Nach einer guten Nacht sieht manches anders aus, hier aber nicht.
Der ganz große Wurf ist dieser Siegfried nicht, und soll er vielleicht auch gar nicht sein. Ich habe immer noch keine Interpretationshinweise des Regiseurs zur Kenntnis genommen - also, alles, was hier steht, ist bloßer Augenschein. So sollte es doch sein, oder?
***********
Ich fand den Siegfried wegen seiner problematischen Hauptfigur immer schon schwierig, und ich bin Castorf dankbar, dass es ihm offensichtlich auch so geht und er es uns zeigt. Hier geht es um Gewalt und Sex, und zwar nicht zu knapp. Die Frage ist ja immer, wieviel "Explizites" muss sein, aber wir leben in groben Zeiten, da braucht es grobe Klötze. Wie soll man "Erotik" vermitteln, die ja gerade vom Tabu lebt, wenn es das Tabu nicht mehr gibt - außer in den Köpfen (nicht in der Lebenspraxis!) von ein paar Konservativen?
Also keine große Geschichte wird gezeigt, die kennt man ja, sondern Episoden. Wobei ich mir da nicht mehr so sicher bin, wieviel Leute die Texte von Wagner wirklich kennen (mit kennen meine ich kennen). Denn Castorf ist an manchen Stellen auf verschrobene Weise schon sehr text- und musiknah. Gerade am Ende. Komme ich noch noch zu. Obertitel wären doch nicht schlecht. So erkannte man die Kundigen an den vereinzelten Lachern, wo es eigentlich einen Lachsturm hätte geben müssen.
Was mich zutiefst anrührte: Der Waldvogel.
Was für eine prachtvolle und dabei, dank der Darstellerin, zugleich fragile Erscheinung, bühnenfüllend, und dabei zart und zerbrechlich, verzehrt sich das Revuegirl nach dem singenden Grobian, der vergeblich zu "Grübeln" versucht und umwirbt ihn. Sie kommen sich neckisch näher, Siegfried versucht den Vogel zu locken, mit allerlei Plastikmüll (um den es unter dem Aspekt ÖL geht an diesem Abend) und füßelnden, pubertären Wasserneckerein (eine Anspielung auf das Rheingold? Ich meine doch, dass die drei Teile stärker inszenatorisch verknüpft sind, als der Augenschein hergibt). Das ist bei Wagner alles auskomponiert, bis hin zu fast geräuschhaften Effekten. Ich hörte zum Teil Murren vor mir ob der "schiefen Töne" im Orchestergraben. Man sollte die Paritur schon eingemaßen kennen...wenn man denn meint, sich äußern zu müssen. Man kann natürlich auch blöd finden, was Wagner macht (wie es Castorf ja zum Teil tut).
Und schließlich, im letzten Moment, kommen sie dich doch nahe und man sieht, im Schlußbild, wie Siegfried den Waldvogel an einer Laterne beglückt.
Er kommt also nicht als Jungfrau auf den Brünhildenfelsen.
Warum auch, steht ja nirgends im Text, und er kennt sich (TEXT; TEXT; TEXT!!!) in Sachen Sex dann auch erstaunlich gut aus, der Naturbursch, der hier ein Strizzi ist, und zwar ein unsympathischer. Er fragt ja Mime sehr kundig danach, wie es wohl zugegangen sein mag, dass er ohne Mutter auf die Welt kam, wo es doch die Vögel und die Füchse anders treiben. Er weiß, wozu Frauen da sind. Er fürchtet sich nicht vor dem Sex, er fürchtet sich später dann vor Brünnhildes expliziter Weiblichkeit. Das ist wahrlich ein Unterschied, den viele freilich nicht kennen.
Aber solche gewaltätigen Männer üben ja auf manche Frauen eine seltsame Faszination aus, siehe Erda und Wotan. Das ganze spielt im Prostitutionsmilieu, da können gewaltätige Männer schon einmal als vermeintliche Retter auftrete, wie man so hört. Ist vielleicht ein Klischee, aber ich kenne es aus meiner kleinbürgerlichen Familie schon: Frauen können Schlägertypen verfallen und kehren immer wieder zurück. Wie Erda, dazu gleich.
Der Waldvogel, der absolute Star des Abends.
Ohne ihn ginge die Handlung nicht weiter. Siegfried ist viel zu doof, um auch nur zu ahnen, was er da getan und gemacht hat, Fafners Hinweise gehen völlig an ihm vorbei, immerhin ahnt er, dass er vielleicht den Falschen umgebracht hat.
Aber er wird ja dann den vermeintlich Richtigen, Mime, auch noch umbringen, und bei Castorf - endlich einmal!- auf richtig brutale und fiese Art und Weise mit einem Messer. Der Siegfried hat etwas von Andreas Bader. Das Publikum geschockt (ich kann das von der Loge aus z.Teil sehr gut sehen, wie die Leute in den Sitzen rutschen und zucken), aber so meint es Wagner. Kill as kill can. Macht ja Opa Wotan auch (bei Hunding, schon vergessen? Das war nackter Mord).
Siegfried ist ein Wiederling, immer gewesen.
Der Waldvogel also gibt die richtigen Tipps. Warum? In manchen Inszenierungen agiert der Waldvogel als eine Art Agent des Wotan, was durchaus naheliegt, aber nicht so sein kann, denn das wäre ein vertragswidriger Eingriff in die Handlung. Es ist Mimes Vermutung, aber die ist falsch.
Es ist musikalisch viel näherliegend, den Waldvogel der Erda-Sphäre zuzuweisen, wie die Rheintöchter. Immerhin singt eine der Rheintöchter gleich zu Beginn die Waldvogelmelodie, wenn sie ihre Schwestern zurechtweist, besser auf das Gold aufzupassen. Der Waldvogel ist die Intervention der Natur, um zu retten, was noch zu retten ist. Und, Achtung: die Natur - der Rhein und die Rheintöchter - sind die Überlebenden des Ganzen. "ta eschata hos ta prota", der Schluß ist wie der Anfang, lautet ein altes Motto der Apokalyptik. So sehe ich den Waldvogel, so höre ich ihn: Als Angelus interpres. Und in Castorfs Inszenierung gehört er der Erda-Sphäre an, der Prostitution, der geschundenen Weiblichkeit, die aber gleichzeitig auch ihren ganz eigenen Stolz, ihre ganz eigene "Schönheit" hat. Hat er bewußt auf die Figur des Verkündigungssengels zurückgegriffen? Ich war tief gerührt.
Der Ring ist eine Geschichte der geschundenen Weiblichkeit. Die Männer bringen den Frauen nur Unglück: Unerfüllte Liebe, unerfüllte Mutterschaft, fremdbestimmte Sexualität, Manipulation, Gewalt. Das ist, wie ich finde, noch ein ungehobener Schatz des Ringes. Aber Castorf sieht da viel von.
Erda: Sie ist und bleibt meine Lieblingsfigur im Ring, auch wegen ihrer Musik. Sie hat das mit Abstand schönste Motiv mit der schönsten Instrumentierung. Und das hat gute Gründe.
Bei Castorf ist sie, wie schon im Rheingold, an das eben doch deutlich angeknüpft wird, eine weiblich wahnsinnig präsente Varietesängerin mittleren Alters, wohl auch so etwas wie die Chefin des Waldvogels (!!!).
Einer der schönsten Momente: die unglaubliche Wut, der nackte Hass auf das A....h Wotan, als dieser ihr erzählt, was er mit ihrer gemeinsamen Tochter Brünnhilde angestellt hat. Schwupps, hat er den Rotwein im Gesicht. Endlich mal. Sonst stehen die Erdas immer so weise resigniert rum.
Die Musik spricht eine andere Sprache. Die Umkehrung von Erdas Motiv ist das Götterdämmerungs-motiv (foglich auch eines der schönten Motive des ganzen Wagnerschen Euvres). Es kommt zu gewaltschwangeren Szenen, Erda verschwindet, während Wotan sich seiner Altmännerfrustration hingibt, dann kommt sie wieder, neue Perücke - und umschlingt Wotan von hinten, die alte Illusion, sie könne ihn ändern oder nur er werde sie lieben (dabei könnte sie das halbe männliche Publikum haben, alle die, die keine Angst vor Frauen haben). Und so sinkt sie vor ihm nieder, um ihn sexuell oral zu versorgen, was der Kellner verhindert, der die Rechnung bringt, die Wotan nicht bezahlen kann, er haut ab, schiebt aber die Rechnung Erda in den Ausschnitt. Die Natur zahlt die Zeche. So platt es ist, so ergreifend.
Ich habe noch keine Inszenierung gesehen, in der so deutlich wird, dass die beiden ein Paar sind, und dass Erda genauso übel mitgespielt wird wie Fricka. Und auch hier haben die Frauen Recht und keinen schert´s.
Jetzt klar, warum mich Waldvogel und Erda so anmachen?
Das Finale: Es ist lang, es hat Längen. Mickisch hat in seinem Einführungsvortrag die Szene ironisch so kommentiert: die Frauen wollen reden, die Männer zur Sache kommen. Und genau das inszeniert Castorf. Eine Erlösung. Als Brünnhilde mit ihren Vatertochter-Jungfrauengesülze anfängt, wendet sich Siegfried (der auf Sex aus ist) gelangweilt ab; als er dann seinerseits anfängt, verbale Sülze zu produzieren, zieht sich Brünnhilde zurück und kommt, um den Ernst der Situation klarzumachen, im Brautkleid wieder auf die Bühne, und da sitzen sie dann und singen vor sich hin, anstatt zur Sache zu kommen, das verbale Pflichtprogramm wird abgearbeitet.
Dann kommen die Gummikrokodile und erlösen Augen und Verstand. Erst treiben es die beiden Krokodile (damit mal klar ist, worum es hier geht), dann frisst eines der Krokodile den Waldvogel, der sich ihm - aus Verzweiflung wg. Siegfried vermute ich mal - zum Fraße vorwirft. Am Ende ziehen aber Brünnhilde und Siegfried ihn wieder heraus, Liebekummer lohnt sich nicht, mein Darling, bis sie sich dann endlich in die Arme fallen und die Musik - von Trugschluß zu Trugschluß eilend und schließlich so dominant in die Tonika fallend, dass sogar ich es höre,- zeigt, was sich Castorf dann doch nicht zu zeigen traut, muss ja auch nicht sein.
Publikum tobt. Ironie ist nicht jedermanns Sache.
Wer hat mitbekommen, was während der Erweckungszene auf der Videoleinwand lief? Eine andere, sehr blutige Version der Story oder Alberichs Vergewaltigung von Hagens Mutter? Unter all dem Schmonz liegt nackte Gewalt. So it´s true.
Ich fands klasse. Leuchtende Liebe, lachender Tod: das ist doch schon auch blöder Kitsch, typisch Wagnersche Verbalsublimierung des Orgasmus. Nun, wir haben gelacht, ich jedenfalls, gekichert sogar, während mir - und DAS ist der Zauber Wagners - die Musik einen Schauer nach dem Anderen über den Rücken jagte.
Ansonsten waren manche Plattheiten zu sehen, Unausgegorenes, da kann noch nachgebessert werden, ein paar blöde musikalisch-szenische Kalauer für Fortgeschrittene, naja, der stärkste Gesamteindruck war es nicht. Nur mit Theater kommt man Wagner nicht bei.
Aber für die drei Szenen hat es sich schon gelohnt. Die werde ich aus dem Ring nie wieder herausbekommen. Herumstehende Erdas haben bei mir keine Chance mehr, und wo der Waldvogel nur eine Art märchenhafte Staffage mit halbherzigen Bühnenlösungen ist, buhe ich dann.
Und ich kann nur jedem raten: Lest die Texte! Wagner steckt voller Ironie und Überraschungen. Er war nicht so teutonisch, wie alle meinen. Gerade der Siegfried....
Ächz. Ich könnte noch mehr: Über essende und rauchende Sänger, über akrobatische Action und über den merkwürdigen Effekt, dass man auf das Video starrt, anstatt auf die Bühne. Andermal.
Heute übrigens kann ich Theurich von Spiegel-Online nicht in Allem folgen.
siegfried-in-bayreuth-ring-zum-dritten
Dienstag, 30. Juli 2013
Montag, 29. Juli 2013
Bayreuth 2013 Siegfried
Also ich werde zu denen gehören, die ihn lieben, diesen Ring. Castorf geht rotzfrech an Wagner ran und doch mit Bedacht und keinesweges ohne Konzept. Er hat die Musik verstanden, das ist gar keine Frage, oft sogar, wie soll ich sagen, besser als sie sich selbst. Und er hat, weil er verzichtet, eine Große Geschichte zu erzählen (die doch jeder Wagnerianer kennt - wer geht nach Bayreuth, ohne zu wissen, was ihn da erwartet?), viele wundervolle Ideen, zu visualisieren, was die Musik meint. Ich bin zu müde und kaputt und auch noch ganz voll davon. Morgen mehr. Manches ist auch doof, manches wohl auch einfach nur ein Einfall.
Aber genannt seien:
Siegfried als das, was er ist. Ein als solcher und zu nichts anderem erzogener Auftragskiller ohne emotionale Bremse, wiederlich. Ich mochte ihn nie!
Wotan bringt allen Frauen Unglück. Hier sieht man das endlich mal: Erda. Fantastisch, herzzereissend, macht einen wütend.
Das Finale: poetischer Überschwang. Leuchtende Liebe, lachender Tod. Das gab´s zu sehen, ich kam aus dem Feixen nicht mehr raus, und gleichzeitig Gänsehaut wegen der unglaublichen Musik, die von den Sängern und Sängerinnen mit einer Leichtigkeit geboten wurde, dass man es kaum begreifen kann.
Der Waldvogel: Endlich, endlich, endlich hat diese so entscheidende Figur, ohne die nach der ersten Szene, 2. Akt Siegfried überhaupt nichts mehr liefe (weil Siegfried nämlich zu doof ist) seinen großen, ganz großen, wundervollen, überwältigenden Auftritt, und eine alte Streitfrage ist beantwortet (von der Musik schon lange, von den Wagnerianern nur eben nicht): Der Waldvogel ist ein Erda-Geschöpft, die Natur selber greift ein, um das Schlimmste abzuwenden.
Ansonsten: die Musik ist gewaltätig und pornografisch, und nicht bloß "heldenhaft" und "erotisch". Castorf zeigt es. Eine Befreiung.
Morgen mehr.
Oder auch nicht.
Das Publikum tobte. ich fühlte mich als Applaudierender wie ein Dortmund-Fan in der Bayernkurve.
Die Geschichte wird mir recht geben.
Die Götterdämmerung wird ein Gemetzel.
Aber genannt seien:
Siegfried als das, was er ist. Ein als solcher und zu nichts anderem erzogener Auftragskiller ohne emotionale Bremse, wiederlich. Ich mochte ihn nie!
Wotan bringt allen Frauen Unglück. Hier sieht man das endlich mal: Erda. Fantastisch, herzzereissend, macht einen wütend.
Das Finale: poetischer Überschwang. Leuchtende Liebe, lachender Tod. Das gab´s zu sehen, ich kam aus dem Feixen nicht mehr raus, und gleichzeitig Gänsehaut wegen der unglaublichen Musik, die von den Sängern und Sängerinnen mit einer Leichtigkeit geboten wurde, dass man es kaum begreifen kann.
Der Waldvogel: Endlich, endlich, endlich hat diese so entscheidende Figur, ohne die nach der ersten Szene, 2. Akt Siegfried überhaupt nichts mehr liefe (weil Siegfried nämlich zu doof ist) seinen großen, ganz großen, wundervollen, überwältigenden Auftritt, und eine alte Streitfrage ist beantwortet (von der Musik schon lange, von den Wagnerianern nur eben nicht): Der Waldvogel ist ein Erda-Geschöpft, die Natur selber greift ein, um das Schlimmste abzuwenden.
Ansonsten: die Musik ist gewaltätig und pornografisch, und nicht bloß "heldenhaft" und "erotisch". Castorf zeigt es. Eine Befreiung.
Morgen mehr.
Oder auch nicht.
Das Publikum tobte. ich fühlte mich als Applaudierender wie ein Dortmund-Fan in der Bayernkurve.
Die Geschichte wird mir recht geben.
Die Götterdämmerung wird ein Gemetzel.
Bayreuth 2013 Ontologie des Ohres
Ich bekam von meiner Klavierlehrerin die Gesamtausgabe der Wagnerschen Schriften - die "Volksausgabe" - geschenkt, so dass ich schon recht früh auch den Theoretiker und Essayisten Wagner kennenlernte, parallel zu meiner Schopenhauer-Lektüre. Und jetzt bin ich ganz baff, dass ein Zitat Wagners, das einen Grundgedanken meiner Weltwahrnehmung beschreibt und sich mir daher nicht wörtlich, aber als Gedanke, eingeprägt hat, nun im Programmheft in Bayreuth auftaucht. Ich hatte als junger Student mal einen kleinen Text geschreiben darüber, dass das schlechthin metaphysische Organ gerade nicht das Auge ist (weil es das "physische" Organ ist), sondern eben das Ohr, weil es temporale Strukturen entschlüsselt. Kein Wunder bei einem protestantischen Theologen, möchte man das sofort sagen, kein Wunder, sage ich, weil der Protestantismus da einfach Recht hat und Bach mit Grund neben Luther steht. Und Wagner? Er ist, selbst im Parsifal, evangelischer als man auf den ersten Blick meint. Die "Rechtfertigung allein aus Glauben" steht doch über dem ganzen Ring: Wotan scheitert an den Werken. Hätte er auf Erda (dem Prinzip "Glauben") gehört...nun denn, ich möchte der staunenden Leserschaft das Wagnerzitat aus dem Programmheft nicht vorenthalten zur eigenen Urteilsbildung (und für mich zur endgültigen Einprägung). Es stammt aus Wagners wunderbar-wunderlicher Schrift über Beethoven:
"Eine nicht minder bestimmte Erfahrung ist nun aber dieses, dass neben der im Wachen wie im Traume als sichtbar sich darstellende Welt eine zweite, nur durch das Gehör wahrnehmbare, durch den Schall sich kundgebende Welt, also recht eigentlich eine Schallwelt neben der Lichtwelt, für unser Bewußtsein vorhanden ist, von welcher wir sagen können, sie verhalten sich zu dieser wie der Traum zum Wachen: sie uns nämlich ganz so deutlich wie jene, wenngleich wir sie als gänzlich verschieden von ihr erkennen müssen".
Erstaunlich in diesem Zusammenhange, wie viele "Wagnerianer" so auf das Sichtbare fixiert sind. Wagner selber sprach ja, ich zitierte es schon, aus Frust über den ersten Ringzyklus in Bayreuth, von dem "unsichtbaren Theater". Eine Inszenierung, die nicht einfach "zeigt, was da geschieht" ist also völlig konsequent. Die "Wahrheit" findet im Orchestergraben statt.
Mit beginnt das, was hier in Bayreuth gerade geschieht, immer besser zu gefallen.
"Eine nicht minder bestimmte Erfahrung ist nun aber dieses, dass neben der im Wachen wie im Traume als sichtbar sich darstellende Welt eine zweite, nur durch das Gehör wahrnehmbare, durch den Schall sich kundgebende Welt, also recht eigentlich eine Schallwelt neben der Lichtwelt, für unser Bewußtsein vorhanden ist, von welcher wir sagen können, sie verhalten sich zu dieser wie der Traum zum Wachen: sie uns nämlich ganz so deutlich wie jene, wenngleich wir sie als gänzlich verschieden von ihr erkennen müssen".
Erstaunlich in diesem Zusammenhange, wie viele "Wagnerianer" so auf das Sichtbare fixiert sind. Wagner selber sprach ja, ich zitierte es schon, aus Frust über den ersten Ringzyklus in Bayreuth, von dem "unsichtbaren Theater". Eine Inszenierung, die nicht einfach "zeigt, was da geschieht" ist also völlig konsequent. Die "Wahrheit" findet im Orchestergraben statt.
Mit beginnt das, was hier in Bayreuth gerade geschieht, immer besser zu gefallen.
Sonntag, 28. Juli 2013
Bayreuth 2013 Die Walküre. Innigkeit.
Ich bin heute morgen etwas erschöpft. Die Hitze macht mir doch zu schaffen. Aber gestern Abend war das nach ein paar wenigen Takten vergessen. Das war ganz anders als das Rheingold. Jetzt habe ich mir auch ein Programm gekauft und gelesen, wie die Produktionsbedingungen Einfluß auf die Gestaltung haben und wie Castorf das aufgenommen hat. Und ich muss sagen: Respekt.
Manchmal gebiert die Not Großes.
Worum geht es? Er hatte zu wenig zusammenhängende Probenzeit. Er musste die 4 Dramen aktweise proben, immer nach dem, was an Material und Menschen gerade zur Verfügung stand. Also: ein Akt Götterdämmerung, ein Akt Rheingold, ein Akt Walküre etc. So war er gar nicht in der Lage, schreibt er, so etwas wie eine zusammenhängende Dramaturgie zu entwerfen, und irgendwann habe er das auch nicht gebraucht und ganz bewußt an die Kategorie des "Fragments" aus der ästhetischen Theorie der Romantik angeknüpft. So also: nicht nur wie weiland in Stuttgart jeder Oper ein Werk für sich, sondern sogar einzelne Akte oder gar einzelne Elemente, in der Hoffnung, dass die Musik sie zusammenhält.
Das funktionierte gestern Abend sehr gut, die Walküre hatte, trotzt bombastischer Bühen, etwas Kammerspielhaftes. Und sie sie warf auch noch einmal ein rückblickend gutes Licht auf das Rheingold. Es ist eben doch ein zusammenhängendes Werk, und so werden die Rückverweise, mit denen die Musik ja arbeitet, immer wichtiger werden.
Der Mythos, um den ich mir Sorgen machte, liegt, ganz im Sinne von Nietzsches Geburt der Tragödie, in der Musik. Gestern abend wurde er aber auch sichtbar. Das Schwert spielte eine optische Hauptrolle, und das Bild der ausgelassenen, ihre Freiheit ahnenende (und in Wahrheit auf tragische Weise nichtsahnende) Sieglinde, die mit dem Schwert regelrecht tanzte, wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Die Sänger alle absolut top, die Brünnhilde mit Einstiegsproblemen, was zu Buhs führte, die aber im zweiten Akt vergessen waren. Das Orchester der schiere Wahnsinn. Von Verhaltensein wie beim Rheingold keine Spur. Und das tolle in Bayreuth: selbst richtig laut ist niemals Krach. Ich war selig, ganz ernsthaft. Hitze, schmerzendes Knie: alles vergessen, nach wenigen Takten. Das ist schon was.
Etwas ganz seltsames passiert mit dem Mythos. Natürlich passen ein Schwert und Götter nicht ins Aserbeidschan der 20er Jahre. Die äußere Themenebene - das Erdöl - liegt wie eine Art Tapete über dem Ganzen. Es ist eine Interpretationsebene durch Bilder und Gesten, die sehr stark sind, aber immer nur ein Angebot. Es muss gar nicht passsen. Gestern habe ich ja geschrieben, dass Obertitel beim Rheingold nicht funktioniert hätten, weil der Hiat zwischen Text, Musik und Dramaturgie zu deutlich geworden wäre. Heute wären sie sogar gut gewesen, weil sie den Hiat noch sichtbarer gemacht hätten. Es ist völlig klar, dass die "Erdöl"-Interpretation ein solche ist, ein Angebot. Unterhalb der Geschichte wirkt der Mythos. Und das ist ganz schlüssig, auch wenn man über das Aserbeidschan der Revolutionszeit nichts weiß. Da spielt nun wieder das Video eine große Rolle, und gestern war ich dafür sehr dankbar. Die Walküre hat unzweifelhaft himmlische dramaturgische Längen, mehrere Monologe, die sich über 15 Minuten und mehr hinziehen, sind für die Inszenierung immer eine Herausforderung. Castorf inszenierte sie aber aus: über Videos und verhaltene Hintergrundaction. Da konnte man mitmachen, musste aber nicht. Die Schauspieler agierten im Ganzen recht zurückhaltend.
Und was mich dabei total überraschte und vom ersten Moment an tief berührte und unter Wasser setzte: ausgerechnet der Spektakel-Regisseur Castorf brachte eine Walküre auf die Bühne, die vom ersten Moment an innig war. Zwei große, hochproblematische Liebesgeschichten, die von Siegmund und Sieglinde und von Wotan und Brünnhilde, waren vom ersten Moment an als amour fou präsent, so "tristanmässig" habe ich die Walküre noch nicht erlebt. Selbstverständlich waren der Feuerzauber und der Abschied Wotans von seiner Tochter für mich wieder hart an der Grenze des Erträglichen, und gestern war es besonders schlimm. Mein Gott, als Vater die eigene Tochter so reinzureiten, unerträglicher Gedanke. Echtes Feuer auf der Bühne wirkt unglaublich: MAN SPÜRTE DIE HITZE, die zusätzliche.
Und auch wieder toll: die Freude an der Weiblichkeit. Die Walküren, ganz ohne Pferde, rauhbeinig, unglaublich feminin, ausgeprägte Individuen. Die Kamera gab ihnen weiten Raum, und so wurde mir auch zum ersten Mal fast physisch spürbar deutlich, was auch für diese Frauen und Mädchen das Geschehen bedeutet: Das Ende. Und einige von den Sängerinnen spielten das auch aus - die Kamera war währende des gesamten "Walkürenrittes" ständig auf einem der Gesichter, und sie waren großartig. Von verschreckter Kleinmädchenangst bis rauhbeinigem "Was will der Alte" zeigten die schnapssaufenden Damen viel Gefühl. Toll.
*****
Entmythologisierung kann ja Dreierlei bedeuten:
1. Man verleugnet den Mythos: dann kehrt er anderswo unkontrolliert anderswo wieder. Das war meine Sorge im Rheingold. Dem ist nicht so, und dem war auch nicht so. Als Theologe freut mich das. Denn diese Form der Entmythologisierung ist ein krasses Missverständnis davon, was Säkularisierung meint.
2. Man "übersetzt" den Mythos. Das ist jenes Missverständnis, dass meint, es gebe so etwas wie einen aus der Form lösbaren Inhalt, den man dann in andere,"moderne", "zeitgemäße" oder "menschenfreundlichere" Bilder übersetzen könne. Das ist die Wort-zum-Sonntag-Hermeneutik, die mich schier zum Wahnsinn treibt. Weil da am Ende nur blöde, unbegründete Moral herauskkommt und der Glaube auf das bloße Humanum reduziert wird. Für Wagner hieße das dann: was will uns Wagner heute sagen? Eine im Ansatz groteske Frage. Er will uns gar nichts sagen. Er will uns Musik und Theater vorführen, er will uns bewegen, ergreifen und verändern. Aber nicht durch "im Mythos verpackte Botschaften". Bäh. Auch wenn er das zuweilen anders sah. Gottseindank ist das Werk immer klüger als sein Autor.
3. Man erzählt den Mythos einfach. Wenn er wirkt, entmythologisiert er sich selber und verwandelt sich in Klarheit. Zu mystisch? Eben! Ich finde, auf diesem Wege wandelt der Bayreuther Ring. Der Mythos ist da, und die Bilder und Gesten liegen über ihm, und die Geschichte (sowohl als Story wie als History) läuft in ihm ab. Der Mythos ist das Mehr der Wirklichkeit - in Bayreuth durch das unsichtbare Orchester schon fast kalauerhaft deutlich.
Wenn wir das doch nur den Mut hätten, auf der Kanzel so von Gott zu reden, anstatt dauernd irgendetwas zu erklären. Einfach spielen.
Also jetzt bin ich auf Siegfried total gespannt: Immerhin haben wir es da mit einem Drachen zu tun, mit sprechenden Vögeln und recht heftiger Musik. Wenn Castorf an die Walküre nicht anknüpft (sondern auch das wieder souverän der Musik überlässt) werden wir also eine weitere Interpretation von Brünnhildes Schlaf zu sehen bekommen. Darauf freue ich mich am meisten.
Das Publikum war begeistert. Wenn die Inszenierung die Kraft behält, die sie bisher gezeigt hat, kann das ein richtiger Triumph werden. It work´s.
Die Musiker waren fabelhaft. Was soll ich dazu groß sagen. Dieser olympische Aspekt von Oper interessiert mich eigentlich nur am Rande. Ist doch oft eine Frage der Tagesform.
Ansonsten kann ich in vielem der Rezension von Werner Theurich auf Spiegel-Online wieder gut folgen. frank-castorf-inszeniert-wagners-walkuere-in-bayreuth-2013-a-913530.html
Manchmal gebiert die Not Großes.
Worum geht es? Er hatte zu wenig zusammenhängende Probenzeit. Er musste die 4 Dramen aktweise proben, immer nach dem, was an Material und Menschen gerade zur Verfügung stand. Also: ein Akt Götterdämmerung, ein Akt Rheingold, ein Akt Walküre etc. So war er gar nicht in der Lage, schreibt er, so etwas wie eine zusammenhängende Dramaturgie zu entwerfen, und irgendwann habe er das auch nicht gebraucht und ganz bewußt an die Kategorie des "Fragments" aus der ästhetischen Theorie der Romantik angeknüpft. So also: nicht nur wie weiland in Stuttgart jeder Oper ein Werk für sich, sondern sogar einzelne Akte oder gar einzelne Elemente, in der Hoffnung, dass die Musik sie zusammenhält.
Das funktionierte gestern Abend sehr gut, die Walküre hatte, trotzt bombastischer Bühen, etwas Kammerspielhaftes. Und sie sie warf auch noch einmal ein rückblickend gutes Licht auf das Rheingold. Es ist eben doch ein zusammenhängendes Werk, und so werden die Rückverweise, mit denen die Musik ja arbeitet, immer wichtiger werden.
Der Mythos, um den ich mir Sorgen machte, liegt, ganz im Sinne von Nietzsches Geburt der Tragödie, in der Musik. Gestern abend wurde er aber auch sichtbar. Das Schwert spielte eine optische Hauptrolle, und das Bild der ausgelassenen, ihre Freiheit ahnenende (und in Wahrheit auf tragische Weise nichtsahnende) Sieglinde, die mit dem Schwert regelrecht tanzte, wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Die Sänger alle absolut top, die Brünnhilde mit Einstiegsproblemen, was zu Buhs führte, die aber im zweiten Akt vergessen waren. Das Orchester der schiere Wahnsinn. Von Verhaltensein wie beim Rheingold keine Spur. Und das tolle in Bayreuth: selbst richtig laut ist niemals Krach. Ich war selig, ganz ernsthaft. Hitze, schmerzendes Knie: alles vergessen, nach wenigen Takten. Das ist schon was.
Etwas ganz seltsames passiert mit dem Mythos. Natürlich passen ein Schwert und Götter nicht ins Aserbeidschan der 20er Jahre. Die äußere Themenebene - das Erdöl - liegt wie eine Art Tapete über dem Ganzen. Es ist eine Interpretationsebene durch Bilder und Gesten, die sehr stark sind, aber immer nur ein Angebot. Es muss gar nicht passsen. Gestern habe ich ja geschrieben, dass Obertitel beim Rheingold nicht funktioniert hätten, weil der Hiat zwischen Text, Musik und Dramaturgie zu deutlich geworden wäre. Heute wären sie sogar gut gewesen, weil sie den Hiat noch sichtbarer gemacht hätten. Es ist völlig klar, dass die "Erdöl"-Interpretation ein solche ist, ein Angebot. Unterhalb der Geschichte wirkt der Mythos. Und das ist ganz schlüssig, auch wenn man über das Aserbeidschan der Revolutionszeit nichts weiß. Da spielt nun wieder das Video eine große Rolle, und gestern war ich dafür sehr dankbar. Die Walküre hat unzweifelhaft himmlische dramaturgische Längen, mehrere Monologe, die sich über 15 Minuten und mehr hinziehen, sind für die Inszenierung immer eine Herausforderung. Castorf inszenierte sie aber aus: über Videos und verhaltene Hintergrundaction. Da konnte man mitmachen, musste aber nicht. Die Schauspieler agierten im Ganzen recht zurückhaltend.
Und was mich dabei total überraschte und vom ersten Moment an tief berührte und unter Wasser setzte: ausgerechnet der Spektakel-Regisseur Castorf brachte eine Walküre auf die Bühne, die vom ersten Moment an innig war. Zwei große, hochproblematische Liebesgeschichten, die von Siegmund und Sieglinde und von Wotan und Brünnhilde, waren vom ersten Moment an als amour fou präsent, so "tristanmässig" habe ich die Walküre noch nicht erlebt. Selbstverständlich waren der Feuerzauber und der Abschied Wotans von seiner Tochter für mich wieder hart an der Grenze des Erträglichen, und gestern war es besonders schlimm. Mein Gott, als Vater die eigene Tochter so reinzureiten, unerträglicher Gedanke. Echtes Feuer auf der Bühne wirkt unglaublich: MAN SPÜRTE DIE HITZE, die zusätzliche.
Und auch wieder toll: die Freude an der Weiblichkeit. Die Walküren, ganz ohne Pferde, rauhbeinig, unglaublich feminin, ausgeprägte Individuen. Die Kamera gab ihnen weiten Raum, und so wurde mir auch zum ersten Mal fast physisch spürbar deutlich, was auch für diese Frauen und Mädchen das Geschehen bedeutet: Das Ende. Und einige von den Sängerinnen spielten das auch aus - die Kamera war währende des gesamten "Walkürenrittes" ständig auf einem der Gesichter, und sie waren großartig. Von verschreckter Kleinmädchenangst bis rauhbeinigem "Was will der Alte" zeigten die schnapssaufenden Damen viel Gefühl. Toll.
*****
Entmythologisierung kann ja Dreierlei bedeuten:
1. Man verleugnet den Mythos: dann kehrt er anderswo unkontrolliert anderswo wieder. Das war meine Sorge im Rheingold. Dem ist nicht so, und dem war auch nicht so. Als Theologe freut mich das. Denn diese Form der Entmythologisierung ist ein krasses Missverständnis davon, was Säkularisierung meint.
2. Man "übersetzt" den Mythos. Das ist jenes Missverständnis, dass meint, es gebe so etwas wie einen aus der Form lösbaren Inhalt, den man dann in andere,"moderne", "zeitgemäße" oder "menschenfreundlichere" Bilder übersetzen könne. Das ist die Wort-zum-Sonntag-Hermeneutik, die mich schier zum Wahnsinn treibt. Weil da am Ende nur blöde, unbegründete Moral herauskkommt und der Glaube auf das bloße Humanum reduziert wird. Für Wagner hieße das dann: was will uns Wagner heute sagen? Eine im Ansatz groteske Frage. Er will uns gar nichts sagen. Er will uns Musik und Theater vorführen, er will uns bewegen, ergreifen und verändern. Aber nicht durch "im Mythos verpackte Botschaften". Bäh. Auch wenn er das zuweilen anders sah. Gottseindank ist das Werk immer klüger als sein Autor.
3. Man erzählt den Mythos einfach. Wenn er wirkt, entmythologisiert er sich selber und verwandelt sich in Klarheit. Zu mystisch? Eben! Ich finde, auf diesem Wege wandelt der Bayreuther Ring. Der Mythos ist da, und die Bilder und Gesten liegen über ihm, und die Geschichte (sowohl als Story wie als History) läuft in ihm ab. Der Mythos ist das Mehr der Wirklichkeit - in Bayreuth durch das unsichtbare Orchester schon fast kalauerhaft deutlich.
Wenn wir das doch nur den Mut hätten, auf der Kanzel so von Gott zu reden, anstatt dauernd irgendetwas zu erklären. Einfach spielen.
Also jetzt bin ich auf Siegfried total gespannt: Immerhin haben wir es da mit einem Drachen zu tun, mit sprechenden Vögeln und recht heftiger Musik. Wenn Castorf an die Walküre nicht anknüpft (sondern auch das wieder souverän der Musik überlässt) werden wir also eine weitere Interpretation von Brünnhildes Schlaf zu sehen bekommen. Darauf freue ich mich am meisten.
Das Publikum war begeistert. Wenn die Inszenierung die Kraft behält, die sie bisher gezeigt hat, kann das ein richtiger Triumph werden. It work´s.
Die Musiker waren fabelhaft. Was soll ich dazu groß sagen. Dieser olympische Aspekt von Oper interessiert mich eigentlich nur am Rande. Ist doch oft eine Frage der Tagesform.
Ansonsten kann ich in vielem der Rezension von Werner Theurich auf Spiegel-Online wieder gut folgen. frank-castorf-inszeniert-wagners-walkuere-in-bayreuth-2013-a-913530.html
Samstag, 27. Juli 2013
Bayreuth 2013, Rheingold, zur Inszenierung
Nun denn also. Ich habe mir bewußt kein Programmheft gekauft und wollte nur erst einmal schauen. Das habe ich dann ja auch getan, und zu sehen gab es ja genug.
Eine Tankstelle mit Motel, auf mehreren Ebenen, 60er oder 70er Jahre Stil, leicht verkommen. Die Akteure deutlich dem halbkriminellen Mileu zugehörig, die Frauen vor allem. In der Rezension von Theurich auf Spiegel-Online, der ich gut folgen kann, ist von blonden Miezen die Rede, ich würde eher von Wuchtbrummen sprechen. Da war richtig viel "Weib" auf der Bühne, vor allem Fricka, die ja gerne mal ein wenig "frigide" dargestellt wird. Wotan hat es, was das betrifft, ziemlich gut, und so sieht man ihn mit Fricka und Freia im Bett. Immerhin bekleidet, sage ich mal.
Denn - der Film (aha, jetzt ist es mir herausgesrutscht)- die Oper arbeitet immer hart am Rand des "Expliziten", Terentino und Meyer lassen in der Tat grüßen, aber auch die Road movies der 60er oder gar James Dean.
Denn - das für mich Auffälligste und Bewegendste war die ungeheure Präsenz roher physischer Gewalt. Nicht nur die Riesen kommen als Schlägertypen von furcheinflössender Brutalität daher. Auch die Rheintöchter strahlen in ihrer Laszivität Gewaltbereitschaft aus. Und so wird Alberich von ihnen schließlich auch regelrecht misshandelt, was bei ihm zu einem Ausbruch von autoaggressiver Gewalt führt (er beschmiert sich mit Senf!) und im autoaggressiven Akt schlechthin, der Selbstverfluchung, mündet. Denn wer der Liebe flucht, der flucht sich auch selbst.
Das ist alles irgendwie schlüssig, kurzweilig, auch z.T. ein wenig Gag-orientiert. Aber natürlich zu 60 Prozent am Text vorbei. Und so gibt es immer wieder Momente, in denen die Handlung stillsteht und selbst auf der Videowand nix passiert. Und damit bin ich beim Kern dessen, was mich umtreibt. Was wird aus dem Mythos? Was wird aus Schwert, Speer und Ring? Speer und Ring tauchen nur ganz am Rande auf. Als Wotan Donner (mit Pistole) zurechtweist: "Nicht mit Gewalt" hört man ja, dass Wotan dazu seinen Speer einsetzt. Aber man sieht nur, dass er zu einer Eisenstange greift, die er hinterher wieder abstellt. Der Ring hat keine wirkliche Gestalt, und auch der Tarnhelm ist, wie soll ich sagen, nicht das, was er in der Musik ist, auch wenn Castorf eine sehr pfiffige, und vom Publikum mit beifälligen Auflachen belohnte, Lösung für Alberichs Verwandlung fand.
Da bin ich jetzt gespannt, wie das weitergeht, wenn das Schwert ins Spiel kommt. Welche Phantasie hat dieser mafiöse Wotan zur Rettung seiner Welt? Wenn es doch offensichtlich doch nur mit Gewalt geht? Und was geschieht mit den mythischen Symbolen? Wenn sie nur Staffage bleiben oder einfach nur übesetzt werden, wird der Hiat zwischen Musik, Text, Handlung und Bühnenbild zu groß werden. Das ist meine Frage. Und meine Sorge. Übrigens von Anfang an, schon als ich nur hörte, was Castorf vorhat. Wird das Konzept tragen? Oder gewinnt am Ende die Musik?
Die Sänger und Sängerinnen wurden extrem schauspielerisch geführt. Das machte ihnen offensichtlich sehr großen Spaß. Und mir auch. Geht doch. Das Rampenrumgestehe tut keinem gut. Das finde ich schon einmal wirklich klasse.
Am beeindruckensten: Erda. Hier habe ich zum ersten Mal verstanden, was für eine chthontische Urmacht hier erscheint und welches unglaubliche, keineswegs nur mentale Begehren sie in Wotan auslöst - und warum sie so ein unglaublich verführerisches, wahrhaft aufgeilendes (verzeihung, aber so ist es!) Thema hat. Erda war hier ganz nah an Kundry und Venus: Großartig.
Und schließlich: Es wird bestimmt viel Castorf-Bashing geben, und ich bin, wie man hoffentlich merkt, auch noch nicht so schlüssig, ob ers es gepackt hat.
Ich sage es mal so: vielleicht fehlt doch etwas Peter Jackson....
Auf einer ersten oberflächlichen Ebene aber möchte ich eines festhalten: Bei allem, was er tun lässt, bleibt er nah an der Musik als Gestus (nicht als Narrativ!). Die Partitur kennt er und auf den Dirigenten hat er gehört. Bis hin zu gestischen Kalauern aller Art.
Mal sehen. Heute Abend wird es ernst. Welche Bilder von Gewalt und Sex mögen wohl der geschwisterliche Inzest, die gewalverliebte Walkürenschar und die nicht ganz saubere Vater-Tochter-Beziehung bei Castorf ausgelöst haben? Hoffentlich wird es jetzt bald Abend!!!!
Eine Tankstelle mit Motel, auf mehreren Ebenen, 60er oder 70er Jahre Stil, leicht verkommen. Die Akteure deutlich dem halbkriminellen Mileu zugehörig, die Frauen vor allem. In der Rezension von Theurich auf Spiegel-Online, der ich gut folgen kann, ist von blonden Miezen die Rede, ich würde eher von Wuchtbrummen sprechen. Da war richtig viel "Weib" auf der Bühne, vor allem Fricka, die ja gerne mal ein wenig "frigide" dargestellt wird. Wotan hat es, was das betrifft, ziemlich gut, und so sieht man ihn mit Fricka und Freia im Bett. Immerhin bekleidet, sage ich mal.
Denn - der Film (aha, jetzt ist es mir herausgesrutscht)- die Oper arbeitet immer hart am Rand des "Expliziten", Terentino und Meyer lassen in der Tat grüßen, aber auch die Road movies der 60er oder gar James Dean.
Denn - das für mich Auffälligste und Bewegendste war die ungeheure Präsenz roher physischer Gewalt. Nicht nur die Riesen kommen als Schlägertypen von furcheinflössender Brutalität daher. Auch die Rheintöchter strahlen in ihrer Laszivität Gewaltbereitschaft aus. Und so wird Alberich von ihnen schließlich auch regelrecht misshandelt, was bei ihm zu einem Ausbruch von autoaggressiver Gewalt führt (er beschmiert sich mit Senf!) und im autoaggressiven Akt schlechthin, der Selbstverfluchung, mündet. Denn wer der Liebe flucht, der flucht sich auch selbst.
Das ist alles irgendwie schlüssig, kurzweilig, auch z.T. ein wenig Gag-orientiert. Aber natürlich zu 60 Prozent am Text vorbei. Und so gibt es immer wieder Momente, in denen die Handlung stillsteht und selbst auf der Videowand nix passiert. Und damit bin ich beim Kern dessen, was mich umtreibt. Was wird aus dem Mythos? Was wird aus Schwert, Speer und Ring? Speer und Ring tauchen nur ganz am Rande auf. Als Wotan Donner (mit Pistole) zurechtweist: "Nicht mit Gewalt" hört man ja, dass Wotan dazu seinen Speer einsetzt. Aber man sieht nur, dass er zu einer Eisenstange greift, die er hinterher wieder abstellt. Der Ring hat keine wirkliche Gestalt, und auch der Tarnhelm ist, wie soll ich sagen, nicht das, was er in der Musik ist, auch wenn Castorf eine sehr pfiffige, und vom Publikum mit beifälligen Auflachen belohnte, Lösung für Alberichs Verwandlung fand.
Da bin ich jetzt gespannt, wie das weitergeht, wenn das Schwert ins Spiel kommt. Welche Phantasie hat dieser mafiöse Wotan zur Rettung seiner Welt? Wenn es doch offensichtlich doch nur mit Gewalt geht? Und was geschieht mit den mythischen Symbolen? Wenn sie nur Staffage bleiben oder einfach nur übesetzt werden, wird der Hiat zwischen Musik, Text, Handlung und Bühnenbild zu groß werden. Das ist meine Frage. Und meine Sorge. Übrigens von Anfang an, schon als ich nur hörte, was Castorf vorhat. Wird das Konzept tragen? Oder gewinnt am Ende die Musik?
Die Sänger und Sängerinnen wurden extrem schauspielerisch geführt. Das machte ihnen offensichtlich sehr großen Spaß. Und mir auch. Geht doch. Das Rampenrumgestehe tut keinem gut. Das finde ich schon einmal wirklich klasse.
Am beeindruckensten: Erda. Hier habe ich zum ersten Mal verstanden, was für eine chthontische Urmacht hier erscheint und welches unglaubliche, keineswegs nur mentale Begehren sie in Wotan auslöst - und warum sie so ein unglaublich verführerisches, wahrhaft aufgeilendes (verzeihung, aber so ist es!) Thema hat. Erda war hier ganz nah an Kundry und Venus: Großartig.
Und schließlich: Es wird bestimmt viel Castorf-Bashing geben, und ich bin, wie man hoffentlich merkt, auch noch nicht so schlüssig, ob ers es gepackt hat.
Ich sage es mal so: vielleicht fehlt doch etwas Peter Jackson....
Auf einer ersten oberflächlichen Ebene aber möchte ich eines festhalten: Bei allem, was er tun lässt, bleibt er nah an der Musik als Gestus (nicht als Narrativ!). Die Partitur kennt er und auf den Dirigenten hat er gehört. Bis hin zu gestischen Kalauern aller Art.
Mal sehen. Heute Abend wird es ernst. Welche Bilder von Gewalt und Sex mögen wohl der geschwisterliche Inzest, die gewalverliebte Walkürenschar und die nicht ganz saubere Vater-Tochter-Beziehung bei Castorf ausgelöst haben? Hoffentlich wird es jetzt bald Abend!!!!
Freitag, 26. Juli 2013
Rheingold Bayreuth 2013
So. Eines weiß ich jetzt: Wer Bayreuth nicht erlebt hat, ist ein Muggel.
Das unsichtbare Orchester und die konsequente Guckkasten-architektur vermitteln das totale Erlebnis. Man ist nach wenigen Minuten völlig versunken. Der Orchesterklang ist so klar, das ich zum ersten Mal nicht die "Leitmotive" irgendwie orten oder wahrnehmen musste. Sie waren einfach da.
Durchsichtig war der Klang bis zur visuellen Klarheit (was die Inszenierung - dazu dann morgen - deutlich untestützte), auch wenn Petrenko, wie ich aus berufenem Munde als erste Einschätzung hörte, offensichtlich die dynamischen Möglichkeiten des Raumes und des Orchesters nicht bis zum letzten ausnutzte. Na, dann wartet ja noch was auf mich, denn ich war heute schon mehr als baff.
Die 2 1/2 Stunden vergingen nicht zuletzt deswegen wie im Flug. Die Stimmen (heute bis auf Freya und Erda auch eher verhalten, wie ich fand, weil die Sänger und Sängerinnen sehr mit Bewegung und Schauspiel beschäftigt waren), sie Stimmen also liegen über der Musik und werden nie von ihr bedrängt. Man versteht, was gesungen wird (meistens). Ich bin mal gespannt, wie jetzt der Klang des offenen Grabens z.b. in Kassel auf mich wirken wird. Tschingdarassabum?
Von meinem Platz aus (okay, der Teuerste des Hauses, das geht auch nur einmal im Leben, ich habe das mit meinen Erben besprochen) konnte man alles sehen, auch die wahrnsinnige Tiefe der Bühne.
Castorf überträgt zudem Live-Kamerabilder auf eine gewaltige Videowand im oberen Bühnendrittel. Dadurch war permanent "action" auf der Bühne.
Ein bemerkenswerter Effekt unter dem Aspekt des Gesamtkunstwerkes: während das Orchester eine Version der Geschichte erzählte, die sich mit der eigentlichen Bühnenaction nicht immer deckte (dazu morgen mehr), erzählte Castorf die Geschichte auch im Hintergrund, der nicht einsehbar ist, weiter, und konnte damit die Geschichte, die die Musik erzählt, oft verblüffend visualisieren (eindrücklich: Wotans Knutscherei mit Erda - die Musik gibts her!!!! Irgendwie muss ja Brünnhilde zu Stande gekommen sein, und bei Castorf deutlich durch einvernehmlichen Sex. Man wird sehen).
Also: Bayreuth lohnt sich, das ist in der Tat eine von den 1000 Sachen, die man als Operfan gemacht haben sollte, bevor man stirbt. Also bitte, gib mir noch wenigstens 6 Tage.
Und alle Muggel sollten lieber etwas vorsichtiger sein mit dem, was sie sagen. Ich sitze auf dem absoluten Bonzenplatz, und ich will lieber gar nicht so genau wissen, wer schon alles mit seinem Nazi- oder sonstwie Hintern in den ehrwürdigen Sessel gefurzt hat. Aber wer auch immer: ich kann verstehen, dass selbst Massenmörder und Psychokrüppel der heftigsten Sorte hier dahingschmelzen. Es ist eine Droge. Und wie alle Drogen macht die Dosis das Gift und die Umstände ihrer Einnahme. Ich werde mich sicher für Bayreuth nicht ruinieren. Aber den Parsifal, dieses schreckliche, unglaublich schöne Ding (siehe meinen Blog zur Kasseler Aufführung) muss ich dann doch mal sehen, weil er für dieses Musik-Kino-Theater-Event-Haus geschrieben wurde.
Das Publikum vermittelt genau das. Es gibt sie wirklich, die Hohenpriester des Wagnertums, die mit Fresse aus der Vorstellung kamen, vielleicht einfach auch nur aus Dummheit oder Sturheit.
Aber die weit größere Mehrheit war sichtbar in angeregte, heitere Gespräche vertieft und kam mit jenem lockern Beinschwung aus dem Haus, der mit der Glückseligkeit verbunden ist. Wer nicht vesteht, was Bayreuth für einen Opernfan bedeutet, muss also wirklich aufpassen, wie er davon redet. Das gilt natürlich gleichermaßen - ich will es wirklich in Analogie setzen - von Menschen, die noch nie beim Rock am Ring waren oder bei einem der großen Folkfestivals.
Und Wagner, soviel steht fest, kann man ohne Bayreuth schon gar nicht im Letzten verstehen. Das war seine Vision. Und nach allem, was ich bisher davon weiß (also Amateur): so nah an dem, was Wagner vorschwebte als Kunstwerk der Zukunft wie heute waren wir nie, schlicht aus technischen Gründen, sängerisch, inszenatorisch und medial.
Bayreuth ist, wenn man es mal so sagen darf, auratisches Senssourround-Kino. Adorno hat Unrecht, wenn er sagt, Wagner sei der Erfinder der Filmmusik. Es ist andersherum. Kino ist der technisch reproduzierte Versuch, Wagner zu imitieren: Vergeblich im Ansatz. Auf der Leinwand sind nur Schatten, aus den Lautsprechern kommen nur analoge Signale. In Bayreuth agieren Menschen. Es ist das humane Gesamtkunstwerk schlechthin (wie es die Messe einmal war).
Soviel erst einmal von einem Bayreuth-Frischling.
Morgen dann etwas zur Inszenierung.Stichworte: Erotik bis an die Pornografiegrenze (oh, was werden wir in der Walküre zu sehen bekommen?), lauter leicht verkommene Prachtweiber; Gewalthaltigkeit bis an die Brutalitätsgrenze (ich freu mich schon auf Hunding und Hagen), Kalauer und das Scheitern am Mythos; Russ Meyer und Quentin Tarantino. Wieso Öl und nicht Koks, fragt man sich? Und wo ist der Speer?
Das unsichtbare Orchester und die konsequente Guckkasten-architektur vermitteln das totale Erlebnis. Man ist nach wenigen Minuten völlig versunken. Der Orchesterklang ist so klar, das ich zum ersten Mal nicht die "Leitmotive" irgendwie orten oder wahrnehmen musste. Sie waren einfach da.
Durchsichtig war der Klang bis zur visuellen Klarheit (was die Inszenierung - dazu dann morgen - deutlich untestützte), auch wenn Petrenko, wie ich aus berufenem Munde als erste Einschätzung hörte, offensichtlich die dynamischen Möglichkeiten des Raumes und des Orchesters nicht bis zum letzten ausnutzte. Na, dann wartet ja noch was auf mich, denn ich war heute schon mehr als baff.
Die 2 1/2 Stunden vergingen nicht zuletzt deswegen wie im Flug. Die Stimmen (heute bis auf Freya und Erda auch eher verhalten, wie ich fand, weil die Sänger und Sängerinnen sehr mit Bewegung und Schauspiel beschäftigt waren), sie Stimmen also liegen über der Musik und werden nie von ihr bedrängt. Man versteht, was gesungen wird (meistens). Ich bin mal gespannt, wie jetzt der Klang des offenen Grabens z.b. in Kassel auf mich wirken wird. Tschingdarassabum?
Von meinem Platz aus (okay, der Teuerste des Hauses, das geht auch nur einmal im Leben, ich habe das mit meinen Erben besprochen) konnte man alles sehen, auch die wahrnsinnige Tiefe der Bühne.
Castorf überträgt zudem Live-Kamerabilder auf eine gewaltige Videowand im oberen Bühnendrittel. Dadurch war permanent "action" auf der Bühne.
Ein bemerkenswerter Effekt unter dem Aspekt des Gesamtkunstwerkes: während das Orchester eine Version der Geschichte erzählte, die sich mit der eigentlichen Bühnenaction nicht immer deckte (dazu morgen mehr), erzählte Castorf die Geschichte auch im Hintergrund, der nicht einsehbar ist, weiter, und konnte damit die Geschichte, die die Musik erzählt, oft verblüffend visualisieren (eindrücklich: Wotans Knutscherei mit Erda - die Musik gibts her!!!! Irgendwie muss ja Brünnhilde zu Stande gekommen sein, und bei Castorf deutlich durch einvernehmlichen Sex. Man wird sehen).
Also: Bayreuth lohnt sich, das ist in der Tat eine von den 1000 Sachen, die man als Operfan gemacht haben sollte, bevor man stirbt. Also bitte, gib mir noch wenigstens 6 Tage.
Und alle Muggel sollten lieber etwas vorsichtiger sein mit dem, was sie sagen. Ich sitze auf dem absoluten Bonzenplatz, und ich will lieber gar nicht so genau wissen, wer schon alles mit seinem Nazi- oder sonstwie Hintern in den ehrwürdigen Sessel gefurzt hat. Aber wer auch immer: ich kann verstehen, dass selbst Massenmörder und Psychokrüppel der heftigsten Sorte hier dahingschmelzen. Es ist eine Droge. Und wie alle Drogen macht die Dosis das Gift und die Umstände ihrer Einnahme. Ich werde mich sicher für Bayreuth nicht ruinieren. Aber den Parsifal, dieses schreckliche, unglaublich schöne Ding (siehe meinen Blog zur Kasseler Aufführung) muss ich dann doch mal sehen, weil er für dieses Musik-Kino-Theater-Event-Haus geschrieben wurde.
Das Publikum vermittelt genau das. Es gibt sie wirklich, die Hohenpriester des Wagnertums, die mit Fresse aus der Vorstellung kamen, vielleicht einfach auch nur aus Dummheit oder Sturheit.
Aber die weit größere Mehrheit war sichtbar in angeregte, heitere Gespräche vertieft und kam mit jenem lockern Beinschwung aus dem Haus, der mit der Glückseligkeit verbunden ist. Wer nicht vesteht, was Bayreuth für einen Opernfan bedeutet, muss also wirklich aufpassen, wie er davon redet. Das gilt natürlich gleichermaßen - ich will es wirklich in Analogie setzen - von Menschen, die noch nie beim Rock am Ring waren oder bei einem der großen Folkfestivals.
Und Wagner, soviel steht fest, kann man ohne Bayreuth schon gar nicht im Letzten verstehen. Das war seine Vision. Und nach allem, was ich bisher davon weiß (also Amateur): so nah an dem, was Wagner vorschwebte als Kunstwerk der Zukunft wie heute waren wir nie, schlicht aus technischen Gründen, sängerisch, inszenatorisch und medial.
Bayreuth ist, wenn man es mal so sagen darf, auratisches Senssourround-Kino. Adorno hat Unrecht, wenn er sagt, Wagner sei der Erfinder der Filmmusik. Es ist andersherum. Kino ist der technisch reproduzierte Versuch, Wagner zu imitieren: Vergeblich im Ansatz. Auf der Leinwand sind nur Schatten, aus den Lautsprechern kommen nur analoge Signale. In Bayreuth agieren Menschen. Es ist das humane Gesamtkunstwerk schlechthin (wie es die Messe einmal war).
Soviel erst einmal von einem Bayreuth-Frischling.
Morgen dann etwas zur Inszenierung.Stichworte: Erotik bis an die Pornografiegrenze (oh, was werden wir in der Walküre zu sehen bekommen?), lauter leicht verkommene Prachtweiber; Gewalthaltigkeit bis an die Brutalitätsgrenze (ich freu mich schon auf Hunding und Hagen), Kalauer und das Scheitern am Mythos; Russ Meyer und Quentin Tarantino. Wieso Öl und nicht Koks, fragt man sich? Und wo ist der Speer?
Ring des Nibelungen, Bayreuth 2013, V.
Die ersten Eindrücke. Wir kamen ja gestern Abend mitten in den Aufbruch zum Holländer. Das war schon ein spezieller Anblick und ein bemerkenswertes Gefühl. Unser Kangoo stach zwischen Bentley, Porsche SUV, Mercedes und BMW 7 doch etwas heraus, und auch der kurzbehoste und mit Leisure-Hemd bekleidete Pfarrer wirkte etwas fremd....war schon schwerste Gala, und nicht immer vom Gipfel des guten Geschmacks, aber sicher vom Gipfel der Investition in Kleidung und Friseur geprägt. Und es gab auch allerhand befremdliches hochherrschaftliches Verhalten im Umgang mit dem wirklich freundlichen Personal zu sehen und zu hören. Doch aber auch Menschen, denen die Vorfreude im Gesichte stand. Schön. Es ist eben ein Festival....das war beim Frühstück dann besonders deutlich. Die japanischen Gäste kamen auch eher feierlich schick, aber der Rest in sehr teutonischer Freizeitkleidung, es herrscht eine heiter gelöste Stimmung. Es ist schon wie damals auf der Loreley oder beim Open Flair: Festival halt, man ist irgendwie unter sich, jeder weiß, warum der andere hier ist. Freilich habe ich gestern Abend beim Absacker in der Bar auch außerordentlich befremdlich-konservative Töne gehört, von denen ich nur hoffen kann, dass sie nicht mainstream sind. Erstaunlicherweise hatten hier die Frauen die klare Führungsposition, die Männer nickten eher beifällig.
Heute morgen also nun einführungsvortrag von Stefan Mickisch. Da freue ich mich sehr drauf, inklusive schöner Spaziergang durch Bayreuth, schöne, keineswegs provinzielle Stadt übrigens mit moderaten Preisen (keine Abzocke, die gibt es hier übrigens sowieso kaum.). Und wer will, kann jeden Tag von Morgens bis Abends irgendetwas machen. Hier lebte ja auch Jean Paul, der auch sein Publikum hat, wenn man die Veranstaltungsankündigungen betrachtet.
Nun denn. Das Abenteuer hat begonnen. Schön zu spüren, dass ich noch aufgeregt sein kann wie ein Backfisch. Schade, aber wahrscheinlich einem höheren Plan zu verdanken (...dass ich mich nicht überhebe...): mein Meniskus macht Mucken. Laufen ist mühsam. Gott sei Dank nicht das Sitzen. Das wär´s dann noch....
Heute morgen also nun einführungsvortrag von Stefan Mickisch. Da freue ich mich sehr drauf, inklusive schöner Spaziergang durch Bayreuth, schöne, keineswegs provinzielle Stadt übrigens mit moderaten Preisen (keine Abzocke, die gibt es hier übrigens sowieso kaum.). Und wer will, kann jeden Tag von Morgens bis Abends irgendetwas machen. Hier lebte ja auch Jean Paul, der auch sein Publikum hat, wenn man die Veranstaltungsankündigungen betrachtet.
Nun denn. Das Abenteuer hat begonnen. Schön zu spüren, dass ich noch aufgeregt sein kann wie ein Backfisch. Schade, aber wahrscheinlich einem höheren Plan zu verdanken (...dass ich mich nicht überhebe...): mein Meniskus macht Mucken. Laufen ist mühsam. Gott sei Dank nicht das Sitzen. Das wär´s dann noch....
Mittwoch, 24. Juli 2013
Peter Wapnewski über Wagner
Wapnewskis Wagner-Lektüre ist sehr anregend. Ich denke, er ist auf der richtigen Spur. Vielleicht eine Spur zu affirmativ - auch wenn Wagners Antisemitismus nicht "rassistisch" war, sondern vom Ressentiment herkam, war er für Hitler doch ein Kronzeuge.
Was er über die Wagner-Halbschwestern sagt, ist konservativer Unfug.
Was er über die Wagner-Halbschwestern sagt, ist konservativer Unfug.
Der Ring des Nibelungen, Bayreuth 2013 IV. Hermeneutik, Schöpfung, Autor und Werk.
Nun habe ich angefangen, die Monographie über "Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth" von Brigitte Hamann zu lesen.
Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth
Eine ebenso niederschmetternde wie erhellende Lektüre. Man kann es kaum nachvollziehen, wie das nationalkonservative Bürgertum agierte und dachte. Man muss es vom ersten Weltkrieg her lesen, und mein Verdacht, dass die Lust am Untergang (also die Wotan-Schiene des Ringes) hier unterschwellig kräftig am Werke war, erhärtet sich immer mehr. Aber als Theologe gehen mir noch ganz andere Dinge durch den Kopf.
1. Man muss das Werk vor seinem Autor schützen.
Das Werk weiß immer mehr als der Autor.
Das ist eine Erfahrung, die jeder predigende Mensch gemacht haben sollte. Der fertige Text sagt oft mehr und anderes als das, was der Autor, die Autorin als die schlechtesten Leser dieses Texte darin zu erkennen meinen. Wer das nicht weiß, wer das noch nie erfahren hat, lebt in einer gefährlichen und gefährdeten Welt voller rätselhafter Ereignisse. Es wird ihm gehen wie Mime, nachdem Siegfried vom Drachenblut geleckt hat und nicht Mimes Worte, sondern Mimes Intention versteht. Völlig genervt ruft Mime zwischendurch: "Ja, sagt ich das denn?" Hat er.
Wer diese Erfahrung noch nie gemacht hat, ist entweder dumm (und das ist sogar die ursprüngliche Bedeutung des Wortes dumm: nämlich "taub", ähnlich "doof") oder egozentrisch oder - fundamentalistisch im Kern. Denn Fundamentalismus ist die Unfähigkeit, Texte interpretieren zu können, auch die eigenen. Fundamentalismus ist der Irrtum, dass das, "was das steht", auch das ist, "was gemeint" ist. In diesem Sinne muss man das Werk vor seinem Autor schützen. Er versteht es am schlechtesten. Das ist übrigens, für die echten Theologinnen und Theologen unter den LeserInnen, der Ansatz der Schleiermacherschen Hermeneutik.
Wagner ist auch hier der Inbegriff des 19. Jahrhunderts. Auf der einen Seite benutzt das in drei Jahrhunderten erarbeitete Material (Oper, funktionale Tonalität, diszipliniertes Publikum, bürgerliche Theaterkultur, professionelle Orchester etc.) bis ins Extrem und weiß ganz genau, was er tut, auf der anderen Seite hat eine völlig krasse Fehlwahrnehmung der Wirkung dessen, was er tut.
Allen Theologen eine Warnung, gleichzeitig auch ein Hinweis auf die biblische Hermeneutik. Die Bibel kann nicht nicht von ihren Autoren her gelesen werden, dass ist der Grundirrtum einer naiven Hermeneutik des "es steht doch so da" und einer historischen Kritik, die ihren konstruktivistischen Charakter nicht erkennt. "Der Autor" ist eine Hilfskategorie zur Erfassung der Kausalität des Textes.
Interessant wird die Frage, wenn man den Begriff des Schöpfertums auf den Künstler anwendet, und dann auf Gott zurückanwendet. Die Schöpfung konsequent als Kunstwerk verstanden.....interessanter Begriff von "Allmacht" und "Allwissenheit", der dabei herauskommt. Man kann dann die Schöpfung nicht unabhängig von ihrer Rezeption durch das Geschaffene verstehen. Das wäre christologisch gut zu denken, und trinitarisch allemal: Christus, der perfekte Rezipient, der die Schöpfung besser vestanden hat, als ihr Schöpfer, weil er sie konsequent auf Liebe hin auslegt. Auch gelte dann: Man muss das Werk vor seinem Schöpfer schützen.
2. Man muss den Autor von den Rezipienten schützen. Das ist nur die Umkehrung des eben gesagten. Es geht um die Vermeidung von Rückprojektion. Im Falle Wagners: es wird nicht wirklich gelingen, das Werk biographisch zu verorten. So funktioniert Kunst nicht. Isolde ist nicht Mathilde Wesendonk, Beckmesser ist kein Jude (eher Eduard Hanslick, Wagners erbitterter Antipode - aus Wagners Sicht!). Jede Aufführung, die so ansetzt, geht in die Hose, und jeder Versuch, den Künstler von seinem Werk her zu verstehen, hat nicht verstanden, was Kunst ist und welche Rolle das Material dabei spielt (gerade Wagner war oft auch verblüfft, welche Eigenleben das Material oft führte. Gerade beim Ring!). Theologisch ist klar, wohin das führt. Natürliche Gotteserkenntnis ist unmöglich, selbst Gott erfährt aus der Schöpfung mehr über sich, als er vorher gewußt hat (wieder ein Grundgedanke der Trinititätstheologie!). Man muss Gott vor den falschen Frommen schützen - die Intention Jesu in der Bergpredigt und die ganze Leidenschaft des Paulus.
3. Man muss das Werk vor seinen Rezipienten schützen.
Das versteht sich, wenn das vorher Gesagte einigermaßen stimmt, von selbst. Wird aber gerne übesehen. Bei einem Werk wie dem Wagnerschen und einer Persönlichkeit wie seiner gilt das in hohem Maße. Bereits sein mediokrer Sohn (gnadenloses Schicksal, wirklich gnadenlos) hat gar nicht kapiert, was Wagner wollte. Und unter Cosima fror Bayreuth auf dem Niveau der ersten Festspiele ein, von denen Wagner so enttäuscht war, dass er das Konzept des "unsichtbaren Theaters" entwickelte (!!!! was für ein krasser Gedanke und was für eine Regieherausforderung im Zeitalter der Virtualität!).
Und dann geriet das Werk in die Hand von Soziopathen ersten Ranges und die Mühle des kleinkarierten Untergangs-Bürgertumes (ähnlich übrigens, wie es Brecht in der DDR ergangen ist). Es ist ein Grauen. Das Schlimme an Wagner ist, dass seine Oberfläche so griffig ist, ich merke das daran, wie fasziniert meine Kinder vor der Glotze hocken, wenn ich Wagner gucke. Das hat wirklich etwas von Religion, die eine zum Aberglauben führende Außenseite hat. Jeder Depp meint, es verstanden zu haben. Da ist Wagner ein Verführer wie nur wenig andere (Shakespeare vielleicht noch und wie, ganz anders in der Wirkung das "Wolferl" Mozart, der so wenig "Wolferl" war wie Haydn "Pappa"). Wagner ist, wenn man so will, auf sich selber reingefallen. Er ist der erste Rezipient seines Werkes, vor dem man das Werk schützen muss (seltsame Analogie zu Bruckner).
Vor dieser versimpelten Rezeption muss man das Werk durch Verkomplizierung schützen. Unbedingt. Da bin ich jetzt auf Castorf sehr gespannt. Ich fürchte, dass ihm das mit der Gleichung Rheingold-Erdöl nicht wirklich gelingen wird.
Theologisch heißt das: Die Schrift vor ihren Lesern schützen. Wie geht das? Durch ständige Inszenierung und Neuinterpretation, also Verkomplizierung. Und nicht Lockerlassen: die Textoberfläche ist nicht die Bedeutung des Textes. Die Wörter sind nicht der lebendige Christus. Der stellt sich ein, wenn die Worter als DAS WORT interpretiert werden.
''''''''
Wie ich darauf komme, Wagner sozusagen theologisch zu betrachten? Weil er konsequent der Beleg dafür ist, das Mythen eben doch Autoren haben. Und das ist ein Grundproblem der Theologie: Die Autorschaft der Schrift, die von vielen auf die Autorenschaft der biblischen Autoren verkürzt wird und damit in einer Weise pluralisiert, die es eben unmöglich macht, die Bibel als Mythos zu lesen. Der Rest schlechter Romantik meldet sich hier, die den Autor unsichtbar machen will, und schlimmer noch, der szientistische Ansatz, der den Mythos und seine Kurzform, das Gleichnis, als eins-zu-eins Formel versteht. Dagegen muss im Namen des Werkes, der Schöpfung, Einspruch erhoben werden. Der Autor der Schrift ist der Heilige Geist.
*********
Dann fragt sich natürlich, wenn man die Analogie weitertreibt, wer denn der Autor von Wagners Werken ist. Verfluchte Klemme!
Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth
Eine ebenso niederschmetternde wie erhellende Lektüre. Man kann es kaum nachvollziehen, wie das nationalkonservative Bürgertum agierte und dachte. Man muss es vom ersten Weltkrieg her lesen, und mein Verdacht, dass die Lust am Untergang (also die Wotan-Schiene des Ringes) hier unterschwellig kräftig am Werke war, erhärtet sich immer mehr. Aber als Theologe gehen mir noch ganz andere Dinge durch den Kopf.
1. Man muss das Werk vor seinem Autor schützen.
Das Werk weiß immer mehr als der Autor.
Das ist eine Erfahrung, die jeder predigende Mensch gemacht haben sollte. Der fertige Text sagt oft mehr und anderes als das, was der Autor, die Autorin als die schlechtesten Leser dieses Texte darin zu erkennen meinen. Wer das nicht weiß, wer das noch nie erfahren hat, lebt in einer gefährlichen und gefährdeten Welt voller rätselhafter Ereignisse. Es wird ihm gehen wie Mime, nachdem Siegfried vom Drachenblut geleckt hat und nicht Mimes Worte, sondern Mimes Intention versteht. Völlig genervt ruft Mime zwischendurch: "Ja, sagt ich das denn?" Hat er.
Wer diese Erfahrung noch nie gemacht hat, ist entweder dumm (und das ist sogar die ursprüngliche Bedeutung des Wortes dumm: nämlich "taub", ähnlich "doof") oder egozentrisch oder - fundamentalistisch im Kern. Denn Fundamentalismus ist die Unfähigkeit, Texte interpretieren zu können, auch die eigenen. Fundamentalismus ist der Irrtum, dass das, "was das steht", auch das ist, "was gemeint" ist. In diesem Sinne muss man das Werk vor seinem Autor schützen. Er versteht es am schlechtesten. Das ist übrigens, für die echten Theologinnen und Theologen unter den LeserInnen, der Ansatz der Schleiermacherschen Hermeneutik.
Wagner ist auch hier der Inbegriff des 19. Jahrhunderts. Auf der einen Seite benutzt das in drei Jahrhunderten erarbeitete Material (Oper, funktionale Tonalität, diszipliniertes Publikum, bürgerliche Theaterkultur, professionelle Orchester etc.) bis ins Extrem und weiß ganz genau, was er tut, auf der anderen Seite hat eine völlig krasse Fehlwahrnehmung der Wirkung dessen, was er tut.
Allen Theologen eine Warnung, gleichzeitig auch ein Hinweis auf die biblische Hermeneutik. Die Bibel kann nicht nicht von ihren Autoren her gelesen werden, dass ist der Grundirrtum einer naiven Hermeneutik des "es steht doch so da" und einer historischen Kritik, die ihren konstruktivistischen Charakter nicht erkennt. "Der Autor" ist eine Hilfskategorie zur Erfassung der Kausalität des Textes.
Interessant wird die Frage, wenn man den Begriff des Schöpfertums auf den Künstler anwendet, und dann auf Gott zurückanwendet. Die Schöpfung konsequent als Kunstwerk verstanden.....interessanter Begriff von "Allmacht" und "Allwissenheit", der dabei herauskommt. Man kann dann die Schöpfung nicht unabhängig von ihrer Rezeption durch das Geschaffene verstehen. Das wäre christologisch gut zu denken, und trinitarisch allemal: Christus, der perfekte Rezipient, der die Schöpfung besser vestanden hat, als ihr Schöpfer, weil er sie konsequent auf Liebe hin auslegt. Auch gelte dann: Man muss das Werk vor seinem Schöpfer schützen.
2. Man muss den Autor von den Rezipienten schützen. Das ist nur die Umkehrung des eben gesagten. Es geht um die Vermeidung von Rückprojektion. Im Falle Wagners: es wird nicht wirklich gelingen, das Werk biographisch zu verorten. So funktioniert Kunst nicht. Isolde ist nicht Mathilde Wesendonk, Beckmesser ist kein Jude (eher Eduard Hanslick, Wagners erbitterter Antipode - aus Wagners Sicht!). Jede Aufführung, die so ansetzt, geht in die Hose, und jeder Versuch, den Künstler von seinem Werk her zu verstehen, hat nicht verstanden, was Kunst ist und welche Rolle das Material dabei spielt (gerade Wagner war oft auch verblüfft, welche Eigenleben das Material oft führte. Gerade beim Ring!). Theologisch ist klar, wohin das führt. Natürliche Gotteserkenntnis ist unmöglich, selbst Gott erfährt aus der Schöpfung mehr über sich, als er vorher gewußt hat (wieder ein Grundgedanke der Trinititätstheologie!). Man muss Gott vor den falschen Frommen schützen - die Intention Jesu in der Bergpredigt und die ganze Leidenschaft des Paulus.
3. Man muss das Werk vor seinen Rezipienten schützen.
Das versteht sich, wenn das vorher Gesagte einigermaßen stimmt, von selbst. Wird aber gerne übesehen. Bei einem Werk wie dem Wagnerschen und einer Persönlichkeit wie seiner gilt das in hohem Maße. Bereits sein mediokrer Sohn (gnadenloses Schicksal, wirklich gnadenlos) hat gar nicht kapiert, was Wagner wollte. Und unter Cosima fror Bayreuth auf dem Niveau der ersten Festspiele ein, von denen Wagner so enttäuscht war, dass er das Konzept des "unsichtbaren Theaters" entwickelte (!!!! was für ein krasser Gedanke und was für eine Regieherausforderung im Zeitalter der Virtualität!).
Und dann geriet das Werk in die Hand von Soziopathen ersten Ranges und die Mühle des kleinkarierten Untergangs-Bürgertumes (ähnlich übrigens, wie es Brecht in der DDR ergangen ist). Es ist ein Grauen. Das Schlimme an Wagner ist, dass seine Oberfläche so griffig ist, ich merke das daran, wie fasziniert meine Kinder vor der Glotze hocken, wenn ich Wagner gucke. Das hat wirklich etwas von Religion, die eine zum Aberglauben führende Außenseite hat. Jeder Depp meint, es verstanden zu haben. Da ist Wagner ein Verführer wie nur wenig andere (Shakespeare vielleicht noch und wie, ganz anders in der Wirkung das "Wolferl" Mozart, der so wenig "Wolferl" war wie Haydn "Pappa"). Wagner ist, wenn man so will, auf sich selber reingefallen. Er ist der erste Rezipient seines Werkes, vor dem man das Werk schützen muss (seltsame Analogie zu Bruckner).
Vor dieser versimpelten Rezeption muss man das Werk durch Verkomplizierung schützen. Unbedingt. Da bin ich jetzt auf Castorf sehr gespannt. Ich fürchte, dass ihm das mit der Gleichung Rheingold-Erdöl nicht wirklich gelingen wird.
Theologisch heißt das: Die Schrift vor ihren Lesern schützen. Wie geht das? Durch ständige Inszenierung und Neuinterpretation, also Verkomplizierung. Und nicht Lockerlassen: die Textoberfläche ist nicht die Bedeutung des Textes. Die Wörter sind nicht der lebendige Christus. Der stellt sich ein, wenn die Worter als DAS WORT interpretiert werden.
''''''''
Wie ich darauf komme, Wagner sozusagen theologisch zu betrachten? Weil er konsequent der Beleg dafür ist, das Mythen eben doch Autoren haben. Und das ist ein Grundproblem der Theologie: Die Autorschaft der Schrift, die von vielen auf die Autorenschaft der biblischen Autoren verkürzt wird und damit in einer Weise pluralisiert, die es eben unmöglich macht, die Bibel als Mythos zu lesen. Der Rest schlechter Romantik meldet sich hier, die den Autor unsichtbar machen will, und schlimmer noch, der szientistische Ansatz, der den Mythos und seine Kurzform, das Gleichnis, als eins-zu-eins Formel versteht. Dagegen muss im Namen des Werkes, der Schöpfung, Einspruch erhoben werden. Der Autor der Schrift ist der Heilige Geist.
*********
Dann fragt sich natürlich, wenn man die Analogie weitertreibt, wer denn der Autor von Wagners Werken ist. Verfluchte Klemme!
Dienstag, 23. Juli 2013
Man of steel
Nun, Superhelden haben mich nie wirklich fasziniert, außer Batman. Ich konnte mir die Heftchen einfach nicht leisten als Jugendlicher und irgendwie - das war nicht Science-Fiction, wie ich sie verstand. Deshalb war ich ja Perry-Rhodan Leser. Und warte bis heute auf den Perry-Rhodan Film. Das müsste heute alles machbar sein, was die Autoren da schon in den 60er fabulierten.
Also 'Superman' nur geliehen, gelegentlich und immer mit leichtem Befremden. Wenn auch der Traum vom Fliegen ohne alle bis heute stark ist bei mir. Da mein Sohn inzwischen ein ziemlicher Comic-Fan ist, waren wir also heute im Kino.
Und?
Während ich dem Iron-Man wegen seiner Ironie recht viel abgewinnen konnte und die Dark-Knight Filme soger richtig gut finde, war ich heute mal so richtig enttäuscht. Nur Kawumm, selbst die Musik von Zimmer (der für Emmerich schreibt und Ridley Scott) nervte, die Spitzenschauspieler (ein cast wie eine Oscar-Veteranentreffen) wurden schlecht geführt, es war einfach nur blöder Bombast. Die Action-Sequenzen waren überzogen, die Gewalt nicht recht eingebaut, Masse statt Klasse. Schade eigentlich, denn Superheldenfilme, siehe Spidermann, können durchaus auch Handlung und Charaktere enthalten. Gerade Supermann bietet sich dafür an, aber der Film hat es nicht gepackt. Er blieb im rein optischen stecken, und da kann man nur sagen: Emmerich kann besser Städte zerfräsen. Ich hatte ein wenig gehofft, auf ähnlich ästhetisierte und leicht ironsich gebrochene Bilder und Handlungsfäden wie in Zack Snyders Meisterwerk "300" zu treffen, aber weit gefehlt.
Nun, muss ja auch nicht sein. Es zeigt sich nur, das Überwältigungsästhetik keine Massenschlacht sein muss und vor allem umgekehrt.
Was mich wieder auf Wagner bringt, aber lassen wir das.
Also 'Superman' nur geliehen, gelegentlich und immer mit leichtem Befremden. Wenn auch der Traum vom Fliegen ohne alle bis heute stark ist bei mir. Da mein Sohn inzwischen ein ziemlicher Comic-Fan ist, waren wir also heute im Kino.
Und?
Während ich dem Iron-Man wegen seiner Ironie recht viel abgewinnen konnte und die Dark-Knight Filme soger richtig gut finde, war ich heute mal so richtig enttäuscht. Nur Kawumm, selbst die Musik von Zimmer (der für Emmerich schreibt und Ridley Scott) nervte, die Spitzenschauspieler (ein cast wie eine Oscar-Veteranentreffen) wurden schlecht geführt, es war einfach nur blöder Bombast. Die Action-Sequenzen waren überzogen, die Gewalt nicht recht eingebaut, Masse statt Klasse. Schade eigentlich, denn Superheldenfilme, siehe Spidermann, können durchaus auch Handlung und Charaktere enthalten. Gerade Supermann bietet sich dafür an, aber der Film hat es nicht gepackt. Er blieb im rein optischen stecken, und da kann man nur sagen: Emmerich kann besser Städte zerfräsen. Ich hatte ein wenig gehofft, auf ähnlich ästhetisierte und leicht ironsich gebrochene Bilder und Handlungsfäden wie in Zack Snyders Meisterwerk "300" zu treffen, aber weit gefehlt.
Nun, muss ja auch nicht sein. Es zeigt sich nur, das Überwältigungsästhetik keine Massenschlacht sein muss und vor allem umgekehrt.
Was mich wieder auf Wagner bringt, aber lassen wir das.
Montag, 22. Juli 2013
Der Ring des Nibelungen, Bayreuth 2013 III. Hitler
Ich habe mich jetzt einmal durch den Met-Ring via DVD und Dolby Surround durchgewonnt (Na, ein Neologismus, könnte vom Meister sein, ist er aber nicht).
Gerade die Met-Inszenierung, mit viel bestaunenswerter Theatertechnik aber null Regie, lässt Raum für intensive Wahrnehmung des Textes und der Textur.
Und ich frage mich, wie hat Hitler Wagner rezipiert? Ich muss mal schauen, ob es dazu Untersuchungen gibt. Wenn es ein Bühnenstück gibt, das die Unmöglichkeit des Gelingens von Bemächtigung und das Risiko der Totalvernichtung beim bloßen Versuch zum Inhalt hat, dann doch der Ring.
Sie bleiben doch alle auf der Strecke (außer Alberich. Keine schöne Perspektive).
Und Wotan, mit seinem Versuch, Macht ohne Gewalt zu etablieren - Rheingold! Er fällt Donner in die Waffe, und dazu erklingt zum ersten Mal das Speermotiv und mit ihm die fallende Linie der Götterdämmerung - Wotan muss doch jedem, der versucht diesen Weg der Bemächtigun zu gehen, eine tiefe Warnung sein. Er entfesselt am Ende mit seinem Versuch, alles über "Verträge" zu regeln, eine Orgie von Inzest und Gewalt. Überhaupt der Inzest. Alle Frauen außer Gutrune sind irgendwie Siegfrieds Tanten, er ist sein eigener Neffe, Ahnenschwund vom feinsten. Das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was mit Rassereinheit gemeint ist - und man sieht, wohin sie führt. Siegfried ist ein degenierter Schwachkopf. Wagner ist durchdrungen vom anachistischen Misstrauen gegen jede Form von Macht, die nicht irgendwie auf Liebe basiert (was ja im Parsifal fast groteske Zügen annimmt)
Was also hat Hitler daran so fasziniert? War er zu dämlich, das zu begreifen? Hat er Wagner genauso dummdreist usurpiert wie andere Denker, auf die er meint, sich berufen zu können?
Klebte er, wie so viele, die Wagner nicht kennen, an der Textoberfläche mit ihrer vermeintlichen Deutschtümelei? War er Bombast der Musik, dann freilich lostgelöst vom Plot betrachtet?
Oder war es, schlimmste aller Vermutungen, Wagners personenzentrierter, charakterschwacher Antisemitismus, der Hitler die Wahrnehmung dessen vernebelte, was er zu sehen und zu hören bekam? KEINER der Mächtigen hat bei Wagner auch nur eine Sekunde eine Chance.Am Ende überlebt nicht nur Alberich, sondern auch eine führungslose Menschheit, während aus dem Orchestergraben Erlösungstöne jauchzen (!).
Es gibt noch eine dritte Vermutung. Sollte es so sein, dass es Wotans Untergangspathos ist, das Hitler faszinierte? Amfortas Sterbenwollen? Des Holländers Vernichtungswünsche? Tannhäusers (Dresdner-) "Scheißegal"-Pathos? Oder Hans Sachsens schwer erträgliche Altmännerdepression?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hitler sich mit Siegfried oder Parsifal identifizierte: der eine ist ein kompletter Idiot, der andere ein frommer Narr. Er wird sich schon mit den alten Weisen identifiziert haben, den Strippenziehern, den Losern im Gigant-Format (was er offensichtlich nicht so sah).
Dann freilich tut sich ein ungeheurer Abgrund auf, denn das würde bedeuten, dass Hitler dem eigenen Untergang heroische Qualität verliehen hat und daas sein Streben ab einem gewissen Punkt sozusagen das Fällen der Weltesche inszenierte.
Ab wann dann? Und wenn, warum? Weil die Deutschen historisch versagt haben und deswegen der Untergang die einzige Lösung ist?
Der Frage werde ich jetzt mal nachgehen: der Führerbunker als Götterdämmerungswalhall, der Krieg als Entschluß zum kollektiven Untergang - es muss doch irgeneinen klugen Kopf geben, der sich darüber schon einmal Gedanken gemacht hat.
Falls sich ein Wagnerkundiger via Google hierher verirrt haben sollte: Ich bin für jeden Hinweis dankbar.
Erster Fund eingegangen: zu simpel als Erklärung.
http://www.zeit.de/1997/16/Hitlers_Wagner
Was ich weiters schon zusammentragen konnte, ist niederschmetternd. Das große Kunst und große Niedertracht gut zusammenwohnen können, ist keine Neuigkeit (und Wagner ein besonders gutes Beispiel dafür). Aber kleinbürgerliche Viertelbildung und absolute Barbarei, ein Höllengemisch aus Dummheit, Ignoranz und Verblendung - also Hitler - ist doch eine Mischung, vor der es mir immer wieder graust. Denn das Schlimme ist ja, dass diese Mischung recht häufig vorkommt. Normalerweise bleibt sie aber in irgendwelchen dunklen Winkeln. Aber die Bayreuther Frauen haben diesen intellektuellen Gartenzwerg in ihren Kreisen aufgenommen, und er hat ihre schlimmsten Seiten bestärkt. Hagen also als der Erzjude, der Siegfried (gleich Deutschland) den Dolch in den Rücken stösst. Das muss doch jedem, der das gehört hat, den Magen umgedreht haben. Hat es aber nicht. Und das dreht mir den Magen um. Ich habe ja schon meine liebe Not mit den Christenmenschen, die sich auch der viertelverstandenen Bibel + Trümmern bürgerlicher Weltanschauung eine kleinkarierte Frömmigkeit zusammenbauen. Aber die nerven nur. Politisch aber....wieviel sitzen in Bayreuth in der Aufführung, und sehen nicht, was geschieht, sonden halbvestehend nur das, was sie immer schon wussten? Ich bin gespannt.
Gerade die Met-Inszenierung, mit viel bestaunenswerter Theatertechnik aber null Regie, lässt Raum für intensive Wahrnehmung des Textes und der Textur.
Und ich frage mich, wie hat Hitler Wagner rezipiert? Ich muss mal schauen, ob es dazu Untersuchungen gibt. Wenn es ein Bühnenstück gibt, das die Unmöglichkeit des Gelingens von Bemächtigung und das Risiko der Totalvernichtung beim bloßen Versuch zum Inhalt hat, dann doch der Ring.
Sie bleiben doch alle auf der Strecke (außer Alberich. Keine schöne Perspektive).
Und Wotan, mit seinem Versuch, Macht ohne Gewalt zu etablieren - Rheingold! Er fällt Donner in die Waffe, und dazu erklingt zum ersten Mal das Speermotiv und mit ihm die fallende Linie der Götterdämmerung - Wotan muss doch jedem, der versucht diesen Weg der Bemächtigun zu gehen, eine tiefe Warnung sein. Er entfesselt am Ende mit seinem Versuch, alles über "Verträge" zu regeln, eine Orgie von Inzest und Gewalt. Überhaupt der Inzest. Alle Frauen außer Gutrune sind irgendwie Siegfrieds Tanten, er ist sein eigener Neffe, Ahnenschwund vom feinsten. Das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was mit Rassereinheit gemeint ist - und man sieht, wohin sie führt. Siegfried ist ein degenierter Schwachkopf. Wagner ist durchdrungen vom anachistischen Misstrauen gegen jede Form von Macht, die nicht irgendwie auf Liebe basiert (was ja im Parsifal fast groteske Zügen annimmt)
Was also hat Hitler daran so fasziniert? War er zu dämlich, das zu begreifen? Hat er Wagner genauso dummdreist usurpiert wie andere Denker, auf die er meint, sich berufen zu können?
Klebte er, wie so viele, die Wagner nicht kennen, an der Textoberfläche mit ihrer vermeintlichen Deutschtümelei? War er Bombast der Musik, dann freilich lostgelöst vom Plot betrachtet?
Oder war es, schlimmste aller Vermutungen, Wagners personenzentrierter, charakterschwacher Antisemitismus, der Hitler die Wahrnehmung dessen vernebelte, was er zu sehen und zu hören bekam? KEINER der Mächtigen hat bei Wagner auch nur eine Sekunde eine Chance.Am Ende überlebt nicht nur Alberich, sondern auch eine führungslose Menschheit, während aus dem Orchestergraben Erlösungstöne jauchzen (!).
Es gibt noch eine dritte Vermutung. Sollte es so sein, dass es Wotans Untergangspathos ist, das Hitler faszinierte? Amfortas Sterbenwollen? Des Holländers Vernichtungswünsche? Tannhäusers (Dresdner-) "Scheißegal"-Pathos? Oder Hans Sachsens schwer erträgliche Altmännerdepression?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hitler sich mit Siegfried oder Parsifal identifizierte: der eine ist ein kompletter Idiot, der andere ein frommer Narr. Er wird sich schon mit den alten Weisen identifiziert haben, den Strippenziehern, den Losern im Gigant-Format (was er offensichtlich nicht so sah).
Dann freilich tut sich ein ungeheurer Abgrund auf, denn das würde bedeuten, dass Hitler dem eigenen Untergang heroische Qualität verliehen hat und daas sein Streben ab einem gewissen Punkt sozusagen das Fällen der Weltesche inszenierte.
Ab wann dann? Und wenn, warum? Weil die Deutschen historisch versagt haben und deswegen der Untergang die einzige Lösung ist?
Der Frage werde ich jetzt mal nachgehen: der Führerbunker als Götterdämmerungswalhall, der Krieg als Entschluß zum kollektiven Untergang - es muss doch irgeneinen klugen Kopf geben, der sich darüber schon einmal Gedanken gemacht hat.
Falls sich ein Wagnerkundiger via Google hierher verirrt haben sollte: Ich bin für jeden Hinweis dankbar.
Erster Fund eingegangen: zu simpel als Erklärung.
http://www.zeit.de/1997/16/Hitlers_Wagner
Was ich weiters schon zusammentragen konnte, ist niederschmetternd. Das große Kunst und große Niedertracht gut zusammenwohnen können, ist keine Neuigkeit (und Wagner ein besonders gutes Beispiel dafür). Aber kleinbürgerliche Viertelbildung und absolute Barbarei, ein Höllengemisch aus Dummheit, Ignoranz und Verblendung - also Hitler - ist doch eine Mischung, vor der es mir immer wieder graust. Denn das Schlimme ist ja, dass diese Mischung recht häufig vorkommt. Normalerweise bleibt sie aber in irgendwelchen dunklen Winkeln. Aber die Bayreuther Frauen haben diesen intellektuellen Gartenzwerg in ihren Kreisen aufgenommen, und er hat ihre schlimmsten Seiten bestärkt. Hagen also als der Erzjude, der Siegfried (gleich Deutschland) den Dolch in den Rücken stösst. Das muss doch jedem, der das gehört hat, den Magen umgedreht haben. Hat es aber nicht. Und das dreht mir den Magen um. Ich habe ja schon meine liebe Not mit den Christenmenschen, die sich auch der viertelverstandenen Bibel + Trümmern bürgerlicher Weltanschauung eine kleinkarierte Frömmigkeit zusammenbauen. Aber die nerven nur. Politisch aber....wieviel sitzen in Bayreuth in der Aufführung, und sehen nicht, was geschieht, sonden halbvestehend nur das, was sie immer schon wussten? Ich bin gespannt.
Der Ring des Nibelungen, Bayreuth 2013 II
Seit ich Musik höre, höre ich Wagner, und als ich in Bonn endlich die Gelegenheit hatte, die Opern alle mal zu erleben (zu damals unglaublich billigen Preisen: die ehemalige Bundeshauptstadt wurde gesponsert - 5.- DM Studentenkarte, oft geniale Plätze), wurde es eine tiefe Liebe. Ich sage extra: Liebe und nicht einfach nur Begeisterung. WEr mit Wagner eine Liason eingeht, begibt sich auf dein dorniges Gebiet. Worauf ich aber hinauswill: ich würde mich inzwischen schon als einigermassen kundig beschreiben, vor allem der Ring hat es mir, seit den Radio-Live Übertragungen des Jahrhundertringes 1976 zutiefst angetan, schließlich ging meiner Hinwendung zum gelebten Glauben eine recht finstere Schopenhauerphase voraus (Ja, ich war ein Art Nerd). Und dennoch - jetzt sitze ich natürlich, siehe vorheriger Post, wieder recht eifrig über Textbücher, Einführungen und ähnlichem, und staune immer aufs Neue, was für ein unglaubliches Genie dieser widerliche Mann war. Jetzt, wo ich die Leitmotive so verinnerlicht habe, dass ich sie nicht mehr "erkennen" muss, erschließt sich mir das Geflecht der Partitur noch einmal ganz neu und ich fluche auf den Jüngling, der zu faul zum Klavierüben war, dass ich mir das heut alles mühsam auf der Tastatur zusammenfummeln muss. Gleichwohl: Man wird bei Wagner für jede Mühe belohnt. Mal sehen, ob ich reif genug bin....
Samstag, 20. Juli 2013
Der Ring des Nibelungen, Bayreuth 2013 I
So. Jetzt bin ich bereit. Mithilfe von allerhand Literatur und äußerst fleißigen Netzaktivisten bin ich besten vorbereitet. Da hat doch ein Afficionado bei Youtube sämtliche Leitmotive ausgeschnippelt und zum Auswendiglernen bereitgestellt. Was für ein löbliches Werk! Meine Fresse, heute als Jugendlicher Wagner verfallen zu sein, muss doch eine Lust sein. Was hatten wir damals für Mühe, überhaupt nur an Literatur oder unbezahlbare Gesamtaufnahmen heranzukommen. Und Heute? Bei Youtube alle Klassiker, von denen man in der Literatur lesen kann, Mittschnitte, Interviews, Verfremdungen - ganze Abende habe ich damit zugebracht und kann nur staunen.
Sämtliche Leitmotive als YT-Video
Anja Silja, Ring 1967 Osaka, die legendäre Bayreuther Aufführung
Ich bin mal gespannt, was das mit mir so macht. Ich nehme den Computer jedenfalls mit, im Hotel gibt´s WLAN.
Es ist schließlich Premiere. Und in den letzten Jahrzehnten hat es bei der Vorbereitung eines neuen Ring in Bayreuth immer irgendwelchen Ärger gegeben. Und dieses Jahr: Gar nichts. Selbst auf den einschlägigen Foren große Ratlosigkeit, was das wohl zu bedeuten hat. In genau einer Woche weiß ich es jedenfalls.
Sämtliche Leitmotive als YT-Video
Anja Silja, Ring 1967 Osaka, die legendäre Bayreuther Aufführung
Ich bin mal gespannt, was das mit mir so macht. Ich nehme den Computer jedenfalls mit, im Hotel gibt´s WLAN.
Es ist schließlich Premiere. Und in den letzten Jahrzehnten hat es bei der Vorbereitung eines neuen Ring in Bayreuth immer irgendwelchen Ärger gegeben. Und dieses Jahr: Gar nichts. Selbst auf den einschlägigen Foren große Ratlosigkeit, was das wohl zu bedeuten hat. In genau einer Woche weiß ich es jedenfalls.
Das Neue im Alten
....nachdem ich jetzt zwei Jahre auf knapp 6 m² verbracht habe (enge Räume, enge Gedanken), freue ich mich auf mein neues Zimmer: eine Gelehrtenhöhle vom Feinsten. Übrigens ein Super-open-source-Programm zum Wohnung-Planen, einfach in der Bedienung, mit einem gewissen Sog-Effekt und einer rührigen Zubehör-Community:
sweethome3d
Etwas schokierend: über 30 Regale mit Büchern, das sind mehr als 90 Kisten. Ob die heimlich hecken??
sweethome3d
Etwas schokierend: über 30 Regale mit Büchern, das sind mehr als 90 Kisten. Ob die heimlich hecken??
Freitag, 19. Juli 2013
Institutionen. Zum Familienpapier der EKD
Manchmal fällt einem eine Metapher ein, die schlagartig etwas verstehen lässt, was vorher nur vage gewußt wurde.
"Gesellschaften ohne Institutionen sind wie Schränke ohne Fächer".
Da sind wir auf keinem guten Weg, wenn alle Institutionen zu Privatisierung freigegeben werden und wir am Ende nur noch ein Zimmer voller kleiner Schränke und herumliegender Wäsche sind. Und wenn das der Hausmeister (Staat) mitmacht, was soll wir dann tun?
Es kommt vielmehr darauf an, den Schrank von Zeit zu Zeit aufzuräumen und die Fächer neu zu verteilen.
So viel zur Debatte um das Familienpapier der EKD.
"Gesellschaften ohne Institutionen sind wie Schränke ohne Fächer".
Da sind wir auf keinem guten Weg, wenn alle Institutionen zu Privatisierung freigegeben werden und wir am Ende nur noch ein Zimmer voller kleiner Schränke und herumliegender Wäsche sind. Und wenn das der Hausmeister (Staat) mitmacht, was soll wir dann tun?
Es kommt vielmehr darauf an, den Schrank von Zeit zu Zeit aufzuräumen und die Fächer neu zu verteilen.
So viel zur Debatte um das Familienpapier der EKD.
Dienstag, 16. Juli 2013
Barbie. Ein Versuch, sie zu verstehen.
Aus aktuellem Anlaß:
the-normal-barbie
Betrachten wir Barbie nicht ganz in der Reihenfolge, wie nach den Ergebnissen der Verhaltensforscher westliche Männer Frauen bei Erstkontakten taxieren: Augen, Brust, Hüften, Beine. Und schauen wir, was uns ihr Körperbau über sie verrät.
Ihr Gesicht folgt dem sogenannten „Kindchen-Schema“. Es ist eher flächig-rund, mit einem kleinen Kinn, Pausbacken, tiefsitzender Nasenwurzel, Stupsnase mit leicht nach oben geöffneten Nasenlöchern (eine Nase, die ein Baby braucht, damit es beim Säugen Luft holen kann), übergroße, runde Augen, flache, hohe Stirn. Der relativ kleine Mund lächelt und zeigt dabei die vorderen Schneidezähne.
Sie hat ein Säuglingsgesicht, das nach permanenter Betreuung ruft und ein „Ach, wie süß" auf unsere Lippen zaubert. Gleichwohl nehmen wir es als ein Erwachsenengesicht war. Woran liegt das? Die runden Kulleraugen sind verhaltenswissenschaftlich betrachtet ein doppeldeutiges Signal. Bis zum Anschlag geöffnete Pupillen signalisieren nicht nur die Hilflosigkeit des Säuglings, sondern einen Zustand höchster sexueller Erregung. In der Kosmetik aller Zeiten spielte der Tollkirschensaft deswegen eine große Rolle. In die Augen geträufelt, öffnete er die Pupillen und sorgte für großen Glanz, der auch bei Barbie durch zwei aufgesetzte Augenlichter erzeugt wird. Darum hieß dieses Kosmetikum "Belladonna". Barbie hat es angewendet. Ganz so harmlos kann sie nicht sein. Aber für wen tut sie es? Bei Barbie fällt noch auf, daß ihre Blicke leicht nach oben gewendet sind: ein Blick, der dem Betrachter zu ihrem Herren macht, gleichzeitig aber auch - wegen seines Glanzes und seiner Fülle - eine Verheißung enthält, die der züchtig nach unten gesenkte Blick eines "wohlerzogenen" Mädchens kaum vermitteln würde. Sie schaut nach oben, auf ihren Mann. Ihre europäische Schwester „Petra“ übrigens weicht dem Blick eher ganz leicht aus, der Betrachter ist nicht genötigt, mir ihr Kontakt aufzunehmen. (Viele Männer werden ihr dafür dankbar sein).
Dazu gehört auch der wie in Verzückung leicht geöffnete Mund von Barbie. „Petra“ hat zwar einen geschlossenen Mund, aber er ist in einer Stellung, die ein Mund einnimmt, wenn er etwas Süsses schmeckt. Auffallenderweise hat Petra zugleich ein noch ausgeprägteres Babygesicht, ihre Wangenflügel sind übernormal weit von der Nasenwurzel entfernt. Ein kaum wahrnehmbarer roter Schatten auf den Wangen signalisiert ebenfalls Erregung. Barbie ist ein erwachsener Säugling im Zustand sexueller Höchststimmung.
Ein ähnlicher Eindruck ergibt sich, wenn die Augen abwärts wandern und sich der hochgeschürzten Brust zuwenden. Diese wirkt füllig, ist es aber nicht. Ihr Brüste sind knospenhaft, und erinnern eher an ein halbwüchsiges Mädchen. Gleichwohl sind aber auch sie in einer eher aufgerichteten Stellung, die wiederum auf die bereits mehrfach genannte Erregung schliessen läßt.
Der füllige Eindruck entsteht durch einen übernormal gewölbten Brustkasten, so als hielte sie permanent den Atem an, ein Eindruck, der durch die eingezogene Bauchdecke noch verstärkt wird. Hier ist sie ihrem Spielzimmergenossen Action-Man und anderen Supermännern seltsam verwandt. Wirkt ihr Gesicht vollständig entspannt und gelöst, so signalisiert ihr Oberkörper geradezu einen Dauerkrampf. Ausgesprochen erwachsen wirkt der lange Hals, der bei bei vielen Völkern ebenfalls ein erotisches Signal ist, auch wenn dessen Funktion nicht völlig klar ist. Bei Barbie trennt er offensichtlich zwei Welten. Man könnte es vielleicht so sagen: er trennt die Maske des Begehrens von der verkrampften Wahrheit des Körpers...
Man kann sich Barbie nicht gut schwanger vorstellen, denn ihr Unterleib ist merkwürdig schmal (obwohl es inzwischen eine schwangere Barbie gibt. Freilich: Kaiserschnitt!). Sie hat scheinbar breite Hüften - ein Signal für Gebärfähigkeit und -freudigkeit, das für die meisten Männer (unbewußt) übrigens wichtiger ist als Brüste und Beine. Aber die Breite ihrer Hüfte entsteht durch die Künstlichkeit ihrer Taille. In diesem Körperbereich ist Barbie bis an die Grenze der Behinderung missgestaltet. Doch entsteht dadurch wiederum das verhaltenswissenschaftlich bestens bekannte Oberkörperdreieck, das es ermöglicht, Frauen selbst in Motorradkluft von hinten zu erkennen. Für Jäger aller Art ist solche Klarheit der Gestalt nicht unwichtig - vor allem bei Dämmerung und Zwielicht.
Man kann davon ausgehen, daß Barbie spätestens mit 40/45 unter schwersten Rückenschäden zu leiden haben wird, da die Wirbelsäule mit dieser falschen Balance nicht lange mitmachen wird. Auch ihren Atem kann man sich nur als flach und angespannt vorstellen, dazu wird wohl auch eine recht hohe Stimme gehören. Beides verstärkt den Eindruck einer Mischung aus Kleinstkind und sexueller Stimulierung. Außerdem ist verhaltenswissenschaftlich belegt, daß die hohe Stimme bei Männern einen Hilfs- und Schutzreflex auslöst, ein Teil des menschlichen Brutpflegeverhaltens: die hohe Stimme ist weit zu hören. Mit so einem flachen Atem wird sie zu großen körperlichen Leistung kaum in der Lage sein. Aber wozu auch? Sie hat ja einen Beschützer! Action-man passt auf! (oder etwa der schlappe Spießer Ken? Man weiß es nicht. Als Amerikaner trägt er vielleicht eine Waffe...oder sollte unter Kens Bedeutungslosigkeit am Ende Superman stecken? Ken- Kent?)
Barbies Beine sind im Verhältnis zum Gesamtkörper zu lang. (Petras europäische Beine sind übrigens etwas kürzer). Ihre langen Beine, die streng parallel geführt sind, lenken die Blicke automatisch in den Schambereich, der freilich anatomisch nicht ausgeführt ist und asexuell wirkt. Sie kann ihre Versprechen nicht einlösen. Auch das das teilt sie mit Action-Man.
Die Länge der Beine verleihen ihr eine Schlankheit, ohne daß sie dürr wirkt. Interessant sind ihre Füße. Sie sind eindeutig für Stöckelschuhe bestimmt. Diese aber sind ein deutliches erotisches Signal, eben weil sie erregte Anspannung mitteilen. Freilich ist auch hier der Dauerkrampf zu erkennen. Barbies erotisches Signal ist zugleich ihre Fessel. Diese Füße zwingen zu einem hüftwackelnden Gang, den man sich bei Barbie, wegen Ihrer Proportionen, recht extrem denken muß. Auch hier wird die Wirbelsäule sich später melden. Mit diesen Beinen und diesen Füßen kann Barbie nur kleine, relativ trippelnde Schritte machen - kein Mann braucht zu befürchten, daß sie ihm davon läuft oder auch nur schneller ist als er. Die Gelenke der Beine und der Arme lassen sich nur entlang der Körpersenkrechten bewegen. Die Knie der edleren Modelle sind knickbar, ohne daß die Füße entsprechend mitgehen. Das wäre "puppentechnisch" lösbar. Es wird nicht gewollt. Barbie kann nicht umarmen und nicht umbeinen, sie wird immer geschlossen bleiben. Hebt man ihre Arme, bekommt man eine Geste, die jeden Mann in die Flucht schlagen wird, wenn er ihr ernsthaft nahe kommen will. Petra hingegen erzeugt den von Säuglingen hinreichend bekannten Aufnehme-Reflex: leicht angewinkelte, nach oben geöffnete Arme und zur Brust hin gewendete Hände. Keine aktive Geste, sondern eine Geste, die Passivität ausdrückt: Nimm mich!.
Haare waren immer schon ein Symbol für Kraft und Potenz, auch wenn die Art und Weise, wie sie das waren, sich wandelte. Bei Barbie ist deutlich, daß die Haare - das Toteste am ganzen Körper - das einzige Element darstellen, das die einfachen Körperachsen verlassen kann und formbar ist. Bis in ihre Frisur hinein symbolisiert Barbie einen Typ Frau, der voller erotischer Verheißung steckt, aber nicht in der Lage ist, sie zu erfüllen. Sie weckt tiefe Wünsche, aber es ist deutlich, daß sie diese Wünsche selber nicht kennt, sonst wäre sie wohl etwas vorsichtiger - bzw. raffinierter.
Ist Barbie dumm? Das würde ich nicht sagen. Sie wendet doch sehr viel Intelligenz auf, um ihren Körper zu gestalten. Ihre sanfte Haut und ihr makelloser Teint lassen sie als Tochter aus gutbehütetem Haus erkennen. Man kann sich schon vorstellen, daß Barbie durchaus eine fähige Sachbearbeiterin, Ärtztin oder Rechtsanwältin ist. Oder sogar: eine sehr gute! Denn all das, was ihr Körper ausdrückt, berührt sie ja innerlich nicht besonders. Sie wird nicht sehr abgelenkt und beunruhigt von den Signale, die da von unten kommen.
Barbie hat ein anderes Problem. Sie ist nicht dumm, aber sie ist nicht ihrer nicht bewußt. Sie kennt sich nicht. Sie sieht sich nicht mit eigenen Augen, sondern nur mit den Augen anderer, und zwar männlicher Augen. Das heißt, es ist sogar noch ein wenig tragischer. Sie sieht sich nur mit eingebildeten Augen. Sie sieht sich mit den Augen, von denen sie meint, daß sie sie ansehen. Wirklichen Kontakt mit Augen von Männern hat sie ganz bestimmt noch nicht aufgenommen, geschweige denn hat sie auch nur eine Ahnung davon, wonach sich Männer wirklich sehnen. Da meisten Männer das übrigens oft selber nicht wissen, halten sie die Barbies für das Ziel ihrer Wünsche.
***
Wenn der Action-man einer ist, der der Mutter verfallen ist, und die ganze Welt nur erobert, um ihr Wohlgefallen zu erregen, dann ist Barbie der Prototyp einer Tochter, die Ihrem Vater folgt: Sie ist schön, sie ist sexy bis an die Grenze des Vulgären, aber gleichzeitig ist sie ein Kind, ein Säugling, der gar nicht von selber auf die Idee käme, fortzugehen. Sie signalisiert Erotik, aber sie lässt sich nicht ein, denn das wäre Inzest. Oder sie müßte ihren Vater eifersüchtig machen, was dieser zu verhindern weiß. So sieht sie sich mit seinen Augen an, die doch nicht seine Augen sein dürfen. Darum verhüllt sie sich, legt allen Wert auf ihre Außenseite. Barbie ist nicht dumm. Sie ist sich ihrer nicht bewußt. Wenn sie später einmal, selber Mutter geworden, aber sterbensunglücklich, weil kein Mann der Welt an ihr Ideal heranreicht, weil keiner ihr soviel warme, echte tiefe Liebe geben kann, wie sie meint, daß sie müßten, weil es Vater doch auch getan hat, ohne daß sie auch nur ahnt, warum er es getan hat - wenn sie dann einmal in den Spiegel schaut, wird sie tief erschrecken, weil sie ein kleines, unerfahrenes Mädchen im verblühten Körper eines Superweibes entdeckt, und sie wird in große Trauer geraten über all das, was sie versprochen hat, aber nie einlösen konnte. Sie wird, wenn es schlecht läuft, eine Frau werden, an der Männer unglücklich, Frauen zornig und Kinder ratlos werden. Schlimmstenfalls wird sie sich an ihrer Tochter rächen und sie auch zu einer Barbie machen (siehe Skipper). Wer's nicht glaubt, frage Marilyn Monroe oder Romy Schneider - oder er suche eine Suchtberatungstelle auf, oder ein Haus, wo Frauen Zuflucht finden, die von ihren enttäuschten Männern geschlagen worden sind. Dort wirst du Barbie finden, während Action-Mann am Stammtisch sitzt und allen erzählt, was er für ein toller Typ ist. Und dabei heimlich auf die erlösende Schrotflinte schielt, oder, weil am Ende doch zu nicht Großem in der Lagen, sich eben totsäuft. Und schlimmstenfalls sitzt er einfach seine Jahre ab. Das wäre ihm bei einem sog. „braven Hausmütterchen“ oder „Mauerblümchen“, die auch ihre eheliche Pflichten und Freuden zuverlässig und unspektakulär versieht, nicht passiert. Freilich kann er mit ihr auch nicht angeben. Barbie ist eine brutale Lebensfalle.
Aber Vorsicht mit Häme und „siehst du wohl"! – Action-Man und Barbie können durchaus auch eine lange gutbürgerliche Ehe führen, wenn es ihnen gelingt, ihr trauriges Geheimnis zu bewahren. Dann wird Außen alles staunen, was für zwei wundervolle und schöne ("nice") Menschen sich da gefunden haben, und diese Befriedigung wird beiden voller Ersatz sein für das, was sie versäumen, weil sie ja ohnehin niemals die waren, die sie wirklich sind. Nur der Erfahrene, der weder schön noch reich noch gut ist, und das Leben von Anfang an als wild, verletzend und erregend erlebt hat, wird mit seinem innern Ohr hören, wie ihre Körper, wenn sie sich denn einmal berühren, den metallischen Klang von Panzern von sich geben. Und später wird ihr ganzes Glück der gemeinsame Gang zum Orthopäden sein und ihre ganze Lebensenergie aus dem Haß bestehen gegenüber denen, die sie gezwungen haben, so zu werden, wie sie waren. Und dieser Haß wird sie dazu befähigen, ihr Lebensmodell als das wahre und glückliche zu verkaufen, die Ich-AG der Lebenslüge.
Falls sie ihren Haß überhaupt eines Tages wahrnehmen. Sonst bleiben sie im Selbsthaß stecken oder werden ihr ganzes Geld für endlose Therapien ausgeben, wenn sie es nicht billiger haben wollen und auf ihre alten Tage noch fromm werden.
Ich wünsche mir für Barbie, dass sie rechtzeitig Ronja Räubertochter, Pippi Langstrumpf, das Allerleihrauh oder Maria Magdalena kennenlernt und von ihnen etwas über die wilden Kräfte erfährt, die unser Leben bestimmen und spannend machen, wenn man sich nicht vor ihnen fürchtet, sondern sich geduldig, tapfer und neugierig in sie einführen läßt. Fragt mich nicht, wem Action- Man begegnen müßte. Aber ich glaube, er sollte sich einmal mit Simson oder Jesus unterhalten. Aber meistens bleibt er ja – wenn er denn liest - bei Hemingway stecken und fühlt sich nun ganz besonders toll, weil er ja ein bewußter Mann ist, der selbst im Gehirn noch Muskeln ansetzt.
the-normal-barbie
Barbie. Ein Versuch, sie zu verstehen. ca. 1998
Betrachten wir Barbie nicht ganz in der Reihenfolge, wie nach den Ergebnissen der Verhaltensforscher westliche Männer Frauen bei Erstkontakten taxieren: Augen, Brust, Hüften, Beine. Und schauen wir, was uns ihr Körperbau über sie verrät.
Ihr Gesicht folgt dem sogenannten „Kindchen-Schema“. Es ist eher flächig-rund, mit einem kleinen Kinn, Pausbacken, tiefsitzender Nasenwurzel, Stupsnase mit leicht nach oben geöffneten Nasenlöchern (eine Nase, die ein Baby braucht, damit es beim Säugen Luft holen kann), übergroße, runde Augen, flache, hohe Stirn. Der relativ kleine Mund lächelt und zeigt dabei die vorderen Schneidezähne.
Sie hat ein Säuglingsgesicht, das nach permanenter Betreuung ruft und ein „Ach, wie süß" auf unsere Lippen zaubert. Gleichwohl nehmen wir es als ein Erwachsenengesicht war. Woran liegt das? Die runden Kulleraugen sind verhaltenswissenschaftlich betrachtet ein doppeldeutiges Signal. Bis zum Anschlag geöffnete Pupillen signalisieren nicht nur die Hilflosigkeit des Säuglings, sondern einen Zustand höchster sexueller Erregung. In der Kosmetik aller Zeiten spielte der Tollkirschensaft deswegen eine große Rolle. In die Augen geträufelt, öffnete er die Pupillen und sorgte für großen Glanz, der auch bei Barbie durch zwei aufgesetzte Augenlichter erzeugt wird. Darum hieß dieses Kosmetikum "Belladonna". Barbie hat es angewendet. Ganz so harmlos kann sie nicht sein. Aber für wen tut sie es? Bei Barbie fällt noch auf, daß ihre Blicke leicht nach oben gewendet sind: ein Blick, der dem Betrachter zu ihrem Herren macht, gleichzeitig aber auch - wegen seines Glanzes und seiner Fülle - eine Verheißung enthält, die der züchtig nach unten gesenkte Blick eines "wohlerzogenen" Mädchens kaum vermitteln würde. Sie schaut nach oben, auf ihren Mann. Ihre europäische Schwester „Petra“ übrigens weicht dem Blick eher ganz leicht aus, der Betrachter ist nicht genötigt, mir ihr Kontakt aufzunehmen. (Viele Männer werden ihr dafür dankbar sein).
Dazu gehört auch der wie in Verzückung leicht geöffnete Mund von Barbie. „Petra“ hat zwar einen geschlossenen Mund, aber er ist in einer Stellung, die ein Mund einnimmt, wenn er etwas Süsses schmeckt. Auffallenderweise hat Petra zugleich ein noch ausgeprägteres Babygesicht, ihre Wangenflügel sind übernormal weit von der Nasenwurzel entfernt. Ein kaum wahrnehmbarer roter Schatten auf den Wangen signalisiert ebenfalls Erregung. Barbie ist ein erwachsener Säugling im Zustand sexueller Höchststimmung.
Ein ähnlicher Eindruck ergibt sich, wenn die Augen abwärts wandern und sich der hochgeschürzten Brust zuwenden. Diese wirkt füllig, ist es aber nicht. Ihr Brüste sind knospenhaft, und erinnern eher an ein halbwüchsiges Mädchen. Gleichwohl sind aber auch sie in einer eher aufgerichteten Stellung, die wiederum auf die bereits mehrfach genannte Erregung schliessen läßt.
Der füllige Eindruck entsteht durch einen übernormal gewölbten Brustkasten, so als hielte sie permanent den Atem an, ein Eindruck, der durch die eingezogene Bauchdecke noch verstärkt wird. Hier ist sie ihrem Spielzimmergenossen Action-Man und anderen Supermännern seltsam verwandt. Wirkt ihr Gesicht vollständig entspannt und gelöst, so signalisiert ihr Oberkörper geradezu einen Dauerkrampf. Ausgesprochen erwachsen wirkt der lange Hals, der bei bei vielen Völkern ebenfalls ein erotisches Signal ist, auch wenn dessen Funktion nicht völlig klar ist. Bei Barbie trennt er offensichtlich zwei Welten. Man könnte es vielleicht so sagen: er trennt die Maske des Begehrens von der verkrampften Wahrheit des Körpers...
Man kann sich Barbie nicht gut schwanger vorstellen, denn ihr Unterleib ist merkwürdig schmal (obwohl es inzwischen eine schwangere Barbie gibt. Freilich: Kaiserschnitt!). Sie hat scheinbar breite Hüften - ein Signal für Gebärfähigkeit und -freudigkeit, das für die meisten Männer (unbewußt) übrigens wichtiger ist als Brüste und Beine. Aber die Breite ihrer Hüfte entsteht durch die Künstlichkeit ihrer Taille. In diesem Körperbereich ist Barbie bis an die Grenze der Behinderung missgestaltet. Doch entsteht dadurch wiederum das verhaltenswissenschaftlich bestens bekannte Oberkörperdreieck, das es ermöglicht, Frauen selbst in Motorradkluft von hinten zu erkennen. Für Jäger aller Art ist solche Klarheit der Gestalt nicht unwichtig - vor allem bei Dämmerung und Zwielicht.
Man kann davon ausgehen, daß Barbie spätestens mit 40/45 unter schwersten Rückenschäden zu leiden haben wird, da die Wirbelsäule mit dieser falschen Balance nicht lange mitmachen wird. Auch ihren Atem kann man sich nur als flach und angespannt vorstellen, dazu wird wohl auch eine recht hohe Stimme gehören. Beides verstärkt den Eindruck einer Mischung aus Kleinstkind und sexueller Stimulierung. Außerdem ist verhaltenswissenschaftlich belegt, daß die hohe Stimme bei Männern einen Hilfs- und Schutzreflex auslöst, ein Teil des menschlichen Brutpflegeverhaltens: die hohe Stimme ist weit zu hören. Mit so einem flachen Atem wird sie zu großen körperlichen Leistung kaum in der Lage sein. Aber wozu auch? Sie hat ja einen Beschützer! Action-man passt auf! (oder etwa der schlappe Spießer Ken? Man weiß es nicht. Als Amerikaner trägt er vielleicht eine Waffe...oder sollte unter Kens Bedeutungslosigkeit am Ende Superman stecken? Ken- Kent?)
Barbies Beine sind im Verhältnis zum Gesamtkörper zu lang. (Petras europäische Beine sind übrigens etwas kürzer). Ihre langen Beine, die streng parallel geführt sind, lenken die Blicke automatisch in den Schambereich, der freilich anatomisch nicht ausgeführt ist und asexuell wirkt. Sie kann ihre Versprechen nicht einlösen. Auch das das teilt sie mit Action-Man.
Die Länge der Beine verleihen ihr eine Schlankheit, ohne daß sie dürr wirkt. Interessant sind ihre Füße. Sie sind eindeutig für Stöckelschuhe bestimmt. Diese aber sind ein deutliches erotisches Signal, eben weil sie erregte Anspannung mitteilen. Freilich ist auch hier der Dauerkrampf zu erkennen. Barbies erotisches Signal ist zugleich ihre Fessel. Diese Füße zwingen zu einem hüftwackelnden Gang, den man sich bei Barbie, wegen Ihrer Proportionen, recht extrem denken muß. Auch hier wird die Wirbelsäule sich später melden. Mit diesen Beinen und diesen Füßen kann Barbie nur kleine, relativ trippelnde Schritte machen - kein Mann braucht zu befürchten, daß sie ihm davon läuft oder auch nur schneller ist als er. Die Gelenke der Beine und der Arme lassen sich nur entlang der Körpersenkrechten bewegen. Die Knie der edleren Modelle sind knickbar, ohne daß die Füße entsprechend mitgehen. Das wäre "puppentechnisch" lösbar. Es wird nicht gewollt. Barbie kann nicht umarmen und nicht umbeinen, sie wird immer geschlossen bleiben. Hebt man ihre Arme, bekommt man eine Geste, die jeden Mann in die Flucht schlagen wird, wenn er ihr ernsthaft nahe kommen will. Petra hingegen erzeugt den von Säuglingen hinreichend bekannten Aufnehme-Reflex: leicht angewinkelte, nach oben geöffnete Arme und zur Brust hin gewendete Hände. Keine aktive Geste, sondern eine Geste, die Passivität ausdrückt: Nimm mich!.
Haare waren immer schon ein Symbol für Kraft und Potenz, auch wenn die Art und Weise, wie sie das waren, sich wandelte. Bei Barbie ist deutlich, daß die Haare - das Toteste am ganzen Körper - das einzige Element darstellen, das die einfachen Körperachsen verlassen kann und formbar ist. Bis in ihre Frisur hinein symbolisiert Barbie einen Typ Frau, der voller erotischer Verheißung steckt, aber nicht in der Lage ist, sie zu erfüllen. Sie weckt tiefe Wünsche, aber es ist deutlich, daß sie diese Wünsche selber nicht kennt, sonst wäre sie wohl etwas vorsichtiger - bzw. raffinierter.
Ist Barbie dumm? Das würde ich nicht sagen. Sie wendet doch sehr viel Intelligenz auf, um ihren Körper zu gestalten. Ihre sanfte Haut und ihr makelloser Teint lassen sie als Tochter aus gutbehütetem Haus erkennen. Man kann sich schon vorstellen, daß Barbie durchaus eine fähige Sachbearbeiterin, Ärtztin oder Rechtsanwältin ist. Oder sogar: eine sehr gute! Denn all das, was ihr Körper ausdrückt, berührt sie ja innerlich nicht besonders. Sie wird nicht sehr abgelenkt und beunruhigt von den Signale, die da von unten kommen.
Barbie hat ein anderes Problem. Sie ist nicht dumm, aber sie ist nicht ihrer nicht bewußt. Sie kennt sich nicht. Sie sieht sich nicht mit eigenen Augen, sondern nur mit den Augen anderer, und zwar männlicher Augen. Das heißt, es ist sogar noch ein wenig tragischer. Sie sieht sich nur mit eingebildeten Augen. Sie sieht sich mit den Augen, von denen sie meint, daß sie sie ansehen. Wirklichen Kontakt mit Augen von Männern hat sie ganz bestimmt noch nicht aufgenommen, geschweige denn hat sie auch nur eine Ahnung davon, wonach sich Männer wirklich sehnen. Da meisten Männer das übrigens oft selber nicht wissen, halten sie die Barbies für das Ziel ihrer Wünsche.
***
Wenn der Action-man einer ist, der der Mutter verfallen ist, und die ganze Welt nur erobert, um ihr Wohlgefallen zu erregen, dann ist Barbie der Prototyp einer Tochter, die Ihrem Vater folgt: Sie ist schön, sie ist sexy bis an die Grenze des Vulgären, aber gleichzeitig ist sie ein Kind, ein Säugling, der gar nicht von selber auf die Idee käme, fortzugehen. Sie signalisiert Erotik, aber sie lässt sich nicht ein, denn das wäre Inzest. Oder sie müßte ihren Vater eifersüchtig machen, was dieser zu verhindern weiß. So sieht sie sich mit seinen Augen an, die doch nicht seine Augen sein dürfen. Darum verhüllt sie sich, legt allen Wert auf ihre Außenseite. Barbie ist nicht dumm. Sie ist sich ihrer nicht bewußt. Wenn sie später einmal, selber Mutter geworden, aber sterbensunglücklich, weil kein Mann der Welt an ihr Ideal heranreicht, weil keiner ihr soviel warme, echte tiefe Liebe geben kann, wie sie meint, daß sie müßten, weil es Vater doch auch getan hat, ohne daß sie auch nur ahnt, warum er es getan hat - wenn sie dann einmal in den Spiegel schaut, wird sie tief erschrecken, weil sie ein kleines, unerfahrenes Mädchen im verblühten Körper eines Superweibes entdeckt, und sie wird in große Trauer geraten über all das, was sie versprochen hat, aber nie einlösen konnte. Sie wird, wenn es schlecht läuft, eine Frau werden, an der Männer unglücklich, Frauen zornig und Kinder ratlos werden. Schlimmstenfalls wird sie sich an ihrer Tochter rächen und sie auch zu einer Barbie machen (siehe Skipper). Wer's nicht glaubt, frage Marilyn Monroe oder Romy Schneider - oder er suche eine Suchtberatungstelle auf, oder ein Haus, wo Frauen Zuflucht finden, die von ihren enttäuschten Männern geschlagen worden sind. Dort wirst du Barbie finden, während Action-Mann am Stammtisch sitzt und allen erzählt, was er für ein toller Typ ist. Und dabei heimlich auf die erlösende Schrotflinte schielt, oder, weil am Ende doch zu nicht Großem in der Lagen, sich eben totsäuft. Und schlimmstenfalls sitzt er einfach seine Jahre ab. Das wäre ihm bei einem sog. „braven Hausmütterchen“ oder „Mauerblümchen“, die auch ihre eheliche Pflichten und Freuden zuverlässig und unspektakulär versieht, nicht passiert. Freilich kann er mit ihr auch nicht angeben. Barbie ist eine brutale Lebensfalle.
Aber Vorsicht mit Häme und „siehst du wohl"! – Action-Man und Barbie können durchaus auch eine lange gutbürgerliche Ehe führen, wenn es ihnen gelingt, ihr trauriges Geheimnis zu bewahren. Dann wird Außen alles staunen, was für zwei wundervolle und schöne ("nice") Menschen sich da gefunden haben, und diese Befriedigung wird beiden voller Ersatz sein für das, was sie versäumen, weil sie ja ohnehin niemals die waren, die sie wirklich sind. Nur der Erfahrene, der weder schön noch reich noch gut ist, und das Leben von Anfang an als wild, verletzend und erregend erlebt hat, wird mit seinem innern Ohr hören, wie ihre Körper, wenn sie sich denn einmal berühren, den metallischen Klang von Panzern von sich geben. Und später wird ihr ganzes Glück der gemeinsame Gang zum Orthopäden sein und ihre ganze Lebensenergie aus dem Haß bestehen gegenüber denen, die sie gezwungen haben, so zu werden, wie sie waren. Und dieser Haß wird sie dazu befähigen, ihr Lebensmodell als das wahre und glückliche zu verkaufen, die Ich-AG der Lebenslüge.
Falls sie ihren Haß überhaupt eines Tages wahrnehmen. Sonst bleiben sie im Selbsthaß stecken oder werden ihr ganzes Geld für endlose Therapien ausgeben, wenn sie es nicht billiger haben wollen und auf ihre alten Tage noch fromm werden.
Ich wünsche mir für Barbie, dass sie rechtzeitig Ronja Räubertochter, Pippi Langstrumpf, das Allerleihrauh oder Maria Magdalena kennenlernt und von ihnen etwas über die wilden Kräfte erfährt, die unser Leben bestimmen und spannend machen, wenn man sich nicht vor ihnen fürchtet, sondern sich geduldig, tapfer und neugierig in sie einführen läßt. Fragt mich nicht, wem Action- Man begegnen müßte. Aber ich glaube, er sollte sich einmal mit Simson oder Jesus unterhalten. Aber meistens bleibt er ja – wenn er denn liest - bei Hemingway stecken und fühlt sich nun ganz besonders toll, weil er ja ein bewußter Mann ist, der selbst im Gehirn noch Muskeln ansetzt.
Sonntag, 14. Juli 2013
"Letzte" Predigt in Elgershausen, 7.n. Trin.
Und nun für alle, die es lesen möchten: Die letzte Predigt, die ich in Elgershausen gehalten habe. Es war ein bewegender Gottesdienst, mit abschließendem Ständchen der Gemeinde, was mich doch sehr rührte. Wir hatten eine gute Zeit. Jetzt noch der Abschied im LKA, und dann geht es am 1. September mit dem "Kuckuksfest" in Altenritte gleich richtig los.
Es ist die homelische Umarbeitung des Threads von gestern.
Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
Hiob 19,25
Jesus hat die Menschen befreit, die durch ihre Angst vor dem Tod das ganze Leben lang Sklaven gewesen sind.
Hebräer 2,15
Hebräer 2,15
Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn,
das ist nun meine letzte Predigt im Rahmen des Predigtauftrages. Gut 2 Jahre war es mir vergönnt, recht regelmäßig auf dieser schönen Kanzel zu stehen und Euch das Wort Gottes zu verkündigen. Nun endet der offizielle Auftrag, weil ich im wenigen Wochen in Großenritte anfange. Das ist ja nun wahrhaftig nicht aus der Welt, und ich denke, wir werden uns wohl kaum aus den Augen und Ohren verlieren.
Ich möchte heute Morgen über die Tageslosung von Gestern sprechen. Denn die hat mich tief getroffen: weil sie so etwas wie einer meiner Leitsätze ist. Ich habe mir nämlich ganz schön Gedanken gemacht in der letzten Woche, was ich heute wohl sagen muss. Ich war schön völlig verkrampft, als mich gestern Morgen die Tageslosung erlöste und ich wusste: genau, das ist der Satz, mit dem ich mich verabschieden möchte: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Klarer geht’s nicht. Klarer kann man nicht sagen, was glauben bedeutet. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Und der Lehrtext aus den Neuen Testament erklärt, was damit gemeint ist. Jesus hat die Menschen befreit, die durch ihre Angst vor dem Tod das ganze Leben lang Sklaven gewesen sind. Hebräer 2,5.
Ich weiß, dass mein Erlöser lebt: das sagt Hiob. Der Satz des Hiob wäre völlig belanglos, wenn es nicht der Satz des Hiob wäre.Hiob, der von Gott geschlagen, der Reichtum und Kinder verlor, der schließlich krank und leidend auf der Asche seines früheren Lebens saß uns seine brennende und juckende Haut mit einer Scherbe kratzte, Hiob sagte diesen Satz. Er sagte ihn auf dem Gipfel seines Zornes, er sagte ihn zu seine vier Freunden die ihn mit allerhand Wahrheiten trösten wollten, aber alles nur noch viel schlimmer machten dadurch: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
In seiner Situation vollkommenen Elends bekommt das Wort "Erlöser" eine ungeheure Kraft und Wucht.
Darum ist er für mich einer der stärksten Sätze der ganzen Bibel und der Kern des Glaubens, das Bekenntnis, in dem alle anderen umfasst sind.
Hiob spricht von seinem Erlöser. In einer Situation, in der andere fluchen, schimpfen oder schweigen würden, sagt Hiob: ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Er meint Gott damit, und meint: ich weiß, worauf ich mich verlassen kann. Was immer hier mit mir geschieht, es ist Gottes Wille und es hat einen guten Sinn. Gott ist nicht einfach nur irgendwie Gott, er ist Erlöser. Er holt mich hier raus. Wie er sein Volk aus Ägypten geholt hat, und wie er später Jesus Christus aus dem Grab holen wird.
Was anderes sollte ein Gott tun, der seine Geschöpfe liebt?
Liebe aber meint: absolute Wertschätzung des Geschöpfes durch den Schöpfer. Davon erzählt die Geschichte von der der Speisung der 5000, die wir als Lesung gehört haben. Ungefragt bekommen alle etwas ab, weil sie eben da sind. Gottes Gaben reichen für alle und sind für alle da. Wer kommt, bekommt was er braucht. Wir sind Gottes Gäste, und das Gastrecht ist heilig. Und wer das verstanden und verinnerlicht hat, der lebt ohne Angst. Das ist der Schlüssel. Wenn Kinder, Konfirmanden und Ungläubige fragen, was hast Du von Deinem Glauben, was bringt er dir, hier die Antwort: Befreiung von der Angst. Wer sich von Gott geliebt weiß, braucht sich von niemandem mehr zu rechtfertigen, denn Gott rechtfertigt ihn.
Denn wir haben doch immer irgendwie Angst und sind Sklaven der Angst. Vor dem Versagen in Schule und Beruf, vor dem Versagen in der Partnerschaft, vor dem Versagen im Leben. Nichts ist schlimmer, als ein Loser zu sein. Nicht ist kränkender. Und das stellt sich die Frage: wer hat die Macht, das über mich zu sagen? Vor wem muss ich mich rechtfertigen?
Der Glaube weiß, dass sein Erlöser lebt. Nur vor Gott müssen wir uns rechtfertigen. Und der schaut uns mit den Augen der bedingungslosen Liebe an..
Bedingungslose Liebe. Jetzt, meine Lieben, wird es ernst. Bis jetzt waren es erbaulich Worte. Aber jetzt zeigt ich Auch die Folgen. Es ist eine große Herausforderung, sich der bedingungslosen Liebe auszuliefern und aus ihr heraus zu leben. Denn das bedeutet, keinerlei Unterschiede und Voraussetzungen zwischen Menschen zu akzeptieren. Die Frage unter Christen darf niemals lauten: Was hast zu vorzuweisen? Was hast Du geleistet? Was trägst Du bei zu unserer Gemeinschaft? Sondern die Frage muss immer nur sein: wer bist Du? Erzähl mir Deine Geschichte, das wir miteinander lachen und weinen können. Denn so wächst die Liebe, von der hier die Rede ist: die Wertschätzung. Selbst alte Feinde fallen sich um den Hals, wenn sie Gelegenheit bekommen, sich ihre Geschichten zu erzählen. Wist ihr was: das ist das, worauf ich mich am meisten freue wenn ich wieder Gemeindepfarrer bin. Die Geschichten zu hören, die Menschen zu erzählen haben. Und dann mit ihnen zu dem Punkt zu gelangen, wo sie sagen können: ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Das ist Seelsorge, wie ich sie verstehe. Denn dann bin auch ich getröstet.
Viele Menschen aber haben Angst, wie sie ständig auf der Hut sind. Der Mensch ist schlecht, heißt es dann, da muss man auf der Hut sein. Freilich: wenn alle voreinander ständig auf der Hut sind, dann sieht es schon so aus, als sei der Mensch schlecht. Aber ein wertschätzender Umgang ist das nicht. Aber der Mensch ist nicht schlecht, er handelt hin und wieder schlecht. Der Mensch ist sterblich, und deshalb hat er Angst, und weil er Angst hat, beißt er. Menschen sind Angstbeißer. Entweder sie beißen andere oder sich selbst. Und von dann an wird zurückgebissen. Ihr lebt auf dem Dorf. Ihr wisst, wie unglaublich unheilvoll und vernichtend diese Spirale sein kann.
Aus dieser Spirale will uns Gott herausholen. Das geht natürlich nicht mit Gewalt. Das geht nur mit dem Wort. Das geht nur über Geschichten vom Gelingen. Mit ihnen lockt uns Gott zum Glauben. .
Und was ist das Geheimnis des Gelingens? Was zeichnet Hiob und Christus aus?
Hiob und Christus haben absolutes Vertrauen gewagt. Sich völlig ausgeliefert. Totale Hingabe an Gott. Das hat sie frei gemacht, die Welt zu ertragen und zu gestalten, obwohl sie ihnen als ein widerlicher Ort der Qual begegnete.
Das ist die Zumutung des Glaubens: das Leiden annehmen.
Und darin ist er unzeitgemäß, heute mehr, denn je. Darum haben alle Formen von "Spiritualität", die sich mit allerlei Methoden um diesen existentiellen Sprung, diese Entscheidung für Gott herummogeln, so große Konjunktur, die Opiumhölle der "Religion" hat Kultur wie nie, Aber viele von dem, was hier teuer als Religion verkauft wird, ist nur Volksverdummung. Da müssen wir sogar als Kirche aufpassen, uns nicht unter Preis und falsch zu verkaufen. Es ist sehr verlockend, sich als frommer Amüsierbetrieb auf dem Markt zu behaupten. Mit Erlösung hat das aber nichts zu tun.
Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
Zu wissen, dass der Erlöser lebt, wird alle anderen "Erlöser" ziemlich dünn aussehen lassen und ihre Einnahmequelle verdorren lassen.
Da wird es der Glauben immer schwerer haben, das ist abzusehen, weil die Erlösung (sprich: Betäubung) ein ungeheures Geschäft geworden ist, gegen dass der Erlösungsbetrieb des Jerusalemer Tempels wie ein Kinderkaufmannsladen wirkt: Wir Christen werden immer mehr Spielverderber, Nestbeschmutzer, Suppenspucker, Brunnenvergifter der kommerziellen Erlösung werden müssen. Dass wir uns als Kirche so deutlich in den Fragen der Sonntagsheilung äußern, dass wir so deutlich zu Fragen der Kinderbetreuung Stellung nehmen und dass wir so deutlich für Minderheiten eintreten, macht uns immer weniger Freunde. Wir stören die Geschäfte. Wir reden von Gott, wo andere vom Geld reden. Wir reden von Würde, wo andere von Werten reden. Wir reden von Menschen, wo andere von Waren reden.
Und das heißt: wir werden auch als Kirche noch viel weiter aus dem kommerziellen Betrieb heraus müssen. Ich fürchte, hier hat Papst Franziskus, als Südamerikaner, die Nase weiter vorne als wir. Wir Protestanten beschäftigen uns zu sehr mit Randfragen
Homosexuelle Lebensformen: was für ein marginales Thema im Grunde. Wie viele davon kennt ihr? Und wie viele unglückliche Heteroehen voller Gewalt und Lüge, voller Betrug und Verrat kennt ihr? Aha, und worum kümmern wir uns?
Und was für eine Energie stecken wir in schlichte Organisationsfragen, anstatt alle Energie in das Evangelium zu stecken. Deswegen wirken wir auf viele inzwischen wie ein leicht vergreister Verein zur Pflege religiöser Traditionen. Oder wie Gottes Finanzamt.
Wenn wir unsere Außenseiterrolle annehmen und begreifen, dass wir in der Mitte der Gesellschaft nichts zu suchen haben, und dass der Satz des Hiob nur auf dem Aschehaufen wirklich wahr ist, wird das den Glauben stärken. Und wir werden die Angst verlieren, kleiner, weniger und weniger geliebt zu werden. Dafür werden wir wahrer, klarer und wichtiger werden.
Und wir werden damit zur Minderheit. Wie Hiob. Der da saß und sich die frommen (!) Reden seiner 4 Freunde anhören musste, die wirklich gar nichts begriffen haben von Gott, sondern nur Katechismuswissen und religiöse Stereotypen von sich gaben.
Wir werden klarer werden, deutlicher. Wie Hiob. Dessen endlose Klagen in diesem einen Satz gipfeln, der wirklich der Gipfel der Klarheit ist:
"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt".
Das ist es, was ich euch heute mitgeben möchte. Bleibt Gott treu. Fürchtet Euch nicht. Fragt nicht nach Geld, fragt nach dem Evangelium. Fragt nicht danach, wichtig zu sein, fragt danach, klar und deutlich zu sein. Stimmt nicht mit ein in das Krisengeschrei, betet lieber. Und freut Euch aneinander: dann dazu sind wir hier.
Gott, schenke mir diese Klarheit, wenn ich künftig wieder das Kleid des Wortes trage.
Erleuchte meinen Verstand zu dieser Einfachheit des Bekennens, wenn ich künftig wieder Menschen tröste und begleite.
Stärke mein Herz zu dieser Tapferkeit zur Wahrheit, wenn ich künftig wieder Kindern und Jugendlichen den Weg in das Leben zeige.
Lass die Asche auf meinem Haupt zu Diamantstaub werden.
Verwandle mein Scheitern in Kraft.
Und tue meine Lippen auf, dass mein Mund Deinen Ruhm verkündige.
Herr, erlöse mich von mir selbst und führe mich zu dir.
Und Herr: halte Deine Gemeinde in der Treue zu Dir.
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