Freitag, 31. Juli 2015

Halbe Stellen. Eine kleine Ketzerei.

Halbe Stellen: die gibt´s eigentlich gar nicht, man arbeitet ja doch ganz! Ein beliebtes Vorurteil oder Ausdruck der Unfähigkeit, seine Arbeit einzuteilen? Nun gibt es natürlich Berufe - die mit Stechuhr - da ist eine halbe Stelle eine halbe Stelle. Und in der Regel sind die auch entsprechend bezahlt, nämlich schlecht.
Das ist bei den Professionsberufen naturgemäß anders. Man kann zwar vielleicht halbe Arbeitstage organisieren (oder DieMiDo- Blöcke oder was auch immer), aber die innere Auseinandersetzung kann man natürlich nicht abstellen. Das ist ja das Wesen eines Professionsberufes, und wenn jemand darin seine Berufung gefunden hat, ist das auch der Gewinn daran (und ich möchte fast sagen: das Privileg. Ich habe lange genug, fast 10 Jahre lang, in den Ferien in ein Manchester-kapitalistisch geführten Privatbetrieb gearbeitet und weiß, was entfremdete Arbeit bedeutet: man macht es für das Geld). Professioinsberufe haben zumindest in Ansätzen die Möglichkeit, sich in der Arbeit zu entfalten, also wenig Entfremdung zu erfahren. Das gilt sicherlich auch für Handwerksberufe, das kann ich nicht so gut einschätzen, aber da ich aus einer Kleinbauern- und Handwerksfamilie stamme, kann ich es wenigstens für die diesen begrenzten Erfahrungsraum sagen.

Halbe Stellen im Pfarramt: kann es die also geben? Natürlich gibt es die. Aber das "halb" definiert sich anders als in den meisten anderen Berufen. Es definiert sich über Qualität.

Ich war - biographischer Zufall, dann aber irgendwann Programm - immer auf halben Gemeindepfarstellen, die auch welche waren. Zwei Dörfer, ca. 800 Gemeindeglieder. Das heißt: normales Gottesdienstprogramm (14täglich), ca 15 Beerdigung im Jahr, etwas weniger Taufen, 3-5 Trauungen, ein Geburtstagsbesuch pro Woche, kleine Kirchenvorstände, zwei Konfigruppe a 10 Kids, Friedhofsvorsitz (kurhessische Spezialität) und das übliche Sitzungsprogramm diverser Konferenzen (die übrigens nun tatsächlich bei halben Stellen viel größeres Gewicht im Zeitbudget bekommen - hat darüber eigentlich schon mal jemand nachgedacht?)
Ich hatte das immer in Kombination: halber Diakoniepfarrer (damals eher ein Witz, das ist heute anders!), halbe Schulstelle. Und das ging immer gut, auch auf der Stelle, die jetzt noch habe (halbe Gemeinde, halbe Funktionsstelle)

Also rein vom Arbeitsaufkommen war das leistbar, und ich musste auch nicht ständig auf die Uhr schauen bzw. im Kalender jonglieren - in den Kombinationen waren das schon auch die üblichen 50- 60 Stunden-Wochen mit gelegentlichen Spitzen, aber auch mit flaueren Zeiten, wie. z.B. die Ferien.

Doch was diese Stellen wirklich zu halben Stellen machte. Ich hatte Zeit. Die Taktung war weiter, die Arbeitsverdichtung nicht so hoch. Was mich tief befriedigte war, dass ich ZEIT hatte, Dinge gründlich zu tun, Gedanken zu Ende zu denken, Texte auszuarbeiten, Gespräche intensiv zu führen. Ich war nicht getrieben, außer in Spitzenzeiten wie Konfirmationen oder die großen Feiertage, aber die habe ich dann eher erlebt wie sportliche Großereignisse. Weil sie gut vorbereitet waren, war ich in aller Regel auf den Punkt fit, und dann war es eine reine Lust, meine 6 Weihnachtsgottesdienste zu feiern, auch wenn ich hinterher zwei Tage halb ohnmächtig war. Ich erlebe bei Kolleginnen und Kollegen, die ganze Stellen haben, dass das oft nicht mehr so ist: sie kommen schon fix und fertig zum Beginn des Wettkampfes.

Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass das Pfarramt immer mehr von Professionsfremden Tätigkeiten (Bauen, Personalführung, Administration) belastet ist als früher, weil diese Tätigkeiten nicht mehr von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen geleistet werden können (Stichwort: Kastenmeister, KV-Vorsitz, Bauaufsicht. In meinem Albunger Archiv passten die Jahresrechnungen und Bauabrechnungen des gesamten 19. Jahrhunderts in eine Euro-Kiste, und es gab höchsten 4 KV-Sitzungen im Jahr). Heute füllt ein Jahr fast schon einen Regalmeter, und allein sich in die arbeitstrechtlichen Bestimmungen einzuarbeiten, frisst enorm Zeit, und man steht trotzdem immer mit einem Bein im Knast - aber das ist ein anderes Thema).

Halbe Stellen haben Sinn, wenn sie qualitativ verstanden werden. Weil die Arbeit erfüllt. Weil Raum ist für Kreativität und für Rückzug. Raum für das Evangelium.

Das sollte beim Zuschnitt halber Stellen bedacht werden. Es geht nicht nur um Zeit. Es geht um Qualität, also um erfüllte Zeit.
Ich habe eine ganze Stelle erlebt, die deswegen für mich der schiere Horror wurde, weil eben kein Raum dafür war: ich habe in enger Taktung und Verdichtung ein Programm abgearbeitet. Das nahm mir die Luft.

Die halbe Gemeindestelle, die ich jetzt aufgebe, war auch eine halbe Stelle, rein von den Zahlen her und vom Arbeitsaufkommen. Was jetzt nicht funktionierte, war die Kombination zweier ganzer Stellen als Ehepaar: das ging zu Lasten von Familie und Gesundheit, hatte also mit den Stellen als solche nichts zu tun, jedenfalls nicht unmittelbar. Wenn ich jetzt also wieder auf eine halbe Stelle zurückgehe, dann tue ich das, um die Qualität der Arbeit zurückzugewinnen, die Freiheit des Geistes und des Herzens und mein Leben. Das ist mir, nennen wir das Kind ruhig beim Namen, das halbe Gehalt locker wert (und ich bin mir bewusst, dass das ein Privileg ist, das sich nicht jeder leisten kann. Ich bin mir aber auch sicher, dass hier mancher bei gründlichem Nachdenken und Überprüfen seiner Situation zu ähnlichen Schlüssen käme).


Wenn kein Raum für Qualität bleibt, dann wird es schrecklich in einem Beruf, dessen "Erfolg" in Resonanz besteht - Resonanz, die sich dann ergibt, wenn ich mich auf Menschen und Situationen so einstellen kann, dass ich bei Ihnen bin. Resonanz die dann entsteht, wenn nicht Platitüden, Gemeinplätze und hingerotzte 2/3 Gedanken abgespult werden. Es gibt, gerade im Protestantischen Milieu, immer noch eine Ethos der Hingabe, und das ist erst einmal nicht Schlechtes, sondern sogar ein echtes Qualtitätsmerkmal. Es ist kein Job.  Es wird aber dann zu eine Gefahr, wenn daraus ein Ethos des "last man standing" wird, durchziehen, aushalten um jeden Preis, nichts aufgeben, nichts ändern. Das ist der Motor der Arbeitsverdichtung, die wir gerade auch im Pfarramt erleben (wieder gilt: Nicht alle, nicht jeder, nicht alle auf die gleiche Weise). Wir verdichten die Arbeit auf Kosten der Qualität.
Aber genau die ist unser Pfund. Dafür haben wir eine akademische und eine im Vergleich mit anderen Ausbildungen in Professionsberufen doch recht anspruchsvolle und weit gefächerte zweite Ausbildungsphase. Wir sind Generalisten, aber das heißt eben gerade nicht: Spezialisten für alles.

Halbe Stellen: sie sind eine Möglichkeit. Aber das "halb" muss qualitativ gefüllt sein. Eine reine Arbeitszeitdiskussion führt hier in die Irre.

Ich freue mich darauf, jetzt für eine Zeit wieder auf einer halben Stellen zu sein und in die Tiefe zu gehen. Auch wenn ich am Ende vielleicht doch 50 Stunden arbeite. Aber es ist eine andere Arbeit.

Und es ist meine Entscheidung. Ich diene mit ganzer Kraft halb. Das ist - qualitativ - unendlich viel besser, als mit halber Kraft ganz.

Das sollte in den anstehenden Diskussionen um die Neuaufstellung der pfarramtlichen Arbeit angesichts sinkender Bewerberzahlen und kleiner werdender Gemeinden bedacht werden. Nicht noch eine Schippe drauf, sondern reduce to the max. Das erfordert auch eine Form der Askese: Die pastoralen Allmachtsphantasien der Allzuständigkeit sind schwer abzulegen, man kann damit den spürbaren Bedeutungsverlust des Pfarramtes in der öffentlichen Wahrnehmung wunderbar wegdrücken. Das ist wie eine Sucht, man kann sich damit auch betäuben: Wer unablässig schafft, braucht sich Sinnfragen nicht zu stellen, sondern kann mit seinem Kalender angeben.   Da hat sich im Protestantismus unter dem Deckmantel des Engagements ein Klerikalismus eingeschlichen, der uns krank macht. Ich glaube nicht, dass es ein guter Spruch auf dem Grabstein eines Pfarrers oder einer Pfarrerin ist, wenn darauf steht: er hat sich totgearbeitet für das Reich Gottes. Gesuchtes Martyrium ist zutiefst unchristlich: Der scheinbar schmale Weg ist hier der breite. Highway to hell. .

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