Dienstag, 21. Juli 2015

Teamwork, Kooperationsraum

Das Problem bei Teamwork ist, dass es dazu führen kann, einen Druck zur Mittelmässigkeit aufzubauen. Es ist so recht kein Platz für Solitäre aller Art,
sei es arbeitstechnisch
(geniale Chaoten oder zwanghafte Abarbeiter),
sei es kreativtechnisch (Ideenspinner, Modellebastler, Phantasten, Visionäre)
oder eben auch von der Qualifikation her (spezielle Kenntnisse, Fähigkeiten, Zugänge),
auf der anderen Seite sind die
Zögerer (oder auch: Nachdenklichen),
 Kommunikationsgehemmten (oder auch: Besonnenen),
 Egomanen (oder auch: Selbstgewissen),
Verwirrten (oder auch: Querdenker)
und die Ängstlichen (oder auch: Vorsichtigen).


Und natürlich besteht auch hier die Gefahr aller Gruppenarbeit: Eine(r) arbeitet, der Rest gruppiert sich.

Das kann, gerade unter Theologinnen und Theologen (die oft ein theologisches Problem mit professioneller Distanz haben, von wegen: "authentisch") schnell richtig schwierig werden. Der Geniegedanke ist tief in der protestantischen pastoralen Identität verankert (hier stehe ich....), es muss doch da und dort erst einmal ein Bewußtsein geschaffen werden, dass gerade Leitungsaufgaben durchaus erlernbar sind, dass es Standards von Führung, Leitung und Kommunikation gibt, die man trainieren kann, mit anderen Worten: ein Bewußtsein dafür, dass man hier etwas können kann.  

Beim Bauen der Kooperationsräume, die das neue Instrument unserer Kirchenreform werden sollen, müsste das irgendwie berücksichtigt werden. Eine bloße Life-Boat-Situation zu beschwören ("wer nicht kooperiert, wird untergehen") kann dazu nicht ausreichen, selbst wenn der Satz stimmt. Ich gestehe allerdings, dass ich, nach meinen sehr unterschiedlichen Erfahrungen damit, etwas ratlos bin, hier müsste ich selber auch mehr können können. Aber woher die Zeit nehmen, es zu können? Wir bauen um im Scrolling Engineering (bei "laufendem Motor"). Au weia. Ich merke, dass mich das bedrängt und ich dafür im Grunde "keine Körner mehr habe".

Supervisionen und sonstige Begleitungen können ja nur dann wirken, wenn sie alle wollen und auch alle darauf ansprechen. Das ist aber nicht immer gegeben: Manchen liegt diese Art des Denkens und Problemlösens nicht, anderen neigen dazu, solche Prozesse zu instrumentalisieren, wieder anderen ist das zu intim....


Ich bin sehr gespannt, wie dieser Prozess das Profil des Pfarramtes verändert. Wo werden die großen Knorze, Eigenbrötlerinnen, "Genies" und "Ayatollahs", die Nerds und Träumer (die wir brauchen!) ihren Platz finden?
Werden die jetzt, wie es im Jargon so schön sarkastisch heißt, zu "Pflegefällen" und "unregelmäßigen Verben"?

Es ist überhaupt gar keine Frage, das manche Aufgaben - wie z.B. die Raumfahrt - nur von Teams gelöst werden können. Da denke ich sofort an Geschäftsführungsaufgaben - aber darauf komme ich natürlich genau deswegen sofort, weil mir das gar nicht liegt und mir auch lästig ist. Woraus ich keinen Hehl mache. Es gibt andere, die das mit links machen, aber vor jedem Gottesdienst schlecht schlafen. Ersteres zuzugegeben, ist nicht so schwer, Zweiteres schon.

Aber es gibt auch Aufgaben, für die sind Teams das schiere Gift. Manchen "gemeinsamen Gottesdiensten" merkt man z.B. deutlich an, das ihnen in der Vorbereitung sämtliche Spitzen abgebrochen worden sind und einen klassischen Viele-Köche-Brei liefern. In der Seelsorge gilt das noch mehr, hier müssen Kolleginnen/Kollegen schon sehr vertraut miteinander arbeiten können und wollen, man denke an mehrere Beerdigung in einer Familie in unterschiedlichen Bezirken/Gemeinden, was auf dem Lande ja oft vorkommt. Das wird dann in Kooperationsräumen noch viel  öfter vorkommen. Wie steht es dann um, wenn man so will, seelsorgerliche Consils (um einen Begriff aus der klinischen Medizin zu verwenden)? Heikel!

Und manche Arbeitsgebiete, z.B. der Konfirmandenunterricht, sind, je nach Gemüt, durchaus schon fast intime Arbeitsgebiete, wo sich nicht jeder gerne in die Karten schauen lässt, oder, positiv formuliert, die als ein geschützter Bereich von Beziehungsarbeit verstanden werden. Aber gerade der Konfirmandenunterricht wird eine Hauptbaustelle werden!

Werden wir es schaffen, aus dem "Team" und dem "Kooperationsraum" wirklich nur ein Instrument zu machen, das man so oder so einsetzen kann, ohne es zu ideologisieren?  

Nebenbei bemerkt habe ich den Eindruck, dass Ehrenamtliche, die aus anderen Berufen entsprechende Arbeitsformen längst kennen und verinnerlicht haben (weil z.B. hier in Baunatal das VW-Werk schon seit 30 Jahren Gruppenarbeit kultiviert), damit viel besser zurechtkommen. Wie groß ist die Bereitschaft, sich hier auch von Ehrenamtlichen führen zu lassen? Ein Aspekt, der mir viel zu wenig bedacht wird. Immerhin sitzen in unseren KV oft Menschen mit Führungserfahrung, hoher Verantwortung und starker Personal- und Strukturkompetenz.

Ich bin zumindest sehr gespannt. Ich habe mir Dücks "Schwarmdummheit" bestellt und werde hier diesen Gedanken weiterverfolgen.

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