Samstag, 19. April 2014

Ladekabeltheologie

Eine aktuelle Debatte auf Twitter, die aus einem Scherz geboren wurde, entwickelt sich sehr interessant.

Unter dem Hashtag #ladekabeltheologie wurden allerhand verballhornte Bibelverse gepostet. Das rief den Protest einiger hervor, die das pietätlos fanden, den Beifall anderer, die das für einen mehr oder weniger feinen Humor halten. Wie auch immer: Mich machte das, auch angesichts meiner aktuellen Lektüre (Norbert Bolz, Das Gestell) darauf aufmerksam, dass es eine Theologie der Technik eigentlich nicht gibt, jedenfalls nicht so, dass sie mir bekannt wäre.

In der evangelischen Theologie herrscht eine gewisse Technikleere, die sich aus einer latenten Technikfeindlichkeit oder doch zumindest Skepsis gegenüber der Technik speist. Die Technik wird gesehen als ein Bemächtigungsakt gegenüber der Schöpfung und daher zumeist von ihren negativen Folgen her betrachtet. Das macht sich bemerkbar etwa in den Debatten um Sterbehilfe (die ja erst durch den enormen technischen Fortschritt der Medizin zum Problem wird) oder bei allen Fragen im Bereich Umwelt.
Doch das erscheint mir problematisch.
Die Technik muss als eine Weiterschreibung der Evolution gesehen werden, und zwar nicht einfach im Sinne eines naiven Fortschrittsdenkens, sondern im globalen Bereich der Ausdifferenzierung der Gattung Mensch. Wir entwickeln sozusagen erweiterte Organe.
In der philosophischen Techniktheorie (die auch erst in den Kinderschuhen steckt und ganz ähnliche Probleme wie die Theologie hat) wird die Technik sozusagen als Weiterentwicklung der Hand betrachtet, auch gibt es Theorien, die sie als Weiterentwicklung zerebraler Fähigkeiten betrachtet. Das ist alles noch in den Kinderschuhen (erstaunlich eigentlich!).
Theologisch muss das differenzierter betrachtet werden. Denn wir leben nicht in der intakten, sondern in der gefallenen Schöpfung, in der Natur, Geist und Kosmos auseinanderfallen. Sünde meint hier die verlorene Ganzheitlichkeit. Alle Kultur ist der Versuch, diese verlorene Ganzheitlichkeit (dazu gehört wohl auch, versteht man die Schöpfungsgeschichte richtig, die Unsterblichkeit) wiederherzustellen. Das berichtet die Genesis in der Urgeschichte sehr eindrücklich.
Das Werkzeug versetzt den Menschen in die Lage, trotz der verlorenen ursprünglichen Fertigkeiten in der gefallenen Schöpfung zu existieren. Immer schon war das mit Hybris verbunden (Turmbau zu Babel), aber nicht nur. Die Erfindung der Stadt (Henoch) und die Herstellung von Metallen, die Entwicklung der Musik und vieles andere wird in diesem Kontext positiv gewürdigt. Denn es gehört zur Würde des gefallenen Menschen, dass er seine Kräfte einsetzt, aus seiner Situation außerhalb des Paradieses das Beste zu machen. Viele Psalmen und das Buch Hiob oder überhaupt die weisheitliche Literatur können sich über die Fähigkeiten des Menschen kaum einkriegen. Das ist die Spur zu einer positiven Würdigung der Technik. Die Medizin kann heute Dinge tun, die schlicht an Wunder grenzen. Maschinen haben den Menschen nicht nur von quälender Arbeit befreit, sondern sogar Möglichkeiten des Handelns und Gestaltens entwickelt, die weit über die natürlichen Fähigkeiten des Menschen hinausgehen. Viele Techniken des Alltags sind inzwischen sogar zu einer zweiten Natur geworden, ich denke vor allem an die Telekommunikationstechnik, ohne die eine befriedete globale Gesellschaft überhaupt nicht denkbar wäre.
Dabei gelingt es der Technik natürlich nicht, den Schaden des Menschen, seinen Charakter als Mängelwesen (Arnold Gehlen) aufzuheben. Mit jeder Technik steigt die Verantwortung. Technik ruft nach Ethik. Hier liegt das Versäumnis. Die Technik hat insofern eine dämonische Seite, als dass sie sich gegenüber dem menschlichen Willen verselbstständigt und aus sich heraus neue Technik entwickelt. Das ist keineswegs so ein planvoller Vorgang, wie immer gerne gedacht wird. Die Technik überholt den Menschen.
Aus dem Erbauer der Maschine kann leicht der Bediener und am Ende der Diener werden. Unsere Abhängigheit vom "Ladekabel" (als Metapher) macht uns das schmerzhaft deutlich. Die Technik kann eine Art des schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühles (Schleiermacher) erzeugen, die dem religiösen Grundgefühl sehr ähnlich sieht. Die Technik tritt an die Stelle der Metaphysik, weil sie als die im Hintergrund waltende Kraft von allem für alles erscheint. Ähnlich wie die Offenbarung muss man die Technik nicht verstehen, um sei bedienen zu können, ja es ist gar nicht möglich, sie zu verstehen, wenn man kein Spezialist oder ein Nerd ist.
Der Ingenieur erscheint als eine Art Hohepriester, der über ein Geheimwissen verfügt, das unser Leben bestimmt. Technik ist nicht demokratisierbar. Wer weiß, wie die Maschine funktioniert, ist dem weit voraus, der sie nur bedienen kann. Jeder Computeruser weiß das.
Diese Abgründigkeit der Technik ist wohl der Grund, warum sie in der Theologie so beargwöhnt wird. Sie sieht dem Glauben mit seinem unbedingten Vertrauen in eine höhere Macht zum Verwechseln ähnlich und kann sich als ihr funktionales Äquivalent aufbauen und Erlösungsmächtigkeit simulieren. Das teilt sie aber auch mit der Kunst und der Wissenschaft!
Alle drei, Wissenschaft, Kunst und Technik sind darin ähnlich, dass sie nicht denken, sondern aus Wissen heraus gestalten. Das klingt abwertender, als es gemeint ist. Der Ingenieur denkt nicht, er probiert aus und berechnet. Er schreitet von Prozess zu Prozess voran, eine Verknüpfung aber der Ergebnisse, ein Bedenken von Gründen für sein Handeln (im Sinne von Motiven) findet nicht statt. Das ist ein altes Problem. Die Aufgabe also wäre, die Technik zu bedenken.
Gott macht Adam und Eva Schurze und lehrt sie die Landwirtschaft. Der Impuls zur Entwicklung der Technik ist ein Akt göttlicher Gnade (es ist die Sistierung des eigentlich auf den Genuß der verbotenen Furcht verhängten sofortigen Todesstrafe). Insofern eignet der Technik ein gnadenhafter Impuls und eine Element von Rechtfertigung. Das "Ladekabel" mag eine Prothese sein, wie der Schurz für Adam und Eva, es ermöglicht aber auch die Verbindung zur Ernergiequelle und damit zu allem, was die Technik an Möglichkeiten eröffnet. Es ist die Verbindung von Maschine und Energiequelle (wie etwa eine Tankstelle), ein Transitus (darin etwa auch dem Mensch-Maschine Übergang eines Bahnhofes ähnlich, der nicht ohne Gründe Anfangs Anleihen an der gotischen Kirchenarchitektur nahm).

Wenn wir die Natur loben, denken wir, dass wir die Schöpfung loben. Das ist aber erst einmal so nicht ganz richtig. Wir loben in der Natur so etwas wie ein Echo der ursprünglichen Schöpfung, sie ist letztlich eine Metapher für das, was Gott eigentlich meinte.
So ähnlich kann man auch die Technik betrachten. Sie ist ein Echo auf die Fähigkeiten zur Gestaltung und Waltung der Natur im Schöpfungsauftrag. Damit eignet ihr aber eine unbedingte Positivität. Sie kann auch als Ausdruck von Gottes Willen verstanden werden, dem Sünder und der Sünderin, dem gefallenen Geschöpf, ein Leben unter den Bedingungen des Todes zu ermöglichen, indem sie die Mächte des Todes (Kranhkeit, Hunger, Not, Einsamkeit etc) zu mildern und zu lindern hilft. Das wäre für mich ein Ansatz, eine positive Theologie der Technikt unter dem - zugegeben jetzt evangelisch-positionellen - Gedanken des simul iustus et peccator zu entwicklen.
Die Technik ist nicht der Weg in das Reich Gottes, das immer noch Gottes Werk ist. Aber sie kann doch auch Reich-Gottes analog verstanden werden: Kein Geschrei mehr, keine Tränen, kein Verstummen. Wie die Religion (die ja nach der Genesis auch erst später in Erscheinung trat, als man anfing, den Namen Gottes anzurufen, Gen 5) hat die Technik daher den schillernden Charakter sowohl eines Segens als auch eine Fluches. Was die Technik zum Fluch werden lässt ist, dass sie sich eben abkoppelt vom kulturellen Prozess und dass in ihr überhaupt nicht mehr nach dem Willen Gottes gefragt wird. Das war, als die Entwicklung der Technik begann, durchaus nicht so.
Und daran sollten wir anknüpfen, wenn wir als Theologen und Theologinnen, als Christen, nicht den denkenden Kontakt zur Wirklichkeit der gefallenen Schöpfung verlieren wollen. Immerhin sitzt Du, wenn Du das liest, gerade vor Deinem Computer, verbunden mit mir  - durch das Ladekabel. Es ist eine starke Metapher. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger als alle anderen Metapher, die gerade in diesen österlichen Tagen reichlich bemüht werden: Weizenkorn, Blüte und die Metamorphose des Schmetterlinges seien als prominente Metaphern genannt.
Die Technik ist theologisch analogiefähig und damit hat sie eine Würde - es sei denn, man betrachtet sie als reines Teufelswerk. Aber solchen dualistischen Versuchungen dürfen wir uns als Christen nicht hingeben, wenn wir nicht die Einheit der Schöpfung, die uns durch Christus neu zugänglich geworden ist, aufs Spiel setzen wollen. Wenn er die Fülle der Schöpfung repräsentiert, dann muss das auch das meinen, was seit dem ersten "Es werde Licht" (als mythische Metapher des Urbeginnes, ich bin kein naiver Kreationist) von Gott auf den Weg gebracht wurde. Mit anderen Worten: Im Reich Gottes wird es auch Technik geben müssen, wenn denn das Reich Gottes nicht einfach nur die Wiederherstellung des Ursprunges, sondern die heilende Aufnahme des gesamten Weges des Menschen durch die Geschichte meint. Auch die Technik unterliegt der Rechtfertigung. Nicht als Werk des Menschen, sondern als Teil seiner Würde. Die Erlösten sind nicht nackt, sie tragen Kleidung. Gereinigte Kleidung. Das sind, auch wenn wir es nicht mehr merken, weil die Textiltechnik uns als Technik nicht mehr so gegenwärtig ist wie den Alten, technische Metaphern.
Das himmlische Jerusalem ist ein Produkt der technischen Kultur. Das finale Bild der Bibel macht unmissverständlich deutlich: Wir enden nicht in einem Garten, wir enden im Inbegriff dessen, was für die Antike menschliche Kultur war, in einer Stadt. Die Evolution wird die Erlösung hineingenommen, es wird uns nicht aus der Hand gerissen, was wir in Jahrtausenden geschaffen haben, indem wir, unter Nutzung der gottgegebenen, freilich begrenzten Vernuft, der Natur abgelauscht haben. Auch in der Technik waltet der göttliche Impuls, und wenn in Christus alles eins sein wird, dann muss der Computer (die absolute Turingmaschine) dabei sein. Sollte alles, was wir getan haben, verworfen werden? Biblisch ist dieser Gedanke nicht. Das himmlische Jerusalem ist ein Artefakt, und Gott ist auch ein Handwerker (er hat ja auch, 2. Buch Mose, dem Mose ein Modell der Stiftshütte gezeigt).
Das wäre der Faden, der hier aufzunehmen ist.

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