Heute feiert sich die Theologie wieder selbst. Aber ohne den ausgewiesenen Organisations/Verwaltungsfachmann und Power-Assistenten Geirg Spalatin wäre das ein mit Scheiterhaufen beendetes Theologen- und Mönchsgezänk geblieben. Ich schätze ihn sehr, er steht für mich für den blinden Fleck der evangelischen Kirche: ihre rein organisationale Gestalt, die gerne spirituell aufgeplustert wird mit allerlei religiösem Plunder und Titelschummelei.
Dienstag, 31. Oktober 2023
Reformation einfach erklärt
Die Reformation war keine Volksbewegung und auch nicht die heroische Tat eines Einzelnen. Ein hochbegabter akademisch-theologischer Aussteiger bürgerlicher Herkunft wurde Quereinsteiger an einer aus dem Boden gestampften Prestige-Eliteuniversität, die sich einen avantgardistischen braintrust von krasser Modernität zusammengekauft hat und trieb die seit 100 Jahren anstehenden Reformprozesse voran, indem er auf Grund einer grammatisch-philologischen Entdeckung eine Neuinterpretation biblischer Kernstellen vorlegte und zugleich unter Nutzung einer mit der Universität verbundenen Medienagentur an politische Strömungen der Dezentralisierung von Macht anküpfte, die auch im Interesse nicht weniger Kirchenfunktionäre der mittleren Ebene und des Mönchstums lag. Der Prozess geriet ausser Kontrolle.
Montag, 30. Oktober 2023
Aufruf!
Theologen und Theologinnen!!Macht Euren Erben eine Freude! Kauft Boomer-gehen-in-den-Ruhestand-Bibliotheken auf! Edelmakulatur mit 60er-Jahren Problemen zu 90er Jahren Preisen!
Plato
In einer medialen Massengesellschaft, in der das Gerücht und das Geschwätz in allen ihreb Gestalten zur bestimmenden Macht geworden sind, muss das Konzept der repräsentativen Demokratie überdacht werden: weil die Kräfte überrepräsentiert sein werden, die sie nicht wollen, ohne zu begreifen, dass sie sich damit selbst schaden. Ich fange an, Platos krasses Konzept zu begreifen. Was daraus folgt: ich habe keine Idee, ich bin ja auch kein politischer Mensch. Aber die repräsentative Demokratie der Bonner Republik ist inzwischen ein im schlechten Sinne „konservatives“(privilegiert denkfaules) Projekt. Das Geschwätz ist die Bedrohung des 21. Jahrhunderts.
Abwrackung
„Unternehmerisches Denken“ ist per se eine Kultur des kurz- bis mittelfristigen Eigennutzes. Es kann keine Grundlage politischen Handelns sein. Das sollte die Lehre aus der Rückständigkeit Deutschlands sein, die anfängt, massive soziale Verwerfungen zu erzeugen.
Sonntag, 29. Oktober 2023
Speaker
In den USA ist ein radikaler religiöser Fundamentalist, der sich selbst ganz unmetaphorisch als Gotteskrieger sieht, der drittmächtigste Mann im Staat geworden.
Radikaler religiös-politischer Fundamentalismus kann nur gedeihen, wo eine gut grundierte, praktische und gelebte alltägliche Frömmigkeit verschwunden ist: er ist ein durch und durch säkulares Phänomen. Eine Nation ohne „Kirche“, die aus rein statistischen Gründen schon eine Theologie mittlerer Temperatur vertreten muss, ist sehr gefährdet - aber eine tantenhafte Kirche, die nicht auch den Mut hat, Fundamentalismus das zu nennen, was er ist - gottlose Ideologie und Missbrauch des Gottesnamens -, weil sie Angst hat, „Konservative“ zu verlieren, ist da auch wenig hilfreich. Es gibt faktsch kaum noch „Konservative“.
Aber wenn das Thema „Religion“ auf dem religionskritischen Niveau des 19. Jahrhunderts und auf der Inhaltesebene von Was ist Was Büchern wahrgenommen wird (wie es in vielen Redaktionsstuben und Lehrerzimmern offensichtlich geschieht) braucht man sich nicht zu wundern. Frau Brockschmidt hat völlig Recht und ich empfehle ihr Buch wärmstens. Der religiös-faschistoide Backlash ist eine massive und höchst reale Bedrohung für „säkulare“ Gesellschaften. Und was den Konservativismus betrifft: er radikalisiert sich. Weil es die Welt nicht mehr gibt, auf die er einmal eine politische Antwort war. Wenn radikaler Konservativismus „religiös“ wird, entsteht eine sbsolut gefährliche politische Bewegung, die per Definitionem antidemokratisch-autoritär ist.
Samstag, 28. Oktober 2023
„Erbsünde“
Die drei „monotheistischen“ Religionen, die sich auf Abraham berufen, erinnern durch ihre blosse Existenz daran, dass wir Gott verfehlen.
Dispositiv
Erschrecken über Antisemitismus muss immer auch, vielleicht sogar zuerst, Erschrecken über den eigenen Antisemitismus sein. „Antisemitismus ist Sünde wider den Heiligen Geist“ (Karl Barth).
Freitag, 27. Oktober 2023
Das leiden Anderer
Wer meint, dass Bilder von Grausamkeiten Grausamkeit verhindert, hat nichts verstanden. Sie erzeugen Hass und Gleichgültigkeit, auf jeden Fall aber Desensibilisierung. Aufgeiljournalismus. Es ist wirklich niederschmetternd, alles, was ich über Krieg gelesen habe, derart bestätigt zu sehen. Ich glaube nömlich, dass Susan Sontah sich irrt. Womit sie nicht rechnen konnte: den Echtzeiteffekt der socialmedia und des Smartphones. Die haben noch einmal etwas verändert: es geht nicht mehr um professionelle Fotografie. Das Smartphone ist nämlich eine Waffe, und social media ein Kriegsschauplatz. Es gibt keine „Beobachter“ mehr. Der Schlachtenbummler (Pierre Besuchow, Krieg und Frieden, der frühe Fontane) ist nicht einmal mehr denkbar. Der Krieg hat in einer Art und Weise die menschliche Kultur durchdrungen, dass er transparent geworden ist: wie sehen ihn nicht mehr (nur in der manifesten Form der Explosion) und es gibt kein Aussen mehr. Der Krieg ist in der Neuzeit geworden, was die „Sünde“ im Mittelalter war: die anthropologische Figur des Bösen. Nur, dass er keine religilse Konstruktion ist. Sonder das Realste überhaupt: der gemachte Tod
www.fischerverlage.de/buch/susan-s...
Donnerstag, 26. Oktober 2023
Heuchelei
Man muss nicht nur Recht haben, man muss auch auf die richtige Weise Recht haben. Dazwischen verläuft die haarfeine Grenze der Heuchelei (und ihres Pendants, der Selbstgerechtigkeit).
Junkie
Der Zusammenbruch der Vernunft auf wirklich allen Ebenen ist schon beeindruckend: wie der erste Schluck nach einem Entzug oder die erste Kippe nach langer Enthaltsamkeit, die Askese der Aufklärung ist vorbei, alles, was wir seit dem Urschleim mitschleppen, darf wieder raus. Gnade uns Gott.
Mittwoch, 25. Oktober 2023
Werte
Das Thermometer zeigt die Temperatur, nicht die Kälte.
Wehwehchen
Es macht schon einen Unterschied, ob eins Not hat oder Nöte. Bei letzterem hilft manchmal schon ein „Eia“, bei ersterem manchmal nur eine Revolution.
Mystisch
Musik lügt nicht. Sie sagt auch nicht die Wahrheit. Sie spricht nicht. Sie schweigt auch nicht. Sie klingt. Dem Universum vermutlich näher als alles sonst: Schwingung. Alles andere ist Geräusch. Die alten Liturgen und Raphsoden hatten wohl recht: Gott singt.
Metadumn
Dass du keine Ahnung hast, wovon du redest, ist okay, dass du keine Ahnung davon hast, dass du keine Ahnung hast, ist ein Problem.
Sonntag, 22. Oktober 2023
Studierstube
Ich habe nie aufgehört zu lernen, verstehen zu wollen, Zussmmenhänge zu erkennen. Ich bin dafür oft an meine spürbaren intellektuellen und mentalen Grenzen gegangen, spürte den Kummer des Nichtverstehens. Mein Beruf sorgte dafür, dass das nie im stillen Kämmerlein blieb. Und jetzt beginne ich zu begreifen, dass das nur sehr wenige Menschen bewegt. Ich bin über die Schlichtheit der Weltwahrnehung vieler Menschen sehr entsetzt. Habe ich es nicht sehen wollen? Oder nicht sehen können? War mein Vertrauen darauf, bei Menschen in Verantwortung das als völlig selbstverständlichen Habitus vorauszusetzen, naiv? Offensichtlich!
Nach über 25 Jahren im Schuldienst und nun fast 40 Jahren im Gemeindedienst verstehe ich jetzt, dass die meisten Menschen nicht über das hinausdenken, was sie zu kennen meinen. Das ist für mich eine epochale Einsicht: die Schicht (nicht soziologisch gemeint), oder die Haut ist dünn, unter der sich Ignoranz, grenzenlose Monokausalität (oft auch: irre Kausalität) und schiere Barbarei des Simplen herumtreiben - unabhängig von Herkunft, Bildung, Stand und Beruf.
Nietzsche hat es geahnt, wohin die Moderne treibt, ich habs nie gerne hören wollen. Jetzt begreife ich es auf die harte Tour. Und es tut weh.
Praktiker
Ich muss einen gewaltigen Aufwand an Theorie treiben, um pragmatisch sein zu können - und nicht ideologisch zu werden.
(Ideologie und schlechte Praxis sind Ergebnisse schlechter Theorien. Immer. Wer sich „Praktiker“ nennt, darf sich meiner alarmiert erhöhten Aufmerksamkeit sicher sein).
Samstag, 21. Oktober 2023
Sola gratia
Seit ich weiss, dass letztlich alles sinnlos ist, geht mir das meiste viel leichter von der Hand. Rechtfertigungslehre am Limit.
Kritisches Wortspiel
Analyse ist für‘n Ar…. jedenfalls in den meisten Fällen.
So genau will‘s dann doch keiner wisssen. Könnte ja herauskommen, dass niemand recht hat.
Kettenreaktion
Es interessiert niemanden, dass es niemanden interessiert, dass es niemanden interessiert.
Bileams Esel
„Sakrament“ ist auch ein beliebtes Fluchwort. Möglicherweise zeigt sich hier mehr Wahrheit über die „Sakramente“, als den praktizierend-spätplatonischen Voodoo-Priestern der magischen Verwandlung und ihren protestantischen Fanboys- und Girls lieb ist.
Reeles Ritual
Was mich an Halloween in Deutschland so fasziniert: ein Fest, das nichts feiert.
Ein Ritual ohne Mythos und Symbol.
Möglicherweise sind die entsprechenden mystifizierend-spirituellen Theorien über Feste und Rituale falsch. Möglicherweise geht es tatsächlich nur um Geld, Sex und Saufen, je nach Konstellation. Im Kapitalismus ist es jedenfalls so. Let them fuck and take the money. Und erzähle irgendeine moralisch-sentimental-religöse Lore dazu.
Differentia specifica
Wer Sarkasmus und Zynismus nicht unterscheiden kann, ist praktizierend zynisch.
Erbe
Warum schreibst du so früh am Morgen in deinen Blog?
Ich möchte etwas Bleibendes für die Nachtwelt schaffen!
Bares
Im Grunde ist die Verwechslung von „scheinbar“ und „anscheinend“ in den meisten Texten ein genialer hermeneutischer Move, der aus Versehen die Wahrheit sagt.
Interessant fände ich, wenn das nur im Deutschen ginge. In den Sprachen, die ich kenne oder wo ich hinreichend fit bin, Übersetzungsprogramme zu nutzen, geht das nicht. Bin ich hier dem Rätsel spezifisch deutscher Verquertheit auf der Spur? Der Verwechslung von Schein und Sein im Jargon der Eigentlichkeit? Ich bin scheinbar ein grösseres Genie, als ich dachte.
Mutter-Teresa-Effekt
Ich bin, als Christ und denkender Mensch, immer wieder erstaunt über Heiligenkult und „Enttäuschung“ über Menschen. #Greta Wie dumm kann man sein, jemanden, nur weil er an einer Stelle Recht haben mag und grosse Energie zeigt, das Richtige zu tun, gleich für einen „guten Menschen“ zu halten?? Ich nenne das den „Mutter-Teresa-Effekt“. Er bezeichnet eine bestimmte Form der objektiven Verlogenheit - der Rezipienten, wohlgemerkt. Heiligenkult ist gnadenlos (und ich meine GNADENlos). Gerade Menschen, die Außergewöhnliches leisten, haben oft psychopathische Züge, sind massive Egozentriker oder Narzissten, empathielose Durchzieher oder rücksichtslose Rechthaber. Ich erwarte also von einer, sagen wir mal, genialen Ärztin nicht, dass sie auch eine kluge Politikerin oder auch nur eine lebenskluge Frau ist, und ein genialer Prediger kann ein ausgemachter Schweinehund als Ehemann sein und merkwürdige Vorstellungen über Ernährung haben, ein Massenschlächter hingegen ein liebevoller Vater, radikaler Tierschützer und Vertreter des bedingungslosen Grundeinkommens sein. Greta hat Recht mit Ihrem Klima-Engagement, Unrecht mit ihrer Sicht auf den Konflikt um Gaza. Fertig. Alles anderes ist höchst törichtes pubertäres Fantum. Bei Mutter Teresa halte ich übrigens auch ihre „Guten Taten“ nicht für solche: ihr Modell von Erbarmen ist übelst. Was dem „Mutter-Theresa-Effekt noch einmal eine besonderen Zug verleiht: das falsche Gute und seine darum sogar doppelt falsch liegenden Fans. In Summa: Gott ist Gott und Mensch ist Mensch. Gebt unserem Gott die Ehre.
Freitag, 20. Oktober 2023
Kollektiv
„Wirr“ ist von „wir“ nur ein r entfernt.
Dienstag, 17. Oktober 2023
Neuzeit
Ich schäme mich nicht vor Gott, ich schäme mich vor meiner Katze, dem Igel im Garten und der Taube auf dem Kirschbaum. So fühlt sich „Sünde“ im der Moderne an, und kein Gott stirbt dafür. Das überschreitet jegliche Phantasie selbst der irrsten Apokalyptikers und der hysterischsten Mystikerin.
Fatal
In einer Welt voller „Experten“ sind die Dummen die Dummen.
Samstag, 14. Oktober 2023
Genialität
Jeder Mensch ist ein verkantetes Genie.
Arithmetik des Humanen
Dass alle Menschen vor Gott und dem Gesetz gleich sind, bedeutet nicht, dass sie identisch sind. Ich halte das Wort „Identität“ inzwischen für ein ausgemachtes Killerwort, dass nur Verwirring stiftet.
Bescheidung
Ich merke, dass mich die Kraft und der Focus für die ganz neuen oder wirklich komplexen Fragen langsam verlässt, vielleicht ist auch einfach der Speicher voll. Jetzt stehe ich vor dem Bücherregal und überlege: ich hätte nur noch die Kraft, ein Buch pro Genre zu lesen. Was wäre das?
Stand:
Theologie ist klar: Barth, KD IV.
Literatur: Krieg und Frieden.
Philosophie: Derrida, Grammatalogie oder Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen.
Unterhaltung: Herr der Ringe.
Poesie: Whitmann, Grasblätter.
Und natürlich die Bibel. Da am ehesten die Basisbibel.
Bin gespannt, ob sich die Liste jetzt, wo sie aufgeschrieben ist, verändert.
Zugleich ist sie auch so etwas wie eine Guideline fürs Ausmisten. Konzentration statt „Verkleinerung“.
Freitag, 13. Oktober 2023
Logischer Rassismus
Man kann nur Exemplare lieben oder verachten, keine Gattungen. Rassismus ist volkstümlicher Platonismus.
Deswegen ist mir die logische Eiseskälte des Nominalismus lieber als alle mystifizierenden Metaphysiken mit ihren kuscheligen Beheimatungsangeboten. Wenn Nietzsche das Christentum „Platonismus fürs Volk“ nennt, sieht er die Falle von Religion sehr klar: Überschreitung der zulässigen Beschreibungsgrenze.
Deus creat individua. Deren Unaussprechbarkeit, die durch den Namen sngezeigt wird, zu wahren: DAS ist Liebe.
Kleine Korrektur
„Enttäuscht von den Menschen, zog er sich in die Einsamkeit seiner Wohnung zurück….“. Nein, nicht enttäuscht. Bestätigt.
Todsünden
Man kann theologisch von der Liste der sog. „sieben Todsünden“ halten was man will. Es ist eine Liste strukturell-habituell selbst- und gemeinschaftsschädigender Verhaltensdispostionen. Aber dass in dieser - zutiefst westlich-abendländischen Liste - Gewalt und Lüge fehlen: das spricht Bände.
Donnerstag, 12. Oktober 2023
Richtigstellung
Nein, lieber Augustinus, es ist NICHT der Sex. Es ist die Gewalt.
Scham
Die Scham, ein Mensch zu sein. 63 musste ich werden, um sie zu spüren. Heute, als mich die Katze anblickte wie einen Verräter. Als ob sie wüsste, was wir so treiben mit der Welt, die auch ihre ist. Sympoiesis und Ökologisches Denken schliessen den Kreis zur Sündenfallgeschichte: wir vermasseln es. Aber diesmal gibt es keine Wüste, in die sich der Ekel zurückziehen kann, das Mönchtum hat seine Chance gehabt. Die Wüste kommt zu uns! Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt! (Nietzsche). Wer jetzt noch „an den Menschen“ glaubt, dem ist nicht zu helfen. Nur wer den Menschen kennt - und also auf der Hut ist - hat noch eine Chance. Der atmende Staub ist ein Arsch mit Gehirn. Gottes Geduld ist unfassbar.
Sünde
Schon die Schuldfrage zu stellen, macht schuldig. Das ist der tiefe Ernst dieses Konzeptes, das mit Moral gar nichts zu tun hat. Aber viel mit der Fähigkeit, das Böse ernstzunehmen als das, es ist: diabolisch, verdrehend.
Matrix der Wahrheit im Kriege
A hat recht, B lügt.
B hat recht, A lügt.
Beide lügen.
Beide haben recht.
-> der Gewinner lügt, er habe recht.
Angekotzt
Die weltverachtende, angeekelte, zivilisationsflüchtige und kulturkritische Tradition des Christentums hatte schon ihre Gründe. Vielleicht wäre da mal eine Relektüre angesagt, um sie nicht revisionistischen, vormodernen, reaktionären und antihumanistischen Bibeltrollen zu überlassen. Der „moderne“ Optimismus hat uns schliesslich nicht ins Paradies geführt. Dass Gott die Sünder liebt, heisst nicht, dass er sie gut findet. Vielleicht wäre hier mal ein bisschen theologische Narzissmuskritik angezeigt. Und in der „ heiteren“ Kirche des grossen Cringe zuerst.
Lebende und Tote
Weil ich gerade wieder ein entsprechendes Telefongespräch hatte:
1. Beerdigungen/Trauerfeiern sind keine Sakramente und sakramentale Handlungen. Insofern ist die Subsumtion mit der Taufe und der Trauung (die das auch nicht ist) unter dem Oberbegriff "Kasualie" schon irreführend.
2. Die Toten zu beerdigen ist keine exklusive Handlung an Kirchenmitgliedern, sondern als eines der Werke der Barmherzigkeit (Mt 25!) eine, wie man es heute nennt, sozialdiakonische Handlung.
3. Es ist kein Dienst "der Kirche" an "ihren Mitgliedern" (seltsame Differenz, btw), sondern ein Dienst der Kirche für die Gesellschaft.
4. Anstatt sie als reinen Mitgliederservice immer mehr zu marginalisieren, sollten wir gerade die Beerdigung/Trauerfeier OHNE WENN UND ABER zu einem unserer zentralen Angebote machen, so barrierefrei wie möglich.
5. Sie ist "missionales Handeln" (Nicht instrumentalisierend missionarisch. Wer den Unterschied nicht kennt: kurzer Teaser):
6. "Die Mission ist, sie möchte sein: die Kirche, die sich an die Heiden und insofern nach außen wendet. Dieses Außen ist freilich auch drinnen. Es ist ja gesorgt dafür, dass der Heide auch in der Kirche, also die Botschaft gehört, die Buße getan, die Taufe empfangen habend, weiterlebt. Insofern ist und bleibt die Kirche selbst Heidenkirche, Sünder- und Zöllnerkirche. Insofern ist alles Handeln der Kirche Mission, auch wo es nicht ausdrücklich so heißt." Karl Barth.
7. Erzbischof William Temple: "Die Kirche ist die einzige Gesellschaftsform in der Welt, die zum Wohle derjenigen existiert, die nicht zu ihr gehören". (Das ist in der Zuspitzung "einzige Gesellschaftsform" sicherlich befragbar).
Orakel
Wann ist man Nazi, wann ist man einfach nur dumm? Und warum hat mich die Dummheit früher nicht gestört? Ist sie epidemisch geworden? Wenn ja, warum? Dummheit hier im Sinne von: „Selbstschädigendes Verhalten, suizidale Überzeugungen“.
Es ist zumindest eine zeitliche Koinzidenz mit der Entwicklung der social media gegeben, mit der deutschem und der europäischen Einigung und mit den immer evidenter werdenden Klimaveränderungen. Oder ist es ein Virus??
Oder bekommt einfach nur eine Bühne, was früher einfach nur dummes Geschwätz war? Ich war 30 Jahre Dorfpfarrer. Da kannte man die drei Quatschköpfe und ließ sie reden. Um dann zur Tagesordnung zurückzukehren. Womöglich ist die „öffentliche Dummheit“ ein Emergenzphänomen.
Mittwoch, 11. Oktober 2023
Option
Ich denke, dass die meisten Menschen sehr wohl in der Lage sind, zwischen Realität und Illusion oder zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden und sich immer für die Realität und die Wahrheit entscheiden.
Das Problem ist: diese Unterscheidung ist eine Illusion.
Social media
Je weiter der Horizont, um so weniger Echo.
Wahrhaftigkeit
Heuchelei kann man nicht heucheln. Die ist immer authentisch. Und deswegen sehr verbreitet - gerade bei den sog. Aufrechten.
Demut
Ich kann nur empfehlen, irgendeine Form von Denktagebuch zu führen. Das eigene dumme Geschwätz von gestern zu lesen, ist eine sehr elementare Übung in Demut.
Politik
Si vis pacem, para bellum. Ich kann nicht genug Latein, um es einen Hauch anders, moderner und nicht aggressiv zu formulieren: Wenn du deinen Frieden willst, rechne mit dem Krieg der Anderen.
Es gibt Gesellschaften und Ideologien, die kriegerisch sind, aus welchen Gründen auch immer, und gerade die deutsche Geschichte zeigt: nur Niederlagen am Rande der Vernichtung können das für zwei oder drei Generationen eindämmen.
Das heisst auch: Dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgeht, ist keineswegs eine ausgemachte Sache.
Zynisch
Wenn „nur noch Beten hilft“ helfen soll, hilft „nur noch“ Beten nicht.
Dienstag, 10. Oktober 2023
X-plaining
Eine komplexe Welt muss unterkomplex erklärt werden, damit es nicht so kompliziert wird, was natürlich nur kann, wer die Komplexität versteht, dumm nur, dass man Komplexität nicht verstehen kann, sonst wäre sie ja keine, was für ein x-plaining auch immer, es ist im Ansatz falsch, wie dieser Text auch.
Also: Einfach mal die Fresse halten oder es als Spiel betrachten.
Grundirrtum, historisch
Natürlich war früher alles besser: wenn man jung war, gesund und einigermaßen behütet. Der konservative Grundansatz ist schon ein psychologischer Missgriff von grandioser Naivität.
Montag, 9. Oktober 2023
Endzeit, gottlos
Die Apokalypse steckt tief in der westlichen DNA. Und das - im Kern apokalypsekritische! - Christentum verschwindet. Säkulare Apokalypsen aber brauchen, anders als mythische, eine Inszenierung. Säkulare Apokalyptik ist im Kern suizidal.
Wandpredigt
Man muss empathisch sein, um zu verstehen, was Empathie ist. Empathie lehren: Eine unmögliche Aufgabe. Sie kann nur in einem empathischen Kontext erfahren werden. Deswegen genügt eine barbarische Generation, um für mehrere Generationen die Fähigkeit zur Empathie zu beschädigen - und deswegen wächst diese Beschädigung exponentiell. Bis ins dritte und vierte Glied. Sieht gerade sehr schlecht aus für die dritte und vierte Generation nach dem zweiten Weltkrieg und der Shoa.
Sonntag, 8. Oktober 2023
Doomsday
Dass wir alle sterben werden, ist trivial, wenn auch nicht banal. Das ist also nicht die Frage. Die lautet vielmehr: Wie werde ich sterben? Und da gibt es, obwohl ich das Sterben als ganzes ablehne, doch ein paar Präferenzen. Der schrecklichste Tod aber wäre der durch die Hand eines radikalisierten Arschlochs.
Inverse Apokalypse
Eine ganze Kultur wacht gerade auf, und an ihrem Bett steht die Normalität des Bösen, über das sie sich, säkular getröstet mit Geld und Versprechen, hinweggeträumt hat. Und nun wird sie faschistisch, weil sie Angst hat. Wer aber von der Präsenz des Bösen, der Perversität der Sünde, der Gegenwart des Krieges sprach, war bis dato unter Faschismusverdacht. galt als empathieloser Pragmatist oder dergleichen. Sic transit misera mundi.
Freitag, 6. Oktober 2023
Schleiermacher revisited
Soll der Knoten der Geschichte so auseinandergehen: die Linke mit der Weinerlichkeit und die Rechte mit der Dummheit?
Donnerstag, 5. Oktober 2023
Ordo cognitionis
Natürlich darf jeder und jede sagen, was sie denken. Das Problem ist doch eher: Denken auch alle, was sie sagen?
Montag, 2. Oktober 2023
Cringe
Sex und Religion haben viel gemeinsam, vor allem aber die Nähe zur Peinlichkeit, die sich aus der Intimität ergibt.
Allerdings gibt es keine religiöse Vulgärspräche, keine funktionalen Äqivalente zum F-Wort und seine Geschwister oder den diversen Bezeichnungen für die Genitalien. Selbst als Fluchwörter nicht
Warum eigentlich nicht? Religion ist doch nicht weniger gewalthaltig als Sex.