Die AfD ist keine "Nazi-Partei". Ich halte es für wenig hilfreich, wenn sie so benannt wird. Aber sie ist eine faschistoide, und in einigen Punkten, vor allem aber im Auftreten einiger ihrer Vertreter und Vertreterinnen eine faschistische Partei.
Jeder Nationalsozialist war (und wo es sie noch gibt: ist) ein Faschist. Aber nicht jeder Faschist, nicht jede Faschistin ist Nationalsozialist. Weil der Nationalsozialismus einen besondere Ausprägung des Faschismus ist, dessen Grundlage vor allem Antisemitismus und nationaler, rassistischer Größenwahn waren, der sich in einem totalitären, gewaltbasiertem Staatsverständnis ausdrückte, und in vieler Hinsicht war er so tatsächlich nur in einem deutschen oder deutschsprachigen Kontext möglich. Ich möchte die Singularität des Nationalsozialismus gewahrt wissen, nicht zuletzt, um damit auch die Singularität des Holocaust zu wahren.
Meiner Einschätzung nach verschleiert die Bezeichnung als "Nazi" für alle faschistischen Weltanschauungen, dass der moderne Faschismus aus dem 20. Jahrhundert gelernt hat und unter völlig anderen Voraussetzungen agiert als der historische Nationalsozialismus (der in vieler Hinsicht vom italienischen Faschismus "gelernt" hat), der auf seine Weise zwar auch "modern" war, weil er nur einem Staat entstehen konnte, der sich, ganz modern, als nationaler Verfassungsstaat etabliert hatte. Das war so eben nur unter den Bedingungen der Moderne möglich. Dazu gehören auch die frühen Massenmedien. Aber es war die Moderne vor der universellen Massenkommunikation und vor der Globalisierung.
Auf eine merkwürdige Art und Weise finde ich daher, dass die Bezeichnung "Nazi" für die AfD - unabhängig davon, dass es in ihr definitiv Nazis geben mag (bei Herrn Höcke z.B. finde ich das durchaus gegeben) - geradezu verharmlosend, weil die Gefahr besteht, den modernen Faschismus als historisch und faktisch überholt anzusehen, als etwas "ewig Gestriges". Faschismus ist aber ein, "ewiges" Phänomen. Faschismus unter den Bedingungen der "Informationsgesellschaft" ist auf eine sehr andere Weise gefährlich, als es der Nationalsozialismus war. Das wird vielleicht deutlicher, wenn man sich Umberto Ecos Definition von Faschismus anschaut. Ich habe eine sehr schöne Zusammenfassung dieses Textes gefunden: https://www.dr-walser.ch/14_merkmale_des_ur-faschismus_nach_umberto_eco.pdf
Ähnlich, aber historisch eben noch sehr nah an der Erfahrung des Nationalsozialismus, argumentiert Adorno, auch von seinem Vortrag habe ich eine schöne Zusammenfassung gefunden: https://www.deutschlandfunkkultur.de/theodor-w-adorno-aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus-102.html
Ich bin übrigens selbst von mir überrascht, wie stark der Faschismus-Begriff für mich wieder geworden ist, er ist leistungsfähiger, als ich bisher dachte, weil er auch Bewegungen umgreift, die eben nicht "nationalsozialistisch" sind, weil es geradezu absurd wäre, z. B. den französischen Rechtsradikalismus darunter zu subsumieren. Marine Le Pen weist das, aus guten und sehr fatalen Gründen, zurück. Auch Donald Trump und seine "MAGA" Bewegung ist nicht "nationalsozialistisch", aber deutlich faschistoid, wenn nicht gar im Kern vollständig faschistisch.
"Dass Auschwitz sich nie wiederhole..." - Theodor Adorno - kann nur dann eine sinnvolle Maxime sein, wenn man wahrnimmt, dass der Faschismus von heute zwar dem Faschismus von damals ähnlich ist und ihn in vieler Hinsicht auch beerbt - aber er ist etwas anderes, am Ende sogar weitaus Gefährlicheres: Er gebärded sich zwar immer wieder nationalistisch, aber er hat einen globalen Zug, es gibt eine internationale extreme Rechte - eine Perspektive, die der "historische" Nationalsozialismus so nicht haben konnte und auch nicht wollte.
In Summa: Ich halte die summarische Bezeichnung der AfD als "Nazi-Partei" für eine Vereinfachung, die verschleiert, womit wir es zu tun haben, sie macht es auch zu leicht, sie von sich zu weisen (wieder verweise ich auf Marine Le Pen). Was nicht heißt, dass es natürlich Überschneidungen gibt und dass es einzelne Protagonisten gibt, für die diese Bezeichnung zutreffen mag. Der moderne Faschismus ist eine Reaktion auf Globalisierung, Klimawandel, Migration, Digitalisierung und Diversität. Das ist ein völlig anderes Feindbild als das des Nationalsozialismus, der im wesentlichen auf seinem Antisemitismus beruhte, er hat eine andere Grunderzählung: Die Feindschaft gegen Diversität. Und damit gegen die entwickelte Moderne.
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