, der nur darauf wartet, dass das vorbeischwimmende Weibchen den Reflex auslöst. Appetenzverhalten
Was soll bei mir vorbeischwimmen? Worauf wartet mein Instinktsystem? Nun, ich glaube, das ist ziemlich einfach. Auf den Zuspruch, den ich empfangen werde, wenn ich in wenigen Monaten (8.September) meine Urkunde in die Hand bekomme und mir von Außen gesagt wird, wer ich fortan bin. Dann wird es wieder losgehen: Dann bin ich neu "erfunden": Als Bote des Evangeliums. Dann kann ich wieder in mich hineinwachsen.
Jede andere Form von "sich neu erfinden" ist Selbsttäuschung und bloßer Tapetenwechsel, Kosmetik, Ego-Marketing. Damit verdient eine ganze Industrie furchtbar viel Geld, bis hin zu den Plastikbusenproduzenten. Mich kotzt das immer mehr an: völlig unnötiger existentieller Stress, der Menschen zum Sklaven der Bilder macht.
Es lebt sich tausendmal besser, wenn man im "Ruf" lebt, als wenn man dem hinterherläuft, was andere vermeintlich von mir sehen wollen oder müssen. Der "andere", von dem ich mich empfange, ist Jesus Christus: Er ist sozusagen die Ikone meines Lebens. "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken". Das Kreuz ist mein Rückgrat.
Luther 1912
1Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse. 2Nun sucht man nicht mehr an den Haushaltern, denn daß sie treu erfunden werden. 3Mir aber ist's ein Geringes, daß ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich selbst nicht. 4Denn ich bin mir nichts bewußt, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der HERR ist's aber, der mich richtet. 5Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der HERR komme, welcher auch wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und den Rat der Herzen offenbaren; alsdann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren.
Wie psychologisierend-moralsülzig klingt das in der Guten Nachricht:
1 Ihr seht also, wie ihr von uns denken müsst: Wir sind Menschen, die im Dienst von Christus stehen und Gottes Geheimnisse zu verwalten haben.
2 Von Verwaltern wird verlangt, dass sie zuverlässig sind.
3 Aber für mich zählt dabei nicht, wie ich von euch oder von irgendeinem menschlichen Gericht beurteilt werde. Auch ich selbst maße mir kein Urteil an.
4 Mein Gewissen ist zwar rein, aber damit bin ich noch nicht freigesprochen, denn mein Richter ist der Herr.
5 Urteilt also nicht vorzeitig, bevor Christus kommt, der das Verborgene ans Licht bringen und die geheimsten Gedanken enthüllen wird. Dann wird Gott das Lob austeilen, so wie jeder und jede es verdient.
ὧδε λοιπὸν ζητεῖται ἐν τοῖς οἰκονόμοις ἵνα πιστός τις εὑρεθῇ. 1. Kor 4,2. :
Mittwoch, 5. Juni 2013
Sünde. Tageslosung.
Unsre Missetat drückt uns hart; du wollest unsre Sünde vergeben.
Psalm 65,4
Gott hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
Kolosser 2,14
Säkularisation - also die "Entzauberung" der Welt ( Max Weber) - zeigt sich nicht darin, dass Gott keine Rolle mehr spielt. Ich habe den Eindruck, dass er so präsent ist im Denken und Handeln der Menschen, wie selten. Natürlich nicht Gott, sondern das Wort Gott. Natürlich nicht Gott, sondern das, was Menschen so Gott nennen.
Denn die Säkularisation - also die Entchristlichung der Welt - zeigt sich darin, dass nicht mehr von der Sünde geredet wird.
Die Sünde: das ist die ERfahrung von Gott getrennt zu sein. Sünde: das ist Unglauben, erfahrener Unglauben, Sünde, das ist die Wahrheit über das, was wir wirklich denken. Sünde ist die Unfähigkeit, Gott zu denken und zu lieben. Davon ist kaum noch die Rede.
Stattdessen wird über Gott schwadroniert, als hätten wir ihn in der Hosentasche oder im Handtäschchen, stattdessen wird über Gott schwadroniert wie über einen abwesenden Arbeitskollegen.
Das ist die eigentliche Sünde. Sie tritt eben gerade nicht als Religionslosigkeit auf. Sie tritt als eine Frömmigkeit und eine Art des religiösen Geredes auf, die distanzslos mit Gott auf Du und Du steht und Theologie zu einer Art Expertise über Gott verkommen lässt. Mit demselben fröhlichen Irrtum wird dann über Glauben gefaselt, mit dem auch über Sex und Ernährung geredet wird, als reiche es aus, es zu tun, um Expertise zu erwerben. DAS ist Säkularisation: das Gefasel über GOtt und Religion.
Dass wir in Wahrheit zu Gott in einer unüberwindlichen Distanz stehen, in einer völlig gestörten Beziehung scheint gegen die political correctness zu sein. Die schlichte Wahrheit über "religiöse Gefühle", das wir nämlich gar keine haben, sondern höchsten "religiös" gedeutete Gefühle, ist selbst für sich evangelisch gebärende Theologen inzwischen schwer zu ertragen, wie mir scheint (als ob Luther nicht gerade an seine "religiösen Gefühlen" zu Grunde gegangen wäre).
Also entweder man gebärdet sich als bekennender Atheist oder man gibt sich "religiös". Aber beides ist verlogen und hat mehr vom Pfeifen im Wald als von reifer Weltwahrnehmung.
Die Wahrheit, die der Glaube als Grundefahrung macht, ist ja gerade die, dass er eben keine Gotteserfahrung macht, im Wald nicht, in der Tiefe der Seele nicht und auch nicht in der KUnst, beim Sex oder was-weiß-ich-wo.
Die Grunderfahrung des Glaubens ist die Gottesferne, der eigene Unglauben. Das ist noch einmal etwas anderes als der "Zweifel".
Auch so ein komisches Wort, mit dem in der Theologie auf merkwürdig gottvergessene Weise hantiert wird. "Glaube und Zweifel" gehören zusammen, liest man dann oft. Was für ein Unsinn. Evidentes Wissen und Zweifel gehören zusammen, weil sie in sematischer Opposition stehen: Nur eines von beiden kann wahr sein, sie definieren sich gegenseitig und können niemals gleichzeitg wahr sein.
Und es gibt gesicherte Verfahren, aus Zweifel Wissen zu machen: das Experiment, die Überprüfung, der mathematische Beweis. Das ist aber nur dann das Gegenteil von Glauben, wenn Glauben auch eine Art des Wissens wäre. Aber was soll das heißen: "An der Existenz Gottes zweifeln"? dann müsste man schleunigst ein Verfahren entwickeln, dem Zweifel abzuhelfen.
Das wird aber nicht gelingen: weil die Sünde es nicht zulässt. Das ist doch gerade unser Problem und die klarste Aussage des christlichen Glaubens überhaupt: Wir sind fern von Gott.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr das öffentliche Gerede über Glauben in Wahrheit ein Diskurs über ungesicherte Weisen des Wissens ist, als ginge es um eine Art Physik des Unsichtbaren.
Der Glaube aber kommt doch aus einer ganz anderen Quelle: aus einer erzählten Geschichte, die so von Vergebung und Neubeginn erzählt, dass ich auch Vergebung und Neubeginn erfahre. Eine Geschichte, die nicht dem Zweifel abhilft, sondern der Verzweiflung. Eine Geschichte, die nicht etwas beweist, sondern erweist. Eine Geschichte, die mir nicht ein "höheres Wissen" vermittelt oder andere esoterisch-spirituelle Einsichten, sondern die mich schlicht in meiner armen Menschlichkeit abholt.
Das sind die Geschichten von Jesus und seinen Vorläufern, in deren Lichte wir ihn sehen. Geschichten von einem Menschen, der so völlig aus Gott lebteund darum vollständig den Menschen zugewandt, (und nicht etwa ein besonderes "Wissen" hatte), dass die Menschen um ihn herum ihn als sündenfrei erlebten, als einen erlösten und folglich auch gelösten Menschen, der sich Menschen völlig vorbehaltlos zuwenden konnte. Jesus stant völlig jenseits der Alternative von Theismus und Atheismus. Und darum wurde ihm auch zugetraut und zugerechnet, Sünde zu vergeben, sprich: eine unmittelbare, lebensbewegende Erfahrung Gottes zu machen, die wir aus eigener Kraft eben gar nicht machen können. Er ließ Blinde das Licht erfahren.
Durch ein Wort, dass er sprach oder eine Geste, die er machte. So sehr erfuhren und erlebten sie ihn als ganz und gar von Gott durchdrungen, dass sie an ihm die Überwindung des Todes erlebten und also die Aufhebung der ultimativen Gottesferne: der Tod als der Sold der Sünde, will meinen als seine konsequenteste Form. Die Auferstehung ist die konsequenteste Jesuserzählung: der endgültige Sieg über die Sünde: Aufhebung aller Gottesferne.
Worauf ich hinauswill: Die Tageslosung stellt uns vor Gott ohen Wenn und aber, ohne Kompromiss. Aus der Schuld kommen wir nur durch Gott heraus. Und der Lehrtext macht es besonders anschaulich: Wir sind Freigekaufte. Wir reden von Schuld immer nur als von vergebener Schuld. Alles andere ist religiöser Fundamentalismus oder praktizierte Atheismus: Von Sünde und Schuld kann nur im Rückblick, kann nur von der Vergebung her geredet werden. Erst wenn Du siehsts, weist Du in Wahrheit, was es hieß, blind gewesen zu sein.
Das ist das Lebensgefühl des Glaubens. Das hat mit religiösem Überzeugungskrampf nichts zu tun, aber auch nicht mit lässigem "Gott wird´s schon richten". Das ist auch Jenseits der Alternative von Theismus und Atheismus (die beide nichts anderes sind als recht schwache intellektuelle Konzepte).
Wenn wir nicht von der Sünde sprechen, sprechen wir auch nicht von Gott, sondern nur von einem Popanz. Wenn wir nicht von der Sünde sprechen, die uns als Menschen trennt von der Welt, von uns selber und von Gott, sprechen wir auch nicht von der großen Tat Gottes an uns. Sondern wir philosophieren vor uns hin: das macht Spaß, das ist klug, das ist oft beeindruckend.
Aber wahr ist es nicht.
Warum aber fällt es so schwer, von der Sünde zu sprechen? Weil das der eigentliche Prüfstein des Glaubens ist. Von Gott kann man nämlich gefahrlos quatschen, da erntet man höchstens peinliches Berührtsein, mitleidiges Lächeln oder vielwissende Empathie.
Ernst wird es, wenn von der Sünde die Rede ist: von der vergebenen Sünde, von meiner Sünde (nicht von der, die ich anderen vorwerfe. Das ist gottlos und selber Sünde: Usurpation des Gerichtes. Der ewige Sündenfall der Kirche, wenn sie von der Sünde der anderen redet). Denn von Sünde reden kann ich nur - weil ich zuvor Gnade erfahren habe.
Sie ist das Geheimni des des Glaubens. Von ihr reden und zeugen wir.
An ihr erkennst Du Christen.
Alles andere ist meta-Physik und Erpresser-Ethik. Wer braucht die?
Sonntag, 26. Mai 2013
Tageslosung: Hybris macht müde (politisch unkorrekt die Zweite)
Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden.
Jesaja 40,30-31
Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
Philipper 2,13
Die Klagen über Müdigkeit, Erschöpfung und Ausgebranntsein sind Legion. Ich will nicht sagen, dass es eine Mode ist. Immerhin lag ich vor gut einem Jahr auch 2 Monate auf der Nase, und zwar nicht zu knapp.
Doch die Tageslosung gibt mir einen Impuls, den ich aus der Zeit meiner Grundmüdigkeit und Schwächung mitgenommen habe: Die betonierten Überforderungsstrukturen haben ja eine Ursache.
Und für mich als Theologen liegt diese Ursache vor Augen, und sie heißt Hybris, gottlose Hybris. Und für einen christlichen Theologen heißt Gottlosigkeit immer Menschenlosigkeit. Also: Inhumane Hybris.
Wir haben uns zuviel aufgeladen, und es hat wenig Sinn, hier mit dem Finger auf irgendwelche "Bösen" zu zeigen. Wir sind es. Jeder von uns. Wir haben uns, und da war Heidegger eben doch ein Visionär, so im "Ge-Stell" von Technik und sozialen Artefakten verfangen, dass sie uns müde und kaputt machen.
Ich bin nicht mehr bereit, mich des Anspruches der Hochgeschwindigkeits-Dauerkomplexität zu stellen.
So wird ja, ein Beispiel, auch immer geklagt, dass man nicht "informiert" wäre. Was für eine Hybris. Mit allen gleichzeitig zu kommunizieren ist ein wahnsinniger Anspruch, und ihn zu formulieren als Anspruch hat paranoide Züge. Dahinter steht natürlich eine "Vertrauenskrise". Die ist aber keine. Weil offensichtlich immer mehr in Vergessenheit gerät, dass Vertrauen als personale Kategorie nur eine begrenzte Reichweite hat.
Es ist krankmachender Irrsinn, Vertrauen zu erwarten, wo allenfalls Pflichterfüllung, Regelkonformität und Absprachenverlässlichkeit gefordert sein sollten. Das sind handhabbare und evaluierbare Kategorien.
Darüber kann man verhandeln, da kann man Prozesse verändern.
Über Vertrauen nicht.
Hier läuft auch theologisch etwas völlig schief. Der Vertrauensbegriff wird semantisch immer leerer und pragmatisch immer gefüllter: eine Waffe inzwischen.
Wir sollten als Protestanten etwas von der tödlichen Kraft des usurpierten Gesetzes wissen, sollten ein Gespür für autopoietsche Unheilsprozesse haben und niemals ohne Plan B unterwegs sein.
Die des Herren harren kriegen neue Kraft: HARREN. Das heißt Warten, Unterbrechungen aushalten, Geschehen lassen. Aber wir banzen uns ja sogar beim Gottesdienst einen Aufwand auf, der hirnrissig ist. Und keiner kriegt es mit, was noch mehr kränkt. Und wer will es wirklich? Alle schimpfen über die Informationsflut. Aber alle daddeln dauernd am Smartphone. Gehts noch?
Keiner traut sich offensichtlich zu sagen, dass wir als Kirche der Hybris von Geschwindigkeit, Machbarkeit und Gestaltbarkeit verfallen sind, weil wir meinen, wir müssten uns gesellschaftliche Plausibilität durch Aktivität erkaufen oder verdienen. Das wird nicht nur nicht funktionieren, das ist tödlich. Denn wir sollten eigentlich die Verlangsamer, die Bremser, die Besonnenen sein, sollten der funktionellen Vernunft der Daueroptiemierung eigentlich die Weisheit und die Überlegung entgegensetzen.
Glaube unterbricht. Wir aber wollen mobilisieren und sind dann tödlich ge-kränkt (!) wenn nicht alle alles machen wollen, und brechen dann irgendwann zusammen, wenn wir es alleine machen müssen. Doppelt gekränkt, weil wir es allein machen "müssen".
Was uns krank macht, sind gottlose Ansprüche. Den Herrn machen zu lassen, bringen wir nicht fertig.
Ich rufe auf, die Hände in den Schoß zu legen, sie zum Gebet zu falten, über der Schrift zu murmeln, spazierenzugehen.
Ich rufe auf, das Nicht-Tun zu kultivieren (wer das mit Faulheit verwechselt, sitzt schon tief in der Falle!).
Ich rufe auf, zu schauen und hören, und auszuhalten, was es da zu schauen und zu hören gibt (nämlich am Ende die Wahrheit) und nicht gleich wegzulaufen, "um es zu ändern".
Ich rufe auf, erst zu hören, dann zu denken, dann zu handeln (in kleinen, machbaren Schritten).
Ich rufe auf, niemanden mehr zu irgendetwas aufzurufen.
Jesaja 40,30-31
Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
Philipper 2,13
Die Klagen über Müdigkeit, Erschöpfung und Ausgebranntsein sind Legion. Ich will nicht sagen, dass es eine Mode ist. Immerhin lag ich vor gut einem Jahr auch 2 Monate auf der Nase, und zwar nicht zu knapp.
Doch die Tageslosung gibt mir einen Impuls, den ich aus der Zeit meiner Grundmüdigkeit und Schwächung mitgenommen habe: Die betonierten Überforderungsstrukturen haben ja eine Ursache.
Und für mich als Theologen liegt diese Ursache vor Augen, und sie heißt Hybris, gottlose Hybris. Und für einen christlichen Theologen heißt Gottlosigkeit immer Menschenlosigkeit. Also: Inhumane Hybris.
Wir haben uns zuviel aufgeladen, und es hat wenig Sinn, hier mit dem Finger auf irgendwelche "Bösen" zu zeigen. Wir sind es. Jeder von uns. Wir haben uns, und da war Heidegger eben doch ein Visionär, so im "Ge-Stell" von Technik und sozialen Artefakten verfangen, dass sie uns müde und kaputt machen.
Ich bin nicht mehr bereit, mich des Anspruches der Hochgeschwindigkeits-Dauerkomplexität zu stellen.
So wird ja, ein Beispiel, auch immer geklagt, dass man nicht "informiert" wäre. Was für eine Hybris. Mit allen gleichzeitig zu kommunizieren ist ein wahnsinniger Anspruch, und ihn zu formulieren als Anspruch hat paranoide Züge. Dahinter steht natürlich eine "Vertrauenskrise". Die ist aber keine. Weil offensichtlich immer mehr in Vergessenheit gerät, dass Vertrauen als personale Kategorie nur eine begrenzte Reichweite hat.
Es ist krankmachender Irrsinn, Vertrauen zu erwarten, wo allenfalls Pflichterfüllung, Regelkonformität und Absprachenverlässlichkeit gefordert sein sollten. Das sind handhabbare und evaluierbare Kategorien.
Darüber kann man verhandeln, da kann man Prozesse verändern.
Über Vertrauen nicht.
Hier läuft auch theologisch etwas völlig schief. Der Vertrauensbegriff wird semantisch immer leerer und pragmatisch immer gefüllter: eine Waffe inzwischen.
Wir sollten als Protestanten etwas von der tödlichen Kraft des usurpierten Gesetzes wissen, sollten ein Gespür für autopoietsche Unheilsprozesse haben und niemals ohne Plan B unterwegs sein.
Die des Herren harren kriegen neue Kraft: HARREN. Das heißt Warten, Unterbrechungen aushalten, Geschehen lassen. Aber wir banzen uns ja sogar beim Gottesdienst einen Aufwand auf, der hirnrissig ist. Und keiner kriegt es mit, was noch mehr kränkt. Und wer will es wirklich? Alle schimpfen über die Informationsflut. Aber alle daddeln dauernd am Smartphone. Gehts noch?
Keiner traut sich offensichtlich zu sagen, dass wir als Kirche der Hybris von Geschwindigkeit, Machbarkeit und Gestaltbarkeit verfallen sind, weil wir meinen, wir müssten uns gesellschaftliche Plausibilität durch Aktivität erkaufen oder verdienen. Das wird nicht nur nicht funktionieren, das ist tödlich. Denn wir sollten eigentlich die Verlangsamer, die Bremser, die Besonnenen sein, sollten der funktionellen Vernunft der Daueroptiemierung eigentlich die Weisheit und die Überlegung entgegensetzen.
Glaube unterbricht. Wir aber wollen mobilisieren und sind dann tödlich ge-kränkt (!) wenn nicht alle alles machen wollen, und brechen dann irgendwann zusammen, wenn wir es alleine machen müssen. Doppelt gekränkt, weil wir es allein machen "müssen".
Was uns krank macht, sind gottlose Ansprüche. Den Herrn machen zu lassen, bringen wir nicht fertig.
Ich rufe auf, die Hände in den Schoß zu legen, sie zum Gebet zu falten, über der Schrift zu murmeln, spazierenzugehen.
Ich rufe auf, das Nicht-Tun zu kultivieren (wer das mit Faulheit verwechselt, sitzt schon tief in der Falle!).
Ich rufe auf, zu schauen und hören, und auszuhalten, was es da zu schauen und zu hören gibt (nämlich am Ende die Wahrheit) und nicht gleich wegzulaufen, "um es zu ändern".
Ich rufe auf, erst zu hören, dann zu denken, dann zu handeln (in kleinen, machbaren Schritten).
Ich rufe auf, niemanden mehr zu irgendetwas aufzurufen.
Samstag, 25. Mai 2013
Erfolgreich prokrastinieren mit Wagner
Ich sitze gerade an einem wirklich schwierigen Text zu einer wirklich schwierigen Aufgabenstellung. Und plötzlich: Stopp. Wie eingefroren die Gedanken, die Finger plötzlich steif und ungelenk, der Gummibärchenverbrauch steigt für Sekunden um 100%: Blockade! Oder was auch immer, vielleicht einfach nur Unlust, am Samstag zu schaffen. Zimmer ist aufgeräumt; Küche auch; Essen war schon, gefegt, geputzt, alles erledigt. Keine Gnade der höheren Beschäftigung, die "erst" einmal erledigt werden muss. Rasenmähen ist nicht wegen Regen.
Also "Pflichterfüllung" der höheren Art. Es lebe das cerebrale Ausredenprokrastinationszentrum, das bei mir immer gut anspricht. Ich habe zum Geburtstag die komplette Box des Ring des Nibelungen in der Metropolitan Opera geschenkt bekommen. Das muss man dann ja schließlich auch mal gucken.
Grandios. Die Götterdämmerung. Die haben da auf der Bühne so ein monströses High-Tech-Teil aufgebaut, das schlicht genial ist. Ihr müsst mir glauben, dass ich in meiner Jugend, weil ich eine Wagner Gesamtausgabe geschenkt bekam, viele seiner Texte gelesen habe, auch die ganz schlimmen, und ich weiß: das ist genau das, was ihm vorschwebte. Er sagte ja mal, nachdem er das Orchester in Bayreuth unsichtbar gemacht hatte, nun müsse noch das unsichtbare Theater kommen. Die ganzen unbeholfenen Gehörnten und Geharnischten, die steif über die Bühne schlurften, auf der ein unsäglich teutonisches Gemütsbühnenbild den Verstand beleidigte, widerten ihn an. Kann man gut verstehen. Der Met ist gelungen, noch viel mehr als vorzeiten Wieland Wagner (was ich ja nur von Photos her kenne) dem Bühnenbild die Erdenschwere zu nehmen und das Medium Video in einer Art und Weise einzusetzen never seen before. Also das ist schlicht überwältigend. Und man spürt, dass die Singenden wie befreit agieren können, weil es fast keine Kulisse gibt und andererseits von der Gewalt dieser Maschine gefangen sind.
Das lässt sich schwer beschreiben, ist aber sehr Ring-gemäß.
Jedenfalls: die Nornenszene ist unglaublich, die habe ich noch nie so gesehen. Vor allem die Altistin: Gänsehaut. Auch der Schicksalsfaden ist toll gelöst. Es gibt ja so Dinge im Ring, die galten immer als unaufführbar oder leicht albern.
Da sind jetzt (auch nach der Steilvorlage von La fura dels Baus in Valencia) nicht mehr viel von übrig.
Weltenbaum und Schicksalfaden (die ja musikalisch im Graben ständig ineinander verworben sind) werden hier auch optisch verwoben: TOLL!
So wird einem klar, was Untergang bedeutet und was für ein zynisches Spiel alle die treiben, die ihn in Kauf nehmen. Und der Oberinkaufnehmer ist neben Wotan natürlich Hagen: das ist der beste Hagen, den ich bisher gesehen und gehört habe (und ich habe schon drei live-Ringe gesehen und viele gehört!). Dieser Mensch hat eine finstere Präsenz, das man das Grausen kriegen kann. Und er singt sozusagen Belcanto: richtig schön. Das wirkt doppelt, weil er ja Furchtbares singt. Die Hagen-Quinte und seine Bewegungen sind auf Mikrosekunden abgestimmt. Hammer.
Der Siegfried quäkt ein bisschen, dafür ist er aber ein anschaubares Mannsbild, der eindrücklichste Siegfried seit Manfred Jung 1976ff. (optisch). Die Brünnhilde, Deborah Voigt, ist eine tolle Schauspielerin, sehr bewegend, ich fürchte mich jetzt schon vor dem Moment, wo sie von Siegfried/Gunter in die Gibichungehalle geschleift wird. Da muss ich bei der Chereau-Inszenierung mit Gwyneth Jones immer heulen. Wagner weiß genau, was die Moderne den Frauen antut und wie archaisch sie ist, die ach so moderne Moderne.
Man merkt natürlich, dass der Regisseur die Sehgewohnheiten des Kinos übernommen hat, aber das wäre nun ganz bestimmt in Wagners Sinn: Unsichtbares Theater meint ja wohl genau das: die Materie muss verschwinden, die Bilder möglichst direkt in den Kopf, wo sie mit der Musik verschmelzen.
Das ist ja der Effekt, den man als Wagnerhörer ohnehin kennt, und je länger je mehr. Wagner belohnt Ausdauer mit Genußsteigerung!
Also, wie soll ich sagen: 1 1/2 Stunden erfolgreiche Prokrastination. Die wird sich natürlich rächen, klar. Aber erst Montag. Und wie singen doch die Nornen: Weißt Du, wie das wird?
Der alte Zauberer hat mich mal wieder glücklich gemacht....
Der Trailer lässt natürlich nur ahnen, wie es ist, er erweckt auch den falschen Eindruck, als würde hier teutonisch-germanisch historisiert. Nichts weniger als das. Die Hardcore-Wagnerianer waren von diesem Ring entsetzt (das kann man auf der Doku sehen, die der Box beigelegt ist. Fundamentalisten, egal welcher Art, sind die Pest, weil sie dumm sind. Oder andersherum. Egal. Hört nicht auf sie)
Und weil ich sie erwähnt habe, la fura dels baus (wer es nicht aushält: ab minute 10!)
Also "Pflichterfüllung" der höheren Art. Es lebe das cerebrale Ausredenprokrastinationszentrum, das bei mir immer gut anspricht. Ich habe zum Geburtstag die komplette Box des Ring des Nibelungen in der Metropolitan Opera geschenkt bekommen. Das muss man dann ja schließlich auch mal gucken.
Grandios. Die Götterdämmerung. Die haben da auf der Bühne so ein monströses High-Tech-Teil aufgebaut, das schlicht genial ist. Ihr müsst mir glauben, dass ich in meiner Jugend, weil ich eine Wagner Gesamtausgabe geschenkt bekam, viele seiner Texte gelesen habe, auch die ganz schlimmen, und ich weiß: das ist genau das, was ihm vorschwebte. Er sagte ja mal, nachdem er das Orchester in Bayreuth unsichtbar gemacht hatte, nun müsse noch das unsichtbare Theater kommen. Die ganzen unbeholfenen Gehörnten und Geharnischten, die steif über die Bühne schlurften, auf der ein unsäglich teutonisches Gemütsbühnenbild den Verstand beleidigte, widerten ihn an. Kann man gut verstehen. Der Met ist gelungen, noch viel mehr als vorzeiten Wieland Wagner (was ich ja nur von Photos her kenne) dem Bühnenbild die Erdenschwere zu nehmen und das Medium Video in einer Art und Weise einzusetzen never seen before. Also das ist schlicht überwältigend. Und man spürt, dass die Singenden wie befreit agieren können, weil es fast keine Kulisse gibt und andererseits von der Gewalt dieser Maschine gefangen sind.
Das lässt sich schwer beschreiben, ist aber sehr Ring-gemäß.
Jedenfalls: die Nornenszene ist unglaublich, die habe ich noch nie so gesehen. Vor allem die Altistin: Gänsehaut. Auch der Schicksalsfaden ist toll gelöst. Es gibt ja so Dinge im Ring, die galten immer als unaufführbar oder leicht albern.
Da sind jetzt (auch nach der Steilvorlage von La fura dels Baus in Valencia) nicht mehr viel von übrig.
Weltenbaum und Schicksalfaden (die ja musikalisch im Graben ständig ineinander verworben sind) werden hier auch optisch verwoben: TOLL!
So wird einem klar, was Untergang bedeutet und was für ein zynisches Spiel alle die treiben, die ihn in Kauf nehmen. Und der Oberinkaufnehmer ist neben Wotan natürlich Hagen: das ist der beste Hagen, den ich bisher gesehen und gehört habe (und ich habe schon drei live-Ringe gesehen und viele gehört!). Dieser Mensch hat eine finstere Präsenz, das man das Grausen kriegen kann. Und er singt sozusagen Belcanto: richtig schön. Das wirkt doppelt, weil er ja Furchtbares singt. Die Hagen-Quinte und seine Bewegungen sind auf Mikrosekunden abgestimmt. Hammer.
Der Siegfried quäkt ein bisschen, dafür ist er aber ein anschaubares Mannsbild, der eindrücklichste Siegfried seit Manfred Jung 1976ff. (optisch). Die Brünnhilde, Deborah Voigt, ist eine tolle Schauspielerin, sehr bewegend, ich fürchte mich jetzt schon vor dem Moment, wo sie von Siegfried/Gunter in die Gibichungehalle geschleift wird. Da muss ich bei der Chereau-Inszenierung mit Gwyneth Jones immer heulen. Wagner weiß genau, was die Moderne den Frauen antut und wie archaisch sie ist, die ach so moderne Moderne.
Man merkt natürlich, dass der Regisseur die Sehgewohnheiten des Kinos übernommen hat, aber das wäre nun ganz bestimmt in Wagners Sinn: Unsichtbares Theater meint ja wohl genau das: die Materie muss verschwinden, die Bilder möglichst direkt in den Kopf, wo sie mit der Musik verschmelzen.
Das ist ja der Effekt, den man als Wagnerhörer ohnehin kennt, und je länger je mehr. Wagner belohnt Ausdauer mit Genußsteigerung!
Also, wie soll ich sagen: 1 1/2 Stunden erfolgreiche Prokrastination. Die wird sich natürlich rächen, klar. Aber erst Montag. Und wie singen doch die Nornen: Weißt Du, wie das wird?
Der alte Zauberer hat mich mal wieder glücklich gemacht....
Der Trailer lässt natürlich nur ahnen, wie es ist, er erweckt auch den falschen Eindruck, als würde hier teutonisch-germanisch historisiert. Nichts weniger als das. Die Hardcore-Wagnerianer waren von diesem Ring entsetzt (das kann man auf der Doku sehen, die der Box beigelegt ist. Fundamentalisten, egal welcher Art, sind die Pest, weil sie dumm sind. Oder andersherum. Egal. Hört nicht auf sie)
Und weil ich sie erwähnt habe, la fura dels baus (wer es nicht aushält: ab minute 10!)
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