Samstag, 29. August 2015

Der Elfeinbeinturm als Rettungsinsel



Nun bin ich seit ziemlich genau 14 Tagen im Urlaub. Und wie fast immer, halte ich mich in dieser Zeit im Internet sehr zurück. Ich lese nur, schreibe kaum, wenn, dann höchsten ein paar persönliche Anmerkungen oder Rückmeldungen. Nun bin ich ja vor einigen Wochen wieder bei Twitter eingestiegen, habe wieder einige Newsletter abonniert, lese Blogs usw. usw. Und ich merke, wie es mich verbittert, was ich da lese. Zu tief ist der Einblick in die Abgründe - oder besser gesagt: Wüsteneien - der menschlichen Seele, oder wie immer man das nennen soll, was uns angeblich von Tieren, Pflanzen und Mineralien unterscheidet. Gerade die sog. "Flüchtlingsproblematik" hat eine Myriadenfülle von Buchstaben ins Universum gesendet - und mir fast eine handfeste Depression beschert. Wichtige Anmerkung: ich stamme aus einer "Flüchtlingsfamilie". Ich kenne die Geschichten von Diffamierung, Misstrauen und Ausgrenzung, die damals sogar "Deutsche" von "Deutschen" erfahren mussten. Ich bin bei dem Thema nicht unbetroffen naiv. Was die die Situation damals freilich von der heutigen unterscheidet: es ging allen gleich schlecht. Ich denke, die hohe soziale Ungleichheit auf insgesamt mit damals verglichen hohem Niveau macht es uns im Moment so schwer. Uns fehlt die Fantasie für das Elend.

Doch zurück zum Gedanken:

Werden wir jemals im öffentlichen Diskurs zu jener mittleren Temperatur zurückkehren, die einmal ein Markenzeichen für deutsche Politik und Öffentlichkeit war? Wer das jetzt als Gartenzwergsehnsucht und apolitisches Gelehrtentum meint verstehen zu müssen, braucht nicht mehr weiterzulesen.

Aber auch wer meint, dass damit den "bestehenden Verhältnissen" das Wort geredet werden, liegt falsch.

Doch wie soll es in einem derart aufgeheizten Klima allgemeinen Bescheidwissertums, in dem vor allem die Ahnungslosigkeit das Wort führt, je zu verantwortbaren Entscheidungen kommen? Die Zeit drängt, weil es um Menschen geht, aber Hatz ist nicht angesagt.

Aber auch bei vielen anderen Themen ertrage ich es nicht mehr, was ich da lese: Betroffenheit vor Besonnenheit, moralische Selbstrechtfertigung von Zuhören, Schwarz-Weiß vor Differenziertheit - es kann einem als aufrechtem Demokraten Angst und Bange werden um die Beteiligungskultur, die dabei ist, zu einer Geschrei-, Geheul- und Gejammerkultur zu werden. Das meine ich politisch völlig neutral (bzw. ich gebe mich hier "politisch", was ja neuerdings immer parteipolitisch heißt, nicht zu erkennen). Es ist auch egal bei welchem Thema und welcher Ebene: Es herrscht ein Ton der Aufgeregtheit, der früher einmal als sehr unfein galt. Am meisten beunruhigt mich die starke Personalisierung von Debatten, die oft genug schon einen Beigeschmack von "an die Laterne" hat.

Das ist oft schlimmste Sündenbockmentalität.

Nicht jeder, der vor Flüchtlingsunterkünften steht und demonstriert, ist Rassist. Er ist xenophob. Nicht jeder, der Rassist ist, ist auch automatisch Xenophob. Und nicht jeder, der Xenophob ist, ist automatisch ein Dummbatze. Und nicht jeder Dummbatze ist automatisch Xenophob. Xenophobie sitzt tief in uns drin, wie Rassismus auch. Es gilt, die eigene Xenophobie und den eigenen Rassismus wahrzunehmen und sich mit ihm auseinanderzusetzen, damit die Energie nicht anderswo - etwa im Aufstellen von anderen Feindbildern - sich ungefiltert Raum bricht. Das ist die alte Tugend der Besonnenheit, die immer auch mit sich selber rechnet. Besonnenheit ist ein elementares Bildungsziel, denn ohne Besonnenheit ist Gerechtigkeit nicht möglich. Gerechtigkeit ist gerade kein Gefühl, sondern ein Kalkül. Das heißt: Nicht jeder, der sich jetzt auf der Seite des "Guten" positioniert, muss lautere Motive haben, es ist immer auch mit vielerlei Geltungssüchten zu rechnen. Das ist die bittere und unbequeme Kehrseite des Gedankens.

Das bedeutet: es kommt doch darauf an, zu verstehen, was Menschen dazu treibt, abscheuliche Dinge zu tun. Verstehen aber - und das scheint mir ein weit verbreitetes Missverständnis zu sein - heißt noch lange nicht, das Verstandene zu billigen. Gerade wenn ich verstanden habe, warum ein Mensch aggressiv wird, kann ich erst etwas gegen seine Aggression unternehmen - im äußersten Falle auch mit Gegenaggression, obwohl das erfahrungsgemäß nur eine momentane Abhilfe schafft. Wenn einer kein Rassist ist, sondern "nur" xenophob: dann hat es wenig Zweck, ihn als Rassisten zu beschimpfen. Schlimmstenfalls wird er oder sie dadurch erst zu einem. Das ist auch eine Art Tribalisierung, die zu nichts Gutem führt.

Es ist ja keineswegs so, dass die radikalen Kräfte, die jetzt öffentlich werden, nie da waren. Sie hatten nur kein Forum. Es gab einmal eine Kultur der Einhegung radikaler Kräfte, die sie bändigte. Die geht gerade dahin, wenn ich recht sehe. Und das hängt schon mit der ungeregelten, ungezügelten Öffentlichkeit des Internets zusammen. Fragt mich nicht, wie man das ändern kann, sicherlich nicht mit Zensur. Aber mit so etwa wie entwaffnender Sanftmut (dem Gegenteil von Gewalt!) und entschiedenem Auftreten. Das hat sich auf Dauer immer als stärker erwiesen. Es geht um die Bekämpfung von Angst.

Und nicht jede Politikerin, die sich ungeschickt äußert, ist auch zugleich eine ungeschickte Akteurin. Und nicht jede Politikerin, die auf dem öffentlichen Klavier zu spielen versteht, muss auch eine gute Akteurin sein. Es beunruhigt mich, dass nur noch in Statements geredet wird. Das ist billig, und schlimmstenfalls sogar wohlfeil. Eine halbwegs funktionierenden Gesellschaft wird nicht aus Schurken und Helden bestehen, sondern aus unterschiedlich stark interessierten, unterschiedlich stark engagierten, unterschiedlich stark talentierten Menschen. Der Held von heute kann leicht der Lügner von morgen sein, die Mahnerin von heute die Heldin von morgen. Entscheidend ist doch, dass etwas geschieht, und es ist oft und gerade in Hochstressituationen wie der momentan ganz überraschend, welche Lösungen funktionieren und welche nicht (oft genug sind es die, im im ersten Moment richtig gut aussehen, die einer längeren Zeit nicht standhalten). Die Würde des Menschen besteht zu nicht geringem Teil in seiner Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten, innezuhalten und Situationen zu analysieren und zu bewerten. Und nicht jede Einsicht ist nur in Hauptsätzen zu formulieren. Gelegentlich braucht es doch eines Nebensatzes, um einen Sachverhalt angemessen zu beschreiben. Aber Nebensätze haben es im Moment wirklich schwer.

Das einzige Mittel heißt Reden, das ist der Kern demokratischer Politik. Reden braucht Zeit. Und Raum. Und so etwas wie einen Hintergrund der Stille.

Nicht jeder, der tiefe Betroffenheit artikuliert, muss ein empathischer Mensch sein, und nicht jeder, der nicht in der Lage ist, Gefühle zu äußern, schon ein gefühlloser Klotz. Nicht jeder, der keine Meinung äußert, muss deswegen auch keine haben, und nicht jeder, der eine Meinung äußert, muss deshalb schon eine haben. Demokratie lebt von der mittleren Temperatur, lebt vom Kompromiss, lebt von Toleranz (die gerade beim Ertragenkönnen des Unerträglichen auf die Probe gestellt wird) und auch von Delegation!

Nicht jeder, der hierher kommt, tut es aus "lauteren Motiven" (und was sollen das für welche sein - selbst ein ausgemachter Gauner will erst einmal überleben), und nicht jeder, der aus "unlauteren" Motiven hierher kommt, muss deshalb auch schon künftig unlauter handeln. Wer hierher kommt, tut es, weil er es dort, wo er herkommt, nicht mehr aushält. Das ist ein starkes Motiv, das es ernstzunehmen gilt, und die Frage ist doch nicht, warum er dort weggegangen ist, sondern warum er hierher kommt und was er hier erwartet. Da liegt noch eine unentschärfte Bombe auf dem Grund des Themas, über das erstaunlich wenig geredet wird.

Werden wir hier am Ende von unserem eigenen Selbstbild als Supergesellschaft eingeholt, das geeignet ist, illusionäre Erwartungen zu wecken?

Die Täter-Opfer-Differenz funktioniert in derart komplexen Situation nicht (das heißt: sie funktioniert eigentlich nie - das sollte eine Grundeinsicht protestantischer, wenn nicht sogar christlicher Theologie sein - aber das ist ein anderes Thema, das einer differenzierteren Behandlung würdig ist). Und das gilt für fast alle Themen, die im Moment "oben" liegen (Stromtrassen, assistierter Suizid, Energiewende etc). Es ist eine Grundübung verantwortlichen Denkens, alles, was man über andere sagt, zuerst auf sich selbst anzuwenden - das ist fast schon ein Wahrheitskriterium, zumindest ein Wahrhaftigkeitskriterium.

Das Internet zeigt sich im Moment als eine kollektive Erregungsmaschine, die der politischen Kultur wenig zuträglich ist. Die Standards kultivierten Meinungsaustausches, eingehegt in demokratische Rituale, die aggressionshemmend wirken, gehen gerade etwas verloren. Ich weiß nicht, wie man sie zurückgewinnen kann. Ich weiß nur, dass mich all das, was ich gerade so lese, regelrecht von innern heraus vergiftet und ein odium humanis generis (einen Hass auf das Menschengeschlecht) in mir erzeugt, von dem mir schwindelig wird. Das empfinde ich als ziemlich bedrohlich.

Als Theologe, als Christ, rechne ich doch damit, dass der Mensch ein zutiefst beschädigtes Wesen ist (was klassisch mit dem Begriff "Sünde" beschrieben wurde). Nichts Böses kann mich überraschen, alles Gute kann mich zutiefst erfreuen. Sünde meint den Verlust von Wahrnehmungs- und Handlungssicherheit, der verbunden ist und erzeugt wird gerade durch das, was uns als Menschen auszeichnet: Bewusstsein, zum dem auch das Wissen um den Tod - und also die Kostbarkeit des Lebens - gehört. Wir können Gut und Böse unterscheiden, wir können uns nur leider der Unterscheidung nicht sicher sein, und noch weniger können wir direkt aus dem heraus, was wir meinen erkannt zu haben, auch handeln, und selbst wenn, kann das immer noch falsch sein. Mit anderen Worten: Rassismus, Xenophobie, Homophobie, ja jede Form von "Phobie", aber auch Leichtfertigkeit in Wort und Tat, Ignoranz und Intoleranz sind nicht selber Sünde, sondern ihre Wirkungen. Klassisch wurde das im Katalog der sieben "Todsünden" beschrieben, wobei das Wort "Todsünde" ein krasses Missverständnis ist. Es wäre besser von den sieben Wirkungen der Sünde zu sprechen. Karl Barth hat sie auf drei reduziert, ich finde das nach wie vor sehr tauglich: Trägheit, Hochmut, Lüge. Sie liegen auf dem Boden der beschädigten Humanität (ob man das nun mythologisch oder psychologisch versteht, ist fast egal. Ihre Wurzel heißt Angst. Dazu gehört übrigens auch die Angst, das Gute zu verfehlen und, vor welcher Instanz auch immer, verworfen zu werden - ein Motiv, da hinter vielen sogenannten guten Taten steht.).

Daher muss man vorsichtig sein, sie einfach zu diffamieren. Man muss sie in ihrer perversen Menschlichkeit ernst nehmen, als das, was sie sind: Ausdruck unserer tiefen Verunsicherung. Gegen die Sünde aber hilft nicht Gerechtigkeit und auch nicht Strafe, sondern Gnade.

Gnade, die Menschen gerade darin ernst nimmt, dass sie nicht völlig ernst zu nehmen sind, selbst dann, wenn sie meinen, Gutes zu tun und allemal, wenn sie Böses tun (am Ende verschwimmen diese dualen Kategorien wie die Täter-Opfer Dualität. Sie sind Denkfallen).

So wie die "Phobien" nicht selber die Sünde sind, sondern ihre Wirkung, so ist Gerechtigkeit noch nicht selber Gnade (sie kann sogar extrem ungnädig sein), sondern erst dann, wenn sie mit Barmherzigkeit verbunden wird. Darauf will Jesus mit seinen Gleichnissen letztlich hinaus: den Menschen mit gnädigen Augen ansehen. Und das heißt: Besonnen. Nicht einmal die Pharisäer werden diffamiert, sondern argumentativ in Bewegung gebracht, gelegentlich sehr scharf. Vergebung meint nicht: alles halb so schlimm, sondern: Es ist schlimm, lasst uns bessere Wege finden. Die Situation der fliehenden Menschen ist eine kollektive Herausforderung, sie ist auch eine Überforderung. Lasst uns reden. Und wenn Reden nicht geht: dann müssen die, die schon so zerstört sind, dass sie nicht reden können oder wollen, eingehegt werden, aber nicht diffamiert, bloßgestellt oder blamiert. Das schafft nur neuen Unfrieden. Gegen Grölen hilft nicht Nölen, sondern unbeirrt den Weg des Machbaren gehen. Um das Gute muss immer geworben werden, es versteht sich nicht von selbst, von selbst verstehen sich immer Gewalt und Ausgrenzung. Und die Schwachen müssen geschützt werden: die einen vor sich selber, die anderen vor den anderen. Das wäre eine politische Kultur, die dem Evangelium angemessen ist. Davon sehe ich im Moment sehr wenig, ich sehe aber viel Polarisierung, Vereinfachung und in der Folge schlichte Polemik. Das ist für einen demokratischen Staat tödlich.

Das ist ein komplizierter Gedanke. Das Evangelium mutet uns zu, niemals den einfachen Weg zu gehen, sondern Komplexität zu ertragen und auszuhalten. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn gibt es nicht nur den glücklichen Heimkehrer, es gibt auch den zutiefst von der Gnade verletzten älteren Bruder. Hat er Unrecht? Er wird auch eingeladen. Im Alten Testament wird vor Fremdenfeindlichkeit gewarnt - es stehen aber auch unerträglich feindselige Sätze darin. Es taugt nicht als Quelle des Rechtes, weder so noch so. Das Kriterium des Guten ist die Barmherzigkeit, nicht der Wortlaut irgendeines religiösen Gesetzes, das aus dem Zusammenhang gerissen wird (gilt auch für Sexualität und den Umgang mit Schöpfungsgaben usw.). Geschrei aber ist niemals barmherzig. Am Ende aller Komplexität stehen ganz einfache Handlungen; Hungrigen zu essen geben, Durstige tränken, Nackte kleiden (Mt. 25). Das muss organisiert werden.

Da könnten kirchliche Verlautbarungen sehr viel einfacher und klarer sein: denn die Werke der Barmherzigkeit gelten allen Menschen, voraussetzungslos. Darin ist die Gnade gerecht; in ihrer Voraussetzungslosigkeit. Und darin ist sie auch radikal. Und offensichtlich unzeitgemäß.


Mit anderen Worten: Ich halte mich von dem vorerst fern. Der Elfenbeinturm ist gerade meine Rettungsinsel. Ich muss in einem lärmfreien Raum nachdenken. Das Allerschwerste ist ja bekanntlich, den Weg zu etwas Einfachem zu finden. Noch habe ich ja Urlaub, den ich mir offensichtlich in noch einem viel existentielleren Sinne nehmen muss, als bisher gedacht. Mein Geist ist erschöpft.

Das Gebet hat sich da sehr bewährt. Und die Stille. Und das Schweigen (das man nicht mit Verstummen verwechseln sollte). Mein Konfirmationsspruch hat mich da sehr geprägt: Ich lebe, und ihr sollt auch leben Joh 14,19. Ich weiß im Moment nur nicht, was er konkret bedeutet, außer, dass wir das einfach Menschliche tun müssen: anderen das Leben gönnen.

Ich bin, ehrlich gesagt, gegenüber Menschen, die nicht gönnen können, noch ratloser als gegenüber Menschen, die Komplexität verweigern. Mit beiden haben wir es, wenn ich es recht sehe, im Moment zu tun. Im reichsten Land der Welt macht sich eine merkwürdige geistige, wahrscheinlich sogar geistliche Armut breit. Das bekümmert mich sehr.

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