Sonntag, 30. Juni 2013
Ansprache zu einer Trauung. Ehe und Gottesebenbildlichkeit
Man kann viel theoretisieren, aber für uns Pfarrer im Boten- und Bodendienst (und ich rede jetzt mal schon so, als ob, sind ja nur noch ein paar Wochen) sind die Fragen nach der Bedeutung der Ehe höchst konkret: wir tun´s nämlich und müssen mit klaren Worten vor die Menschen treten, die von uns nicht Geringeres als den Zuspruch des Segens erwarten (und nicht etwa eine Grundsatzdiskussion über´s Heiraten)!
Ich hatte die große Freude, schon vor fast einem Jahr, als von Bewerbung, geschweige denn Besetzung noch keine Rede war, in Großenritte eine Trauung angenommen zu haben.
Die habe ich nun gestern vollzogen, und schön war´s.
Trauungen sind gar nicht mehr so häufig, meine letzte ist fast 3 Jahre her (!), nicht nur, weil ich keine mehr hatte, sondern weil tatsächlich die Zahl zurückgeht.
Und ich denke, wir sollten darum ringen, sie wieder in die Kirche zu holen. Denn wir haben zu diesem Thema etwas zu sagen, was sonst keiner zu sagen hat. Freilich: Es sollte dann auch gesagt werden!
Unverbindliches Mainstream-Liebes-Kitsch Blabla oder pseudokritisches Ehe-Bashing auf der Kanzel machen die Trauung belanglos. Die Predigt hier ist steil, und weil sie steil war, wurde zugehört, klar war es auch eine Herausforderung. Aber wer Spaß haben will, soll sich ein Helene-Fischer Ticket kaufen, das kann die nämlich besser. Überhaupt: Alles andere können nämlich auch alle anderen besser. (Für mich ein Sparkriterium übrigens). Aber Segen zusprechen: das können nur wir.
Auf der Kanzel jedenfalls bewährt sich, was gefahrlos sonstwo diskutiert werden kann (weswegen ich übrigens immer fand, dass die Theologen und Theologinnen, die einigermaßen regelmässig predigten, auch zuverlässiger waren).
Nebenbeibemerkt sind "Trauungen" natürlich gar keine solchen bei uns Evangelischen, sondern einfach nur Segensgottesdienste anläßlich einer Eheschließung. (Wüßten das alle, hätten wir den Kampfplatz gar nicht, den wir gerade haben. Die Heteroehe ist nur insofern priviligiert und besonders segensbedürftig, als dass ihr die natürliche Fähigkeit zur Fortpflanzung mit all ihren auch körperlichen Risiken innewohnt.
Das ist heute etwas aus dem Blickfeld geraten, aber der sog. "Fortpflanzungsbefehl" war für die Alten eine ZUSAGE, dass es auch gelingt und Mutter und Kind es auch mehrfach überleben, man beachte den Kontext der Paradiesgeschichte mit Evas Fluch. Das ist der wesentliche Unterschied zu allen anderen Lebensformen mit sexueller Motivation: Das Schwangerschafts- und Geburtsrisiko sowie die ersten Monate der Aufzucht. Zu deren sozialer und emotionaler Absicherung dient die Ehe vor allem.
Und egal, wohin der Zug fährt: wenn wir die Frauen hier institutionell alleine lassen, weil wir keine feste und gegebenenfalls einklagbaren Bindungversprechen etablieren, dann tun wir uns nichts Gutes.
Der Geburtenrückgang spricht für mich an dieser Stelle Bände. Frauen scheuen - verständlicherweise, so wie die Dinge im Moment liegen - das Risiko von Schwangerschaft und Geburt. Hat es sie früher in das gesellschaftliche Leben überhaupt erst hineingekickt, kickt es sie jetzt oft genug heraus. Wir haben kein Problem mit dem absoluten Minderheitenphänomen "Homo-Ehe". Wir haben ein Problem mit dem Mehrheitenphänomen Hetero-Ehe).
Jedenfalls ist eine "Trauung", weil Gottesdienst, ein öffentliches Ereignis, und folglich ist auch die Predigt common issue. Das nur so nebenher. Ich habe die Namen natürlich rausgenommen. Und falls es jemanden auffällt oder gar ärgert: ich verwende immer das liturgische Du, es sei denn, dass ich zu persönlichen Dingen etwas sage. Wir sind im Gottesdienst in einem heiligen Rollenspiel. Das sollte ruhig hörbar werden.
So, Blablah finito: Der Text der Ansprache. Darf übrigens von jedem gerne verwurstet werden, Predigten unterliegen nicht dem Copyright. Wir sind keine Künstler oder Literaten, auch wenn mancher so auftrittt (lächerlich).
Ansprache zur Trauung, Großenritte, 29.6.2013.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. 1. Kor 13,13
Liebes Brautpaar, Liebe Angehörigen, Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!
Diesen Vers habt ihr ausgesucht als den Vers, der als Segensspruch über Eurem gemeinsamen Lebensweg stehen soll. Der ja heute nicht beginnt, aber einen, wie es heutzutage so schön heißt, neuen Level erreicht. Ihr macht es nochmal: jetzt vor Gott und vor dem Zeugen aus Familie und Gemeinde.
Verheiratet seid ihr ja schon eine Weile, vor dem Gesetz, bürgerlich verheiratet. Ihr habt den großen Vertrag schon geschlossen: Miteinander, voreinander und vor dem Staat. Er verspricht Euch, Eure Ehe zu schützen und zu stützen, ihr versprecht ihm, die Gesetze zu halten. Das ist alles.
Aber wer unter der Golden Gate Bridge heiratet, im fernen Amerika, der will natürlich mehr. Das Foto hat mich beeindruckt, wo man dieses imposante Bauwerk im Hintergrund sieht. Der Name ist ja ein Programm: durch die Bucht von San Franzisko, das „goldene Tor“, kamen die Goldsucher während des großen Goldrausches 1848 ins Land, auf der Suche nach dem Glück. Die wenigsten fanden es, wie wir wissen. Und Gold ist auch nicht das Glück. Und doch ist die Brücke ein Symbol für die Suche nach dem Glück.
Für den christlichen Glauben hat das Glück einen Namen: Es heißt „Segen“. Wer gesegnet ist, darf sich glücklich schätzen.
Und Segen: Der kann nur von Gott kommen. Denn ein Segen: das ist der Zuspruch der Kraft Gottes. Wenn jemand gesegnet wird, dann heißt das: Die Kraft Gottes liegt auf dir. Und deswegen seid ihr hier. Und ich glaube, ich darf es sagen: Anders als bei vielen anderen Ehepaaren, die hier manchmal strahlend, ein wenig naiv und unbekümmert fröhlich sitzen, wisst ihr schon sehr genau, wozu ihr den Segen braucht und warum. Ihr wisst schon, dass die Ehe - wie das Leben überhaupt - ein Weg ins Ungewisse ist. Und dass sie, mehr als jede andere Form des menschlichen Lebens, einen Segen braucht: den Zuspruch der Kraft Gottes. Eine Ehe kann nicht aus sich allein heraus leben. Sie braucht die Unterstützung von Außen. Und genau um die geht es hier.
Einmal haben wir da das Wort Jesu, das wir gleich noch hören werden. Es ist sozusagen der Anlass, warum wir überhaupt Hochzeit feiern: Weil Jesus davon spricht, wozu die Ehe da ist. Als Gott die Menschen schuf, schuf er sie als Mann und Frau, sagt Jesus und bezieht sich damit auf die Schöpfungsgeschichte. Und dann sagt er: Und darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sie werden ein Fleisch sein. Es geht gar nicht vordergründig um Familie, wie manche meinen. Es geht um Menschwerdung und Menschsein.
Und dahinter steckt ein wundervoller Gedanke: Dass Mann und Frau nur zusammen einen ganzen Menschen ergeben. Als Mann und Frau sind sie das Ebenbild Gottes. Denn Gott ist die Liebe. Um nicht mehr und nicht wenig geht es in der christlichen Ehe: Die beiden verschmelzen zu einem Körper, zu einem Leib, zu einem Fleisch und werden darin ein Ebenbild Gottes, und das ist sowohl ganz wörtlich als auch ganz geistlich gemeint. Und dieser Gedanke steht hinter jenem Vers des Apostels Paulus, den ihr ausgewählt habt: „Glaube, Hoffnung Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen“. Und wenn die Ehe tatsächlich das stärkste Ebenbild der Schöpfung ist - dann müssen Glaube, Hoffnung und Liebe für sie eine besondere Rolle spielen. Schauen wir sie uns noch einmal an:
Der Glaube: das ist nichts anderes als blindes Vertrauen. Denn der Glaube, so heißt es an andere Stelle, ist das Vertrauen auf das, was man nicht sieht. Wie anders als in solchem Vertrauen, als in solchem Glauben kann eine Ehe funktionieren? Als es im beim Sport „Peng“ machte - war das das Ergebnis langen Nachdenkens? Hast Du ein Notizbuch rausgezogen: Aha, so und so groß, so und so alt, die habe ich gesucht? Hast Du in Deinem Traumtypenapp geblättert und gesagt: Aha, der und der Beruf, vom Dorf, so und so groß - den nehme ich? Habt ihr Euch erst Fragebogen vorgelegt und bei der Schufa angerufen?
Wohl kaum. Es hat Euch etwas angezogen und hingezogen, ihr habt einfach geglaubt, was mit Euch passiert ist. Und dieser Glaube ist die Keimzelle der Liebe. Hier erfahren wir Menschen, wie es Gott mit uns macht und meint: Blindes Vertrauen. Ja sagen auf Hoffnung hin.
Und damit sind wir bei der Hoffnung. Und da wird es jetzt heikel.
Die Hoffnung wird nämlich gerne verwechselt mit der Illusion. Das fällt mir oft auf, gerade in den letzten Jahren, wo das Christliche immer mehr verschwindet. Je weniger die Menschen glauben, umso mehr verwechseln sie Hoffnung und Illusion. Aber die christliche Hoffnung ist nicht die Illusion: „alles wird irgendwie gut“. Es geht nicht um Vertröstung und Verweigerung der Wirklichkeit. Hoffnung ist das tiefe Vertrauen, dass in allem was ist, Gottes Liebe zu finden ist.
Letztlich bedeute die Hoffnung nichts andere als den Glauben daran, dass alles einen Sinn hat, auch wenn wir ihn nicht sehen. Nicht das Glück ist entscheidend für ein gutes Leben, sondern die Fähigkeit, Glück und Unglück gleichermaßen zu ertragen und zu teilen: das ist eine gesegnete Beziehung! Nicht Stärke ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, mit den Stärken und den Schwächen zu leben und sie zu teilen. Ihr seid beide sportliche Menschen, und Sie [Ehemann] sogar in einem Bereich, der schon fast ein Risikosport ist: Ihr wisst, wie wichtig das Vertrauen ist und die Hoffnung, wie man die eigenen Kräfte kennen muss und die eigenen Schwächen, wie man sich auf die Mannschaft verlassen und muss auf den Coach: In der Ehe seid einander Mannschaft und Coach, und den größten Sieg habt errungen, wenn ihr beide gewonnen habt. Gegeneinander wird’s nichts. Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die wichtigste. Denn sie ist der Grund der Ehe. Und zugleich die Trophäe: ein Fleisch!.
Und darum ist die Ehe für den christlichen Glauben so wichtig. Sie ist selber eine Art Gemeinde, wie viele andere Formen des gemeinschaftlichen Lebens auch, wenn sie unter dem Wort Gottes stehen. Und darum feiern wir einen Gottesdienst mit der Gemeinde. Die ist mehr als nur das tobende Publikum, sie spielt mit: Wir beten für Euch: Dankbar, freudig, Mitfühlend. Ihr geht nicht allein. Wir glauben für Euch, wenn Eure Glauben schwach ist. Wir hoffen für Euch, wenn Eure Hoffnung schwach ist. Wir lieben für Euch, wenn Eure Liebe schwach ist, denn in Wahrheit ist es Gott, der dies alles an uns tut.
Und wenn ihr Glaube, Hoffnung, Liebe, wie es uns Menschen manchmal so geht, aus den Augen verloren habt:
Dann erinnert Euch an diesen Moment, an diesen Tag, an dieses Ja! - und sie wird wieder sichtbar werden, die Liebe, und mit ihr der Glaube und die Hoffnung. Dann macht einen Spaziergang am Sonntagmorgen und geht in diese Kirche in den Gottesdienst: und ihr werdet Euch heilsam erinnern. In Wahrheit werden gute Ehen nämlich jeden Morgen neu geschlossen, ach was: Mit jedem Blick neu geschlossen: Danke, das Du da bist! Mit diesem Satz geht ihr jeden Morgen aufs Neue durch das Golden Gate, durch das Tor der Liebe. Es ist das große JA! Gottes in kleiner Münze. Es ist der tägliche Segen als das tägliche Glück.
Wenn ihr so anfangt: jeden Tag mit Glaube, Liebe, Hoffnung, wird der Rest wird sich finden.
Amen.
Dienstag, 25. Juni 2013
Tageslosung. Die Welt: ein Kotzhaufen.
Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde.
Psalm 51,4
Der Herr Jesus Christus hat sich selbst für unsre Sünden dahingegeben, dass er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt nach dem Willen Gottes, unseres Vaters.
Galater 1,4
Warum, zum Teufel, dürfen wir die Welt eigentlich nicht mehr schlecht machen? Sie ist doch ein Ort des Schmerzs, des Leidens, der Ungerechtigkeit, der Dummheit, der Gleichgültigkeit, ist doch ein Ort seelenlosen Abschnurrens von Naturgesetzen, ist doch der Ort, an dem ich sterben werde. Warum, bitte, soll ich das nicht zum Kotzen finden? Warum bitte soll ich nicht sagen dürfen wie es ist: eine Zumutung"
Antwort?
Alles Weicheier. Es lebt sich nämlich härter mit einer Hoffnung. Es lebt sich schwerer mit einer Vision.
Am leichtesten lebt es sich mit einer Lüge. z.B. der Lüge, dass im Grunde alles in Ordnung ist und die Welt schön sei. WEnn man nicht gerade am falschen Ort ist zur falschen Zeit, versteht sich.
Ich glaube, in dem Moment, als das Christentum anfing die Welt zu lieben und nicht mehr die Schöpfung, und schließlich gar die Schöpfung und die Welt in eins setzte, wurde es uninteressant für alle Menschen, die Gefühle haben. Die Welt ist nämlich der belanglose Ort des Immergleichen: der Sünde, der Abgetrenntheit.
Allein unter der Perspektive "Schöpfung", und dann auch noch erlöste Schöpfung gar, wird diese Kohlhenwasserstoffhölle so richtig sichtbar als das, was sie in Wahrheit ist: gefallene, ramponierte, gottesferne Schöpfung, bloße, geistlose Natur.
Warum soll jemand glauben, der an der Welt nicht leidet? WEr sich hier wohlfühlt, hat keine Grund zum Glauben. ER fühlt sich ja hier wohlt, weil er nicht glaubt, sondern nur sieht. Freilich, ohne richtig hinzugucken.
So hängen doch Glaube und Leiden zusammen: Aus der Hoffnung wächst der Kummer. Wer vor sich hinlebt, stirbt auch vor sich hin. Nur wer mehr will als bloß leben, spürt den Schrecken.
Davon redet der Glaube. Von der fiesen, gemeinen, üblen, lästigen, stinkenden Welt, von uns, dem Plasmaklumpen voller Verdauungsdreck. Davon, dass Gott diesen Ort liebt. Mein Gott!! Das ist doch das wahrhaft Unbegreifliche, was Glauben zum Glauben macht. Wir sollten mehr von Blut und Scheiße reden, von Verderbnis und Verdammnis, und das nicht dem Kino überlassen mit seinen billigen Bildern. Dann wäre klar, was wir mit Gnade meinen.
Dass wir hier nämlich heil rauskommen.
Kleine Logikübung im Hintergrund. Begriffe definieren sich unter anderen durch ihre semantische Opposition, d.h. durch andere Begriffe, mit denen sie nicht zugleich ausgesagt werden können. Also: x versus nicht-x. Das nicht-x ist nicht immer mit einem Wort auffüllbar. Aber bei folgenden Worten schon:
Das Gegenteil von Schöpfung: Chaos
Das Gegenteil von Welt: Himmel
Das Gegenteil von Natur: Kultur.
Das Gegenteil von Liebe: Hass
Und jetzt fleißig einsetzen: Ich liebe x, ich verachte y; Merkwürdig, nicht wahr? Klappt nicht überall. Warum nicht? Denkaufgabe.
Psalm 51,4
Der Herr Jesus Christus hat sich selbst für unsre Sünden dahingegeben, dass er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt nach dem Willen Gottes, unseres Vaters.
Galater 1,4
Warum, zum Teufel, dürfen wir die Welt eigentlich nicht mehr schlecht machen? Sie ist doch ein Ort des Schmerzs, des Leidens, der Ungerechtigkeit, der Dummheit, der Gleichgültigkeit, ist doch ein Ort seelenlosen Abschnurrens von Naturgesetzen, ist doch der Ort, an dem ich sterben werde. Warum, bitte, soll ich das nicht zum Kotzen finden? Warum bitte soll ich nicht sagen dürfen wie es ist: eine Zumutung"
Antwort?
Alles Weicheier. Es lebt sich nämlich härter mit einer Hoffnung. Es lebt sich schwerer mit einer Vision.
Am leichtesten lebt es sich mit einer Lüge. z.B. der Lüge, dass im Grunde alles in Ordnung ist und die Welt schön sei. WEnn man nicht gerade am falschen Ort ist zur falschen Zeit, versteht sich.
Ich glaube, in dem Moment, als das Christentum anfing die Welt zu lieben und nicht mehr die Schöpfung, und schließlich gar die Schöpfung und die Welt in eins setzte, wurde es uninteressant für alle Menschen, die Gefühle haben. Die Welt ist nämlich der belanglose Ort des Immergleichen: der Sünde, der Abgetrenntheit.
Allein unter der Perspektive "Schöpfung", und dann auch noch erlöste Schöpfung gar, wird diese Kohlhenwasserstoffhölle so richtig sichtbar als das, was sie in Wahrheit ist: gefallene, ramponierte, gottesferne Schöpfung, bloße, geistlose Natur.
Warum soll jemand glauben, der an der Welt nicht leidet? WEr sich hier wohlfühlt, hat keine Grund zum Glauben. ER fühlt sich ja hier wohlt, weil er nicht glaubt, sondern nur sieht. Freilich, ohne richtig hinzugucken.
So hängen doch Glaube und Leiden zusammen: Aus der Hoffnung wächst der Kummer. Wer vor sich hinlebt, stirbt auch vor sich hin. Nur wer mehr will als bloß leben, spürt den Schrecken.
Davon redet der Glaube. Von der fiesen, gemeinen, üblen, lästigen, stinkenden Welt, von uns, dem Plasmaklumpen voller Verdauungsdreck. Davon, dass Gott diesen Ort liebt. Mein Gott!! Das ist doch das wahrhaft Unbegreifliche, was Glauben zum Glauben macht. Wir sollten mehr von Blut und Scheiße reden, von Verderbnis und Verdammnis, und das nicht dem Kino überlassen mit seinen billigen Bildern. Dann wäre klar, was wir mit Gnade meinen.
Dass wir hier nämlich heil rauskommen.
Kleine Logikübung im Hintergrund. Begriffe definieren sich unter anderen durch ihre semantische Opposition, d.h. durch andere Begriffe, mit denen sie nicht zugleich ausgesagt werden können. Also: x versus nicht-x. Das nicht-x ist nicht immer mit einem Wort auffüllbar. Aber bei folgenden Worten schon:
Das Gegenteil von Schöpfung: Chaos
Das Gegenteil von Welt: Himmel
Das Gegenteil von Natur: Kultur.
Das Gegenteil von Liebe: Hass
Und jetzt fleißig einsetzen: Ich liebe x, ich verachte y; Merkwürdig, nicht wahr? Klappt nicht überall. Warum nicht? Denkaufgabe.
Montag, 24. Juni 2013
Wagner
Was ist das für eine Droge? Klang.
Das abstrakteste aller Sinnenerlebnisse.
Im Grund ja nur schwingende Luft.
Bedeutet nichts.
Meint nichts.
Ist nur es selbst.
Gezähmtes Geräusch.
Und keiner konnte so zähmen wie der alte Magier. Ich kann mich dem überhaupt nicht entziehen, und ich werde dessen auch nicht überdrüssig. Alles, was ich über Wagner weiß, spielt keine Rolle, wenn ich im Sessel hocke und die Klangdusche über mich hereinbricht. Es wird intensiver, je öfter man es tut. Und heuer, wo man auch noch die Untertitel geliefert bekommt und beim Videogucken nicht immer mit einem Auge auf das Textheft starren muss, erst recht. Jedes Wort, jede Geste, jeder Blick ist Musik, und man vergisst irgendwann, wie irreal die Situation ist: singende Menschen mit nicht endenwollenden Texten.
Und man will ja auch gar nicht, dass es endet. Es kann endlos so weitergehen. Das Finale ist jedesmal ein Schock.
Wie mag es sein, das in Bayreuth zu erleben?
Ich werde es bald wissen. Ich fasse es noch gar nicht. Ich habe Karten für die Premiere des Ring des Nibelungen in der Inszenierung von Frank Castorf. Wieder ein Jahrhundertring? Das werden endlos lange Wochen, bis endlich das tiefe ES erklingt. Dann werde ich es wissen. Ich fürchte mich sogar ein wenig davor: wenn Wagner mich schon via MP3-Player förmlich weghaut, wo die Hälfte des Klanges fehlt, wie mag es mir in Bayreuth ergehen, dem Ort, für den diese Musik geschrieben wurde?
Und ich fürchte mich auch davor, weil es mir leicht so gehen kann wie jedem Wallfahrer. Endlich in Rom angekommen, sitzt da bloß ein alter Mann in selstamen Gewändern, der auch nichts anderes macht, als der Pfarrer zu Hause.
Es wird spannend. Der Blog wird Euch auf dem Laufenden halten, ob ihr wollt oder nicht. Der Herr der Ringe ist ein Kaschperltheater gegen das, was im Ring des Nibelungen losgeht. Es ist die Droge Klang.
Ob sie Langzeitschäden hat? Höchstens Sehnsucht nach absoluter Stille, die die Bedingung für den Klang ist. Das Chaos dröhnt nämlich nicht, das Chaos schweigt. Es war still über der Urflut, bis Gott seine Stimme erhob.
Und dann.......
Aushalten, die Stille. Bis die alte Schöpfung versunken ist und die neue beginnt.
Natürlich weiß ich, mit wem ich es zu tun habe bei Wagner. Und natürlich höre ich ihn mit seiner Wirkungsgeschichte. Wie mit der Kirche ist es da. Auf einem Haufen schlimmsten Unrates blüht eine schöne Blüte. Da kommen wir nicht raus. Dem müssen wir uns stellen. Sonst bleibt uns gar nichts. Höchsten Heiles Wunder; Erlösung dem Erlöser! (Parsifal. Super Musik. Grauenhafte Handlung)
"Wir erleben nicht mehr das Drama der Entfremdung, wir erleben die Extase der Kommunikation"
Jean Baudrillard, zitiert bei Geck, Wagner, 3635
Das abstrakteste aller Sinnenerlebnisse.
Im Grund ja nur schwingende Luft.
Bedeutet nichts.
Meint nichts.
Ist nur es selbst.
Gezähmtes Geräusch.
Und keiner konnte so zähmen wie der alte Magier. Ich kann mich dem überhaupt nicht entziehen, und ich werde dessen auch nicht überdrüssig. Alles, was ich über Wagner weiß, spielt keine Rolle, wenn ich im Sessel hocke und die Klangdusche über mich hereinbricht. Es wird intensiver, je öfter man es tut. Und heuer, wo man auch noch die Untertitel geliefert bekommt und beim Videogucken nicht immer mit einem Auge auf das Textheft starren muss, erst recht. Jedes Wort, jede Geste, jeder Blick ist Musik, und man vergisst irgendwann, wie irreal die Situation ist: singende Menschen mit nicht endenwollenden Texten.
Und man will ja auch gar nicht, dass es endet. Es kann endlos so weitergehen. Das Finale ist jedesmal ein Schock.
Wie mag es sein, das in Bayreuth zu erleben?
Ich werde es bald wissen. Ich fasse es noch gar nicht. Ich habe Karten für die Premiere des Ring des Nibelungen in der Inszenierung von Frank Castorf. Wieder ein Jahrhundertring? Das werden endlos lange Wochen, bis endlich das tiefe ES erklingt. Dann werde ich es wissen. Ich fürchte mich sogar ein wenig davor: wenn Wagner mich schon via MP3-Player förmlich weghaut, wo die Hälfte des Klanges fehlt, wie mag es mir in Bayreuth ergehen, dem Ort, für den diese Musik geschrieben wurde?
Und ich fürchte mich auch davor, weil es mir leicht so gehen kann wie jedem Wallfahrer. Endlich in Rom angekommen, sitzt da bloß ein alter Mann in selstamen Gewändern, der auch nichts anderes macht, als der Pfarrer zu Hause.
Es wird spannend. Der Blog wird Euch auf dem Laufenden halten, ob ihr wollt oder nicht. Der Herr der Ringe ist ein Kaschperltheater gegen das, was im Ring des Nibelungen losgeht. Es ist die Droge Klang.
Ob sie Langzeitschäden hat? Höchstens Sehnsucht nach absoluter Stille, die die Bedingung für den Klang ist. Das Chaos dröhnt nämlich nicht, das Chaos schweigt. Es war still über der Urflut, bis Gott seine Stimme erhob.
Und dann.......
Aushalten, die Stille. Bis die alte Schöpfung versunken ist und die neue beginnt.
Natürlich weiß ich, mit wem ich es zu tun habe bei Wagner. Und natürlich höre ich ihn mit seiner Wirkungsgeschichte. Wie mit der Kirche ist es da. Auf einem Haufen schlimmsten Unrates blüht eine schöne Blüte. Da kommen wir nicht raus. Dem müssen wir uns stellen. Sonst bleibt uns gar nichts. Höchsten Heiles Wunder; Erlösung dem Erlöser! (Parsifal. Super Musik. Grauenhafte Handlung)
"Wir erleben nicht mehr das Drama der Entfremdung, wir erleben die Extase der Kommunikation"
Jean Baudrillard, zitiert bei Geck, Wagner, 3635
Samstag, 22. Juni 2013
Motorsense
Was uns die Motorsense lehrt:
Gegen den pestilentisch eitlen Hahnenfuß und die großmäulige Brombeere hilft nur Durchgriff. Ein Rittersporn ließ dabei sein zartes Leben, aber Rasen und Rosen atmen auf.
Und es macht Spaß.
Ein Gleichnis.
Gegen den pestilentisch eitlen Hahnenfuß und die großmäulige Brombeere hilft nur Durchgriff. Ein Rittersporn ließ dabei sein zartes Leben, aber Rasen und Rosen atmen auf.
Und es macht Spaß.
Ein Gleichnis.
Tageslosung, Musik, Theologie und Zukunftskirche.
Du krönst das Jahr mit deinem Gut.
Psalm 65,12
Gott hat sich nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt.
Apostelgeschichte 14,17
Nur wer weiß, was ein Dominantseptakkord ist, kann ihn auch hören und benennen.
Wer ihn nicht kennt, wer von ihm nicht weiß, wird ihn empfinden, aber eben nicht identifizieren.
Das ist der Zusammenhang zwischen Wissen und Erkennen.
Es gibt kein intuitives Wissen oder dergleichen, dass dem expliziten Wissen vorherginge. Die Rezeptionsästhetik, die Neurobiologie und die Gestaltspsychologie wissen es sehr genau, weil experimentell wiederholbar: "intuitives Wissen" ist nichts anderes als auf die Ebene des instinkthaften Handelns abgesunkenes, trainiertes Wissen. Es gibt eine Faustregel: Es dauert 10 000 Stunden harten Trainings, bis explizites Wissen sich als Intuition etabliert. So lange also, wie es dauert, bis wir mit Messer und Gabel intuitiv essen können (nämlich rund 10 Jahre).
Alles, was wir bestimmt wahrnehmen, haben wir gelernt und geübt, auch in der Musik. Das bedeutet aber in der Umkehrung nicht, dass es den "Dominantseptakkord" nicht gibt. Das wäre plattester Konstruktivismus.
Der Dominantseptakkord wirkt ja, und wenn ich es richtig sehe, ist er ein so starkes Element musikalischen Empfindens, dass er sogar auf Menschen wirkt, denen unser musikalisches System, also die Dur/Moll Tonalität, fremd ist. Er ist eine Art musikalische Universalie. Wie auch immer: Ein "Dominantseptakkord" ist er aber nur in diesem, unserem System. Und nur für den, der es kennt.
Worauf ich hinauswill:
Dass Gott das Jahr mit seinem Gut krönt, sieht nur, wer es weiß. Von sich aus sprechen die Fakten nicht. Ohne musikalische Erziehung bleiben Klänge berührende Ereignisse, ohne religiöse Erziehung ist "Schöpfung" nur das existentielle Hintergrundrauschen.
Man wird einen Dominantseptakkord natürlich niemals nur durch Erklären und Beschreiben einem Menschen nahebringen.
Aber nimm die Gittarre, C-Dur, G-Dur, G7, C-Dur: jeder wirds merken, vielleicht mancher nur mit ein bisschen Aufmerksamkeitshilfe.
Das ist der Unterschied zwischen Predigen und Theologietreiben. Predigen holt die existentielle Gitarre hervor: Gott loben im Vollzug und Menschen mit hineinnehmen in das Lob.
Leider erlebe ich allzuoft, dass auf der Kanzel Musikwissenschaft getrieben wird (also Theologie). Schlechte Predigten sind theologische Predigten.
Und das ist so tödlich wie ein Vortrag über den Dominantseptakkord (es sei denn für Profis oder fortgeschrittene Amateure in einer Fortbildung).
Und ich vermute einen fatalen Zusammenhang, den man ja auch aus der Musik kennt: je schwächer die theoretischen Kenntnisse sind, um so schwächer ist auch die Musik.
Und die sog. Naturtalente sind der beste Beweis dafür. Bekommen sie keine gute theoretische Ausbildung, dann bleiben sie auf den Niveau des Naturtalentes stehen und werden schwerlich zur wirklichen Kunst vorstoßen.
Die maschinell-industrielle Popkultur lebt davon. Das ist ganz schön bitter.
An deren Mechanismen kann man lernen:
Eine schwache Theologie wird auf Dauer auch schwache Predigten erzeugen. Und es geht sogar noch fataler: Kennzeichen einer schwachen Theologie ist es, dass sie den Unterschied zwischen Theologie und Verkündigung nicht kennt und folglich auf der Kanzel Theologie treibt (also Rechthaberei), und das eben gerade nicht merkt, weil sie meint, Theologie sei Verkündigung (also Erklärung von Glauben).
Aus dieser Position heraus wird dann paradoxerweise Theologie oft angegriffena als verkopft, ausgedacht, abgehoben. Ein völlig sinnloser Einwand, denn genau das ist ja Theologie: Reflexion (verkopft, ausgedacht, abgehoben). Darum gehört sie nicht auf die Kanzel. Aber wer, anstatt die Schöpfung zu loben, die Schöpfung erklärt (weil er sie nicht verstanden hat), der treibt eben Theologie auf der Kanzel, und zwar ganz schlechte. Ein merkwürdiger Zusammenhang. Es ist der Kreislauf des Dilettantismus: wer etwas nicht richtig kann, behauptet eben, dass alles, was darüber hinausgeht, gekünstelt, falsch, ausgedacht oder - beliebtes Killerinstrument - "an den Menschen vorbei" gehe. Als ob Mozart je an den Menschen vorbeigegangen wäre. Nur dann, wenn man ihn nicht aufführt, sondern stattdessen die Zillertaler zum Gipfel der Musik erklärt, stimmt das. Eine Predigt, die Predigt ist (und nicht Theologia simplex) wird immer berühren. Das wird sie natürlich dann nicht mehr, wenn sie nicht stattfindet.
Ein Teufelskreis.
Darum ist es die schwache Theologie, die die starke Theologie ständig anzugreifen versucht, und wie die Popkultur versucht sie ihre eigene musikalische Schwäche durch außermusikalische Elemente zu verdecken und die immergleiche Musik mit Events aufzudonnern. Das ist okay, solange man das weiß. Für den Gottesdienst und den Glauben ist das fatal. Schwache Theologie (die folglich nicht predigt, sondern erklärt) braucht den Event, weil sie dem Wort nicht traut. Und darum wird dann, wie in der Popkultur, der Event mit der Sache verwechselt.
Dabei ist es ja wirklich ganz anders, man kann es nicht oft genug sagen:
Die wirkliche Kopfmusik, nämlich nach wenigen Reglen ausgedacht und seriell konstruiert, sind ja gerade der Schlager, die volkstümliche Musik und der mainstream Pop (und auch die mainstream Klassik. Deshalb Adornos Polemik gegen die schönen Stellen. Ich verstehe ihn immer besser). Sie brauchen den Event und den Personenkult, weil die Substanz nicht trägt.
Die Parallelen zur Religion sind evident. Nach einem Jahrhundert der Musikindustrie gehen wir auf ein Jahrhundert der Religionsindustrie zu. Weil das Vertrauen in das Wort fehlt, das Vertrauen in die Kraft des Lobens und Klagens, der Tröstens, Mahnens und Ermunterns. Das ist Predigt. Und wenn sie das ist, wirkt sie auch: welterschließend, weil sie Dumpfes, bloß Gefühltes in das Licht des Verstehens und in das Glück des Begreifens holt.
Gegen die religionsindustrielle Verblödung der Kirche und des Glaubens hilft nur das öffentliche Lob Gottes: in hochreflektierter Einfalt, in einer Einfalt, die das Ergebniss massiver theoretischer Durchdringung ist.
Nicht Musik beschreiben, sondern singen.
Nicht die Schöpfung beschreiben, sondern loben.
Dafür muss man nicht Theologie studiert haben: aber begriffen haben muss man sie schon. Das können auch Amateure, wie eine Gesangverein oder ein Posaunenchor leicht beweisen, und wie die vielen Lektoren und Prädikanten zeigen. Wie Amateure wundervoll Musik machen können, wie Amateure (wörtlich: Liebhaber!) wundervoll Glaube bezeugen können. Aber sie stoßen an die Grenzen der Verstehbarkeit und der Bandbreite. Hier greift die Profession. Wer seine Grenzen in der Musik durch Theorie erweitert, kann seine Erlebnistiefe steigern und wird kritischer. Wer seine Grenzen im Glauben durch Theologie erweitert, kann seine Erlebnistefe steigern und wird kritischer und darum kreativer. Das ist der Bildungsauftrag. Der gehört aber nicht auf die Kanzel, wie musiktheorie nicht auf die Bühne gehört.
Predigen heißt also:
Aus der ganzen Fülle der Schrift heraus die Welt als das von Gott geschaffene und von Christus erlöste verkündigen, aus der ganzen Tiefe der Schrift heraus den Menschen verstehen als den von Gott geliebten Sünder. Nur wer weiß, wer Gott ist, kann ihn erkennen.
Von sich aus schweigt die Schöpfung wie ein unverstandener Dominantseptakkord: ein unbenennbares Gefühl. Da kann man noch so viel aufgedonnerte Form drumherumbauen: es berührt nicht. Wo kein Vertrauen in das Wort ist, bleibt der Glaube dumm und stumm. Das ist der Schlüssel, um formlose Esoterik ("religiös sein") und Fundamentalismus zu begreifen. Und das ist der Schlüssel, an dem sich unsere Gottesdienstkultur orientieren sollte. Erlebnisräume, aber intellektuell befragbar. Emotional berührend, aber kognitiv verstehbar. Existentiell, aber reflektiert. Der bloße Event ist dumm, die bloße Theologie ist blind.
Ich finde, dass das mit der Zukunftskirche gut gelungen ist. Ein Spektakel, das unmittelbar anspricht und sich doch dem sofortigen Zugriff entzieht. Ein Raum mit "Magie", die aber intellektuell rekonstruierbar ist. War ich bei der "Traumkirche" in Oberursel noch skeptisch, hier bin ich überzeugt: das ist ein möglicher Weg, Gott zu loben, ohne die Menschen zu manipulieren, für blöd zu verkaufen oder zu überwältigen. Der Raum spricht nicht für sich, aber er fordert auf, zu sprechen. Er lässt die Schrift zu Wort kommen. Er rahmt. Er repäsentiert die Welt, erhebt aber nicht den Anspruch, die Welt zu sein. Er ist offen für das Wort. Die aufgeschlagene, "illuminierte" Bibel auf dem Altar mit dem lichten Psalm 23 wird mir noch lange vor Augen stehen. Die Schrift zum Leuchten zu bringen, auch zwischen den Zeilen: das genau ist die Aufgabe.
Wie ich mich freue, das bald wieder "vor Ort" tun zu dürfen.
dominantseptakkord
zukunftskirche
traumkirche
Donnerstag, 20. Juni 2013
Banal-brisante Bilanz der Zukunftskirche : Wer nicht kooperiert, wird untergehen
Nun bin ich nach 1 1/2 Tagen Zukunftskirche, davon heute den ganzen Tag als Seelsorger des Tages mit Mittagsandacht zu einer sehr einfachen inhaltlichen Bilanz all der Talks, der Gespräche und der visuellen und intellektuellen Impulse gekommen:
Wer nicht kooperiert, wird untergehen.
Kooperation ist der einzige Weg,
bei knapperen Ressourcen
und immer komplexer werdenden Strukturen
zurechtzukommen:
den Standard zu halten wird schon schwer genug.
Auf allen Lebensebenen: Partnerschaft, Familie, Beruf, Gemeinde, Gesellschaft, Nationen.
Gerechtigkeit ist eine Frage der Kooperation, Frieden ist eine Frage der Kooperation und sogar Genuß und Freude sind es.
Niemand kann mehr irgendwas alleine packen.
Vor allem Kirchengemeinden sollten das so schnell wie möglich begreifen und angehen. Sonst gehen die Lichter aus.
Die banale Brisanz dieser simplen Erkenntnis hat mich in diesen Tagen schier umgehauen.
Das wird also mein Motto sein für das neue Leben.
Zukunftskirche
Wer nicht kooperiert, wird untergehen.
Kooperation ist der einzige Weg,
bei knapperen Ressourcen
und immer komplexer werdenden Strukturen
zurechtzukommen:
den Standard zu halten wird schon schwer genug.
Auf allen Lebensebenen: Partnerschaft, Familie, Beruf, Gemeinde, Gesellschaft, Nationen.
Gerechtigkeit ist eine Frage der Kooperation, Frieden ist eine Frage der Kooperation und sogar Genuß und Freude sind es.
Niemand kann mehr irgendwas alleine packen.
Vor allem Kirchengemeinden sollten das so schnell wie möglich begreifen und angehen. Sonst gehen die Lichter aus.
Die banale Brisanz dieser simplen Erkenntnis hat mich in diesen Tagen schier umgehauen.
Das wird also mein Motto sein für das neue Leben.
Zukunftskirche
Dienstag, 18. Juni 2013
Warum die Banane krumm ist und ich nie ein Journalist werde oder sowas
Eine Übungsaufgabe aus der letzten Fortbildung (von heute, um genau zu sein) wo es um (journalistisches) Schreiben ging.
Aus mir wird nie ein ernsthafter Journalist, das habe ich diese Tage wieder erlebt: ich habe diesen (pseudo?)-sachlich-Zielgruppen-Informationssprech einfach nicht drauf. Ich bin eben doch eher ein rhetorischer Poet oder sowas.Oder sogar einfach ein Prediger. Braucht heute offensichtlich kein Mensch, macht aber Spaß.
Ein Lichtblick war diese Übung. Das Ding gibt es wirklich, das machte den Job leichter.
Offenbarung in der coolen Küche
Dear Charlie, der Bananenhalter von Alessi
Hat die Evolution ein Ziel? Diese tiefe philosophische Frage, die je nach Geschmack nach "Zufall und Notwendigkeit" oder nach dem göttlichen Heilsplan fragt, entzündet sich ja oft an der Frage danach, warum die Banane krumm ist. Wir wissen es jetzt. Die gesamte Evolution der Banane lief darauf zu, dass ein Bananenständer phänotypisch ans Licht der materiellen Welt tritt. Wer jetzt sagt: „Brauch ich nicht“, irrt. Der Blinddarm ist ja auch da, ohne dass wir so genau wissen, warum. Aber fragen Sie mal einen Chirurgen, der davon lebt! Jeder also der sich „Dear Charlie“ in die Design-Küche stellt, dokumentiert sein Einverständnis damit, dass auch die Schöpfung einem Design-Plan unterlegt und nichts anderes ist als funktionale Architektur. Was für ein Wurf. Was für eine Offenbarung. Die feine Krümmung der Banane und das coole Edelstahldesign: Natur und Kultur vereint in wechselseitiger Zähmung. Und ich weiß jetzt, was ich jemandem schenke, den ich nicht leiden kann. Obwohl das Ding bestimmt höllisch teuer ist.
PS:Jetzt können wir nur hoffen, dass die EU nicht einen Bananenkrümmungsgradsverordnungserlass erläßt, der dieses geniale Meisterstück zu Alteisen werden lässt.
PPS: Und jetzt erst erschließt sich mir der ganze Zusammenhang, und rührt mich zu Tränen, weil er in die Kindheit weist. Heißt nicht der drollige Schimpanse, der auf dem ZDF Milliarden von Kindern und Tierfreunden vor die Glotze zog, „Unser Charlie“? Ein geniales Stück Assoziationsdesign.
Samstag, 15. Juni 2013
theo denkt noch
....aber im Moment nicht öffentlich. Es ist gerade soviel los, dass das RL völlig genügt. Also abwarten, bis mir wieder langeweilig wird....:)
RL: Real life
Wobei für mich ja das öffentliche Schreiben, das Twittern und Posten auch zum real life gehört. Es gibt doch nur dieses eine. Ich habe mit dieser sauertöpfisch-moralinsaueren Unterscheidung zwischen einem echten (kohlenstoffigen) und einem unechten (elektronischen) Leben durchaus meine Probleme: dahinter stehen doch so gnostische* Vorstellungen davon, dass es so etwas wie ein richtiges und ein falsches Leben geben kann. Aber - der schöne Satz ist leider nicht von mir - "es gibt kein richtiges Leben im Falschen".
Die Unterscheidung ist unter dem Gesichtspunkt "Schöpfung" geradezu gotteslästerlich.
Es gibt nur ein gefallenes Leben in der gefallenen Schöpfung, deren Wiederherstellung allein Gottes Werk ist. Das gesamte irdische Leben gehört auf die problematische Seite: Und damit auch die künstlichen Unterscheidungen, mit denen ein angeblich wahres (natürliches, unelektronisches, unselbstentfremdetes oder-was-weiß-ich- wie-) Leben von einem angblich unwahren unterschieden werden soll. Merkwürdig nur, dass die meisten, die ich diese Unterscheidung mit Bedeutungsbrustton treffen höre, seltsam unlebendig wirken: von Moralinsäure zerfressene Mumien voller Ängste vor Frauen, Veränderungen und Computern.
Also für mich jedenfalls gibt es nur ein Leben, und das findet mal dort und mal dort statt, das "richtige" ist es nie, kann es nicht sein, aber es ist das "gerechtfertigte" Leben. Und das ist doch etwas Wunderbares. Denn wer gerechtfertigt ist, braucht sich nicht selber zu rechtfertigen. Weder vor Eltern noch vor sonst jemanden. Der protestantische Kerngedanke hat einen zutiefst anarchischen Zug, da hilft auch keine Zwei-Reiche-Lehre. Weil ich weiß, dass mein Erlöser lebt, brauche ich keine sonstigen Erlösungskonzepte, ich kann leben lassen, weil Leben leben will. Ich brauche "really life", und zwar so viel wie möglich. Während die einen es haben, indem sie sich gerade zu 10.000en durch Kassel wälzen (brrrr), habe ich es, indem ich in der Abendstille vor meinem Bildschirm sitze und mich jetzt schon freue, dass ein paar getreue und wackere Menschen das lesen werden, ihren Spaß haben und gut so.
Amen.
*von "Gnosis": "spiritueller Durchblick". Eine Lehre der Antike, bis heute höchst beliebt ist und gerne mit Glauben verwechselt wird und die so abenteuerlichen Vorstellungen nachgeht wie der, dass die irgendwie immaterielle oder semimaterielle Seele im Leibe gefangen ist und durch dieses und jenes befreit werden muss. [Ätzmodus]Der Körper also ist böse, eklig und vergänglich, die Seele nicht; das Geistige ist das Wahre und das Materielle das Böse und überhaupt lebt und webt der Kosmos in Harmonie, nur die gefallenen Seelen bringen ihn durcheinander, also müssen sie durch dies und das zurechtgebracht werden (es muss vor allem teuer, unverständlich und nicht allzu anstrengend sein) mit einem Wort: Der Kern des esoterischen Bullshit der Religionsindustrie, gegen den schon Jesus und Luther angingen (und manch andere, die um Gottes Willen die Menschen vor diesem Stuss bewahren wollten). Es ist der Kern der Moderne, der jetzt langsam anfängt, seine gnostische Fratze zu zeigen: Fundamentalismus und Privatreligion. Theologie studieren lohnt sich. Das Gelernte anzuwenden noch mehr. [/Ätzmodus]
RL: Real life
Wobei für mich ja das öffentliche Schreiben, das Twittern und Posten auch zum real life gehört. Es gibt doch nur dieses eine. Ich habe mit dieser sauertöpfisch-moralinsaueren Unterscheidung zwischen einem echten (kohlenstoffigen) und einem unechten (elektronischen) Leben durchaus meine Probleme: dahinter stehen doch so gnostische* Vorstellungen davon, dass es so etwas wie ein richtiges und ein falsches Leben geben kann. Aber - der schöne Satz ist leider nicht von mir - "es gibt kein richtiges Leben im Falschen".
Die Unterscheidung ist unter dem Gesichtspunkt "Schöpfung" geradezu gotteslästerlich.
Es gibt nur ein gefallenes Leben in der gefallenen Schöpfung, deren Wiederherstellung allein Gottes Werk ist. Das gesamte irdische Leben gehört auf die problematische Seite: Und damit auch die künstlichen Unterscheidungen, mit denen ein angeblich wahres (natürliches, unelektronisches, unselbstentfremdetes oder-was-weiß-ich- wie-) Leben von einem angblich unwahren unterschieden werden soll. Merkwürdig nur, dass die meisten, die ich diese Unterscheidung mit Bedeutungsbrustton treffen höre, seltsam unlebendig wirken: von Moralinsäure zerfressene Mumien voller Ängste vor Frauen, Veränderungen und Computern.
Also für mich jedenfalls gibt es nur ein Leben, und das findet mal dort und mal dort statt, das "richtige" ist es nie, kann es nicht sein, aber es ist das "gerechtfertigte" Leben. Und das ist doch etwas Wunderbares. Denn wer gerechtfertigt ist, braucht sich nicht selber zu rechtfertigen. Weder vor Eltern noch vor sonst jemanden. Der protestantische Kerngedanke hat einen zutiefst anarchischen Zug, da hilft auch keine Zwei-Reiche-Lehre. Weil ich weiß, dass mein Erlöser lebt, brauche ich keine sonstigen Erlösungskonzepte, ich kann leben lassen, weil Leben leben will. Ich brauche "really life", und zwar so viel wie möglich. Während die einen es haben, indem sie sich gerade zu 10.000en durch Kassel wälzen (brrrr), habe ich es, indem ich in der Abendstille vor meinem Bildschirm sitze und mich jetzt schon freue, dass ein paar getreue und wackere Menschen das lesen werden, ihren Spaß haben und gut so.
Amen.
*von "Gnosis": "spiritueller Durchblick". Eine Lehre der Antike, bis heute höchst beliebt ist und gerne mit Glauben verwechselt wird und die so abenteuerlichen Vorstellungen nachgeht wie der, dass die irgendwie immaterielle oder semimaterielle Seele im Leibe gefangen ist und durch dieses und jenes befreit werden muss. [Ätzmodus]Der Körper also ist böse, eklig und vergänglich, die Seele nicht; das Geistige ist das Wahre und das Materielle das Böse und überhaupt lebt und webt der Kosmos in Harmonie, nur die gefallenen Seelen bringen ihn durcheinander, also müssen sie durch dies und das zurechtgebracht werden (es muss vor allem teuer, unverständlich und nicht allzu anstrengend sein) mit einem Wort: Der Kern des esoterischen Bullshit der Religionsindustrie, gegen den schon Jesus und Luther angingen (und manch andere, die um Gottes Willen die Menschen vor diesem Stuss bewahren wollten). Es ist der Kern der Moderne, der jetzt langsam anfängt, seine gnostische Fratze zu zeigen: Fundamentalismus und Privatreligion. Theologie studieren lohnt sich. Das Gelernte anzuwenden noch mehr. [/Ätzmodus]
Sonntag, 9. Juni 2013
Sich neu erfinden
Das ist so eine Redewendung, die im Moment schwer in Mode ist: "sich neu erfinden" . Ich kann damit überhaupt nichts anfangen. Ich finde mich immer vor, ich war schon da, bevor ich da war. Wenn überhaupt, dann kann ich mich nur finden.
Und damit bin ich im Moment wieder schwer beschäftigt, wen wunderts. Aber darum ist es hier auch wieder mal so ruhig. Es ist eine Art Appetenzphase, ein Hin- und Her-schwimmen wie beim paarungsbereiten Stichling, der nur darauf wartet, dass das vorbeischwimmende Weibchen den Reflex auslöst. Appetenzverhalten
Was soll bei mir vorbeischwimmen? Worauf wartet mein Instinktsystem? Nun, ich glaube, das ist ziemlich einfach. Auf den Zuspruch, den ich empfangen werde, wenn ich in wenigen Monaten (8.September) meine Urkunde in die Hand bekomme und mir von Außen gesagt wird, wer ich fortan bin. Dann wird es wieder losgehen: Dann bin ich neu "erfunden": Als Bote des Evangeliums. Dann kann ich wieder in mich hineinwachsen.
Jede andere Form von "sich neu erfinden" ist Selbsttäuschung und bloßer Tapetenwechsel, Kosmetik, Ego-Marketing. Damit verdient eine ganze Industrie furchtbar viel Geld, bis hin zu den Plastikbusenproduzenten. Mich kotzt das immer mehr an: völlig unnötiger existentieller Stress, der Menschen zum Sklaven der Bilder macht.
Es lebt sich tausendmal besser, wenn man im "Ruf" lebt, als wenn man dem hinterherläuft, was andere vermeintlich von mir sehen wollen oder müssen. Der "andere", von dem ich mich empfange, ist Jesus Christus: Er ist sozusagen die Ikone meines Lebens. "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken". Das Kreuz ist mein Rückgrat.
Luther 1912
1Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse. 2Nun sucht man nicht mehr an den Haushaltern, denn daß sie treu erfunden werden. 3Mir aber ist's ein Geringes, daß ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich selbst nicht. 4Denn ich bin mir nichts bewußt, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der HERR ist's aber, der mich richtet. 5Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der HERR komme, welcher auch wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und den Rat der Herzen offenbaren; alsdann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren.
Wie psychologisierend-moralsülzig klingt das in der Guten Nachricht:
ὧδε λοιπὸν ζητεῖται ἐν τοῖς οἰκονόμοις ἵνα πιστός τις εὑρεθῇ. 1. Kor 4,2. :
Und damit bin ich im Moment wieder schwer beschäftigt, wen wunderts. Aber darum ist es hier auch wieder mal so ruhig. Es ist eine Art Appetenzphase, ein Hin- und Her-schwimmen wie beim paarungsbereiten Stichling, der nur darauf wartet, dass das vorbeischwimmende Weibchen den Reflex auslöst. Appetenzverhalten
Was soll bei mir vorbeischwimmen? Worauf wartet mein Instinktsystem? Nun, ich glaube, das ist ziemlich einfach. Auf den Zuspruch, den ich empfangen werde, wenn ich in wenigen Monaten (8.September) meine Urkunde in die Hand bekomme und mir von Außen gesagt wird, wer ich fortan bin. Dann wird es wieder losgehen: Dann bin ich neu "erfunden": Als Bote des Evangeliums. Dann kann ich wieder in mich hineinwachsen.
Jede andere Form von "sich neu erfinden" ist Selbsttäuschung und bloßer Tapetenwechsel, Kosmetik, Ego-Marketing. Damit verdient eine ganze Industrie furchtbar viel Geld, bis hin zu den Plastikbusenproduzenten. Mich kotzt das immer mehr an: völlig unnötiger existentieller Stress, der Menschen zum Sklaven der Bilder macht.
Es lebt sich tausendmal besser, wenn man im "Ruf" lebt, als wenn man dem hinterherläuft, was andere vermeintlich von mir sehen wollen oder müssen. Der "andere", von dem ich mich empfange, ist Jesus Christus: Er ist sozusagen die Ikone meines Lebens. "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken". Das Kreuz ist mein Rückgrat.
Luther 1912
1Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse. 2Nun sucht man nicht mehr an den Haushaltern, denn daß sie treu erfunden werden. 3Mir aber ist's ein Geringes, daß ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich selbst nicht. 4Denn ich bin mir nichts bewußt, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der HERR ist's aber, der mich richtet. 5Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der HERR komme, welcher auch wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und den Rat der Herzen offenbaren; alsdann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren.
Wie psychologisierend-moralsülzig klingt das in der Guten Nachricht:
1 Ihr seht also, wie ihr von uns denken müsst: Wir sind Menschen, die im Dienst von Christus stehen und Gottes Geheimnisse zu verwalten haben.
2 Von Verwaltern wird verlangt, dass sie zuverlässig sind.
3 Aber für mich zählt dabei nicht, wie ich von euch oder von irgendeinem menschlichen Gericht beurteilt werde. Auch ich selbst maße mir kein Urteil an.
4 Mein Gewissen ist zwar rein, aber damit bin ich noch nicht freigesprochen, denn mein Richter ist der Herr.
5 Urteilt also nicht vorzeitig, bevor Christus kommt, der das Verborgene ans Licht bringen und die geheimsten Gedanken enthüllen wird. Dann wird Gott das Lob austeilen, so wie jeder und jede es verdient.
ὧδε λοιπὸν ζητεῖται ἐν τοῖς οἰκονόμοις ἵνα πιστός τις εὑρεθῇ. 1. Kor 4,2. :
Mittwoch, 5. Juni 2013
Sünde. Tageslosung.
Unsre Missetat drückt uns hart; du wollest unsre Sünde vergeben.
Psalm 65,4
Gott hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
Kolosser 2,14
Säkularisation - also die "Entzauberung" der Welt ( Max Weber) - zeigt sich nicht darin, dass Gott keine Rolle mehr spielt. Ich habe den Eindruck, dass er so präsent ist im Denken und Handeln der Menschen, wie selten. Natürlich nicht Gott, sondern das Wort Gott. Natürlich nicht Gott, sondern das, was Menschen so Gott nennen.
Denn die Säkularisation - also die Entchristlichung der Welt - zeigt sich darin, dass nicht mehr von der Sünde geredet wird.
Die Sünde: das ist die ERfahrung von Gott getrennt zu sein. Sünde: das ist Unglauben, erfahrener Unglauben, Sünde, das ist die Wahrheit über das, was wir wirklich denken. Sünde ist die Unfähigkeit, Gott zu denken und zu lieben. Davon ist kaum noch die Rede.
Stattdessen wird über Gott schwadroniert, als hätten wir ihn in der Hosentasche oder im Handtäschchen, stattdessen wird über Gott schwadroniert wie über einen abwesenden Arbeitskollegen.
Das ist die eigentliche Sünde. Sie tritt eben gerade nicht als Religionslosigkeit auf. Sie tritt als eine Frömmigkeit und eine Art des religiösen Geredes auf, die distanzslos mit Gott auf Du und Du steht und Theologie zu einer Art Expertise über Gott verkommen lässt. Mit demselben fröhlichen Irrtum wird dann über Glauben gefaselt, mit dem auch über Sex und Ernährung geredet wird, als reiche es aus, es zu tun, um Expertise zu erwerben. DAS ist Säkularisation: das Gefasel über GOtt und Religion.
Dass wir in Wahrheit zu Gott in einer unüberwindlichen Distanz stehen, in einer völlig gestörten Beziehung scheint gegen die political correctness zu sein. Die schlichte Wahrheit über "religiöse Gefühle", das wir nämlich gar keine haben, sondern höchsten "religiös" gedeutete Gefühle, ist selbst für sich evangelisch gebärende Theologen inzwischen schwer zu ertragen, wie mir scheint (als ob Luther nicht gerade an seine "religiösen Gefühlen" zu Grunde gegangen wäre).
Also entweder man gebärdet sich als bekennender Atheist oder man gibt sich "religiös". Aber beides ist verlogen und hat mehr vom Pfeifen im Wald als von reifer Weltwahrnehmung.
Die Wahrheit, die der Glaube als Grundefahrung macht, ist ja gerade die, dass er eben keine Gotteserfahrung macht, im Wald nicht, in der Tiefe der Seele nicht und auch nicht in der KUnst, beim Sex oder was-weiß-ich-wo.
Die Grunderfahrung des Glaubens ist die Gottesferne, der eigene Unglauben. Das ist noch einmal etwas anderes als der "Zweifel".
Auch so ein komisches Wort, mit dem in der Theologie auf merkwürdig gottvergessene Weise hantiert wird. "Glaube und Zweifel" gehören zusammen, liest man dann oft. Was für ein Unsinn. Evidentes Wissen und Zweifel gehören zusammen, weil sie in sematischer Opposition stehen: Nur eines von beiden kann wahr sein, sie definieren sich gegenseitig und können niemals gleichzeitg wahr sein.
Und es gibt gesicherte Verfahren, aus Zweifel Wissen zu machen: das Experiment, die Überprüfung, der mathematische Beweis. Das ist aber nur dann das Gegenteil von Glauben, wenn Glauben auch eine Art des Wissens wäre. Aber was soll das heißen: "An der Existenz Gottes zweifeln"? dann müsste man schleunigst ein Verfahren entwickeln, dem Zweifel abzuhelfen.
Das wird aber nicht gelingen: weil die Sünde es nicht zulässt. Das ist doch gerade unser Problem und die klarste Aussage des christlichen Glaubens überhaupt: Wir sind fern von Gott.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr das öffentliche Gerede über Glauben in Wahrheit ein Diskurs über ungesicherte Weisen des Wissens ist, als ginge es um eine Art Physik des Unsichtbaren.
Der Glaube aber kommt doch aus einer ganz anderen Quelle: aus einer erzählten Geschichte, die so von Vergebung und Neubeginn erzählt, dass ich auch Vergebung und Neubeginn erfahre. Eine Geschichte, die nicht dem Zweifel abhilft, sondern der Verzweiflung. Eine Geschichte, die nicht etwas beweist, sondern erweist. Eine Geschichte, die mir nicht ein "höheres Wissen" vermittelt oder andere esoterisch-spirituelle Einsichten, sondern die mich schlicht in meiner armen Menschlichkeit abholt.
Das sind die Geschichten von Jesus und seinen Vorläufern, in deren Lichte wir ihn sehen. Geschichten von einem Menschen, der so völlig aus Gott lebteund darum vollständig den Menschen zugewandt, (und nicht etwa ein besonderes "Wissen" hatte), dass die Menschen um ihn herum ihn als sündenfrei erlebten, als einen erlösten und folglich auch gelösten Menschen, der sich Menschen völlig vorbehaltlos zuwenden konnte. Jesus stant völlig jenseits der Alternative von Theismus und Atheismus. Und darum wurde ihm auch zugetraut und zugerechnet, Sünde zu vergeben, sprich: eine unmittelbare, lebensbewegende Erfahrung Gottes zu machen, die wir aus eigener Kraft eben gar nicht machen können. Er ließ Blinde das Licht erfahren.
Durch ein Wort, dass er sprach oder eine Geste, die er machte. So sehr erfuhren und erlebten sie ihn als ganz und gar von Gott durchdrungen, dass sie an ihm die Überwindung des Todes erlebten und also die Aufhebung der ultimativen Gottesferne: der Tod als der Sold der Sünde, will meinen als seine konsequenteste Form. Die Auferstehung ist die konsequenteste Jesuserzählung: der endgültige Sieg über die Sünde: Aufhebung aller Gottesferne.
Worauf ich hinauswill: Die Tageslosung stellt uns vor Gott ohen Wenn und aber, ohne Kompromiss. Aus der Schuld kommen wir nur durch Gott heraus. Und der Lehrtext macht es besonders anschaulich: Wir sind Freigekaufte. Wir reden von Schuld immer nur als von vergebener Schuld. Alles andere ist religiöser Fundamentalismus oder praktizierte Atheismus: Von Sünde und Schuld kann nur im Rückblick, kann nur von der Vergebung her geredet werden. Erst wenn Du siehsts, weist Du in Wahrheit, was es hieß, blind gewesen zu sein.
Das ist das Lebensgefühl des Glaubens. Das hat mit religiösem Überzeugungskrampf nichts zu tun, aber auch nicht mit lässigem "Gott wird´s schon richten". Das ist auch Jenseits der Alternative von Theismus und Atheismus (die beide nichts anderes sind als recht schwache intellektuelle Konzepte).
Wenn wir nicht von der Sünde sprechen, sprechen wir auch nicht von Gott, sondern nur von einem Popanz. Wenn wir nicht von der Sünde sprechen, die uns als Menschen trennt von der Welt, von uns selber und von Gott, sprechen wir auch nicht von der großen Tat Gottes an uns. Sondern wir philosophieren vor uns hin: das macht Spaß, das ist klug, das ist oft beeindruckend.
Aber wahr ist es nicht.
Warum aber fällt es so schwer, von der Sünde zu sprechen? Weil das der eigentliche Prüfstein des Glaubens ist. Von Gott kann man nämlich gefahrlos quatschen, da erntet man höchstens peinliches Berührtsein, mitleidiges Lächeln oder vielwissende Empathie.
Ernst wird es, wenn von der Sünde die Rede ist: von der vergebenen Sünde, von meiner Sünde (nicht von der, die ich anderen vorwerfe. Das ist gottlos und selber Sünde: Usurpation des Gerichtes. Der ewige Sündenfall der Kirche, wenn sie von der Sünde der anderen redet). Denn von Sünde reden kann ich nur - weil ich zuvor Gnade erfahren habe.
Sie ist das Geheimni des des Glaubens. Von ihr reden und zeugen wir.
An ihr erkennst Du Christen.
Alles andere ist meta-Physik und Erpresser-Ethik. Wer braucht die?
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